Das Mägdelein bei den Weiden

Ein Märchen aus der Grafschaft Baliho

Es war einmal, vor langer Zeit, als Bosparans Türme noch dräuten, in dem Weiler Auen ein Diener des Herrn Efferd, der da hieß Yann. Yann verehrte den Herrn der Winde und der Wasser auf die alte Weise und gab den Quellnymphen und Flussgeistern, was ihnen als Statthaltern des Brausenden rechtens zukam. So inbrünstig war sein Glaube und so vollkommen seine Harmonie mit der Natur, dass es der Hüterin des Sees selbst, der Fee Pandlaril, eine rechte Freude war.

Eines Nachts, so sagt man, soll sie Yann daselbst mit auf ihren nebelumwallten Sitz am Gestade des großen Sees genommen haben, auf dass er ihrem Gesang lausche, und es heißt weiter Yann sei bislang der einzige Mensch, der dem ewigen Lied lauschen durfte. Oh ja, sie muss ihn geliebt haben. So schenkte sie ihrem Auserwählten auch eine wunderbare Kappe aus fünf wasserklaren Aquamarinsteynen als Zeichen ihrer ewigen Liebe.

Doch in jenen Tagen waren die Bürger Auens verbohrt und verblendet, denn sie kamen aus dem vieltürmigen Bosparan und wussten nichts von der Harmonie von Göttern und Natur, nichts von der Fee und ihrem vielgestaltigen Gefolge. Stattdessen hatten sie einen neuen, brausenden Wind mit sich gebracht, einen Wind der salzig schmeckte und vor dem die uralten Weiden zu Tausenden fielen. Denn der Efferd, den sie kannten war der Herr aller Meere, ein launenhafter und gnadenloser Herr, der keine Statthalter in Seen, Flüssen und Bächen duldete. Dieser Efferd fegte nicht mehr auf Sturmwinden über den Himmel und brüllte den Quellnymphen und Wassermännern von ferne zu, wie sie seine Gebote zu befolgen hätten. Nein, er war höchstselbst in jedem Brunnen, jeder Pfütze, jedem Glas Wasser, das die törichten Auener tranken.

So mieden sie zusehends die uralten Gebetsstätten für den Windherren und seine Quellgeister in den lichten Hainen. Stattdessen bauten sie Efferd ein steinernes Haus, in dem Yann den neuen Glauben predigen sollte. Als er sich weigerte, richteten sie ihn hin. Mächtig schwang der Henker sein Beil und ließ es geradewegs auf den Schädel des Geweihten herabsausen, so dass die kostbare Haube aus Aquamarinen in tausend Splitter zersprang. Da er jedoch ein Geweihter der Zwölfe gewesen, befiel die Bürger bald ein heimliches Grauen und sie brachten ihn zu einer alten Kultstätten im Wald, um ihn dort zu bestatten. Einen mächtigen Scheiterhaufen schchteten sie auf, auf den sie Yann betteten. Alllein, die Scheite wollten nicht brennen, so sehr die Auener sich auch abrackerten.

Da erkannte plötzlich einer mitten unter den schwarzen Klagefrauen eine schneeweiße Gestalt, tief verschleiert, die ihre Hände inbrünstig jammernd empor gewunden. Die, neben welchen sie stand, kam ein heimliches Grauen an, sie wichen zurück oder seitwärts, durch ihre Bewegung die andern, neben die nun die weiße fremde zu stehen kam, noch sorglicher erschreckend, so dass schier darob eine Unordnung entstand. Einige Kriegsleute waren so dreist, die Gestalt anzureden, aber denen war sie wie unter den Händen fort und ward dennoch gleich wieder mit langsam feierlichem Schritte unter dem Leichengefolge gesehen. Dies war den Menschen derart unheimlich, dass allesamt gemeinsam auf die Knie niedersanken, um zum Herrn Efferd zu beten. Und da man sich wieder erhob, war die weiße Fremde verschwunden.

An der Stelle neben dem Scheiterhaufen aber, wo sie gestanden hatte, entsprang ein silbernes Bächlein dem Waldboden, das rieselte und rieselte fort, bis es den Scheiterhaufen ganz umzogen hatte. So bitterlich weinte die Fee Pandlaril um ihren Herzliebsten, dass ein barmherziger Erdgeist sich erbarmte und dem Geweihten ein steinernes Grabmal aus blauem Stein schuf, um seine Gebeine darin zu bergen. Und aus der Spitze des über und über mit Muscheln bedeckten Blauen Turms quellen noch heute tagaus tagein Pandlarils Tränen, denn während sie jede Nacht getreulich ihrer Pflicht nachkommt und wie seit Menschengedenken auf ihrem Sitz am Pandlarin singt und mit ihrem Gesang Zauber webt, um den Schrecken im See zu bannen, sitzt sie jeden Tag von Sonnenauf- bis -untergang an dem stillen, von mächtigen Trauerweiden umgebenen Weiher, den ihre unaufhörlichen Tränen um den blauen Turm gebildet haben.

Aus diesem Grund nennt man das Gebiet, das den Turm heute umgibt, und dessen Zentrum der stille Weiher ist, auch das Trauermoor. Denn während den Wanderer tagsüber dort nur eine unbezähmbare Melancholie befallen mag, so ist ein Besuch bei Nacht tunlichst zu unterlassen. Denn wenn die gütige Fee des nächtens nicht da ist, dann steigen dunkle Nebel von den Wassern auf und umfangen den Wanderer, und Irrlichter treiben ihr boshaftes Spiel.

Den törichten Auenern aber ließ Pandlaril ihren gerechten Lohn zu Teil werden: Noch am selben Tage versiegten alle Brunnen in ihrem Weiler und beim Nachgraben fand man nur einen Aquamarinstein, so klar wie einer von denen aus der zersprungenen Haube des Priesters. Und als man den Flecken schließlich verlegte, versiegten bald darauf auch die neuen Brunnen. Wiederum war beim Nachgraben kein Wasser zu finden, sondern nur ein Aquamarin. Und so sollte es noch drei weitere Male gehen, bis die fünf Steine der Haube wieder beisammen waren.

Die inzwischen aus Schaden klug gewordenen Auener fügten die Haube wieder zusammen und hielten sie seitdem in Ehren - und siehe, seitdem sprudeln die Quellen so wie sie es sollen, und die Auener folgen als einzige noch dem alten Weg und halten Freundschaft mit den Wassergeistern. Allerdings ist der Verstand des Geweihten, der jeweils zum Träger der Haube erkoren wird, von dem Augenblick, da er sie aufsetzt, verdunkelt und sein Temperament so wankelmütig, wie das des stürmischen Efferd selbst. Dies sei den Auenern ewige Mahnung, wie eng ihr Schicksal an das der Haube geknüpft ist, und Zeichen der Macht Pandlarils.