Von Knappen und Pagen

Baronie Urkentrutz, Junkergut Schwarze Au, Phex 1019

 

Mit einem fröhlichen Kinderlachen und auf einem Bein hüpfend kam die sechsjährige Ysilda auf ihren Vater zugelaufen. Sie trug ein kurzes, wehendes Kleidchen in sanften Pastellfarben und streckte den Arm nach dem Vater aus. Kastanienbraune Locken umspielten das Gesicht mit den leuchtend grünen Augen und den rosigen Wangen.

Der Ritter vom Gut Stegelsche Otus von Uhlredder trat hervor. Bei ihm hatte die älteste Tochter des Junkers von Finsterborn ihre Pagenzeit verbracht und er besuchte Gut Schwarze Au gelegentlich. Der fast 50 Winter alte Ritter war in Begleitung seines ehemaligen Knappens, Neffens und Erbens Oberon von Uhlredder gerade eben zu einem nachbarschaftlichen Besuch bei den von Finsterborns gekommen.

Lachend hob Oberon die Kleine hoch und näherte sich dann Theofried, der am Fuße der Treppe des Junkergutes Schwarze Au stand und angesichts des kleinen Wirbelwindes Ysilda etwas hilflos wirkte. In seinem Rücken, an die Mauer neben der Eingangstür gelehnt standen Tsalind, die Tsageweihte, die sich seit der Geburt der Kleinen um sie kümmerte und die Amme und Kinderfrau Trasine, die ihr dabei zur Hand ging.

Ysilda auf dem Arm gab Oberon Theofried den Unterarm zum Rittergruß.

„Tsa zum Gruß Euer Wohlgeboren. Ich glaube, ich habe hier Eure jüngste Tochter eingefangen. Dabei hatte ich doch gehofft Eure Älteste, die mir wie eine Schwester ist, wieder einmal zu treffen. War sie denn schon mal wieder hier, seit sie in Brachfelde Knappin ist?“

Theofried von Finsterborn ergriff den Oberarm zum Gruß und reichte auch Otus, der sich zunächst schweigsam im Hintergrund gehalten hatte den Unterarm.

„Schön Euch zu sehen! Gut seht ihr aus! Tsa scheint auch Euch zuzuzwinkern.“

Oberon erklomm inzwischen die Stufen zum Haus.
„Tsa zum Gruße, Ritter Oberon!“, rief ihr die blonde Geweihte der jungen Göttin bereits entgegen. Die dralle Enddreißigerin, mit jugendlichem Flair, deren buntes, wallendes Kleid überflüssige Pfunde gut kaschierte, war eine Frohnatur.
„Die Zwölfe zum Gruße und Tsa voran“, antwortete Oberon. „Schön dich wiederzusehen, Tsalind!“

Auch die Amme Trasine entbot den Gästen einen zwölfgötterfrommen Gruß. Dann beeilte sie sich, Oberon von der strampelnden Last zu befreien. Aus dem Mund der Sechsjährigen sprudelten die Worte in der Geschwindigkeit der Stromschnellen des Finsterbachs.
„Komm, Oberon, komm! Ich muss dir was zeigen!“

Kaum abgesetzt, rannte sie los und kletterte, sich an der rauen Wand des steinernen Treppenhauses festhaltend, hinauf in den Rittersaal. Dort saßen an der langen Tafel Waffenknecht und Schildmaid, Knappe und Page ihres Vaters beim Würfeln.
Oberon grüßte mit einem knappen „Rondra zum Gruße!“ wurde aber, noch ehe sie ein weiteres Wort mit den Leuten ihres Vaters wechseln konnte, von ihrer Schwester zu einem Haufen von Steinchen, Zapfen, Kastanien, Muscheln und Schneckenhäusern gezogen, die auf den ersten Blick ohne jegliche Ordnung wild am Boden verstreut lagen.
„Sieh nur, Oberon! Ein Smetterfing!“

Tatsächlich, bei genauerem Hinsehen entpuppte sich das Wirrwarr an Naturmaterialien als akkurates Mosaik in dessen Zentrum die Flügel eines Schmetterlings zu sehen waren. Überrascht beugte sich Oberon zu Ysilda hinunter.

„Hast du das gemacht?“, fragte er ungläubig.

Inzwischen war Tsalind zu ihnen getreten. „Ja, das hat sie. Ysilda hat viel Fantasie und Geschick, ungewöhnlich für ihr Alter.“

Das Seufzen ihres Vaters war zu hören, der gemeinsam mit Otus von Uhlredder in den Saal getreten war.

„Das kann man wohl sagen“, bestätigte er die Aussage der Geweihten mit einem gereizten Unterton. „Nichts ist vor ihr sicher. Sie bastelt Ketten aus den Ringen, die für die Kettenhemden gemacht sind und räumt meine Jagdtasche aus, um den Inhalt für ihre Puppen zu verwenden!“

Oberon musste lachen und sowohl Ysilda als auch Tsalind stimmten sogleich glockenhell mit ein. Der Ritter musterte die kleine Schwester seiner guten Freundin Lyssandra. Ysilda hatte dasselbe ansteckende und einnehmende Lachen wie ihre verstorbene Mutter. Kindlich noch, doch Oberon war sich sicher, dass die Jüngste Finsterborn viel von Thalya ya Papilio-Pertakis geerbt hatte.

Theofried macht eine wegwerfende Handbewegung. „Ja, ja, lacht ihr nur!“

Zu den beiden Rittern vom Gut Stegelsche sagte er hingegen. „Kommt, lasst uns erstmal einen Begrüßungsschluck trinken!“

Auf seinen Wink hin verschwanden die Würfel vom Tisch und die Küchenmagd brachte mehrere Humpen mit Bier. Oberon überließ der Kinderfrau und Tsalind den kleinen Wirbelwind und nahm selbst an der Tafel Platz. Er saß bei Theofrieds Knappen und dem Pagen. Sein Blick schweifte umher. Es hatte sich nicht viel verändert seit dem Tod Thalyas vor gut sechs Götterläufen. Die lange Tafel stand nach wie vor entlang der firunseitigen Wand. Licht fiel durch die Fenster ein und wenn es dunkel wurde erhellten Kerzenhalter auf dem Tisch und Fackeln an den Wänden den Raum. Die Wände waren mit Erinnerungs- und Erbstücken der alten Familie Finsterborn geschmückt. Auch einige Trophäen von den Schlachten und Heerzügen an denen Theofried selbst teilgenommen hatte waren dabei.

Ein Stück jedoch stach besonders heraus. An der Schmalseite des Raumes, gegenüber der Eingangstür stand ein mit edlem Stoff bezogener, reich geschnitzter Lehnstuhl, der Lyssandras Mutter als Sitzgelegenheit gedient hatte, wenn sie sich mit ihren Handarbeiten beschäftigte. Darüber hin ein kunstvoll gearbeiteter Wandteppich, der eine liebliche Landschaft und ein herrschaftliches Anwesen im horasischen Stil zeigte. Es war das Gut der Familie ihrer Mutter. Oberon erinnerte sich, dass Thalya es geliebt hatte auf diesem Stuhl am Fenster zu sitzen und das einfallende Tageslicht für ihre Handarbeit zu nutzen. Sie konnte wundervoll nähen und sticken. Theofried sah den nachdenklichen Blick des jungen Ritters. Er wurde melancholisch und erzählte, dass Thalya gemeinsam mit ihrer Magd Anci unzählige Stunden damit verbracht hatte, sich selbst und ihren Kindern Kleider zu nähen. Am liebsten nähte sie Kleider nach der neuesten horasischen Mode. Die Anregungen dazu erhielt sie, wie er berichtete, von ihren Verwandten mit denen sie in regem Briefkontakt stand und die ihr jeden Herbst eine Wagenladung Stoffe, Borten und einige Zeichnungen aus der Heimat sandten.

Nicht selten hatte Theofried den Kopf geschüttelt und versucht seiner Frau klar zu machen, dass man solcherlei Kleidung in Weiden nicht tragen konnte. Weiden war zu kühl und das Leben zu rau für derlei empfindliche und unpraktische Kleidung. Thalya hatte sich die Argumente angehört, sich doch nicht darin beirren lassen weiterhin für sich und ihre Kinder Kleider und Anzüge zu schneidern, die Lyssandra und Horatio dann allenfalls zu den Gesellschaftsabenden oder dem alljährlichen Besuch auf der Bärenburg bei Yolina von Aralzin tragen konnten. Natürlich nähten Thalya und Anci auch alle anderen Alltagskleider im Weidener Stil für die Kinder. Doch selbst da konnte die geborene Liebfelderin es sich nicht verkneifen, dass ein oder andere besondere Extra zu gestalten oder besonders edle Stoffe zu verwenden. Dass sich auch Tsalind auf das Schneidern verstand, konnte man sehen und die Liebe zu bunten Farben drückte sich inzwischen sogar bei den Bezügen der Sessel und den Vorhängen aus, die in den grimmig kalten Firunsnächten vor Fenster und Türen gezogen werden konnten.

„Auf Rondra!“ hob Theofried den Humpen. „Und auf die Schönheit der Baronie Urkentrutz! Mögen die Zwölfe und den Frieden noch lange erhalten!“

Otus und Oberon erhoben ihre Humpen. Der wie immer sehr schweigsame, mit seinen Augen alles beobachtende Otus stimmte lediglich mit einem deutlich sichtbaren Nicken und einem

„Auf die Sturmleuin, die Eidmutter und ihre Geschwister!“

  1. Oberon dagegen pries zunächst die Götter ebenso wie sein Onkel fügte aber dann noch etwas an.

„Als junger Mann und Ritter will man es ja immer besser wissen aber nun wo ich fast 3 Winter unterwegs war kann ich vollen Herzens zustimmen, Theofried. Auf das schöne Urkentrutz - zu Hause ist es doch am schönsten! Mögen uns die Götter ruhigere und friedlichere Jahre schenken als die letzten 12 es waren!“

„Da sagst du was Wahres, Oberon!“ Theofried hob den Humpen erneut. „Ich preise Tsa, die Friedvolle, auf dass deine Worte Wahrheit werden mögen!“

Während die Männer sich hinsetzten, beeilte sich Anci gemeinsam mit der Köchin Roselind und Trasine die Tafel für das Abendessen herzurichten. Ysilda tanzte um sie herum, malte auf jedes Holzbrett, das als Teller für die Brotzeit dienen sollte mit bunter Kreide ein Symbol. Bei Oberon malte sie eine Blume, auf Otus Teller eine Eule und bei Theofried eine Sonne. Tsalinds Holzbrett schmückte bald ein Regenbogen und auch für den Waffenknecht, die Schildmaid, Pagen und Knappen fand die kleine Künstlerin ein passendes Motiv. Fröhlich lachend tanzte Ysilda zwischen den Stühlen und Personen hin und her, kletterte unter den Stühlen und dem Tisch hindurch, tauchte mal hier mal da auf und kicherte.

Die TsageweihteTsalind lächelte und beobachtete das Spiel der jüngsten Finsterbornerin mit sichtlicher Zufriedenheit. Sie neigte sich zu Oberon und spielte auf die Blume auf seinem Brett an.

„Siehst du, Ysilda verkörpert all die Hoffnungen und guten Wünsche, die ihr für die Zukunft habt. Ein junges Leben, voller Lebenskraft und Vitalität! Na, wie heißt denn deine Blume, Ritter Oberon?“

Sie zwinkerte dem Neffen des Gutsbesitzers von Stegelsche zu.

Otus und Theofried unterhielten sich ein wenig über alte Zeiten was Oberon die Gelegenheit gab die kleine Ysilda zu beobachten. Die Lebensfreude und gute Laune die das Kind verbreitete steckte auch ihn an. Er vergaß für einen Moment alle Sorgen eines Erwachsenen wie sie die Welt so bereithielt für einen Weidener Ritter. Ein Stück weit beneidete er die kleine Ysilda sogar. Auch wenn er mit seinen 24 Wintern jetzt noch nicht alt war so hatte er doch bereits einige Dinge in seinem Leben gesehen und erlebt auf die er auch hätte verzichten können. Er gönnte Ysilda von ganzem Herzen diese Zeit als Kind. Sechs Winter müsste sie jetzt haben, das heißt nach zwei weiteren würde ihre Kindheit vorbei sein und die Pagenzeit beginnen. Dann würde es vorbei sein mit dem ganzen Tag spielen, herumtollen und Müßiggang. Die Frage der Tsageweihten brachte ihn ein wenig aus dem Konzept. Ebenso das Zwinkern…schäkerte sie etwa mit ihm?

„Da habt ihr vollkommen recht, Euer Gnaden“, er sah sich seine Blume noch einmal genau an.

„Nun ich kenne ihren Namen als Blume nicht aber als Mensch heißt sie Danja…es ist eine bornische Blume, die mir erlaubt hat sie aus ihrer Heimat hier mit nach Weiden zu bringen und sie hier einzupflanzen. Wir hoffen das die junge Göttin uns auch bald ihren Segen gibt nachdem die Eidmutter keine Einwände hatte. Wir versuchen es jedenfalls sehr oft“, bei dem letzten Satz zwinkerte Oberon zurück.

Die dralle Tsalind lachte glockenhell auf.

„Ich freue mich, dass du eine passende Blume gefunden und zum Erblühen gebracht hast. Sollte der Segen der Ewig Jungen auf sich warten lassen, lass es mich wissen…ich bin gerne zu Diensten.“

„Das werden wir… ich gehe davon aus, dass ihr noch länger hier zu finden seid?“

Da wog die Tsageweihte lächelnd den Kopf.

„Hm, das kann man nie mit Sicherheit sagen. Ihr wisst, dass es oft nur einen kleinen Impuls braucht, ein Augenzwinkern der Alles-Erneuernden, um eine der Vertrauten der Eidechse in die Ferne zu ziehen. Ysilda scheint mich nicht mehr so dringend zu benötigen. Ich warte auf die Eingebung meiner Göttin…“

Das Essen wurde aufgetragen. Es gab verschiedene kalte Speisen: kalten, aufgeschnittenen Braten, Käse und Brot, eingelegtes Gemüse, verschiedene Gemüsesalate und gekochte Eier.

„Greift zu!“, ermunterte Theofried die Gäste und ließ auch gleich noch die Humpen füllen.

Otus, zurückhaltend wie immer, nahm sich legendlich ein paar Streifen von dem Braten und ein Ei. Letzteres wanderte sofort und ohne Umschweife in seinen Magen. Die Fleischstreifen zerpflückte er noch ein wenig in kleinere Fetzen und aß diese dann. Fast könnte man meinen er hätte Futter für einen seiner Greifvögel zurechtgemacht anstatt sich selbst ein Mahl.

Oberon, der am besten wusste wie merkwürdig Otus manchmal war, ignorierte das vollkommen. Er langte richtig ordentlich zu und hielt sich bei keinem der angebotenen Speisen zurück. Nachdem er prüfend seine Nase über die Nachbarteller gehalten hatte ließ er ein freudiges

„Wohlschmecken“ verlauten und haute rein.

Kein bisschen irritiert ließen es sich auch die Bewohner des Junkergutes die aufgetragenen Speisen schmecken. Wer genau hinsah konnte feststellen, dass Tsalind und Ysilda kein Fleisch aßen. Brot, Gemüse und Gemüsesalate aßen sie jedoch beide. Die Geweihte mit großem Appetit. Vor allem beim Käse und den zum Abschluss des Essens aufgetragenen Gebäckstücke, die mit Honig und Marmelade gefüllt waren, griff Tsalind gleich mehrfach zu. Sie pries die Einbeerenmarmelade als Leckerbissen, der ganz nebenbei auch noch Kraft verlieh und empfahl sie auf ein Käsestück aufzustreichen und beides gemeinsam zu genießen. Mit einem verschmitzten Lächeln und zufrieden kauend, warnte sie jedoch davor, sich zu sehr daran zu gewöhnen. Denn die heilende Wirkung der Vielblättrigen Einbeeren, die bei Wunden aller Art und Schwäche nach Verletzungen und Kampf gerne als Heilmittel gegeben wurden, ließ nach, wenn man sie sehr regelmäßig einnahm.

Oberon und Otus konnten sehen, dass Ysilda mit Käsestücken und verschiedenfarbigen Marmeladen ein Bild auf ihr Holzbrett zauberte. Im Nu entstand ein kleines Dorf aus Käsestücken, die sich an einem schlängelnden Bach aus violettem Zwetschgenmus gruppierten. Eingelegte Gurken wurden passend in Form gebissen, so dass sie kleinen Zypressen oder spitzkegeligen Tannen glichen und weiße Perlzwiebeln schienen Büsche am Ufer des Baches zu bilden. Eine Brotrinde wurde zum Boot, dass sich auf dem Bach flussabwärts bewegte und mehrere Tupfen einer gelblichen Marmelade sollten wohl die Bootsleute sein.

Oberon, bester Laune, kommentierte dass Einbeerenmarmelade gut wäre, aber etwas anderes noch besser. Ein Schwarzbrot, ein bisschen Butter, eine ordentliche Portion schwarzen Rübensirup und darauf dann eine Scheibe Käse. Es gäbe nichts besseres und es würde zwar auch süchtig machen, aber als Folge würde lediglich der Gürtel immer enger werden.

Fasziniert sah er dann was Ysilda auf ihrem Teller veranstaltete.

„Na du…was hast du denn da auf deinem Teller?“

Ysilda bedachte Oberon mit einem strahlenden Lächeln.

„Das ist ein Dorf wie unser Dorf Schwarze Au. Sieh nur, Oberon, dort sind die Häuser und der Bingenbach und dort die Bäume und Sträucher und da ein Boot mit einem Fährmann und ein paar Fahrgästen. Es ist nur etwas kleiner als Schwarze Au. Sogar kleiner als die Dörfer der Kobolde und Wichtel.“

Sie sah ihn treuherzig an. „Das einzige Problem ist jetzt, dass das Dorf bald einem Orkangriff zum Opfer fallen wird…“

Die Sechsjährige riss den Mund auf und das Boot mitsamt seinen Insassen verschwand in ihrem Mund. Wenig später nahm auch die Zahl der Häuser, Bäume und Büsche rasant ab. Jetzt lachte Ysilda auf. „Hast du gesehen, Oberon? Sogar Häuser und Bäume fressen sie auf die bösen Schwarzpelze...“

Oberon nahm gespielt eine furchtbare finstere Miene an.

„Oh ja eine schreckliche Plage sind sie…eine wahre Geißel für die Mittnacht! Wie schön wäre doch das Leben ohne alle diese schrecklichen Biester. Und weißt du was…manchmal wenn es ganz schlimm wird dann haben die Orks sogar noch einen Oger dabei!“

Oberon langte rüber und nahm Ysilda den ganzen Teller mit allem was noch drauf war.

„Aber spätestens dann, meine Kleine, kommt die Rettung. Die mutigen, starken Ritter und Ritterinnen Weidens. Diese Männer und Frauen auf ihren treuen Schlachtrössern kommen dann angeritten und helfen den armen Menschen. Es ist ein großartiges Gefühl, meine Kleine, wenn man seine Untertanen und am Ende auch dem Reich als Schutz und Schild dienen kann. Es gibt nix Größeres!“

Oberon legte dabei eine kleine Wurst und eine lange, schmale Karotte auf Ysildas Teller, dazu ein paar von den Käsestücken von seinem Teller und stellte ihn vor dem Mädchen wieder ab.

„Siehst du alle Orks und Oger sind verscheucht!“

Beeindruckt beobachtete Ysilda das Schauspiel. An ihrer Mimik ließ sich der Ablauf direkt ablesen. Die aufgerissenen Augen als Oberon von Ogern sprach, der kurze Moment in dem sie dem Weinen nahe war, als der Teller so einfach verschwand, die Hoffnung in den großen, grünen Augen als der Uhlredder von den Rittern und Ritterinnen Weidens sprach und letztlich, das zufriedene Grinsen, als Wurst und Karotte begleitet von einigen Käsestücken den Weg auf ihren Teller fanden. Die Versicherung, dass Orks und Oger verscheucht waren quittierte sie mit einem zustimmenden Kopfnicken.

Mit zarten, kleinen Mädchenfingern fischte sie die Wurst von ihrem Teller und legte sie auf Oberons. Dabei versah sie den Ritter von Gut Stegelsche mit einem Augenaufschlag.
„Das ist der Lohn für die tapferen Weidener Ritterinnen und Ritter!“

Glücklich schob sie sich die Karotte in den Mund und mümmelte. Tsalind hatte das Spiel der beiden beobachtet. Sie lächelte mütterlich. Theofried hingegen nutzte das Stichwort und begann Onkel und Neffen auszufragen.

 „Na, das ist ja ein perfektes Stichwort, Ysilda! Sagt mal, Oberon und Otus, wie sieht es denn auf Stegelsche momentan mit Pagen und Knappen aus?“

Oberon fand Ysildas verschiedene Reaktionen sehr herzerwärmend. Als sie den Tränen nah war hätte er fast sofort abgebrochen. Spätestens aber als sie dann das Würstchen an ihn zurückgab, musste er breit grinsen. Auch wenn ihm schon auffiel, dass sie kein Fleisch zu essen schien, was er komisch fand, es aber für eine Spielerei der Jugend hielt, wollte gerade ein weiteres Späßchen mit ihr machen, als der Hausherr das Wort ergriff.

Oberon sah kurz zu Otus hinüber der ihm aber mit einem Nicken zu verstehen gab, dass er ruhig antworten sollte.

„Nun zur Zeit haben wir weder das eine noch das andere in Stegelsche. Unser Heim ist ein guter Ort um Page, Knappe oder beides zu beherbergen. Allerdings muss das Gut dadurch das ich und meine Danja wieder eingezogen sind auch eine Menge Mäuler ernähren. Wir wollten deshalb zunächst abwarten bevor wir neue Pagen oder Knappinnen aufnehmen. Andererseits sind wir durchaus der Meinung das wir alsbald unseren Beitrag leisten sollten um den Nachwuchs der Weidener Ritterschaft sicher zu stellen. Die Verluste, die unser Stand ja hatte und hat sind ja erschreckend…fast schon beängstigend hoch! Wie sieht es bei euch aus?“

Theofried wischte sich gerade den Mund ab. Er hatte ein Stück Braten und eine sauer eingelegte Gurke verzehrt, als er hinuntergeschluckt hatte, antwortete er.
„Nun ja, Verluste hatte ich und die schwarze Au auch. Mein Knappe Leonwulf macht sich gut.“ Der Junker nickte dem jungen Mann freundlich zu. „Ich denke er wird in zwei Götterläufen die Schwertleite erhalten können. Und einen Pagen habe ich auch wieder.“

Er warf dem etwa 10 Götterläufe alten, pausbäckigen Jungen einen zweifelnden Blick zu.

„Ob Wiguläus allerdings das Zeug zum Ritter hat, muss sich erst zeigen.“

Der Finsterborner hielt Otus den Brotkorb hin.

„Nimm ruhig noch, Otus. Du siehst aus, als wenn du ein bisschen was vertragen könntet.“

Dann hielt er auch Oberon das Backwerk hin und nickte ihm zu.

Oberon griff zu und auch Otus rang sich durch ein kleines Stück zu nehmen auf dem er dann die nächste Zeit angestrengt rum mümmelte. Es war keineswegs der Geschmack das Problem. Otus schien einfach so leicht werden zu wollen das er nur noch ein paar Federn bräuchte um zu fliegen. Er hatte jedenfalls so gut wie keinen Appetit mehr.

„Ich frage, weil ich mir Gedanken über meine Jüngste mache. Ysilda ist nun sechs Winter alt und in zwei Jahren stünde eigentlich die Pagenzeit an. Denn ich wünsche mir natürlich schon, dass sie, wie alle Finsterborns, das Schwert ergreift und der Leuin Ehre erweist.“

Sein Blick fiel auf das fröhlich mit den Käsestücken spielende Mädchen, das ihn mit einem zuckersüßen Lächeln bedachte. Statt ihrer antwortete jedoch die Tsageweihte.

„Theofried! Ich weiß gar nicht wie oft ich betonen muss, dass die Ewig Junge für Ysilda eine andere Zukunft vorgesehen hat. Sie ist ein Kind, das nur durch die Gnade Tsas gezeugt wurde. Du kannst sie nicht in Harnisch und Helm stecken und ihr ein Schwert in die Hand drücken! Damit zerstörst du ihre zarte Seele!“

„Papperlapapp, Tsalind! Halt du dich da raus! Ysilda ist meine Tochter und ich entscheide über ihre Zukunft. So haben wir das immer gehalten im Hause Finsterborn! So wird es auch bleiben!“

Die Vertraute der Eidechse verzog das Gesicht.

„Du weißt, dass ich nicht mit dir streiten werde, Theofried, weil mir Zwistigkeiten und Streit von Grund auf zuwider sind. Ich möchte dich aber an deine Gemahlin erinnern, die bereitwillig der Lebenspenderin ihr Leben gab für dieses quirlige und phantasiebegabte Wesen. Gedenke ihrer, wenn du deine Entscheidung triffst und versuche dir für einen Augenblick bewusst zu machen, was sie sich für Ysilda gewünscht hätte.“

Für einen Moment konnte man ein Flackern in Theofrieds Augen sehen. Für den Bruchteil einer Sekunde schien er ins Grübeln zu kommen, dann aber verhärteten sich die Gesichtszüge des Junkers wieder.

„Unsinn, sie hat Lyssandra und Horatio auch auf eine ritterliche Laufbahn geschickt. Warum sollte sie es bei Ysilda anders haben wollen?“

Dann wandte er sich wieder an seine Gäste.

„Also, wenn ich für Ysildas Aufenthalt bei euch aufkommen würde und euch zudem noch aus den Erzeugnissen der zu meinem Gut gehörigen Ländereien jeden Götterlauf etwas zukommen ließe… würdet ihr sie dann in zwei Götterläufen als Pagin nehmen?“

Dieses Mal war es Otus der zuerst das Wort ergriff und auch reden wollte. Er hatte bei den Worten von Theofried mehrfach zustimmend genickt und ob der Rede der Geweihten sogar überrascht die Augenbrauen gehoben.

„Auf gar keinen Fall Theofried… auf gar keinen Fall musst du für den Aufenthalt von Ysilda bei uns aufkommen und uns Erzeugnisse von deinen Ländereien schicken! Es sind noch zwei Jahre sagst du. Bis dahin werden wir uns soweit erholt und vorbereitet haben das wir Ysilda nicht nur aufnehmen können, sondern auch ausstatten. Es ist uns eine Ehre ein weiteres Kind aus der Familie von Finsterborn bei uns zu beherbergen. Aber es gibt eine andere Kröte die du schlucken müsstest. Nicht ich würde sie in die Pagenzeit nehmen, sondern mein Erbe und Neffe Oberon. Versteh mich nicht falsch, sie ist ein ganz famoses Mädchen…aber ich bin alt und auch wenn ich hoffe noch ein paar Jahre zu haben so spüre ich doch das Golgari nicht mehr weit genug entfernt ist um sicher genug Jahre zu haben für ihre Ausbildung. Außerdem versteht Oberon sich ja gut mit Ysilda wie du siehst.“

Dann gab er mit einer Geste Oberon zu verstehen das Wort zu haben. Dieser hatte die Worte von seinem Onkel über dessen Zustand mit finsterer Miene aber nicht überrascht mitbekommen. Ganz so als ob er sie nicht das erste Mal hörte. Er wandte sich dann mit bemüht freundlicher Miene zuerst Theofried zu.

„Auch mir wäre es eine Ehre und natürlich braucht ihr nicht für Ysilda aufkommen. Wir werden sie schon satt bekommen…Möhren haben wir genug“, nach diesem kleinen Augenzwinkern richtete er die weiteren Worte mehr an Tsalind und Theofried.

„Das Rittertum ist weit mehr als Harnisch und Helm. Besonders der Weidener Ritter ehrt alle Zwölf und den Ihnen zugehörigen Tugenden. Es mag sicherlich viele Ritter und Ritterinnen geben die Rondra die meiste Aufmerksamkeit widmen. Aber es gibt auch andere und warum nicht eine Ritterin die Tsa und ihre Tugenden am höchsten verehren und sich ihnen widmen? Als Ritter hat man zudem so viel mehr Möglichkeiten, und das nicht nur in Weiden, Gutes auch im Namen der jungen Göttin zu tun! Habt keine Sorge Tsalind…ich glaube auch nicht, dass wir aus Ysilda eine Blut opfernde und Blut Ritterin machen könnten aber das ist auch nie das Ziel der 12 Jahre Ausbildung. Sie kann ohne weiteres Tsa verehren und Ritterin sein.“

Ysilda sah Oberon mit ihren großen, grünen Augen treuherzig an. „Na, wenn das so ist. Klingt spannend! Wenn ich der jungen Göttin damit einen Gefallen tun kann. Aber mit Blut will ich nix am Hut haben, Ritter Oberon. Bitte!“

Der bittende Blick war herzerweichend.

Oberon sah die Kleine ebenfalls schon fast väterlich an und lächelte. Sie war noch ein kleines Kind und war behütet unter den Fittichen einer Tsageweihten aufgewachsen. Er würde ihr jetzt noch nicht die Illusionen nehmen und nahm sich fest vor sie langsam in die harte reale Welt einzuführen. Es würde eine immense Aufgabe werden aber Oberon würde sich anstrengen.

Tsalind verdrehte hingegen die Augen.

„Ja ja, ihr Weidener und eure tugendreiche Sturmleuin. In der Welt der Pagen, Knappen und Ritter ist nur wenig Platz für Kreativität, Kunst und das „Sich-täglich-neu-erfinden, alles wofür die Erneuerin steht. Stattdessen Blut und Tod, Kampf und Gewalt, Krieg und Sterben. Alles das verabscheut unsere Göttin.“

Dann aber sah sie zu der Sechsjährigen hin, die ihre kleine Hand auf Oberons legte und den Ritter mit einem warmherzigen Blick bedachte.

„Wenn ich bei Oberon sein darf, kann es doch gar nicht schlecht sein, Tsalind! Bitte, bitte, lass es mich probieren. Es ist doch dann auch etwas Neues für mich, nicht wahr?“

Oberon legte seine harte Hand möglichst sanft auf die von Ysilda.

„Es wird sehr viel Neues für dich geben Ysilda und du wirst es ganz bestimmt nicht schlecht haben. Wir achten auf alle Küken in Stegelsche!“

Die Dienerin der Eidechse atmete tief durch.

„Du kannst jeden Tag etwas Neues erleben, kleiner Käfer. Aber lassen wir das. Es ist ja noch zwei Götterläufe hin, bis das spruchreif ist. Vielleicht ist dein Vater bis dahin klug geworden und hat erkannt, welches Potential in dir steckt.“

Nun wurde Theofried wütend auf die Tsageweihte.

„Du vergisst dich, Tsalind. Wenn Oberon und Otus mir diesen kleinen Wirbelwind aufnehmen wollen. Wenn sie sich das wirklich antun möchten, dann soll es so sein.“

Auch Oberon ärgerte sich ein wenig über die Worte der Tsageweihten. Er versuchte es sich aber nicht anmerken zu lassen. Stattdessen sah er sie nur leicht streng an.

„Ihr denkt immer nur an Rondra Euer Gnaden doch ich versichere Euch die allermeisten Ritter wären froh, wenn sie ihr ganzes Leben lang niemals zum Schwert greifen müssten. Was ihr darüber hinaus vergesst, sind die anderen Tugenden denen wir…“

er schloss sich Otus, Theofried und sinnbildliche alle anderen Weidener Ritter mit einer kreisenden Bewegung ein.

„…alle folgen!

Fürsorge, Hilfsbereitschaft und Gnade gegenüber Schwachen und Hilflosen,

 ob Alte oder Kinder sei der Ritterin Pflicht und Zier.

Lehrt uns die Tugend der Eidmutter

 

Wie Völlerei und Prahlerei Sünden sind, so übe sich der Ritter in Güte und Mäßigung.

Er strebt nach Vollkommenheit im Angesicht der Natur und der Gaben der Götter.

Lehrt uns die Tugend der gütigen Peraine

 

Die Ritterin hüte Wohlklang und Antlitz aller Wesen.

Mit Liebe zu Menschen und Kunst, Gesang und Musik wie auch der Ausübung der Minne

 ehrt sie die Götter wie auch sich selbst.

Lehrt uns die Tugend der liebholden Rahja

 

Wie jedes Lebewesen in Hoffnung und Friede auf einen Neubeginn sieht,

so bewahre der Ritter die friedfertige Weitsicht und schütze das Leben.

Lehrt uns die Tugend der jungen Göttin!“

Herausfordernd sah Oberon Tsalind nach dem zitieren einem Drittel der Zwölf Tugenden des Rittertums an.

Die Dienerin der Eidechse winkte ab. „Ja klar, natürlich ehrt ihr sie alle, aber wie viele Ritter gefallen sich darin, ihre Macht mit dem Schwert durchzusetzen? Wie viele der edlen Ritter schauen auf „das einfache Volk“ herab und stellen sich über sie und den friedfertigen Ritter mit Weitsicht musst du suchen, wenn sich die Gelegenheit bietet einem anderen eins auf die Nase zu geben. Aber lassen wir das Oberon. Du bist noch jung, hast noch Illusionen. Aber wenn ich mir einen Wunsch erlauben darf, dann erhalte und pflege die Tugenden der Eidmutter, der Gütigen, der Liebholden und der jungen Göttin.“

Theofried hob seinen Humpen.

„Auf ein neues Kapitel im Buch der Freundschaft zwischen den Uhlredders und den Finsterborns – es wird die Überschrift „Ysilda“ tragen.“

Beide Uhlredders hoben ihre Becher und Oberon sah auch Ysilda an und würde mit ihr anstoßen falls sie ihren Becher ebenfalls erheben würde.

Die einzige, die den Trinkspruch nicht erwiderte, war Tsalind. Und im Praios des darauffolgenden Götterlaufes packte sie heimlich ihre Sachen und war von einem Tag auf den anderen verschwunden.