Neuordnung in Urkentrutz - Neuprdnung auf Burg Urkenfurt

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Neuordnung auf Burg Urkenfurt
Burg Urkenfurt, Baronie Urkentrutz, Travia 1044

Als Lyssandra vom Baronsrat zurückgekehrt war standen einige wichtige Entscheidungen an. Zunächst wollte die Baronin mit Ritter Ludopold von Geißenbart sprechen. Seit den Ereignissen, die zum Tod der Baronsfamilie von Hartenau geführt hatten, wirkte der Dienstritter unzufrieden. Er machte Dienst nach Vorschrift, war aber nur selten bei gemeinschaftlichen Ereignissen zugegen und mied den Kontakt zur Familie seiner neuen Dienstherrin. Es war offensichtlich, dass der altgediente Dienstritter müde und seine Aufgabe leid war.

An diesem Morgen schickte sie den Waffenknecht Merthold aus, den Dienstritter zu bitten, in ihr Arbeitszimmer zu kommen. Lyssandra stand am Fenster. Der Blick von dort ging über die Steilwand des Felsens auf dem man die Burg errichtet hatte, über das Dorf Urkenfurt und das Tal des Fialgralwas. Sie liebte diesen Ausblick auf die reizvolle und abwechslungsreiche Natur von Urkentrutz, die Flusslandschaft des Finsterbachs und seiner Nebenbäche. Was für ein Glück hatte sie doch, nun die Geschicke dieses schönen Landstrichs lenken zu dürfen.

Das kraftvolle Klopfen an der Tür riss sie aus ihren Gedanken. Die 43jährige straffte den Rücken. Sie hatte sich an diesem Tag bewusst in eine ritterliche Gewandung, bestehend aus lederner Reiterbruche, Leinenhemd und Lederkürass darüber, gekleidet.
„Tritt ein!“, forderte sie den Dienstritter auf, der daraufhin die Tür öffnete und das Schreibzimmer betrat.

„Ihr wolltet mich sprechen, Hochgeboren?“
Ludopold stellte sich breitbeinig mitten in den Raum und hielt die Hände vor dem Bauch verschränkt.

„Sehr richtig, mein Bester“, erwiderte die Baronin freundlich, aber bestimmt. „Nimm bitte Platz!“

Zunächst schien es als wolle er stehenbleiben. Als sich aber die Baronin niederließ, nahm auch der Dienstritter Platz. Lyssandra musterte den Mann. Der Ansatz des ergrauten Haupthaares war schon weit zurückgewichen und das Leben hatte in seinem Gesicht Spuren hinterlassen. Nicht nur Narben von Verletzungen im Kampf, sondern auch die Zeichen des Alters ließen sich erkennen: Falten und Tränensäcke. Sie wusste nicht genau wie alt er war, schätzte ihn aber auf Anfang 60. Gleich würde sie es genauer wissen.
„Wie alt bist du Ludopoldt?“, fragte sie geradeheraus.

Der Dienstritter zögerte keinen Augenblick mit der Antwort. „62 Winter, Hochgeboren!“

Lyssandra nickte. „Und in diesen 62 langen Wintern hat sich keine Maid gefunden, die es wert gewesen wäre vor Travias Altar zu führen?“

Ludopold zuckte die Achseln. „Ach, die Richtige war einfach nicht dabei.“

Die Baronin quittierte die Aussage mit einem weiteren Kopfnicken. „Du hast eine Menge erlebt als Dienstritter der Baronin von Urkentrutz, nicht wahr? In wie viele Schlachten bist du an ihrer Seite gezogen?“

Nun atmete der Geißenbart tief durch. Sein Blick ging in Richtung der von mächtigen Balken gehaltenen Zimmerdecke.
„Ich glaube zählen kann ich das gar nicht, aber ich habe für die Ehre Rondras und die Sicherheit der Baronie und des Herzogtums so manche Schlacht geschlagen! Ein gutes Dutzend mag es sicher gewesen sein. Wobei ich in den vergangenen 10 Wintern eher die Burg beschirmt habe.“

Lyssandra wirkte beeindruckt. „Ja, und das hast du hervorragend gemacht, mein Bester! Darf ich dir eine weitere Frage stellen?“

„Nur zu!“, erwiderte der Dienstritter.

„Wie fändest du die Aussicht darauf, deinen Kopf nicht mehr in vorderster Front für die Sicherheit der Baronie hinhalten zu müssen?“

Ludopoldt hob die Augenbraue. Sein Gesichtsausdruck verriet ein tiefes Misstrauen. Er war sich bewusst, dass die Baronin ihn loswerden wollte. Doch so einfach wollte er sich nicht rauswerfen lassen. Die bezahlte Stellung als Dienstritter war ihm wichtig. Er hatte ja sonst nichts. Während die ältere Schwester das elterliche Gut geerbt hatte, war er leer ausgegangen.
„Nun, mit Verlaub, Hochgeboren, ich weiß nicht worauf Ihr hinauswollt.“

Er wusste es genau. Lyssandra war sich sicher, dass er ahnte worauf die Frage abzielte.
„Ich habe da ein Rittergut an der Baroniegrenze zu Herzoglich Waldleuen, das unbesetzt ist. Es ist hübsch gelegen, gleich an der Straße von Urken nach Firnroden in Waldleuen. Ein Weggasthof mit Schmiede und Stellmacherei ist auch dabei. Der Name ist Dachsenraith. Das würde ich dir gerne geben. Meine einzige Bedingung ist, dass du, solange du es dir körperlich zutraust, einen Knappen zum Ritter ausbildest und auch die Ausbildung von mindestens zwei bis vier Schildmaiden und Waffenknechte übernimmst. Schließlich muss die Baroniegrenze und damit auch die Grenze der Grafschaft Bärwalde beschirmt werden.“
Sie sah den Dienstritter herausfordernd an.

Es war zu erkennen, dass es hinter Ludopoldts Stirn arbeitete. Und während sich die Baronin unsicher war, wie er den Vorschlag aufnehmen würde, machte sich ein zufriedenes Lächeln auf den schmalen Lippen des Geißenbarts breit.
„Wisst ihr, Hochgeboren, das ist ein guter Vorschlag. Ich wollte Euch ohnehin schon fragen, ob es möglich wäre, mich aus dem Dienst zu entlassen. Dieses Angebot jetzt kommt mir sehr entgegen.“

Lyssandra fiel ein Stein vom Herzen. Es kostete also wenig Überzeugungsarbeit, Ludopoldt aufs Altenteil zu schicken.
„Dir wird die Überwachung der Grenze nach Waldleuen unterstehen. Aus diesem Grund brauchst du auch eine kleine Lanze. Im Augenblick ist das Gut verwaist, die Wachaufgabe hat eine Hand voll Büttel inne, die aus der Ortschaft Urken abgestellt sind. Aber das gefällt mir nicht. Ich möchte, dass du dich dort der Ausbildung der Waffentreuen widmest. Überprüfe, wer sich von den Bütteln vielleicht dafür eignet, als Waffenknecht oder Schildmaid in meinen Dienst zu treten und diejenigen jungen Maiden und Burschen unterstehen dir dann. Zudem werde ich sehen, wen man dir als Knappen oder Knappin in den Dienst geben kann. Hast du einen Vorschlag?“  

Ludopoldt dachte nach. Dann kam ihm eine Idee. „Eberlieb von Wachtelfinden hat zwei Töchter und drei Söhne. Ich war ja unlängst zum Census dort. Der Drittgeborene müsste jetzt im passenden Alter sein.“

„Das klingt gut. Ich wollte ihm ohnehin bald einen Besuch abstatten. Da werde ich mich dafür einsetzen, den Jungen nach Dachsenraith zu holen.“ Die Finsterbornerin lächelte erfreut. „Ich dachte an ein Umsiedeln nach dem Winter. Wäre das in deinem Sinne?“

Der altgediente Dienstritter nickte zufrieden. „Das klingt gut.“

Die Baronin entließ den Dienstritter und setzte sich hin, um einen Brief an Eberlieb von Wachtelfinden zu schreiben und ihren Besuch anzukündigen.