Über jene, die Fastrade geheißen wird

Im Folgenden werden die Aufzeichnungen eines gewissen Magisters Tarquinius von Perricum wiedergegeben, der bis zum 13. Travia 977 getreulich sein Diarium führte, von dem danach aber nie wieder jemand etwas gehört hat. Das Tagebuch stand lange Jahre in der Märchenecke der Bibliothek der Klugen Undra in Baliho, wurde aber irgendwann nach 1013 BF entwendet.

Salthel, 25. RON 977 BF

Je weiter wir uns von der Zivilisation entfernen, desto wilder werden die Geschichten über besagte Fastrade. Es dauert mich wirklich zu sehen, auf welche Abwege Menschen geraten, wenn ihnen das aufklärerische Wirken der Ecclesia Hesindiae sowie die kühle ratio arcaner Institute fehlen. Wer auf das Urteil jener vertraut, die sich den Sphairenkräften mit Intuition und Emotion nähern, statt mit wissenschaftlichen Methoden und geschultem Verstand, der ist dem Untergang geweiht.
Deshalb hat sich Weiden niemals aus dem Staub der Urzeit erheben können. Deshalb ist es auch möglich, dass die Leute hier an eine creatura immortalis glauben, die nicht mehr Mensch, aber auch noch nicht ganz Geist ist, sondern irgendetwas dazwischen. An eine creatura, die so hässlich ist, dass alle Spiegel in ihrer Nähe unweigerlich zerspringen müssen. Eine creatura, deren Geist sich mit unfassbarer Leichtigkeit durch Raum und Zeit bewegt, durch Wirklichkeit und Traum, durch Klarheit und Wahn.
Eine „Seherin“ heißen sie jene Fastrade und behaupten, ihre praedictiones seien unfehlbar. Einem Beweis ist dies jedoch nicht zugänglich, denn ihre Dienste werden kaum in Anspruch genommen. Aus Angst davor, dass das Weib seine Kundschaft in Kröten verwandeln oder ihr die Seele aus dem Leib reißen und sie verschlingen könnte. Toren. Allesamt. Es wurde höchste Zeit, dass jemand wie ich den Weg hierher findet.

Herzogenthal, 20. EFF 977 BF

Das Reisen in dieser götterverlassenen Gegend ist eine Zumutung. Ich habe nun endlich einen Ortskundigen gefunden, der mich und Hiltrut begleiten will. Der junge Mann verströmt einen etwas strengen odor und raubt mir mit seinen Zuckungen den letzten Nerv, aber es gibt keine Alternative. Wann immer ich das Ziel meiner Reise erwähne, laufen die Sichler davon oder versuchen, mich mit Schauermärchen von meinem Vorhaben abzubringen.
Immerhin hat letzteres einige zusätzliche Erkenntnisse gebracht. Interessant ist vor allem diese: Es geht die Mär, dass die Gestalt der Alten, ihr Auftreten und die Stimme sich wandeln, wenn sie eine praedictio trifft. Es heißt sie würde stöhnen und ächzen, als leide sie große Schmerzen. Die Stimme klinge dann wie von weit her und der ausgemergelte Leib winde sich in wilden Krämpfen. Auch davon, dass sie zu leuchten beginnt, ist die Rede ... . Weidener!
Den Unsinn außen vor gelassen, gibt es jedoch ernstzunehmende indicien für eine Okkupation. Fragt sich nur durch was – und vor allem: warum? Niemals ist mir ein tractatus untergekommen, in dem es hieß, dass Geister einen Hang zur Prophetie hätten. Ein Blick zurück in die Wirren der Historie? Certus. Einer zur Seite? Immo. Aber nach vorn? Äußerst unwahrscheinlich. Gleichwie: Wenn es sich um eine repetetive Okkupation handelt, bin ich der richtige Mann für die Sache.

Pfaffenjoch in Hahnfels, 13. TRA 977 BF

Es war nicht einfach, die Alte zu treffen. Ich musste erst an ihren Ministrantinnen vorbei und schaffte das wohl nur, weil ich mir im Vorfeld eine rührselige Geschichte ausgedacht hatte. Sie führten mich in eine Wohnhöhle, in der ein Chaos herrscht, das meinem strukturierten Verstand aufs Äußerste zuwider ist. Kräuter und totes Getier hängen von der Decke, ein altersschwarzer Kupferkessel steht herum und ein Laboratorium, dessen Armseligkeit seinesgleichen sucht. Dazu gibt es jede Menge Krimskrams [...]
Und erst die Herrin des Durcheinanders! Die faltige Alte hat einen Buckel gigantischen Ausmaßes und lange, gichtige Finger, die mich an Spinnenbeine erinnern. Gleichwohl scheint ungeheure Lebenskraft in ihr zu pulsen. Die Aura passt nicht zu ihrem Auftreten. So wenig wie ihre Augen, die klar sind wie Bergseen. Ich gab mich weiter als einfacher Mann aus und die Geschichte über meiner gräulich erkranktes Töchterchen rührte die Vettel zu Tränen – was wohl kaum für eine allumfassende Bösartigkeit ihrer Gesinnung sprechen dürfte. Aber wer weiß, wozu sie in der Besessenheit wird?
Die Ablenkung durch das Trocknen der Tränen nutzte ich, um mir Fastrade mit einem Blick der magica clarobservantia zu besehen, und ja: Da ist etwas. Allein, ich kann nicht mit Gewissheit sagen, um was es sich handelt. Im verschlungenen Durcheinander einer beachtlichen potentia arcana erkannte ich structurae daimonicaes. Schlummernd, weit hinten in ihrem Bewusstsein. Bevor ich der Spur nachgehen konnte, sah sie mir jedoch wieder ins Gesicht und sagte, dass ich gehen und bei Vollmond zurückkehren solle.
Meine anfängliche Sorge, sie könnte mich durchschaut haben, liegt mittlerweile ad acta. Fastrade mag alt und erfahren sein, sie bleibt aber doch eine Hexe und hat daher nur beschränkte Möglichkeiten. Statt mich zur Rede zu stellen, lud sie mich zudem wieder ein. Perfectus! So bleiben mir ein paar Tage, um mich zu praeparieren. Ob nun hept- oder quartsphärische Entität: Ich werde dem Spuk ein Ende bereiten.

Pfaffenjoch in Hahnfels, 19. TRA 977 BF (Nachtrag in einer geschwungenen Mädchenschrift)

Ich glaube, Magister Tarquinius ist tot. Sein Plan hat nicht funktioniert. Was aber passierte, das vermag ich kaum zu sagen. Er saß mit der Hexe an einer steinernen Tafel und sie schickte sich an, zu prophezeien. Da spürte ich bereits, dass etwas nicht stimmt. Es war plötzlich ein Knistern in der Luft, als ob sich alles mit Zauberkraft füllen würde. Es wurde kalt und die Schatten wuchsen und waberten wie Tentakeln hinter der krummen Alten. Dann keuchte sie und barg ihr Gesicht in den Händen und als sie es wieder freigab, waren die Augen milchig und blind und ihr Gesicht leuchtete im Glanz silbriger Runen.
Der Magister sprang auf, schleuderte ihr eine Warnung entgegen und wirkte dann die vorbereiteten Zauber: den Fortifex, um den Leib der Kreatur zu binden, und den Gardianum, um sich selbst vor dämonischen Angriffen zu schützen. Und während sie kreischte, dass mir das Blut in den Adern gefror, warf er sein Pentagramm vor ihre Füße. Er sprach die Formel und sie begann zu lachen. „Siehst du nicht, dass ich kein Dämon bin, Wurm?“, krächzte sie und riss die Barriere nieder.
Darauf warf der Magister das zweite Pentagramm in ihre Richtung – das für die Austreibung von Geistern – und begann abermals zu rezitieren. Sie blickte nur darauf, lachte noch lauter und trat auf das Mondsilber, das zischend unter ihrem Fuß zerschmolz. „Mich willst du austreiben? Mich? Aus meinem eigenen Körper? Dummkopf!“, meckerte sie.
Dann ging Magister Tarquinius zu Boden und schrie wie am Spieß. Niemals werde ich den Schrecken in seinen Augen vergessen. Es war als würde er aus der Welt gerissen und von Dingen gequält, die ich nicht sehen konnte. Das Scheusal beugte sich über ihn, als gebe es keinen Schutzschild, packte ihn und saugte das Leben aus ihm heraus.
Ich wäre wohl ebenfalls gestorben, wenn Wulff mich nicht aus der Höhle gezogen hätte, in die Schwärze einer Rotsichler Herbstnacht hinein ...