Zu Gast im Kloster La Dimenzia der Heiligen Noiona von Ragathsquell

  1. Hesinde 1040, Kloster La Dimenzia der Heiligen Noiona

 

Das letzte Wegstück von Heldor zum Boronkloster La Dimenzia ging durch die fruchtbare Landschaft des Ragather Kessels. Die fernen, schneebedeckten Gipfel des Raschtulswalls und der Zwergengebirge leuchten in den milden Farben des Winters. Der Anblick von Schnee wirkte für Coris so unvorstellbar, angesichts immer noch angenehmer Temperaturen im flachen Hinterland Ragaths. Sie musste sich bewusstmachen, dass wirklich Winter war - ein Winter so gänzlich unterschiedlich zu den vom Firun regierten in Weiden. Die steilen Felswände der Bergketten in der Ferne mochten gut ihre 8000, vielleicht gar 9000 Schritt in den Himmel ragen. Kein Wunder, dass dort Schnee lag.

Vom eisigen Alveraner war nichts zu merken in der fruchtbaren Mark Ragathsquell, die Coris und Nazir am 5. Hesinde durchquerten. Vier Ernten pro Götterlauf konnten manche Besitzer der ausgedehnten Latifundien, die Harmamunds, Aranjuez und der Junker von Ragathsquell, in ihre Scheuern einfahren. Prächtige Rösser und kräftige Rinder mit geschwungenen Hörnern grasten auf den Weiden der Magnaten und Caballeros.

Als die Praiosscheibe, die an diesem Tag von dünnen Schleierwolken sanft eingehüllt wurde befand sich auf ihrem Höhepunkt als die beiden Boroni auf der staubigen Straße, die Ragath mit Kaiserlich Selaque verband den Wegweiser zum Kloster entdeckten. Rechts des Weges lagen Obstplantagen, links davon ein Feld von dem man annehmen konnte, dass es im Spätsommer goldgelbe Praiosblumen getragen hatte. Deren vertrocknete Stängel warteten darauf abgebrannt oder untergeharkt zu werden. Nazir hob den Arm. Sein Finger deutete auf einen hohen Turm in der Ferne. „Das ist der ehemalige Galgenturm. In ihm wohnen diejenigen, deren Geist besonders verwirrt ist und die anderen deshalb gefährlich werden können“, erklärte der Diener Bishdariels. „Das Kloster ist berühmt für seine teils sehr namhaften Bewohner.“

Coris nickte. Auch sie hatte die Gerüchte gehört, die sich um das Boronkloster rankten. Im Gebrochenen Rad in Punin hatten die Novizen, die im Flügel der Noioniten ihren Dienst taten, einiges über „Das Nest der Schwarzen Witwen“ erzählt. So manches unliebsame Familienmitglied der Magnaten wurde wohl schon gegen seinen oder ihren Willen in das Kloster verbannt und nicht wenige, so hatte man gemunkelt, waren dort in dem hohen, schwarzen Turm erst verrückt geworden. Coris wusste auch, dass ein verheerendes Feuer das Kloster im Götterlauf 1036 bis auf die Grundmauern niedergebrannt hatte. Nur der ehemalige Galgenturm, der Glockenturm und das Gesindehaus waren stehen geblieben. Der ehrwürdige Abt Marbodano hatte bei dem Feuer sein Leben verloren bei dem Versuch die Bewohner des Klosters und auch den Tempel zu retten. Gewiss hatte der Unausweichliche ihm einen besonderen Platz in Borons Schlafgemach gegeben.

Nazir sprach weiter und riss Coris aus ihren Gedanken.

„Ich bin gespannt, wie sie das Kloster wiederaufgebaut haben. Ich habe gehört, dass zum einen die von Harmamund eine große Spende für den Wiederaufbau gegeben haben und vielleicht auch deshalb der neue Abt aus ihrer Familie stammt. Armando Almadarich von Harmamund ist ein Neffe des Fürsten Gwain von Harmamund. Er hat sich als sehr geschickt anstellt, Gelder für den Wiederaufbau zu sammeln. So hat er wohl auf dem Ragather Grafenturney für Spenden geworben und Jahrmärkte veranstaltet. Es ist jedenfalls mehr als erstaunlich, dass das Kloster so schnell wiedererstanden ist. Und das sogar besonders prächtig, wie ich mir habe sagen lassen.“

Inzwischen waren die beiden Boroni schon so nah an das Kloster herangekommen, dass sie sich selbst ein Bild machen konnten. Ein paar Fellachenhütten umstanden den von einer Mauer eingefassten Gebäudekomplex. 

La Dimenzia war beeindruckend. Noch nie zuvor hatte Coris ein so schönes Kloster gesehen. Das Gebrochene Rad war ebenfalls beeindruckend, aber gänzlich anders. Es war ein Symbol für Borons Macht als Herr der Toten und eben auch kein Kloster im herkömmlichen Sinn, sondern das Verwaltungszentrum des Boronkultes. La Dimenzia jedoch war ein wunderschöner Rückzugsort für alle diejenigen, die in Boron ihre Seelenruhe finden wollten. Das zumindest strahlte der Gebäudekomplex aus. Im eslamidischen Stil gebaut, dominierte der schlanke, hohe Glockenturm mit seinen schmalen Fenstern, durch die sicherlich nur wenig Licht hineinfiel. Daneben konnten sie die Rotunde des Galgenturmes sehen. Auch hier waren die Fenster klein, was wohl noch wichtiger war, damit keine Person von drinnen nach draußen gelangen konnte. Eine Flucht war undenkbar. Dieser finster wirkende Turm war von Brombeerenranken und Disteln umgeben, was den Anschein der Undurchdringlichkeit noch verstärkte.

Sie betraten den Gebäudekomplex von der nach Rahja gelegenen Seite. Das rundbogige Tor in der glattverputzten Mauer war geschlossen. Nazir klopfte. Ein kleines Holzfensterchen öffnete sich. Ein älterer Wachmann blickte durch die kleine Öffnung. Nazir stellte sich und seine Begleiterin vor. Der Blick des Mannes wanderte an den schwarzen Roben der Borondiener herab und da sie vom Gebrochenen Rad aus einen Brief geschickt hatten, der ihre Ankunft angekündigt hatte, öffnete der Mann ohne eine weitere Nachfrage das Tor.

Hinter dem Eingangstor öffnete sich ein weitläufiger, Innenhof, der von Arkadengängen umgeben war. Blumenrabatten, Büsche und eine solitäre Zypresse gaben dem Hof ein freundliches Gesicht. Gen Firun blickten sie auf den Tempel des Klosters, dessen Fassade stark gegliedert war und über dem sich der augenfällige Galgenturm erhob, niedriger und gedrungener als der Glockenturm. Beachtenswert war die Rotunde, die man dem rechteckigen Tempel aufgesetzt hatte. Oben auf dem kegelförmigen Dach thronte ein kleines, zierlich wirkendes Türmchen, das die Kuppel krönte. Coris war gespannt, wie die Glocke klingen würde. Die Fassade des Tempels wies zahlreiche, verschiedenartige Fensteröffnungen auf. Mal rechteckig, mal in schmalen, dann wieder in breiten Bögen ließen sie das Tageslicht ins Innere des Gebäudes. Dekorative Kannelierungen und geometrische Dekorationen strukturierten die Front.

Die Dächer der Gebäude, die sich an allen vier Seiten innen an die Klostermauer anlehnten, neigten sich zum Hof hin. Allen war ein niedriger Bogengang vorangestellt unter dem man trockenen Fußes fast den gesamten Komplex umwandern konnte. Durch die zarten Kolonnaden mit ihren breiten Bögen hatte der Umgang eine gewisse Leichtigkeit. Im Gegensatz dazu wirkten die Klostergebäude selbst eher abweisend. Kleine Fenster in dicken Mauern ließen vermuten, dass nur wenig Licht ins Innere gelangte. Sie waren nicht alleine. Schwarze Roben ließen die Akoluthen und Geweihten erkennen, einfache Kleidung die Bediensteten.

Der Torwächter führte sie mit einem kurzen „folgt mir!“ zu einem Gebäude gleich neben dem Tor. Dort öffnete der Mann eine Tür und ließ die beiden Boroni eintreten. An einem Schreibtisch saß ein älterer Akoluth und blickte zu den Eintretenden auf. Der Torwächter zog sich zurück.

Nazir trat vor den Schreibtisch und begrüßte den Glaubensbruder freundlich.
„Boron zum Gruße, Bruder. Schwester Coris Etiliane Fesslin und ich, Nazir Nocturnus Heldor, aus dem Kloster Etiliengrund im fernen Weiden wurden Euch schon durch ein Schreiben angekündigt. Wir freuen uns hier zu Gast sein zu dürfen.“

Der Mann stand umständlich auf um den Glaubensbruder zu umarmen.
„Boron zum Gruße, Bruder und Schwester! Die Freude ist auf unserer Seite. Euer Besuch ist hochwillkommen. Die letzten Jahre konnten wir kaum Gäste aufnehmen, doch zum Glück ist das Unterkunftshaus seit Kurzem wie ein Phönix aus der Asche neu erstanden. Dank unseres ehrwürdigen Abtes, der keine Mühen gescheut hat, alles für den Wiederaufbau zu tun.“

Nazir nickte eifrig.
„Ich bin wirklich beeindruckt wie schön „La Dimenzia“ wiedererstanden ist. Nicht zu glauben, dass es erst vier Jahre her ist, dass das Kloster niederbrannte.“

Der Akoluth wirkte sehr stolz. „Oh ja, unser Abt hat die besten Beziehungen. Alle verehren ihn für seine Gabe, das Kloster der heiligen Noiona solcher Art mit neuem Leben zu füllen. Der Herr Boron muss ihn sehr dafür lieben und wird es ihm sicher dereinst danken, wenn er ihn zu sich nimmt.“

Schweigend verneigte sich Nazir. Es waren der Worte genug getan. Coris fragte sich was dieser Abt Armando Almadarich von Harmamund wohl für ein Mann war. Das was sie bisher gehört hatte, ließ sie ahnen, dass er eher derische Qualitäten besaß als spirituelle. Aber das mochte ein Vorurteil sein. Sie wollte sich ein eigenes Bild von ihm machen.

Coris und Nazir mussten sich in ein Buch eintragen, das ihre Anwesenheit bekundete und wurden dann von einer der Bediensteten zu den erstaunlich komfortablen Gästekammern geführt. Sie zeigte den beiden Geweihten auch wo das Waschhaus war und bat sie dann nach dem Frischmachen in ihren Kammern zu warten, bis man sie holte.


Das blasse Wesen, das schließlich anklopfte entpuppte sich als eine weitere Akoluthin. Sie stellte sich als Corvindaria vor. Die tief in ihren Höhlen liegenden Augen, die von einem dunkelvioletten Schatten unterstrichen wurden, nahmen keinen Blickkontakt auf. Monoton leierte die Akolutin den Tagesablauf im Kloster herunter.
„Es gibt ein Früh-, eine Abend- und eine Mitternachtsmesse. Der Abt erwartet Eure Anwesenheit. Nach der Abendmesse und dem Abendmahl möchte er Euch kennen lernen. Ich werde euch nun mit den verschiedenen Gebäuden des Klosters vertraut machen. Folgt mir.“

Das Gästehaus bot schätzungsweise 10 Personen Quartier. Von außen sahen die Kammern alle gleich aus. Corvindaria öffnete jedoch keine der weiteren Türen im Gästehaus, sodass Nazir und Coris nicht erkennen konnten, ob Standesunterschiede gemacht wurden, bei der Unterbringung der Besucher.

Corvindaria führte sie hinaus auf den Hof. Sie zeigte ihnen das Gesindehaus, das dem Brand widerstanden hatte, die Wirtschaftsgebäude mit Küche und das Refektorium.

Gegenüber lag ein großes Gebäude mit sehr kleinen, schlitzartigen Fenstern. Die Akoluthin erklärte den beiden Geweihten, dass dieses Gebäude der Unterbringung der Geistes- und Seelenkranken diente. Coris und Nazir nickten.
„Momentan sind es 65 Bewohner. Davon sind 55 hier untergebracht, 10 dagegen in dem Turm des Totentempels. Ihr wisst, das sind die schwerwiegenden Fälle, die sich und anderen gefährlich werden können.“

Coris fragte Corvindaria nach den Gerüchten über Geistererscheinungen der Hingerichteten und der ehemaligen Insassen, die sich zu Unrecht interniert gefühlt hatten. Der Blick der Akoluthin, der Coris traf, ließ jene schlagartig verstummen. Corvindaria ging nicht weiter auf die Frage ein. Sie drehte sich um und ging weiter.

Am Ende des Kolonnadenganges der zum Tempel führte konnte man den Galgenturm und dem dazugehörigen Totentempel der ehemaligen Hinrichtungsstätte sehen. Corvindaria führte ihre Gäste dorthin und öffnete die Tür. Der Raum glich einem Ossarium. Die Langseiten des kleinen Tempelchens beherbergten die Schädel und Oberschenkelknochen der Hingerichteten. Auf den Schädelkalotten waren die Namen und das Sterbedatum aufgemalt. Die Boroni blieben stehen. Coris hatte solch eine Zurschaustellung der Gebeine noch nicht gesehen. In Weiden gab es, soweit sie wusste, keine solche Stätte. Nazir schien nicht überrascht zu sein. Dennoch entschloss auch er sich zu einem Gebet für die Seelen der Hingerichteten.

Gleich neben dem ehemaligen Totentempel erhob sich der Glockenturm des Borontempels mit dem aufgesetzten Glockentürmchen. Die schöne Fassade des Totentempels war nach dem Brand renoviert worden. Das Innere war zwar typisch für ein Heiligtum des Unausweichlichen, dennoch konnte man an den verwendeten Materialien und der Ausschmückung erkennen, dass hier nicht gespart worden war. Auch die Ornamentik war deutlich reichhaltiger als in Weiden, wo Schlichtheit nicht nur eine Zier der Boroni war, sondern schlicht weder die Mittel noch derartig versierte Handwerker vorhanden waren, die solch eines Kunstwerk schaffen konnten.

Coris und Nazir beteten schweigend gemeinsam mit Corvindaria vor dem Altar in dessen Sockel das gebrochene Rad eingraviert war. Der Rabe Golgari, der im Gebrochenen Rad als Skulptur über dem Altar schwebte, war in diesem Gebetsraum in ein Mosaik in die Kuppel über dem Altar verbannt. In Schwarz auf goldenem Grund breitete er seine Schwingen über der Apsis aus.

Während sie still beteten konnten sie sehen, wie sich die Tür zur Sakristei öffnete wobei ein Akoluth und ein Geweihter herauskamen. Kurz wurde ihnen ein Blick in die Sakristei gewährt. Auch dort konnte man einige sehr schöne Kunstwerke aus Stein und Holz erblicken.

 

***

Coris sah der Abendmesse mit großer Neugier entgegen. Nach der Führung durch das Klosterareal hatte Corvindaria beide Geweihte zurück in ihre Kammern geschickt und unmissverständlich klargemacht, dass sie erwartete, dass beide die Zeit bis zur Messe in stillem Gebet verbrachten. Gehorsam blieb Coris also in ihrer Kammer, deren winziges Fenster zwar Licht einließ, aber kaum mehr als einen winzigen Teil des Innenhofes zeigte.

Endlich läutete die Glocke im alten Glockenturm zur Abendmesse. Coris und Nazir trafen sich auf dem Gang vor den Gästekammern. Schweigend reihten sie sich im Innenhof in die Schlange der Geweihten und Akoluthen. Der Weg zum Tempel war von Fackellicht nur mäßig erhellt. Die stark gegliederte Fassade reflektierte das Licht sehr unterschiedlich, was sie lebendig, ja fast bewegt erscheinen ließ.

Auf den harten Bänken links des Mittelgangs hatten die Bediensteten und einige Fellachen platzgenommen. Die rechte Seite war den Geistes- und Seelenkranken vorbehalten, die ihre Kammern verlassen durften. Neugierig warf Coris einen Blick auf diese. Sie erkannte einige jüngere und ältere Männer, aber auch diverse Frauen. Viele von ihnen trugen die schwarze Trauerkleidung von almadanischen Witwen, nicht selten mit einem schwarzen Spitzenschleier, in dem sie ihr Gesicht verbargen, angetan.

Für die Geweihten und Akoluthen war Platz im Chorgestühl rechts und links des Altars, an den Wänden des Chores. In der unteren Reihe fanden die Akoluthen ihre Holzsitze, in der Reihe darüber hatten mehrere Geweihte platzgenommen. Coris und Nazir fanden auf der linken Seite noch einen freien Sitz. Als letzter erschien der Abt. Er wurde von einem Akoluthen begleitet, der ein Kästchen mit Räucherwerk trug. Amando Almadarich von Harmamund mochte an die 60 Winter erlebt haben. Unterhalb seiner glatt geschorenen Glatze warf die Gesichtshaut tiefe Falten, die ihn im Licht der Fackeln nicht eben jünger machten. Dunkle Augen mit tiefen Augenringen und eine spitze, lange Nase unterstrichen die düstere Aura der hageren Gestalt.

Borongefällige Stille füllte den Raum. Der Abt schien die Stille zu genießen. Sein Blick schweifte durch die Reihen, blieb beim ein oder anderen hängen. Es schien als kommunizierte er mit dem seinem Auditorium alleine durch ein Wimpernzucken. Alle Augenpaare im Langschiff und ebenso im Chorgestühl waren auf ihn gerichtet. Amando Almadarich von Harmamund war sich der vollen Aufmerksamkeit sicher und genoss sie sichtlich.

Als er mit einem kaum sichtbaren Kopfnicken das Zeichen gab den ersten Choral anzustimmen, schienen alle erleichtert zu sein. Das „Borons-Lob“ erscholl denn auch vielstimmig und wahrlich erhebend. Die Akustik des Tempels war gut, wenn auch nicht so beeindruckend wie im Gebrochenen Rad zu Punin. Dennoch genoss Coris den vielstimmigen Chorgesang.

Es folgte erneut eine lange Schweigephase, ein stilles Gebet, und schließlich die Predigt des Abtes. Die Stimme des Hüters des Rabens in La Dimenzia war eher krächzend. Fast glaubte man Golgari persönlich habe ihm die Stimme geliehen. Er ermahnte die Zuhörer sich nicht den falschen Göttern zuzuwenden, da das einzig sichere im Leben der Tod sei. Und über diesen herrsche nun eben der Dunkle Vater – Boron - und kein Dämon in Tiergestalt, der seinen Anhängern Zeugungskraft, Mut und Männlichkeit versprach. Auch wenn er es nicht wörtlich aussprach so war doch klar, dass er sich gegen die Stierkulte wandte, die in Almada mehr und mehr Zulauf hatten. Seine eigene Mutter und die einzige noch lebende Schwester, Morena von Harmamund, hingen wie man munkelte diesem Ketzerkult an. Er schloss damit, dass das einzige, was die verwirrten Seelen heilte, und damit meinte er Stierkultisten ebenso wie die Geisteskranken im Kloster, das Schweigen sei.

Passend dazu folgten nun ein langes, stilles Gebet und eine Meditation in Stille. Der sonst übliche, den Götterdienst abschließende Choral fiel aus. Begleitet von zwei Geweihten verließ der Abt den Tempel. Coris und Nazir schlossen sich an. Im Refektorium gab es dann zu ihrer Überraschung getrennte Räume für die Kleriker, die Besucher und die Insassen des Klosters. Als Borongeweihte durften die beiden Weidener im Raum für die Geweihten und Akoluthen Platz nehmen. Die strengen Augen Corvindarias überwachten den anderen Raum. Coris hatte keinen Zweifel, dass sie das Schweigegebot mit aller Härte durchsetzen würde.

Auch im Speisesaal der Geweihten herrschte Stille. Nach einem schweigenden Gebet folgte die ebenso stille Mahlzeit, nur vom Klappern der Löffel unterbrochen. Es gab eine dünne Gemüsesuppe in der neben Bohnen und Karotten noch kleine Teigkugeln schwammen. Anfangs zerplatzten sie am Gaumen und gaben dann ihren Inhalt, der aus aufgesogener Suppe bestand, frei. Mit der Zeit jedoch wurden sie weich und pappig. Schließlich klebten sie am Gaumen und es bedurfte einer gewissen Geschicklichkeit und Anstrengung mit der Zunge, den pappigen Teig vom Gaumen in den Rachen zu befördern. Coris sah sich verstohlen um, ob es den anderen genauso erging oder ob sie die einzige war, die solche Schwierigkeiten mit den Teigkugeln hatte. Mit Erleichterung stellte sie fest, dass sowohl Nazir neben ihr als auch ein schon fast zahnloser Akoluth, der ihr gegenübersaß, ähnliche Grimassen zogen. Selbst der Versuch, den Teig mit dem kalten Wasser, das ihnen in irdenen Bechern gereicht wurde, abzuwaschen schlug fehl. Letztlich blieb nur, die aufgeweichten Teigkugeln am Stück zu schlucken - ein ebenso mühsames wie ungesundes Unterfangen. Bald fühlte sich der Magen der Borongeweihten wie zugeklebt an.

Das Abendmahl endete wie es begonnen hatte, mit einem schweigenden Tischgebet. Die Geweihten und Akoluthen standen auf und verließen das Refektorium. Der Abt blieb und ging auf seine geweihten Gäste zu. Überrascht mussten Nazir und Coris feststellen, dass Amando Almadarich von Harmamund ein Traditionalist der alten Schule war. Er hielt beiden Gästen die Hand zum Handkuss hin. An seinem Mittelfinger prangte ein auffällig ornamentierter Silberring mit einem Onyx von erstaunlicher Größe. In den schwarzen Stein war das Boronsrad graviert.

Nazir und Coris beugten sich über die Hand zum angedeuteten Handkuss. Die junge Geweihte erinnerte sich daran, dies auch beim Raben von Punin getan zu haben. Aus Weiden kannte sie das ganz anders. Abt Eslamo Etiliano de las Dardas begrüßte selbst ihm unbekannte Borondiener immer mit einer Umarmung und dem Bruderkuss. Als sie sich wieder aufrichtete vermeinte sie ein dünnes Lächeln auf den schmalen Lippen des Abtes von La Dimenzia wahrzunehmen.

Nazir übernahm die Vorstellung und richtete die Grüße Miradoras, der Hüterin des Raben im Gebrochene Rad zu Punin aus. Huldvoll lächelte Amando Almadarich von Harmamund. Der Weidener Borongeweihte fuhr fort.
„Die Hüterin des Raben empfahl Schwester Etiliane sich nach ihrer Weihe der Vertiefung der Segen und Liturgien der Heiligen Noiona zu widmen und schickte uns zu Euch, Hochwürden.“

Der hagere Almadaner nickte. Coris händigte ihm ihr Schwarzes Buch aus. Amando Almadarich von Harmamund öffnete es und las langsam und bedächtig die Zeilen, die Miradora in das Buch geschrieben hatte. Ab und an hob er die lichten Augenbrauen. Dann erhob er seine krächzende Stimme.
„Nun, wenn ich es richtig sehe, hast du die Gabe Golgaris, Schwester Etiliane. Vielleicht solltest du dann doch lieber noch eine Zeit im Borontempel in Eslamsgrund beziehungsweise im Tal der Kaiser verbringen.“

Zunächst wollte Coris widersprechen, klarstellen, dass die Hüterin des Raben eindeutig dazu geraten hatte, die Liturgien der Heiligen Noiona zu vertiefen, dann aber schwieg sie und dankte Boron für das Schweigegebot. Angesichts des unguten Gefühls, das sie beschlichen hatte, seit sie in La Dimenzia angekommen waren, klang der Vorschlag beruhigend. Coris sah zu Nazir hin. Auch der schien zunächst widersprechen zu wollen, besann sich dann aber zu einer gemäßigten Reaktion.
„Nun, Hochwürden, da meine Familie in Heldor lebt und ich meiner Schwester meine Hilfe bei der Betreuung meiner alten Mutter angeboten habe, wäre ich froh, wenn Schwester Etiliane für einen Götternamen bei Euch bleiben und ihre Kenntnisse in den Segnungen und Liturgien der Heiligen Noiona vertiefen könnte. Dann werden wir ohnehin weiterreisen gen Firun und, wenn Ihr uns darin bestärkt, noch einige Zeit in Eslamsgrund verbringen. Ein Besuch des Tals der Kaiser steht dann auch auf unserer Wunschliste.“

Der Abt lächelte verkniffen. „Dem Wunsch der Hüterin des Raben werde ich mich natürlich nicht verschließen und deiner Bitte auch nicht, Bruder Nazir. Schwester Etiliane ist herzlich eingeladen, den kommenden Götternamen hier in La Dimenzia zu verbringen. Wann willst du wieder nach Heldor aufbrechen, Bruder?“

Nazir wollte bereits am kommenden Morgen wieder abreisen, zumal der Abt nicht allzu erfreut schien, Coris länger als eben nötig zu beherbergen. Zufrieden nickte Amando Almadarich von Harmamund und verabschiedete sich mit den Worten. „Dann wünsche ich dir eine gute Reise, Bruder Nazir. Boron möge deine Wege schützen! Schwester Etiliane wird morgen von Corvindaria zur Frühmesse geweckt werden. Ruhet wohl in Borons Armen.“

Beide erwiderten den frommen Wunsch und verabschiedeten sich. Coris wusste, dass der kommende Göttername nicht leicht für sie werden würde.

 

Seltsame Gepflogenheiten im Kloster La Dimenzia

Bereits nach der Hälfte der veranschlagten Zeit wünschte sich Coris Nazir käme bald wieder. Die Zeit verging eigenartig langsam in La Dimenzia. Selbst das Klima schien dort anders zu sein als im restlichen Almada. Manchmal zog urplötzlich Nebel auf, so stark, dass man die gegenüberliegende Kolonnade bereits nicht mehr erkennen konnte. Dann konnte es schon vorkommen, dass man glaubte Gestalten aus Luft erkennen zu können. Noch häufiger pfiff ein eisiger Wind durch die Säulengänge. Das klang dann wie ein Stöhnen, manchmal wie Weinen oder Wehklagen. Coris verstand nun warum man dem Kloster nachsagte, dass es dort Geistererscheinungen gebe.

Die Akoluthin Corvindaria klebte an Coris und folge ihr wie ein Schatten, wo immer sie sich auch hinbewegte. Das empfand die Dienerin Golgaris, die gerne Zeit für sich und im Zwiegespräch mit dem Ewigen verbrachte, als äußerst anstrengend. Die meiste Zeit verbrachten sie und alle anderen Geweihten und Akoluthen des Klosters mit Schweigeexerzitien. Coris nahm als Zuhörerin an den noionitischen, seelsorgerischen Beratungen teil. Auch hier bestand der Beistand in erster Linie aus schweigenden Zuhören. Ratschläge wurden nur wenige erteilt und wenn bestanden sie zumeist aus dem Rat, Heil in der Stille und dem Schweigen zu suchen und mehr und länger an den Meditationen, stillen Gebeten und Schweigeexerzitien teilzunehmen. Die Schweigeexerzitien fanden in kleinen Gruppen im Totentempel, dem Haupttempel Borons, der Halle der Toten, der Halle der Träume, dem Kreuzgang oder dem gepflegten Garten statt. Die stillen Meditationsübungen, Gebete und Visualisierungen wurden im Sitzen, Stehen, Gehen oder Liegen durchgeführt. Eingeteilt vom Abt fanden sich Akoluthen und Seelenkranke zur vorgegebenen Zeit an einem dieser Plätze ein. Angeleitet von einem Geweihten verbrachten sie ihre Zeit in tiefer Entrückung.

Nach zwei Wochen wagte es Coris, Corvindaria nach den „gefährlichen“ Seelenkranken im Galgenturm zu fragen. Sie wollte wissen, welche Art von noionitischer Betreuung diese bekämen. Der stechende Blick der Akoluthin ließ Coris augenblicklich verstummen. Doch die Weidenerin wollte nicht aufgeben. Ihre Aufgabe war es schließlich, mehr über die Segnungen, Gebete und Liturgien der Heiligen Noiona zu lernen. Viel davon hatte sie in dem vergangenen halben Götternamen nicht mitbekommen. An diesem Abend wandte sie sich nach dem Abendmahl an den Abt persönlich. Als dieser auf den Hof hinausgetreten war verlängerte sie ihre Schritte, um neben ihn zu gelangen. Irritiert sah er zu der blassen, zarten Dienerin Golgaris herab, als sie ihn ansprach.

„Verzeiht, Hochwürden, wenn ich Euch mit meiner Frage belästige, doch würde ich gerne noch mehr von den Segnungen und Liturgien der Heiligen Noiona lernen. Meint Ihr nicht, es wäre gut, wenn ich einer Seelsorge bei einem der schweren Fälle beiwohnen würde?“

Corvindaria hatte inzwischen aufgeschlossen. Sie sah den Abt entschuldigend an. War es doch offensichtlich ihre Aufgabe gewesen, ihm die Weidenerin vom Hals zu halten.
Amando Almadarich von Harmamund holte tief Luft. Hinter seiner hohen Stirn schien es zu arbeiten. Coris konnte erkennen, dass er nicht mit dieser Frage gerechnet hatte. Sie traf ihn unvorbereitet.
„Nun, Schwester Etiliane. Die Arbeit im Sinne der Heiligen Noiona könnt Ihr überall hier im Kloster sehen und erleben. Wir alle arbeiten jederzeit in ihrem Sinne.“

Seine durchdringenden Augen musterten sie. Coris wurde kalt. Ein dicker Kloß saß in ihrem Hals und so sehr sie sich auch bemühte, sie konnte ihn nicht herunterschlucken.
Dann schien eine Wandlung in ihm vorzugehen. Amando Almadarich von Harmamund rang sich ein dünnes Lächeln ab.
„Aber ich möchte Eurem Wunsch entsprechen. Corvindaria mag Euch morgen zu einer seelsorgerischen Beratung eines der Insassen  des Galgenturms mitnehmen.“

Coris wollte sich bedanken, doch der Abt hatte bereits auf dem Absatz kehrtgemacht und die Weidenerin stehen lassen. Corvindaria blitzte die Dienerin Golgaris böse an. In diesem Fall brauchte es wirklich keine Worte. Es war offensichtlich, dass die Akoluthin wütend war. Coris biss die Zähne aufeinander. Sie konnte sich sicher sein, dass Corvindaria ihr fortan noch enger auf die Pelle rücken würde.

Am kommenden Morgen nach der Frühmesse wich Corvindaria nicht mehr von Coris Seite. Sie führte die Dienerin Golgaris in den Teil des Kreuzganges, der dem Galgenturm am nächsten lag. Dort wartete ein Noionit auf Coris. Bruder Noijandro war ein alter Mann. Ohnehin schon klein von Wuchs hatte das Alter von mindestens 75 Wintern seinen Rücken gebeugt. Er blinzelte seitlich zu Coris hin. Seine Augen waren grau, die Pupillen umwölkt, sodass die Geweihte unsicher war, ob er sie überhaupt sehen konnte. Er murmelte ein paar unverständliche Worte, die wohl eine Grußformel beinhalteten. Dann schlurfte er zu der eisenbeschlagengen Eichenholztür, die den Galgenturm sicherte. Er zückte einen Schlüsselring mit vielen großen Schlüsseln. Mit dem ersten schien er einen Balkenriegel hinter der Tür beiseite zu schieben, mit dem zweiten öffnete er das Schloss.

Mit einem deutlich vernehmbaren Knarren schob er die Tür auf, sie kratzte mit einem unangenehmen Geräusch über die Steinschwelle. Coris folgte ihm und ehe sie sich versah war auch Corvindaria hinter ihr durch den Türspalt geschlichen. Diese legte dann auch den schweren Riegel wieder vor die Tür. Coris und Corvindrias Blicke trafen sich. Eiseskälte lag in diesem Blick. Coris fröstelte. Sie drehte sich wieder um. Die steile Wendeltreppe mit ihren stark ausgetretenen Stufen war nur spärlich von Kienspänen in kleinen Mauervertiefungen beleuchtet. Bruder Noijandro zog sich stöhnend am eisernen Handlauf von Stufe zu Stufe nach oben. Es roch feucht und ein wenig nach Schimmel. Von irgendwoher hörte man ein Wehklagen. Auf der Haut der Dienerin Golgaris bildete sich eine Gänsehaut. Sie überlegte, ob sie umdrehen sollte. Doch hinter ihr hatte Corvindaria bereits aufgeschlossen. Die Akoluthin ließ keinen Zweifel daran, dass es nur einen Weg gab… weiter nach oben, in Richtung des Wehklagens.

 

Coris zählte die Stufen. Bei Stufe 13 öffnete sich eine Nische in der Außenwand. Eine Eisentür war in die Wand eingelassen. Bruder Noijandro reckte sich nach einem Schieber, der Einblick in die winzige Kammer ermöglichte. Nun wurde das Wehklagen und Jammern lauter. Der Noionit ließ Coris Platz, um hindurchzusehen. Es dauerte bis die Dienerin Golgaris etwas erkennen konnte, da die Kammer nur durch ein schmales Fenster ein wenig Licht von draußen erhielt. Auf einer einfachen Liege saß eine Frau. Sie schwankte vor und zurück während sie laut jammerte und wehklagte.

Der altersschwache Geweihte öffnete mit einem der Schlüssel von seinem schweren Bund die Tür. Nacheinander traten sie ein. Corvindaria blieb gleich an der Tür stehen, Coris und Bruder Noijandro näherten sich der Frau. Sie sah zunächst nicht auf. Erst als der Noionit sie mehrfach mit ihrem Namen ansprach, blickte sie hoch. Ihre Augen weiteten sich angstvoll.

„Oh nein, nein! Nicht noch mehr Raben! Heute Nacht erst waren sie wieder bei mir, haben mir die Augen aus dem Schädel gepickt. Sehr ihr?“

Sie deutete auf ihre Augen, die ganz normal zu sein schienen. Coris konnte keine Verletzung erkennen.

„Blind bin ich, seit jede Nacht die Raben kommen und mir die Augen aus dem Kopf hacken. Jede Nacht, wieder und wieder! Warum unternehmt Ihr nichts dagegen? Warum? Grausam ist der Dunkle Vater, grausam!“

Bruder Noijandro sah sie mitleidig an.

„Aber, aber, Madalisa. Sieh mal, wen ich hier mitgebracht habe. Schwester Etiliane ist extra aus Weiden gekommen um mit uns um Euer Seelenheil zu beten.“

Er setzte sich an die rechte Seite der Geisteskranken und bedeutete Coris sich auf einen Hocker zu setzen. Die junge Weidenerin zog den Hocker heran und setzte sich der Frau gegenüber hin. Madalisa betrachtete die blasse Geweihte.

„So? Aus Weiden? Nun, deshalb ist sie so blass.“ Die Frau schien Coris sehen zu können und einen Augenblick lang schien sie sogar klar zu sein. Also stimmte die Geschichte von ihrer Blindheit wohl nicht, wie sie schon vermutet hatte. Dann jedoch verfiel sie erneut ins Jammern.
„Oh nein, wie grausam die Krähen doch zu mir sind. Seht Ihr das, Schwester Etiliane? Hier!“ Wieder deutete sie auf ihre Augen. Diese waren dunkelbraun mit hellen Einsprengseln. „Könnt ihr die Vögel verjagen?“

Coris nahm die Hand der Frau. Sie streichelte sie. „Ich kann aus dem Flug der Finsterkammdohlen lesen. Vielleicht ist das Euch eine Hilfe?“

„Wirklich?“, die Augen der vermutlich etwa 45 Winter alten Frau leuchteten.

Corvindaria öffnete den Mund zum Widerspruch, doch der Noionit war schneller. Er nickte bedächtig.
„Das ist eine gute Idee, Schwester Etiliane. Bis Ihr eine Antwort des Ewigen erhaltet wollen wir gemeinsam für das Seelenheil unserer armen, verwirrten Madalisa beten.

„Ich bin nicht verwirrt!“, begehrte die Frau auf. Ihr Blick war der eines gehetzten Wildes. „Ich bin nicht verrückt! Ich bin vollkommen gesund! Schwester Etiliane, ihr müsst mir helfen!“

In diesem Moment blieb ihr die Stimme weg. Coris sah, dass Madalisa den Mund öffnete. Die Lippen und die Zunge bewegten sich, der Atem kam stoßweise aus ihrem Mund, doch kein Ton. Als Coris zu Noijandro hinsah, hatte er den Finger auf die Lippen gelegt. Seinem Ruf zur Ruhe war es geschuldet, dass Madalisa keinen Ton mehr herausbrachte.

Nach einer Weile löste er den Finger wieder von seinen Lippen. Zu Coris sagte er nun entschuldigend.
„Es ist jedes Mal dasselbe und bringt uns nicht weiter. Besser ist es, wenn wir gemeinsam beten. Wir wollen Madalisa den Zuspruch Noionas zukommen lassen. Nimm ihre linke Hand, Schwester Etiliane!“

Bruder Noijandro ergriff die rechte Hand Madalisas, Coris die Linke. Dann legte der Noionit der verwirrten Frau seine Rechte auf die Stirn. Er begann mit leiser Stimme zu beten:

„Heilige Noiona,
sehe wie verwirrt der Geist Madalisas ist.
Verleihe ihr Stärke auf dass sie das Chaos zu bezwingen vermag.
Lass sie Weisheit und Ruhe finden,
Lass sie neue Kraft schöpfen
 und zum Glauben an dich und die Güte Borons zurückfinden.“

Madalisa beruhigte sich. Man konnte es an ihren Augen sehen. Das wilde Funkeln war erloschen. Einen Augenblick lang schwiegen alle. Auch diese Stille schien Madalisa gut zu tun. Ihre Körperhaltung strahlte nun nicht mehr die vorherige Angespanntheit aus.

Schließlich stimmte Bruder Noijandro den Choral der Vergänglichkeit an. Coris und Corvindaria fielen mit ein und alsbald erklang ein dreistimmiger Gesang, der von den Wänden der winzigen Kammer widerhallte.

„Schweigen umfängt die sterbliche Hülle,
harrend in der Vergänglichkeit.
Hör das Lied der Schwingen,
Sie klingen vom Nirgndmeer!
Frieden bringen sie der Seele,
Träume bis in Ewigkeit.“

Doch anders als Coris erwartet hatte, schien das schöne Lied Madalisa nicht zu beruhigen. Sie presste sich die Hände auf die Ohren, versuchte sie vor dem mehrstimmigen Gesang zu schützen.

„Nein! Nein!“, jammerte sie. „Hört auf! Quält mich nicht so!“

Irritiert sah Coris auf die aufgewühlte Frau. Warum fand Madalisa keine Ruhe und Zuversicht im Choral zu Ehren des Ewigen?

Bruder Noijandro ließ sich nicht beirren und Corvindaria sang immer lauter, bis sich ihre Stimme beinahe überschlug. Nur Coris schien an dieser Methode zur Heilung von Madalisas zu zweifeln. Dennoch sang sie mit.

Als der letzte Ton verklungen war, befand sich die verwirrte Frau in einem ebenso bemitleidenswerten Zustand wie vor ihrem Besuch. Wie saß wieder in sich zusammengesunken auf der Liege und als die drei Diener des Dunklen Vaters die Kammer verließen schwankte Madalisa wieder jammernd und klagend vor und zurück.

Bruder Noijandro schloss die Tür wieder ab und drehte sich Coris zu. „Ein scheinbar hoffnungsloser Fall, Schwester Etiliane. Und dennoch werden wir täglich wiederkehren und versuchen ihr den Segen Noionas zu vermitteln. Das ist unsere Aufgabe und die Hoffnung stirbt schließlich zuletzt. Wir hoffen auf die Gnade des Ewigen mit Madalisa. Eines Tages wird er ihr hoffentlich Heilung zuteilwerden lassen.“  

 

***

Am kommenden Morgen direkt nach der Frühmesse machte sich Coris auf zum Boronanger des Klosters, nachdem sie nirgendwo sonst Vögel oder gar Raben gesehen hatte. Der Bodennebel begann sich zu lichten, doch schien es trotzdem nicht heller werden zu wollen. Auch auf dem Boronanger, auf dem die Gräber mit ihren einfachen und schmucklosen Holz- oder Steinstelen in Reih und Glied angeordnet waren, konnte Coris keinen Vogel entdecken. Irritiert sah sie sich um. Sonst waren die Vögel des Ewigen doch immer auf den Totenäckern zu finden. Dieses Kloster war eigenartig. Statt eines gefiederten Begleiters des Dunklen Vaters, erblickte sie Corvindaria, die versuchte, sich hinter einer Trauerweide am Rande des umzäunten Begräbnisbezirks zu verstecken. Ein leiser Groll kam in Coris hoch. Konnte man denn nicht einmal auf dem Boronanger seine Ruhe haben?

Die Etilianerin seufzte und versuchte die Anwesenheit der Akoluthin zu ignorieren. Sie betrat das geweihte Geviert und sah sich die Holzstelen an. Auf ihnen standen keine Namen. Nur das Boronsrad und das Sterbedatum waren eingraviert. Kein Name. Coris wanderte an den Reihen der hölzernen Erinnerungsmale entlang. Bei allen das gleiche Bild.

Dann erreichte sie das erste der steinernen Grabmale. In den einfarbigen rauen Stein war ein Boronsrad eingemeißelt und mit Asche geschwärzt. Offenbar waren diese steinernen Mal den Geweihten des Klosters vorbehalten. Coris konnte die Namen, den Rang des oder der Geweihten, Tsa- und Boronstag ablesen. Die Grabstelen der Hüter des Raben trugen oft noch einen Segensspruch: „Ruhe sanft in Boron“, „Möge Golgari seine Schwingen über dir ausbreiten“ oder „Der Segen der Heiligen Noiona sei mit dir!“
Die Grabmale der Akoluthen waren kürzer und schmaler, aber im Prinzip ähnlich.

Dann plötzlich sah sie einen Raben auffliegen aus einem der Obstbäume der angrenzenden Streuobstwiese. Er ließ sich auf einem noch recht frischen Grab mit einer einfachen Holzstele nieder und pickte in die lockere Erde. Coris beobachtete ihn. Schließlich zog er etwas glänzendes, güldenes heraus und flog auf. Er landete kurz auf einer der großen Steinstelen und sah zur Dienerin Golgaris hinüber. Dann breitete er die schwarzen Schwingen aus und drückte sich kräftig ab. Mit rauschenden Flügelschlägen entfernte er sich in Richtung des Klosters. Coris konnte nicht sehen, wo der Rabe niederging, aber es schien irgendwo im Innenhof zu sein.

Die Dienerin Golgaris machte sich auf den Rückweg zum Kloster. Sie passierte die Weide hinter der Corvindaria versuchte sich schmal zu machen, um nicht entdeckt zu werden. Wie dumm von ihr, dachte Coris. Die Weidenerin tat so, als habe sie die Akoluthin nicht gesehen. Doch kaum war sie zwanzig Schritt in Richtung Kloster gegangen drehte sie sich um. Corvindaria folgte ihr, wie erwartet. Nachdem Coris das Eingangstor des Klosters durchschritten hatte, hielt sie sich links und wartete auf Corvindaria. Es dauerte nicht lange, da versuchte die Akoluthin so unauffällig wie möglich durch das Tor zu gehen. Coris trat ihr entgegen. Erschrocken entkam der Kehle der hageren Blassen ein „Huch!“ Auf den Wangenknochen der Akoluthin bildeten sich unnatürlich rote Flecken. Es war offensichtlich, dass ihr peinlich war ertappt worden zu sein. Coris musste innerlich grinsen. Sie drehte Corvindaria den Rücken zu und betrat den schmucken Innenhof von La Dimenzia.

Auch hier war wie eigentlich jeden Tag Grau die vorherrschende Farbe. Coris sah sich um. Der Rabe war nirgends zu erblicken. Dafür sah sie Noijandro, der sich schlurfenden Schrittes mit dem Schlüsselbund auf dem Weg zum Galgenturm machte. Die Dienerin Golgaris legte einen Schritt zu. Zügig und zugleich doch ohne sichtbare Hast durchquerte sie den Innenhof und schloss zu dem Noioniten auf.
„Boron zum Gruße, Bruder Noijandro! Darf ich Euch begleiten?“

Corvindaria erschien heftig atmend. Sie schien sich beeilt zu haben, um Coris von ihrem Vorhaben abzubringen. Zwischen zwei schnaufenden Atemzügen presste sie ein „eine weitere Visite von Schwester Etiliane ist nicht vorgesehen, Bruder Noijandro!“
Die Akoluthin funkelte den greisen Bruder an.

Der Noionit sah von einer blassen Frau zur anderen. Dann drehte er sich um. „Folge mir, Schwester Etiliane!“

Coris konnte aus dem Augenwinkel sehen, dass sich auch Corindaria durch die Tür des Galgenturms stahl und hinter ihnen die ausgetretenen Stufen erklomm. Als Bruder Noijandro stehen blieb und das Sichtfenster zu der Kammer öffnete, hielt sie sich im Hintergrund. Ihre Lippen waren verkniffen aufeinandergepresst. Es war offensichtlich, dass sie sich ärgerte, dass der Noionit die junge weidener Geweihte erneut in den Turm gelassen hatte.

Der greise Noionit blickte einen kurzen Augenblick in die Kammer, dann gab er Coris den Platz frei, damit auch sie in das Innere sehen konnte. Madalisa saß genauso wie am Vortag auf ihrer Bettstatt und schwankte vor und zurück. Das Jammern war heute leiser doch als sie gewahr wurde, dass sich jemand näherte, schwoll es erneut an. Singend beinahe jaulend intonierte die Frau ein Lamento ohne Beispiel. Es ging Coris durch und durch. Die junge Geweihte bekam eine Gänsehaut.

Umständlich klimperte Bruder Noijandro mit seinem Schlüsselbund. Er versuchte mit seinen arthritischen Fingergelenken den passenden Schlüssel von den anderen zu separieren. Dabei beugte er sich dabei immer weiter nach vorne, so dass man den Eindruck gewinnen konnte, er wollte etwas vom Boden auflesen. Stattdessen entkam ihm immer wieder der anvisierte Schlüssel und schlug klingelnd an die anderen, um sich dann zwischen diesen zu verstecken. Geduldig und ohne Eile begann Bruder Noijandro von vorne den gewünschten Schlüssel in die Finger zu bekommen. Coris, selbst ein Ausbund an Geduld, musste an sich halten. Sie atmete einige Male tief durch.

Endlich gelang es dem alten Geweihten die Tür zu öffnen. Madalisas Blick zeigte keinerlei Freude über den Besuch. Aus ihren Augen sprach eine Mischung aus gequältem Leiden und völliger Resignation.

Noijandro trat ein, segnete die reglos verbleibende Frau mit dem Boronsrad und sprach ein Gebet. Coris folgte ihm und stellte sich schweigend an die Seite des Noioniten. Die Akoluthin Corvindaria blieb an die Tür gelehnt stehen.

Es dauerte eine Weile bis Madalisa Coris bewusst wahrnahm. Ihre Augen weiteten sich, die Augenbrauen wanderten nach oben. Ihre Lippen bebten.
„Oh, die Schwester, die mit den Raben sprechen kann. Was haben sie euch verraten, Euer Gnaden?“

Coris sah den erwartungsvollen Blick der geistig verwirrten Frau. Jetzt musste sie dieses arme Wesen enttäuschen. Denn aus dem Verhalten des Raben auf dem Boronanger hatte sie keine passenden Schlüsse ziehen können. Sie hob resignierend die Schultern.
„Es tut mir leid, Madalisa, aber ich habe keine Nachricht für dich. Ich sah wohl einen Raben heute Früh, doch konnte ich sein Verhalten nicht so interpretieren, dass ich es dir weiterhelfen könnte.“

Der Kopf der Frau sank herab. Sie schüttelte verzweifelt den Kopf. Tief aus ihrer Kehle stieg erneut ein singendes Jammern herauf.

Während Bruder Noijandros Miene ausdruckslos wie eh und je blieb, meinte Coris auf den Lippen der Akoluthin ein leises, böses Grinsen wahrzunehmen.

Madalisas Jammern steigerte sich bis zu einem hysterischen Kreischen. Sie begann sich die Haare zu raufen, wild gestikulierend schien es so als wolle sie unsichtbare Wesen verscheuchen, die sich ihr in ihrem Wahn näherten.
„Weg! Weg! Weg!“, schrie die Frau vollkommen außer sich. „Nicht meine Augen, nicht mein Augenlicht! Nehmt mir nicht das letzte, das mir verblieben ist!“

Dann sprang Madalisa plötzlich auf, stürzten sich auf Coris und sank an ihre Robe geklammert zu Boden.
„Schwester, barmherzige Schwester… Euer Gnaden…. Helft mir! Ihr seid die Einzige, die mich noch retten kann! Ich weiß es, der geflügelte Vater selbst schicke Euch! Es muss so sein!“

Erschrocken versuchte Coris der verzweifelten Frau auf die Beine zu helfen. Dabei konnte sie den entsetzten Blick Corvindarias sehen und auch der Noionit schien nun etwas beunruhigt. Er trat vor und legte Madalisa beruhigend die Arme auf die bebenden Schultern. Als Madalisa den Blick hob, nahm Noijandro wieder den Finger an die Lippen zu der Geste, die den „Ruf zur Stille“ begleitete. Die Frau verstummte schlagartig. Kein Wort, kein Wimmern, kein Jammern kam mehr aus ihrer Kehle.

Mit sanfter Güte halfen Coris und der greise Noionit der Verstummten auf die Beine und geleiteten sie zu ihrer Bettstatt zurück. Es folgte zunächst ein stilles Gebet dann eine Liturgie und der Choral der Vergänglichkeit wie am Vortag, die Madalisa den Segen Noionas bringen sollten.

Und tatsächlich. Der anfangs wilde bis verzweifelte Gesichtsausdruck wurde sanft. Sie sackte in sich zusammen und blieb still an der Bettkante sitzen. Letztendlich ließ Madalisa sich auf den Rücken sinken und blieb mit starrem Blick zur Decke liegen.

Als sich Coris zum Gehen wandte, sah sie in das zufriedene Gesicht der Akoluthin. Corvindaria wirkte erleichtert. Seltsam, dachte sich Coris zu dem Verhalten der Akoluthin. Was hatte Corvindaria davon, wenn Madalisa schwieg? Wenn Coris nicht zu ihr ging oder ihr keine Botschaft der Raben überbrachte? Am späten Nachmittag nutzte die Borongeweihte eine ihr vom Abt verordnete Schweigeübung in der Isolation ihrer Kammer um ihrem Mentor Nazir zu schreiben.

 

Meinem werten Bruder im Glauben Nazir Nocturnus Heldor,

Ich hoffe Boron behütet dich wohl und Aves hat dir eine glückliche Reise nach Heldor gewährt. Außerdem hoffe ich natürlich, dass Boron seine schützenden Schwingen über deine Mutter breitet.

Hier im Kloster la Dimenzia ist das Leben sehr gleichförmig, um nicht zu sagen ereignisarm. Doch seit zwei Tagen hat sich das für mich etwas verändert. Ich durfte, nachdem ich nachdrücklich beim Abt darauf hingewiesen habe, dass ich doch eigentlich im Kloster weile, damit ich mehr Erfahrung in den noionitischen Liturgien und Segnungen sammle, erstmals mit zur Seelsorge in den Galgenturm. Dort traf ich eine der Verwirrten mit Namen Madalisa. Sie wirkte sehr erregt und glaubte, dass Krähen ihr die Augen auspickten. Diese allerdings sahen unversehrt aus. Ich versuchte nun am Morgen den Flug und das Verhalten der Vögel hier am und im Kloster zu beobachten, doch konnte ich nur einen Raben erblicken aus dessen Verhalten ich nicht schlau geworden bin.

Was mich allerdings sehr beunruhigt ist das Verhalten der Akoluthin Corvindaria. Sie versucht mich vom Galgenturm fern zu halten, folgt mir auf Schritt und Tritt und ist mir gegenüber beinahe feindselig. Das alles irritiert mich sehr.

Ich wünsche Dir und den Deinen Borons Segen und freue mich darauf wenn er Dich wohlbehalten wieder zu mir führt.

Schwester Coris Etiliane Fesslin

 

Coris rollte den Brief auf, verschloss ihn mit einer Schnur und siegelte ihn mit Wachs. Dann machte sie sich auf den Weg zu dem Akoluthen, der in der Verwaltung des Klosters tätig war. Sie hatte kaum ihre Kammertür geöffnet als sie Corvindaria bemerkte, die an der gegenüberliegenden Seite des Ganges ein wenig entfernt stand und offensichtlich schon darauf gewartet hatte, dass Coris herauskam. Mit wenigen Schritten war die Akoluthin bei der Weidener Borongeweihten. Ihr fragender Blick fiel auf die Briefrolle.

Wieder einmal dankte die Dienerin Golgaris dafür, dass die Boron das Schweigen liebte und sie somit keine Erklärung schuldig war. Sie nickte stattdessen Corvindaria zur Begrüßung zu und setzte ihren Gang zur Schreibstube fort.

Der ältere Akoluth, der Nazir und sie am ersten Tag begrüßt hatte, saß hinter seinem Schreibtisch und schrieb Zahlen in eine Tabelle. Coris klopfte an die halb geöffnete Tür und trat ein. Corvindaria beeilte sich hinter ihr ebenfalls in die Tür zu treten.

„Boron zum Gruße, Bruder!“, begann Coris die Konversation.

Der Alte blickte auf. Er schien das Klopfen nicht gehört zu haben. Sein Blick wurde aufmerksam. Er erkannte Coris sofort.

„Boron zum Gruße, Schwester Etiliane!“, erwiderte er freundlich und warf Corvindaria einen eher misstrauischen Blick zu. „Wie kann ich Euch helfen?“

 Coris hielt dem Akoluthen den Brief hin. Sie ärgerte sich, dass sie seinen Namen nicht kannte.

„Ich habe hier einen Brief an meinen Glaubensbruder Nazir Nocturnus Heldor, der bei seiner Familie in Heldor weilt. Könnt Ihr dafür sorgen, dass er diesen Brief erhält, Bruder…?“

 „Bruder Friedwulf“, vervollständigte der Akoluth den Satz der Etilianerin. „Das werde ich gerne für Euch erledigen. Allerdings kommt der Händler, der das Kloster mit Nahrungsmitteln versorgt und auch die Post mitnimmt erst in ein paar Tagen wieder. Dann aber soll er euren Brief auf dem schnellsten Wege nach Heldor bringen.“

Coris senkte zum Dank den Kopf. „Habt Dank, Bruder Friedwulf. Möge der Ewige Euch ein langes und glückliches Leben schenken!“

Auf Friedwulfs Gesichtszügen zeigte sich ein Lächeln angesichts des frommen Wunsches der Weidener Geweihten.

„Dasselbe wünsche ich Euch, Schwester Etiliane!“, schloss er und beugte sich dann wieder über seine Tabellen.

Im Hinausgehen konnte Coris tiefes Misstrauen in der Miene Corvindarias beobachten. Die Akoluthin, die sie auf Schritt und Tritt begleitete, wirkte beunruhigt. Sie schien mit sich zu hadern ob sie Coris folgen sollte, die sich zum kontemplativen Spaziergang zwischen den Beeten und Zierhecken des Klostergartens entschieden hatte, oder bei Friedwulf bleiben sollte. Zunächst entschied sie sich dafür Coris zu folgen. Wie ein Schatten huschte sie im Abstand von nur wenigen Schritten hinter der Dienerin Golgaris durch die Blumenrabatten. Coris musste fast grinsen als sie feststellte, dass die Akoluthin jedes Abbiegen und jede Kurve nachvollzog, die Coris durch den Klostergarten zog. Es war schon eine absurde Situation. Dann aber, als die Weidenerin sich zum stillen Gebet auf einer der Bänke niederließ, lenkte Corvindaria ihre Schritte eilig in die Schreibstube von Bruder Friedwulf. Coris schwante Böses. Sie war sich sicher, dass Corvindaria ihren Brief zumindest lesen würde und sie ahnte, dass ihr das, was dort geschrieben stand, keinesfalls gut finden würde. Eigentlich war Coris in diesem Moment klar, dass der Brief Nazir niemals erreichen würde.

 

Unheilvoller Rabenflug

 Auch am kommenden Morgen stand Coris früh auf und suchte erneut den Boronanger des Klosters auf. Sie suchte den Himmel nach Vögeln ab.
Wie auch schon am Vortag war kein Vogel zu sehen. Dafür ertappte sie sogleich Corvindaria, die wie immer als rabenschwarzer Schatten das Kloster verlassen hatte und ihr gefolgt war.

Coris bemühte sich die Präsenz der Akoluthin auszublenden. Sie blickte erneut in den Himmel. Wie auf Kommando erschien nun wieder der Rabe, den sie bereits am Vortag gesehen hatte. Er kreiste über dem Boronanger, zog spiralförmig seine Bahnen tiefer und tiefer bis er schließlich auf einer der namenlosen Grabstelen landete. Mit seinem Schnabel bearbeitete er zunächst seine Krallen, dann streckte er sich lang hinunter und hackte in das unter dem eingravierten Boronsrad befindliche Sterbedatum. Fast aggressiv fuhr der spitze Schnabel in die Ziffern. Nach einigen kräftigen Schnabelhieben hob er den Kopf wieder, legte ihn schief und sah die Borongeweihte herausfordernd an. Die Weidenerin hielt den Atem an. Das Tier wollte ihr etwas mitteilen. Was, bei Boron, wollte der Sendbote des Ewigen ihr sagen?

Die Dienerin Golgaris legte selbst den Kopf schief und versuchte in einen Gedankenaustauch mit dem Raben zu treten. Zunächst schien der Versuch zu misslingen, dann aber verschwamm plötzlich das Bild vor ihren Augen. Coris sank in die Knie.

Sie sah einen Borongeweihten, der sich über eine Kiste beugte. Er hatte die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, so dass Coris nicht erkennen konnte, wer in der Robe steckte. Die knochigen Finger fuhren in die Kiste und beförderten Goldmünzen und Schmuck hervor. Damenschmuck. Ketten und Ringe, edel gefertigt.

Das Bild wurde trüb. Coris atmete tief ein und aus. Ihr Oberkörper sank nach vorne. Es gelang ihr gerade noch, sich auf einer Grabstele abzustützen bevor sie mit dem Gesicht in die frische Graberde gefallen wäre. Lange blieb sie auf den Knien sitzen, bis sich der Zustand der Entrückung gelöst hatte. Coris war kalt. Sie versuchte zu verstehen was ihr Golgari mit dieser Vision zu verstehen geben wollte. Doch noch immer war die Bedeutung nebulös.

 

Das Misstrauen in Corvindarias Augen war unübersehbar als Coris zum Kloster zurückkehrte. Scheinheilig näherte sie sich der Dienerin Golgaris und fragte leise: „Und? Hat Euch der Ewige heute eine Vision geschickt, Schwester Etiliane?“

Coris erwiderte den Blick, antwortete jedoch nur kurz angebunden „Boron gefällt das Schweigen!“

Damit wandte sie sich ab und begann einen kontemplativen Spaziergang durch den Klostergarten. Nach außen hin um zu meditieren, innerlich jedoch war Coris aufgewühlt. Sie versuchte Ordnung in ihre Gedanken zu bringen. Beim Rabenflug am Vortag hatte sie gesehen, wie das Symboltier des Dunklen Vaters einen glänzenden Gegenstand zum Kloster getragen hatte und heute hatte ihr Boron eine Vision geschickt, die einen Geweihten über eine Kiste mit Münzen und Schmuck gebeugt offenbart hatte. Da musste ein Zusammenhang sein. Coris musste herausfinden worin der Zusammenhang bestand und was dahintersteckte, und das ohne dass Corvindaria und der Rest der Klosterangehörigen etwas davon erfuhren. Ein denkbar schwieriges Unterfangen.

Nach dem gemeinsamen Frühstück im Refektorium des Klosters, wollte sich Coris wieder zum Galgenturm begeben, um ein weiteres Mal der Visite des Noioniten Noijandro bei Madalisa beizuwohnen. Doch kaum hatte sie das Refektorium verlassen, wurde sie schon von Corvindaria abgefangen. Die Akoluthin setzte ein bitterböses Lächeln auf.
„Heute ist keine Visite. Bruder Noijandro hat andere Aufgaben. Der Abt hat Euch ein besonderes Schweigeexerzitium auferlegt. Dafür geleite ich Euch in einen besonderen Raum. Folgt mir, Schwester Etiliane.“

Hilflos musste Coris der Akoluthin Folge leisten. Was sollte sie auch erwidern? Sollte sie sagen „das geht nicht, ich habe eine Investigation durchzuführen?“

Corvindaria ging auf das Gebäude neben dem Galgenturm zu, wo unter anderem die Klosterapotheke und das Badehaus untergebracht waren. Sie gingen einen langen, schmucklosen Gang entlang. Die Türen rechts des Ganges waren verschlossen, hinter der ein oder anderen waren Geräusche zu hören, die geschäftiges Arbeiten vermuten ließen. Am Ende des Ganges befand sich eine schwere, rußgeschwärzte Tür, die noch die Spuren des großen Brandes zeigte. Ein stabiler Riegel war vorgelegt. Corvindaria schob den Riegel beiseite und öffnete die Tür.

Coris blieb stehen. Ihre Augen weiteten sich entsetzt. „Da hinein?“, fragte sie.

Die Akoluthin nickte. Sie schob Coris vor sich her. Widerstrebend trat Coris ein. Corvindaria öffnete gleich rechts neben dem Eingang eine weitere, schmale Tür mit einem großen Schlüssel. Sofort erkannte Coris, dass dort eine schmal gewendelte Treppe nach unten ihren Anfang nahm. Wie erstarrt blieb sie stehen.
„Da gehe ich nicht hinein!“, sagte sie mit Bestimmtheit.

Corvindaria sah sie missbilligend an. „Aber sicher werdet Ihr da hinuntergehen, Schwester Coris. Die Treppe führt in die Halle des Todes. Der Abt erwartet Euch dort. Für ein Schweigeexerzitium.“
Sie gab Coris einen schmerzvollen Stoß mit dem Ellbogen in Richtung der Treppe. Die weidener Borongeweihte konnte gerade noch verhindern, dass sie die Treppe hinabfiel.

Mit jedem Schritt in die Tiefe wurde es kühler und feuchter. Die ohnehin schon leisen Geräusche im Kloster verstummten komplett. Eine so vollkommene Stille hatte sie noch nie wahrgenommen. Es war als schluckten die feuchten, dunklen Wände jegliches Geräusch.

Unten angekommen erwartete Coris eine weitere Tür. Auch sie war mit einem Schloss und einem Riegel gesichert. Corvindaria schob den Riegel beiseite und öffnete die Tür mit einem weiteren Schlüssel. Mit einem Knarren ließ sich die Tür aufschieben. Corvindaria leuchtete mit einer Fackel, die sie beim Abstieg von der Wand genommen hatte in die große Halle. Boden und Wände waren aus glänzendem, schwarzem Stein. Corvindaria stieß Coris vor sich her und schloss die Tür wieder hinter sich.

Die Dienerin Golgaris sah sich um. Die Halle war vollkommen leer. Sie machte ein paar Schritte vorwärts und erwartete, dass das Geräusch ihrer Schritte von den Wänden zurückgeworfen würde. Gerade durch die Leere des Raumes erwartete sie ein hallendes Geräusch. Doch genau das Gegenteil war der Fall. Es war still. Gespenstisch still.
„Hier bleibe ich nicht, Schwester Corvindaria. Ich gehe wieder hinauf!“, versuchte Coris den Rückzug einzuleiten.

Das gehässige Lachen der Laienschwester ließ ihr das Blut in den Adern stocken. Was hatte das zu bedeuten?

Corvindaria hörte auf zu lachen. Was sie nun erwiderte glich eher einem Befehl als einer Erklärung. „Der Abt wird gleich bei Euch sein. Bleibt hier, betet still und meditiert. Es ist eine großartige Erfahrung, so ein Schweigeexerzitium in der Halle des Todes!“

Damit machte Corvindaria kehrt und öffnete die Tür.

Coris erwachte zu spät aus ihrer Erstarrung. Als sie merkte was passierte, war Corvindaria schon an der Tür. Die weidener Geweihte beeilte sich, die Akoluthin einzuholen. Sie klammerte sich an den groben Stoff der Robe Corvindarias. Die bleiche Akoluthin fuhr herum und schlug Coris schmerzhaft auf die Finger. Ein wütender Blick machte Coris klar, dass jeder weitere Versuch ebenfalls mit Schlägen beantwortet würde. Resigniert ließ sie von Corvindaria ab. Nur Augenblicke später fiel die Tür ins Schloss und Coris hörte wie der Riegel vorgeschoben wurde. Schlagartig wurde es dunkel. Tiefschwarz und still. Coris stieß angstvoll den Atem aus.

***

Unbeschreibliche Angst stieg in Coris auf. Die Finsternis und die Stille waren erdrückend. Die weidener Borongeweihte hatte das Gefühl nicht mehr atmen zu können. Sie sank in sich zusammen.

Zeit hatte plötzlich keinen Bezugsrahmen mehr. So musste sich Ewigkeit anfühlen oder gar der Tod…

Coris wurde kalt. Sie spürte wie sich das Blut sich aus den Händen und Füßen in den Körper zurückzog. Sie begann zu zittern. Die unheimliche Stille schluckte sogar das Klappern ihrer Zähne.

Im Kopf der Geweihten rasten die Gedanken. Was sollte sie tun? Rufen half nicht, gegen die Tür hämmern vermutlich genauso wenig. Coris stand auf, sie ging mit ausgestreckten Händen in eine Richtung bis ihre Fingerspitzen an eine kalte, glatte Wand stießen. Die Dienerin Golgaris begann an die Wand zu hämmern. Kaum ein Laut war zu vernehmen. Sie versuchte es ein kleines Stück daneben, wieder und wieder, Stück für Stück, in der Hoffnung irgendwo eine weitere Tür zu finden. Die Zeit verging – verging sie wirklich? Coris war sich nicht sicher, vielleicht war sie schon lange stehen geblieben. Das Klopfen blieb erfolglos.

Verzweiflung machte sich in Coris breit. Sie dachte daran, dass sie lebendig begraben war. Niemand würde je erfahren, dass sie in der Halle des Todes des Klosters La Dimenzia gestorben war. Wie sollte Golgari sie hier finden? Wie konnte er sie über das Nirgendmeer tragen, wenn ihr Leib und ihre Seele in diesem fest verschlossenen Grab gefangen waren. Was bedeutete das für ihre Seele – war ihr vorbestimmt eine verlorene Seele zu sein? So wie die, von denen man hinter vorgehaltener Hand sprach, wenn die Rede auf La Dimenzia kam?

Und da waren sie plötzlich. Coris vernahm ein vielstimmiges Jammern und Winseln um sich herum. Gefühlt überall um sie herum waren diese Stimmen zu hören. Männer- und Frauenstimmen klagten und weinten, schrien verzweifelt oder wütend. Je länger dieses Lamentieren anhielt desto besser konnte Coris die unterschiedlichen Stimmen heraushören. Da war eine Frau zu hören, die jämmerlich klagend um ihren Gatten weinte. Sie beschuldigte eine andere Familia am Tod des Junkers Schuld zu tragen. Wieder eine andere Frau mit einem piepsigen, dünnen Stimmchen beweinte ihren gefallenen Mann. Sie grämte sich nicht bei ihm gewesen zu sein in der Stunde seines Todes. Und dann war da das wirre Stammeln eines Mannes, der eindringlich versicherte, nicht verrückt zu sein, sondern seines Bruders wegen im Galgenturm verreckt zu sein, weil dieser ihn um Land und Besitz gebracht habe, ja sich sogar seinen Titel genommen habe. Coris hörte aufmerksam zu. Immer neue Stimmen verschafften sich Gehör und immer öfter hörte sie die Stimmen der verzweifelten Frauen und Männern, die behaupteten, dass die Diener des Dunklen Vaters sie in den Galgenturm gesperrt hätten, weil Angehörige ihnen Gold und Schmuck dafür gegeben hatten. Wieder andere beklagten um ihren Schmuck gebracht worden zu sein, während sie im Kloster festgehalten wurden.

Coris versuchte das Gehörte mit ihren Erkenntnissen aus dem Rabenflug und dem wirren Gestammel Madalisas zusammenzubringen. Sollte das wirklich möglich sein? Konnte es sein, dass die Verwirrte im Galgenturm den Diebstahl ihrer Wertsachen als Auspicken der Augen bezeichnete? Und sollte der Rabe auf den Gräbern nach den Wertsachen der dort Bestatteten gesucht haben? Die Vision ließ vermuten, dass sich einzelne Geweihte des Klosters bereicherten, entweder indem sie Geld annahmen, um unliebsame Familienmitglieder oder Kontrahenten in Erbauseinandersetzungen für verrückt zu erklären und diese im Galgenturm sicher zu verwahren. Oder aber indem sie die hilflosen Umnachteten um ihre Wertsachen brachten während diese vom Rest der Welt vergessen worden waren. Aber durfte Coris diesen Visionen Glauben schenken? Waren sie nicht einfach Angstträume ihrer traumatisierten Seele, Hirngespinste, die aus dem Eingesperrt-sein in tiefster Finsternis und Stille, in der Halle des Todes eines entlegenen Boronklosters entsprangen? Coris wusste weder ein noch aus. Sie bat den Herrn des Schlafes um seine Gnade, betete zu Bishdariel ihr einen schönen, sanften Traum zu schicken und gab sich ganz der Erschöpfung hin.

 

Als Coris wiedererwachte und die Augen öffnete hatte sich nichts geändert. Nichts? Naja, so ganz stimmte das nicht. Sie befand sich wohl noch immer in der Halle des Todes, noch immer war alles tiefschwarz und still. Doch genau da war der Unterschied. Sie vernahm keine der Stimmen, die sie zuvor gemartert hatten. Waren die Stimmen überhaupt da gewesen? Oder nur in ihrem Kopf? Hatte sie sich das alles nur eingebildet? Coris war kalt, eiskalt. Sie setzte sich auf und zog die Knie eng an den Körper. Den warmen Atem blies sie durch den Halsausschnitt in ihre schwarze Robe. Langsam, ganz langsam wich die Kälte aus den starren Gliedern. Coris stand auf. In engen Kreisen lief sie im Saal herum. Sie wechselte die Richtung. Das Gehen beruhigte sie. Rhythmisch in immer gleich großen Schritten marschierte sie weiter. Nach einer Weile begann sie spiralförmig auf ihre selbstgewählte Kreismitte zuzugehen. Die Kreise wurden enger und enger. Die Weidenerin hatte nun das Gefühl wieder zu sich selbst zurückzukehren. Die Gedanken verlangsamten sich, das Chaos lichtete sich. Es war eine Einkehr ins Ich. Schließlich blieb Coris in ihrer Mitte stehen. Sie spürte den Boden unter den Füßen und versuchen mit dem Scheitel die Decke über sich zu erfühlen. Lange blieb sie so stehen. Fühlte die Belastungszonen ihrer Füße, verlagerte das Gewicht mal vor, mal zurück, mal rechts, mal links. Wahrnehmungsübungen für Atmung und Herzschlag folgten. Sie trat in die Ruhe ein.

 

So nahm die Dienerin Golgaris zunächst auch nicht wahr, dass sich am Ende er Halle, irgendwo in der Dunkelheit, eine Tür öffnete. Mit einer Fackel in der Hand trat der Abt ein. Ihm folgte der Noionit Noijandro. Die Akoluthin Corvindaria blieb stehen. Sie zog die Tür hinter den beiden Männern zu.

Amando Almadarich von Harmamund schritt auf Coris zu. Er blieb etwa zwei Schritt entfernt von ihr stehen und beobachtete sie. Auch der greise Noionit richtete seinen verkrümmten Rücken kurzfristig auf und betrachtete die wie beseelt wirkende, junge Geweihte. Er lächelte kaum merklich.

Irgendwann nahm Coris die veränderte Schwingung im Raum wahr. Sie erweckte ihren Geist aus der beseelten Ruhe und öffnete die Augen. Der Anblick des Abtes ließ das gerade noch so ruhige Herz im Presto schlagen. Da war er! Corvindaria hatte die Wahrheit gesagt. Sie erweiterte ihre Wahrnehmung und sah nun auch Noijandro und die Akoluthin am Ende des nur dürftig durch die Fackel erleuchteten Raumes.

Der durchdringende Blick des Abtes ließ Coris zittern. Sie senkte den Kopf und verneigte sich leicht vor dem Ranghöheren. Als sie wieder aufsah war Milde in die Augen des Tempelvorstehers eingekehrt. Er nickte leicht und gab Coris ein Zeichen, ihnen zu folgen.

Langsam, gemessenen Schrittes verließen sie gemeinsam die Halle des Todes.

Draußen war es gleißend hell. Coris musste zunächst die Augen schließen, sie dann mit den Fingern beschirmen und erst langsam die Liddeckel wieder öffnen. Es dauerte bis sich ihre Augen an die Helligkeit gewöhnt hatten. Die Praiosscheibe stand schräg am Himmel, es war angenehm warm. Ein sachter Wind umschmeichelte ihren Körper. Allem Anschein nach war es Nachmittag. Doch welchen Tages? War sie nur wenige Stunden oder einen Tag oder gar mehrere Tage in der Halle des Todes gewesen? Die Finsternis hatte Coris jegliches Zeitgefühl geraubt.

Noijandro griff Coris unter den Arm und führte die verwirrte und geblendete Geweihte hinter dem voranschreitenden Abt her. Dieser ging auf direktem Wege zu seinen Räumlichkeiten, die sich neben dem Tempelbau befanden. Corvindaria war schon vorausgeeilt und öffnete die Tür. Nacheinander traten der Abt, der Noionit und Coris in das Schreibzimmer des Abtes.

Amando Almadarich von Harmamund stellte sich hinter seinen Schreibtisch und gab Coris zu verstehen ihm gegenüber stehen zu bleiben. Noijandor hielt sich leicht versetzt hinter der Weidenerin und Corvindaria blieb wie immer der Platz an der Tür.

Es dauerte lange bis der Abt zum Sprechen anhob. Zunächst schien er die angespannte Stille zu genießen. Coris vermeinte ein zufriedenes Lächeln auf seinen Lippen erkennen zu können.

Dann endlich begann er mit leiser, krächzender Stimme zu sprechen.
„Nun Schwester Etiliane, was hast du in deinem Schweigeexerzitium gelernt?“

Der Prätor legte die Hände mit den Fingerspitzen aneinander vor den Bauch und betrachtete die junge Geweihte neugierig.

Coris Gedanken rasten wieder. Was sollte sie sagen? Konnte er eventuell in ihren Gedanken lesen? Besaß er die Gabe Bishdariels und konnte ihre Träume lesen? Hatte er ihren Traum in der Halle des Todes mitangesehen?“

Der Blick des Hüters des Rabens verriet nichts. Er was ausdruckslos bis auf das kleine, kaum merkliche Grinsen, das sich auf seine Mundwinkel gelegt hatte. Coris Herz schlug wild. Jetzt nur nichts Falsches sagen!
Sie schickte ein Stoßgebet an Boron, er möge ihr die nötige Ruhe und Besonnenheit schenken. Dann antwortete sie leise und wahrheitsgemäß.
„Ich habe verwirrende Erfahrungen gemacht, Hochwürden! Ich hörte Stimmen, viele Stimmen, die wild durcheinanderredeten, jammerten und klagten. Es war beängstigend!“

Amando Almadarich von Harmamund nickte verstehend. Er schwieg. Offenbar wartete er auf weitere Erlebnisberichte der Geweihten.

Coris atmete tief durch. Dann fuhr sie fort.
„Nach einer Weile wurde es dann wieder still. Ich lernte die Ruhe zu lieben, mich mit der Dunkelheit anzufreunden und meinen Weg in die Stille zu gehen. In Borons Stille fand ich meine innere Ruhe wieder.“

Der geweihte Spross einer almadanischen Adelsfamilie senkte huldvoll den Blick.
„Sehr gut, Schwester Etiliane, sehr gut! Dann hast du eine wichtige Erfahrung gemacht und bist dabei viel zu lernen. Bruder Noijandro und unsere gute Laiendienerin Corvindaria haben mir berichtet, dass dich die Besuche bei der bemitleidenswerten Madalisa, die zu ihrer eigenen Sicherheit im Galgenturm untergebracht ist, sehr aufgewühlt haben. Deine Seele schrie nach dem Ruhesegen des Dunklen Vaters.“

Coris Kinn sank auf ihre Brust. Demütig hörte sie sich die Zurechtweisung an. Der Abt hatte wohl recht. Vermutlich war es ihre Unerfahrenheit mit den verwirrten Seelen, die von den Noioniten gepflegt wurden. Sie vermutete Ungerechtigkeit wo keine war. Es war gut so, dass der Abt ihr diese Lehrstunde erteilt hatte.

Amando Almadarich von Harmamund lächelte Coris gütig an.
„Nach diesem ersten erfolgreichen Exerzitium sollen weitere folgen. Wir haben beschlossen, dass du dich von nun an täglich in der Halle des Todes einem weiteren Schweigeexerzitium unterziehen wirst.“

Der Prätor hatte geendet. Es war klar, dass er keinen Widerspruch dulden würde. Coris Herz sackte durch bis ins Becken. Die Aussicht darauf von nun an täglich ungeahnte Zeit in der Finsternis und Stille verbringen zu müssen, ängstigte sie. Die Etilianerin hob den Kopf, wollte widersprechen, flehen, den Abt um ein Einsehen bitten, aber sie brachte keinen Ton heraus. Es war als habe ihr jemand die Stimme genommen.

Resigniert ließ sie das Kinn wieder in Richtung Brustbein wandern und versenkte die Hände verschränkt in den Ärmeln ihrer Robe.
Amando Almadarich von Harmamund segnete sie mit dem Boronsrad und entließ sie mit einer Handbewegung, die keinen Zweifel aufkommen ließ, dass er nicht weiter diskutieren würde.

Als Coris sich umdrehte, sah sie, dass Bruder Noijandro den Zeigefinger auf die schmalen, faltigen Lippen gelegt hatte. Schlagartig wusste Coris, warum ihre Stimme versagt hatte. Der Noionit hatte ihr eine Auszeit verschafft. Corvindaria öffnete die Tür. Ihr breites Grinsen machte der weidener Borongeweihten bewusst, dass wohl doch mehr hinter den Exerzitien steckte als die reine Fürsorge des Prätors für Coris Seelenheil.

Die kommenden Tage vergingen immer nach demselben Muster. Coris machte einen morgendlichen Spaziergang zum Boronanger des Klosters. Sie hoffte auf weitere Zeichen, die Golgari ihr senden mochte. Nach dem Frühstück verbrachte sie den Vormittag mit einer Unterweisung der Noioniten oder hörte bei einem der seelsorgerischen Gespräche mit. Während die anderen dann ihre karge Mittagsmahlzeit, bestehend aus Brot, Oliven und Käse einnahmen, wurde Coris von Corvindaria in die Halle des Todes gebracht, wo man sie in Finsternis und Stille sich selbst und den Geistern des Klosters überließ. Wieder und wieder hörte sie das Jammern und die Vorwürfe, die gegen diverse Personen, wie eben auch die Diener des Dunklen Vaters, ausgestoßen wurden. Im Laufe der Zeit gelang es Coris immer besser die Geisterstimmen zum Schweigen zu bringen und sich selbst im Sitzen in Stille der tiefen Kontemplation zu übergeben. Sie ließ Gedanken, Gefühle und Bilder, die auftauchten einfach kommen und gehen, hielt sie nicht fest, sondern ließ sie ziehen.

Jeden Tag besuchte Coris Bruder Friedwulf und fragte, ob ein Brief für sie angekommen sei. Der Bruder schüttelte jedes Mal wieder den Kopf und bedauerte. Doch der Weidener Borongeweihte kam es vor als wenn ihm die Situation zunehmend peinlich war. Für Coris war das ein Hinweis darauf, dass der Brief an Nazir, den sie ihm übergeben hatte, niemals den Weg nach Heldor gefunden hatte.

Am Ende der Woche dann ereignete sich etwas Außergewöhnliches, das Coris Seele erneut in Unruhe versetzte. Sie beobachtete wie Bruder Noijandro und zwei Akoluthen die blutende Madalisa aus dem Galgenturm in den Trakt des Klosters trugen, in dem sich die Apotheke und die Bäder der Boroni befanden. Coris machte sich gerade auf den Weg zu den noionitischen Unterweisungen am Vormittag als sie die eilig huschende Prozession sah. Madalisa schien bewusstlos zu sein. Ihre Arme hingen schlaff herab, ihr Kopf wurde von Bruder Noijandro gehalten.

Zunächst gelang es Coris nur mit Mühe, ihre Aufregung und ihre Sorge zu verbergen. Dann legte sie sich die Hand auf die Stirn und schickte ein stilles Gebet an Noiona. Offenbar hatten die Unterweisungen der vergangenen Wochen schon Wirkung gezeigt, denn Coris Herzschlag beruhigte sich schlagartig. Die Angst war fort. Im Gegenteil, ihr Geist fühlte sich wach und klar an. Sie befahl sich selbst, Ruhe zu bewahren und darüber nachzudenken, wie sie jetzt vorgehen sollte.

Sie setzte den Weg über den schön bepflanzten Innenhof fort. Setzte Fuß vor Fuß, langsam, bedacht, meditativ, den Blick gesenkt, nicht offenbarend, dass sie gesehen hatte, was am anderen Ende des Hofes stattgefunden hatte. Sie wartete mit einer Klosterbesucherin an einem der Beichtstühle des Tempels auf die Noionitin Boronya. Die aber kam reichlich verspätet und wirkte sehr zerstreut. Coris hatte inzwischen die Vorbesprechung mit der Frau aus einem der umliegenden Dörfer geführt.
Als Boronya dann in den Beichtstuhl verschwand, um der Frau die Beichte abzunehmen und sie seelsorgerisch zu beraten, täuschte Coris eine dringendes, nicht aufzuschiebendes, Bedürfnis vor.

Im Schatten der Säulen des Kreuzganges eilte die Weidenerin zum Apothekentrakt. Zum Glück war von Corvindaria keine Spur.
Coris klopfte an der Tür der Apotheke. Als aber keine Antwort kam, schob sie vorsichtig die Tür auf. Die Akoluthin, die dort sonst ihren Dienst versah, war nicht zu sehen. Aus dem angrenzenden Raum waren Stimmen zu hören. Coris schlich sich in die Apotheke. Ein eigentümlicher Duft nach Kräutern, Ölen und Räucherstoffen lag in der Luft. Die junge weidener Geweihte schlich auf Zehenspitzen zu der Tür von der die Stimmen kamen. Sie erkannte Bruder Noijandros sowie eine weibliche Stimme. Beide stritten sich darüber wie sich die verwirrte Frau die blutenden Wunden zugezogen haben könnte. Sie diskutierten eine Weile darüber wie die Blutung zu stoppen sei, bis plötzlich ein Stöhnen zu vernehmen war.

Coris machte einen Schritt nach vorne. Sie wollte einen Blick in den Raum werfen. In diesem Moment ertönte die wütende Stimme des Abtes zu, der offenbar von einer anderen Seite den Raum betrat. Er fluchte uns schimpfte. Dann machte er allen Beine und scheuchte sie mit verschiedenen Aufgaben aus dem Zimmer. Coris hörte, wie sich Schritte näherten. Mit klopfendem Herzen sprang sie hinter ein großes Fass, das links der Tür zu dem Raum stand in dem der Abt die Befehle erteilt hatte. Die Akoluthin eilte an Coris vorbei und wühlte in einer der Schubladen unter dem Apothekertisch. Sie schien im Halbdunkel des Raumes die schwarzgewandete Geweihte nicht zu sehen.

Nach einer Weile rief sie den Abt zu sich. Dieser kam fluchend in die Apotheke. Coris atmete tief durch. Noch hatte niemand sie entdeckt. Aber das war nur eine Frage der Zeit. Als die beiden sich nun diskutierend, sich beinahe streitend über die Schublade beugten und die in ihren Augen richtige Behandlung verteidigten, nutzte Coris die Gelegenheit. Beide hatten ihr den Rücken zugekehrt. Jetzt, das war ihre Chance! Schleichend, doch ebenso geschwind, begab sich die Dienerin Golgaris zu der Tür. Ein Blick hinein verriet ihr, dass die arme Madalisa ganz allein auf einer Behandlungsliege des Bades lag. Ihre Arme hingen schlaff über die Kanten. Aus ihrem Mund kam ein leises Stöhnen. Vom rechten Arm tropfte Blut herab. Die Wunden, die den Arm bedeckten sahen aus als habe jemand ihn förmlich aufgebissen. Coris eilte zu Madalisa. Sie beugte sich über die Frau und streichelte ihr über die Wange. Erschrocken riss Madalisa die Augen auf. Der erste Laut war ein unterdrückter Schrei. Danach aber erkannte die Verwirrte aus dem Galgenturm die junge Geweihte aus dem fernen Weiden.
„Oh“, stöhnte sie leise. „Die junge Seelenretterin aus Weiden, die mit den Raben sprechen kann!“

Ihre unverletzte Hand krallte sich in den schwarzen, rauen Stoff von Coris Robe. „Ihr müsst mir helfen, Schwester Etiliane. Meine Schwester hat mich hier in das Kloster gebracht, damit sie sich meine Besitzungen aneignen kann. Als Dank dafür, dass ich hinter den Mauern La Dimenzias verschwinde, hat sie dem Abt eine stattliche Summe versprochen. Kaum war ich hier angekommen, hat man mir all meinen Schmuck, den silbernen Spiegel, den goldenen Becher und all meine wertvollen Besitztümer genommen. Helft mir, Schwester Etiliane! Helft mir! Bitte!“

In diesem Moment hörte Coris, dass die beiden in der Apotheke ihren Streit beendet hatten. Es war höchste Zeit, dass sie sich aus dem Staub machte. Doch wohin? In die Apotheke konnte sie nicht zurück. Und was wartete vor der anderen Tür auf sie? Die beiden Akoluthen? Coris musste es probieren. Ganz unboronisch raffte sie ihre Robe hoch und rannte zu dieser Tür. Auf dem Weg durch den Türstock zog sie sich die Kapuze tief ins Gesicht. Tatsächlich standen vor der Tür die beiden Akoluthen und unterhielten sich. Coris eilte stumm an ihnen vorbei. Sie wurde weder angesprochen oder angehalten. Die Dienerin Golgaris verlangsamte ihr Tempo um nicht weiter aufzufallen. Schnurstracks begab sie sich zum Beichtstuhl in dem Schwester Boronya leise mit der Ratsuchenden sprach. So leise wie möglich schlüpfte sie durch den Vorhang und nahm den Platz neben der Noionitin ein. Sie hoffte inständig, dass die erfahrene Noioniten ihren lauten und hart hämmernden Herzschlag nicht wahrnahm. Von dem was die Beichtende sprach bekam Coris nichts mit. Ihre Gedanken rasten und sie dachte nach, wie sie nun vorgehen sollte.

Wie jeden Tag führte Corvindaria Coris in die Tiefen des Borontempels, in die Halle des Todes. Kaum hatte die Akoluthin die Tür hinter ihr geschlossen, schienen die Geister Coris zu bestürmen. Lauter und aufgeregter riefen alle Stimmen durcheinander. Jede der Geisterstimmen schien ihr etwas sagen zu wollen oder ihr einen eigenen Auftrag mit auf den Weg zu geben. Nur mit geübter Willensstärke gelang es der jungen Etilianerin sie zum Verstummen zu bringen.

Letztlich gelang es ihr aber tatsächlich den Geist zu beruhigen und sich mit der Stille Borons zu verbinden. Die eingekehrte Ruhe tat gut. Coris kam gestärkt aus der Halle des Todes. Und wie sie beim Abendgötterdienst und dem anschließenden Abendmahl feststellte, hatte offenbar niemand Verdacht geschöpft. Die beiden Akoluthen aßen ihren Eintopf ohne Coris besondere Aufmerksamkeit zu schenken.

Nach der Abendmesse und dem Nachtmahl ging Coris in ihre Kammer. Sie hatte sich vorgenommen in ihren Mentor Nazir mittels göttlicher Verständigung um Rat zu fragen.  Lange hatte sie über die richtigen Worte nachgedacht. Sie wusste, dass sie keine lange Botschaft übermitteln konnte und fürchtete zudem, dass ihre Botschaft abgefangen werden könne. Also hatte sie sich für eine verschlüsselte Nachricht entschieden, von der sie hoffte, dass Nazir sie dechiffrieren konnte.

***

Coris versenkte sich in einen meditativen Ruhezustand. Alle ihre Sinne waren auf die Liturgie ausgerichtet, die sie wirken wollte. Sie visualisierte ihren Mentor Nazir Nocturnus Heldor und schickte ein Stoßgebet an ihn in seiner Heimatstadt Heldor.

Die Finsterkammdohle ruft: diebische Raben bedeuten Gefahr!

Das Herz der jungen Geweihten schlug hart und schmerzhaft von innen gegen die Rippen, die Pulswelle war bis in den Kopf hinein zu spüren. Angst. Coris verspürte Angst.

 ***

Die Geweihte des Ewigen schlief schlecht in dieser Nacht. Sie hatte Alpträume. Ein übernatürlich großer Greifvogel stieß in einem Fort auf sie herab und versuchte ihr die Augen auszupicken. War es derselbe Alptraum, der Madalisa Nacht für Nacht marterte?

Übermüdet und mit rasenden Kopfschmerzen begab sich Coris am Morgen auf den Boronanger in der Hoffnung einen weiteren Hinweis des Dunklen Vaters zu erhalten. La Dimenzia hüllte sich in tiefes Schweigen. Nebel war über Nacht aufgezogen. Die Wolkendecke hing schwer über den Klostermauern, waberte über den Boden und gab nur zögerlich den Weg frei, den die Dienerin Golgaris zu dem geweihten Bezirk außerhalb der Klosterumgrenzung gehen wollte. Wie immer folgte ihr Corvindaria, inzwischen zeigte die Akoluthin ohne Scheu, dass sie Coris bespitzelte. Sie lief nur wenige Schritte hinter der Weidenerin und gab sich keine Mühe mehr Bäume oder Sträucher als Versteck zu benutzen.

Schemenhaft tauchten die Boronsräder und einfachen Stelen aus dem wabernden Weiß auf. Coris betrat den Boronsanger und hielt an dem kleinen Schrein an, der Golgari gewidmet war. Sie betete still um Beistand.

Als sie sich umdrehte sah sie zunächst kaum die Hand vor Augen. Der Nebel war noch dichter geworden. In der Nähe des Schreines befanden sich die steinernen Male der verstorbenen Geweihten und Klosterbewohner, doch nur mit Mühe konnte sie die erste Reihe der Grabmale erahnen. Ein Geräusch war zu hören, leise nur, doch rhythmisch. Flap, flap, flap…

Coris erkannte den Klang des Flügelschlages eines Raben. Groß schien er zu sein, mächtig, denn der Rhythmus der Flügelschläge war langsam, majestätisch. Dann veränderte sich das Geräusch, wurde ein Rauschen und schließlich sah sie ihn. Ein mächtiger Rabe setzte zur Landung an. Er hatte die schwarzen Schwingen seitlich ausgefahren, stellte das Gefieder zum Abbremsen und Absenken ein und landete beinahe lautlos auf einer der steinernen Stelen nur wenige Schritt von Coris entfernt. Er legte den Kopf schief und sah sie ruhig an.

Coris Herz begann zu jagen. Golgari. Sie wusste es. Sie spürte die Präsenz des Göttlichen und hielt den Atem an. Ihre Hände fanden wie von selbst den Weg zueinander und verschränkten sich zum Gebet. Die Weidenerin fiel auf die Knie, den Raben unentwegt fixierend. Keinen Wimpernschlag gönnte sie sich in der Angst, dass er verschwunden sein könnte, wenn sie die Augen wieder öffnete.

Plötzlich vernahm Coris ein weiteres Geräusch. Ein Kreischen. Was war das für ein Tier? War es überhaupt ein Tier? Die Geweihte sah sich suchend um, doch verhinderte der dichte Nebel, dass sie die Quelle des verzweifelten Kreischens wahrnehmen konnte. Der große Rabe lüftete die Flügel ein wenig, dann hüpfte er in Rabenmanier von einer Stele zur nächsten durch die Reihen der steinernen Grabmale. Schließlich blieb er dort sitzen, wo die steinernen Stelen ein Ende hatten und in einigem Abstand dazu die hölzernen begannen. Er drehte sich um und sah Coris an als wolle er sie auffordern ihm zu folgen.

Die junge Weidenerin stand auf und setzte vorsichtig einen Schritt vor den anderen. Erst als sie in der vorletzten Stelenreihe war konnte sie sehen woher die kreischenden Laute kamen. Vor dem majestätischen Raben auf der noch frisch aufgeworfenen Erde eines Grabes mit einfacher Holzstele drehte ein Vogel verzweifelt kreischend Kreise. Immer in dieselbe Richtung. Sein rechter Flügel schien gebrochen. Er hing unnatürlich zur Seite weg und so sehr das Tier auch versuchte ihn anzulegen oder auszustrecken, es gelang ihm nicht. Die Bewegungen wirkten ermattet, das Tier hatte keine Kraft mehr.

Coris stockte der Atem. Sie starrte gebannt auf das graubraune Vöglein, vielleicht ein Zilpzalp und beobachtete die immer langsamer werdenden Bemühungen des Tierchens. Dann schien der verletzte und verzweifelte Vogel den Raben wahrzunehmen. Er stellte die Versuche ein und blickte zu dem Schwarzen empor. Ruhe kehrte ein. Coris konnte fühlen, wie sich das Vöglein beruhigte und Vertrauen fasste. Dann knickten ihm die Füße weg. Leblos sank das kleine graubraune Federtier zu Boden. Die Füßchen krallten sich ein und wurden ein letztes Mal unter den Bauch gezogen. Der Schnabel öffnete sich. Es war überstanden.

Nun spreizte der große Schwarze seine Schwingen und ließ sich sacht, mit leisem Rauschen zu Boden gleiten. Er griff den kleinen Vogel sanft und erhob sich mit einem kräftigen Flügelschlag in die Höhe. Zwei, drei, vier kräftige Schläge der glänzenden Schwingen genügten ihn im dichten, wattigen Weiß verschwinden zu lassen. Der kleine Vogel trat seinen letzten Weg an. Den Flug über das Nirgendmeer.

***

Als Nazir Nocturnus Heldor sich an diesem Abend zur Nachtruhe begab verspürte er einen heftigen Kopfschmerz. Wie ein Blitz durchzuckte dieser ihn und zwang ihn, sich augenblicklich niederzulegen. Er versuchte zur Ruhe zu kommen und merkte, dass sich der Schmerz besserte. Nun gelang es ihm auch sich in den Zustand der Entrückung zu versetzen, wie er es immer tat, wenn er sein Nachtgebet an den Dunklen Vater schickte.

Doch anstatt eigene Worte formulieren zu können, empfing Nazir einen Satz, einen seltsamen Satz.

Die Finsterkammdohle ruft: diebische Raben bedeuten Gefahr!

Nazir wunderte sich. Er versuchte den Satz beiseite zu schieben um sich auf sein Gebet zu konzentrieren, doch es gelang ihm nicht. Wieder und wieder mischte sich dieser eine seltsame Satz in sein Unterbewusstsein.

Der Diener Bishdariels erkannte, dass es eine Botschaft war. Sollte es eine Botschaft Bishdariels sein? Nur selten hatte er Wahrträume des Traumboten. Es musste eine Bedeutung haben. Nazir versuchte die Bedeutung zu entschlüsseln.
Die Finsterkammdohle ruft

Nun, sie waren weit weg vom Finsterkamm. Eine Nachricht aus der Heimat? Aus Etiliengrund. Womöglich wollte der Abt mit ihm Kontakt aufnehmen mittels der göttlichen Verständigung. Möglich. Diebische Raben bedeuten Gefahr! Diebe? In Etiliengrund? Natürlich war das möglich, aber zum einen war das Kloster nun wirklich abgelegen und zweitens gut geschützt. Und warum Raben? Sollte einer der Borondiener den Abt oder den Tempel bestohlen haben?

Seufzend grübelte der Diener Bishdariels über die kryptische Bedeutung der Botschaft. Er kam zu keiner sinnvollen Lösung und beschloss daher Bishdariel um einen erklärenden Traum zu bitten. Nazir versenkte sich tief ins Gebet an den geflügelten Traumboten und legte sich anschließend schlafen.

Tatsächlich schickte Bishdariel ihm ein Traumgesicht. Anstatt die vertrauten Mauern Etiliengrund sah er das von dichtem Nebel eingehüllte Kloster La Dimenzia. Er konnte Coris nirgendwo entdecken, empfing aber ihre Angst als warnende Botschaft. Er fühlte ihre Verwirrung und Angst am eigenen Leib. Schweißgebadet und zitternd erwachte der Borongeweihte mit dem sicheren Gefühl, dass irgendetwas in La Dimenzia nicht stimmte. Den Rest der Nacht grübelte er über die Botschaften, die er erhalten hatte und noch bevor der Morgen graute, war sein Entschluss gefasst, dass er seinen Aufenthalt in Heldor vorzeitig abbrechen und nach La Dimenzia zurückkehren musste.

***

  Die Glocke des Glockenturms holte Coris aus ihrer Entrückung. Schwer konnte sie sich von der Vision lösen, die Golgari ihr geschickt hatte. Sie sah sich um, der Nebel war noch immer dicht, doch begann er nun im sanften Wind, der aufgekommen war, in Fetzen über den Boronanger und den Weg zum Kloster zu ziehen. Die Trauerweiden am Wegrand bewegten sich. Noch waren die hängenden Zweige kahl. Wie dürre Finger eines Skeletts baumelten sie im Nebeltreiben. Coris beeilte sich. Die Glocke rief zum Morgengebet. Von Corvindaria war keine Spur zu sehen. Vermutlich war sich schon im Kloster um pünktlich zur Morgenmesse zu kommen. Ob sie Golgari auch gesehen hatte? Hatte sie den Tod des kleinen Vögleins mitbekommen? Den gnadenvollen Golgari, der die kleine, liebe Seele mit sich geführt hatte? Was hatte diese Vision zu bedeuten? In Coris Kopf kreisten die Gedanken.

Als sie den Klosterhof betrat, waren gerade die letzten Klosterbewohner im Tempel verschwunden. Doch noch stand die Tür offen. Coris betrat den Tempelraum keuchend im letzten Moment, bevor einer der Akoluthen die Tür hinter ihr schloss. Corvindaria blicke sie missbilligend an. Die Akoluthin hielt ihr die Weihwasserschüssel hin, damit sie sich reinigen konnte.

Bald hatte Coris den ihr zugewiesenen Platz eingenommen. Alle warteten auf den Abt. Doch statt seiner begann die Glocke erneut zu schlagen. In einem hellen, gleichmäßigen und langsamen Rhythmus. Ganz anders als sonst, wenn sie fordernd die Gläubigen und Geweihten zum Götterdienst rief. Dies war der Klang einer Totenglocke.

Suchende Blicke der Gemeinde verrieten, dass sich alle Anwesenden fragten, wer wohl vom Boron abberufen worden war. Als der letzte Glockenton verklungen war und Amando Almadarich von Harmamund den Tempel betrat wichen das Suchen einer gespannten Erwartung. Der Diener des Raben würde das Geheimnis sicher lüften.

Wie jeden Morgen segnete der Abt zunächst die Gemeinde, warf Weihrauchkörner in die Räucherschalen und nahm dann seinen Platz vor dem Altar ein. Sein durchdringender Blick traf Coris. Der Dienerin Golgaris wurde heiß. Sicherlich nicht nur von der Anstrengung des eiligen Laufes vom Boronanger zum Tempel. Sie konnte wieder ihr Herz im Hals schlagen spüren.

Auf das lange, wirkungsvolle Schweigen folgte das übliche „Boronslob“. Dann wiederum Schweigen. Lange ließ der Abt aus der Familie der Harmamunds die Gemeinde warten bevor er die Stimme erhob.
„Madalisa, eine unserer bemitleidenswerten Bewohnerinnen des Galgenturms, ist heute Nacht die Gnade Marbos zuteilgeworden. Unser Herr Boron, der Herr der letzten Dinge, hat sie zu sich berufen und Golgari, der Seelengeleiter, hat ihr verwirrte und zutiefst gemarterte Seele über das Nirgenmeer getragen auf dass sie in den Hallen Borons Ruhe und Frieden finden möge. Lasst uns für ihre Seele beten!“

Coris Herz sank tief. Schlagartig schien es seinen Halt in ihrem Brustkorb verloren zu haben und sackte bis in die Magengrube durch.

„Herr des Todes, Meister der Mysterien,
erbarme dich der armen Seele unser lieben Madalisa,
führe sie heim in dein Reich jenseits des Nirgendmeers,
gewähre ihr den Segen der ewigen Ruhe, des endlosen Schlafes!“

Stille kehrte wieder ein. Ein langer, schweigender Abschied. Dann stimmte die Gemeinde den Choral des Abschieds an. Vielstimmig und mit der Gewissheit, dass jede Zeile der Wahrheit Borons entsprach, erklang dieser wunderschöne Gesang. Ein letztes Geschenk an die gemarterte Seele Madalisas.

„Am Lebensende geh´ in Frieden
ein in des Raben stilles Reich.
Wisse sicher seine Gnade,
Schlafes Bruder bettet weich.
An einem dunklen, sichern Ort
frei jeder Mühsal und Gefahr.
In tiefen Träumen weich geborgen,
schlaf friedlich endlos lange Zeit.
Vergiss des Lebens Plag´ und Müh,
Erfahr´ des Schweigens Ewigkeit.“

 

***

 

Nach dem Frühstück wurde Coris von Corvindaria abgefangen. Der Abt wünsche sie zu sprechen.

Bei Boron, der Abt weiß es! Schoß es Coris durch den Kopf. Mit Sicherheit hatte jemand ihren Besuch bei Madalisa dem Abt gemeldet. Womöglich war sogar ihre Botschaft an Nazir abgefangen worden. Nicht nur das Schreiben sondern sogar die göttliche Verständigung. Was sollte sie nur tun?

Amando Almadarich von Harmamund ließ sich nichts anmerken. Er empfing Coris mit einem Lächeln auf den Lippen.
„Boron zum Gruße, Schwester Etiliane.“

Coris erwiderte den Gruß. Sie blieb vor dem Hüter des Raben stehen und blickte schuldbewusst zu Boden.

„Nun, es tut mir sehr leid zu sehen, wie sehr dich das Schicksal Madalisas mitgenommen hat. Deshalb habe ich beschlossen, dir noch mehr der Weisheit der Lehren der Sankta Noiona von Selem zu vermitteln. In der Halle des Todes hast du wichtige Erkenntnisse gewonnen und die Segnungen des Schweigens und der Stille erfahren können. Das wollen wir noch ausweiten. Von nun an wirst du vormittags und nachmittags dort Zeit in der Meditation verbringen. Den frühen Morgen, den späten Nachmittag und die Zeit nach der Abendmesse sollst du mit der Lektüre noionitischer Schriften verbringen.“

Amando Almadarich von Harmamund erwartete keine Erwiderung und er bekam sie auch nicht. Schweigsam und demütig senkte Coris den Kopf.

Corvindaria, ein offen feindseliges Lächeln auf den Lippen, geleitete sie hinaus. Coris wurde sogleich in die Halle des Todes geführt und wie immer alleine gelassen. Kaum hatte sich die Türe geschlossen als auch schon das Schreien, Jammern und Klagen der armen Seelen und der Geister der im Kloster zu Tode gekommenen anhob. Ergänzt um eine weitere Stimme - die Madalisas.

Coris erkannte die Stimme der armen Frau sofort wieder. Sie klang ganz genauso wie die beiden Male, die Coris sie im Galgenturm gehört hatte. Jammernd und klagend versuchte die verzweifelte Seele ihr Schicksal in die Welt zu schreien. Im Kopf der Weidenerin klang es wie eine Anklage. Auch wenn Madalisa das sicher nicht so gewollt hätte, doch Coris marterte sich, weil sie sich schuldig fühlte am Tod der verzweifelten Frau, die sie so dringlich um Hilfe gebeten hatte.

Heiße Tränen liefen Coris über die Wangen. Sie grämte sich so sehr, dass sie Madalisas Tod nicht verhindert hatte. Wie hätte sie es verhindern sollen? Sie hätte den Abt zu Rede stellen können. Ja, das hätte sie tun sollen! Aber was hätte es gebracht? Sie hatte keine Beweise. Nicht einmal der Familienname Madalisas war ihr bekannt. Wie hätte sie herausfinden können, ob die Anschuldigungen wahr waren? Ja, sie hatte Visionen gehabt, den Flug der Raben zu deuten versucht, doch ob das dem Abt mehr als nur ein müdes Lächeln entlockt hätte? Wohl kaum. Im Gegenteil. Es hätte sie selbst nur noch mehr in Gefahr gebracht. Die ganze Angelegenheit war mehr als unglücklich verlaufen.

Es dauerte an diesem Vormittag lang bis der Tränenstrom der inneren Ruhe wich und bis Coris zu der Zuversicht zurückfand, dass Madalisa in Borons Reich aufgenommen werden und dort ihre Seelenruhe finden würde. Doch gerade als sie diesen Gedanken hatte, hörte sie erneut das Heulen und Jammern der armen Seele und wusste nun, dass Madalisa keine Ruhe in Borons Hallen finden würde, solange ihre gemarterte Seele keinen Frieden gefunden hatte in dieser Zwischenwelt, in der Welt der Geister von La Dimenzia.

***

Nazir verabschiedete sich mit einer langen Umarmung von seiner Mutter. Er verließ sie ungern. Sie wurde immer gebrechlicher und Weiden war weit weg. Wer wusste schon wann er sie wiedersehen würde oder ob überhaupt.
„Möge der Dunkle Vater seine schützenden Schwingen über dich breiten und dir noch ein langes Leben auf Deres Rund bescheren.“

Die zarte alte Frau streichelte ihrem Jüngsten über die Wange.
„Ach, Nazir, du weißt doch, dass ich lieber früher als später vor Uthar treten möchte. Der Tod macht mir keine Angst. Jeden Tag bete ich zu Boron er möge mir den gnädigen Golgari schicken. Du bist derjenige, der mir diesen Flug nicht gönnt.“

Nun runzelte der Diener Bishdariels die Stirn. Sein erster Impuls war seiner Mutter auf das Heftigste zu widersprechen. Doch dann besann er sich. Zum einen wollte er in diesem Moment keine Grundsatzdiskussion vom Zaun brechen und zum zweiten musste er zähneknirschend zugeben, dass sie recht hatte. Er, der tagein-tagaus anderen von der Gnade Borons erzählte und den Menschen versicherte, dass am Tod nichts Fürchtenswertes war, wollte diese Wahrheit angesichts des unausweichlichen Endes seiner Mutter nicht annehmen. Er senkte das kahle Haupt und besann sich auf borongefälliges Schweigen.
Die alte Dame küsste ihren Sohn auf die Stirn.
„Lebe wohl, mein lieber Nazir und pass mir bitte gut auf die junge Coris auf. Sie ist noch so unbedarft was die Gefahren Deres angeht. Bring sie sicher nach Weiden in euer ruhiges Kloster. Richte ihr meine Grüße aus.“

Den Segen des Unausweichlichen nahm Nazirs Mutter mit dankbarer Demut entgegen. Dann drückte sie ihrem jüngsten Spross ein Bündel mit Proviant in die Hand.

Schon ein Stundenmaß später befand sich der Borongeweihte auf dem Weg nach Ragath.

***

Die Zeit bis Corvindaria kam um Coris abzuholen kam der Dienerin Golgaris besonders lang vor. Und tatsächlich, als sie aus der Finsternis der Halle des Todes zurückkehrte war die Praiosscheibe schon weit über den Zenit hinaus. Milchig schien das Praiosmal durch den Hochnebel. Die Akoluthin führte Coris über den Hof in Richtung des Galgenturms. Kurz bevor sie den Kreuzgang erreichten trafen sie auf Bruder Noijandro, der zwei dicke Bücher trug. Er begrüße die Weidener Geweihte mit ausdrucksloser Miene.
„Der Abt hat mich beauftragt, dir diese Bücher zum Studium zu bringen. Folge mir bitte.“

Er öffnete die Tür, die in den Gnadenturm führte. Zögernd folgte Coris dem Noioniten. Corvindaria zog hinter ihnen die Tür zu. Es ging die Treppe hinauf. Bald standen sie vor der Tür der Kammer die die arme Madalisa bewohnt hatte. Noijandro reichte Coris die Bücher, damit er die Hände frei hatte. Er suchte den passenden Schlüssel an seinem Schlüsselbund und öffnete die Tür. Ein Blick auf Corvindaria ließ Coris erahnen was nun folgen würde.
„Komm bitte!“, sagte der Noionit. Coris machte einen Schritt zurück. Doch vergeblich. Corvindaria war bereits hinter ihr und verhinderte, dass die Weidenerin flüchtete. Grob schubste sie Coris in die enge Kammer. Noijiandor betrat gemeinsam mit der Dienerin Golgaris die Kammer und wies auf das einfache Bett.
„Nimm bitte dort Platz, Schwester Etiliane.“

Ein Blick auf die Akoluthin, die breitbeinig in der Tür stand und jeden Fluchtversuch zunichtemachen würde, ließ Coris resignieren. Sie setzte sich und legte die Bücher neben sich auf das Bett.

Bruder Noijandro deutete auf das obere der beiden Bücher. „Leben und Werk der Heiligen Noiona von Selem“ stand in goldenen Lettern auf dem schwarzen Ledereinband.
„Widme dich dem Studium der Lehren der Heiligen Noiona und auch das andere Werk kann dir von großer Hilfe sein. Eine intensive Beschäftigung mit den dort enthaltenen Weisheiten kann dir und anderen die notwendige Seelenruhe verschaffen. Sei dir dessen gewiss!“

Der Blick des Noioniten war nun nicht mehr so ausdruckslos wie zuvor. Er schien ganz im Gegenteil überzeugt davon zu sein, dass das, was er ihr mitgeteilt hatte, von außergewöhnlicher Wichtigkeit war. Zumindest ließen die hochgezogenen Augenbrauen und der invasive Blick das erahnen.

Coris nickte folgsam. Was blieb ihr auch?

Mit einem gehässigen Grinsen auf den Lippen öffnete Corvindaria dem Noioniten die Tür. Bruder Noiandro verließ die Kammer. Der Schlüssel drehte sich im Schloss.

***

Seufzend sackte Coris auf der einfachen Schlafstatt in sich zusammen. Sollte es das jetzt gewesen sein? Würde sie den Rest ihres Lebens im Galgenturm verbringen? Wie lange würde es wohl dauern bis auch sie so verrückt werden würde wie Madalisa?

Lange saß sie so da und grübelte. Dann irgendwann nahm Coris das oberste Buch auf und schlug es auf. Sie blätterte ein wenig darin. Auch in Etiliengrund hatten sie ein Exemplar davon. Nicht so ein prachtvolles Werk wie dieses mit kunstvoll verzierten Initialen, aber ein lesbares Werk der Heiligen von Selem. Coris schlug das Buch wieder zu und nahm sie das zweite Buch, das unter dem Werk Noionas gelegen hatte. Auch dieses Buch hatte einen schwarzen Ledereinband. Der Titel jedoch war kaum mehr lesbar, nur eingeprägt in die lederne Hülle, nicht aber mit goldenen Lettern hervorgehoben. Coris musste das Buch schräg gegen das wenige einfallende Licht des schmalen Fensters heben um den Titel entziffern zu können.
„Vom Wesen und Umgang mit gefesselten Seelen“

Neugierig schlug Coris auch dieses Buch auf. Dieses Mal waren die Buchstaben einfach gestaltet. An vielen Stellen waren handschriftliche Einfügungen angebracht. Die Dienerin Golgaris blätterte interessiert in dem Buch. Es handelte von den sieben Sphären, den Totengeistern, Geistererscheinungen und Spuk, Irrlichtern und dem Phänomen des Nachtalps. Skizzen und einfache Zeichnungen illustrierten die einzelnen Erscheinungen. Ein langes Kapitel war den Möglichkeiten der Erlösung gewidmet.

Coris ließ das Buch sinken. Hatte Noijandro ihr dieses Buch zukommen lassen oder ein anderer guter Geist des Klosters? Der Abt war es sicher nicht gewesen und Corvindaria sicherlich auch nicht. Wer auch immer gewollt hatte, dass sie dieses Buch las, hegte offenbar die Hoffnung, dass sie darin etwas lesen würde, das ihr bei ihren Begegnungen mit den Geistererscheinungen in der Halle der Toten helfen konnte.

Als sie zur Abendmesse und dem gemeinsamen Abendmahl geholt wurde, legte sie die Lehren Noionas wieder auf das Buch über die gefesselten Seelen. Niemand sollte es gleich sehen können.

Nach dem gemeinsamen Abendessen wurde Coris sogleich in ihre neuen „Unterkunft“ gebracht. Ohne Kerzenlicht blieb Coris eingesperrt. So konnte sie nicht lesen.

 ***

Auch in dieser Nacht, die Nazir in Ragath verbrachte, hatte er einen Traum. Er sah eine silbrig-schwarze Finsterkammdohle in einem Käfig sitzen. Fragend legte sie das Köpfchen schief. Sie hüpfte in ihrem Käfig auf und ab und krächzte leise.

Coris? War Coris wirklich gefangen? Nazir wurde heiß und kalt. Er musste sich beeilen.

 In der Schänke, in der er genächtigt hatte, fragte er nach einem Pferd. Man nannte ihm einen Mietstall am Ortsausgang in Richtung Schrotenstein. Das Pferd, das er sich auslieh war weder besonders schnell noch besonders gutwillig. Nazir, der nicht viel Übung im Reiten hatte, musste das Tier ordentlich antreiben. Der Wallach schien sich an das boronische Prinzip zu halten, nicht zu eilen, sondern ein moderat langsames Tempo vorzuziehen. Dennoch kam Nazir besser voran als es zu Fuß möglich gewesen wäre.

 ***

Nach der Morgenmesse und dem üblichen kärglichen Getreidebrei brachte Corvindaria die Weidener Geweihte wieder in den Galgenturm.
„Den Vormittag sollst du beim Studium der Schriften verbringen, hat der Abt befohlen. Später hole ich dich wieder für die Schweigeexerzitien in der Halle des Todes.“

Die Akoluthin zog die Tür hinter sich zu und drehte den Schlüssel im Schloss. Coris war alleine. Neugierig zog sie das Buch über die „gefesselten Seelen“ hervor. Sie begann zu lesen.

„Die Welt der Geister,

Infolge des Todes einer jeden diesseitigen Wesenheit trennt sich seine Seele von Leib und Geist. Um in das Totenreich der Vierten oder in die alveranischen Gefilde der fünften Sphäre zu gelangen muss die Seele frei sein von Schuld, seelischer Not und Frevel. Ist sie beladen von einem Fluch oder wird durch eine außergewöhnliche magische, sphärische oder gar göttliche oder dämonische Einwirkung daran gehindert den Zugang zu den höheren Sphären zu finden, bleibt die Seele in der Dritten Ebene des Limbus zurück. Es ist auch möglich, dass ihr der Zugang zu Borons Hallen verweigert wird und sie ins Diesseite zurückgeschickt wird. Manche Seele verbleibt aus eigenem Willen, wofür aber eine außergewöhnlich starke Willensanstrengung nötig ist im Diesseits. Meist geschieht dies, wenn sie eine letzte Aufgabe vollenden muss, sei es um sich aus einem Fluch zu befreien oder sei es um ihren Mörder zu stellen und der gerechten Bestrafung zuzuführen. In der dritten Ebene, der „Ebene der Geister“, der wir auch das Nirgendmeer zuordnen, befindet sich der Aufenthaltsort dieser gefesselten Seelen.“

Coris seufzte. Die arme Madalisa und die vielen armen Seelen, deren Stimmen sie in der Halle des Todes gehört hatte. Sie alle schienen in dieser Zwischensphäre ausharren zu müssen. Coris las weiter.

„Geister sind überaus feinstoffliche Wesen und bestehen nach der Trennung vom toten Körper nur noch aus den restlichen Teilen des Astralleibs, den Erinnerungen, dem Wesen und dem Bewusstsein sowie der eigentlichen Seele des Verstorbenen. Sie stellen starke Kristallisationspunkte für freie und ungebundene Astralenergie dar, so dass Geister grundsätzlich als „magische Wesen“ eistieren. Nur Magie und göttliches Wirken können sie beeinflussen. Magische oder geweihte Waffen oder Schadenszauber oder aber übernatürliche Wesenheiten können sie aber verletzen, wenn sie ihrer habhaft werden, was oft ein schwieriges Unterfangen ist, da sie häufig keine physische Präsenz besitzen.

Oft ist es schwer einen Geist von einem Gespenst oder einer Spukgestalt zu unterscheiden. Vor allem die Intention des Geistwesens entscheidet darüber ob wir sie als hilfesuchende Seele oder bösen Nachtalp bezeichnen. Irrlichter und lockende Frauen sind ebenso gefährlich, wie säuselnde Stimmen in Mooren und Sümpfen. Phantome und dunkle Schatten trachten nach einem pulsierenden Herz und machtvolle Seelensammler sind abgrundtief verachtenswerte Wesenheiten.

Nichtsdestotrotz gibt es auch sorgende Schutzgeister, die sich der Errettung in Not geratener Seelen verschrieben haben und aus diesem Grund in der dritten Sphäre verweilen. Eine Besonderheit stellen Geisterschiffe mit ihren Geisterkapitänen oder Geisterseemännern dar.“

Fasziniert las die Weidenerin weiter. Es folgten einige Seiten über Naturgeister und Elementare, über Baumgeister, Berggeister und personalisierte Winde. Auch die Kräfte Sumus kamen zur Sprache. Dann folgte ein Exkurs über Mindergeister, Dämonen und Untote. Sie überblätterte diese Seiten und kam schließlich zum wichtigen Kapitel über „Das Bannen und Erlösen von Geistern“.

Hier las Coris einige magische Sprüche und Techniken, die ihr als Nicht-Magierin aber leider nicht helfen konnten. Dann aber gegen Ende des Kapitels kam der Autor auf die Möglichkeiten zu sprechen, die ein Borongeweihter hatte.

Geweihte des Gottes Boron verfügen über einige machtvolle Liturgien, die im Falle einer Geisterbannung und Rückführung eines Totengeistes in die vierte Sphäre helfen können.

Als erstes erwähnte das Buch die Möglichkeit mittels „Marbos Geisterblick“ anwesende Geister zur Manifestation zu bewegen, so dass der Borongeweihte erkennen konnte, ob es sich um einen Totengeist, Dämon oder ein Elementarwesen handelte. Die Liturgie ermöglichte es dem Geweihten den Geist anzusprechen, nicht jedoch ihn zu einer Antwort zu zwingen.

Coris erinnerte sich an eine Begebenheit während des Heerzuges gegen Haffax, in der Nazir seine Augen mit geweihtem Lotosöl benetzt hatte, um die gefesselten Seelen derer zu erkennen, die auf einem Schlachtfeld zurückgeblieben waren. So war es ihm möglich gewesen, einen entsprechend großen, geweihten Platz zu konsekrieren, an dem diese Seelen schließlich in Boron ihre Ruhe finden konnten. Diese liturgische Arbeit hatte ihren Mentor damals sehr erschöpft.
Auch Coris kannte die Gebete und Gesten, die neben dem Lotosöl notwendig waren, die Geister zum Manifestieren zu bewegen, hatte allerdings keine eigene Erfahrung mit der Liturgie.

Für die Diener Borons nach dem Al´ Anfaner Kult war dieselbe Liturgie unter dem Namen Nemekaths Geisterblick bekannt.

Als zweites erwähnte das Buch die Wichtigkeit des „Bannfluchs des Heiligen Khalid“.
Die Liturgie wurde ausführlich besprochen. Coris erinnerte sich noch gut sie gelernt zu haben. Der Abt persönlich hatte diese Lehrstunden gegeben. Bei ihrem Aufenthalt in den Schwarzen Landen, als sie mit Bruder Nazir den Heerzug gegen Haffax begleitet hatte, war Coris schließlich die Tragweite dieser Liturgie bewusstgeworden. Dort hatten sie nicht nur eine Menge an Totengeistern wahrgenommen, sondern es auch mit den ruhelosen Seelen derjenigen zu tun bekommen, die von Dämonen, Untoten und Paktierern umgebracht worden waren. In einem Fort hatten sie mit Gebeten und Gesängen, mit Weihrauch und Lotos oder geweihter Erde den Boden für eine borongefällige Bestattung nach der Kremation gesegnet und so den Ruhelosen den Segen des ewigen Schlafs verschafft. In manchen Fällen war es sogar notwendig gewesen, die Geister zunächst manifestieren zu lassen, um sie dann unmittelbar mit Weihrauch zu segnen oder mit geweihter Erde zu bewerfen.

Die Weidener Borondienerin wollte sich gerade der Beschreibung einer im Al´ Anfaner Kult gelehrten Liturgie zuwenden, als sie Schritte auf der Treppe vernahm. Schnell versteckte sie das Buch wieder unter den Lehren der Heiligen Noiona von Selem und wartete darauf, dass sich die Tür öffnete.

Corvindaria erschien. Mit unbewegter Miene forderte sie Coris auf ihr in die Halle des Todes zu folgen. Dort schloss sie wie schon in den vergangenen Tagen die Borongeweihte aus Weiden ein.
Es dauerte nicht lange bis das Heulen und Jammern begann. Ohne Lotosöl, geweihte Erde oder Weihrauch würde es fast unmöglich sein für sie, einen der Geister, bevorzugt Madalisa zur Manifestation zu bewegen, geschweige denn sie zu bannen und ihr den Weg in die vierte Sphäre zu erleichtern.
Dennoch versuchte Coris sich an die Gesänge zu erinnern, die Nazir und sie angestimmt hatten, um die Totengeister zur letzten Ruhe zu betten. Sie begann zunächst leise, dann immer lauter zu singen.

„Weizen gleich vor Schnitters Mahd,
fällt des Lebens reiche Frucht
Menschenleben ist vollendet.
Folg´ dem Raben ohne Furcht!

Gehe ein ins Reich des Todes!
Finde Deine Ahnen dort!
Freund und Feind vor Dir verschieden
harren Dir in diesem Hort.

Bedenk´ dass deine Derenstage
nicht länger währen als ein Hauch.
Fort weht wie Nebelstreifen
vor des Winters grimmen Frost.

In des Unergründlich´ Hallen
ist Er Frieden uns und Trost
Denn was ihr seid, dies waren wir
Und was wir sind, dies werdet ihr.“

 

Coris konnte später nicht mehr sagen wie lange sie so gesungen hatte. Doch als sie vor Erschöpfung in einen tranceartigen Zustand versank, waren die heulenden und jammernden Stimmen leiser geworden. Zumindest glaubte sie das so wahrzunehmen.

 ***

Es war schon spät als Nazir im Kloster La Dimenzia ankam. Man ließ ihn deutlich spüren, dass man solche späten Besucher nicht guthieß. Ein Akoluth brachte sein Pferd außerhalb des Klostergeländes in einen Stall. Auf seine Frage nach Coris oder dem Abt bekam der Diener Bishdariels nur zu hören, dass sie sich bereits zurückgezogen hätten. Zunächst gab sich Nazir damit zufrieden, er ließ sich in eine der Gästekammern führen und wartete auf das Läuten der Glocke zur Mitternachtsmesse.

Der Tempel füllte sich mit den Geweihten und einigen Akoluthen. Coris war nirgendwo zu sehen. Der Abt kam spät. Er räucherte und intonierte einen leisen Choral, die Gemeinde blieb still. Dann folgte ein langes, schweigendes Gebet. Beendet wurde die mitternächtliche Gebetszeit mit einem gemeinsamen Choral, der ebenfalls eher ruhig und getragen war.

Vergeblich versuchte der Diener Bisdariels nach der Messe den Abt abzufangen. Eine Akoluthin mit steinerner Miene ließ ihn mit einem energischen Kopfschütteln wissen, dass der Abt nicht mehr zu sprechen sein würde.

Wütend und besorgt zugleich machte sich Nazir auf den Weg zu seiner Kammer. Wo war Coris?

 ***

Coris saß auf ihrem Bett im Galgenturm. Auch sie hatte die Glocke zur Mitternachtsmesse gehört. Wie schon in der Nacht zuvor ließ man sie nicht an diesem gemeinsamen Nachtgebet teilnehmen. Trotzig versenkte sich Coris in ein eigenes stilles Gebet zu Boron und bat ihn darum ihr zu offenbaren was er sie lehren wollte in dieser Zeit in La Dimenzia. Sie war fest davon überzeugt, dass der Aufenthalt in diesem Boronkloster einen Sinn für sie hatte. Boron hatte ihr diese Aufgabe übertragen, er prüfte sie. Ergeben senkte sie das Haupt im Gebet und bat dann auch den Traumdiener Borons, Bishdariel, ihr einen Traum zu schicken, der ihr verraten würde, was sie aus dieser Zeit im Galgenturm mitnehmen sollte.

Die Nacht war fürchterlich. Die Stimmen verfolgten sie. Es schien als hätten sich alle Geister, deren Seelen in diesem Kloster keine Ruhe fanden, in ihrer winzigen Kammer versammelt. Von leise weinend bis wild und wütend tobend war alles vorhanden. Coris hielt sich die Ohren zu, doch das änderte nichts an der Lautstärke und der Intensität des Geistergeheuls.

Da an Schlaf ohnehin nicht zu denken war, begann Coris zu singen. Zunächst leise, dann immer lauter. Sie sang den Choral mit dem sie am Vortag schon die Seelen in der Halle des Todes beruhigt hatte. Auch jetzt schien der Choral Wirkung zu zeigen. Allerdings nur kurz. Sobald sie aufhörte begannen die Stimmen erneut lauter und wilder zu jammern und zu heulen.

 ***

 Am kommenden Morgen beeilte sich Nazir gleich nach der Morgenmesse den Abt sprechen zu können. Mehrere Versuche der übereifrigen Akoluthin ihn davon abzuhalten das direkte Gespräch zu führen, wehrte der Weidener Borongeweihte mit seiner Hartnäckigkeit ab. Energisch schob er sich an Corvindaria vorbei und schloss mit Amando Almadarich von Harmamund auf.

„Auf ein Wort, Hochwürden!“, rief Nazir laut und deutlich.

Amando Almadarich von Harmamunds Kopf fuhr herum. Er erkannte den Weidener Borondiener. Ein Flackern zeigte sich in seinen Augen, die Lippen verschmälerten sich verbissen. Doch schon einen Wimpernschlag später hatte sich der Abt wieder im Griff. Er zwang die verkrampften Lippen zu einem Lächeln.
„Bruder Nazir! Schon wieder zurück aus Heldor?“, fragte der Tempelvorsteher.

„So ist es, Hochwürden!“, bestätigte ihm der einfache Geweihte. „Ich vermisse meine Glaubensschwester Etiliane Fesslin. Wo ist sie denn?“

Amando Almadarich von Harmamund atmete tief durch. Dann senkte er seine Stimme.
„Komm doch bitte mit mir in die Sakristei. Dann wollen wir über Schwester Etiliane sprechen.“

Nazirs Augenbrauen schossen hoch. Was, bei Marbo, war mit Coris passiert? Wo war sie? Er folgte dem Abt mit einem mulmigen Gefühl im Bauch.

Die strengblickende Akoluthin ging voran. Sie öffnete die Tür zu Sakristei und ließ dem Abt und Nazir den Vortritt. Dann betrat auch sie den Raum. Corvindaria postierte sich an der Tür und musterte Nazir mit unverhohlenem Misstrauen.

Die Sakristei war wie der Tempel selbst im eslamidischen Stil ausgestaltet. Holzschnitzereien mit den Symbolen der Boronkirche schmückten das Mobiliar und auch die Wände zierten Malereien im eslamidischen Stil. Doch dafür hatte Nazir nun keine Augen. Er wollte endlich wissen was mit Coris war.

Amando Almadarich von Harmamund trat hinter den Tisch aus schwarzem Holz auf dem eine Kiste mit Räucherwerk und anderes liturgisches Gerät stand. Er verharrte lange in Schweigen. Nazirs Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt. Schließlich begann der Abt zu sprechen.

„Nun, die Hüterin des Raben hat unserer Schwester Etiliane mit Sicherheit aus gutem Grund den Rat gegeben, eine Zeit hier im Kloster La Dimenzia der Heiligen Noiona von Ragathsquell zu verbringen. Sie ist noch jung und erst kürzlich geweiht worden. Die wahre Eignung zeigt sich oft erst bei einer harten und gerechten Prüfung. Aber oft zeigen sich dabei auch Schwächen oder gar…“

Er machte eine bedeutsame Pause und blickte Nazir unverwandt an. Die Nerven des Weideners waren zum Zerreißen gespannt. Am liebsten wäre er dem höherrangigen Glaubensbruder an die Robe gegangen, hätte ihn in seiner Blasiertheit gepackt und geschüttelt, um zu erfahren wo Coris war und wie es ihr ging. Doch der Diener Bishdariels war schon lang genug im Dienste Borons um sich im Griff zu haben. Er schickte ein Stoßgebet an den Schweigsamen und spürte sofort die Ruhe in sich zurückkehren.

„Schwester Etiliane hat mit einigem Erfolg an den noionitischen Unterweisungen und seelsorgerischen Konsultationen teilgenommen. Sie profitierte sehr von den Schweigeexerzitien. Doch irgendwann kam sie mit dem Wunsch zu mir auch die noionitischen Bemühungen um die Bewohner des Galgenturms aus nächster Nähe erfahren zu dürfen. Mir war schon gleich nicht ganz wohl bei der Sache, schließlich ist sie noch sehr jung und unerfahren. Außerdem liegt ein tiefdunkler Schatten über ihrer Vergangenheit, wie ich vermute…“

Der eindringliche Blick des Abtes erforschte Nazir. Der Geweihte aus dem Weidener Kloster Etiliengrund nickte.

Zufrieden fuhr der Abt fort. „Wie dem auch sei, bereits die erste Begegnung mit einer Bewohnerin des Turmes wühlte Schwester Etiliane stark auf. Bruder Noijandro und die Akoluthin Corvindaria bemerkten es. Wir bemühten uns gegenzusteuern, verordneten ihr mehr Schweigeexerzitien und versuchten die sich abzeichnende mentale Unruhe zu besänftigen. Doch tatsächlich wurde es mit dem zweiten Besuch im Galgenturm an der Seite Bruder Noijandros noch schlimmer. Schwester Etiliane wies Anzeichen schwerer mentaler Unruhe auf. Alle unsere Bemühungen verliefen bislang ohne Erfolg. Zu ihrer eigenen Sicherheit mussten wir Schwester Etiliane im Galgenturm unterbringen. Es tut mir sehr leid, Euch das mitteilen zu müssen, Bruder Nazir.“

Auch wenn Amando Almadarich von Harmamund Bedauern heuchelte, war in seiner Stimme doch zu hören, dass die Anteilnahme gespielt war.
Wut kochte in Nazir hoch. Was für ein Spiel wurde hier gespielt? Was im Namen Borons trieb den Abt dazu die arme Coris in den Galgenturm zu sperren. Nazir musste etwas unternehmen! Wut brachte ihn nicht weiter. Er rief sich erneut zur Ruhe. Es war wichtig jetzt nichts Falsches zu sagen oder zu tun. Der Abt war eindeutig in der Machtposition. Nazir musste klug vorgehen.

„Ist es möglich, dass ich Coris, äh.. Schwester Etiliane besuche? Ich möchte sie gerne sehen und mit ihr sprechen. Niemand kennt sie so gut wie ich. Seit sie 8 Jahre alt war ist sie in meiner Obhut.“

Der Abt kniff die Lippen zusammen. Er wechselte Blicke mit Corvindaria.
„Sicher, sicher Bruder Nazir. Wenn sie jemand kennt, dann Ihr. Ich werde Euch Bruder Noijandro und Corvindaria an die Seite geben. Aber nur kurz und ich appelliere an Euch: achtet die Gebote Borons zu schweigen oder nur die nötigsten Worte zu sprechen sowie die Lehren der Heiligen Noiona zu befolgen, also den Anweisungen des Noioniten zu folgen.“

Nazir senkte demütig das Haupt. „Habt Dank, ehrwürdiger Abt!“

Das huldvolle Lächeln Amando Almadarich von Harmamunds strahlte Überlegenheit aus. Er wusste, dass er in einer machtvollen Position war.

 

Die strenge Akoluthin führte Nazir in den Klostergarten und hieß ihn zu warten. Sie machte sich auf den Weg den Noioniten zu holen. Nazirs Blick fiel auf den Galgenturm. Irgendwo dort hinter den schmalen Fenstern saß Coris gefangen.

Es dauerte eine Weile ehe die Akoluthin mit dem Noioniten zurückkehrte. Der tiefgebeugte Rücken des Geweihten im Dienste der Heiligen Noiona ließ Noijandro besonders gebrechlich wirken. Er begrüßte den Glaubensbruder aus Weiden mit einem Kopfnicken bei dem sich sein Kinn noch stärker dem Bauchnabel näherte. Auch Nazir beließ es bei einem Kopfnicken zur Begrüßung. Gemeinsam strebten sie dem Galgenturm zu. Dort nestelte Noijandro einen Schlüssel von dem schweren Ring mit vielen Schlüsseln, der an seinem Gürtel hing.

Bereits als die Tür aufschwang konnte Nazir Coris Stimme hören. Sie hatte eine schöne Stimme, die sie allerdings nicht oft hören ließ. Nazir kannte den Choral den sie sang. Coris Stimme klang eindringlich, irgendwie verzweifelt. Der Diener Bisdariels wollte sich beeilen, doch der altersschwache Noionit brauchte eine gefühlte Ewigkeit für das Dutzend Stufen nach oben. Er schnaufte hörbar. Der Klang von Coris Stimme variierte je nach Umgebung. Manchmal hallte die Stimme, manchmal wurde sie fast verschluckt. Als sie sich jedoch der Tür in der Wand näherten, wurde sie deutlicher.

„Gehe ein ins Reich des Todes!
Finde Deine Ahnen dort!
Freund und Feind vor Dir verschieden
harren Dir in diesem Hort.“

 

Wieder nestelte der Noionit an seinem Schlüsselbund bis er den passenden Schlüssel fand. Als sich die Tür knarrend öffnete bot sich Nazir ein Bild des Grauens. Coris saß auf der einfachen Bettstatt. Sie schwankte hin und her. Das nach der Rasur zur Weihe noch immer kurze, schwarze Haar wirkte fremd. Die junge Weidenerin war ja immer blass gewesen, doch heute wirkte sie noch blasser denn je. Tiefe dunkle Augenringe verstärkten das Gesamtbild einer Wahnsinnigen. Obwohl bald alle drei Boroni eingetreten waren, hörte Coris nicht auf zu singen. Ihre dunklen Augen starrten auf die Wand, die ihrer Bettstatt gegenüberlag. Sie schienen nichts wahrzunehmen.

„Coris!“ Nazir konnte nicht länger an sich halten. Mit zwei Schritten war er bei seiner ehemaligen Novizin. „Bei Boron, was ist mit dir?“

Coris blickte erschrocken auf. Es dauerte eine Weile bis sie begriff, wer vor ihr stand. Dann riss sie die Augen auf.
„Nazir! Endlich bist du da! Der Dunkle Vater hatte ein Einsehen mit mir! Ich danke Boron für seine Gnade! Du hast den Brief also doch erhalten! Und ich dachte schon du kämst nie und ich müsste hier bleiben bei all den Geistern. Stell dir vor, was hier alles passiert ist. Sie hat geblutet, stark geblutet, am Arm, genauso wie der kleine Vogel und dann starb sie genauso wie das Vöglein! Verstehst du, die Vision, sie wurde wahr! Golgari hat sie gesandt! Ganz sicher! Sie haben sie umgebracht! Ganz bestimmt! Und wenn nicht dann haben sie dafür gesorgt, dass sie starb! Und dann sind da diese ganzen Geister, Tag und Nacht höre ich sie! Sie heulen und schreien und jammern. Ich höre sie überall. Hier im Turm und auch in der Halle des Todes! Sie sind nur still, wenn ich singe! Deshalb singe ich, Tag und Nacht – Tag und Nacht! Wir müssen sie erlösen, ihnen den Weg in die vierte und fünfte Sphäre ermöglichen, sie alle befreien und für Gerechtigkeit sorgen! Ja, das müssen wir! Das bin ich Madalisa schuldig! Ich bin schuldig, weil ich es nicht verhindert habe. Ich wusste es, aber ich habe es nicht verhindert! Ich war so dumm, habe die Zeichen nicht richtig gedeutet. Die Wahrheit, die Bishdariel und Golgari mir sandten habe ich nicht erkannt! Ich trage Schuld!“

Entsetzt starrte Nazir die Weidenerin an. Noch nie hatte er Coris so gesehen. Die schweigsame Coris plapperte ohne Punkt und Komma. Völlig unzusammenhängend und wirr, wie es schien. Sie sprach von Blut und Tod, von einem Vogel und Geistern. Visionen erwähnte sie ebenso wie einen Mord! Was für ein wirres, wahnhaftes Gebrabbel! Bei der Heiligen Noiona, hatte Coris einen Rückfall? Hatte irgendein Ereignis alte Wunden aufgerissen und ihren Geist so zerrüttet?

Als Nazir nicht so reagierte, wie Coris es erwartet hatte, ließ sie sich zu seinen Füßen niederfallen. Sie krallte sich in seine Robe und blickte flehend zu ihm hinauf.
„Nazir, bitte, du musst mich hier herausholen! Wir müssen Madalisa helfen! Wir müssen, bitte!“

Als Nazir sich niederbeugte, um die junge Borongeweihte aufzuheben, schlossen sich alte, faltige und knochige Finger um Coris Hände. Sie gehörten Noijandro, der sanft aber bestimmt ihren Griff lockerte und die junge Frau wieder auf die Bettstatt zwang.
Dort berührte er ihre Stirn und begann mit heiserer Stimme zur Heiligen Noiona zu beten. Er begann mit leiser Stimme zu beten:

„Heilige Noiona,
sehe wie verwirrt der Geist unserer Schwester Etiliane ist.
Verleihe ihr Stärke auf dass sie das Chaos zu bezwingen vermag.
Lass sie Weisheit und Ruhe finden,
Lass sie neue Kraft schöpfen
 und zum Glauben an dich und die Güte Borons zurückfinden.“

Nazir konnte sehen, wie Coris sich beruhigte. Die Unruhe wich aus ihrem Blick, ihre Muskelspannung ließ nach. Sie sank in sich zusammen. Wie schon bei Madalisa stimmte Bruder Noijandro auch dieses Mal den Choral der Vergänglichkeit an.

„Schweigen umfängt die sterbliche Hülle,
harrend in der Vergänglichkeit.
Hör das Lied der Schwingen,
Sie klingen vom Nirgendmeer!
Frieden bringen sie der Seele,
Träume bis in Ewigkeit.“

Corvindaria stimmte sogleich ein und nach den ersten Zeilen, fiel auch Nazir in den bekannten Choral ein. Er spürte, dass das spirituelle Lied auch im die nötige Ruhe zurückbrachte.

Als der letzte Ton verklungen war, legte Noijandro ihm die Hand auf den Unterarm.
„Komm, Bruder Nazir! Lassen wir sie alleine. Ihr Geist möchte Ruhe finden.“

Nazir nickte. Auch sein Geist brauchte Ruhe, Ruhe um nachzudenken!

Coris konnte es nicht glauben. Nazir war wieder fort. Er hatte nichts zu ihr gesagt, nichts getan, um sie aus dem Galgenturm zu holen. Was bei allen Alveraniaren sollte sie nun machen?

Niedergeschlagen setzte sie sich auf ihre Liegestatt. Alle derischen und niederhöllischen Mächte schienen sich gegen sie verschworen zu haben. Sie versuchte nachzudenken. Irgendwie musste sie eine Möglichkeit finden mit Nazir alleine zu sprechen. Ob sie noch einmal versuchen sollte, sich ihm über die göttliche Verständigung mitzuteilen? Sie schickte ein Stoßgebet an Boron ihr zu helfen. Es musste doch eine Lösung geben!

Ihr Blick ging zu dem engen Mauereinschnitt hoch, der nicht wirklich ein Fenster war, mehr ein Luft- und Lichteinlass. Sie konnte den grauen, nebelverhangenen Himmel sehen.
Plötzlich hörte sie ein Flattern, dann verdunkelte sich der Raum. Das Licht wurde von dem rabenschwarzen Gefieder eines Raben geschluckt, der sich in dem Mauerausschnitt niedergelassen hatte. Der schwarze Vogel kippte seinen Kopf zur Seite und sah Coris keck an. Dann pickte er in die Wand zu seinen Füßen.

Die Borongeweihte musterte den Raben. War er der Sendbote Borons? Er wirkte so gar nicht wie Golgari, der Seelenvogel. Eher wie eine der frechen Finsterkammdohlen, die sich hier und da auch mal eine Leckerei aus der Klosterküche Etiliengrunds stibitzten. Der Rabenvogel hüpfte mutig vom Fenstersims auf den Waschtisch und trank dann aus der Waschschüssel, die darauf stand und noch mit dem Waschwasser der Morgenwäsche gefüllt war. Irritiert beobachtete Coris wie ungehemmt und frei sich das Tier in ihrer Kammer bewegte. Der Rabe drehte sich wieder zu ihr um, legte erneut den Kopf schief und stieß ein tiefklingendes Gurren aus. Dann drehte er sich um und hüpfte erneut in die Mauerlücke. Ohne einen weiteren Blick zurück drückte er die krallenbewehrten Füße ins Mauerwerk und ließ sich nach vorne kippen. Er breitete die Schwingen aus und flog davon. Coris konnte allerdings nicht sehen wohin, schließlich war der Himmelsausschnitt zu klein dafür.

Die weidener Geweihte stand auf. Die Mauerlücke war so hoch angebracht, dass sie, wenn sie hinaussah nur den Himmel sehen konnte. Coris erinnerte sich an die vielen Male, die sie den Flug der Finsterkammdohlen beobachtet hatte. Wie oft hatte sie sich als Kind und auch als junges Mädchen noch gewünscht eine von ihnen zu sein und mit ihnen fliegen zu können. Schwester Liutperga, die sich besonders gut mit der Interpretation des Vogelfluges und dem Verhalten der Tiere auskannte wurde nicht müde zu erzählen, dass sie selbst sich oft in eine der Dohlen verwandelt hatte. Sie hatte ihrer Schülerin auch immer versichert, dass sie es auch könne, doch Coris war zu ängstlich gewesen den Versuch zu wagen. Natürlich wusste sie, dass prinzipiell alle Geweihten sich in das Symboltier ihres Gottes verwandeln konnten, doch ohne die Übung konnte sich die blasse Borongeweihte dieses Wagnis nicht vorstellen. Oder doch?

Wie sonst sollte sie Nazir eine Botschaft zukommen lassen? Sie musste ihn wissen lassen, dass sie nicht verrückt war und sie brauchte seine Hilfe.

Da Coris keine schwarze Asche hatte, wie die Liturgie vorschrieb, tauchte sie einfach ihren Finger in das Wasser der Waschschüssel und malte ein gebrochenes Rad auf den Holzboden. Sie setzte sich auf die Radnabe und zeichnete dann erneut mit dem nassen Finger Golgaris Schwingen vor sich auf den Boden. Mit einem tiefen Seufzer schloss Coris die Augen und sandte ein inbrünstiges Gebet an Boron ihr die Gestalt einer Finsterkammdohle zu verleihen. Das Bild der Felsen rund um das Plateau auf dem das Kloster Etiliengrund stand, trat vor Coris´ inneres Auge. Sie sah die schwarz-grauen Vögel mit ihren waghalsigen Flugmanövern. Mit angelegten Schwingen stürzten sie sich in die Tiefe um sich kurz darauf wieder abzufangen. Dazu spreizten sie die Flügel stellten die Schwanzfedern und Flügelspitzen so in den Wind, dass sie ihr herabstürzendes Gewicht auffingen und, leicht wie sie waren, im Aufwind erneut gen Himmel tragen ließen.

Plötzlich fand sich Coris auf dem Steinsims in der Fensternische. Sie spürte die ungewohnte Größe, die Leichtigkeit. Es war zu wenig Platz das Gefieder auszuprobieren, die Schwingen zu öffnen. Sie musste es gleich mit einem der waghalsigen Sturzflugmanöver versuchen. Ihr erster Flug! Und dann gleich im Sturzflug in die Tiefe! Was für ein Wahnsinn!

Ein tiefer Atemzug, dann senkte sie den Kopf mit dem schwarzen Schnabel in den Wind, der den Galgenturm umwehte. Sie stieß sich mit den krallenbewehrten Vogelbeinen ab und ließ sich fallen.

***

Nazir saß auf einer der Bänke im Klostergarten, dessen Rabatten aus ordentlich geschnittenen Buchsbaumhecken, kugeligen Büschen und Blumenbeeten ein harmonisches Muster bildeten und blickte zum Galgenturm hoch. Er versuchte sich zu orientieren, welcher der Durchlässe im Mauerwerk zu Coris´ Kammer gehörte. Der Diener Bishdariels dachte nach. Coris hatte von einem Brief gesprochen. Er hatte keinen Brief erhalten. Hatte sie keinen geschrieben und sich das alles eingebildet oder hatte jemand ein Interesse gehabt, dass er diesen Brief nicht bekam? Und sie hatte von Visionen gesprochen, die Golgari ihr geschickt habe. Nazir wusste nur zu gut, dass Coris tatsächlich ab und an Visionen des Seelenvogels hatte. Immer dann, wenn der Tod von einem Menschen bevorstand. Sein Schützling hatte auch von einem Todesfall gesprochen, wenn nicht gar Mord. Was er allerdings nicht verstanden hatte, war das mit dem Vogel und dem Blut. Alles war so wirr gewesen. Da war von Geistern die Rede gewesen und von Schuld aber auch von den Sphären. Nazir versuchte Ordnung in das Chaos zu bringen, doch gelang es ihm nicht. Was auch immer Coris Geist so verwirrt hatte, es musste etwas sehr Schlimmes gewesen sein.

Noch immer suchten seine Augen die Fassade des Galgenturmes ab. Plötzlich wurde er eines Vogels gewahr, der in einer der schmalen Mauernischen stand und sich weit nach vorne beugte. Mit einem Mal ließ sich der Vogel fallen. Er trudelte kurz, spreizte dann die Flügel und ging in einen Gleitflug über, der ihn in seine Richtung führte. Beim Näherkommen erkannte Nazir eine Dohle, ähnlich derer, die es auch im Finsterkamm und rund um das Kloster Etiliengrund gab. Etwas ungeschickt und im Anflug nach links und rechts kippend setzte die Dohle an auf einer der kugelig geschnittenen Hecken in seinem Blickfeld zu landen. Natürlich klappte das nicht sofort. Das dünne Geäst gab nach, der rechte Fuß des Rabenvogels sank ein. Wild mit den Flügeln schlagend stabilisierte sich der Vogel und fand schließlich doch soweit Halt. Unverwandt starrte er Nazir an, legte den Kopf schief und ließ ein kehliges Gurren hören.

Die schwarzen Knopfaugen blickten flehend, hilfesuchend. Oder bildete Nazir sich das ein. Wie konnte das sein? Er schüttelte den Kopf über seine Versuche menschliche Züge in diesem zutraulichen Rabenvogel zu sehen, der vermutlich nur deshalb seine Nähe suchte, weil er von den Klosterbewohnern ab und an mit Leckereien verwöhnt wurde.

Der Vogel ließ noch ein paar Mal dieses kehlige Krächzen und Gurren hören, dann drückte er sich an dem biegsamen Geäst des Busches ab und flog auf. Nazir sah der Dohle nach. Sie hielt auf das Klostertor zu. Dort setzte sich der Rabenvogel auf den Torbogen über den geschlossenen Türflügeln. Er sah zu Nazir hin.

Seltsam. Der Borongeweihte hatte das Gefühl, dass das Tier auf ihn wartete. Warum eigentlich nicht? Ein Spaziergang würde ihm ganz guttun. Er konnte vielleicht seinem Mietpferd einen Besuch abstatten. Nazir erhob sich und ging auf das Klostertor zu. Dem diensthabenden Akoluthen, der die Pforte bewachte, erzählte der Diener Bishdariels, dass er nach seinem Pferd sehen wollte.
Mit einem Kopfnickten trat der Mann ans Tor und ließ ihn hinaus.

Kaum war Nazir durch das Tor hörte er das vertraute Geräusch der Dohlenflügel. Ganz wie es die Bewohner Etiliengrunds Tag für Tag vernahmen. Der kleine Rabenvogel flatterte voraus. Es ging in Richtung des Boronangers, der ein wenig abseits des Klosters lag. Vorbei an einigen alten Trauerweiden spazierte Nazir auf den geweihten Grabbezirk zu. Er war neugierig was ihm der Vogel zeigen wollte, den inzwischen war er sicher, dass diese kleine Dohle eine Art Bote war. Auf dem Boronanger, auf dem die Gräber mit ihren einfachen und schmucklosen Holz- oder Steinstelen in Reih und Glied angeordnet waren, sah sich der Geweihte um. Die hölzernen Stelen trugen keine Namen, nur das Boronsrad und das Sterbedatum.

Auf einer dieser Gedenkstelen in der letzten Reihe nahm die kleine Dohle Platz. Sie senkte den Kopf und blickte auf das frische Grab. Nazir betrachtete die Gräber. Die meisten von ihnen wiesen einen gewissen Verwitterungszustand auf. Gras bildete einen grünen Teppich um die Holzmale. Doch die beiden Gräber in der letzten Reihe waren offensichtlich frischer. Das letzte roch noch immer nach feuchter Erde. Das Holz war hell und das eingebrannte Boronsrad erst kürzlich angebracht worden.

Nazir kniete sich nieder und griff nach der frischen Erde. Er sah zu dem Vogel hoch.
„Es ist ein frisches Grab“, sprach er leise zu dem kleinen Vogel. Die Dohle schien zu nicken. Der Geweihte lächelte. Ah, also wollte dies Vöglein ihm wirklich etwas mitteilen. „Ich nehme an es ist das Grab der bemitleidenswerten Madalisa, nicht wahr?“

Wieder nickte der kleine schwarz-graue Vogel. In diesem Augenblick hörte Nazir den Flügelschlag eines weiteren Vogels. Er blickte sich um. Aus einer der Trauerweiden, die zwischen Boronanger und Kloster standen löste sich ein Rabe und glitt zu ihnen herab. Er landete auf einer der steinernen Stelen, die an einen der Kultangehörigen stand. Sein Gefieder war schon etwas zerzaust, die Wirbelsäule wies eine eigenartige Krümmung auf, die dazu führte, dass er sich kaum aufrichten konnte.

Der Blick zu den Trauerweiden offenbarte Nazir nicht nur die Ankunft des zweiten Rabenvogels sondern auch, dass sie nicht unbeobachtet waren. Hinter dem Stamm einer der Weiden erkannte Nazir die Robe der strengen Akoluthin Corvindaria.

Der Diener Bishdariels dachte nach. Er ahnte, dass Coris im Gefieder der kleinen Finsterkammdohle steckte. Doch wer war Rabe dort auf der Grabstele? Dieser beobachtete ihn ohne jedoch Anstalten zu machen in das Geschehen einzugreifen. Irgendetwas an seiner Haltung kam Nazir bekannt vor.

Einen Augenblick zögerte er noch, sich selbst in einen Raben zu verwandeln, doch machte der Rabe einen vertrauenswürdigen Eindruck. In der Tiergestalt würden sie miteinander kommunizieren können und das ohne dass die neugierige Akoluthin sie verstehen würde. Eine geniale Idee.

Nazir bückte sich und zeichnete mit dem Finger das gebrochene Rad in die frische Graberde. Er ließ sich auf der Radnabe nieder und zeichnete die Flügel Golgaris. Dann atmete er tief durch und schloss die Augen. Sein Gebet an den Unergründlichen folgte und einen Augenblick später spürte er wie sich seine Gestalt veränderte. Die Arme wandelten sich zu Flügeln, die Beine zu Krähenfüßen. Hopsend bewegte sich die Krähe, in die er sich verwandelt hatte, vorwärts. Nach zwei Hopsern schaffte er es die Flügel auszubreiten und unterstützt von einem Flügelschlag auf eine der steinernen Grabstelen zu gelangen. Die drei Rabenvögel sahen einander an.

***

 Seltsame Dinge geschahen dort auf dem Boronanger. Corvindaria bemühte sich aus ihrem Versteck hinter der Weide zu erkennen, was der Geweihte aus dem fernen Weiden tat. Sie sah wie er am frischen Grab der unglücklichen Madalisa stand und die Raben beobachtete, die sich dort eingefunden hatten. Eigentlich war das nicht ungewöhnlich. Krähen, Raben oder Dohlen liebten es auf den Grabstelen zu sitzen. Aber hier war irgendetwas faul.

Plötzlich schien dieser Bruder Nazir verschwunden zu sein. Er hatte sich hinter den Stelen verborgen, wie es schien. Corvindaria verließ ihr Versteck und näherte sich dem Boronanger.

***

„Coris?“, fragte Nazir vorsichtig.
„Ja, Bruder Nazir, ich bin es. Das war die einzige Möglichkeit meinem Gefängnis zu entkommen.“

Der Krähenvogel nickte. „Das dachte ich mir.“
Er drehte sich zu dem Raben mit der verkrümmten Wirbelsäule. „Bruder Noijandro, richtig?“

Der Rabe nickte. „So ist es, Bruder Nazir.“

Die Dohle Coris meldete sich wieder zu Wort. „Er hat mir ein Buch über gefesselte Seelen gebracht und ich denke auch, dass er mir den Hinweis gab, mich in einen Vogel zu verwandeln. Nicht wahr, Bruder Noijandro?“

Wieder nickte der Rabe. Nazir fragte sich ob er nicht mit ihnen sprechen konnte oder nicht wollte. Doch dann öffnete der Rabe Noijandro den Schnabel.
„Ich wollte nicht, dass es Schwester Etiliane genauso ergeht wie der bemitleidenswerten Madalisa.“

„Sie wurde umgebracht! Die arme Madalisa, ich habe ihre gefesselte Seele gehört. Sie ist gefangen in unserer Sphäre bis ihre Seele Genugtuung erlangt hat.“

Der Rabe schüttelte seinen Kopf. „Sie ist selbst aus dem Leben geschieden. Madalisa hat sich die Pulsadern aufgeschnitten. Doch mit einem hast du Recht, Schwester. Sie kann die Sphäre nicht verlassen.“

Die Dohle Coris ließ den Kopf hängen. „Ich fühle mich schuldig. Sie hat mir erzählt, dass ihre Schwester für ihre Unterbringung in La Dimenzia gesorgt hat, um sich ihr Hab und Gut anzueignen und sie beschuldigte den Abt, Geld dafür angenommen zu haben.“

Nazir sah den Raben fragend an. „Was sagst du dazu, Bruder?“

Der Rabe zierte sich ein wenig auf die Vorwürfe zu antworten. Nach einer Weile jedoch gab er zu, dass Madalisa die Wahrheit gesagt hatte was die raffgierige Schwester anging. Die Vorwürfe gegen den Abt jedoch stritt er ab. „Dazu kann ich nichts sagen. Es ist üblich, dass die Angehörigen das Kloster finanziell unterstützen, wenn wir uns der verwirrten Seelen ihrer Familienmitglieder annehmen.“

Diese Rechtfertigung war von Nazir erwartet worden. Er kannte die Gerüchte, die dem Kloster den Namen „Nest der Schwarzen Witwen“ eingebracht hatten und er wusste, dass es üblich war, dem Kloster eine Spende zukommen zu lassen, wenn dieses einen Angehörigen in Obhut nahm. Bei Coris war es damals nicht anders gewesen. Auch die Familie Böcklin hatte sich dem Kloster Etiliengrund erkenntlich gezeigt für die Aufnahme der kleinen Coris.
„Nun, das wollen wir nicht bewerten, Bruder Noijandro. Was hält die Seele Madalisas nun in dieser Sphäre fest? Groll und Rachsucht gegenüber der Schwester oder gegenüber dem Kloster?“

Der Noionit sah zu der Dohle hin. „Ich denke diese Frage kann uns Schwester Etiliane besser beantworten. Sie hat die gefesselte Seele vernommen.“

Coris dachte nach. So ganz deutlich hatte Madalisa sich nicht geäußert. Ihr Groll richtete sich allgemein gegen die ungerechte Behandlung, die sie ihn ihren Augen erfahren hatte. Nicht wirklich gegen die Boroni, vor allem nicht gegen alle. Wie sie an der Reaktion auf sich selbst gesehen hatte, und der Hoffnung, die Madalisa in die junge Borongeweihte gesetzt hatte, hatte die im Galgenturm Gefangene durchaus noch den Glauben an die Güte Borons gehabt. Auch dass sie freiwillig aus dem Leben geschieden war, bezeugte, dass Madalisa auf Marbos Gnade vertraut hatte.
„Vielleicht kann man Madalisas ruhelosen Geist beruhigen. Ihr in einem Gespräch vermitteln, dass es keinen Sinn hat auf Dere zurückzubleiben. Für sie wäre es besser die Gnade Marbos annehmen zu können, um sich sicher vor Uthars Pforte geleiten zu lassen. Ich glaube es würde helfen, wenn ich noch einmal mit ihrem Geist spreche.“

Noijandro und Nazir wechselten Blicke. Der Noionit sprach als erster.
„Mit der Liturgie Marbos Geisterblick wäre es möglich mit Madalisas gefesselter Seele zu sprechen. Ob sie sich allerdings dazu bereit erklärt, die dritte Sphäre zu verlassen, ist dabei nicht gesagt. Und sie mittels Marbos Geleit bis vor Uthars Pforte zu geleiten ist nicht nur schwierig und gefährlich für denjenigen, der die Liturgie wirkt, sondern braucht auch einen erfahrenen Helfer, der einen Anker zu dieser Welt bildet. Für eine junge, unerfahrene Geweihte wie dich, Schwester Etiliane, ist das nicht machbar.“

Nun meldete sich Nazir zu Wort.
„Ich bin durch meine Zeit im Gebrochenen Rad und durch meine Erfahrungen mit den Riten des Al´ Anfaner Boronkultes mit diesen Liturgien vertraut, wenn ich sie auch seit langem nicht mehr gewirkt habe und auch nicht über die notwendigen Rauschkräuter verfüge… doch ich würde es versuchen, wenn das auch dir, Coris, deine Seelenruhe zurückbringt. Bruder Noijandro, verfügt die hiesige Apotheke über die notwendigen Kräuter?“

Der Rabe nickte.

Nazir fuhr fort. „Nun, dann könnten wir einen Versuch wagen. Wir sollten es allerdings nicht an die große Glocke hängen, sondern vorgeben für Coris, ähm. Schwester Etiliane, eine noionitische Liturgie zu wirken, um ihrer Seele wieder Frieden zu geben.“

Wieder nickte der gekrümmte Rabe.

„Dann lasst uns hier vorerst enden. Coris, du fliegst zurück in den Galgenturm, Bruder Noijandro und ich besprechen noch wie wir vorgehen wollen. Vertrau auf uns! Und nun flieg, kleine Dohle!“

***

Inzwischen war Corvindaria so nah an den Boronanger herangekommen, dass sie einen Blick hineinwerfen konnte. Den weidener Geweihten konnte sie nirgends erkennen, wohl aber eine Krähe, die einen alten, gebeugt wirkenden Raben ankrächzte. Dieser nickte einige Male mit dem Kopf. Ein wenig entfernt hockte ein weiterer Rabenvogel, eine Dohle. Sie breitete gerade ihre Schwingen aus und erhob sich in die Luft. Mit einigen kräftigen Flügelschlägen war sie bereits bei den Trauerweiden und hielt dann auf das Kloster zu.

Nun schienen die Rabenvögel ihre Anwesenheit zu bemerken. Beide erhoben sich unter lautem Protest in die Luft und verschwanden alsbald aus dem Blick der Akoluthin. Corvindaria trat näher an das frische Grab Madalisas. Da sah sie das geflügelte Boronsrad, das der Weidener offenbar in die noch lockere Graberde gezeichnet hatte. Was hatte das zu bedeuten? Ein Segen?

Die Akoluthin rätselte. Doch dann entschied sie sich, schnell zum Kloster zurückzulaufen und dem Abt Bericht zu erstatten.

Als sie den Klosterhof betrat, sah sie wie die kleine Dohle, die sie vor kurzem noch auf dem Boronanger beobachtet hatte, zum Galgenturm hinaufflog. Da dämmerte ihr etwas. Hatten die Geweihten nicht die Möglichkeit sich in einen tiergestaltigen Diener des Schweigsamen zu verwandeln? Oh! Was für ein gerissenes kleines Ding!

Ganz unboronisch raffte Corvindaria ihre schwarze Kutte und rannte zum Galgenturm. Sie wollte die junge Geweihte auf frischer Tat ertappen!

***

Erschöpft von der ungewohnten Anstrengung des Fliegens und dem Wirken der Liturgie, blieb die Dohle Coris zunächst einen Augenblick auf dem Fenstersims sitzen. Sie rang nach Luft. Eine Gedankenflut vernebelte ihr die Sinne, der Zustand der Entrückung machte es schwer, sich schnell der tierischen Gestalt zu entledigen.

Mit einem Hops auf den Waschtisch, dann auf den Holzboden der Zelle, brachte sich Coris wieder in die Mitte ihrer kleinen, verschlossenen Welt. Sie versuchte sich zu konzentrieren um die Rückverwandlung zu bewerkstelligen. Ein erster Versuch misslang. Zu erschöpft war sie.

Da vernahm sie wie unten im Turm die Tür aufgesperrt wurde. Fußgetrappel auf der Treppe war zu hören. Bei Boron! Gleich würde ihre Verwandlung entdeckt werden! Was würde dann mit ihr passieren? Sie musste dringend wieder zurück in ihre menschliche Gestalt!

Coris rief sich zur Ruhe und konzentrierte sich erneut, dann schickte sie ihr inniges Gebet an Boron. Dieses Mal gelang die Verwandlung.

Erschöpft und benommen lag sie auf dem Holzboden als die Tür aufschwang und Corvindaria hereinstürmte. Deren Blick fiel zunächst auf die am Boden liegende Geweihte, als zweites aber auf eine schwarze Feder, die an der rauen Wand der Fensternische hängen geblieben war.

Mit tiefem, drohendem Unterton, befahl die Akoluthin „Steh auf!“

Hinter Corvindaria erschien das Gesicht des Noioniten Noijandro. Coris versuchte sich aufzurichten. Sie brauchte mehrere Versuche bis sie es schaffte über alle Viere zum Sitzen hochkommen, dann erst gelang es ihr sich auf die Bettkante hochzuziehen.

Die Akoluthin streckte den Zeigefinger aus und deutete auf die Feder in der Fensternische.
„Wie kommt die hierher?“, fragte sie barsch.

Coris blickte hoch. Nun erkannte auch sie die schwarze Feder, die sich an der rauen Wand verfangen hatte. In ihrem Kopf war dichter Nebel. Wie sollte sie da einen klaren Gedanken fassen? Sie musste eine schlüssige Erklärung dafür finden. Der Rabenbesuch fiel ihr ein.
„Ein Rabe ist hier gelandet. Er ist sogar bis in die Kammer gehüpft und hat aus meiner Waschschüssel getrunken.“

Die Stimme der jungen Boroni klang dünn und unschuldig. Corvindaria zögerte. Sie drehte sich zu dem Noioniten um.
„Sagt sie die Wahrheit?“, fragte Corvindaria. Sie wusste, dass der Geweihte über Möglichkeiten verfügte, andere zu prüfen, ob sie die Wahrheit sprachen.

Noijandro nickte und fügte hinzu, dass sich die Raben öfter einen Spaß daraus machten, die Waschschüsseln zum Trinken oder Baden zu nutzen.

„Was hast du da auf dem Boden gemacht?“ Corvindaria war wütend. Ihre Beweise erwiesen sich als zu dürftig. Sie suchte den Boden ab. Irgendetwas Verdächtiges musste sich doch finden lassen.

Doch die erhofften Zeichen blieben aus. Schließlich hatte Coris in Ermangelung der üblichen Asche nur Wasser zum Zeichnen des Boronsrades und der Schwingen Golgaris benutzt. Dieses war längst getrocknet.

Nojiandro setzte sich zu Coris auf die Bettkante.
„Ich denke, es wird gut sein, Coris, wenn Bruder Nazir, der dich gut kennt und ich gemeinsam eine noionitische Liturgie zur Heilung deiner verwirrten Seele wirken. Wir müssen das noch genauer besprechen und vorbereiten, sodass es wohl erst morgen dazu kommen wird.“

Coris nickte ergeben. Sie wusste ja, dass diese Liturgie in erster Linie der gefesselten Seele Madalisas diente, doch in gewisser Weise war sie auch für Coris Seelenheil gedacht. Es beruhigte sie zu wissen, dass Noijandro auf ihrer Seite war. Noch immer tief im Zustand der Entrückung begann ihr Oberkörper in sich zusammenzusacken.

Der Noionit stimmte ein Gebet an. Coris betete schweigend mit. Sie spürte die Zuversicht, dass der Dunkle Vater sie aus diesem Verließ erretten würde. Dankbar stimmte sie auch in den Choral ein, den Noijandro zu Ehren Borons anstimmte. Dann ließ sie sich auf die einfache Bettstatt fallen und schlief ermattet ein.

Corvindaria war abgemeldet. Sie stand mit zusammengekniffenen Lippen an der Tür und blickte verdrießlich auf die Szene, die sich ihr bot. Sie war sich sicher, dass Coris die Gestalt einer Dohle angenommen hatte und ihrem Verließ entkommen war. Wie konnte es sein, dass Noijandro so blind war? Dass er sich von dem unschuldigen Getue der Weidenerin so täuschen ließ?

***

An diesem Nachmittag trafen Nazir und Noijandro einige Vorbereitungen für die bevorstehende Liturgie. Nazir suchte sich aus der Apotheke des Klosters ein paar der rauscherzeugenden Kräuter, die man im Puniner Kult nur selten verwendete. Offiziell mischten sie einen Schlaftrunk, der Coris einen tiefen und erholsamen Schlaf bringen und ihrer Seele Regeneration verschaffen sollte.

Corvindaria, die wie immer versucht hatte in der Nähe zu bleiben, schickte der Noionit mit einem aufwändigen Auftrag fort.

Dann zogen sich die beiden Borongeweihten zu einer „stillen Meditation“ in den Garten zurück. Dort setzten sie sich so einander gegenüber, dass sie den gesamten Innenhof des Klosters überblicken konnten. So würden sie nicht belauscht werden können.

Corvindaria schäumte vor Wut. Das saßen die zwei wie auf dem Präsentierteller und sie hatte keine Möglichkeit zuzuhören, was sie sprachen.

Tatsächlich versenkten sie sich zunächst gemeinschaftlich in ein stilles Gebet und baten den Dunklen Vater um seinen Beistand bei ihrer Liturgie. Schließlich erzählte Nazir von seinen Erfahrungen mit der Liturgie Nemekaths Geisterblick und der eigentlich nur Geweihten des Al´Anfaner Ritus bekannten Variante Nemekaths Zwiesprache. Eine gleichartige Liturgie gab es im Puniner Ritus nicht, weshalb Noijandro interessiert zuhörte.
„Ich habe darüber gelesen“, sagte der alte Noionit nachdenklich. „Allerdings habe ich nie die Gelegenheit gehabt sie mit jemandem gemeinsam zu wirken. Man muss ja zu zweit sein, nicht wahr?“

Nazir bejahte. Er berichtete von einer rituellen Zusammenkunft bei der er die zweite Person war, die den Anker im Diesseits bildete, während der andere, erfahrene Geweihte die gefährliche und schwierige Rückführung einer verirrten und gebundenen Seele durchgeführt hatte.

Noijandro hörte aufmerksam zu. „Es ist aber eigentlich ähnlich wie „Marbos Geisterblick“, nicht wahr? Nur dass derjenige, die Geister nicht nur sehen und zu ihnen sprechen kann, sondern sich in der Geisterwelt auch noch bewegen kann, richtig?“

Wieder stimmte Nazir zu. „Ich denke auch, dass wir es so versuchen sollten. Mit dem Segen Marbos werden wir den Geist Madalisas sehen und sprechen können und mit etwas Glück auch leiten können, auf dass er die Sphäre verlässt und freiwillig vor Rethon tritt. Was mir etwas Sorgen macht, ist, dass ich eventuell Coris äh, Schwester Etiliane, bitten muss, mich zu begleiten. Denn Madalisa vertraut ihr. Mich kennt sie nicht. Es könnte durchaus sein, dass sie kein Vertrauen zu mir fasst, wenn Schwester Etiliane nicht bei mir ist.“

Der alte Noionit wirkte unglücklich. „Ich halte das für keine gute Idee. Schwester Etilianes Seele ist sehr verletzlich. Vielleicht sollte besser ich dich begleiten, Bruder?“

Nazir schüttelte den Kopf. „Ich brauche einen erfahrenen Geweihten als Anker auf Dere. Schwester Etiliane kann das nicht leisten. Sie ist zu unerfahren, ihre Kräfte dafür noch nicht ausreichend. Wenn es ganz schlimm kommt, verbleiben wir beide in der Welt der Geister, Bruder Noijandro.“

Der vom Alter gebeugte Noionit nickte seufzend. „Wahr gesprochen, Bruder. Dann muss es womöglich so sein. Doch versuche es zunächst alleine, das wäre besser!“

Noijandro dachte nach. „Wenn der Abt etwas von dem mitbekommt, was wir machen, dann könnte das vor allem für mich Folgen haben. Wir müssen also unbedingt versuchen zu verhindern, dass Corvindaria in der Nähe ist. Sie ist sein Auge und sein Ohr. Außerdem beherrscht er es hervorragend in den Geist eines anderen einzudringen. Wir müssen auf der Hut sein und einen Bannkreis ziehen, damit wir unsere Liturgie ungestört durchführen können.“

Mit einer Sorgenfalte auf der Stirn hörte Nazir die Warnung des Noioniten. Es galt vorsichtig vorzugehen.

 

Die Gnade Marbos

 Alles war vorbereitet. Der Noionit Noijandro und Nazir waren gemeinsam beim Abt des Klosters la Dimenzia gewesen und hatten ihn davon überzeugt, dass ein letzter Versuch Coris Seele zu retten eine gemeinsame Liturgie erforderte. Bruder Noijandro erklärte, dass Nazir Coris ja viel besser kannte und deshalb wohl eine gute Unterstützung beim Wirken der Liturgie wäre. Das sah der Abt ein. Er bestand allerding darauf, ihnen Corvindaria mitzugeben, die genauestens überprüfen sollte was passierte.

Nazir und Noijandro hatten damit gerechnet und sich entsprechend präpariert. Sie nickten zustimmend.

Am kommenden Morgen also, kurz nach dem gemeinsamen Frühstück begaben sich Bruder Noijandro und Nazir unter der Führung Corvindarias zum Galgenturm. Der Ritus sollte dort stattfinden. Nazir trug einen Korb mit diversen liturgischen Hilfsmitteln sowie zwei Kannen und einigen Bechern.
Corvindaria machte sich wichtig. Sie hatte eine strenge Miene aufgesetzt. War sie doch vollkommen davon überzeugt, dass diese Liturgie reine Verschwendung von Zeit und karmaler Energie war.

 

Coris saß in ihrer Kammer. Sie hatte wieder eine furchtbare Nacht gehabt. Die ruhelosen Seelen hatten ihr keine Ruhe gegönnt. Das Heulen und Weinen, das Fluchen und Zetern hatte die ganze Nacht angehalten. Einzig der Kontakt zu Madalisa hatte ihr gutgetan. Sie hatte bewusst Kontakt zu ihr aufgenommen und ihr versichert, dass man gemeinsam versuchen wollte, etwas für sie zu tun. Und tatsächlich hatte sich dann das Stimmengewirr beruhigt und Coris hatte noch ein paar Stunden die Augen zugemacht.

Gebannt starrte sie nun auf die Tür, als sie die Schritte auf der Treppe hörte. Das vertraute Geräusch des Schlüssels im Schloss… dann schob jemand die schwere Tür mit einem knarrenden Ton auf.
Corvindaria blickte herein. Ein boshaftes Lächeln umspielte ihre Lippen.
Hinter der Akoluthin traten Nazir und Noijandro in die kleine Kammer.

Nazir stellte den Korb ab und Corvindaria schloss die Tür hinter ihnen wieder ab. Sie blieb mit dem Rücken zur Tür stehen.
Die beiden geweihten begrüßten Coris mit sanfter und ruhiger Stimme. Nazir fragte, wie Coris geschlafen hatte. Sie antwortete wahrheitsgemäß. Mitleid zeigte sich in den Augen des Dieners Bisdariels.

Dann beschrieb Bruder Noijandro, dass er und Nazir eine gemeinsame Liturgie wirken wollten, die Coris Geist und Seele beruhigen sollte. Da diese Liturgie einen langen Zeitraum einnehmen würde, habe er einen Trank gebraut, der für ein paar Stundengläser den Hunger nehmen würde. Der Noionit nahm die Becher aus dem Korb und goss in jedes aus einer der Kannen eine dunkle Flüssigkeit. Er reichte Nazri, Coris und schließlich auch Corvindaria. Sie alle tranken die Flüssigkeit.

Bruder Noijandro leitete eine Meditation an, die zur Ruhe führen sollte. Alle außer Corvindaria schlossen die Augen und versenkten sich in Meditation.

Das Geräusch eines Körpers, der an der hölzernen Tür herunterrutschte und auf dem Boden zu sitzen kam, beendete die Stille.
Nazir nickte zufrieden. „Wie hast du das gemacht, Bruder Noijandro?“ fragte er und deutete auf die an der Tür in sich zusammengesunkene Corvindaria.
Der Noionit grinste. „Ein potenter Schlaftrunk, den ich bereits in ihren Becher gefüllt hatte. Hochkonzentriert. Aufgegossen mit dem Kräutertrank merkte sie nichts davon. Sie wird einige Stundengläser lang schlafen und wir können uns auf unsere eigentliche Liturgie konzentrieren. Auf Marbos Geisterblick!“

Noijandro wandte sich an Coris.
„Schwester Etiliane, du hältst den Schutzkreis aufrecht. Konzentriere dich auf diesen Schutzkreis und nichts Anderes. Nur wenn Bruder Nazir und ich ungestört von äußeren Einflüssen agieren können, können wir Madalisas verlorener Seele womöglich helfen. Wirst du das schaffen?“

Die Eindringlichkeit mit der Bruder Noijandro Coris vermittelte, dass die Aufgabe den Schutzkreis zu überwachen und mit Kraft aufzuladen außerordentlich wichtig war, ließ Coris erahnen wie schwierig das Vorhaben sein würde, Madalisas Seele zu retten.
Sie nickte schweigend und ernst.

„Gut!“, der greise Bruder lächelte sanft. Dann gab er Nazir einen Becher und goss aus der zweiten Kanne eine Flüssigkeit hinein. „Trink dies, Bruder und dann leg dich hin. Sprich ein Gebet an unseren Herrn Boron und die gnädige Marbo.“

Nazir tat wie geheißen. Er trank und reichte den Becher wieder dem Noioniten. Dann legte er sich in die Mitte des Schutzkreises. Bruder Noijandro stellte den Becher wieder in den Korb und entnahm ihm das geweihte Lotosöl. Er strich Nazir über die geschlossenen Lider und kniete sich dann neben den Diener Bishdariels, seine rechte Hand haltend. Coris konnte sehen wie Nazirs Lippen sich bewegten. Er sprach ein stilles Gebet. Dann wurde er still. Die Pupillen begannen sich rasch unter den Lidern zu bewegen. Coris musste sich zur Ruhe zwingen. Sie versuchte die Konzentration auf die Wahrung des Schutzkreises zu richten.

Wieder und wieder spürte Coris, dass ihre Konzentration schwand. Sie sah zu Nazir hin, dessen Lider zuckten, dessen Gesichtszüge sich verspannten und dessen Körper schwitzte und zuckte. Bruder Noijandro hielt die Hand Nazirs. Auch er hatte die Augen geschlossen und auch bei ihm konnte die junge Geweihte eine Bewegung der Pupillen wahrnehmen. Was mochten beide wohl sehen? Immer wieder öffnete der alte Noionit die Augen und versicherte sich der Gegenwart im Galgenturm und bedachte auch Coris mit einem prüfenden Blick. Spätestens dann versenkte sich die Weidenerin wieder in Entrückung, versuchte den Schutzkreis zu wahren.

Nazir war in der Welt der Geister angekommen. Um ihn herum konnte er die Totengeister wahrnehmen. Er suchte nach Madalisa. Da er aber nicht wirklich wusste wie sie aussah, rief er ihren Namen. Wieder und wieder rief er ihn. Doch die Geister um ihn herum nahmen kaum Notiz von ihm. Manche betrachteten ihn mit ausdruckslosen, leeren Gesichtern, manche liefen durch ihn hindurch. Es war zum Verzweifeln. Schließlich fiel Nazir ein, dass sich Madalisa vielleicht deshalb nicht zu erkennen gab, weil sie ihn ja nicht kannte. Er begann also zu sprechen, erzählte, dass Coris, also Schwester Etiliane, ihn schickte, um die verlorene Seele Madalisas zu treffen und mit ihr zu sprechen. Es dauerte eine Weile, dann blieb eines der blassen, durchscheinenden Wesen vor ihm stehen. Es war eine Frau, die zu Lebzeiten wohl um die 30 oder 35 Winter gesehen haben mochte. Ihr Haar war lang, gelöst und hing wirr über ihre Schultern. Am linken Unterarm der Frau klaffte eine große Wunde. Die Wundränder waren ausgefranst, man konnte die zerfetzte Arterie sehen. Genau wie Coris in ihrem Wahn gesagt hatte. Also war es kein Wahn sondern die reine Wahrheit. Alles traf zu. Es war nur die Frage, ob Madalisa selbst aus dem Leben geschieden war oder getötet wurde.

Sanft sprach Nazir die Geistererscheinung an. „Bist du Madalisa?“

„Das war ich einmal“, bestätigte die Geisterfrau. „jetzt bin ich nichts mehr…“

Nazir nickte mitfühlend. „Ich weiß. Hast du selbst die Gnade Marbos gesucht?“, fragte er vorsichtig.

Madalisa nickte. „Aber sie hat mich nicht erhört! Nun wandle ich hier, in dieser Welt zwischen den Welten. Ich kann nicht zurück, um meiner Schwester das zu geben, was sie verdient hat und ich kann nicht über das Nirgendmeer fliegen. Ich bin gefangen, wie zuvor im Galgenturm!“

Der Borongeweihte spürte ihre Qual körperlich. Er bekam Schmerzen am ganzen Leib. Schon war er versucht aufzugeben. Doch dann machte er einen weiteren Versuch.
„Willst du versuchen mit mir gemeinsam, geführt von der heiligen Marbo, vor Uthars Pforte zu treten? Dafür musst du aber alle Rachegelüste und alles was dich ans Diesseits bindet loslassen. Was bindet dich noch an Dere?“

Madalisa sah Nazir lange und mit einer Mischung aus Wut und Verzweiflung an.
„Ich kann nicht gehen! Sie hat noch nicht für das bezahlt, was sie mir angetan hat. Sie hat mein Geld genommen, hat sich meines Erbes bemächtigt und mich in den Galgenturm stecken lassen. Wahrscheinlich sitzt sie jetzt in meinem Haus, zählt mein Geld, trägt meinen Schmuck und freut sich, dass ich von Deres Antlitz verschwunden bin. Sie glaubt, sie habe gewonnen! Doch das hat sie nicht! Noch hat sie nicht gewonnen! Ich will, dass es ihr genauso ergeht. Ich will sie heimsuchen, ihren Geist verwirren, sie verrückt machen, auf dass auch sie die „Gnade der heiligen Noiona in La Dimenzia genießen kann. Genau wie ich, im Galgenturm!“

Die Geisterfrau spie die Worte aus. Ihre Augen rollten wild, das wirre Haar zitterte.

Nazir atmete tief durch. Er musste alle Kraft aufbieten und den Ewigen und seine gnädige Tochter Marbo um Hilfe bitten. Als dieses Stoßgebet gesprochen war, begann er Madalisa klar zu machen, dass sie dort wo sie jetzt war, keine Möglichkeit hatte, ihre Rachegelüste zu befriedigen. Das Unterfangen war sinnlos. Solange sich ihre Schwester nicht ins Kloster begab, würde sie keine Gelegenheit haben, sich zu rächen. Sie war ortsgebunden.

Madalisa sah ihn ausdruckslos an. „Sie ist nicht zu meiner Beerdigung erschienen.“

Der Diener Bishdariels nickte. „So ist es, Madalisa. Sie hat keinen Grund die Mauern La Dimenzias noch einmal zu betreten. Du wirst vergeblich auf Rache hoffen.“

Die Geistererscheinung begann zu schreien, zu weinen und zu toben. Das Heulen dauerte an und alle Versuche wieder zu ihr durchzudringen und sie zur Ruhe zu bringen, schlugen fehl. Nazir spürte wie seine Kraft schwand. Er richtete noch einmal seine Aufmerksamkeit darauf zu Madalisa vorzudringen.
„Möchtest du, dass Schwester Etiliane mit dir spricht? Dann hole ich sie dazu.“

Die Frau hob den Kopf, sie nickte.

Nazir suchte nach dem Anker, er versuchte im Nebel der Zwischenwelt den Ausgang in den Gnadenturm zu finden. Es fiel ihm schwer sich zu orientieren. Doch dann nahm er den Noioniten wahr, fühlte seine Präsenz und es gelang ihm diesen zu erreichen.

„Bruder Noijandro, ich brauche Schwester Etiliane an meiner Seite. Sie soll versuchen, ob sie den Kontakt zu mir herstellen kann.“

Der greise Noionit öffnete die Augen und sprach Coris an, die immer noch angestrengt den Schutzkreis hielt.
„Schwester Etiliane! Bruder Nazir braucht deine Hilfe“

Coris riss die Augen auf. Wir? Er brauchte ihre Hilfe? Wie sollte das gehen? Sie kannte die Liturgie nicht gut genug, war unerfahren und wusste, dass es gefährlich werden konnte, für jemanden, der mental nicht stabil genug und zudem sehr unerfahren war. Aber wenn Nazir Madalisa gefunden hatte und ihre Hilfe brauchte… welche Wahl hatte sie?

Viel Zeit nachzudenken hatte sie nicht. Bruder Noijandro forderte sie auf: „Setz dich zu mir und lege deine Hand auf den Brustkorb unseres Bruders. Ich übernehme deine Aufgabe so gut ich es zu leisten vermag.“

Also ließ sich Coris an der Seite Nazirs nieder und legte die Hand auf seine Brust. Bruder Noijandro gab ihr einen Schluck von dem Trank, den auch ihr Glaubensbruder getrunken hatte. Dann hieß er sie die Augen schließen, salbte diese und sprach ein Gebet. Coris versuchte sich den Wortlaut zu merken, doch noch während der greise Noionit sprach, zog es sie in einen Strudel aus Farben. Sie hörte wieder das Heulen und Jammern der Totengeister. Die Farben verblassten und machten einem tiefen Schwarz Platz.

„Nazir?“ Coris rief nach ihrem Glaubensbruder und Mentor. „Nazir, wo bist du? Madalisa? Bist du da?“

Eine Weile geschah gar nichts. Coris fröstelte, sie bekam eine Gänsehaut. Mehrmals hatte sie das Gefühl, dass sie von etwas oder jemandem berührt wurde. Dann irgendwann hellte sich das Schwarz auf. Wurde graphitgrau, dann aschgrau. Plötzlich konnte Coris Nazir erkennen. Er kniete am Boden neben ihm lag zusammengekauert eine durchscheinende Gestalt, deren wirres Haar, wie Seetang über den Boden floss. Madalisa. Sofort erkannte Coris die Frau, deren verlorene Seele sie in den vergangenen Tagen immer wieder heimgesucht hatte.

Nazir gab Coris schweigend ein Zeichen zu ihm zu kommen. Die junge Geweihte kniete sich neben Madalisa. Sie wollte ihr über den Kopf und den Rücken streicheln, doch ihre Hand griff ins Leere.
Dennoch schien Madalisa Coris Gegenwart wahrzunehmen. Sie hob den Kopf. Die Augen waren tränengefüllt.
„Sie ist nicht gekommen, nicht wahr?“, fragte sie weinerlich.
Coris wusste, dass sie die Anwesenheit ihrer Schwester beim Trauergötterdienst und der Grablegung meinte. Die Etilianerin schüttelte bedauernd den Kopf.
„Nein, Madalisa. Sie ist nicht gekommen. Du hättest ihre Anwesenheit sicher gespürt. Ich fürchte, Madalisa, dass sie nie mehr nach La Dimenzia kommen wird. Sie hat erreicht was sie wollte.“

Die Geistererscheinung heulte wieder auf. Sie raufte sich die Haare.
„Umsonst! Alles umsonst. Mein Leben, mein Sterben, alles umsonst! Ich habe mein Leben lang die Ehre meiner Familie hochgehalten und alles darauf ausgelegt, die Güter der Meinen zu schützen und zu vermehren. Sie hat es mir weggenommen. Sie hat mich hier eingesperrt und dafür einen Teil meines Erbes hergegeben!“

Aus Verzweiflung wurde Wut und letztlich wieder Verzweiflung. Sie warf sich erneut auf den Boden und weinte. Ihre Stimme wurde so leise, dass Coris sich tief hinunterbücken musste um sie zu verstehen.
„Wenn sie nie wieder nach La Dimenzia kommt, habe ich keine Möglichkeit mehr mich an ihr zu Rächen. Alles ist umsonst! Es hat mich viel Kraft gekostet, hier in dieser Zwischenwelt zu verbleiben. Einzig um mich an ihr zu rächen.“

Coris wusste, dass jetzt der richtige Zeitpunkt war, Madalisa dazu zu überreden, ihr Dasein in der Zwischenwelt der 3. Sphäre aufzugeben und die Gnade Marbos anzunehmen.
„Lass los, Madalisa! Lass die Anstrengung los! Gib auch die falschen Ziele auf, die dich hier auf Dere zurückhalten. Güter, Reichtümer, Besitz, das alles ist Blendwerk! Du brauchst es nicht mehr! Vor Boron sind alle gleich. Es kümmert ihn nicht ob du ein Baron oder ein Bettelmann warst, als du noch über Dere wandeltest. Es hat ihn nicht einmal interessiert als zu am Leben warst. Jetzt im Tod kümmert es ihn noch weniger. Je mehr du diese Blender loslassen kannst, desto leichter wird deine Seele, desto weniger wird deine Seelenwaagschale sinken. Die gnädige Marbo streckt schon die Hand nach dir aus. Siehst du sie? Sie wird dich geleiten zu Uthars Pforte!“

Madalisa sah hoch. Ihr Blick spiegelte Ungläubigkeit, Unsicherheit aber auch Hoffnung.
„Wirklich?“

Coris nickte. Nun erhob sich Madalisa. Besser gesagt sie schien aus dem Boden wie Wasserdampf aufzusteigen. Ihr durchscheinender Körper löste sich an einer Stelle auf um sich an anderer wieder neu in seiner nebelartigen Konstistenz zu bilden. Madalisa drehte sich um sich.
„Wo? Wo ist sie? Ich sehe sie nicht…“

Doch dann passierte etwas, das sowohl Coris als auch Nazir zum Staunen brachte. Irgendwo jenseits des hellgrauen Bereiches bildete sich ein Strudel aus weißen Fäden und ein weißer Rabe manifestierte sich in seinem Zentrum. Gebannt beobachteten sie den Vogel, der auf Madalisa zuflog. Der Totengeist hob den Arm und streckte die Hand nach vorne aus. Auf diesem ausgestreckten Arm ließ sich der weiße Rabe nieder. Madalisa traten erneut die Tränen in die Augen. Sie wusste, dass dieser Rabe, der Begleiter der gnädigen Marbo war. Von nun an nahm sie weder Coris noch Nazir mehr wahr. All ihre Aufmerksamkeit war auf den Vogel gerichtet. Der sich nun wieder in die Luft erhob und vor Madalisa herflog, hinein in den weißen Strudel. Einen Augenblick später war auch die Geistererscheinung verschwunden.

Nazir gab Coris ein Zeichen ihm zu folgen. „Komm und bleib direkt hinter mir. Lass dich nicht ablenken, denk immer an den Raum im Galgenturm zu dem wir zurückmüssen!“

Coris folgte ihm. Sie stapfte vor sich hin, tief in Gedanken an die erlöste Madalisa und an den weißen Raben. Sie spürte plötzlich eine unfassbare Müdigkeit und Schwere. Ihre Füße fühlten sich an als würden sie in Bleischuhen stecken. Unbemerkt war sie langsamer geworden. Nazir? Wo war Nazir? Sie sah ihn nicht mehr. Coris blieb stehen. Sie drehte sich um ihre eigene Achse. Nirgendwo eine Spur ihres Glaubensbruders.
„Nazir?“, zaghaft, fast flehend rief sie ihn. „Nazir!“, nun mischte sich Angst und Verzweiflung in ihre Stimme.
Hatte er sie nicht gewarnt? Sie war noch nicht wieder aus der Zwischenwelt heraus. Im Gegenteil – plötzlich vernahm sie wieder all die Stimmen, das Heulen, Jammern, Zetern, Schreien. Die Stimmen wurden laut und lauter. Coris drehte sich verzweifelt im Kreis. In welcher Richtung lag ihre Kammer im Galgenturm? Wo war sie nur? Wohin sollt sie sich wenden?

Panik kam auf. Coris drehte sich immer schneller um ihre eigene Achse. Wohin sollte sie? War sie gefangen in der Welt der Geister?

In dem Moment ihrer größten Verzweiflung schien sie die Stimme ihres Mentors zu vernehmen. Denk immer an den Raum im Galgenturm!
Coris wurde ruhiger. Sie blieb stehen und ließ den Raum vor ihrem inneren Auge auftauchen. Und tatsächlich. Als sie ihn sich in allen Einzelheiten und Details vorgestellt hatte, wurde es plötzlich hell. So schlagartig, dass das Licht sie zu blenden schien, als sie die Augen aufschlug.

Nazir beugte sich über sie. Und auch Bruder Noijandro hatte seine Hände an ihre Schultern gelegt.
„Coris? Coris!“ Der Diener Bishdariels war blass. Er sah unglaublich erschöpft und verängstigt zu gleich aus.
Der Noionit löste mit einem Gebet den Schutzkreis auf und reichte beiden einen Becher Wasser.
Auch Coris war überwältigt von der Tiefe der Entrückung. Sie trank gierig, rappelte sich dann auf und zog sich auf ihr Bett. Sie drehte sich zur Seite und war auf der Stelle eingeschlafen.

Für Nazir blieb nichts Anderes übrig als sich mit dem Rücken an das Bett zu lehnen und sich dort auszuruhen. Und selbst Bruder Noijandro war erschöpft. Er sammelte alles ein, was an die Liturgie erinnern konnte und setzte sich dann auf die Bettkante. Allen an der Liturgie beteiligten blieben ein oder zwei Stundengläser bis Corvindaria aus ihrem Schlaf erwachen würde. Die galt es zur Regeneration zu nutzen.

Tatsächlich schreckte die Boronakoluthin nach in etwa der geschätzten Zeit aus ihrem von Schlafkräutern erzwungenen Nickerchen. Verwirrt sah sie sich um. Die Szene, die sich ihr bot, wirkte friedlich, doch Corvindaria ahnte, dass sie eine andere Bedeutung hatte. Doch was genau stattgefunden hatte, während sie geschlummert hatte, blieb ihr verborgen. Wie konnte das nur sein, dass sie eingeschlafen war? Sie hatte doch überwachen sollen, dass alles mit rechten, also im Sinne des Abtes rechten Dingen zuging. Wie peinlich war es doch, dass sie, offenbar gelangweilt von den noionitischen Gebeten und gemeinsamen, schweigenden Meditationen, die Bruder Noijandro mit den Geweihten aus Weiden vollzogen hatte, weggeschlummert war.

Bruder Noijandro war denn auch der erste, der die Augen wieder aufschlug. Er sah in Corvindarias von Scham gerötetes Gesicht. Mit der Sanftmut eines gealterten Noioniten versicherte er der Akoluthin, dass er borongefällig schweigen würde über ihr kleines Nickerchen.

Als Nazir und Coris aus ihrem Regenerationsschlaf aufwachten, hatte war die Akoluthin längst wieder Herrin über die Lage. Sie stand mit strenger Miene an der Tür und räusperte sich.
„Mit Verlaub, Ihro Gnaden, es wird Zeit aufzubrechen. Die Abendmesse beginnt in Kürze.“

Nazir rappelte sich auf.
„Ich denke, Bruder Noijandro und ich waren erfolgreich. Wir wollen Schwester Etiliane noch etwas Regenerationszeit geben, sie dann aber zum Abendmahl in das Refectorium holen. Ich werde das mit dem Abt besprechen.“

Corvindaria zog die Stirn kraus, aber hüllte sich in Schweigen. Sie nickte nur. Dann öffnete sie die Tür in ihrem Rücken und ließ die beiden Männer in das Treppenhaus des Galgenturms treten. Für Coris schloss sich erneut, die Tür zu ihrem Gefängnis. Doch anders als in den vergangenen Tagen überkam sie keine Unruhe und sie vernahm auch keine Stimmen.

 

  1. Firun 1040 Flug in die Freiheit

Ausgestattet mit ihrem Schwarzen Buch, in das Bruder Noijandro im Namen des Abtes von Kloster La Dimenzia der Heiligen Noiona zu Ragathsquell Coris erlernte Lektionen eingetragen hatte, verließ die Blasse Dienerin Golgaris die Kammer im Gnadenturm. Als der Noionit die Tür zuzog und den Schlüssel umdrehte, wünschte sie sich, dass nach ihr niemand mehr in diesem Verließ seinen Verstand verlieren musste. Doch ahnte sie, dass die vier engen Steinwände schon bald wieder einem anderen die „Gnade Noionas“ zukommen ließen.

Bruder Noijandro hatte es sich nicht nehmen lassen, Coris und Nazir bis zur Pforte zu begleiten. Im Schatten der Trauerweiden, die jenseits der Klostermauern den Weg zum Boronsanger begleiteten, verabschiedete er sich von den weidener Geweihten. Viele Worte machte er nicht. Er schenkte ihnen noch einmal den Segen der heiligen Noiona und schlug zum Abschied das Boronsrad.

Coris bedankte sich für seine Hilfe und den Mut den er bewiesen hatte. Schließlich schien Abt Amando Almadarich von Harmamund nicht eben begeistert davon gewesen zu sein, dass Coris sich so neugierig in die Vorgänge im Galgenturm eingemischt hatte. Bruder Noijandro lächelte bescheiden. Auch Nazir bedankte sich und drückte den Glaubensbruder kurz an seine Brust, soweit der gebückte Rücken des Noioniten das zuließ. Dann drehten sich die beiden Weidener um und verschwanden sogleich im Dauergrau des Winternebels, der das Kloster La Dimenzia wie üblich einhüllte.

 

Sie holten das Pferd, das sich Nazir in Heldor ausgeliehen hatte, aus dem Stall und machten sich auf den Weg zu Nazirs Heimatstadt. Abwechselnd führten sie das Tier, einer von ihnen durfte reiten. Mit jedem Schritt, den sie sich vom Kloster La Dimenzia entfernte, wurde es Coris leichter ums Herz. Und als sich endlich auch der Nebel etwas lichtete, spürte sie, dass sie auch wieder leichter atmen konnte. Sie erreichten Heldor zwar erst nach Einbruch der Dunkelheit, doch kannte sich Nazir in seiner alten Heimat so gut aus, dass die Orientierung kein Problem darstellte.

Schon am kommenden Tag sollte es gen Garetien weitergehen. Nazir hatte es eilig. Sie hatten schließlich noch einen Aufenthalt im Borontempel im Tal der Kaiser eingeplant. Miradora, Hüterin des Raben zu Punin, hatte Coris empfohlen dort ihre Gabe Golgaris weiter ausbilden zu lassen. Auch wenn Coris´ Bedarf an Abenteuern für den Moment gestillt war und sie sich nach der Ruhe und Stille des Klosters Etiliengrund sehnte, wusste sie, dass sie hier keine Wahlmöglichkeit hatte. Der Empfehlung Miadoras musste sie Folge leisten. Wer wusste schon ob sie jemals wieder so weit reisen würde? Womöglich würde sie den Rest ihres Lebens im Dienste Borons innerhalb der Klostermauern verbringen.

Die Nacht verbrachten sie in dem Mietstall, aus dem das Pferd stammte, dass sie wieder nach Heldor getragen hatte. Der kommende Morgen brachte nicht viel Verbesserung, was das Wetter betraf. Über dem Yaquir hing der Nebel und erstreckte sich auch über die Reichsstraße II hinaus. Erst am Nachmittag wurde die Feuchtigkeit wurde von einer milden Wintersonne getrocknet und der Dunst lichtete sich. Nun leuchteten die Hänge des Yaquirs in den kühlen Farben der winterlichen Abendsonne. Vor ihnen tauchte in der Ferne Ragath auf.

 

Die Reise gestaltete sich unspektakulär. Aufgrund der kurzen Wintertage blieb ihnen nicht viel Zeit für die Tagesetappen. Also standen sie früh auf und wanderten dann bis die Sonne unterging, wenn sie denn überhaupt den Kampf gegen den Wintermantel aus Nebelschwaden in den sich der Fluss hüllte, gewannen. Die letzten zwei Etappen bis Steynebruk mussten sie im Dauerregen hinter sich bringen. Das trug nicht eben zur Hochstimmung bei.
In Eslamsgrund verbrachten sie ein paar Tage. Zum einen um ihre Habseligkeiten und die Kleidung trocknen zu lassen, zum anderen um im Tempel der Ewigen Ruh mit den dortigen Geweihten ihren Aufenthalt im Tal der Kaiser vorzubereiten. Nemrah von Ilgenay im Grund freute sich sichtlich die beiden wiederzusehen. Vor allem Coris schloss sie in ihre Arme und hielt sie lange fest. Es folgte der Glückwunsch zur Weihe.

Die Tage im Tempel zur Ewigen Ruh waren erholsam. Coris regenerierte sich zusehends. Interessiert hörte sie den Beschreibungen der Dienerin des Raben hinsichtlich des Borontempels im Tal der Kaiser zu. Neben Erzpriester Aurol Junavero am Buche, dem Deuter Bishdariels, der den Tempel dort leitete, gab es noch drei weitere Geweihte: Bramaban Cayros, Zerline von Schwarzenfels, die Schwester Corva genannt wurde, und eine weitere Geweihte, die noch nicht lang dort Dienst tat und an deren Namen sich die betagte Tempelhüterin Nemrah im Augenblick nicht erinnern konnte. Die Hüterin des Rabens malte ein so eindrückliches Bild von den Grablegen der Kaiser, dass Coris sich alles bestens vorstellen konnte. Sie begann sich auf den Aufenthalt dort zu freuen.