Zwist im Hause Löwenhaupt - Alte Wunden

 

Alte Wunden

Bärenburg in Trallop, Herzogtum Weiden
15. Firun 1040 BF

Walpurga sah dem alten Mann schweigend hinterher. Er ging gebeugt, wirkte gebrochen. Seit bald 15 Götterläufen tat er das nun schon. Von der einst vollen, schwarzen Haarpracht Uldreichs von Klingenthal war nur ein dünner weißer Kranz geblieben, und Bitterkeit wie stiller, ohnmächtiger Zorn hatten tiefe Furchen in sein Gesicht gegraben. Die Jahre waren nicht gut zu ihm gewesen. Dennoch lebte er weiter. Und immer weiter. Schleppte sich jeden Firunmond zum winterlichen Gerichtstag an ihren Hof und trug stets das gleiche Anliegen vor. Legte seinen Finger in eine alte Wunde, die im Grunde nur noch wegen ihm so heiß und schmerzhaft schwärte. Weil er kam. Jedes Jahr. Und sie daran erinnerte. Die Herzogin seufzte. Nach allem, was sie wusste, ging der Trutzer Ritter stramm auf die 80 Winter zu. Es war Zeit für ihn zu gehen. Er hatte es verdient, endlich seinen Frieden zu finden. Doch er wollte nicht. Er klammerte sich an sein Leben. Offenbar in der verzweifelten Hoffnung, dass sie irgendwann doch noch nachgeben würde. Seinem Wunsch Folge leisten und den Stab über Wallbrord von Löwenhaupt-Berg brechen. Für Verfehlungen, die er im Firun 1026 BF begangen hatte. Vor weit mehr als einem Jahrzehnt.

„Ich hatte so gehofft, dass er diesmal wegbleibt“, sagte Walpurga leise, als sich die Tür hinter dem Greis schloss und sie wieder mit ihren Vertrauten allein war. „Wallbrord ist vor Mendena gefallen. Ist das denn nicht genug? Warum gibt er immer noch keine Ruhe?“

„Weil es nie um Wallbrord ging“, wandte Eberwulf ebenso leise ein. „Es ging immer nur um Euch. Darum, dass Ihr nie öffentlich Stellung zu der Sache bezogen habt. Darum, dass Ihr Euch seinerzeit geweigert habt, die Geschehnisse im Finsterkamm zu kommentieren und ihn für den Verrat an der Mittnacht und an Eurer Familie zur Rechenschaft zu ziehen.“

„Verrat, Eberwulf, das ist so eine Sache.“

„Ich weiß. Aber das ist die Meinung vieler und sie verstehen nicht, warum Ihr den Mann so billig habt davonkommen lassen“, meinte ihr Kanzler schlicht. „Was denkt Ihr denn, warum die bloße Erwähnung des Namens von Löwenhaupt-Berg heute noch allenthalben für Aufruhr sorgt?“

„300 Mann.“

„Wie bitte?“, Walpurga wandte ihren Blick nach links, wo Arlan stand.

Zum ersten Mal war er einen ganzen Gerichtstag lang an ihrer Seite gewesen. Hatte schräg hinter dem Thron gestanden. Schweigend und überaus aufmerksam. So wie es sich für den künftigen Herzog geziemte. Einen künftigen Herzog, der genau zuhörte und aufrichtig Anteil nahm am Schicksal seines Volks. Zu viel Anteil im Grunde. Manches Mal sogar deutlich zu viel! Wie jetzt gerade. Walpurga bemerkte, dass die Augen ihres Sohns feucht glänzten und seufzte abermals. Er kam zu sehr nach seinem Großvater. Und dem Vater. Sie hatte gehofft, dass er ein bisschen mehr von ihrer Abgeklärtheit erben würde. Der ihrer Mutter. Aber das war nicht der Fall. Und seine Empfindsamkeit wollte einfach nicht abstumpfen. Trotz allem, was er in jungen Jahren bereits hatte erleben müssen.

„Bald 300 Männer und Frauen hat er damals im Finsterkamm verloren, Mutter“, fügte Arlan nun mit belegter Stimme an. „268 tote Berittene und zwei davon waren die Kinder des Herrn Uldreich. Dann ist sein Weib noch erschlagen und sein Gut vom Ork niedergebrannt worden, als Wallbrord schon auf dem Weg nach Wehrheim war, um dem Reichserzmarschall zu sagen, dass er Weiden verloren geben soll, anstatt zu dir zu eilen und hier die Stellung zu halten. Das ist ein Verrat an uns gewesen – und mehr noch am Herzogtum und unseren treuen Vasallen. An Leuten wie diesem armen Kerl, der damals alles verloren hat und trotzdem weiterkämpfte. Du hast gehofft, dass er nicht mehr kommen würde? Warum? Was hast du denn getan, um seinen Schmerz zu lindern?“

Walpurga blinzelte irritiert. Wurde sie etwa gerade gemaßregelt? Von ihrem eigenen Sohn? Na so was! Sie hätte ihm gern eine spontane Antwort gegeben, aber leider war sie für den Moment zu überrumpelt. Sie starrte Arlan an und ging im Geiste sämtliche Argumente durch, die sie sich über die vergangenen 14 Götterläufe zurechtgelegt hatte, um ihr Handeln vor sich selbst zu rechtfertigen. Wahrscheinlich hätte keins davon ihren Jungen auch nur ansatzweise überzeugt. Um ehrlich zu sein taugten die meisten davon nicht einmal in ihren eigenen Augen. Sie war nicht stolz darauf, wie sie die Situation damals gehandhabt hatte. Aber in den Nachwehen des Vierten Orkensturms gab es so viele andere Feuer zu löschen. Größere. Wichtigere. Und, ja, auch welche, bei denen nicht die Gefahr bestand, selbst in Brand zu geraten. Bei denen ihr und ihrer Familie kein Gesichtsverlust drohte. Wallbrord war nun mal ein Vetter. Und sie hatte ein paar Jahre davor erst einen anderen Vetter erschlagen müssen, weil er nach ihrem Thron griff. Wie schlecht hätte das Haus Löwenhaupt dagestanden, wenn so kurz darauf gleich der nächste fiel? Nein, da wahrte sie lieber ihr Schweigen. Allzumal die Lage schwierig gewesen war.

„Statt ihn zu tadeln, hast du ihn auch noch zum Edlen der Weidener Lande erklärt und ihn damit rehabilitiert. Ist doch klar, dass die Leute so was als Schlag ins Gesicht empfinden“, Arlan hatte nun keine Tränen mehr in den Augen. Dafür bildeten sich hektische rote Flecken auf seinen Wangen. Ein zuverlässiges Anzeichen dafür, dass er drauf und dran war, in Rage zu geraten. „Was hast du dir dabei nur gedacht, Mutter?“, wollte er wissen.

„Ach, Arlan“, murmelte Walpurga. „Wenn die Welt nur so einfach wäre, wie du dir das vorstellst!“

„Du hättest diesem Mistkerl das Fell gerben müssen für seine Treulosigkeit. Und stattdessen tätschelst du ihm den Kopf? Wie kann das sein? Weißt du nicht, dass du unserem Volk damit beinahe ebenso viel Leid zugefügt hast wie er?“

„Seine Treue galt in erster Linie dem Reichserzmarschall“, meldete sich Eberwulf zu Wort. „Er war da schon kein Weidener Marschall mehr, sondern der des Reiches in Weiden.“

„Orkdreck!“, begehrte Arlan auf. „Soll das etwa eine Entschuldigung dafür sein, dass er nach Wehrheim ist, während hier alles in Flammen stand? Dass er seine Leute sterben ließ und sich selbst aus dem Staub machte? Was für ein Anführer tut denn so was?“

„Einer, der mit dem Kopf denkt und nicht mit dem Bauch“, meinte Eberwulf in einem merkwürdig säuselnden Tonfall, der irgendwie an einen in akute Gefahr geratenen Tierbändiger gewahrte.

„Er hat dem Reichserzmarschall empfohlen, Weiden zu opfern!“, Arlan gab nicht nach. „Wäre Emer nicht gewesen, gäbe es hier heute nur noch Staub und Asche. Und dafür erklärst du ihn zum Edlen der Mittnacht, Mutter?!“ Die Stimme ihres geliebten Sohns klang nun anklagend. Und verzweifelt. Er verstand nicht. Aber er sollte verstehen!

„Ich war dankbar dafür, dass er das Amt in Darpatien angenommen hat und nicht auf dem Gut in der Stadtmark bestand“, hob Walpurga an. „Ich bin davon ausgegangen, dass er Weiden für immer den Rücken kehren und es künftig keine Berührungspunkte mehr geben würde. Dass Gras über die Sache wächst und die Wunden sich mit der Zeit schließen. Er ist nicht der erste gescheiterte Feldherr in der Geschichte des Mittelreichs. Solche Dinge passieren – und werden vergessen.“

„Er war ein Feldherr aus dem Haus Löwenhaupt, der Weiden dem Ork preisgeben wollte! Ich schätze, das ist in unserer Geschichte ohne Beispiel“, begehrte Arlan wütend auf. „Darauf hätte es eine Reaktion ohne Beispiel geben müssen. Warum hast du ihm nicht wenigstens das Recht genommen, unseren Namen zu führen? Reicht ein solcher Verrat dafür etwa nicht?“

„Du machst es dir zu einfach“, wiederholte Walpurga und lächelte gequält.

Sie hatte das Gefühl, in einer Zeitschleife zu hängen. Denn dieses Gespräch war nicht neu. Sie hatte es vor ziemlich genau 14 Götterläufen schon einmal geführt. Damals stand Emmeran mit hochrotem Kopf und wild funkelnden Augen vor ihr und forderte genau das Gleiche: Dass sie Wallbrord einen Verräter hieß und ihn richten ließ, oder für seine Verfehlungen doch wenigstens aus der Familie verstieß. Weil er die Schmach nicht ertragen konnte, einen solchen Mann zum Bruder zu haben – davon war Walpurga überzeugt. In seinem Zorn hatte der werte Herr Graf gebrüllt wie ein angeschossener Bär und jedes Maß verloren. Wie so oft. Sie hatte ihm so wenig nachgegeben, wie sie das jetzt bei Arlan tun würde.

„Was du anprangerst, bewegt sich auf moralischer Ebene“, fuhr sie mit ruhiger Stimme fort. „Bei einer rechtlichen Überprüfung hätte sich das Ganze nicht so simpel dargestellt. Und vor all...“

„Was interessiert mich das verfluchte Recht? Mir reicht die Moral!“, rief Arlan und schüttelte den Kopf, dass die blonden Locken nur so flogen. „Wir haben eine Familienräson. Eine Berufung. Unsere Ehre!“ Er machte eine weit ausholende Geste, die wohl nicht nur den Thronsaal, sondern auch alles andere einschließen sollte. „Wir sind die Wacht im Norden, Mutter, der Schild des Reiches! Uns fällt die Aufgabe zu, es zu schützen. Wallbrord hat diesen Schild in den Dreck geworfen, direkt vor die Füße der Orks. Statt ihn zu halten und bis zum Tod zu kämpfen, wie es jeder gute Löwenhaupt ohne Zögern tun würde, wollte er das Herzogtum verloren geben. Er hat uns verraten! Unser Land, unsere Leute, unsere Sache! Und dadurch hat er den Ruf der Familie beschmutzt. So jemand verdient es nicht, unseren Namen zu tragen. Er ist ein feiger Hund, kein Löwe!“

„Arlan, ich bitte dich!“, Walpurga setzte zu einem Tadel an, der ihr dann aber doch nicht über die Lippen kam. Stattdessen starrte sie ihren Sohn abermals schweigend an. In all seinem gerechten Zorn. Dem gottgegebenen Selbstverständnis, das auch ihren Vater ausgezeichnet hatte – und das sie sich schwer erarbeiten musste. Jeden Tag aufs Neue. Weil sie anders war. Kopflastiger. Abwägender. Zögerlicher. Geprüft. Beschädigt. Sie glaubte nicht mehr daran, dass strahlendes Heldentum das Höchste war, was ein Mensch in seinem Leben erreichen konnte. Dass die Ehre mehr zählte als alles andere. Sie glaubte auch nicht mehr an Schwarz und Weiß. Sie glaubte an Grautöne. In Hunderten Schattierungen. Und daran, dass es Zwänge gab, denen man sich nicht entziehen konnte. Dinge, über die besser die Zwölf oben in Alveran richteten als Menschen unten auf Deren.

„Warum hast du ihn nicht verstoßen?“, fragte Arlan, die Stimme nun zu einem heiseren Flüstern gesenkt. „Hattest du Angst, dass es auf die Familie zurückfällt? Hast du den Strauß deshalb nicht ausgefochten?“

„Unfrieden in der Familie wäre mir in der Tat eine Qual gewesen, nachdem wir den Ork gerade unter hohen Verlusten zurückgeschlagen hatten“, erwiderte Walpurga aufrichtig. „Doch auch dies ist die Wahrheit: Ich bewerte die Situation anders als du. Ich weiß nicht, was damals in Wallbrords Kopf vorgegangen ist. Um der Gerechtigkeit Genüge zu tun, hätte ich mit ihm sprechen müssen. Und dazu war mir die Zeit zu kostbar. Du magst dich nicht erinnern, aber es gab nach dem Orkensturm drängendere Probleme. Hier in Weiden und im gesamten Reich. Ernsthafte Probleme, von denen das Leben der Menschen abhing. Ich habe entschieden, dem Wohl meines Volkes Vorrang vor meinem verletztem Stolz und der Enttäuschung über den Vertrauensbruch eines Verwandten zu geben.“

„Du hättest dich um beides kümmern sollen“, meinte Arlan vorwurfsvoll. „Dann würde die Sache dich heute nicht mehr verfolgen.“ Er deutete auf die Tür, durch die der alte Trutzer verschwunden war: „Wenn du nur einmal öffentlich gesagt hättest, dass Wallbrord Kacke am Hacken hat, dass du sein Verhalten unter aller Sau findest und er hier nicht mehr willkommen ist, hätten die Wunden vielleicht wirklich heilen können. So aber hast du es ihm ermöglicht, zu tun als sei nichts gewesen. Du hast den Weg für das geebnet, was heute für so viel Ärger sorgt: Er und seine Kinder betonen die Nähe zum Weidener Herzogenhaus alle Nase lang. Sie tragen unseren Namen und Wallbrord führt den Weidener Bären in seinem Wappen. Ist es ein Wunder, dass unseren Leuten da die Galle überläuft? Sie sehen, dass du ihn gewähren lässt, den Verräter, und fühlen sich an deine Entscheidung gebunden. Deswegen halten sie zähneknirschend den Mund, statt ihm für seine Anmaßung den Schädel einzuschlagen!“

„Wallbrord ist bereits tot“, gab Walpurga trocken zurück.

„Bleiben seine Kinder“, beharrte Arlan. „Und ich verspreche dir hier und heute: Wenn ich dereinst Herzog von Weiden bin, werde ich diese Bande kappen! Keiner von denen hat je etwas unternommen, um die Taten von damals zu sühnen. Ich habe nie eine Entschuldigung von Wallbrord gehört. Für das Debakel im Finsterkamm nicht und auch nicht dafür, dass er die Situation falsch eingeschätzt hat und uns alle drangeben wollte. Ich lasse das nicht auf mir sitzen. Ich lasse das nicht auf Weiden sitzen! Unsere Leute haben es verdient, dass sie ...“

„Arlan“, Walpurga schüttelte tadelnd den Kopf. „Hör schon auf! Lass das mit Versprechungen, die dir später nur leidtun. Warte damit, bis dein Kopf wieder die Kontrolle übernommen hat.“

„So wie du es immer tust?“, fuhr er sie an. „Wir sehen ja gerade, wohin uns das führt.“ Er schlug sich mit der geballten Faust vor die Brust, schnipste sich dann an die Stirn und zischte: „Das hier ist Weiden, nicht das da oben. Das verstehen unsere Leute. Das ist aufrecht und wahrhaftig. Das Einzige, was zählt. Warum erkennst du das bloß nicht?“

Sie sah in die zornblitzenden Augen ihres Sohns und schnalzte leise. Das war eine Warnung. Er wusste das. Aber sie bezweifelte, dass es heute irgendetwas nutzen würde.

„Du willst dich also von deinem Herzen leiten lassen und Wallbrords Kinder für etwas bestrafen, womit sie nichts zu schaffen haben?“, fragte sie.

„Wallbrords Kinder sind mir scheißegal!“, knurrte er. „Mich interessieren die Kinder Weidens. Wenn die heute nicht damit leben können, dass die Löwenhaupt-Bergs sich als Freunde des Herzogtums und Angehörige seiner Herrscher gefallen, dann sorge ich morgen für Abhilfe!“

„Und bedienst damit die Vorurteile all jener, die sagen, dass Weidener nicht zu durchdachtem Handeln in der Lage sind? Als Sklaven ihrer Gefühle und ihres Stolzes?“, fragte Walpurga. „Wie willst du eine solche Entscheidung denn rechtfertigen?“

„Scheißegal!“, wiederholte Arlan. „Da fällt mir schon was ein! Sorge dich nicht, ich bügle dein Versäumnis gern wieder aus. Keine Ursache.“

„Ein Wort noch, Bürschchen, und ich leg dich übers Knie! Dein Stolz in allen Ehren, aber lass dich davon nicht hinfort tragen, oder ich stutze ihn zurecht“, brach es aus Walpurga hervor – lauter als geplant. „Über diese Entgleisung reden wir noch, verstanden?“, fügte sie danach etwas leiser an. „Morgen. Wenn du hoffentlich wieder halbwegs klar denken kannst.“

Nach diesem Schlagabtausch herrschte einen Moment Totenstille im Saal. Walpurga starrte ihren Sohn an und der starrte mit trotzig nach vorn gerecktem Kinn zurück. Ein Stück weiter kratzte sich Eberwulf verlegen am Kopf. Er wusste offenbar nicht, was er sagen sollte. Anders als Gwynna, die die ganze Zeit über brav schweigend im Schatten der Balustrade gesessen hatte und sich jetzt erhob.

„Sehr schön“, sie trat an den Thron heran, ließ den Blick freundlich lächelnd über ihre Gesichter gleiten und nickte – irgendwie zufrieden. „Dann wäre das ja mal geklärt. Darf ich jetzt auch mit einem Anliegen an dich herantreten, Walpurga?“

„Ich weiß nicht, ob ich heute noch irgendetwas hören will“, erwiderte die Herzogin, ohne den Blick von ihrem Sohn zu nehmen, dem frechen Bengel.

„Oh doch. Das hier willst du hören, glaub mir!“

„Warum?“

„Weil es mit der Sache zu tun hat. Im weitesten Sinne.“

„Du nicht auch noch!“

Walpurga löste sich von Arlan, um in das alterslose Gesicht ihrer nervigsten, leider aber mitunter auch wertvollsten Beraterin zu sehen. Gerade war ihr mit aller Macht vor Augen geführt worden, wie sehr sie sich geirrt hatte. Dass der Plagegeist von Klingenthal zwar der Einzige war, der seinen Finger ständig in ihre Wunde legte, aber bei Weitem nicht der Einzige, der den Drang dazu verspürte. Wenn Gwynna ihr jetzt auch noch Vorwürfe machte, würde das Fass überlaufen.

„Ich will, dass du Emmeran in die Nordmarken schickst. Zu seiner Mutter.“

„Zu der Mutter, die seit 14 Götterläufen nicht mehr mit ihm spricht, weil er sich außerstande sah, seinen eigenen Bruder wenigstens vor ihr nicht als verräterischen Hund, wertlosen Drecksack und Schande für die Familie zu beschimpfen?“

„Genau die“, Gwynna lächelte weiter. „Es ist an der Zeit.“

„Will ich wissen, was du damit meinst?“, hakte Walpurga nach.

„Hum“, Gwynna wiegte den Kopf. Immer noch lächelnd. „Später vielleicht. Wenn er selbst den Grund erfahren will, kannst du ihn gern an mich verweisen. Aber ich nehme an, er würde sich lieber in sein Schwert stürzen, als mit mir zu reden. Beim letzten Mal hat er gesagt, dass jedem vernünftigen Mann bei meinem Gefasel der Kopf platzen muss ...“ Sie überlegte kurz und hob die Brauen: „Er war dabei sehr laut. Vielleicht befiehlst du es ihm besser einfach? Das könnte unterhaltsam werden.“

Die Herzogin der Bärenlande seufzte schwer, nickte dann jedoch ergeben. Dieser Tag war ein ganz beschissener. Und sie hatte jetzt keine Lust mehr auf ihn. Also erhob sie sich und verließ mit einem leise gebrummten „Ihr könnt mich alle mal!“ den Saal.