Als die Scheiterhaufen brannten

Damals, als Herzog Grifo der Junge von Weiden regierte;

damals, als Praioslob von Selem das Massaker im Drachenspalt beging;

damals, als viele Dörfer von weisen Frauen und Männern regiert wurden;

damals, als die Scheiterhaufen brannten;

da tat sich ein Mann hervor, die Herrschaft der Levthansbuhlen und finsteren Zauberer zu beenden.

Er war ein gläubiger Mann, in Gebet und Demut erzogen, dem das Licht des Götterfilrsten offenbart wurde und doch trat er der Gemeinschaft des Lichts nicht bei, sondern diente ihr als Laienprediger im gerade gegründeten Orden vom Bannstrahl Praios'. Das Treiben der Hexen war ihm ein Greuel und so zog er aus, das Land von ihnen zu befreien. Zwar war er nicht der Einzige der sich auf die Suche nach den verderbten Gestalten begab - oh, es gab so viele von ihnen, die durch die Menzheimer Au, die Hollerheide und allen anderen Gebieten Weidens zogen - doch er alleine hatte die Mittel, die ihm zu so großem Erfolg verhalfen, dass seine Taten auch heute noch nicht in Vergessenheit geraten sind. Aus der Stadt des Lichts bezog er seine Hilfsmittel, Aldec Praiofold II. gar selbst holte sie aus den verschlossenen Katakomben und übergab sie ihm mit gesenktem Haupt und vor ihm auf den Boden kniend.

Zwölfmal zwölf Praiosläufe verbrachte er in tiefem Gebet mit nichts am Leib, als ein einfaches, weißes Linnengewand und mit nur ein paar Bissen Brot und wenigen Schlucken Wasser täglich. Am letzten Praioslauf seiner sich selbst auferlegten Tortour erschien ihm Ucuri selbst und übermittelte ihm den Segen des strahlendsten aller Götter.

Fortan wurde er der erfolgreichste Hexenjäger seiner Zeit im weidener Land.

Nach nur wenigen Götternamen gab es um ganz Vall-op-dem-See, wie Trallop damals noch geheißen ward, nicht ein arges Wib mehr, der Himmel über der Stadt war tief getrübt von fettigem, schwarzen Rauch. Sobald auch nur sei Name fiel, erzitterten alle Levthansbuhlen, doch Grifo Rotfeld war nicht nur Schreckensruf der finsteren Gesellen, sondern auch Willkommensgruß der geknechteten Menschen.

Mit seiner Wetterfahne spürte er die Hexen und jedwedes Zauberwesen auf, mit seinen geweihten Nägeln die er in die Fußstapfen schlug hinderte er sie am Fortkommen, mit dem Singen des Gurvanischen Chorals Weiche, Finsternis, dem Licht lähmte er sie, mit seinem praiosgesegneten Salz hinderte er sie an der Flucht, mit seinem güldenen Seil band er sie und sein stets mitgeführtes Bildnis des hl. Gilborn gewährte ihm Schutz vor mancherlei Schadenszauberei.

Keine Gnade war ihm bekannt, jeder, der in den Verdacht geriet, Hexerei zu betreiben, ward von ihm gefangen und nach peinlichem Verhör verbrannt. Niemand entkam, keine Ausflucht war ihm fremd und keine Beteuerung fälschlich beschuldigt zu sein, hielt vor seinem flammenden Blick stand.

Oh, es war eine gute Zeit, eine Zeit wo jung und alt, Mann und Frau sicher waren vor schädlich Zauber.

Hätt' Grifo doch weitergemacht, wie er angefangen - heute gab es auf Dere keine bös' Zauber mehr.

Doch bei seinen hochnotpeinlichen Verhören fiel immer wieder ein Name: Bersula, die schon viele hundert Götterläufe leben sollte. Grifo war bewusst, dass es sich um eine der ganz wenigen und seltenen eigeborenen Hexen handeln musste und ihre Spur führte in den Blautann. Er nahm sich nun vor, nicht nur die Hexe aufzuspüren und zu vernichten, sondern den ganzen Wald von Praios' heil'gem Licht erstrahlen zu lassen und jedwede Zauberei auszubrennen.

Viele Götterlaufe dauerte seine Jagd und manch Wurzelbold und Feeling und anderes Zauberwesen, das seinen Weg kreuzte, fiel ihm dabei zum Opfer.

Doch jede praiosheil' ge Suche führt an ihr Ziel und so stand er eines hell und sonnigen Praiostages vor dem schändlichen Weib, das gerade finstere Rituale vollzogen hatte, um die Tiere Weidens aufzuhetzen und die Menschen zu verderben.

Ein schrecklicher Kampf entbrannte, während dem Grifo schwere Wunden zugefügt wurden. Doch als er scheinbar unterlag und die finstere Hex' ihm den Todeshieb versetzen wollte, schlug er ihr in einer letzten Kraftanstrengung das Haupt von den Schultern. Zeternd und fluchend schimpfte der Kopf noch eine Zeitlang vor sich hin, wahrend der einst jugendliche Körper alt und unansehnlich wurde und langsam zerfiel.

Zwischen den Blumen erschien nun eine bleiche Frauengestalt in einem fließenden, weißen Kleid, von dem unaufhörlich Wasser perlte. Grifo beschloss, auch sie zu vernichten, doch da verfinsterte sich ihr ebenmäßiges Antlitz und wurde zornumwölkt. Der Boden unter seinen Füßen verwasserte sich und gab keinen Halt mehr -langsam aber unaufhörlich versank Grifo im schlammigen Grund. Erst kurz vor seinem letzten Atemzug erkannte er, dass Weiden von Mächten geschützt wird, an die keine Menschenhand rühren sollte, die nicht im Einklang mit ihnen stand. Es heißt, der Karpfenkönig sei dazu bestimmt, Grifos nasses Grab bis ans Ende der Zeit zu bewachen.

-J.A. Klingsöhr