Sommerpläne

Burg Distelstein, Ende Firun 1041 BF

„Ihr habt Mutter eine große Freude gemacht, weißt du das, Vetter?“

Der so Adressierte löste sich aus seiner stillzufriedenen Betrachtung und gab zunächst nur ein vorsichtiges „Shhhh“, von sich. In den Armen des Barons der Hollerheide lag Grund für Freude und Beisammensein gleichermaßen: der jüngste Spross im Hause Weiden-Harlburg und zugleich die erste Tochter Lanzelunds. Die Äuglein im roten Gesicht fest zugepetzt, schlummerte Griniguld Baltrun Alveradis von Weiden-Harlburg offenbar tief, den Daumen des Vaters in festem Griff.

„Ach weißt du, wenn Winzig-Griet schläft, obgleich Isegrein, Viridia, Herrada und Pandrad da hinten die Belagerung des Rhodensteins nachspielen, donnernde Reiterangriffe inbegriffen, untermalt von Reonars anhaltendem Genöle und dem Tadel der Ammen, dann wird eine zivilisierte Unterhaltung sie kaum stören!“ Edigna von Weiden-Harlburg setzte sich auf den mit Heidschnuckenfellen belegten Sessel, der gegenüber dem des Barons stand.

„Winzig-Griet?“ Lanzelund runzelte die Stirn und sah seine Base irritiert an. „Was’ das denn?“

„Eine logische Fortsetzung: Meine Mutter wird Griet genannt, ich Klein-Griet – obwohl Griniguld nur mein Zweitname ist, was ihr standhaft zu missachten pflegt – also muss der jüngste Spross mit diesem Namen logischerweise Winzig-Griet heißen.“ Sie deutete auf das in Wolle und Lammfelle gehüllte Bündel.

Lanzelund lachte leise. „Lass Greifgolda das besser nicht hören! Sie ärgert sich ja schon über ‚Grini‘, was ich nur ein-zweimal erwähnt habe und das Isegrein viel besser gefällt, als das lange Griniguld. Wo isses überhaupt, mein Weib?“, schob er nach und reckte den Hals.

„Im Wehrheimer Zimmer, mit Mutter. Es ging um irgendwas Militärisches und beide beharren darauf, Recht zu haben. Jetzt müssen die Bücher ran!“

„Pööööhhhh“, gab Lanzelund seinem Missfallen Ausdruck. „Ich hoffe das dauert nicht zu lange. Heute ist doch Familienabend. Wenn schon mal alle Weiden-Harlburgs beisammen sind, sollten wir das auch genießen.“

Im hinteren Bereich der Halle fiel donnernd etwas zu Boden und Lanzelund schoss seinem Erstgeborenen und dessen Spielgefährten einen warnenden Blick zu, begleitet von einem mahnend erhobenen Zeigefinger. Die Kinder beeindruckte das freilich nicht wirklich, denn was hatten sie schon von einem Vater oder Onkel zu befürchten, der einen schlafenden Säugling im Schoß hielt?

„Brut!“, brummte dieser darum und schniefte unzufrieden. „Wartet nur, bis ich die Hände frei hab’!“

Edigna lachte leise. „Aber im Ernst, Lanzelund: Mutter hat sich sehr gefreut, dass ihr das hier“, sie pikste sacht in das Bündel, „nach ihr benannt habt.“

„Najaaa, is halt’n schöner Name, nech?“

„In der Tat“, schmunzelt die Bärenritterin. „Das auch.“

„Sie hat’s ja auch verdient. Tante Griet meine ich. Wenn Grini nach ihr kommt, sind wir glücklich und zufrieden. Oder nach Greifgoldas Mutter“, Lanzelund stutzte, „ne, wart’ mal, die hieß ja Myrica. Dann war’s wohl ‘ne Großmutter oder Muhme oder sowas, von der sie das Baltrun hat. Aber irgendwas Denkwürdiges wird diese Baltrun, wohl getan haben, und darum wär’s recht, wenn Grini auch nach ihr käme.“

„Dann geben die guten Götter, dass das Mägdelein nach einem der beiden kommt oder das Beste von beiden in sich vereint.“

„Jawohl, darüber mögen die Frauwen Rondra und Peraine wachen, das sind nämlich sehr gute Wünsche, Base.“ Lanzelund blickte auf und lächelte breit. Dann runzelte er jäh die Stirn, als sei ihm etwas Unerwartetes in den Sinn gekommen. Sein Blick gewann an Schärfe und Edigna hob fragend die Brauen.

„Was ist?“

„Mir kam grad ‘ne Idee. Hast du schon Pläne für den Jahreswechsel, Klein-Griet?“ Er feixte, als seine Base warnend knurrte.

„Jahreswechsel? Wir sind gerade im tiefsten Winter, Mann, was soll ich da schon Pläne für den Sommer haben?“

„Sehr fein, dann möchte ich dich um einen Gefallen bitten, liebe Base.“ Da war es wieder, das strahlende Lanzelund-Lächeln, das umgehend Argwohn in Edigna schürte.

„Ahaaaaa?“, fragte sie gedehnt und hütete sich wohlweislich vor einer Zusage.

„Es gibt da in Greifenfurt eine Baronie. Kressenburg heißt sie, schon mal gehört?"

Edigna wog unbestimmte den Kopf. Die Frage trug nicht gerade zu ihrer Beruhigung bei.

„Oder anders: Wie sicher ist denn dieser Tage deine Lanze?“ Nun gesellte sich ein mutwilliger Ausdruck zu Lanzelunds breitem Grinsen. Zu allem Überfluss musterte ihr Vetter sie jetzt auch noch abschätzend. „Bist du gut in Form, Ritterin des Bären?“

„Was ist das denn für eine Frage? Natürlich! Ich diene immerhin der Herzogin und dieser Ehre bin ich mir bewusst. Kannst dich ja überzeugen, Vetter!“

„Das werd’ ich, gleich morgen.“ Der Baron strahlte vor Freude. „ Tjosten im Schnee, ha, das wird ein Spaß!“

„Abwarten!“, knurrte Edigna, ehe sie nachhakte. „Und was hat das nun mit diesem Kressendingens zu tun?“

„Ah, ah ja. Nun also, da gibt es um den Jahreswechsel immer ein Turnier. Blöder Zeitpunkt, wenn du mich fragst. Man ist so oder so viel zu lange unterwegs. Ich meine, fürs Kaiserturnier macht man das vielleicht mal ... alle paar Jahre, aber ... nun, wie auch immer.“ Lanzelund unterbrach seinen Redefluss und räusperte sich.

„Jedenfalls sitzen da diese von Keilholtzens, gute Greifenfurter Familie. Weit gestreut. So weit, dass sie unterdessen auch in unsre Familie reingestreut haben.“

„Hum?“

„Greifgoldas Mutter entstammte der Familie von Grevinghoff, alte markgräfliche Vögte, gutes Blut! Die Keilholtzens haben in diese Familie eingeheiratet und darum sind wir auch eingeladen.“

„Zu diesem Turnier?“

„Nein, zur Hochzeit natürlich.“

„Was denn für eine Hochzeit?“, fragte Edigna verwirrt.

„Na die, vom Baronsbruder. Die wird anlässlich dessen ...“, Lanzelund runzelte die Stirn, „... oder anders rum, abgehalten. Keine Ahnung wie und ist ja auch egal. Jedenfalls gibt es ein Turnier. Und ‘ne Hochzeit und irgendwie hängt das zusammen. Wir wollen aber nicht hin ... können, meine ich. Wir KÖNNEN nicht hin.“

„Wieso?“ Edignas Argwohn wuchs.

„Naja“, mit großen Augen, in denen ein bedeutungsschwangerer Blick gloste, hob der Baron das in seinen Armen schlummernde Kind.

„Bitte“, kanzelte Edigna das Scheinargument ab. „Deine Holde ist hart wie Stahl. Würde mich wundern, wenn sie nicht binnen Mondesfrist wieder alle vergessen macht, dass sie just von einem Kinde genesen ist. Und du warst ja wohl nicht schwanger. Oder warte mal“, sie verengte die Augen „Das ist es, du bist nicht in Form, was? Ja, ja, das kenne ich von meinem Mann. Mit jedem Kinde nimmt die ...“

„Unverschämtheit!“, begehrte Lanzelund da auf, „Ich bin in bester Form, das wirst du morgen schon sehen. Grini ist auch nur ein Grund. Wir waren die letzten beiden Jahre über Neujahr nicht zu Hause. Dieses Jahr will ich nicht schon wieder reisen. Ich will im Rondra außerdem auf dem Rhodenstein sein. Und Greifgolda sieht das auch ... also ... ähnlich ... so. Die Bande zu den Kressenburgern sind zudem nicht wirklich eng. Aber du kennst sie ja, Unhöflichkeit kann sie nicht leiden, also müs... möchten wir jemanden schicken und da, liebste Base, kommst du ins Spiel.“

„Aha“, brummelte die halb amüsiert, halb angegrantelt, „ich bin also die klassische dumme Alrike?“

„Nein, nein“, Lanzelund war ernst geworden, „keinesfalls. Was denkst du denn? Du bist eine mehr als würdige Vertreterin. Ich meine, eine Ritterin des Bären, die noch dazu einen von Löwenhaupt zum Knappen hat. Wenn das nicht würdig ist, weiß ich wirklich nicht! Ich schätzte mich glücklich, wenn du unsere Familie repräsentierst.“ Mit der freien Hand kratzte sich Lanzelund nun am bärtigen Kinn und räusperte sich leise. „Mich treibt aber noch was anderes um und dafür bist du meiner Meinung nach ebenso hervorragend geeignet.“

„Aha?“, wiederholte Edigna sich.

„Luten Corrhenstein von Hirschenheide, kennste doch, den Jungen, oder?“

„‘türlich! Der Älteste von Rutgard. Soweit ich erinnere ein propperer Junge, der einen ordentlichen Knappen abgegeben hat. War er das nicht, der sich so für die Minne und Geschichten über das Rittertum erwärmt hat? Du hattest ihn doch mit in Mendena, oder?“

„Eben der“, brummte Lazelund und trug nun Sorgenfalten auf der Stirn.

„Oha, was ist mit ihm?“

„Nun, ist ein guter Junge, Luten! Hat sein Handwerk gelernt, wenngleich Rutgard glaube ich nicht so glücklich damit war, dass er den Tugenden der Schönen Göttin weit mehr abgewinnen kann als die anderen Corrhensteins. Mir dagegen gefällt das durchaus. Der Segen der Stutengleichen ist eine Zier, die ich sehr zu schätzen weiß. Luten ist die Zukunft Hirschenheides und so sehr ich die Corrhensteins schätze: Etwas Zier können die durchaus vertragen. Wie auch immer, er hat sich gut gemacht, auf dem Zug der Herzöge. Bis zur Alstfurt.“

Jetzt erinnerte sich Edigna wieder. Sie hatte viel von dieser Schlacht gehört. Die Hollerheider hatten hier einiges an Blut vergossen.

„Seit er mit eigenen Augen gesehen hat, welche Schrecken die Schwarzen Lande hervorbringen, und vor allem seit dieser Schlacht, ist er ein anderer. Oh, er hat sich erholt und er hat danach versucht, uns und sich selbst seinen Fehler vergessen zu machen. Aber du weißt ja, wie so was ist. Das gelingt nicht so leicht. Seither ist er also still und in sich gekehrt. Scheint nur wenig Schlaf zu finden. Rutgard sagt, er träume schlecht und vor allem habe ihn sein Antrieb verlassen. Das gefällt mir nicht. Ich will, dass er sich fängt. Darum“, er fasste Edigna ins Auge, „dachte ich daran, ihn auf andere Gedanken zu bringen. Er soll dich begleiten, wenn du unser Hochzeitsgeschenk überbringst. Und er soll die Hollerheider Farben hochhalten, wenn er am Turnier teilnimmt. Und du, du schaffst es ganz sicher, dem Jungen zu vermitteln, dass Fehler gemacht werden, dass das dazu gehört und so weiter und so fort. Du weiß sicher, was ich meine, ihr Frauen ...“

„Ach du liebes Bisschen, jetzt komm mir doch nicht mit solchen Phrasen, Lanzelund. Es gibt durchaus auch einfühlsame Männer“, sie legte den Kopf schief, „irgendwo.“

„Genau!“, ließ Lanzelund die Spitze ungerührt passieren. „Also, machst du’s?“

„Ich denke mal drüber nach. Klingt aber ganz nett. Ist schon eine Weile her, dass ich in die Schranken geritten bin und ich hoffe, die Greifenfurter veranstalten anständige Turniere.“

„Prächtig, dann ist das beschlossen. Der Junge sollte ohnehin mal die Augen offenhalten. Ist jetzt 25 Winter, höchste Zeit, dass er eine Gemahlin findet, und warum keine aus Greifenfurt? Das sind aufrechte Verbündete, die wissen, wo der Feind hockt.“ Lanzelund hatte seine gute Laune zurück und grinste schon wieder.

Edigna stockte. „Hast du mich grad auch noch zur Kupplerin gemacht?“

„So würd’ ich das nicht sagen. Sieh’s doch eher als Erleichterung. Ich meine, der Kerl steht voll im Saft, hat das vor Gram nur grad vergessen. Da werden sicher einige hübsche Mädels rumhüpfen. Du musst ihn nur beizeiten drauf stupsen, dann erledigen die Säfte den Rest. Die Ewigschöne wird schon dafür sorgen. Und am Ende hast du zwei Fliegen mit einer Klatsche geschlagen. Ein Kinderspiel!“, strahlte der Hausherr.

„Ja. Genau. Ein Kinderspiel! Und darum schickst du mich, statt es selbst zu regeln. Ganz toll, Lanzelund“, maulte sie.

„Find ich auch!“, strahlte der, nicht im Geringsten angefochten. „Oh, da kommen sie ja, die beiden. Greifgolda“, rief er halblaut und winkte Gemahlin und Tante heran, „Tante Griet, kommt mal her, Edigna reist im Sommer nach Kressenburg, ist das nicht fabelhaft?!“