Das Wunder vom Rockelfeld

Es war vor vielen hundert Götterläufen, zur Zeit der Perchtuda von Salthel, als ein junger Mann und Laienprediger, Arngruf mit Namen, am 18. RAH bei Anderath einen Streit zwischen zwei Freibauern zu schlichten versuchte, die mit ihren Kleinbauern und Schuldknechten bereit waren, aufeinander loszugehen, um ihren Konflikt mit Waffengewalt zu lösen. Sie hatten sich bereits auf dem Rockelfeld genannten Acker eingefunden und stürmten nun laut grölend aufeinander los, dabei wild ihre Keulen und Werkzeuge schwingend. Leider ist nicht mehr überliefert, um was es bei diesem Streit ging, doch fest steht, dass Arngruf sich in das Geschehen warf und es fertig brachte, die beiden verfeindeten Freibauern zum Reden zu bewegen -mitten im Kampfgewühl der Knechte, die ohne Unterlass aufeinander einschlugen.

Die beiden Streithähne zeigten sich aber uneinsichtig, mehr noch, ihr Zorn aufeinander wandte sich kurzfristig gar gegen Arngruf, der mit guten Worten nicht weiterkam und in seiner Verzweiflung ausgerufen haben soll: "So soll der Herr Praios entscheiden!" Die beiden Widersacher beschimpften sich auf das Übelste und gerieten so in Raserei, daß sie ihre Ochsenzungen zogen und sich Stiche und Schnitte verpassten. Als Arngruf auch hier dazwischen ging, stachen die beiden wie im Wahn auf ihn ein und ließen erst von ihm, als ein überderisch helles Licht durch die Wolken brach. Das Licht formte ein helles Rund um sie herum und in jenem Licht schwebte ein gülden schimmernder Greif auf den Dereboden hernieder. In seinen Klauen hielt er ein goldenes, mit göttlichen Zeichen versehendes Langschwert, das dem zu Tode verletzten Arngruf auf die Brust gelegt wurde. Wissend, das sein letztes Stündlein geschlagen hatte, ergriff er stark blutend das Schwert und drückte es einem der verdatterten Streithähne in die Hand. "Benutze dieses heilige Schwert und erschlage dein Gegenüber, so Du meinst die Gerechtigkeit ist mit Dir. Doch wisse: Bist Du im Recht, wird keine Waffe Dich verletzen können, solltest Du aber irren, wird sich das Schwert gegen dich und die Deinen wenden." Nach diesen Worten brach Amgruf zusammen und rührte sich nimmermehr. Der Freibauer aber sah mit schreckgeweiteten Augen auf das Schwert in seiner Hand. Ein Zittern durchlief erst seinen Alm und dann seinen ganzen Körper. Zögerlich schritt er auf seinen Kontrahenten zu, der starr vor ihm stand und sich nicht zu rühren wagte. Das Schwert war schon weit über seinem Kopf erhoben, doch der tödliche Schlag wurde nicht ausgeführt. Alveraniarschöre erklangen, alles schien, als ob selbst Satinav einen Augenblick innehalten würde. Da brach der Freibauer weinend zusammen, das Schwert entglitt seinen Händen. Stammelnd gestand er seine eigene Schuld ein, sein Gegenüber verzieh ihm und beichtete seine eigenen Sünden. Sich gegenseitig umarmend knieten die beiden auf dem Rockelfeld, um sich ihre Knechte, denen ebenso die eigenen Sünden durch den Kopf fuhren. Und nun mochte niemand mehr dem anderen Schaden zufügen, denn sie alle erkannten ihr unrechtes Tun. Mit einem Rauschen erhob sich daraufhin der Greif wieder in die Lüfte, das Schwert in seinen Klauen. Eine überderisch schöne Stimme erklang in dem weißgelblichen Lichtkegel, der nach wie vor durch die Wolken strahlte. Heute weiß niemand mehr die Worte, die erklangen, doch sollen sie bewirkt haben, dass sämtliche Anwesenden fortan zu glühenden Gläubigen konvertierten und den Siegeszug der Priesterkaiser in Weiden unterstützten.

Bereits hoch in den Lüften entließ der Greif das Schwert aus seinen Klauen, welches sacht zu Boden schwebte, als es aber auf die Krume des Ackers traf, wandelte es sich in ein Schwert aus Stahl und Eisen, die göttlichen Zeichen glühten noch einmal auf und verschwanden.

Die Anwesenden sahen dies als ein Zeichen Herre Praios, und seit diesem Praioslaufe hat Weiden sein Richtschwert Griffenbrandt, von dem gesagt wird, dass es keinen zu Unrecht Verurteilten enthaupten kann.

Amgruf wurde in späteren Zeiten als Heiliger verehrt; seine Gebeine ruhen noch heute im Praiostempel in Anderath in einem bleiernen Sarkophag unterhalb des Altars.

- J.A. Klingsöhr