Peraindina

 

Baronie Herzoglich Dornstein, Kloster Perainetrutz, 2. Hesinde 1046

HIlmtrud Schnewlin von Orkenwacht saß am Kaminfeuer in der Turmstube des Wehrklosters Perainetrutz. Sie hatte sich eine Decke umgelegt, um den Rücken, der nicht von der Wärme der prasselnden Flammen gewärmt wurde, leidlich warm zu halten. Im Arm, vor Zugluft geschützt vom wärmenden Feuer und der Decke, stillte sie ihre Tochter Peraindina. Eine friedliche Stille umgab Mutter und Kind während draußen, außerhalb der schützenden Mauern des Wehrklosters, der grimmige Firun die Schneeflocken tanzen ließ. Es schneite beharrlich seit Tagen. Inzwischen war die Schneedecke gewaltig. Die klirrende Kälte zwang Hilmtrud dazu im Kloster zu bleiben.

Peraindina war nun neun Götternamen alt. Das Licht der Welt hatte das Mädchen am 2. Peraine 1045 erblickt. Die zweite Geburt war schnell vorüber gewesen. Hilmtrud hatte die ziehenden Schmerzen im Rücken nicht den Geburtswehen zugerechnet, sondern vermutet, dass sie von der Kräuterernte herrührten, der sie trotz ihrer fortgeschrittenen Schwangerschaft nachgegangen war. Die Heilkraft der frischen Frühlingskräuter hatte es zu nutzen gegolten. Schließlich waren in den letzten Tagen des Phex wieder viele Klosterbewohner und Pilger an der Triefnase erkrankt. Deshalb war Hilmtrud aufgebrochen, um frischen Spitzwegerich, Gundermann und auch die Blütenstängel des Huflattichs zu sammeln. Sie halfen die Folgen der Krankheit zu lindern. Zudem vermochten Bäder und Inhalationen versetzt mit einem Absud aus Quendel den Husten, der sich meist nach einigen Tagen der Triefnase einstellte, zu bessern. Frische Brunnenkresse, Scharbockskraut und Knoblauchrauke vermochten hingegen dem Essen eine frische Note zu geben. Den Rückweg zum Kloster hatte die Medica kaum mehr geschafft. Aus dem Ziehen war mittlerweile ein regelmäßig wiederkehrender, krampfartiger Schmerz im Unterbauch geworden und noch bevor die Vögtin von Perainefelden die schützenden Klostermauern erreicht hatte, ergoss sich das Fruchtwasser an ihren Beinen hinabrinnend auf den Boden des Kiesweges, der vom Dorf nach Perainetrutz führte.

An diesem Winterabend, im Mond der Hesinde, war die Erinnerung an die Geburtsschmerzen schon verblasst. Manches hatte sie gar nicht mehr bewusst mitbekommen. So war Hilmtrud auf dem letzten, ansteigenden Stück zum Kloster zusammengebrochen. Die Gütige Göttin hatte es gegeben, dass ein Bauer mit seinem Ochsengespann des Wegs kam und die Vögtin erkannte. Er lud sie auf den einfachen Wagen und brachte die stöhnende Gebärende ins Wehrkloster. In dem Augenblick, da sie das Tor durchschritten hatten, ertönte der erste, zaghafte Schrei der Kleinen, die soeben dem Schoss der Mutter entschlüpft war. Bruder Perainor, der Vater des Mädchens, konnte nur wenige Augenblicke später seine Tochter in die Arme schließen, während eine weitere Perainegeweihte die Nabelschnur durchtrennte.

Hilmtrud lächelte milde, als sie in das vom Licht des Feuers arangengefärbte Gesicht des kleinen Mädchens blickte. Sie genoss die Momente, die sie alleine mit ihrer Jüngsten verbringen konnte. Denn meist wurde sie von ihrem ersten Sohn, Guthilf, begleitet. Der Zweijährige folgte ihr auf Schritt und Tritt. Erst recht seitdem er eine Schwester bekommen hatte. Hilmtrud bemühte sich auch ihm Zeit und Aufmerksamkeit zu widmen, doch natürlich ging das Stillkind vor und Guthilf eiferte, wann immer seine Mutter die Schwester „bevorzugte“. Der Junge hing an Hilmtruds Rockzipfel, quengelte und nörgelte und konnte sogar richtig wütend werden, wenn er das Gefühl hatte, benachteiligt zu werden. Hilmtrud versuchte dieses Verhalten entweder zu ignorieren oder, wenn er es zu arg damit trieb, mit Tadeln und mit Strafen zu beantworten. Bislang zeigte keine der Maßnahmen den gewünschten Effekt. Zum Glück hatte sie mit Perainor einen liebevollen Partner an ihrer Seite, der sie unterstütze, wo immer er konnte. Während also seine Frau mit der gemeinsamen Tochter im Turmzimmer saß, brachte er seinen Ältesten zu Bett.

Als Perainor endlich auch in die Turmstube trat, war Hilmtrud mit der kleinen Peraindina bereits sanft entschlummert. Mit einem Lächeln auf den Lippen setzte sich der Heiler der Göttin zu seiner schlafenden Frau und dem Säugling und starrte in das prasselnde Feuer. Er liebte die Ruhe und den Frieden der Winterabende. Die Arbeit im Kloster hatte sich in die Innenräume verlagert. Wenn Perainor nicht der Hüterin der Saat, Mutter Amathe, zur Hand ging, half er im Spital und der Liegehalle bei der Versorgung der Kranken, die das Kloster zum Zwecke des Rates und der Heilung aufsuchten. Oder er beriet sich mit Schwester Peraindis, welche die Klosterapotheke versah, tüftelte an Kräutermischungen für Bäder und Tränke. Die Mußestunden, in denen der begabte Illustrator seine gefragten Pflanzenzeichnungen anfertigte, waren selten geworden.

Perainor hatte sich und Hilmtrud einen Krug mit heißem Tee mitgebracht. Da sie aber schlief trank er den Tee zunächst alleine. Plötzlich streckte sich Peraindina, schob die kleine Faust in die Luft und begann zu quengeln. Mit Vaterstolz und einem milden Lächeln auf den Lippen beobachtete der Meister der Ernte die Bewegungen seiner Tochter. Was ihm nicht gelungen war, vermochte das kleine Geschöpf spielend. Hilmtrud öffnete die Augen. Die noch zarten, aber sich allmählich in Lautstärke und Vehemenz steigernden Laute Peraindinas hatten die Vögtin von Perainefelden geweckt. Vermutlich war die Verdauung in Gang gekommen und bereitete der Kleinen Bauchgrimmen. Hörbar entlud sich die Luft und womöglich auch etwas Darminhalt in die Stoffwindel. Nun war Hilmtrud endgültig wach. Gequält rümpfte sie die Nase.
„Uhh…, das riecht ja übel! Ich fürchte, ich muss statt mit dir Tee zu trinken erstmal Windeln wechseln!“

Der Heiler der Gebenden zuckte mit den Achseln. „Solange du wiederkommst…“, erwiderte er mit Gelassenheit und half seiner Gemahlin in die Höhe.

Es sollte noch eine Weile dauern bis die kleine Familie im Turmzimmer vereint den Tee genießen konnte.