Erziehung nach Weidener Art

Burg Gramstein, Dergelquell, Sommer 1035 BF

Rovena nahm den Säugling von ihrer Brust und legte ihn vorsichtig in die Arme der Amme, die anschließend den Raum verließ. Während sie ihr Obergewand wieder zuschnürte, sah sie aus dem Fenster hinaus auf den Hof von Gramstein. Die provisorischen Hütten waren samt ihrer Einwohner inzwischen verschwunden und am Fuße des Burgberges baute sich Stück für Stück eine neue Siedlung auf. Bei einer der noch in der Mauer klaffenden Lücken sah sie den jungen Rutger – den Knappen ihres Gatten – sitzen, der mit angezogenen Knien und darauf aufgestütztem Kinn seinen Blick in die Ferne streifen ließ. Hinter sich hörte Rovena ihren Mann herumpoltern, der gerade dabei war, seine Stiefel anzuziehen.

"Was ist eigentlich mit diesem Rutger?", fragte sie. "Wie macht er sich so?"

"Hm", brummte Walthari. "Anfänglich machte er sich sehr gut. Aber in den letzten Tagen ist er schluderig und nicht bei der Sache." Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: "Er bekommt wohl zu wenig Prügel von mir."

"Das, oder er ist vielleicht verliebt", gab Rovena zu bedenken.

"Was? Unsinn", erwiderte Walthari. "Wie kommst du denn darauf?"

"Er ist im frühen Mannesalter, wirkt oft abwesend, ist nachlässig. Und ich habe ein paar Mal beobachtet, dass er äußerst unbeholfen und zappelig wird, sobald ihm Tsalind unter die Augen kommt." Sie drehte sich um und sah in das fragende Gesicht ihres Mannes. "Tsalind. Die Kleine aus Finsterstätt, die du mir für die Küche mitgebracht hast."

Walthari zuckte nur mit den Schultern. Haus, Hof und Gesinde waren die Aufgaben seiner Frau und er kümmerte sich nicht darum.

"Na egal, auf jeden Fall hat er ein Auge auf sie geworfen. Wahrscheinlich traut er sich nicht, es ihr zu sagen. Er ist schon recht schüchtern, glaube ich. Irgendwie süß, oder?"

"Er will ein Ritter werden. Dann soll er sich auch so verhalten. Einer Küchenmagd gesteht man keine Liebe. Das soll er sich mal schön aufheben für eine Frau seines Standes. Und sich davon von der Arbeit ablenken zu lassen, geht gar nicht. Das macht einen Kämpfer unaufmerksam und schwach."

"Du bist ein Klotz, Hochgeboren. Aber so einfach kommst du da nicht raus. Du musst mit dem Jungen über diese Dinge reden. Wie soll er sonst wissen, wie er damit umgehen soll?", erwiderte Rovena leicht resignierend.

"Oh, Weib. Er ist vierzehn Sommer alt. Er wird schon wissen, wie es geht", schnaubte Walthari.

"Männer! DAS habe ich nicht gemeint. Du musst mit ihm über die Liebe reden und diese Gefühle, die in ihm wach werden. Es heißt ja schließlich SchwertVATER, nicht wahr. Darüber reden Väter mit ihren Söhnen."

Walthari schüttelte den Kopf. "Ein paar hinter die Löffel und körperliche Erschöpfung werden ihn davon heilen und seinen Blick frei machen für das, was wichtig ist", stellte er fest.

Rovena drehte sich nun um, verschränkte die Arme vor die Brust und setzte diesen unverkennbaren Blick auf, der ihrem Gatten signalisierte, dass über die nachfolgenden Worte nicht diskutiert werden sollte: "Rede einfach mit ihm darüber, ja?"

Kurzes Schweigen. "Ja, meine Blume."

***

Rutger ließ seinen Blick über das Tal streifen, lauschte dem fernen Rauschen des Dergels, auf dessen unruhiger Oberfläche das Licht einen steten Tanz vollführte. Das Glitzern erinnerte ihn an Tsalinds Augen. Er seufzte und strich sich durch sein braunes wuscheliges Haar. Wie konnte er sich ihr nur nähern? Wie konnte er sicher sein, sie würde ihn nicht auslachen? Sie war so schön und er ...

Die Welt um ihn herum explodierte. Der Schmerz kam plötzlich und so heftig, dass es ihm den Atem verschlug. Alles drehte sich, das Rauschen des Flusses und das Zwitschern der Vögel wurden von einem lauten Dröhnen in seinen Ohren übertönt. Als die tanzenden Lichter vor seinen Augen sich legten, merkte er, dass er auf dem Boden lag. In seinem Blickfeld zwei abgetragene lederne Stiefel. Etwas packte ihn am Kragen und zerrte ihn auf die Beine. Der Schmerz verlagerte sich auf seine linke Gesichtshälfte als sich das grimmige Gesicht seines Schwertvaters in sein Sichtfeld schob.

"Was hast du gerade gemacht, he?", schrie er ihn an. "Geträumt, he? Von einem Mädchen, was? Von der großen Liebe, wie?" Nach jeder Frage schüttelte er ihn und ließ auch keine Zeit für eine Antwort. "Du warst unaufmerksam, Junge. Wäre ich ein Ork, hätte ich jetzt deinen abgeschlagenen Kopf in der Hand und ein halbes Dutzend meiner Stammesfreunde hätten sich deine Liebste bereits vorgenommen und ihr einen Orkbastard als Gastgeschenk dagelassen. Willst du das? Willst du, dass ihr so etwas passiert?"

Speicheltropfen flogen Rutger ins Gesicht und gleichzeitig auch die Bilder seiner lieben Tsalind, schmutzig und blutend und weinend. "Nein", presste er heraus.

"Was?", brüllte Walthari und nahm die Hände von seinem Kragen.

"Nein, das will ich nicht, Herr!"

"Dachte ich mir", brummte Walthari und seine Hand lag schwer auf Rutgers Schulter. "Und jetzt setz dich, Junge. Lass uns über die Liebe reden ..."