Die Ballade vom Blutigen Bernhelm

Herr Bernhelm reitet in den Wald, Herr Rabenmund ihm zur Seite.
Herr Bernhelm spricht: "Was frommt es mir, daß in den Forst ich reite?
Ich ritt hinaus, ein Schreckgespenst mir aus dem Sinn zu schlagen.
Ihr aber, Rabenmund, hastet Euch ins Feuer Öl zu tragen."
 
Herr Rabenmund streicht den roten Bart, als sei er des' zufrieden,
er schweigt und denkt sich: "Wenn heiß, soll man das Eisen schmieden."
Seit an Waltrudens Ohr er jüngst ein Liebeswort verloren,
hat er der schönen Herzogin im Herzen Haß geschworen.
 
Er spricht kein Wort, beredter spricht sein Lächeln jetzt und Schweigen,
Drauf sieht er, Schritt für Schritt, das Blut in Bernhelms Wange steigen.
Der ruft: "Sing aus dein Rabenlied, und spricht's wie deine Blicke,
verdamm' mich Kor, wenn ich den Fant nicht in die Niederhöllen schicke!"
 
Herr Rabenmund streicht den roten Bart und spricht mit heuchelndem Erstaunen:
Mein Herzog zweifelt noch an dem, was alle raunen?
Weiß er nicht, was jeder weiß, von Weidens Herzogsstuhle,
daß Bernhelm Weidens ehlich Weib des Bänkelsängers Buhle?"
 
Sie kehren Heim gen Baliho, der Herzog hält vor seinem Schlosse,
"Herr Rabenmund", spricht er, "wenn's beliebt, bleibt Ihr mein Jagdgenosse.
Der Fuchs ist schlau, doch berg' er sich in ihres Kleides Falten,
ich scheuch' ihn auf, noch heute Nacht will meinen Schwur ich halten."
 
Es glänzt der festgeschmückte Saal von Rittern wohl und Frauen,
vor allen ist Waltrude doch als Herzogin zu schauen.
Sie läßt die Zeit in Spiel und Tanz in raschem Flug enteilen,
und nur ihr Gatte zögert noch, des Festes Lust zu teilen.
 
Die Kerzen und die Wangen glühn vor Freude um die Wette,
es schreitet an Herrn Bernhelms Hand Waltrude zum Bankette.
Der Becher schäumt, Waltrude winkt, ein Saitenspiel zu bringen,
ihr Liebling - der Sänger - nimmt es hin, und hebet an zu singen:
 
"Der Herzog zog mit finstrem Sinn
hinaus mit seinem Trosse;
nach blickt die schöne Herzogin
dem Reiter und dem Rosse.
 
Und als des Waldes Laub und Moos
den Herzog kaum erlaben,
da lockt sie schon auf ihren Schoß
den blonden Edelknaben.
 
Sie streicht sein Haar, sie küßt so heiß
die Lippen ihm und Wangen,
die aber sind heute kalt wie Eis
und atmen kein verlangen.
 
Sie flüstert: 'Lieber Knabe mein,
halt fest mich in Armen,
wir wollen eins zur Stunde sein
das wird Dein Herz erwarmen.'
 
Er aber spricht: 'Mag heute nicht
fest herzen Dich und pressen,
ich hatt' zur Nacht ein Traumgesicht,
das kann ich nicht vergessen:
 
Es trat der Herzog vor mich hin,
als ich Dich wollte küssen;
mir ist so bang, lieb Herzogin,
als würd' ich sterben müssen..."
 
"So stirb, Du buhlerischer Tor!" Der Herzog ruft's dazwischen,
es fegt im Nu sein Zornesblick die Gäste von den Tischen,
"So stirb und dank's im Tode mir, wenn ich mit heißer Klinge
zu Deinem bösen Bubenlied das letzte Verslein singe."
 
Es packt den Sänger Todesangst, in namenlosem Leide,
hält fest er, wie ein zitternd Kind, sich an Waltrudes Kleide;
die tritt, halb Zorn, halb Angst im Blick hervor, ihn zu bewahren -
umsonst, schon ist des Herzogs Schwert ihm durch die Brust gefahren.
 
Es hält, die lange Nacht hindurch, Waltrude Totenwache,
zum ersten Mal durchzieht ihr Herz der heiße Wunsch nach Rache;
der Morgen sah den Schwur auf ihren Lippen beben -
Herr Rabenmund hat des Sänger Tod bezahlt mit seinem Leben.

- Jan Liedtke