Neuordnung in Urkentrutz

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Alles soll in der Familie bleiben
Burg Efferddorn, Baronie Pandlaril, Travia 1044 BF

Am letzten Abend des Baronsrates, als alle Beschlüsse noch einmal an den Schanktischen diskutiert wurden, suchte sich Lyssandra ein ruhiges Plätzchen im Burghof, wo sie mit ihrem Bruder alleine sein konnte. Es gab ein wichtiges Anliegen zu besprechen. Horatios Knappen Ludebrecht, der normalerweise keinen Augenblick von seiner Seite wich, weil er ihm den linken Arm ersetzen musste, hatte man zum Bierholen geschickt. Lyssandras Blick glitt über den Burghof, als sie das Thema anschnitt, das den Urkentrutzer Zweig der Familie Finsterborn betraf.

„Wie hat dir der Baronsrat gefallen, Bruderherz?“, fragte sie einleitend. Ihr war nicht verborgen geblieben, dass ihr Bruder von den politischen Verhandlungen beeindruckt war, auch wenn er persönlich nicht involviert war. Wie alle anderen Begleiter und Berater der Weidener Barone hatte auch er hinter den Kulissen mitdiskutiert, sich mit seiner Schwester über das Für und Wider der ein oder anderen Entscheidung ausgetauscht, Ratschläge gegeben und mit den anderen Adeligen die ein oder andere Konversion geführt.

Entsprechend fiel die Antwort ihres Bruders aus. „Es war phantastisch! Alleine so viele hochadelige Herrschaften und ihre Berater und Familienmitglieder zu treffen und mit dem ein oder anderen ein Gespräch führen zu können war ein Erlebnis. Man hat ja sonst selten die Gelegenheit dazu. Ich danke dir, dass du mir die Möglichkeit gegeben hast, das miterleben zu dürfen. Ich hoffe, ich konnte deine Erwartungen an mich erfüllen?“

Lyssandra nickte bestätigend. „Das hast du, Horatio. Voll und ganz. Ich bin froh, dass ich mich deines Ratschlags versichern konnte, gerade weil du für die Familie denkst. Und was die Hochadeligen angeht, Bruder, gehören wir jetzt auch dazu. Seit ich die Baronswürde erhalten habe, darf ich mich als Mitglied dieser illustren Gesellschaft betrachten und meine Kinder werden mir, wenn ich es nicht sehr unklug anstelle, nachfolgen.“

Sie machte eine kurze Pause, beobachtete eine Weile die im Burghof versammelte Schar Adeliger und ihrer Begleiter der Burg. „Um ein solches Familienerbe zu sichern und prosperieren zu lassen, braucht es viel Geschick und Erfahrung, dazu einen tief verwurzelten Familiensinn. Horatio, ich brauche deine Hilfe. Kannst du dir vorstellen, deine Stellung als Adjutant bei den Rundhelmen zu verlassen um im Sinne der Familie von Finsterborn das Familiengut Schwarze Au zu verwalten? Ich würde dich gerne als Vogt einsetzten, um das Gut in den besten Händen zu wissen, die ich mir vorstellen kann, bis meine Kinder das Alter und die nötigen Kenntnisse besitzen, um es selbst zu übernehmen.“

„Aber du hast doch die Uhlredders!“, protestierte Horatio zunächst.

„Horatio, die Uhlredders sind meine Dienstritter. Sie sind fähige Verwalter, keine Frage, aber sie gehören nicht zur Familie. Außerdem würde ich sie gerne als Dienstritter an meiner Seite in Urkenfurt haben, denn das würde bedeuten auch Minerva wieder bei mir zu haben, sie ist doch Knappin von Oberon. Auf Ritter Ludopoldt kann ich mich nicht verlassen. Er ist alt und dienstmüde. Außerdem trägt er mir noch immer nach, dass ich die Baronswürde erhalten habe und nicht er.“

Der Adjutant aus den Reihen der Rundhelme nickte. Er wusste um die Problematik mit Ludopoldt. Lyssandra konnte sehen, dass er grübelte. „Wie hast du dir das vorgestellt, Schwesterherz? Weihe mich in deine Gedankengänge ein.“

Die Baronin strich sich eine bernsteinfarbene Strähne aus dem Gesicht. „Nun, ich würde Ludopoldt mit einem Gutshof belehnen. Ich habe da schon einen im Auge, der verwaist ist. Du würdest auf das Familiengut umziehen und könntest deine Familie mitbringen. Deiner Frau und den Kindern gefällt die Schwarze Au doch sicherlich auch besser als der Neunaugensee, oder nicht?“

Horatio lächelte. „Das stimmt. Kularina hat sich auf dem Gut sehr wohlgefühlt, wenn wir dort waren, und für die Kinder ist es ja ohnehin nur noch eine Übergangsstation. Meinhardt könnte im Rondra eine Pagenstelle antreten, aber Kularina möchte ihn nicht aus der Familie geben. Kunert wäre in gut zwei Götterläufen soweit. Ich gebe dir vollkommen recht, dass Familiengut ist schon ein passenderer Ort als die Unterkunft, die ich ihnen in Dragentodt bieten kann.“

„Ich plane noch weiteres, Bruderherz. Denn ich möchte dich mit einem Grund in der Nähe von Urken belehnen. Du könntest den Bau eines Gutshofes vom Familiengut aus überwachen und koordinieren. Du wirst für fünf Götterläufe von mir vom Baronszehnt befreit, um die Mittel für die Bauarbeiten aufbringen zu können. Und aus dem Familieneigentum möchte ich dir auch noch eine Summe auszahlen, die den Bau eines standesgemäßen Gutes ermöglichen sollte. Du kannst letztlich auf dein eigenes Gut umziehen sobald es fertig ist und meine Tochter Minerva soll dann die Schwarze Au übernehmen. So haben auch deine Kinder einen Familiensitz und der Besitz der Finsterborns wird gefestigt und vermehrt. Was hältst du von dieser Idee?“

Die Augen ihres Bruders waren groß geworden während Lyssandra ausformuliert hatte, wie sie sich die Zukunft der Finsterborns vorstellte. Nun musste er tief durchatmen.
„Lyssandra, das klingt phantastisch und sehr vorausschauend! Ich finde das hervorragend und wie ich dich kenne, hast du es bereits durchgerechnet. Oder?“

Die Ältere der Geschwister nickte. „So ist es. Vater hat das Gut hervorragend geführt. Es sind Überschüsse erwirtschaftet worden und die Befreiung vom Baronszehnt sollte dir ein passendes finanzielles Polster schaffen, um den Bau zu vollenden. Es wird jetzt keine Burg sein wie Efferddorn, aber ein gesicherter Gutshof sollte schon realisierbar sein. Dann werden deine Kinder das Rittergut halten können, wenn sie auch die Ritterwürde anstreben. Zumindest solange ich und meine Nachkommen Barone von Urkentrutz sind.“

Horatio nickte eifrig. „Oh, Lyssandra. Das wäre wirklich eine große Ehre!“

Die ältere Schwester lächelte. „Das freut mich. Vielleicht kann ich dir ja auch in Sachen Pagenstelle für Meinhardt helfen. Wenn Kularina ihn lieber in der Familie belassen möchte… nun, wie wäre es, wenn er bei mir in Urkenfurt seine Zeit als Page verbringt? Du kannst es deiner Frau ja mal vorschlagen, und Meinhardt natürlich auch. Wie fändest du das?“

„Das wäre ein trefflicher Kompromiss. So bliebe er „in der Familie“ und wäre trotzdem außer Haus. Ich bespreche es mit Kularina. Der Junge ist recht aufgeweckt. Ich denke er könnte schon Gefallen finden an dem Leben auf Burg Urkenfurt. Minerva und Eylin wären dann auch mit auf der Burg?“

„Ja, das stimmt! Eylin wird sicher bis zur Knappenzeit in Urkenfurt bleiben. Wenn sie überhaupt eine ritterliche Laufbahn einschlägt. Bislang zeigt sie keinerlei Interesse daran. Ich habe manchmal das Gefühl, dass die Zwölfe es so haben wollen, dass die dritten der Finsterborner in ihren Dienst treten. Mal sehen ob sich eine besondere Neigung zeigt, so wie es damals bei Ysilda war.“
Lyssandra blickte etwas gedankenverloren. Der Gedanke, dass Eylin ihrer jüngeren Schwester nacheifern könnte, behagte ihr nicht so recht. Aber es sah nicht danach aus als wenn ihre Jüngste eine künstlerische Begabung hätte. Sie war sehr eifrig beim Lesen und Schreiben, lernte gerne Lieder und Gedichte auswendig und fragte alle Burgbewohner Löcher in den Bauch.

„Ich bin gespannt, ob aus dem Angebot des Barons von Schneehag etwas wird. Er hat mir angeboten, seinen Vetter zu fragen, ob er mir eines der Kinder seines verstorbenen Bruders, Erlinde Böcklin von von Hunsfurt, zur Knappin gibt. Die arme Waise ist in der Obhut von Anshag Böcklin von Bockenstein und soll eine ritterliche Ausbildung erhalten. Ich denke, sie könnte uns gut unterstützen. Auf der Burg kann ich jede zupackende Hand gebrauchen und wenn sie sich als geschickt im Kampf anstellt, erst recht.“

Der Bruder nickte. „Ja, das wäre schon gut. Du hast ja dann auch bald deine beiden Dienstritter um dich, die dich bei der Ausbildung der Knappin unterstützen können. Dazu noch Minerva, die nur unwesentlich älter ist. Besser kann sie es nicht treffen.“

Lyssandra nickte. „Ja, es ist viel zu tun, Horatio. Die Weichen für die Baronie müssen gestellt werden. Ich bin sehr froh, dich an meiner Seite zu wissen. Ich habe gute Unterstützung von der Familie und von wertvollen Freunden wie Oberon und Danja. Ich muss nun Stück für Stück alles angehen. Zum 1. Boron steht die Segnung des Familiengrabes in der Schwarzen Au an. Schwester Etiliane reist Ende Travia an. Du begleitest mich doch, nicht wahr?“

Horatio nickte. „Natürlich! Hast du Ysilda Bescheid gegeben?“

Die Schwester lachte auf. „Ysilda? Wie sollte ich? Ich weiß nicht einmal wo sie gerade ist! Wenn man den Gerüchten glaube darf ist sie zwar tatsächlich gerade in Weiden und holt hier und da Kinder auf Deres Rund, aber wer weiß das schon genau? Sie könnte auch schon wieder einen dieser Zugvögel getroffen haben und dem Klang der Flöte lauschend auf Wanderschaft sein. Saria tut mir leid. Das arme Kind. Ein Leben auf Wanderschaft. Heute hier, morgen da… furchtbar für ein Kind! Keine dauerhaften Freundschaften, keine Aussicht auf eine standesgemäße Erziehung und Bildung!“

Der Bruder nickte. „Das stimmt schon, Lyssandra, aber sie kennt es doch gar nicht anders. Ich nehme an, sie vermisst nichts.“

Die Baronin kräuselte die Lippen. „Das ist wohl wahr, macht es in meinen Augen aber nicht besser. Nun gut, ich schließe sie in meine Nachtgebete ein. Lass uns auf die Familie anstoßen!“

Sie hob den Humpen und prostete ihrem Bruder zu. „Auf die Finsterborns!“