Die Mär von der Krähe

In jener Zeit, da die Priesterkaiser auf dem Thron des Reiches saßen und das einfache Volk unter der Last der Steuern ächzte, trieb am Braunwasser ein Räuber sein Unwesen. Wegen seiner Gerissenheit und Gier wurde er allenthalben Krâwa – die Krähe – geheißen. Ihm war der Gottesdank der falschen Herrscher nicht heilig, noch schreckte er vor Überfällen auf den hehren Adels zurück. Und so begab es sich, dass er eines Tages der Tochter des Herrn über die Lande am Braunwasser habhaft wurde. Er klopfte sich selbst auf die Schulter und ließ sogleich eine Lösegeldforderung übermitteln.

Doch bald schon rührten Reinheit und Sanftmut der Maid sein ehernes Herz und auch das ihre entflammte in tiefer Zuneigung zu dem wilden, kühnen Räubersmann, der ganz anders war als die Männer, die sie bisher kannte. Allein, ihre Liebe stand unter keinem guten Stern, denn er war ein Verfemter und sie eine Tochter aus gutem Hause, deren Vater noch dazu nicht eben für seine Nachsicht bekannt: Er setzte seine Bluthunde auf die Fährte Krâwas und zwang ihn zu einem Leben auf der Flucht. Die Maid aber sorgte sich um ihren Gefährten, sah sie doch, dass die Zahl der Häscher mit jedem Tage wuchs. Das bewog sie, sich eines Nachts davon zu stehlen und zu stellen, um ihrem Geliebten die Freiheit zurückzugeben.

Groß war der Zorn Krâwas, als er am Morgen des vermeintlichen Verrats gewahr wurde. Er tobte und schrie. Auf den Gedanken aber, „der Verrat“ könne ein Liebesdienst gewesen sein, kam er erst später: Als sich nämlich die Kunde verbreitete, dass des Herrschers Tochter an einer seltsamen Krankheit leide. Sie sieche, so hieß es, in stummem Leid dahin und kein Heiler wisse ihr zu helfen. In seiner Verzweiflung lobte der Vater einen Preis für denjenigen aus, der Heilung brachte. Als Krâwa dies hörte, verkleidete er sich als einfacher Landmann, wurde am Hof des Herrschers vorstellig und behauptete, er wisse, wie der Tochter zu helfen sei.

Der alte Herrscher rief darauf: "Dann zeige er mir seine Kur. Und sollte sie taugen, so will ich Ihn zu einem meiner Lehnsmänner machen."

Krâwa aber wurde seinem Namen gerecht, indem er sich der Aufforderung des Adeligen kühn widersetzte: "Wer sagt mir, dass Ihr Euer Wort gegenüber einem einfachen Manne auch halten werdet, wenn Ihr das Heilmittel erst habt?"

Ein Raunen ging durch den versammelten Hofstaats und die Wachen wollten ihre Waffen zücken, den dreisten Bauern in seine Schranken zu weisen, als ihr Herr ihnen unwirsch Einhalt gebot. "Er hat das Wort eines Edelmannes, will Er an dessen Unverbrüchlichkeit zweifeln?"

"Und das Wort eines Edelmanns sollt Ihr haben. Macht mich jetzt zu Eurem Edlen und ich werde Euch durch meinen Eid vor den Göttern zur Treue verpflichtet sein. Sollte ich fehlen oder Euch gar betrogen haben, werden die Zwölf mich richten. Welche größere Sicherheit könnte es für Euch geben?", entgegnete Krâwa.

Das Adelsvolk staunte über die Winkelzüg des einfachen Mannes, doch der Herrscher sah die Wahrheit in diesen Worten und willigte ein. Wenig später stand 'die Krähe' von einst als Edelmann Biærghulf von Rauheneck – nach dem rauen Eckchen, aus dem er stammte – vor der versammelten Menge.

"Und nun tut Eure Pflicht und sagt mir, woran meine Tochter krankt und wie Ihr zu helfen ist", sagte der Herrscher daraufhin.

"Eure Tochter", hub Biærghulf an, "krankt an einem gebrochenen Herzen. Sie hat sich in einen Gemeinen verliebt, doch die Etikette erlaubt ihr nicht, mit ihm glücklich zu werden. So hat sie mit ihm gebrochen und wird nun ihres Lebens nicht mehr froh. Um sie zu heilen, muss das Unmögliche möglich gemacht werden."

Der alte Herrscher verzog das Gesicht, weil er einen Betrug witterte. "Dann sage mir, edler Biærghulf, wie die Kur zu beschaffen ist, die du versprochen hast. Denn die Regeln, die unser Stand uns auferlegt, dürfen nicht gebrochen werden. Das solltest du wissen!"

Biærghulf aber fuhr mit einem heiteren Lächeln fort: "Den Weg zur Genesung Eurer Tochter habt Ihr gerade selbst geebnet, Hochgeboren. Indem Ihr besagten Gemeinen adeltet."

Wieder war das Geschrei im Thronsaal groß. Einmal mehr musste der Herrscher seinen Leuten Als sich alles wieder beruhigt hatte, lag ein Lächeln auf den Lippen des Alten und schließlich begann er gar zu lachen.

"Deine Methoden sind fragwürdig", meinte er schließlich, "Doch dein Schneid sagt mir zu und wenn du meiner Tochter gefällst, die sich selten in den Menschen täuscht, sehe auch ich keinen Grund, mich deinem einnehmenden Wesen zu verstellen."

So kam es, dass am Braunwasser noch im gleichen Götterlauf eine große Hochzeit gefeiert wurde. Dass der Herrscher ein alter Mann war, der seine Macht nicht mehr lange halten konnte, und dass der Biærghulf wenig später mit Kind und Kegel in die Sichel verbannt wurde, ist eine andere Geschichte, die ein andermal erzählt werden soll ... .

– so gehört an einem heimeligen Kaminfeuer im Winter 1023 BF in der Baronie Rotenforst, Weiden