Mär von den Pandlarilstränen

Der letzte der Ritter des alten Weges zügelte sein Streitross am See und ließ wehmütig seinen Blick über den nebelverhangenen Pandlarin streifen. Er stieg entschlossen ab, wobei er die leblose Frau, die vor ihm auf dem Pferderucken gelegen hatte- behutsam auf den Arm nahm, um sie nahe beim Ufer ins feuchte Gras zu betten. Tränen unterdruckend kniete der Ritter neben der Toten und wagte nicht, ihr ins schöne Antlitz zu blicken. Flehend rief er zum See hinaus: "Pandlaril, gutherz'ge Fee, der ich mein Leben geweiht, komm herbei, hilf deinem treuen Diener in der Stunde größter Not und Pein!"

"Lanzerich vom Quell, treuester aller Ritter, ich weiß wohl um den Grund Eures Kommens, doch ist Euer Flehen vergebens. Mein Herz trauert mit Euch, edelmütiger Kämpe, der ihr Eure Treue zu mir auf solch schmerzvolle Weise beweisen musstet. Wisset, dass hier im ödlandigen, nebelbeherrschten Sumpfe, ebendort wo ihr gebettet habt das Haupt Eurer Liebsten, Riannons Hain erblühen soll, auf dass ihre Schönheit nie vergehe." "Aber mächt'ge Fee, Du Herz des Weidenlandes, nicht allein ihre Schönheit ist es, die ich so schmerzhaft vermissen werde. Ihre liebliche Stimme wird mir nie wieder Weisen vortragen, ihre Hände, sanft wie Schneeflocken, werden nie wieder meine Wunden pflegen, nie wieder wird die Wärme ihres Herzens mir die Kraft geben, das Unbill Deiner Feinde zu ertragen. So bitt' ich Dich, flehe hier auf Knien, gib ein des Lebens Odem ihr und nimm, so es Dir gefällt, dafür den Meinen, denn die Rachsucht, der sie erlag, galt keinem außer mir, der ich Dir so treu ergeben. Erbarme Dich, mach ungeschehen die Ungerechtigkeit, die ihr ist widerfahren und jedweden Preis will ich dafür entrichten."

"Allzugern würd' entsprechen ich Eurem Wunsche, verspür' ich doch die tiefe Trauer, die nagende Verzweiflung, die Einzug in Eurem Herz gehalten hat, allein, es ist mir nicht gegeben, solch ein Werk zu verrichten. Riannons Schönheit soll sein in jeder Blume hier auf immerdar, ihre Stimme soll sein auf immer im Wind, der Euch umweht, mit dem Wasser jeder weidener Quelle sollt Ihr fürderhin ihre heilenden Hände verspüren und die Warme allen Lebens rings um Euch herum soll Euch stärken ewiglich in ihrem Sinne. Doch mehr als dies, mein treuester Streiter, vermag ich nicht für Euch zu tun!"

Da sprang auf der edle Recke, schleuderte die Pandlarilie, jenen Bihänder, den er einstmals als Dank von der Fee erhalten hatte, achtlos in den Morast und starrte die liebliche Fee fassungslos an. Hass war sein Blick und Zorn seine Stimme: "Höre, herzlose Kreatur, weder Ruhm noch Macht noch schnödes Gold vermochten mich zu locken vom Pfad der Treue, die ich Dir geschworen. Doch wenn die Eifersucht mir das Liebste im Leben verwehrt, so breche ich den Schwur und tue einen neuen: Wenn Du das Herze dieses Landes bist, so ist dies nicht mein Land! Wenn die Blumen blühen dürfen, der Wind durch die Zweige wehen, wenn Quellen munter sprudeln können und Wärme alles Leben erfüllt, wo doch mein Liebstes muss vergehen, so will ich alles tun, damit verdorrt, was Du erschaffen! Ich entsage Dir die Treue und schwör Dir Rache ewiglich!"

Nachdem sich der Ritter erzürnt abgewandt hatte, seine Liebste achtlos zurücklassend, entwich der Fee eine dunkle Träne.
Sie floss die bleiche Wange hinab und tropfte unbemerkt von ihr neben den Leichnam Riannons, wo die Träne sich mit dem noch nicht ganz geronnenen Blute der Frau vermischte und als schwarze Perle liegen blieb.

Von Gram erfüllt und darüber nachsinnend, ob sie den Sterblichen nicht zuviel Bürde aufgeladen hatte, entschwand die Fee und ward nicht mehr gesehen.

Ein arg' Wib, welches das seltsame Geschehen fasziniert beobachtet hatte, trat nun hin zu der Toten, die schon ganz und gar von Schlingpflanzen und farbenfrohen Blüten überwuchert war. Als das Wib, mit einem stummen Gebet an Satuaria, die Perle an sich nahm, verspürte sie sowohl die Trauer der Fee, als auch die wärmende Hoffnung des Lebens, und lächelte zufrieden. Der ersten gramgebeugten Person, die ihr begegnete, wohl ein Torfstecher oder eine Fischerin, erzählte sie von der wundersamen Begegnung und gab jener Person die Perle. Damit die Hoffnung nie das Weidener Land verlässt, sollte diese Person die Geschichte samt Perle weiterreichen, an andere, die von Kummer beseelt waren. Und so geschieht es auch noch heute ...

-Mario Rogowski