Zwist im Hause Löwenhaupt

Dramatis Personae

 


 

Alte Wunden

Bärenburg in Trallop, Herzogtum Weiden
15. Firun 1040 BF

Walpurga sah dem alten Mann schweigend hinterher. Er ging gebeugt, wirkte gebrochen. Seit bald 15 Götterläufen tat er das nun schon. Von der einst vollen, schwarzen Haarpracht Uldreichs von Klingenthal war nur ein dünner weißer Kranz geblieben, und Bitterkeit wie stiller, ohnmächtiger Zorn hatten tiefe Furchen in sein Gesicht gegraben. Die Jahre waren nicht gut zu ihm gewesen. Dennoch lebte er weiter. Und immer weiter. Schleppte sich jeden Firunmond zum winterlichen Gerichtstag an ihren Hof und trug stets das gleiche Anliegen vor. Legte seinen Finger in eine alte Wunde, die im Grunde nur noch wegen ihm so heiß und schmerzhaft schwärte. Weil er kam. Jedes Jahr. Und sie daran erinnerte. Die Herzogin seufzte. Nach allem, was sie wusste, ging der Trutzer Ritter stramm auf die 80 Winter zu. Es war Zeit für ihn zu gehen. Er hatte es verdient, endlich seinen Frieden zu finden. Doch er wollte nicht. Er klammerte sich an sein Leben. Offenbar in der verzweifelten Hoffnung, dass sie irgendwann doch noch nachgeben würde. Seinem Wunsch Folge leisten und den Stab über Wallbrord von Löwenhaupt-Berg brechen. Für Verfehlungen, die er im Firun 1026 BF begangen hatte. Vor weit mehr als einem Jahrzehnt.

„Ich hatte so gehofft, dass er diesmal wegbleibt“, sagte Walpurga leise, als sich die Tür hinter dem Greis schloss und sie wieder mit ihren Vertrauten allein war. „Wallbrord ist vor Mendena gefallen. Ist das denn nicht genug? Warum gibt er immer noch keine Ruhe?“

„Weil es nie um Wallbrord ging“, wandte Eberwulf ebenso leise ein. „Es ging immer nur um Euch. Darum, dass Ihr nie öffentlich Stellung zu der Sache bezogen habt. Darum, dass Ihr Euch seinerzeit geweigert habt, die Geschehnisse im Finsterkamm zu kommentieren und ihn für den Verrat an der Mittnacht und an Eurer Familie zur Rechenschaft zu ziehen.“

„Verrat, Eberwulf, das ist so eine Sache.“

„Ich weiß. Aber das ist die Meinung vieler und sie verstehen nicht, warum Ihr den Mann so billig habt davonkommen lassen“, meinte ihr Kanzler schlicht. „Was denkt Ihr denn, warum die bloße Erwähnung des Namens von Löwenhaupt-Berg heute noch allenthalben für Aufruhr sorgt?“

„300 Mann.“

„Wie bitte?“, Walpurga wandte ihren Blick nach links, wo Arlan stand.

Zum ersten Mal war er einen ganzen Gerichtstag lang an ihrer Seite gewesen. Hatte schräg hinter dem Thron gestanden. Schweigend und überaus aufmerksam. So wie es sich für den künftigen Herzog geziemte. Einen künftigen Herzog, der genau zuhörte und aufrichtig Anteil nahm am Schicksal seines Volks. Zu viel Anteil im Grunde. Manches Mal sogar deutlich zu viel! Wie jetzt gerade. Walpurga bemerkte, dass die Augen ihres Sohns feucht glänzten und seufzte abermals. Er kam zu sehr nach seinem Großvater. Und dem Vater. Sie hatte gehofft, dass er ein bisschen mehr von ihrer Abgeklärtheit erben würde. Der ihrer Mutter. Aber das war nicht der Fall. Und seine Empfindsamkeit wollte einfach nicht abstumpfen. Trotz allem, was er in jungen Jahren bereits hatte erleben müssen.

„Bald 300 Männer und Frauen hat er damals im Finsterkamm verloren, Mutter“, fügte Arlan nun mit belegter Stimme an. „268 tote Berittene und zwei davon waren die Kinder des Herrn Uldreich. Dann ist sein Weib noch erschlagen und sein Gut vom Ork niedergebrannt worden, als Wallbrord schon auf dem Weg nach Wehrheim war, um dem Reichserzmarschall zu sagen, dass er Weiden verloren geben soll, anstatt zu dir zu eilen und hier die Stellung zu halten. Das ist ein Verrat an uns gewesen – und mehr noch am Herzogtum und unseren treuen Vasallen. An Leuten wie diesem armen Kerl, der damals alles verloren hat und trotzdem weiterkämpfte. Du hast gehofft, dass er nicht mehr kommen würde? Warum? Was hast du denn getan, um seinen Schmerz zu lindern?“

Walpurga blinzelte irritiert. Wurde sie etwa gerade gemaßregelt? Von ihrem eigenen Sohn? Na so was! Sie hätte ihm gern eine spontane Antwort gegeben, aber leider war sie für den Moment zu überrumpelt. Sie starrte Arlan an und ging im Geiste sämtliche Argumente durch, die sie sich über die vergangenen 14 Götterläufe zurechtgelegt hatte, um ihr Handeln vor sich selbst zu rechtfertigen. Wahrscheinlich hätte keins davon ihren Jungen auch nur ansatzweise überzeugt. Um ehrlich zu sein taugten die meisten davon nicht einmal in ihren eigenen Augen. Sie war nicht stolz darauf, wie sie die Situation damals gehandhabt hatte. Aber in den Nachwehen des Vierten Orkensturms gab es so viele andere Feuer zu löschen. Größere. Wichtigere. Und, ja, auch welche, bei denen nicht die Gefahr bestand, selbst in Brand zu geraten. Bei denen ihr und ihrer Familie kein Gesichtsverlust drohte. Wallbrord war nun mal ein Vetter. Und sie hatte ein paar Jahre davor erst einen anderen Vetter erschlagen müssen, weil er nach ihrem Thron griff. Wie schlecht hätte das Haus Löwenhaupt dagestanden, wenn so kurz darauf gleich der nächste fiel? Nein, da wahrte sie lieber ihr Schweigen. Allzumal die Lage schwierig gewesen war.

„Statt ihn zu tadeln, hast du ihn auch noch zum Edlen der Weidener Lande erklärt und ihn damit rehabilitiert. Ist doch klar, dass die Leute so was als Schlag ins Gesicht empfinden“, Arlan hatte nun keine Tränen mehr in den Augen. Dafür bildeten sich hektische rote Flecken auf seinen Wangen. Ein zuverlässiges Anzeichen dafür, dass er drauf und dran war, in Rage zu geraten. „Was hast du dir dabei nur gedacht, Mutter?“, wollte er wissen.

„Ach, Arlan“, murmelte Walpurga. „Wenn die Welt nur so einfach wäre, wie du dir das vorstellst!“

„Du hättest diesem Mistkerl das Fell gerben müssen für seine Treulosigkeit. Und stattdessen tätschelst du ihm den Kopf? Wie kann das sein? Weißt du nicht, dass du unserem Volk damit beinahe ebenso viel Leid zugefügt hast wie er?“

„Seine Treue galt in erster Linie dem Reichserzmarschall“, meldete sich Eberwulf zu Wort. „Er war da schon kein Weidener Marschall mehr, sondern der des Reiches in Weiden.“

„Orkdreck!“, begehrte Arlan auf. „Soll das etwa eine Entschuldigung dafür sein, dass er nach Wehrheim ist, während hier alles in Flammen stand? Dass er seine Leute sterben ließ und sich selbst aus dem Staub machte? Was für ein Anführer tut denn so was?“

„Einer, der mit dem Kopf denkt und nicht mit dem Bauch“, meinte Eberwulf in einem merkwürdig säuselnden Tonfall, der irgendwie an einen in akute Gefahr geratenen Tierbändiger gewahrte.

„Er hat dem Reichserzmarschall empfohlen, Weiden zu opfern!“, Arlan gab nicht nach. „Wäre Emer nicht gewesen, gäbe es hier heute nur noch Staub und Asche. Und dafür erklärst du ihn zum Edlen der Mittnacht, Mutter?!“ Die Stimme ihres geliebten Sohns klang nun anklagend. Und verzweifelt. Er verstand nicht. Aber er sollte verstehen!

„Ich war dankbar dafür, dass er das Amt in Darpatien angenommen hat und nicht auf dem Gut in der Stadtmark bestand“, hob Walpurga an. „Ich bin davon ausgegangen, dass er Weiden für immer den Rücken kehren und es künftig keine Berührungspunkte mehr geben würde. Dass Gras über die Sache wächst und die Wunden sich mit der Zeit schließen. Er ist nicht der erste gescheiterte Feldherr in der Geschichte des Mittelreichs. Solche Dinge passieren – und werden vergessen.“

„Er war ein Feldherr aus dem Haus Löwenhaupt, der Weiden dem Ork preisgeben wollte! Ich schätze, das ist in unserer Geschichte ohne Beispiel“, begehrte Arlan wütend auf. „Darauf hätte es eine Reaktion ohne Beispiel geben müssen. Warum hast du ihm nicht wenigstens das Recht genommen, unseren Namen zu führen? Reicht ein solcher Verrat dafür etwa nicht?“

„Du machst es dir zu einfach“, wiederholte Walpurga und lächelte gequält.

Sie hatte das Gefühl, in einer Zeitschleife zu hängen. Denn dieses Gespräch war nicht neu. Sie hatte es vor ziemlich genau 14 Götterläufen schon einmal geführt. Damals stand Emmeran mit hochrotem Kopf und wild funkelnden Augen vor ihr und forderte genau das Gleiche: Dass sie Wallbrord einen Verräter hieß und ihn richten ließ, oder für seine Verfehlungen doch wenigstens aus der Familie verstieß. Weil er die Schmach nicht ertragen konnte, einen solchen Mann zum Bruder zu haben – davon war Walpurga überzeugt. In seinem Zorn hatte der werte Herr Graf gebrüllt wie ein angeschossener Bär und jedes Maß verloren. Wie so oft. Sie hatte ihm so wenig nachgegeben, wie sie das jetzt bei Arlan tun würde.

„Was du anprangerst, bewegt sich auf moralischer Ebene“, fuhr sie mit ruhiger Stimme fort. „Bei einer rechtlichen Überprüfung hätte sich das Ganze nicht so simpel dargestellt. Und vor all...“

„Was interessiert mich das verfluchte Recht? Mir reicht die Moral!“, rief Arlan und schüttelte den Kopf, dass die blonden Locken nur so flogen. „Wir haben eine Familienräson. Eine Berufung. Unsere Ehre!“ Er machte eine weit ausholende Geste, die wohl nicht nur den Thronsaal, sondern auch alles andere einschließen sollte. „Wir sind die Wacht im Norden, Mutter, der Schild des Reiches! Uns fällt die Aufgabe zu, es zu schützen. Wallbrord hat diesen Schild in den Dreck geworfen, direkt vor die Füße der Orks. Statt ihn zu halten und bis zum Tod zu kämpfen, wie es jeder gute Löwenhaupt ohne Zögern tun würde, wollte er das Herzogtum verloren geben. Er hat uns verraten! Unser Land, unsere Leute, unsere Sache! Und dadurch hat er den Ruf der Familie beschmutzt. So jemand verdient es nicht, unseren Namen zu tragen. Er ist ein feiger Hund, kein Löwe!“

„Arlan, ich bitte dich!“, Walpurga setzte zu einem Tadel an, der ihr dann aber doch nicht über die Lippen kam. Stattdessen starrte sie ihren Sohn abermals schweigend an. In all seinem gerechten Zorn. Dem gottgegebenen Selbstverständnis, das auch ihren Vater ausgezeichnet hatte – und das sie sich schwer erarbeiten musste. Jeden Tag aufs Neue. Weil sie anders war. Kopflastiger. Abwägender. Zögerlicher. Geprüft. Beschädigt. Sie glaubte nicht mehr daran, dass strahlendes Heldentum das Höchste war, was ein Mensch in seinem Leben erreichen konnte. Dass die Ehre mehr zählte als alles andere. Sie glaubte auch nicht mehr an Schwarz und Weiß. Sie glaubte an Grautöne. In Hunderten Schattierungen. Und daran, dass es Zwänge gab, denen man sich nicht entziehen konnte. Dinge, über die besser die Zwölf oben in Alveran richteten als Menschen unten auf Deren.

„Warum hast du ihn nicht verstoßen?“, fragte Arlan, die Stimme nun zu einem heiseren Flüstern gesenkt. „Hattest du Angst, dass es auf die Familie zurückfällt? Hast du den Strauß deshalb nicht ausgefochten?“

„Unfrieden in der Familie wäre mir in der Tat eine Qual gewesen, nachdem wir den Ork gerade unter hohen Verlusten zurückgeschlagen hatten“, erwiderte Walpurga aufrichtig. „Doch auch dies ist die Wahrheit: Ich bewerte die Situation anders als du. Ich weiß nicht, was damals in Wallbrords Kopf vorgegangen ist. Um der Gerechtigkeit Genüge zu tun, hätte ich mit ihm sprechen müssen. Und dazu war mir die Zeit zu kostbar. Du magst dich nicht erinnern, aber es gab nach dem Orkensturm drängendere Probleme. Hier in Weiden und im gesamten Reich. Ernsthafte Probleme, von denen das Leben der Menschen abhing. Ich habe entschieden, dem Wohl meines Volkes Vorrang vor meinem verletztem Stolz und der Enttäuschung über den Vertrauensbruch eines Verwandten zu geben.“

„Du hättest dich um beides kümmern sollen“, meinte Arlan vorwurfsvoll. „Dann würde die Sache dich heute nicht mehr verfolgen.“ Er deutete auf die Tür, durch die der alte Trutzer verschwunden war: „Wenn du nur einmal öffentlich gesagt hättest, dass Wallbrord Kacke am Hacken hat, dass du sein Verhalten unter aller Sau findest und er hier nicht mehr willkommen ist, hätten die Wunden vielleicht wirklich heilen können. So aber hast du es ihm ermöglicht, zu tun als sei nichts gewesen. Du hast den Weg für das geebnet, was heute für so viel Ärger sorgt: Er und seine Kinder betonen die Nähe zum Weidener Herzogenhaus alle Nase lang. Sie tragen unseren Namen und Wallbrord führt den Weidener Bären in seinem Wappen. Ist es ein Wunder, dass unseren Leuten da die Galle überläuft? Sie sehen, dass du ihn gewähren lässt, den Verräter, und fühlen sich an deine Entscheidung gebunden. Deswegen halten sie zähneknirschend den Mund, statt ihm für seine Anmaßung den Schädel einzuschlagen!“

„Wallbrord ist bereits tot“, gab Walpurga trocken zurück.

„Bleiben seine Kinder“, beharrte Arlan. „Und ich verspreche dir hier und heute: Wenn ich dereinst Herzog von Weiden bin, werde ich diese Bande kappen! Keiner von denen hat je etwas unternommen, um die Taten von damals zu sühnen. Ich habe nie eine Entschuldigung von Wallbrord gehört. Für das Debakel im Finsterkamm nicht und auch nicht dafür, dass er die Situation falsch eingeschätzt hat und uns alle drangeben wollte. Ich lasse das nicht auf mir sitzen. Ich lasse das nicht auf Weiden sitzen! Unsere Leute haben es verdient, dass sie ...“

„Arlan“, Walpurga schüttelte tadelnd den Kopf. „Hör schon auf! Lass das mit Versprechungen, die dir später nur leidtun. Warte damit, bis dein Kopf wieder die Kontrolle übernommen hat.“

„So wie du es immer tust?“, fuhr er sie an. „Wir sehen ja gerade, wohin uns das führt.“ Er schlug sich mit der geballten Faust vor die Brust, schnipste sich dann an die Stirn und zischte: „Das hier ist Weiden, nicht das da oben. Das verstehen unsere Leute. Das ist aufrecht und wahrhaftig. Das Einzige, was zählt. Warum erkennst du das bloß nicht?“

Sie sah in die zornblitzenden Augen ihres Sohns und schnalzte leise. Das war eine Warnung. Er wusste das. Aber sie bezweifelte, dass es heute irgendetwas nutzen würde.

„Du willst dich also von deinem Herzen leiten lassen und Wallbrords Kinder für etwas bestrafen, womit sie nichts zu schaffen haben?“, fragte sie.

„Wallbrords Kinder sind mir scheißegal!“, knurrte er. „Mich interessieren die Kinder Weidens. Wenn die heute nicht damit leben können, dass die Löwenhaupt-Bergs sich als Freunde des Herzogtums und Angehörige seiner Herrscher gefallen, dann sorge ich morgen für Abhilfe!“

„Und bedienst damit die Vorurteile all jener, die sagen, dass Weidener nicht zu durchdachtem Handeln in der Lage sind? Als Sklaven ihrer Gefühle und ihres Stolzes?“, fragte Walpurga. „Wie willst du eine solche Entscheidung denn rechtfertigen?“

„Scheißegal!“, wiederholte Arlan. „Da fällt mir schon was ein! Sorge dich nicht, ich bügle dein Versäumnis gern wieder aus. Keine Ursache.“

„Ein Wort noch, Bürschchen, und ich leg dich übers Knie! Dein Stolz in allen Ehren, aber lass dich davon nicht hinfort tragen, oder ich stutze ihn zurecht“, brach es aus Walpurga hervor – lauter als geplant. „Über diese Entgleisung reden wir noch, verstanden?“, fügte sie danach etwas leiser an. „Morgen. Wenn du hoffentlich wieder halbwegs klar denken kannst.“

Nach diesem Schlagabtausch herrschte einen Moment Totenstille im Saal. Walpurga starrte ihren Sohn an und der starrte mit trotzig nach vorn gerecktem Kinn zurück. Ein Stück weiter kratzte sich Eberwulf verlegen am Kopf. Er wusste offenbar nicht, was er sagen sollte. Anders als Gwynna, die die ganze Zeit über brav schweigend im Schatten der Balustrade gesessen hatte und sich jetzt erhob.

„Sehr schön“, sie trat an den Thron heran, ließ den Blick freundlich lächelnd über ihre Gesichter gleiten und nickte – irgendwie zufrieden. „Dann wäre das ja mal geklärt. Darf ich jetzt auch mit einem Anliegen an dich herantreten, Walpurga?“

„Ich weiß nicht, ob ich heute noch irgendetwas hören will“, erwiderte die Herzogin, ohne den Blick von ihrem Sohn zu nehmen, dem frechen Bengel.

„Oh doch. Das hier willst du hören, glaub mir!“

„Warum?“

„Weil es mit der Sache zu tun hat. Im weitesten Sinne.“

„Du nicht auch noch!“

Walpurga löste sich von Arlan, um in das alterslose Gesicht ihrer nervigsten, leider aber mitunter auch wertvollsten Beraterin zu sehen. Gerade war ihr mit aller Macht vor Augen geführt worden, wie sehr sie sich geirrt hatte. Dass der Plagegeist von Klingenthal zwar der Einzige war, der seinen Finger ständig in ihre Wunde legte, aber bei Weitem nicht der Einzige, der den Drang dazu verspürte. Wenn Gwynna ihr jetzt auch noch Vorwürfe machte, würde das Fass überlaufen.

„Ich will, dass du Emmeran in die Nordmarken schickst. Zu seiner Mutter.“

„Zu der Mutter, die seit 14 Götterläufen nicht mehr mit ihm spricht, weil er sich außerstande sah, seinen eigenen Bruder wenigstens vor ihr nicht als verräterischen Hund, wertlosen Drecksack und Schande für die Familie zu beschimpfen?“

„Genau die“, Gwynna lächelte weiter. „Es ist an der Zeit.“

„Will ich wissen, was du damit meinst?“, hakte Walpurga nach.

„Hum“, Gwynna wiegte den Kopf. Immer noch lächelnd. „Später vielleicht. Wenn er selbst den Grund erfahren will, kannst du ihn gern an mich verweisen. Aber ich nehme an, er würde sich lieber in sein Schwert stürzen, als mit mir zu reden. Beim letzten Mal hat er gesagt, dass jedem vernünftigen Mann bei meinem Gefasel der Kopf platzen muss ...“ Sie überlegte kurz und hob die Brauen: „Er war dabei sehr laut. Vielleicht befiehlst du es ihm besser einfach? Das könnte unterhaltsam werden.“

Die Herzogin der Bärenlande seufzte schwer, nickte dann jedoch ergeben. Dieser Tag war ein ganz beschissener. Und sie hatte jetzt keine Lust mehr auf ihn. Also erhob sie sich und verließ mit einem leise gebrummten „Ihr könnt mich alle mal!“ den Saal.


Alte Schmach

Burg Meilingen in der Baronie Meilingen, Herzogtum Nordmarken
30. Rahja 1040 BF

Zögernd trat Yalagunde auf den Balkon hinaus, in die schwüle Hitze eines sterbenden Sommertags. Sie wusste nicht, ob es ein guter Zeitpunkt war, um das Gespräch mit ihrem Gatten zu suchen. Aber wenn nicht heute, wann dann? In der kommenden Woche würde sie sich bestimmt nicht auf Diskussionen mit ihm einlassen. Er war an normalen Tagen schon ein schwieriger Gesprächspartner – allzumal, wenn ihm etwas gegen den Strich ging. Welchen Sinn hätte es da gehabt, sich in der Zeit zwischen den Jahren mit ihm zu beharken? Den Tagen des Namenlosen, aus denen nichts Gutes erwuchs. Niemals!

Statt zu grüßen, näherte sie sich Emmeran wortlos – von hinten und damit unbemerkt. Er stand gegen die steinerne Brüstung gelehnt, den Blick auf das fette grüne Land gerichtet, das so viel lieblicher und fruchtbarer war als alles, worüber er in der Heldentrutz gebot. All dies wäre sein Erbe gewesen, wenn er nicht zugunsten seiner jüngsten Schwester Tsaja schon vor Jahr und Tag darauf verzichtet hätte. Und wenn er nicht einem Familientreffen im Peraine 1039 ferngeblieben wäre. Damals wurde das Erbe neu geregelt, weil Tsaja kinderlos geblieben und ihr Gemahl unerwartet verstorben war. Nicht, dass Emmeran keine Einladung erhalten hätte. Aber als er erfuhr, dass auch Wallbrord zugegen sein würde, war einer seiner berüchtigten Tobsuchtsanfälle über ihn gekommen. In namenlosem Zorn hatte Yalagundes Gemahl die Feste Reichsend zusammengebrüllt und den Brief seiner Schwester einen schlechten Witz geheißen. Ob sie wirklich glaube, dass er sich mit „dem dreckigen Verräter“ an einen Tisch setzen werde, um über sein Erbe zu verhandeln, hatte er gefragt.

Yalagunde wusste darauf keine Antwort, weil sie ihre Schwägerin nach 15 Jahren ohne direkten Kontakt kaum noch kannte. Der schwärende Konflikt zwischen den Brüdern hatte die Familie zerrissen und zog sie alle in Mitleidenschaft. Das war aber nicht der einzige Grund für ihr Schweigen gewesen. Sie hatte Emmeran auch deshalb keine Antwort gegeben, weil sein Zorn sie sprachlos machte. Nach all den Jahren brannte er noch genauso heiß wie ganz am Anfang. Das zeigte, wie tief die Wunden waren, die Wallbrord seinerzeit geschlagen hatte. Wie sehr es den Stolz und die Überzeugungen ihres Gatten verletzte, dass ausgerechnet sein kleiner Bruder Weiden nicht bloß im Stich gelassen hatte, sondern sogar noch einen Schritt weiter gegangen war.

Gleich wie: Das Antwortschreiben, das Emmeran seinerzeit verfasste, hatte Tsaja offenbar nie erreicht. Sie hatte also auch nie zur Kenntnis genommen, dass er nicht mit seinem jüngeren Bruder über Ansprüche zu verhandeln gedachte, die den „einen Scheißdreck“ angingen, und dass er stattdessen ein Vier-Augen-Gespräch mit ihr wünschte. So hatte der Familienrat 1039 in Emmerans Abwesenheit getagt, und er war ohne es zu wissen und ohne Kompensation aus der Erblinie gestrichen worden. Wallbrord hingegen hatte für seine freundliche Zurückhaltung ein Gestüt in Meilingen zugesprochen bekommen. Das stieß selbst Yalagunde übel auf. Sie verstand den Starrsinn ihres Mannes zwar nicht – und es tat ihr bisweilen ganz schön weh zu beobachten, wie er sich selbst im Weg stand –, gleichwohl war der Entschluss seiner Geschwister mehr als fragwürdig: Er war nicht rechtens.

Mit nachdenklicher Miene trat Yalagunde an Emmeran heran, lehnte sich ebenfalls an die Brüstung und sah schweigend auf das Land hinaus. Er würde nicht um die Baronie kämpfen, wie wertvoll sie auch sein mochte. Es machte ihm nichts aus, das Lehen an seine jüngste Schwester und deren Erbin abzutreten. Was ihm aber sehr wohl etwas ausmachte, war die Art, auf die die Verwandtschaft sich seiner entledigt hatte. Er würde das nicht auf sich beruhen lassen. So viel stand fest. Er würde nicht auf ein angemessenes Entgelt verzichten. Allein schon um seiner Kinder Willen, die eines Tages ein Auskommen brauchen und es hier sicher leichter finden würden als in der kargen Heldentrutz.

In seiner Mutter, der älteren Tsaja, hatte Emmeran unerwartet eine starke Fürsprecherin gefunden. Die Verhandlungen waren auf einem guten Weg gewesen, doch vor vier Tagen kamen sie schlagartig zum Erliegen – als die alte Dame verstarb. Trotz aller Zipperlein unerwartet und dann auch noch so kurz vor den Namenlosen Tagen, dass keine Zeit für eine anständige Bestattung blieb. Sie hatten Emmerans Mutter gestern unter die Erde gebracht. Im Beisein des Bisschens Trauergemeinde, das sich auf die Schnelle zusammenfand. Das war nicht schön, aber besser, als einen Leichnam über die unheilige Zeit aufzubahren und auf das Beste zu hoffen. Es würde im neuen Jahr noch einen großen Trauergötterdienst geben, wie es sich für eine einstige Baronin der Nordmarken geziemte.

„Sie hat es gewusst, oder?“, fragte Emmeran da plötzlich.

„Wie bitte?“, Yalagunde hob die Brauen und wandte ihm das Gesicht zu.

„Gwynna. Dieses verfluchte ... diese Hexe! Deshalb hat sie mich überhaupt nur hier haben wollen! Weil sie wusste, dass meine Mutter das Zeitliche segnet!“

„Hum“, Yalagunde seufzte. „Du hast den Start der Reise bald einen halben Götterlauf hinausgezögert, um Walpurga klarzumachen, wie wenig du von ihrer Aufforderung hältst. Glaubst du, dass Gwynna das für möglich gehalten und berücksichtigt hat?“

„Natürlich hat sie“, knurrte ihr Gatte. „Entweder sie selbst oder eine ihrer verlotterten Schwestern wird genau gewusst haben, was hier passiert. Und dann hat sie mich auf dem Spielfeld rumgeschoben wie eine Garadanfigur. Wie sie es immer macht, die Mistmade!“

„Ich weiß nicht“, log Yalagunde. Tatsächlich wusste sie genau, denn am gleichen Tag, an dem ihr Gatte Nachricht von Walpurga erhalten hatte, erreichte sie ein Brief Gwynnas. Die Ewige Prinzessin hatte ihr eine eigene Agenda verpasst. Darum gebeten, dass sie gewisse Dinge im Auge behielt. Dass sie ihren Gatten auf gewisse Bahnen lenkte. Yalagunde begriff sofort, wohin das führen sollte – und dass es zum Besten des Herzogtums war. Zum Besten des künftigen Herzogs vor allem. Also zögerte sie jetzt nicht, sondern waltete ihres Amtes. „Angenommen, es stimmt, was du sagst“, meinte sie, „Wäre das denn wirklich so schlimm? Gwynna hat dafür gesorgt, dass du dich mit deiner Mutter aussprechen konntest, bevor die Götter sie zu sich holten. Ist das nicht etwas Gutes?“

„Ich kenne das Nordmärker Lumpenpack“, Emmeran schnaubte. „Gib ihm noch ein paar Tage und hier wird allenthalben die Mär gehen, dass meine Frau Mutter der Schlag getroffen hat, als sie mich sah. Es wird nicht lange dauern, bis sie mich mit Dreck bewerfen. So läuft das hierzulande. War schon immer so, wird sich nie ändern.“

„Oh, ihr guten Götter!“, Yalagunde rollte mit den Augen. „Schert es dich denn wirklich, was hier geredet wird? In ein paar Tagen sind wir wieder weg und du wirst vermutlich nie mehr zurückkehren. Also richte den Blick nicht auf die, sondern auf dich selbst! Und sag mir: War es nicht gut, noch einmal mit deiner Mutter gesprochen zu haben?“

„Hrumpf“, machte Emmeran und richtete den Blick nach vorn. Die Nase unzufrieden gekraust brummte er nach kurzem Zögern: „Ne, schert mich natürlich nicht. Wer in meinem Rücken redet, spricht zu meinem Arsch. Aber Menschen mit Anstand würden’s mir stattdessen ins Gesicht sagen, sodass ich vernünftig drauf reagieren könnte.“

Yalagunde seufzte leise und schüttelte den Kopf: „Hast du deinen Frieden mit der alten Dame gemacht?“

„Denke schon.“

„Erleichtert dich das nicht? Ist es nicht besser, als wenn sie all das Unausgesprochene mit ins Grab genommen hätte?“, wollte Yalagunde wissen.

„Doch“, meinte Emmeran nach einer langen Pause, trug dabei aber eine Miene zur Schau, als hätte er gerade einen Humpen Essig gestürzt. „Du hast recht. Es war besser so. Macht mein Herz leichter, hat ihres bestimmt auch leichter gemacht. Ich schätze, so konnte sie in Frieden gehen.“

„Ich hoffe es. Wenn meine Kinder sich derart zerstritten hätten ... es hätte mich verrückt gemacht.“

„Sie hätte sich für eine Seite entscheiden können. Dann wäre es einfacher gewesen.“

„Einfacher? Für eine Mutter? Einen Sohn zu verdammen? Weil der andere das will?“

„Wie schwer kann das sein, wenn einer von beiden ein Verräter ist? Ich hätte da nicht lange gezögert.“ Emmeran hob die Schultern: „Besser so, als diesen ewigen Eiertanz aufzuführen!“

„Der dürfte nun ja vorbei sein, oder nicht? Sie ist tot, er ist tot, bleibt nicht mehr viel, worüber du dich künftig noch erregen musst“, meinte Yalagunde.

„Von wegen!“, ihr Gemahl schob das Kinn vor und rümpfte die Nase. „Vorbei ist es, wenn der letzte Löwenhaupt-Berg verreckt. Solange dieser Name im Reich herumgeistert, wird es für meine Familie keine Ruhe geben! Es ist ein stetes ... ein Makel. Eine Schande, von der wir uns nicht reingewaschen haben, als es angezeigt war. Und das werden wir weiter bereuen.“

„Keine Ruhe für deine Familie? Oder keine Ruhe für dich?“, hakte Yalagunde nach.

Das führte immerhin dazu, dass Emmeran den Blick wieder von der Landschaft löste und sie stattdessen ins Auge fasste:

„Auf keinen Fall Ruhe für mich! Und nicht für Firunian, der zu der Sache genau wie ich eine ganz klare Meinung hat. Außerdem habe ich zuletzt munkeln hören, dass Arlan ebenfalls alles andere als glücklich mit der Situation ist.“

Yalagunde nickte. Sie wusste aus zuverlässiger Quelle, dass dieses Gerücht der Wahrheit entsprach. Und sie war klug genug, um zu begreifen: Das stellte einen der Gründe für Gwynnas Brief dar. Die Hexe schob ihren Gatten tatsächlich wie eine Garadanfigur über das Feld. Sie wollte ihn, den Turm, vorm König in Stellung bringen. Um Unheil von Letzterem fernzuhalten. Besser der Graf der Heldentrutz machte sich bei dem Versuch unmöglich, seinem Neffen und seiner Nichte in einem vertraulichen Gespräch beizukommen, als dass der Herzog Weidens es späterhin in aller Öffentlichkeit tat.

„Und was wirst du nun tun?“, fragte sie ihren Gatten.

„Wie was tu ich?“, er starrte sie verständnislos an.

„Wenn die Sache dir nach so vielen Jahren immer noch keine Ruhe lässt, musst du handeln, oder nicht?“, erwiderte sie. „Du hältst dich zwar gewohnt bedeckt, aber gerade sagtest du, das Gespräch mit deiner Mutter hat dich erleichtert. Also warum nicht auch diese Angelegenheit aus der Welt schaffen? Bei allem Zorn, der in dir brodelt: Es ist Familie. Und in der Familie sollten solche Dinge bereinigt werden. Zum Besten aller Beteiligten.“

„Was? Bereinigt? Wie stellst du dir das vor?“, er schüttelte unwirsch den Kopf. „Du weißt, dass ich es seinerzeit versucht hab...“

„Du hast Wallbrord gesagt, dass du ihm den ehrlosen Schädel einschlägst, wenn er nicht auf den Namen Löwenhaupt verzichtet. Hältst du so was für einen tauglichen Versuch?“

„Ich hätt es tun sollen“, begehrte Emmeran auf. „Er hatte nichts Besseres verdient!“

„Ich weiß, dass du so denkst“, Yalagunde seufzte und legte ihre Hand beschwichtigend auf seine. „Ich weiß, dass du nach der Sache damals nicht mehr vernünftig mit ihm reden konntest. Aber nun ist er tot. Und wenn du reden willst, kannst du das mit seinen Kindern tun, die dein Gemüt kaum vergleichbar in Wallung bringen dürften.“

„Weiß nicht. Nach allem, was man hört, sind die genauso unbrauchbar wie er“, brummte ihr Gatte unwillig. „Oder sogar noch unbrauchbarer? Warum sonst hätte er einen Bastard zu seiner Erbin erklären und die ehelichen Kinder übergehen sollen? Wenn die noch nicht mal in seinen Augen bestanden haben, weiß ich wirklich nicht, ob ich sie überhaupt sehen will.“

„Um das beurteilen zu können, müsstest du schon einen Blick auf sie werfen.“

„Warum kommst du mir jetzt damit?“, wollte er wissen. „Der dumme Sack ist seit einem Götterlauf tot! Hättest du mich da nicht schon früher belatschern müssen?“

„Ich komme jetzt damit, weil ich es für den rechten Zeitpunkt halte.“ Yalagunde hatte sich in den vergangenen Monden eine kleine Rede zurechtgelegt, die sie nun auf den Dickschädel ihres Mannes abfeuerte: „Ein Götterlauf war eine angemessene Zeit, um die Kinder in Ruhe trauern zu lassen. Außerdem ist deine Mutter nicht mehr, und du musste keine Rücksicht auf sie nehmen. Du musst keine Angst haben, dass ihr das Manöver noch mehr Gram bereitet, als sie ohnehin schon ertragen musste.“ Sie überlegte kurz und tippte dann liebevoll gegen Emmerans Stirn: „Darüber hinaus hoffe ich, dass die jüngste Erfahrung dort oben etwas in Bewegung gesetzt hat und meine Worte auf fruchtbaren Boden fallen. Wir sind nun eh schon unterwegs. Warum nicht noch einen Abstecher nach Garetien machen? Zu meiner Familie? Und Wallbrords Kinder dort hin bestellen? Zu einem Gespräch, in dem eingeschlagene Schädel keine Rolle spielen?!“

Zu ihrer Überraschung widersprach Emmeran nicht, sondern starrte sie schweigend an. Oder vielmehr: durch sie hindurch. Sie hatte das Gefühl, dass er sie gar nicht sah, sondern seinen Blick auf etwas ganz anderes gerichtet hatte. Etwas, das nur in seinem sturen Kopf war – auf dem das Haar langsam lichter wurde und das Blond längst von einem hellen Grau verdrängt worden war.

„Wir werden alt, Emmeran“, murmelte sie und strich ihm über die Schläfe. „Es kann jederzeit vorbei sein, wie wir gerade mal wieder gesehen haben. Wenn du das Problem nicht auf die Schultern von Firunian oder dereinst gar von Arlan laden willst, solltest du dir nicht zu viel Zeit lassen. Wer weiß schon, wie oft du noch Gelegenheit haben wirst?“

„Mir träumte ...“, murmelte er, als sie schon fürchtete, keine Antwort mehr zu erhalten, und richtete seinen Fokus wieder auf ihr Gesicht. „Ich habe davon geträumt, Greiflein. Wusstest du das?“

„Nein, woher denn?“

„Die Sache verfolgt mich bis in den Schlaf. Zum ersten Mal seit vielen Wintern. Vielleicht hast du recht, und ich sollte mich kümmern“, brummte Emmeran. „Es war mein vermaledeiter Bruder. Es sind seine Kinder. Weder mein Sohn noch mein Vetter sollten sich mit dem Pack rumschlagen müssen. Und es wird Zeit. Langsam wird es wirklich Zeit, diesem Schwachsinn ein Ende zu bereiten.“

„Tatsächlich?“, Yalagunde konnte nicht fassen, dass er schon nachgab. Sie hatte mit viel mehr Gegenwehr gerechnet und noch gar nicht alle Pfeile verschossen, die in ihrem Köcher steckten.

„Tatsächlich!“

„Aber keine eingeschlagenen Schädel, hörst du?“, ermahnte sie ihren Gemahl noch einmal. „Und über den Gebrauch von Wörtern wie ‚Pack‘ und ‚Schwachsinn‘ unterhalten wir uns auch noch mal ...“


Neue Hoffnung und alter Zorn

Burg Trollwacht und Reichsstadt Perricum, Markgrafschaft Perricum
Mitte Praios 1041 BF

Selinde fütterte ihre kleine Tochter Leonore, etwas, das sie ebenso selten wie ungern der Amme oder den übrigen Bediensteten der Burg überließ. Die Schwiegertochter des Barons von Zackenberg erinnerte sich oft an ihre eigene, eher bedrückende Kindheit. Materiell fehlte es ihr damals an nichts, doch bekam sie ihre Eltern nur selten zu Gesicht und wenn, dann gehörten Herzlichkeit und Einfühlungsvermögen nicht unbedingt zu deren hervorstechendsten Charaktereigenschaften. Ihr Vater Wallbrord war als Offizier kaum daheim, während ihre Mutter Fredegard die Kinder eher als eine Art lebende Puppen behandelte, die es entsprechend auszustaffieren und zu präsentieren galt. Nein, Selinde wollte es bei ihrer Tochter besser machen. Viel besser.

Ein recht lautes Klopfen an der Tür ließ die Baroness zusammenzucken und den Löffel mit dem für Leonore bestimmten Brei zu Boden fallen.

„Herein!“, knurrte Selinde unwirsch.

„Verzeiht die Störung, Herrin“, begann ein junger Diener sichtlich verlegen, „aber vorhin ist eine Nachricht für Euch persönlich abgegeben worden. Sie sei sehr dringend und solle Euch umgehend vorgelegt werden.“ Mit diesen Worten übergab der Bedienstete das gesiegelte Schreiben und zog sich auf einen Wink Selindes hin zurück.

Diese betrachtete unschlüssig den Brief. Zunächst hatte sie gedacht, er stamme von ihrem Bruder Ugdalf oder ihrer beider Mutter Fredegard, doch die Handschrift auf dem Umschlag gehörte keinem der beiden, wohingegen das Siegel das des Trutzer Grafenhauses war. Selindes Neugier war geweckt. Diese sollte sich noch steigern, als sie den Brief geöffnet und das darin befindliche Schreiben gelesen hatte. Der Verfasser war niemand Geringeres als ihr Onkel Emmeran von Löwenhaupt, Graf der Heldentrutz und Bruder ihres verstorbenen Vaters Wallbrord. In seiner Depesche lud er seine Nichte auf Burg Luring nach Garetien ein, wobei der Ton des Schreibens eher einer Vor- denn einer Einladung entsprach, um „wichtige Familienangelegenheiten, die keinen Aufschub dulden“ zu besprechen.

Die Baroness runzelte nachdenklich die Stirn. Was für Angelegenheiten mochten das sein, die noch dazu keinen Aufschub zu dulden schienen? Selinde wolle kein Grund einfallen, zumal sie ihren Onkel seit gut 15 Götterläufen nicht mehr gesehen hatte. Über letzteren Umstand war sie auch nicht wirklich unglücklich, hatte die Adlige mit dem aufbrausenden und polternden Wesen Emmerans doch nie etwas anfangen können. Und seitdem er und Wallbrord sich im Zuge des letzten Orkensturms vollends überworfen hatten, war der Kontakt gänzlich abgerissen.

Einerlei, die Baroness entschloss sich nach kurzem Überlegen dazu, der Einladung Folge zu leisten. Immerhin bestand die leise Hoffnung einer Versöhnung zwischen den Verwandten, eine Hoffnung, die Selinde nicht durch eine leichtfertige Ablehnung zerschlagen wollte. Außerdem war es eine sehr gute Gelegenheit, mal wieder aus Zackenberg herauszukommen; sie hatte sich schon viel zu lange in ihr mehr oder weniger freiwilliges Exil gefügt. Es war an der Zeit, mal wieder über die Trollzacken hinaus zu schauen und zu schreiten. Und unterwegs könnte sie noch bei ihrem Bruder in der Reichsstadt Perricum Halt machen. Vermutlich hatte Ugdalf auch eine Einladung erhalten; dann könnte man gemeinsam reisen und versuchen, sich einen Reim auf alledem zu machen.

***

Am frühen Abend kehrte Ugdalf mit verdrießlicher Miene von einer ebenso langen wie enervierenden Besprechung aus der Residenz des Markgrafen in die Quartiere seines Regiments zurück. Wie so oft war der Grund für seinen Unmut in der markgräflichen Administration zu suchen, die ihm die – seiner Meinung nach – unabdingbaren Mittel zur Wiederauffüllung des Bombardenregiments nur in zu geringem Maße und über einen zu großen Zeitraum hinweg gewähren wollten. Inkompetente Bürokraten allesamt!
Der Oberst hatte in seinem Arbeitszimmer Platz genommen, einmal tief durchgeatmet und sich ein Glas Wein eingeschenkt, um den ganzen Ärger zumindest für heute mit einem guten Tropfen herunterzuspülen. Doch noch bevor er den ersten Schluck trinken konnte, wurde er jäh durch ein Klopfen an der Tür gestört. Konnte man nicht einmal für einen Moment seine Ruhe haben?

„Eintreten!“, blaffte Ugdalf, dessen Laune nun einen neuen Tiefpunkt erreicht hatte.

„Bitte mein Eindringen zu entschuldigen, Herr Oberst“, meldete ein junger Korporal, „aber dieser Brief ist heute Mittag mit der Maßgabe abgegeben worden, ihn Euch umgehend nach Eurer Rückkehr auszuhändigen.“

„Ja und? Ich kriege jeden Tag ach so dringende und wichtige Depeschen, die allesamt bis gestern erledigt oder beantwortet werden müssen! Diese hier wird wie alle anderen auch bis zum nächsten Mittag warten, wenn ich meine tägliche Korrespondenz erledige. Und von welchem Witzbold ist dieser Schrieb überhaupt?“

„Der Kurier nannte als Absender einen Emerald von Löwenhaupt oder so. Ein Verwandter von Euch?“

Ein Ruck ging durch Ugdalf, als er den Namen hörte. „Erstens: Das geht Dich nichts an, Bursche. Zweitens: Weggetreten!“

Nachdem der Soldat sich abgemeldet und das Zimmer verlassen hatte, nahm der Oberst den Brief und warf einen Blick auf das Siegel. Tatsächlich, das Zeichen der Familie Löwenhaupt. Rasch öffnete er die Depesche, überflog ihren Inhalt – und warf das Pergament mit fast schon abfälliger Geste in den Papierkorb. Zorn überkam Ugdalf. Wie konnte dieser Mensch, Graf hin oder her, es wagen, ihm gegenüber einen solchen Ton anzuschlagen und ihn, nur wenig verklausuliert, quasi zu sich zitieren wollen! All die Jahre hatte die Weidener Verwandtschaft seinen Vater, ihn selbst und seine Schwester Selinde nach Kräften ignoriert oder gar geschmäht. Und nun ein Treffen in Garetien, um „wichtige Familienangelegenheiten, die keinen Aufschub dulden“ zu erörtern? Einer Einladung der Herzogin hätte Ugdalf Folge geleistet, aber der seines seit jeher als jähzornig und streitsüchtig bekannten Onkels? Niemals! Schließlich war es Emmeran, der mit seinen Tiraden gegenüber Wallbrord den Familienfrieden nicht nur ge- sondern zerstört hatte!

Nach dem bereits eingeschenkten Wein genehmigte sich Ugdalf noch zwei weitere Gläser ‚zur Beruhigung‘, bevor er sich wieder seiner Arbeit zuwandte.

Schon am nächsten Tag hatte er den Brief vergessen.

***

„Hier steckst Du also! Ich bin durch halb Perricum gelaufen, um Dich zu finden.“

Überrascht blickte Ugdalf von seinem Mittagessen auf, das er dieses Mal nicht in der Kaserne sondern in einem Gasthaus in der Reichsstadt einnahm.
„Selinde! Was hat Dich denn hierher verschlagen? Wir haben uns ja schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen, seit – na, Du weißt schon. Ist irgendwas passiert?“

„In gewisser Weise schon, Bruder. Ich habe vor drei Tagen eine, nun ja, Einladung unseres Onkels auf Burg Luring erhalten. Er will wohl irgendwelche wichtigen familiären Angelegenheiten besprechen. Hast Du auch ...?“

„Ja, habe ich“, schnitt Ugdalf seiner Schwester mit zorniger Miene das Wort ab. „Und nein, ich werde die Ein- oder besser Vorladung nicht annehmen und habe den Wisch stattdessen dahin befördert, wo er hingehört: in den Müll.“

Die Baroness schüttelte mit sichtlichem Bedauern leicht den Kopf. Ugdalf schien wieder mal im Begriff zu sein, unnötig Porzellan zu zerschlagen und sich selbst im Wege zu stehen.

„Ich halte das nicht für besonders klug.“ Der Oberst wollte gerade zu einer Entgegnung ansetzen, doch ließ ihn seine Schwester gar nicht erst zu Wort kommen und fuhr ungerührt fort: „Meine Begeisterung, diesen Choleriker wiederzusehen und seinem Geschrei – vernünftig reden kann er ja offensichtlich nicht – zuzuhören, hält sich gelinde gesagt auch in Grenzen. Aber andererseits: Was haben wir zu verlieren? Wenn er nur wieder Vater schmähen und sonst nichts Neues von sich geben wird, dann reisen wir wieder ab. Ganz einfach. Aber dann kann man weder Dir noch mir hinterher vorwerfen, wir hätten uns einer möglichen Aussprache verweigert.“

„Du bist viel zu gutgläubig. Sofern sich unser lieber Onkel nicht plötzlich der Kirche der Tsa zugewandt hat, wird mit ihm genauso wenig zivilisiert zu reden sein, wie damals, als Vater Weiden verließ. Sein Hass auf ihn war ja schier grenzenlos und irgendwie bezweifle ich doch sehr, dass er zwischenzeitlich zur Vernunft gekommen ist.“

Selinde seufzte innerlich, bevor sie zu einer Erwiderung ansetzte. Dass ausgerechnet Ugdalf von maßlosem Hass sprach ... „Und Du bist viel zu starrköpfig. Ich erwarte ja nicht, dass Du die Vergangenheit ruhen lässt oder gar vergisst, ich werde es auch nicht tun, aber noch mal: Was kann es uns schaden, Emmeran zumindest anzuhören? Wenn er wieder beginnt, gegen Vater zu hetzen oder sich anderweitig wie die Axt im Walde aufzuführen, dann packen wir unsere Sachen und reisen ab. Und wenn er sich wider Erwarten vernünftig und versöhnungsbereit zeigt, kann das doch nur in unserem Sinne sein. Oder kurz gesagt: Wir haben nichts zu verlieren sondern können nur gewinnen. Ich für meinen Teil werde die Einladung jedenfalls annehmen. Kommst Du mit oder schmollst Du lieber weiter?“

Ugdalf war für einen Moment sprachlos. So hatte er Selinde schon lange nicht mehr erlebt. Nach kurzem Überlegen antwortete er: „Also gut, ich begleite Dich. Aber wenn der alte Sack wieder verrücktspielt, sieht er von mir nur noch den Arsch meines Pferdes.“ Und mit einem feinen Lächeln setzte er hinzu: „Außerdem muss ja jemand auf Dich aufpassen, bevor Du unserem Onkel ganz auf den Leim gehst.“


Eine angenehme Reise zu einer (un)angenehmen Begegnung

Burg Luring in Gräflich Luring, Königreich Garetien
Mitte Rondra 1041 BF

Selinde und Ugdalfs Reise war bei fast durchgängig schönem Wetter ereignislos gewesen. Beide hatten die Zeit unterwegs letztlich sogar ein wenig genossen: Keinerlei Verpflichtungen, eine schöne Landschaft, gutes Essen – wäre der Hintergrund ihres Ritts nicht so ernster Natur gewesen, ein unbeteiligter Beobachter hätte glauben können, die beiden Geschwister befänden sich auf dem Weg in die Sommerfrische.

Dies sah zu Beginn der Reise noch ganz anders aus: Selinde verfiel zuweilen in Melancholie, da sie ihre Tochter sehr vermisste und Ugdalfs Stimmung war zunächst sehr düster, da er seinem Onkel immer noch grollte und nicht wirklich vom Sinn des Treffens überzeugt war. Und die Nachricht über den Tod ihrer Großmutter Tsaja der Älteren hatte auch nicht gerade zu einer Hebung der Laune beigetragen. Etwas Gutes hatte der Ritt jedoch schon jetzt bewirkt: Er hatte die beiden Geschwister, die sich zuvor nur selten für längere Zeit gesehen hatten, einander wieder etwas näher gebracht, obwohl oder gerade weil beide die größten Streitthemen, bewusst oder unbewusst, ausgeklammert hatten: ihre Halbschwester Elissa und das Verhältnis zu ihrer aller Vater Wallbrord. Am späten Nachmittag kam endlich die prächtige Silhouette von Burg Luring in Sicht und damit auch das Ende der Reise mitsamt der guten Stimmung.

„Nun werden wir bald sehen, was für einen warmherzigen Empfang unser lieber Onkel uns zugedacht hat“, brummte Ugdalf.

„Ich muss zugeben, auch ich sehe dem Zusammentreffen nun mit eher gemischten Gefühlen entgegen“, gab Selinde zu. „Andererseits ist Emmerans Gemahlin Yalagunde , wenn ich mich recht entsinne, eine kluge und umgängliche Frau. Ach ja, musstest Du heute unbedingt einen Wappenrock mit den Farben unserer Familie statt Deines persönlichen Wappens tragen? Meinst Du nicht, dass Du damit unseren Onkel schon gleich bei der Begrüßung in Rage bringst?“

„Mag sein, dass Yalagunde, die wir übrigens seit etlichen Götterläufen nicht mehr gesehen haben, immer noch recht verträglich ist, nur haben wir uns ja letztlich nicht mit ihr, sondern ihrem werten Gatten herumzuschlagen. Und die Wahl meiner Kleidung lasse ich mir ganz gewiss nicht von einem fernen Onkel vorschreiben, von dem ich bisher noch nie etwas Gutes erfahren habe.“

Selinde schüttelte leicht den Kopf und verzichtete auf eine Erwiderung. Die nächsten Tage konnten ja heiter werden, stellte sie sarkastisch fest.

Auf dem Burghof angekommen, winkte Selinde einen Bediensteten zu sich: „Melde Frau Yalagunde, dass Ihre Nichte und ihr Neffe angekommen sind und sich auf das Treffen mit ihr freuen.“

„Ich freue mich ganz und gar nicht“, raunte Ugdalf seiner Schwester zu, „und warum meldest Du ihr unsere Ankunft und nicht Emmeran?“

Die Angesprochene verdrehte die Augen und stöhnte kurz auf, bevor sie leise erwiderte: „Erstens hat Höflichkeit noch niemandem geschadet. Und zweitens befinden wir uns auf Burg Luring in der Grafschaft Reichsforst, die von einem Verwandten Tante Yalagundes regiert wird. Wem sollten wir da wohl unsere Ankunft melden? Und versuch’ wenigstens, nicht gleich bei der Begrüßung alles Porzellan zu zerschlagen, das Du finden kannst, kleiner Bruder.“ Die letzte Spitze konnte sich die leicht genervte Baroness nicht verkneifen, die wusste, wie sehr er diese Bezeichnung hasste.

„Hrmpf. Sei es wie es sei, große Schwester. Jetzt gilt es.“

„Ja, jetzt gilt es.“

***

Der Kastellan der Burg nahm die beiden Neuankömmlinge in Empfang und geleitete Sie persönlich zu ihren Gemächern.

„Es ist alles vorbereitet, Euer Hochgeboren, Euer Wohlgeboren. Ich hoffe, die Zimmer sind nach Eurem Geschmack."

Während Ugdalf seines nur mit einem kurzen, eher desinteressierten Blick bedachte, nahm sich seine Schwester Selinde etwas mehr Zeit und quittierte ihre Unterkunft mit einem anerkennenden Nicken. Solch’ großzügig und gediegen gestaltete Zimmer standen im Norden Perricums zumeist nicht einmal den Baronen zur Verfügung, wie sie aus eigener Erfahrung wusste.

„Ich werde den Herrschaften umgehend ein Bad bereiten und einen Imbiss bringen lassen. Ihre Hochwohlgeboren Yalagunde von Mersingen und seine Hochwohlgeboren Emmeran von Löwenhaupt erwarten Euch zur nächsten Hesindestunde im kleinen Salon. Bis dahin haben die Herrschaften Gelegenheit, sich von der Reise zu erholen. Ein...“

„Wie ungemein großzügig von meinem gräflichen Onkel, uns noch so viel Zeit zu gewähren“, fiel Ugdalf mit vor Sarkasmus triefender Stimme dem Kastellan ins Wort. „Wir werden uns die Zeit bis dahin schon irgendwie zu vertreiben wissen.“ Das entnervte Kopfschütteln seiner Schwester ignorierte er hierbei gekonnt.

„Äh, ja“, fuhr der Verwalter der Burg sichtlich irritiert fort, „Sei es wie es sei: Ein Bediensteter wird Euch zu gegebener Zeit aufsuchen und zu Euren Verwandten geleiten. Wenn ich mich nun empfehlen darf?“

Mit einem freundlichen Lächeln entließ Selinde den Mann, der sich zügigen Schrittes von ihnen entfernte. Kaum waren die Geschwister alleine auf dem Gang, packte Selinde ihren überraschten Bruder am Arm, zog ihn in ihr Zimmer und schloss die Tür hinter ihnen.

„Es reicht, Ugdalf!“, herrschte sie ihn an. „Du benimmst Dich unmöglich! Versuch’ wenigstens gegenüber den Bediensteten und unseren Gastgebern so zu tun, als freutest Du Dich auf das anstehende Gespräch. Oder willst Du Dich schon jetzt hier unbeliebter machen als unser Onkel, was wahrlich eine Leistung wäre?“

„Hmpf.“

„Ich werte das mal als Zustimmung zu meinen Worten“, konstatierte Selinde mit einem leicht spöttischen Lächeln.