Einladung zum Lehnseid

Einladung zum Lehenseid

Gut Hollergrund, Baronie Urkenfurt, 8. Praios 1044

„Sieh mal, Mutter, eine Briefsendung, die das Baroniesiegel von Urkentrutz trägt“ Heidelind von Binsböckel reichte ihrer Mutter die Briefrolle weiter. „Was dich allerdings weniger freuen wird ist die Tatsache, dass gleich neben dem offiziellen Wappen von Urkentrutz das Familienwappen der Finsterborns prangt.“

Mit vor Verbitterung schmal zusammengepressten Lippen nahm Carissima von Binsböckel den Brief entgegen.

„Das darf doch nicht wahr sein! Sie hat es also tatsächlich geschafft! Da erdreistet sich diese Schnepfe aus dem schwarzen Auwald, sich auf den Baronsthron von Urkentrutz zu setzen. Dann waren die Gerüchte tatsächlich richtig.“

Wütend brach die Ritterin von Hollergrund die beiden Siegel und entrollte das Pergament. Das Schreiben war in schönster Tuscheschrift verfasst, den Rand zierte eine ornamentierte Girlande. Die Gutsherrin begann zu lesen.

 

An Euer Wohlgeboren Carissima von Binsböckel,

hiermit ergeht an Euch, Wohlgeboren Carissima von Binsböck, Ritterin von Hollergrund, die Einladung zum Lehnseid an Eure jüngst beim Fest des Praios zu Pallingen von der Gräfin Griseldis von Pallingen vereidigte Adelsschwester Lyssandra von Finsterborn, Baronin von Urkentrutz.

Findet Euch bitte am 15. Praios 1044 zum Lehnseid auf Burg Urkenfurt ein.

Teilt bitte dem Boten, der dieses Schreiben übergab mit, wann Ihr an- und abreisen möchtet, mit welchem Gefolge Ihr anreisen werdet, ob ihr ein Zimmer im Gästehaus der Burg benötigt und auch ob aus Eurem Gefolge jemand eine Unterkunft braucht.

Ich freue mich auf Euer Erscheinen und verbleibe mit den besten Wünschen,

Lyssandra von Finsterborn

Baronin von Urkentrutz

 

„Oh diese miese Sumpfnatter, dieses Gezücht einer horasischen Schlange mit einem Weidener Holzkopf! Hat sie der Gräfin Goldstaub in den Hintern geblasen? Oder wie kam sie sonst zu dieser Würde, die einer wie ihr überhaupt nicht zusteht!?“

Die Ritterin von Hollergrund war aufgebracht. Sie feuerte die Einladung neben sich auf den Boden und drückte sich aus dem Lehnstuhl auf dem sie gesessen hatte. Das Famlienoberhaupt des Urkentrutzer Binsböckelzweiges reckte die spitze Nase in die Höhe als sie mit steifem Schritt an ihrer Tochter vorbei zum Fenster des Rittersaals lief. Das volle Haar der Ritterin zeigte noch Reste von Blond doch inzwischen überwogen die grauen Strähnen. Sie trug es in einer aufwändig gestalteten Hochsteckfrisur. Beinkämme hielten das Schläfenhaar zum Oberkopf hin straff während am Hinterkopf ein auffälliger Hornkamm, in den ein Schwan geschnitten war, das restliche Haar in einem Knoten fixierte. Die eisblauen Augen der gut 50 Winter zählenden Ritterin trafen ihre Zweitgeborene Heidelind, die seit kurzem wieder bei ihr auf dem Gut lebte. Man munkelte hinter vorgehaltener Hand, dass ihr Verlobter, ein Ritter aus Nordmarken, ihrer überdrüssig geworden sei.

Auch Heidelind war groß und blond, allerdings nicht so hager wie ihre Mutter. Man konnte sie als stabil gebaut bezeichnen. Neben einer kräftigen Statur der jungen Ritterin mit breiten Schultern hatten sich in den vergangenen Götterläufen ein paar zusätzliche Polster auf den Hüften gebildet. Sie erwiderte den Blick ihrer Mutter.
„Dir hätte der Titel zugestanden, Mutter! Du musst dich an die Gräfin wenden und dein Recht einfordern. Wie konnte sie die Familie Binsböckel so brüskieren?“

Carissima stieß das Kinn in die Luft. „Und ob mir der Titel zugestanden hätte! Wer sind schon die Finsterborns? Wir, die Binsböckels, sind Würdenträger in ganz Weiden! Man kann das nur der Unerfahrenheit der jungen Gräfin zuschreiben, dass sie so einer dahergelaufenen Pomeranze den Baronsreif auf die gewöhnliche Rübe drückt. Hinterhältig eingeschleimt hat sich diese Sumpfranze! Ich hätte es früher merken müssen. Mit dem geheuchelten Interesse an den Morden an irgendwelchen nichtssagenden Bauerntrampeln hat sie sich bei Griseldis eingeschlichen und sich ihr vertraut gemacht. Wer weiß was sie für Intrigen gesponnen hat, um mich schlecht zu machen am Grafenhof. Du weißt doch, dass diese horasischen Puderdosen die hohe Kunst der Intrige beherrschen. Das gehört dort zum Repertoire einer jeden Adeligen.“

Heidelind nickte bestätigend. „Oh ja, die ist ja gar keine richtige Weidenerin! Das ist ein Affront gegen uns! Du musst dich wehren, Mutter! Setzte gleich ein Schreiben an die Gräfin auf in dem du Rechtfertigung forderst! Soll sie doch mal erklären wie die Finsterbornerin auf den Thron kommt und warum sie dich nicht einmal eingeladen hat, um dich besser kennenzulernen.“

Die Ritterin von Hollergrund atmete tief durch. „Das ist jetzt alles zu spät! Die Finsterbornerin hat den Eid vor Griseldis abgelegt und erwartet nun, dass ich vor ihr das Knie beuge. Pah!“, sie spie beinahe aus bei dem Gedanken daran, dass sie vor der Rivalin den Lehnseid ablegen musste.

Hart klopften die Absätze ihrer Stiefel auf den holzgetäfelten Boden als sie in immer größeren Kreisen ihre Runden durch den Rittersaal zog. Man konnte sehen wie es hinter ihrer Stirn arbeitete.
Was konnte sie tun? Machte es Sinn sich direkt bei Griseldis zu beschweren? Carissima beschloss, sich nicht per Brief bei der Gräfin zu beschweren, sondern ihren Unmut erst einmal brieflich ihren einflussreichen Familienmitgliedern kundzutun. Mit Sicherheit würde sie Schützenhilfe von den anderen Binsböckels erhalten.