Freundschaften pflegen

Freundschaften pflegen


Baronie Pallingen, 4. Praios 1044 BF

Es war eine aufregende Zeit. Zunächst die namenlosen Tage auf Burg Rotdorn, dann das Praiosfest mit der Vereidigung. Am Morgen des 4. Praios machte sich die frisch gebackene Baronin von Urkentrutz, Lyssandra von Finsterborn, gemeinsam mit ihren Begleitern auf den Heimweg. Da die Tage im Praios ja noch lang waren rechnete mit sie damit, dass sie das Gut ihres Freundes Gilborn von Pandlaril-Wellenwiese noch vor Sonnenuntergang erreichen würden.

Wie schon auf dem Hinweg ritt ihr Bruder Horatio an ihrer Seite. Beide wurden gefolgt vom Dienstritterpaar Oberon und Danje von Uhlredder, Minerva, Lyssandras ältester Tochter und Knappin Oberons, Horatios Knappen und einer Kutsche in der Lyssandras jüngste Tochter Eylin und die Magd Wigdis Platz gefunden hatten.

Es war heiß. Bereits am frühen Morgen, als man sich in der Burgküche noch eine Wegzehrung packen ließ, war die drückende Hitze zu spüren gewesen. Nun, wo sich das Praiosmal dem Zenit näherte, war es beinahe unerträglich geworden. Und das Schlimmste dabei waren die Fliegen und Bremsen, die Reiter und Pferde quälten. Sie umschwirrten die Reittiere der, ließen sich an den Augen, Nüstern und anderen Körperöffnungen der Rösser nieder und raubten den von der Hitze erschöpften Tieren den letzten Nerv. Lyssandras Warunkerstute Dardanella zuckte nervös mit den Ohren, schlug peitschend mit dem Schweif nach den Quälgeistern und blieb sogar ab und an stehen, um mit den Zähnen nach hinten zu schnappen oder mit dem Hinterhuf an den Bauch zu schlagen. Sie hoffte wohl, die Fliegeviecher so zu erwischen, was natürlich ein sinnloses Unterfangen war. Im Gegenteil. Einige Male musste die Baronin ihre Füße in Sicherheit bringen, wenn die kräftigen Zähne des Rosses ihr gefährlich nahekamen. Lyssandra war ungehalten. Sie schimpfte mit der Stute und trieb sie unbarmherzig voran.

Die Reitergruppe versuchte sich so nah wie möglich am Eibenhain zu halten, wovon man sich ein wenig Abkühlung im Schatten versprach. Ein Glück, dass der Karrenweg, der Urkenfurt mit Pallingen verband so dicht am Eibenwald entlangführte, dass sie zumindest ab und an im Schatten der Bäume reiten konnten. Das Tempo des Trupps war eher gemächlich, mussten sie sich doch der Kutsche anpassen, in der Lyssandras Tochter Eylin mit der Magd Wigdis saß.

Ihre Gastgeber waren schon früher aufgebrochen, da sie für die Gäste alles vorbereiten wollten. Das würde auf jeden Fall dazu führen, dass das Gut die Freunde aus Urkentrutz angemessen begrüßen würde. Und angesichts der Temperaturen dürfte das Angebot eines Bades wohl dazu gehören. Gilborn hatte spätestens seit seiner Pilgereise gen Anchopal eine Vorliebe für die Badekultur der Tulamiden, was ihm immer wieder auch milden Spott von einigen Freunden und Standesgenossen einbrachte.

Es hatte tatsächlich bis zum Abend gedauert, als dann endlich Gut und Dorf Wiesenrath in Sichtweite kamen. Auf den umliegenden Weiden und im Dorf herrschte jedoch noch einige Betriebsamkeit, legte man doch möglichst viel davon an den warmen Tagen in die kühleren Stunden. Viele aus der kleinen Reisegruppe waren schon unzählige Male durchgereist oder Gäste hier gewesen, doch dieses Mal war es etwas anders. Die Menschen hielten in ihrem Tun häufiger inne und grüßten nun die Baronin von Urkentrutz. Es waren kleine Unterschiede und doch fielen sie auf, war es doch anders, als bei all den Besuchen zuvor.

Das Tor zum Gut stand offen und Gerlinde, die junge Waffenmagd aus der Lanze Gilborns, stand dort gerüstet und gewappnet, um die Gäste stolz zu begrüßen. Und kaum auf dem Hof angekommen, kamen auch schon die Bediensteten herbei, um sich um die Tiere der Gäste zu kümmern. Gilborn und seine Gemahlin Ismena traten derweil aus dem Haupthaus und grüßten die alten Freunde herzlich. Schnell kam man überein, dass die Gäste erst einmal Quartier nehmen sollten und sich den Schmutz der Reise abwaschen sollten, ehe man zum Abendessen zusammenkommen würde.

Die respektvolle Begrüßung durch die Bediensteten und die herzliche Umarmung durch die Freunde waren der Auftakt des Besuchs auf Gut Wiesenrath. Das Junkergut gehörte zu Lyssandras bevorzugten Reisezielen. Für Horatio fühlte sich der Besuch fast an wie ein „Nach-Hause-Kommen“, war doch Algunde von Pandlaril-Wellenwiese seine Schwertmutter gewesen. Die Geschwister genossen die Vertrautheit mit den Wellenwieses, konnten sie doch auf die sonst üblichen Förmlichkeiten und oberflächlichen Gesprächsthemen verzichten.
Nach einer ausgiebigen Reinigung in der außergewöhnlichen Badeanlage des Gutes, die Lyssandra wehmütig an den Luxus so manchen Bades in Almada oder dem Lieblichen Feld erinnerte, kleidete man sich für das gemeinsame Abendessen.

Während in der Küche emsig die Vorbereitungen der letzten Stunden dem Höhepunkt zuliefen, hatten sich auch Gilborn und Ismena für das Abendessen bereit gemacht. Außer den beiden waren noch die Schwester des Junkers, Walwige, und der greise Praiot Perval zugegen. Vor kurzem hatte Waldemar, der Sohn Ismenas und Gilborns, seine Knappenschaft angetreten und weilte daher wie schon seine ältere Schwester fern der Heimat. Schließlich kamen alle in der guten Stube an der mit dem besten Geschirr gedeckten Tafel zusammen. Das Essen sollte mit einer guten Rindersuppe mit Markklößchen aus Rind, den beliebten Wiesenrather Graupen und Gemüse beginnen. Danach würde es einen Rehbraten mit Gemüse und Rüben als Beilage und einer kräftigen Sauce mit Wachholderbeeren geben. Zum Abschluss hatte Waldfried einen gesüßten Grießbrei gekocht zu dem Brombeeren gereicht wurden, die Walwige gesammelt hatte. Lyssandra war nun auch offiziell Baronin und ihr erstes Mahl auf Wiesenrath sollte dem Rechnung tragen.

„Oft wart Ihr schon bei uns zu Gast und viele weitere Male sollen folgen“, eröffnete Gilborn die kleine Gesellschaft, ehe alle am Tisch Platz nehmen würden. „Und nun, da Du über Urkentrutz gebietest,“ sprach er die frisch gekrönte Baronin direkt an, „gilt umso mehr, was schon immer galt. Wir werden Dir immer in Freundschaft zur Seite stehen. Wenn unsere Familie oder Wiesenrath mit unseren bescheidenen Mitteln helfen können, dann zögere nie.“

Lyssandra lächelte etwas peinlich berührt. „Gilborn und Ismena, ich danke Euch von Herzen für die warmen Worte. Es ist schön solche Freunde zu haben und ich bin dankbar für jede auch noch so kleine Hilfe, denn die Übernahme eines Lehens von dieser Größe ist schon eine Bürde. Ich bin nicht hineingewachsen in die Baroninnenrolle und werde noch viel lernen müssen. Ich möchte Euch auch bitten, mir immer direkt zu sagen, wenn ich Eurer Meinung nach Fehler mache oder in einer Einschätzung falsch liege. Denn Freunde sollten nicht nur mit einem Feiern und fröhlich sein, sondern auch wertvolle Ratgeber und Mahner sein. Also bitte, nehmt auch zukünftig kein Blatt vor den Mund, wenn etwas ausgesprochen werden muss! Das ist es was ich an Freundschaft schätze! Und ich hoffe, dass dies auch für dich gilt, Walwige und natürlich auch für Euch, Ehrwürden. Zögert nicht das deutliche Wort zu suchen!“

„Du musst nicht besorgt sein, ich habe noch immer meine Meinung gesagt“, antwortete die Dienerin Peraines ohne zu zögern. Der Diener des Götterfürsten hingegen ließ sich hingegen Zeit. Sein wacher Blick und der nachdenklich etwas schräg gestellten Kopf zeigten aber, dass er die Worte wohl vernommen hatte. „Die Tage da ich großen Rat spendete sind lange vorbei. Doch ich werde gerne tun, was ich vermag. Allein ich bin sicher, Du wirst im vielen den rechten Weg beschreiten.“ Er lächelte Lyssandra freundlich an, um eine Belehrung anzuschließen. „Doch tue gut daran, Dich mit Ratgebern zu umgeben, die stets ehrlich zu Dir sind. Halte es wie der Heliodan, der vom Rat des Lichts beraten wird. Denn Du erkennst eine guten Herrscherin stets daran, ob sie sich nur mit Lakaien umgibt, die ihr schmeicheln oder auch solchen, die eine andere Haltung haben. Gleich vielen Bächen, die erst gemeinsam den starken Strom formen, ist es auch mit der Herrschaft über ein Lehen oder der Führung über einen großen Tempel oder größeres. Sie sind verschieden und dennoch sind sie Teil des gleichen Stroms. Vergiss nicht, selbst ein kleiner Bach kann reißend werden und anderes mit sich reißen.“ Perval hielt inne und blickte die Gäste aus Urkentrutz an. „Doch davon später mehr. Davon später mehr. Ich habe etwas, was Euch sicher helfen wird.“

„So soll es denn sein, lasst uns doch Platz nehmen und speisen.“ Ismena ergriff das Wort und geleitete die bunte Gesellschaft zu der Tafel, wo der Ehrenplatz Lyssandra gebührte und schnell der erste Gang aufgetragen wurden. „Walwige?“ Die so angesprochene ließ sich nicht lange bitten und bat die Herdmutter um ihren Segen für das Mahl. „Herrin Travia, wir danken Dir für die Speisen. Blicke auf uns hernieder und segne unser Mahl, auf dass wir auch fürderhin gestärkt unserem Tagwerk nachgehen mögen. Lasse unser Herdfeuer nie erlöschen, auf dass es unser Heim und uns stets wärme.“ Als sie geendet hatte, blickte sie strahlend in die Runde. „Und noch Wohlschmecken!“

Die Baronin von Urkentrutz betete mit den Wiesenrathern gemeinsam und bat die Herdmutter um ihren Segen für das Mahl und Heim und Herd. Dann wünschte sie ebenfalls „Wohlschmecken“ für alle. Sie roch den Duft der Rinderbrühe. Sog tief die aromatische Würze ein. Dann probierte sie.
„Hm, wie wunderbar! Es geht doch nichts über eine kräftigende Brühe, nicht wahr?“

„Etwas, worauf man sich nach seinem Tagwerk freuen kann und die Lebensgeister entfacht.“ Griff Walwige die Worte auf. „Und außerdem auch bei vielem eine gute Medizin. Zumal sie nicht bitter ist.“ Ihr Bruder verdrehte die Augen bei diesen Worten. „Das wird mich wohl meinen Lebtag verfolgen.“ Als junger Ritter hatte er sich einst über eine Medizin beschwert, die ihm seine Schwester gebraut hatte. Sie war äußert bitter und alles andere als wohlschmeckend gewesen.

Als die Hauptspeisen aufgetragen wurden schwelgte Lyssandra. Nach einigen Bissen meldete sie sich erneut zu Wort.
„Es ist immer wieder ein Genuss bei Euch zu tafeln, aber heute hat sich Euer Küchenmeister wahrlich übertroffen! Schade nur, dass man nicht öfter im Leben den Baronsreif aufs Haupt gedrückt bekommt“, scherzte die frischvereidigte Baronin.
„Darf ich Waldfried später eine Freude machen, als Dankeschön für das hervorragende Mahl?“

„Aber gerne doch“, Gilborn freute sich stets, wenn der Herr seiner Küche gelobt wurde. „Das wichtigste bei einem guten Mahl ist doch, es mit der Familie oder guten Freunden einnehmen zu können.“

Lyssandra nickte kauend. Als sie den Mund geleert hatte, antwortete sie. „Ja, ich habe so selten die Gelegenheit mit meiner Familie zu speisen. Horatio ist ja fern, am Neunagensee, und Ysilda… weiß Aves wo die sich immer so rumtreibt.“ Sie verdrehte die Augen. „Aber ich hoffe, dass sich das ändert. Ich habe schon vor, die Familie ein wenig näher zusammenzuführen… aber ob mir das gelingt?“

Horatio räusperte sich. „Du weißt doch, dass ich eine wichtige Aufgabe dort habe.“

Die Schwester hatte nicht vor die Diskussion vor den Gastgebern zu führen. Sie entschied das Thema zu wechseln.
„Ich werde viel zu tun haben in den nächsten Götternamen. Zunächst muss ich die Adeligen von Urkentrutz zum Lehnseid einberufen und dann muss ich einige personelle Veränderungen auf Burg Urkenfurt vornehmen.“

„Zum Glück gibt es in Weiden und darüber hinaus genug geeignete Kandidatinnen und Kandidaten, um dir auf der Burg und der Verwaltung zur Seite zu stehen.“ Ismena hatte geantwortet. Ihr Bruder war selbst Vogt in Teichenberg und sie wusste, keine Baronie konnte ohne Hilfe geführt werden. „Die Herausforderung ist es, immer die richtigen zu erkennen. Aber Du bist darauf vorbereitet.“

„Was Ysilda betrifft“, griff Walwige die Worte der Urkentrutzerin zu ihren Geschwistern auf. „Sie wird wieder kommen und dann wird sich alles weitere geben. Vergiss nicht, die Diener der ewig jungen Tsa suchen das Neue und sind gerne dort, wo sich Dinge ändern.“

Lyssandra nickte. „Ja, das musste ich schon einige Male so erleben.“ Sie rollte mit den Augen. „Sicher wird sie wiederkommen, dann wann es ihr gefällt, oder der Ewig Jungen, wie auch immer.“

Nach dem vorzüglichen Essen, das gekrönt wurde von einem Griesbrei, der auf der Zunge zerfloss und äußerst aromatischen Brombeeren, ließ die frisch vereidigte Baronin von Urkentrutz den Koch des Gutshofs rufen.

Waldfried ging auf die 60 Götterläufe zu und doch dominierte noch sein kurz geschnittenes dunkelblondes Haar, auch wenn es wohl bald den Kampf gegen die grauen Haare verlieren würde. Er trug einfache Kleidung, der man ansah, dass er bis eben in der Küche gearbeitet hatte. Respektvoll verbeugte er sich und nickte dem Bruder der Baronin freundlich zu. „Die Zwölfe zum Gruße, Hochgeboren.“

Sie bedankte sich freundlich für die hervorragenden Gaumengenüsse. Dann bot sie dem stolzen Koch an, ihm einige der Urkentrutzer Produkte schicken zu lassen. „Wenn es dich freut, werde ich eine Kiste mit Bingenbacher Schinken, der berühmten Urkentrutzer Einbeerenmarmelade, die bitte nur sparsam dosiert eingesetzt werden darf, diversen Obstmarmeladen, Säften und Schnäpsen, sowie Honig von den Obstblüten aus der Schwarzen Au schicken lassen.“

„Hochgeboren, bei meiner Treu, das sind wahre Schätze der gütigen Schwestern Peraine und Travia. Da ist es leicht, den wohlgeborenen Herrschaften was Schmackhaftes zu bereiten. Habt Dank“, der eher kurzgewachsene Koch kratzte sich nachdenklich am Kinn und sucht den Blick seines Herren, der ihm kurz zunickte. „Aber, bei der Herdmutter, wenn ihr erlaubt, dann nehmt bitte auch etwas nach Urkentrutz mit. Ich packe Euch morgen ein ausgiebiges Paket für die Heimreise.“

Lyssandra klatschte erfreut in die Hände. „Wie gerne, Meister Waldfried! Und gibt euer Keller womöglich auch ein hochgeistiges Getränk als Verdauungshelfer her? Das könnten wir jetzt denke ich alle brauchen!“
Sie sah in die Runde.

„Wir wären keine guten Gastgeber, wenn es anders wäre. Vom Warunker“, antwortete Gilborn. Auch wenn die meisten Wiesenrather keine großen Trinker waren, einzig der jüngste Hagen bildete hier einmal mehr eine Ausnahme, schätzten sie doch einen guten Schluck. Waldfried nickte derweil. „Wiesgunna wird Euch gleich etwas auftragen.“ Gilborn fuhr derweil fort. „Ich berichtete Dir bei deinem letzten Besuch, dass ich einige Tiere für die Mark Warunk im Osten gespendet habe. Als kleine Geste des Dankes erhielt ich vom dortigen Kloster des Dreischwesterordens eine Flasche Warunker Rambelbost, den sie dort nun wieder brennen.“

Schon kam Wiesgunna, die Tochter Waldfrieds, mit einem Tablett auf dem sich die guten Becherchen aus Zinn fanden und die Tonflasche aus den Landen im Osten. Allen, die etwas davon kosten wollten, wurde eingeschenkt und als alle versorgt waren, erhob Gilborn sein Becherchen. „Auf Weiden, unsere Heimat.“

„Auf Weiden und die Heimat!“, erwiderte Lyssandra den Trinkspruch. Dann probierte sie den Warunker Rambelbost. Er kratzte etwas im Hals, aber schien tatsächlich die Menge an guten Speisen im Magen einmal durchzumischen und Erleichterung zu verschaffen.
Die Baronin von Urkentrutz lehnte sich entspannt zurück. „Es ist schön, bei euch zu sein. Für einen Augenblick kann ich tatsächlich vergessen, was alles auf mich zukommt und einfach genießen.“

Horatio nickte lächelnd. „Ich verbinde so viel mit Wiesenrath. Was für schöne Erinnerungen! Wie ist es mit dir, Gilborn? Setzt du die Familientradition fort? Bildest auch du wieder einen Knappen aus?“

„Ich wollte mir bald wieder einen suchen, bin mir aber noch unschlüssig.“ Der Junker schaute den alten Freund an. „Meine Verwandtschaft im Süden, der alten Grafschaft Wehrheim, oder die von Ismena in Teichenberg würden mir sicher jemand geeignetes vorschlagen. Auf der andere Seite bietet eine Knappenschaft auch immer die Möglichkeit, kleinen Häusern aus der Trutz oder in Bärwalde zu helfen. Und meine Schwester rät mir, doch über den Dreischwesterorden in einer der östlichen Marken zu schauen, um diesen Landen so zu helfen.“ Er lächelte. „Noch habe ich mich nicht entschieden. Vielleicht willst Du mir ja auch jemanden vorschlagen?“

Lyssandra schüttelte den Kopf. „Leider suche ich ja selbst für mich, meine Dienstritterin Danje von Uhlredder und eigentlich auch für Ritter Ludopoldt von Geißenbart. Es ist wirklich eine gute Idee sich zu öffnen und auch weiter weg zu suchen. Vielleicht sollte ich mich auch außerhalb Weidens umsehen. Zunächst einmal werde ich mich auf dem Baronsrat einmal umhören, ob sich in Weiden jemand finden lässt, aber wenn nicht...“

Horatio kam auf die angespannte Lage am Finsterkamm und dem Neunaugensee zu sprechen. Wie sehr man vor den Schwarzpelzen auf der Hut sein musste und wie wichtig die Ausbildung von Rittern für Weidens Wehr war.
„Daneben verbindet das Ausbilden von Rittern ja auch die Familien untereinander. Was ist besser für Weiden als eine starke Ritterschaft, die einig auftritt? Wir haben doch mehr oder weniger alle die gleichen Sorgen, nicht wahr?“

„Die Sorgen ähneln sich, doch sind die Sichtweisen oft ganz andere“, antwortete der Wiesenrather Junker auf die Frage. „Aber Du hast recht, es gilt immer auch Verbindungen zu knüpfen und bestehende zu stärken.“

„Und da seid ihr alle doch ein gutes Beispiel dafür, dass es sich auch lohnt in die Ferne zu schauen.“ Mischte sich die Dienerin Peraines in das Gespräch ein. „Eure Mutter kam aus dem Lieblichen Feld und ihr pflegt die Bande. Wir haben Verwandte in der alten Grafschaft Wehrheim, wo unsere Großmutter Knappin war.“

„Horatio hat aber recht, wir müssen auch immer darauf Acht geben, dass Weidens Wehr stark bleibt.“ Nun hatte Ismena reagiert. „Ich gestehe aber, dass wir keine sehr ausgeprägten Kontakte in die Trutz und in den Finsterkamm haben. Horatio, wüsstest Du über eine Kameradin von einer geeigneten Familie?“

Der Angesprochene wog nachdenklich das Haupt. „Nicht sofort, aber ich kann auf jeden Fall nachfragen. Urkentrutz und Pallingen haben das Glück der zentralen Lage in Weiden, da sind die Gefahren nicht so präsent. Aber wir am Neunaugensee und die Kameraden in der Finsterwachtkette machen uns nichts vor. Jedem von uns ist präsent, dass wir bereit sein müssen täglich den Kopf hinzuhalten, wenn die verfluchten Schwarzpelze angreifen. Und ich denke da nicht nur an die regelmäßig stattfindenden Scharmützel sondern die Sorge vor einer konzertierten Aktion…“

„Damit müssen wir immer rechnen“, pflichtete Gilborn bei. „Und wohin es dann führen kann, dass wissen auch die Lande, die nicht direkt das erste Ziel der verdammten Orks sind. Aber gut, wenn Du Dich auch umhören könntest. Ich will erst eine Entscheidung treffen, wenn Du Dich umgetan hast.“

„Wichtige Entscheidungen sollten stets wohl vorbereitet und durchdacht sein.“ Mischte sich Perval nun in das Gespräch ein. „Doch Durchdenken sollte nie zum Zögern werden. Die Art des Feldes mag verschieden sein, doch Verzagtheit ist nie ein guter Ratgeber.“ Er blickte aus seinen trüben Augen in die Runde.

„Ich habe Euch gebeten, doch hier einzukehren, weil ich zurückgeschaut habe. Durchdacht habe ich es. Wie viel Zeit mir die Götter noch auf Dere schenken, das ist ungewiss. Doch solange ich im Kreise meiner Familie und deren Freunden bin, solange ist jeder Tag ein Geschenk welches ich dankbar annehme.“ Der Praiot lächelte. „Walwige, Kind, sei doch so lieb“, mit diesen Worten erhob sich die Geweihte, um einige Dinge zu holen, welche Perval bereitgelegt hatte.

„Ah fein“, quittierte Perval die kleineren und größeren Bündel, die nun vor ihm lagen. „‘Regele und ordne die Dinge bei Zeiten‘, so sagte es seinerzeit immer Praiosmin V., unsere Botin des Lichtes.“ Er schien in die Ferne zu schauen. „Als Novize habe ich Predigten von ihr in Wehrheim hören dürfen und dann auch in Gareth, als sie Botin des Lichts war. Beeindruckend.“ Dann besann er sich wieder auf sein eigentliches Ansinnen.

„Horatio, ich weiß, mein Sohn hat sich immer besonders um Dich gekümmert. In seinen Briefen war er oft nicht ohne Stolz, wie Du Dich gemacht hast und er fragte mich manches Mal auch um Rat. Ich sagte mir damals schon, Du trägst einen guten und ehrwürdigen Namen, wenn ihn auch viele hier im Norden missverstehen werden. Horas, nach dem Sohn Seines Sendboten Ucuri.“ Perval hatte seinen Zeigefinger dozierend erhoben. „Daher will ich dir etwas geben, was ich einst meiner seligen Frau geschenkt habe und was später unser Sohn trug. Wohin sie auch immer ihr Dienst am Götterfürst bringen würde, mochte sie gleich Ucuri doch stets zum Ausgangspunkt zurückkehren.“ Er schob ein in Tuch gewickeltes Bündel in die Richtung des Ritters.

Horatio hatte nicht damit gerechnet von dem ehrwürdigen Praioten beschenkt zu werden. Überrascht und gerührt ob der Vorgeschichte, die Perval zu dem Geschenk präsentierte nahm er das Tuchbündel entgegen. Seinen Knappen, der ihm helfend zur Seite sprang, winkte er fort. Er gab ihm zu verstehen, dass er gedachte, das Geschenk selbst zu enthüllen. 
„Oh, ich fühle mich geehrt und frage mich womit ich das verdient habe, verehrter Perval?“, während er etwas umständlich mit der rechten, unversehrten Hand das Geschenk auswickelte.
Als der aufwändig verzierte Langdolch aus dem Tuch hervorguckte, sog der Finsterborner beeindruckt die Luft ein. Und auch seiner Schwester entlockte diese besondere Waffe ein begeistertes „Oh wie schön!“.

Sachte hob Horatio den Langdolch mit der Falkenornamentik an der Parierstange mit der Rechten hoch, wog ihn in der Hand und bewunderte seine Verzierungen von allen Seiten.
„Wie schön Ucuri dargestellt ist. Die Augen des Falken, die die Wahrheit sehen sind aus Zitrin gestaltet, nicht wahr? Ich danke Euch für dieses wunderschöne Geschenk! So etwas hatte ich überhaupt nicht erwartet. Es wird mich immer an die tiefe Verbindung unserer Familien erinnern und an die Prinzipien, die ich hier im Hause der Pandlaril-Wellenwieses gelernt habe. Diese treffliche Vereinigung von rondiranischen, praiotischen und travianischen Tugenden. Ich hätte es nicht besser treffen können!“

Lyssandra ließ dem Bruder Zeit das außergewöhnliche Geschenk genau zu betrachten und dem Praioten zu danken. Dann ließ sie sich die schöne Waffe geben, um sie selbst aus der Nähe bewundern zu können.

„Es sind kleine Splitter Zitrins, ja“, der Praiot schien sich zu freuen, dass das Geschenk so gut aufgenommen wurde. „Dem Götterfürsten und seinem Sohn Ucuri sind sie wohlgefällig. Ich habe diesen Dolch damals in Wehrheim fertigen lassen.“

„Aber auch für Dich habe ich etwas, mein Kind“, wandte er sich Lyssandra zu. „Als ich vernahm, welch Bürde Dir zu Teil werden soll, da wusste ich, es würde in Deinen Händen gut aufgehoben sein. Doch, doch.“ Er deutete auf Gilborn. „Er konnte es studieren und bedarf seiner nicht mehr. Aber eine Baronin, vor dem König der Götter, dem Gott der Könige, durch heiligsten Eid verpflichtet, sollte es stets griffbereit haben.“ Er schob nun ein zweites Bündel in Richtung der Baronin. Der Größe nach ein Quartoband, der sorgsam in Ledereingeschlagen war, um ihn wohl vor Unbill zu bewahren. „Ich besaß stets nur diesen Band. Den ehrwürdigen Dritten, möge er Dir helfen.“

Lyssandras Augen leuchteten, denn es war schon vor dem Auswickeln klar, dass es sich um einen Folianten handelte. Die Finsterbornerin liebte Bücher! Als sie schließlich den Quartoband vor sich liegen hatte, atmete sie tief durch.

„Oh, wie glücklich mich dieses Geschenk macht, Euer Ehrwürden! Ihr glaubt gar nicht, was der Codex Raulis bei mir für Gefühle, Erinnerungen auslöst!“ Sie streichelte mit sanfter Hand über den Ledereinband. „Das letzte Mal hatte ich ihn in der Hand als ich bei meiner Tante Alisa Papilio im Lieblichen Feld zu Gast war. Sie war damals Justitiarin in der Domäne Pertakis und sehr bewandert in Rechtsfragen. Ich bin sicher, dass es mir gute Dienste leisten wird, in meinem neuen Amt. So unerwartet es kam, so sehr freue ich mich gerade auf diese Aufgabe. Meinen herzlichsten Dank dafür, werter Perval!“

Sie schlug den Folianten ehrfürchtig auf und las die ersten Zeilen, blätterte und erkannte Pervals Kommentare.
„Wie ich sehe, habt Ihr dort schon hilfreiche Kommentare eingefügt! Das macht diesen Folianten ja noch wertvoller und hilfreicher! Ein unfassbarer Schatz!“

Lyssandra wusste nicht, ob sie sich trauen durfte dem Luminifer persönlich so nah zu kommen, aber einem inneren Impuls folgend, streckte sie die Hände über den Tisch, bereit die des alten Praioten in aufzunehmen. Sie wollte ihm respektvoll und doch so herzlich wie möglich danken.

Dieser entzog seine Hände nicht und blickte ihr freundlich in die Augen. „Gut, sehr gut. Audias fabulas veteres sermonesque maiorum“, wechselte er kurz ins Bosparano. „Nutze weise, was dort geschrieben steht, was ich lernte und was ich selbst als Conclusio erkannt habe.“ Jetzt wandte er sicher wieder mehr allen zu. „Ich bin wahrlich kein Freund dieser Reformen und Änderungen, die diese Urkunde von Ochsenblut brachte. Ein Rückschritt in vielem, doch es ist Recht. Und daher tust Du gut daran, das Recht zu sprechen, wie es Dir nun gebührt. Bei Dir wird dieser Band in guten Händen sein, dessen bin ich mir sicher.“

Die Baronin drückte die Hände des alten Praioten in tiefem Dank. „Sic! Ich will es zu nutzen wissen und hoffe darauf, dass es mir allzeit ein guter Ratgeber sein wird. Damit es von mir heißt: iura novit curia. Und ich denke auch immer an das was meine Tante Alisa zu sagen pflegte, bevor sie ein Urteil fällte: Quidquid agis prudente agas et respice finem!“

Während einige am Tisch wohl noch versuchten, die Worte zu übersetzen, nickte Perval zufrieden. „Gut, Du hast die Sprache der Altvorderen wohl studiert und wichtiger noch, Du hast erkannt, was sie uns lehren. Viele sagen so etwas, ohne das die Erkenntnis ihren Geist oder das Herzen erreicht hätte, wie es die Allweise Schwester des Herrn Praios den Menschen doch gelehrt hat. Ich bin mir sicher, Du wirst Urkentrutz eine weise und vor allem gerechte Herrscherin sein, so wie der Götterfürst es bestimmt hat und es ihm wohlgefällig ist.“

Noch einmal drückte Lyssandra die Hände Pervals und bedankte sich mit aufrichtigem Herzen. Die Gespräche gingen zurück zum Praisofest, man erinnerte die Geschehnisse und tauschte Anekdoten aus. Die frisch vereidigte Baronin erzählte noch von ihren Plänen in den kommenden Götternamen die Nachbarbaronien zu besuchen um sich den Baronen und Vögten persönlich vorzustellen. Müde von den aufregenden Ereignissen der letzten Tage und den kurzen Nächten ob der vielen Feierlichkeiten, beschloss Lyssandra noch vor der Mitternachtsstunde schlafen zu gehen.

Am kommenden Morgen, nach einem gemeinsamen Frühstück mit den Wiesenrathern verabschiedeten sich die Urkentrutzer. Lyssandra bedankte sich noch einmal aus tiefstem Herzen für die Gastfreundschaft und die wertvollen Geschenke. Sie ließ es sich nicht nehmen ihrerseits eine Einladung nach Urkenfurt auszusprechen. „Ihr seid jederzeit willkommen in Travias Namen! Ich hoffe wir sehen uns bald wieder!“