Variae sunt viae fortunae


Die nachfolgende Geschichte zeigt sowohl die Entwicklung eines "Traviabundes wider Willen", als auch die Fortsetzung eines längst beigelegt geglaubten Streits zwischen den Familien Welkenstein und Gugelforst.

Dramatis Personae:

 



Der Hag, Weidenhag, Ingerimm 1034 BF


Es war spät geworden. Gwidûhenna von Gugelforst saß in ihrem Arbeitszimmer und tippte ungeduldig mit ihrem Zeigefinger auf den vor ihr stehenden Steineichensekretär. Es war das einzige edle Stück in ihrem sonst so kärglich eingerichteten Zimmer, das wohl viel mehr einem Bauern zur Ehre gereicht hätte als einer Weidener Baronin. Gwidûhenna legte seufzend ein mit Zahlen vollgekritzeltes Pergament zur Seite und nahm noch einmal das vor einigen Praiosläufen eingetroffene Schreiben des Bärfried von Sunderhardt zur Hand. Schnell überflog sie zum wiederholten Male die wichtigsten Zeilen:

“… mit großem Bedauern habe ich das Schreiben meiner Schwester Inja und ihren darin enthaltenen Bericht über ihr derzeitiges Leben in Wargentrutz gelesen ... Ehebruch, Missachtung und respektlose Behandlung, dabei lehrt uns die gütige Mutter Travia, die ja Schutzgöttin Eures Hauses ist, genau Gegenteiliges ... auch Eure Tante hat mir versichert, dass Inja in Weidenhag die Behandlung erfahren wird, die sie braucht und dass es ihr an nichts fehlen wird ... ich habe zwar zur Zeit hier in der Sichelwacht ganz andere Probleme, doch solltet Ihr und Eure Tante nicht dazu fähig sein, diesem Wilfred den Kopf zurechtzurücken, werde ich es tun ...”

Ohne erkennbare Gefühlsregung legte sie das Schreiben beiseite, als sich plötzlich die Tür in ihr Arbeitszimmer öffnete. “Euer Hochgeboren, entschuldigt bitte die Störung.” Die Magd Maya betrat mit schüchternem Schritt das Zimmer: “Er ist da.” Sogleich ging ein Ruck der Erleichterung durch den angespannten Körper der Baronin. Sie nickte der Magd zu und bedeutete ihr, den lang erwarteten Gast eintreten zu lassen.

Es dauerte nur einige Herzschläge, bis sich die schwere Tür ein weiteres Mal öffnete. Herein trat ein junger Ritter in einem dunkelroten, schmucklosen Wams über einem langen Kettenhemd. Seine Beine steckten in dunkelbraunen Beinkleidern, seine eingefetteten Reiterstiefel glänzten im gedämpften Licht der brennenden Kerzen. Mit knallenden Absätzen und ohne ein Wort des Grußes, dafür aber mit einem eindringlichen Blick auf das Hinterteil der anwesenden Magd, die daraufhin leicht errötete, betrat er den Raum und setzte sich unaufgefordert auf den Stuhl direkt gegenüber der Baronin.

“Dein Benehmen lässt immer noch zu wünschen übrig, Wilfred”, hob Gwidûhenna nach einem kurzen Schweigen zu sprechen an. Sie bemühte sich dabei, ihren Zorn weitgehend zu unterdrücken und so ausgeglichen wie möglich zu wirken.

“Sag einfach, was du willst, Schwester”, entgegnete er ihr sichtlich genervt.

“Ich habe dich heute hierher geladen, um mit dir einen sehr unerfreulichen Zustand zu besprechen...” “Geht es um die Burg?”, unterbrach er sie und verdrehte dabei die Augen, “Du weißt doch, dass das noch Zeit benötigt. Ich habe weder die nötigen Handwerker, noch das nötige Material ...” “Nein. Nein, es geht nicht um die Burg Wilfred. Ich weiß, wie sehr du dich dafür einsetzt, die alten Gemäuer mit den beschränkten Mitteln, die dir zur Verfügung stehen, rechtzeitig vor dem nächsten Winter fertigzustellen – und das rechne ich dir hoch an. Wiewohl ich überhaupt sagen muss, dass ich mit dir als Lehnsnehmer im Großen und Ganzen sehr zufrieden bin, obwohl du einigen deiner Schutzbefohlenen mehr Beachtung schenkst, als den anderen – vor allem jungen, weiblichen Schutzbefohlenen ... .”

“Was soll das denn jetzt wieder heißen?” Wilfred war bei diesen Worten mit einem Schwung aufgesprungen, der seinen Stuhl bedrohlich ins Wanken brachte. Fordernd blickte er in das Gesicht seiner Schwester, die diese Reaktion allem Anschein nach erwartet hatte und ihm ohne sichtliche Gefühlsregung in die Augen sah. “Das soll heißen, dass ich um deine Liebschaften weiß”, die Stimme der Baronin gewann nun sichtlich an Schärfe, “Verdammt, Wilfred, du bist verheiratet. Du hast einen Eid geleistet, haben Praios und Travia dich jetzt schon gänzlich verlassen?” “Pff ... !” Der Angesprochene stieß einen Laut der Verachtung aus, doch ließ sich seine Schwester dadurch nicht aus dem Redefluss bringen: “All die Werte, die wir von klein auf beigebracht bekamen – die Werte, für die unsere Familie bei Adel und Gemeinen hier in Weiden ein so hohes Ansehen genießt – all diese Werte trittst du mit Füßen. Wenn das Vater und Tante Travine wüssten!” Gwidûhenna hielt kurz inne und blickte ihren Bruder an. “Sieh mich nicht so an, noch wissen sie beide nichts davon. Doch werden sie das wohl bald, wenn sich dein Gebaren nicht ändert ... .”

“Du drohst mir?”, Wilfred lachte höhnisch auf, “Du weißt doch gar nichts. Du weißt nicht, wie es ist, einen Partner ohne Ehre vorgesetzt zu bekommen. Es schadet meinem Ansehen und meiner Ehre, mich mit einem Balg aus einer ehemals geächteten Familie zu verbinden. Die anderen Adeligen zerreißen sich bereits ihre Mäuler.” “Verdammt Wilfred!” Auch Gwidûhenna erhob sich nun von ihrem Stuhl und funkelte ihren Bruder zornig an. Nur der Tisch trennte die beiden, deren Nasen nur einige Spann voneinander entfernt waren. “Du redest von Ehre? Du?” Ihre Stimme war geschwängert von der grenzenlosen Verachtung, die sie in diesem Moment für ihren Bruder empfand.

Wer die Baronin näher kannte, wusste, dass so ein Gefühlsausbruch äußerst selten passierte und sie überhaupt ein Mensch war, der nur schwer die Fassung verlor. “Du verdammter Narr! Ja, das Mädchen stammt aus einer Familie, die sich in den letzten Jahrzwölften einiges zuschulden kommen lassen hat, doch hättest du dich wenigstens ein bisschen mit deiner Gemahlin befasst, so wüsstest du, dass die Familie Sunderhardt schon vor einigen Götterläufen mit der Hahnfelserin gebrochen hat und nun weithin als einer ihrer Gegner angesehen wird.” Sie ließ ihre zierliche Faust auf die schwere Tischplatte fahren, um ihren Worten mehr Nachdruck zu verleihen. “Injas Bruder Bärfried war glücklich darüber, dass er für seine Schwester einen Partner aus einer Familie von unserem Ruf fand und damit Gewissheit hatte, dass seine Schwester fern von ihm und den Problemen mit der Räuberbaronin anständig behandelt wird.”

Wilfred hob zu einer Erwiderung an, doch Gwidûhenna war sichtlich nicht gewillt, dazu eine Pause zu machen. “Nun hurst du jedoch herum und versetzt diesem zerbrechlichen Wesen einen Stich nach dem anderen. Das kann so nicht angehen, Wilfred! Besinne dich! Denn es scheint so, als habe das Mädel mehr Ehre in seinem Leib als du. Auch sie war nicht glücklich mit dem Traviabund, den sie schließen musste und der sie so weit weg von ihrer Heimat führte. Doch sie tat, was von ihr verlangt wurde – was die Ehre von ihr verlangte. Sie versucht, dir eine gute Gemahlin zu sein und was tust du?”

Wilfreds Hand bewegte sich ob der harschen und seine Ehre beschneidenden Worte zu den an seinem Gürtel hängenden Handschuhen, doch besann er sich gerade noch eines Besseren. Er blickte auf den kugelrunden, schwangeren Bauch seiner Schwester, schüttelte leicht den Kopf und verließ mit hochrotem Kopf die Stube der Baronin. Gwidûhenna blickte ihm noch nach, dann ließ sie sich angestrengt in ihren Sessel zurückfallen und sprach für ihren Bruder und seine Gemahlin ein Gebet an die gütige Eidmutter.



einige Praiosläufe darauf in Wargentrutz, Ingerimm 1034 BF

»Gruonet der walt allenthalben.
wâ ist mîn geselle alsô lange?
trûre ist div zît
bi di wulffen lit.
owî! wer sol mich minnen?«

(Übersetzung: „Es grünt der Wald überall. Wo ist mein Geliebter so lange? Traurig ist die Zeit für den, der beim Wolfen liegt. Oh weh! Wer wird mich nun lieben?“ irdische Vorlage Camina Burana 13. Jhr)

Inja strich sanft über den eingemeißelten Schriftzug. Sie stand vor der sogenannten Statue der Liebenden in Wargentrutz, welche unweit der Burgruine direkt am Rand des verwunschenen Wargenforstes gelegen ist. Bewundernd blickte sie das nachmodellierte Paar an. Sie bewunderte die Kunstfertigkeit, die der Bildhauer bei der Schaffung dieses Werkes an den Tag gelegt hatte. Der Künstler musste wahrlich von Hesinde und Ingerimm gesegnet sein, denn die Gesichtszüge waren derart fein säuberlich nachgestaltet worden, dass man meinen konnte, es handle sich um versteinerte Lebewesen. Rund um das Paar, welches einen menschlichen Mann und eine elfische Frau sitzend in inniger Umarmung zeigte, wuchsen Unmengen von wunderschönen roten Rosen und sie wusste bereits, dass eine Rose von der Statue der Liebenden hier im praioswärtigen Teil Weidenhags als riesiger Gunstbeweis zählte. Kein götterfürchtiger Mensch wäre auf die Idee gekommen, eine dieser Rosen einem Menschen zu schenken, für den er keine Liebe empfand. Ja, vielmehr sollte in so einem Fall die Rose sogar binnen einiger Herzschläge zu welken beginnen.

Inja erinnerte sich außerdem daran, gehört zu haben, dass diese Statue für die bodenständigen Menschen Weidenhags, die sonst nicht viel mit den Lehren der göttlichen Rahja anfangen konnten, ein Symbol des Schutzes vor den Gefahren des Waldes darstellte. Sie wusste nicht warum und was genau an diesem Wald so gefährlich sein sollte, zu unterschiedlich und auch verworren waren die Aussagen der hier Ansässigen. Doch schien dieser Platz genau deshalb so gut besucht zu sein. Während es einige Menschen gab, die dem ‘Herrn des Waldes’, Inja meinte sich daran zu erinnern, dass es sich hierbei um das prächtige Exemplar eines Wolfes handeln sollte, Opfer darbrachten, um sein Wohlgefallen auf sich zu ziehen, baten andere hier im Schatten der Bäume die beiden Liebenden um Schutz gegen genau diese Bestie.

Sie schüttelte den Kopf und blickte das steinerne Paar wehmütig an. Ihre Gesichtsausdrücke waren voll gegenseitiger Liebe. Liebe. Wusste sie eigentlich, wie es sich anfühlte, geliebt zu werden? Hatte sie schon einmal Liebe erfahren? Ja von ihrer Mutter als sie klein war, aber sonst? Ihr Bruder liebte sie allem Anschein nach nicht und ihr Gemahl gab sich ihr gegenüber immer noch eisig wie der Augrimmer. Er blickte sie, wenn überhaupt, aus gelangweilten Augen an. Sie wusste selbst, dass sie keine Frau war, die von einer Vielzahl von Männern begehrt wurde. Dazu war sie viel zu schüchtern, ruhig und dazu trug sie auch nicht die richtigen Kleider. Ihr Bruder hatte ihr immerzu gesagt, wie schön sie doch sei und dass sie es mit ihrem zerbrechlichen Wesen schaffen würde, in jedem Mann den Beschützerinstinkt hervorzurufen – genau so, wie sie in jeder Frau Muttergefühle erwecken würde. Sie lächelte.

Plötzlich berührte eine kräftige Hand ihre schmale Schulter. Sie schrak auf und wandte sich, den Mund zu einem stummen Schrei geöffnet, um. Zu ihrer großen Verwunderung blickte sie direkt in die braunen Augen ihres Gemahls. “Du solltest hier nicht so lange stehen”, sprach er im sanftesten Ton, den sie je von ihm zu hören bekommen hatte, während er mit seiner Hand über ihr leicht gerundeten Bauch strich. Ein wohliger Schauer breitete sich von dort aus über ihren ganzen Körper aus. “Setz dich doch ein wenig hin.” Unfähig zu antworten nickte sie ihm mit immer noch offen stehendem Mund zu. “Ich würde mich freuen, wenn du heute Abend bei mir liegst”, setzte er hinzu und verließ sie dann wieder in Richtung Burg.

Auch wenn Inja sich die letzten Monde darauf beschränkt hatte, ihn zu hassen, musste sie zugeben, dass ihr diese Berührung gut tat. Und auch wenn seine Körpersprache zeigte, dass er diese Worte und Gesten nicht aus Liebe tat, so fühlte sie sich doch erstmals als Eheweib wahrgenommen. Inja blickte auf die Statue und es schien ihr, als würde der Mann zufrieden lächeln ...

...Sie konnte nicht sagen wie lang sie schon vor dem Paar stand, doch zog sie das Bildnis von Perdan und Alari gänzlich in seinen Bann. Erst ein seltsames Kratzen, nur wenige Schritt von ihr entfernt im Wald, riss sie zurück in die Wirklichkeit.

„Hallo? Ist da jemand?", fragte sie laut, doch erhielt sie keine Antwort.

Injas Blick ging in den Himmel und sie erkannte, dass das Praiosmal bereits zur Hälfte hinter dem mächtigen Finsterkamm verschwunden war – ein Anblick, der ihr sogleich Gänsehaut hervorrief. Auch wenn es unter Tage bereits recht angenehme Temperaturen hatte, waren die Abende und Nächte in der Heldentrutz dennoch kühl. Abermals vernahm Inja ein Geräusch. Dieses Mal war es jedoch kein Kratzen, sondern das Knacken eines Astes. Angst machte sich in ihrer Brust breit, erfüllte ihren ganzen Körper. Hilfe suchend sah sie sich um, doch konnte sie niemanden erspähen. Alleine am Rande eines verwunschenen Waldes, dachte sie und schalt sich innerlich selbst einen Narren. Niemand hier im Dorf wäre so töricht gewesen…Eine Handvoll Vögel stoben hinter ihr aus einer Baumkrone und plötzlich war sich Inja dessenbewusst, dass sie doch nicht alleine war.

Sie wandte sich nicht um, sondern raffte ihr Kleid und lief.Sie lief so schnell sie ihre Beine tragen konnten. Wenn sie es doch nur bis zur Rahja-Kapelle schaffen würde…die nette Geweihte Rahjania würde ihr mit Sicherheit helfen, doch sollte Inja nicht bis zu ihrem Ziel kommen. Sie spürte, dass ihr Verfolger Schritt um Schritt näher kam und nach einem Lufthauch, begleitet von einem Zischen über ihr fand sie sich in totaler Schwärze wieder…



Wenig später in einem Kerker ...

Der Boden stank nach Ausscheidungen. Sie konnte dabei nicht sagen ob von Mensch oder Tier. Es gab kein Fenster, kein Bett, kein frisches Wasser. Vor ihr befand sich nur eine grob gearbeitete, schwere Holztür. Das Dunkel um sie herum war beinahe vollkommen. Sie hätte ebenso blind sein können. In Injas Kopf hämmerte es, sorgsam ertastete sie getrocknetes Blut an ihrem Hinterkopf. Die Berührung ihrer Wunde ließ sie vor Schmerz zurückschrecken. Ein Gefühl der Angst machte sich in ihr breit. Zitternd legte sie ihre Hand auf ihren Bauch, doch schien es dem Ungeborenen, das sie nun schon seit einigen Monden unter dem Herzen trug, gut zu gehen.

Die Gesichter von ihrem Bruder Bärfried und ihrem Gemahl Wilfred schienen vor ihr in der Dunkelheit zu schweben. Sie hätte gern geweint, doch wollten die Tränen nicht kommen.Wer war sie denn schon? Verraten von ihrem Bruder, betrogen von ihrem Gemahl –niemand würde sie vermissen, dachte sie und war sich dabei nicht sicher, ob der Schmerz in ihrem Kopf oder jener in ihrem Herzen heftiger brannte.

Stundengläser wurden zu Praiosläufen, so zumindest schien es. Inja hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Somit konnte sie auch nicht sagen, wie lange sie nun schon in diesem Loch saß, bevor sich die schwere Holztür vor ihr mit lautem Knarren öffnete. Das plötzliche Licht brannte schmerzlich in ihren Augen, doch sollte es nicht vom Praiosmal, sondern von einer Fackel kommen. Herein schlurfte ein groß gewachsener, schlanker Mann, der sein Gesicht mit einer Kapuze bedeckt hielt. Der Unbekannte stellte einen Holzkrug Wasser und einen Teller mit Wurst und einem harten Kanten Brot vor sie hin.

„Bitte", sagte Inja in flehendem Ton, „wer seid Ihr? Was wollt Ihr von mir?"

„Shhh", der Angesprochene hielt sich seinen Zeigefinger vorden Mund und bedeutete ihr zu Schweigen. Danach wandte er sich von ihr ab und verließ sie wieder. Krachend fiel die Holztür wieder in ihr Schloss und an Injas Wange ran nun erstmals eine Träne herab…



Schenke Rosenhügel, Wargentrutz, zur selben Zeit

„Ah Waindis, endlich." Raugund saß zufrieden lächelnd in ihrem Arbeitszimmer in der Wargentrutzer Schenke und Bleibe zum Rosenhügel. Die steigende Anzahl an Pilgern zur Statue der Liebenden war auch und vor allem für sie eine positive Entwicklung, die ihr einiges an Einnahmen brachte. Doch nicht alleine deswegen war ihre Stimmung gut.

„Du wolltest mich sehen, Mutter", Waindis lächelte matt und setzte sich auf einen Stuhl gegenüber ihrer Mutter.

„Ja ich will, dass du ein Auge auf den…" sie verzog verächtlich ihr Gesicht „…Edlen hast. Er wird bestimmt bald merken, dass sein Liebchen verschwunden ist." Raugund lächelte höhnisch. „Er hat ihr zwar nie viel Beachtung geschenkt, doch du weißt ja wie Männer sind. Nimm ihnen etwas weg,das ihnen gehört und für das sie kein Interesse zeigen und es wird ihnen von einem Herzschlag auf den Anderen das Wichtigste in ihrem Leben."

„Wie…", wollte Waindis wissen, doch hielt sie inne, als sie den Gesichtsausdruck ihrer Mutter vernahm. „Wie…wie?" sprach diese erst ruhig, dann zornig. „Bei den Zwölfen bist du wirklich nur gut genug um auf deinem Rücken zu liegen und deine Beine zu öffnen?"

Waindis zuckte ob des Zornausbruches ihrer Mutter in sich zusammen. „Dir wird schon was einfallen. Hast es die letzten Monde ja auch gut hinbekommen. Ich möchte über jeden seiner Schritte aufgeklärt werden, hörst du?"

Schüchtern nickte die Angesprochene ihrer Mutter zu. „Gut, dann kannst du nun gehen." Waindis war schon beinahe vor der Tür, als sie sich noch einmal umwandte. „Mutter, warum…" Hob sie an, wurde dann jedoch abermals von ihrer Mutter unterbrochen.

„Warum die kleine Hexe im Loch sitzt?" Als Antwort kam ein Nicken.

„Ich werde es dir erklären, doch fürchte ich, dass du es nicht verstehen wirst. Die Kleine ist mir zu gefährlich geworden. Ich habe Bericht erhalten, dass es ihr möglich sein soll in den Gedanken anderer Menschen zu lesen." Raugund verzog das Gesicht und machte eine wegwerfende Handbewegung. „Unwahrscheinlich, aber ich kann es mir nicht leisten jetzt ein Risiko einzugehen. Nicht jetzt, da wir unserem Ziel wieder ein Stück näher gekommen sind."

Den fragenden Gesichtsausdruck ihrer Tochter bedachte sie mit einem Seufzer.

„Mädchen, wo hast du nur immer deinen Kopf? Ich habe dir davon erzählt, dass ich nun endlich Feyenhold ausmachen konnte, der ja mit uns der Letzte vom Blute des letzten Welkensteiner Barons ist. Wir brauchen ihn."

„Und was ist mit seiner Mutter? Sie soll ja eine Freundin der Baronin sein."

Raugund verzog beim Ausspruch ihrer Tochter angewidert das Gesicht. Für sie war es unverständlich, dass sich jemand ihres Blutes mit einer Gugelforsterin anfreundet, wie es ihre Großnichte Waidgunde getan hatte.

„Waidgunde wird in Bälde ihre eigenen Schwierigkeiten bekommen. Es gibt da jemanden in der Wildermark, der mir noch einen Gefallen schuldet. Dein Vetter Markwin wird sich der Ausbildung Feyenholds annehmen und ich werde ihm meine Talente unterrichten." Sie lächelte verschwörerisch. „Es wird Krieg geben, meine Liebe. Und Feyenhold wird unsere Standarte sein. Auch wenn es nicht so scheint, die Zeit für uns ist reif; wir haben vermögende Verbündete, einen Teil der Baronie hinter uns, den Überraschungsmoment und den Zorn der Wölfin. Darüber hinaus habe ich auch Kenntnis über Dokumente erlangt,die den Gugelforstern schmerzen könnten, wenn wir sie denn in unseren Besitz bringen und bedacht einsetzen."

„Aber Mutter ohne einer eigenen Hausmacht können wir nicht…",warf ihre Tochter ein, wurde jedoch abermals von ihrer Mutter unterbrochen.

"Ayd f´haeil moen hir´jeth taenverde..."

„Erobere nicht durch Gewalt, sondern durch Kühnheit.", ergänzte Waindis und erntete dafür ein zustimmendes Nicken von ihrem Gegenüber.

Raugund erhob sich daraufhin schwerfällig aus ihrem Sessel und durchmaß ihr Arbeitszimmer. Sie blieb vor dem Fenster stehen. Ihr Blick fiel auf die Ruine Welkensteyn – das Vermächtnis ihrer Vorväter.

„Ich bin es leid, mich hier als einfache Freie verstecken zu müssen, Kind. Wir sind Welkensteins, wir sollten über diese Lande herrschen. Auch die Herrin des Waldes ist zornig. Sie duldet nur ihr eigenes Blut um sich, nämlich uns."

„Ja, Mutter." Raugund wandte sich zu ihrer Tochter um.

„Tu einfach was ich dir sage, dann wird alles gut. Und nun lass mich alleine…"



Nördliche Wildermark, einige Praiosläufe darauf

Feyenhold Welkenstein trieb sein Pferd an. Der Jüngling liebte es bei einem scharfen Ritt den Wind in seinen goldblonden Haaren zu spüren. Einige Rosslängen hinter ihm versuchte der Waffenknecht Nolle erfolglos mit seinem jungen Herrn Schritt zu halten. Der alternde Knecht hatte sich dazubereit erklärt mit Feyenhold auszureiten, bevor er und seine Mutter Waidgunde weiter in Richtung Weiden zogen. Ihr Ziel war der Baronshof von Weidenhag um einer Einladung von Hochgeboren Gwidûhenna nachzukommen, die seine Mutter noch aus ihrer Zeit in Rommilys kannte.

„Herr haltet ein", rief der alte Recke dem jungen Adeligen zu, der sogleich sein Pferd anhielt. Sie waren inzwischen in Sichtweite zu dem verlassenen Hof gekommen, in welchem sie ihr Lager aufgeschlagen hatten.

„Irgend etwas stimmt hier nicht." Erst nach wiederholtem Hinsehen konnte es auch Feyenhold erkennen. Vor der Tür des Stalles lag Nille,der zweite Waffenknecht der Familie in sich zusammengesunken auf dem Boden.

„Ist er…", fragte Feyenhold, doch zuckte Nolle nur mit den Schultern. Langsam näherten sich die Beiden daraufhin dem verwundeten, regungslosen Körper von Nille. Als sie sich bis auf wenige Schritt angenähert hatte, schlug dieser die Augen auf.

"Seht…zu das ihr…ver…verschw…sie wollen…den…Jungen." Aus seinem Mund quoll schaumig roter Speichel. „Was ist mit meiner Mutter?", wollte Feyenhold wissen, doch Nille schwieg.

„Herr, wir sollten verschwinden.", wandte der Waffenknecht ein, doch stürmte sein junger Begleiter bereits in das alte Gutshaus.

Drinnen lagen noch mehr Leichen, darunter auch die seiner Mutter. Wimmernd rannte Feyenhold zu ihr und kniete sich neben sie hin. Er bettete ihren Kopf in seinen Schoß und streichelte ihr über Gesicht und Haare. Sie hatte, wie alle Welkensteins, blonde Haare und dunkelblaue Augen. Beinahe schien es ihm, als würde sie schlafen. Es lag eine Ruhe und Entspanntheit in ihrem Blick, die ihn fast schon beunruhigte. Plötzlich ließ sich eine schwere Handauf seiner Schulter nieder. Feyenhold schreckte hoch und entspannte sich sogleich, als er in das Gesicht Nolles blickte.

„Sie weilt nun an Rondras Tafel, Herr. Wir sollten gehen. Wer auch immer Eurer Mutter das Leben nahm, war allem Anschein nach hinter Euch her."

„Aber Mutter…", flüsterte Feyenhold mit gebrochener Stimme. Nolle nickte wissend, dann führte er den jungen Adeligen aus dem Gutshaus.

„Wohin bringt Ihr mich nun?", wollte er wissen.

„Zu Freunden…", war Nolles knappe Antwort.



Wargentrutz, Ende Ingerimm 1034 BF

Wilfred von Gugelforst saß in seinem Arbeitszimmer in der Schenke zum Rosenhügel. Mangels einer standesgemäßen Residenz, die alte Burg Welkensteyn befand sich erst im Wiederaufbau, bot ihm die hiesige Wirtin Raugund das beste Zimmer in ihrem Haus an. Der Ritter seufzte, seit nun schon 5 Monden war er der Edle von Wargentrutz. Es war während der Hochzeitsfeierlichkeiten seiner Schwester, als ihn sein Vater mit einer, seit 90 Götterläufen vakanten Ruine belehnt hatte. Dementsprechend war der Zustand der Gemäuer, die im Zuge der Fehde seines Hauses mit der alten Baronsfamilie Welkenstein geschliffen wurden. Während der praioswärtige Turm noch ziemlich gut erhalten war, sind der Bergfried und die Burgmauer nur nochvage zu erkennen.

Wilfred erhob sich aus seinem abgewetzten Ledersessel und blickte aus dem nahegelegenen Fenster auf die Ruine. Er schüttelte resignierend den Kopf. Schon im Travia hatte er die nötigen Schritte zum Wiederaufbau in die Wege geleitet, hatte Bruchsteine aus dem Finsterfelser Steinbruch geordert und Handwerker angeheuert, doch war bis jetzt kein wirklicher Fortschritt am Bau zu erkennen. Fluch der Spitzohren nannte der einheimische Pöbel die seltsamen Vorgänge rund um die Gemäuer, die einen Fortschritt im Bauvorhaben verhindern. Zwei Leibeigene sind ihm schon von herunterfallenden Ästen erschlagen worden und das wuchernde Gestrüpp auf den Burgmauern ließ sich nicht entfernen, ohne am nächsten Morgen an der selben Stelle wieder zu wuchern. Der Wald holt sich zurück was ihm gehört, war die gängige Meinung seiner Leibeigenen. Wilfred verzog sein Gesicht zu einer hässlichen Grimasse und spuckte aus.

Es schien so, als hätte sich dieses Loch, das sich Wargentrutz nannte, gegen ihn verschworen. Sollte es so weitergehen, musste er sein Vorhaben aufgeben die Burg wieder aufzubauen. Doch nicht nur die Burg erwies sich in der letzten Zeit als Ärgernis. Seit einigen Praiosläufen war nun auch seine junge Gemahlin verschwunden. Wilfred schickte sofort zwei Waffenknechte zu Pferd auf die Suche nach ihr, doch waren diese nicht mehr zu ihm zurückgekehrt. Erst gestern erwischte sich der Ritter beim Gedanken, dass sie vielleicht gar vor ihm geflohen war, um sich ihren Weg zurück zu ihrem Bruder in die Sichelwacht zu bahnen. Er zweifelte erstmals seit langer Zeit wieder daran, ob sein Vorgehen richtig war. Er hatte sie als Gemahl nicht so behandelt wie er es sollte…Wilfred strich sich mit Daumen und Zeigefinger über seineAugen…und nun war sie weg.

„Herr?" Sein Waffenknecht Yann stand mit fragendem Gesichtsausdruck in der Tür. Wilfred hatte ihn nicht eintreten gehört. Nach einer flüchtigen Geste, die ihm bedeutete, dass er näherkommen soll, erstattete dieser Meldung.

„Herr wir sind alle Dörfer der Baronie abgeritten, wie Ihr es befohlen habt. Auch die Köhler im Dûrenwald, doch gibt es keine Spur von Eurer Hohen Frau Gemahlin. Niemand hat sie gesehen, nirgends hat sie sich mit Proviant eingedeckt…wenn Ihr mich fragt muss sie immer noch hier im Dorf sein."

„Ich habe dich aber nicht gefragt Yann." Wilfreds Antwort war kalt wie Eis. In Gedanken versunken schritt der Ritter auf und ab. Yann konnte dabei sehen wie es in seinem Herrn arbeitete; der Kopf rot angelaufen, die Finger krampften sich so fest in seine Handflächen, dass seine Knöchel weiß hervortraten und er fuhr sich mit seiner Hand immer wieder nervös durch das Haar.

„Orkendreck!" Der Waffenknecht konnte nicht sagen wie lange er dieses Schauspiel mit anblickte, bevor sich der Zorn seines Herrn gewohntermaßen in obszönen Ausrufen entlud.

„Gut", Wilfred bemühte sich trotz seiner derzeitigen Rage um eine ruhige Tonlage. „Das Letzte Mal wurde sie inder Nähe der Rahjakapelle gesehen, am Rand des Waldes." Fast schien es als würde der Ritter einer Bestätigung seines Knechtes harren, doch fuhr er nach einigen Herzschlägen des Schweigens von sich aus fort. „Und dort werden wir auch anfangen zu suchen. Lasst alles vorbereiten, wir werden uns morgen in den Wargenforst begeben."

„Herr, wisst Ihr nicht was man sich über den Forst erzählt?" Yann hatte alle Farbe aus seinem Gesicht verloren.

Ein grausames Lächeln umspielte daraufhin die Züge des Angesprochenen, der die Angst aus dem Gesicht seines Knechtes hinauslesen konnte. „Was sich der Pöbel erzählt, interessiert mich gelinde gesagt einen dampfenden Orkfladen. Ich bin damals in Brachfelde mit ganz anderen Dingen fertig geworden. Diese Ammenmärchen rund um einen schwarzen Wolf interessieren mich nicht. Hast du das verstanden?"

Yann nickte bestätigend, wirkte dabei aber alles andere als zuversichtlich. Er wollte sich daraufhin abwenden, als der Edle noch einmal nachsetzte. „Und lass mir diese Gelbhaarige Schlampe bringen. Ich hörte, dass die Gute im Forst ein und ausgehen soll und wir brauchen für unser Vorhaben noch einen Ortskundigen…"



Einige Zeit darauf an einem unbekannten Ort in Wargentrutz

„Ich freue mich, dass ihr alle gekommen seid." Raugund Welkenstein ließ ihren Blick über die erlesene Runde schweifen, die auf ihre Einladung hin gekommen war. Sie lächelte zufrieden. Es wurden von Jahr zu Jahr mehr, auch wenn sie die Anwesenheit ihres Vetters Diethard Welkenstein etwas störte. Diethard war der jüngste Sohn des Markwin Welkenstein, dem Edlen von Kauztann, welchem diese Einladung in erster Linie galt.

„Vater schickt Euch die besten Grüße und versichert Euch auch weiterhin seine volle Unterstützung, auch wenn es ihm seine Pflichten nicht zuließen am heutigen Tage zu Euch zu finden." Sprach Diethard in sanftem Ton, als er merkte, dass Raugunds Blick länger auf ihm ruhte.

Raugund zwang sich zu einem gönnerhaften Lächeln, dann fiel ihr Blick auf die Ritterin der Düsterfurt. Rovenna Hartungen-Düsterfurt war ihre wichtigste Verbündete innerhalb der Baronie.

„Ich grüße Euch im Namen der Zwölf Raugund Welkenstein, rechtmäßige Baronin von Weidenhag vom Blute Alaris, Tochter des Menzel, Herrin des Waldes und über Burg Welkensteyn." Die Ritterin ließ ihrer förmlichen Begrüßung eine steifen Verbeugung folgen. Raugund erwiderte den Gruß indem sie ihr freundlich zunickte.

Wie jedes Mal wenn die Runde der Sympathisanten ihres Hauses zusammen kam, kleidete sich Raugund, die unter bürgerlichem Deckmantel in Wargentrutz lebte, standesgemäß in den Farben ihrer Familie. Auf ihrer Stirn bändigte der alte Weidenhager Baronsreif der Familie Welkenstein ihre blonden Haare – ein wunderschön gearbeiteter Stirnreif aus elfischer Fertigung, dem man einige Sinneserhöhende Kräfte nachsagt.

Ein einzelner Platz am Tisch war frei geblieben - der Stuhl zur Rechten Raugunds, der eigentlich ihrer Tochter Waindis vorbehalten war, doch wollte die Gastgeberin nicht mehr länger auf ihr Eintreffen warten. „Ich ließ euch alle zu mir rufen, weil es Neuigkeiten gibt, die ich euch allen nicht vorenthalten möchte. Darüber hinaus gilt es nun unserweiteres Vorgehen zu besprechen…"

„Welche Neuigkeiten?" Diethard verschränkte seine Arme vor der Brust und zog eine Augenbraue hoch.

„Wir konnten Feyenhold ausfindig machen und es war mir möglich einen alten Bekannten aus der Wildermark, der mir noch einen größeren Gefallen schuldet, darum zu bemühen ihn festzusetzen. Er wird bei deinem Hohen Vater seine Knappenschaft beenden, Diethard und dann, nachdem ich mit ihm fertig bin, unseren Kampf gegen die darpatischen Besatzer unserer schönen Baronie unterstützen." Ein sanftes Lächeln umspielte ihre Lippen. „Seit Mays Verrat ist nun schon zu viel Zeit vergangen."

„Habt ihr schon Meldung erhalten, ob es Eurem „Freund" tatsächlich gelungen ist ihn einzufangen?" Warf Ritterin Rovenna ein und lehnte sich interessiert nach vorn.

„Nein meine Liebe, doch könnt Ihr in diesem Punkt beruhigt sein. Mein…ähm…Freund erledigt seine Aufträge mit allergrößter Präzision und Effektivität. Doch das ist nicht alles…" Vor Freude rieb sich die beleibte Raugund die Hände. „…ich habe die Kenntnis von Dokumenten erlangt, die meiner Quelle nach Beweise dafür beinhaltet, dass mein Großvater Avon, als er das Lehen in die Hände seiner Bastardtochter legte, einer Intrige aufgesessen war. Der beim mündlichen Testament anwesende Medicus soll ein Hexer gewesen sein, der den Geist Avons beeinflusste."

Ein Raunen, gefolgt von vereinzeltem Tuscheln ging durch die Runde.

„Auch der Briefverkehr zwischen May und diesem Hexer soll meiner Quelle aufliegen und…" Sie hielt kurz inne um die Spannung am Tisch noch etwas zu erhöhen. „…auch der damals anwesende darpatische Geweihte der Travia soll in diese Intrige eingeweiht gewesen sein."

„Selbst wenn." Meldete sich wieder Diethard zu Wort. „Der Graf oder die Herzogin wird Euch erst gar nicht zuhören."

Raugund lächelte. „Da hast du Recht, doch hier würde Feyenhold ins Spiel kommen. Er ist ein unbeschriebenes Blatt und ein direkter Nachkomme Avons. Ihn wird der Graf anhören. Wir haben die Karten in der Hand, nun ist es an uns diese mit Bedacht auszuspielen."

Hinter ihnen öffnete sich die Türin das Besprechungszimmer. Herein schritt Raugunds Tochter Waindis. „Mutter, entschuldige mein spätes Kommen. Der Edle hatte nach mir geschickt." Flüsterte sie.

„So? Was wollte er denn?" Fragte ihre Mutter lauernd.

„Er reitet morgen in den Wargenforst um sein Weib zu suchen und will, dass ich ihn als Ortskundige begleite."

„Und genau das wirst du tun mein Kind. Soll er die Hexe doch im Forst suchen." Lachte Raugund. „Darüber hinaus sollte jemand ein Auge auf diesen Narren haben und deine Anwesenheit wird die Herrin besänftigen, auf das er wieder heil aus dem Wald kommen mag. Die Herrin duldet nur ihr eigenes Blut um sich mein Kind."

„Mutter was geschieht nun mit Inja?" Zögerlich kamen die Worte über Waindis Lippen.

Mit steinernem Blick sah Raugund sie auf diese Frage hin an. „Nenn diese Schlampe nicht beim Namen, Kind. Du wirst es schon sehen, was mit ihr geschieht. Warum sollte ich es dir auch sagen? Du würdest es nicht verstehen."

Mit hängendem Kopf setzte sich ihre Tochter wieder an den Tisch. Das Mädchen ging ihr nicht mehr aus dem Kopf. Sie fühlte Trauer in sich aufsteigen. Trauer über das Schicksal Injas und auch über das, was sie ihr in den vergangen Monden antat, als sie auf den Wunsch ihrer Mutter hin eine Liebschaft mit ihrem Gemahl unterhielt. Recht schnell verlor sie daraufhin die Lust einer Besprechung zu folgen, in welche sie so und so nicht eingebunden worden war. Waindis stand auf und verließ unter den strengen Blicken ihrer Mutter den Versammlungsraum…



Kurz darauf im Kerker

Inja schreckte hoch als sich die Tür in ihre Zelle öffnete. Sie war allem Anschein nach eingeschlafen, obwohl sie es eigentlich vorzog nicht zu schlafen. Wenn sie schlief träumte sie düstere, verstörende Träume von ihrem Bruder, dem Kerkermeister und ihrem Gemahl. Und diese Träume waren für sie schlimmer als das leere, schwarze Nichts vor ihr wenn sie wach war. Wenn sie wachte hatte sie immerhin noch die Wahl an etwas Schönes zu denken. Sie dachte an ihre kleine Katze, die sie auf Gut Uhlengrund hatte und sehnte sich darauf hin nach der Berührung eines Lebewesens. Einzig die Bewegungen in ihrem Bauch, ihr ungeborenes Kind, spendete ihr Trost.

Inzwischen war das Licht der Fackel wieder so nah, dass es ihr Schmerzen in ihren, an die Dunkelheit gewöhnten Augen bereitete. Wie jedes Mal wurden ihr frisches Wasser und etwas zu essen gebracht. Ihrem Kind zu liebe nahm sie es immer zur Gänze ein. Inja hatte die ersten Male versucht mit dem Kerkermeister ins Gespräch zu kommen, doch sparte sie sich nun die Mühe, als sie merkte, dass sie nie auch nur ein Wort zurückbekam.

Dieses Mal schien jedoch etwas anders zu sein. Die Person, die sie mit Speis und Trank versorgte verließ sie nicht umgehend wieder. Nein. Vielmehr kniete die unbekannte Person neben ihr und strich ihr zärtlich über den Kopf. Inja konnte nicht beschreiben wie gut ihr diese Berührung tat.

„Wer bist du?" Fragte sie zögerlich und mit gebrochener Stimme.

„Das darf ich dir nicht sagen. Ich darf gar nicht hier sein." Flüsterte die Unbekannte und Inja vermeinte ihre Stimme schon einmal gehört zu haben. Sie meinte Unbehagen und Schuldgefühle in ihrem Gegenüber zu fühlen. Doch Inja schwieg.

„Ich muss gehen. Sei stark. Ich versuche dich hier heraus zu holen, doch brauche ich Zeit." Eine kurze Schweigephase brach abermals die Unbekannte, als sie sich erhob und aus ihrer Zelle schritt. Inja vermeinte hinter der Kapuze goldblonde Haare gesehen zu haben und starrte einige Zeit ungläubig in die Dunkelheit…


Der Hag, Weidenhag, Anfang Rahja 1034 BF
 
Nolle seufzte. Es war ihnen gelungen die sichere Palisade des Dorfes Weidenhag zu erreichen. Es waren beschwerliche Tage, die er und sein junger Begleiter, der junge Herr Feyenhold, erleben mussten - immer auf der Flucht vor den Häschern, die das Leben seiner Herrin - und Feyenholds Mutter Waidgunde - beendeten. Von der nördlichen Wildermark aus schlugen sie sich über die Baronie Dornstein bis nach Weidenhag durch. Erst ab dem weidenhager Dorf Südhag hatte Nolle das Gefühl, dass sie lebend aus dieser Sache herauskommen würden. Der alternde Waffenknecht hatte sich die letzten Tage über des Öfteren Gedanken über das „wie“ und „warum“ gestellt, doch wollten ihm keine Antworten in den Sinn kommen.
 
Es war ein warmer Tag im frühen Rahja und das Praiosmal hatte gerade seinen höchsten Stand erreicht als die beiden den Hagweg - vorbei an den rüstigen Häusern hin zum Marktplatz und dem eigentlichen Herzen der Siedlung - durch den Hauptort der Baronie folgten. Eigentliches Ziel der beiden war der Baronssitz der Weidenhager Herrscherfamilie. Wie jeden Tag sollten auch heute die Tore des Hags für das einfache Volk geöffnet sein.
 
Das Wehrgut ist von einer Bruchsteinmauer umgeben und beherbergt neben einem geräumigen Gutshaus, in welchem Reisende und Dörfler in Ermangelung eines Gasthauses gegen ein geringes Entgelt oder eine Spende für die Traviakirche Aufnahme und Speisung erhalten können, ebenso geräumige Stallungen und Gesindebehausungen den einzigen Traviatempel der Baronie.
 
Im Gutshaus angekommen ließ Nolle seinen Blick über die sich vor ihm bietende Szenerie schweifen; die Luft war geschwängert vom Duft nach frischen Brot, Fleisch und Bier. Zwei junge Mägde nahmen Bestellungen auf und servierten den vielen Gästen Speis und Trank. Die Baronin selbst saß an einem mächtigen Tisch auf einem erhöhten Podest in einem schweren Eichenstuhl und lauschte der Darbietung einer blondhaarigen Bardin, während sie frech mit einer schwarzen Haarsträhne spielte.
 
Der alternde Recke hatte schon öfter vom Liebreiz der Weidenhager Baronin gehört; Ihr glänzendschwarzes Haar, die ebenmäßigen Gesichtszüge, das ständige Lächeln auf ihren edel geschwungenen Lippen, ihr rotes, enganliegendes Kleid…etwas länger als es sich geziemt hatte starrte Nolle zu seiner Gastgeberin, die ihm jedoch noch keine Aufmerksamkeit zu schenken schien. Erst als die Bardin, sie nannte sich Alwine, ihr Stück beendete blickte sie auf.
 
Gwidûhenna von Gugelforst bedeutete ihnen sich ihr zu nähern. Als Nolle und Feyenhold an Alwine vorüber hin zum Tisch der Baronin schritten, spürte der alternde Recke den Blick der Bardin ungewöhnlich lange auf Feyenhold ruhen. Eine Tatsache, die ihm die Nackenhaare aufstellte. Dieses Gesicht – er meinte sie zu kennen, doch verdrängte er den Gedanken wieder als er am Tisch der Baronin ankam.
 
„Euer Hochgeboren. Ich grüße Euch im Namen der Zwölfe…“ Der Knecht verneigte sich und Feyenhold tat es ihm gleich. „…ich bringe Euch Kunde von der Hohen Dame Waidgunde Welkenstein.“
 
Die Baronin hob interessiert eine Augenbraue und ließ dieser Reaktion ein Lächeln folgen. „Waidgunde…“ murmelte sie und blickte interessiert auf Feyenhold. „Setzt Euch zu mir und seid meine Gäste. Viel zu Lange schon habe ich nicht mehr von meiner Freundin gehört. Wie geht es ihr?“
 
„Herrin…“, er stockte. „Sie ist tot.“
 
„Bei der Gütigen…“, entfuhr es der Baronin und sie hielt sich bestürzt eine Hand vor den Mund. Erst jetzt konnte Nolle erkennen, dass die Baronin in freudiger Erwartung war. „Wie…wie ist das geschehen?“
 
Nolle erzählte der Baronin von den Ereignissen der letzten Wochen; von Waidgundes Tod und ihrer Flucht. Dabei merkte weder er noch seine Gastgeberin das Lächeln, das sich auf das Gesicht der Bardin Alwine stahl…

Im Kerker
 
Ein leises Flüstern ließ ihn hochfahren. Wilfreds Kopf schmerzte. Hastig fuhr er sich über die schweißnasse Stirn. Er wusste nicht was ihm geschehen, geschweige denn wo er war. Vor seinen Augen breitete sich Finsternis aus, ein schwarzes Nichts. Abermals hörte der Ritter ein Flüstern, doch übertönte der hämmernde Schmerz in seinem Kopf die ausgesprochenen, höchstwahrscheinlich an ihn gerichteten Worte und ließ diese zu einem unverständlichen Raunen verkommen.
 
Wilfred versuchte sich zu erinnern und langsam manifestierten sich Erinnerungen an die letzten Tage. Zusammen mit einigen seiner Männern und dieser Waindis begab sich der Edle, entgegen aller Warnungen in den Wargenforst um sein Weib Inja zu suchen.
 
Einen vollen Praioslauf lang waren sie unterwegs gewesen. Er konnte sich noch daran erinnern wie sie ihr Nachtlager nahe einer verlassenen Köhlerhütte aufschlugen, doch für mehr reichte es nicht. Wilfred versuchte aufzustehen, doch erstickten seine kraftlosen Beine und sein hämmernder Kopf diesen Versuch bereits im Keim. Der Ritter erbrach sich.
 
Abermals ein Flüstern. Dieses Mal aber schien es deutlicher zu sein. „Wilfred…“ Der Ritter blickte in die Dunkelheit. Ja, jemand schien seinen Namen zu flüstern. Diese Stimme – er kannte sie. Ja, es war die seines Weibes.
 
„Inja…“ stöhnte er und streckte seine Hand in die Richtung, aus der er ihre Stimme vernahm.

Ruine Welkensteyn, zur selben Zeit
 
Raugund Welkenstein war zufrieden mit sich selbst. Alles schien nach Plan zu verlaufen – vielleicht sogar besser. Nun war es ihr und ihren Leuten auch noch gelungen den „Edlen“ der Burg auszuschalten – IHRER Burg. Welkensteyn war über 500 Götterläufe lang der Besitz ihrer Familie und Sitz der Barone von Weidenhag. Erst die Gugelforster entschieden sich dazu ihren Sitz in das größte Dorf der Baronie zu verlegen. Raugund verzog ihr Gesicht zu einer hässlichen Grimasse und spuckte aus.
 
Schwere Schritte ließen sie jäh aus ihren Gedanken hochschrecken. Es waren die beiden Söldlinge, die sie ausschickte um Feyenhold seiner Mutter zu nehmen. „Herrin…“ Der ältere der Beiden hob unsicher an zu sprechen.
 
„Was soll das? Wo ist der Junge?“ Unterbrach ihn die Angesprochene sogleich.
 
„Es gab Kompl…“
 
„Komplikationen!?“ Raugund war außer sich. „Ihr Pünten habt versagt! Ich frage Euch jetzt noch einmal; wo ist der Junge?“
 
„Ich…ähm…wir wissen es nicht. Wir verloren ihre Spur im Dorf Südhag. Es kann also sein, dass er sich in der Baronie befindet.“
 
„Ihre...? Wer ist mir ihm? Was ist geschehen?“ Raugund versuchte ruhig zu bleiben und ihre Gedanken zu ordnen.
 
„Der Junge wird von einem Waffenknecht begleitet. Seine Mutter ist tot.“ Entgegnete ihr nun der jüngere der Söldner. Seine Stimme war ruhig und gefasst.
 
Die Welkensteinerin schritt nervös auf und ab. Nun galt es zu handeln. „Waindis!“ Einen Entschluss gefasst rief sie nach ihrer Tochter, die ihr sogleich Folge leistete.
 
„Mutter?“ Es war fast ein Flüstern. Die junge Frau wusste, dass ihre Mutter in diesem Gefühlsstadium gefährlich war. Die Leidenschaft im Blute der Welkensteins war sprichwörtlich und war ihr Blut einmal in Wallung kannte die rundliche Raugund keine Grenzen.
 
„Kümmere dich um unser Pärchen im Loch und schicke Alwine eine Nachricht. Sie soll ihren Hintern hochbekommen und sich der Baronin annehmen.“ Die aufkommende Blässe im Gesicht ihrer Tochter quittierte sie mit einem verächtlichen Schnauben. „Stell dich nicht so an, Kind. Es ist Zeit loszuschlagen. Mit der Hilfe von Markwins Söldnern können wir uns hier in der Burg verschanzen.“
 
Waindis wusste wen ihre Mutter mit „Markwins Söldnern“ meinte, waren diese Männer doch nichts weiter als Bande von Mordbuben aus der Wildermark. Der jungen Frau lief ein eiskalter Schauer über ihren Rücken, doch sie fasste einen Plan. So leicht werde ihre Mutter ihren Willen nicht bekommen – nein, dieses Mal nicht!

Der Hag, ein paar Praiosläufe darauf
 
Nolle ließ sich seinen Braten schmecken. Die Baronin hatte ihnen zu Ehren zu einem Fest geladen und nicht wenige waren gekommen. Der Knecht durfte in den letzten Praiosläufen die sprichwörtliche Großzügigkeit und Gütigkeit Gwidûhennas kennenlernen. Beinahe mütterlich kümmerte sie sich um den jungen Herren Feyenhold – und das obwohl deren Familien sich bis auf Blut bekriegten. Seine Knappschaft, so die Baronin solle er am Hag unter der Obhut ihres Gemahls ableisten. Auch Nolle selbst durfte bleiben und der Herrin als Waffenknecht dienen.
 
Der alternde Knecht ließ seinen Blick über die Szenerie schweifen. Viel einfaches Volk war gekommen um zu Tanzen und dem Lautenspiel und -gesang der Bardin Alwine zu lauschen. Alwine…Nolle runzelte die Stirn. Er hatte sich geschworen diese…Alwine im Auge zu behalten. Der Knecht hat stets ein mulmiges Gefühl, wenn sie sich in seiner Nähe aufhielt, ganz so als wolle ihm sein Unterbewusstsein stets warnen.
 
Alwine endete eine Ballade und begab sich daraufhin zurück zum Tisch der Baronin…doch was war das…Nolle kniff seine Augen zu schmalen Schlitzen zusammen…da…da war es wieder. Alwine hielt etwas in ihrer Hand, das im nahen Kerzenschein glänzte. Er zögerte keinen Moment.
 
Geistesgegenwärtig sprang der Waffenknecht von seiner Bank und stürzte über die gedeckte Tafel, hin zu seiner Baronin. Als die verräterische Bardin nur noch wenige Schritte von Gwidûhenna entfernt war, schaffte er es sie mit einem gewagten Sprung zu Boden zu reißen. Dies verursachte bei den Anwesenden Ausrufe der Überraschung, gar mancher ließ vor Schreck Weinbecher oder Bratenkeule fallen als Nolle zusammen mit der Bardin krachend zu Boden ging.
 
Der alternde Kämpe blickte in das fahle, bleiche Gesicht Alwines. Ihre Augen waren vor Schreck geweitet. Nolle bemerkte den schmalen Dolch, den die Verräterin in ihrer rechten Hand hielt, während er sich innerlich einen Narren schalt ihr nicht schon früher auf den Zahn gefühlt zu haben.
 
„Für wen arbeitest du?“ presste er zornig zwischen seinen Zähnen hervor. Immer noch saß der Recke auf der Brust der am Boden liegenden Alwine – trieb ihr somit alle Luft aus den Lungen.
 
„Wargentrutz…“ Stammelte sie tonlos. „Geht nach Wargentrutz…“
 
„Erklärt Euch!“ Nun war es die Baronin, die ihren Schreck überwunden hatte und sich zu Wort meldete. „Hat Euch mein Bruder geschickt?“ Sie wollte es nicht glauben...ihr eigenes Blut...
 
„Euer Bruder…“ Ein grausames Lächeln umspielte die Lippen Alwines. „Nein…“
 
„Algrid!“, die Baronin, unwillig noch weitere Zeit zu vergeuden, rief ihre Dienstritterin herbei. Ihr Gesicht war rot vor Erregung. „Schicke mir nach meinen Junkern und Rittern. Was auch immer in Wargentrutz sein mag – ich will kein Risiko eingehen.“ Ihr Blick fiel auf Nolle. „Habt Dank. Es ist schön jemanden wie Euch an meiner Seite zu wissen. Und nun seid doch bitte so gut und schafft sie mir aus den Augen.“

Wargentrutz, Mitte Rahja 1034 BF
 
Raugund tippte ungeduldig auf die Lehne ihres hölzernen „Throns“. Auf ihrer Stirn saß der alte, verschollen geglaubte Baronsreif Weidenhags. Sie seufzte. Die Welkensteinerin wartete nun schon seit mehreren Tagen auf eine Nachricht ihres Vetters Markwin Welkenstein. Ja, er schickte ihr gut zwei Dutzend bewaffnete, die seinem Ruf und seinem Gold nach Weiden gefolgt waren. Verstärkung sollte folgen, meinte Markwins Sohn. Doch dies war nicht das Einzige auf das sie warten sollte. Auch aus dem Dorf Weidenhag selbst hatte sie schon des Längeren keine Nachricht mehr erhalten. Sie wusste demnach nicht ob Alwine ihren Auftrag ausgeführt hatte. Auch Rovenna von Hartungen-Düsterfurt – ihre einzige Verbündete innerhalb des Weidenhager Adels – ließ weiterhin auf sich warten.
 
So blieb Raugund nichts Anderes übrig als zu warten. So gut ihr Plan zur Rückeroberung der Baronskrone auch anfangs lief, so chaotisch entwickelte sich ihre Situation gegenwärtig. Der Graf hatte sie erwartungsgemäß nicht einmal zu sich vorgelassen und auch ihre Verbündeten verloren langsam ihre Geduld. Einzig ihr Vetter Markwin, der Edle von Kauztann, meinte, dass es wichtig sei nichts zu überstürzen.
 
Raugund nahm den Baronsreif von ihrer Stirn und betrachtete ihr Spiegelbild in dem mattblauen Stein, der darin eingelassen war. Sie war alt – sie musste jetzt handeln. Und wenn es nicht von Rechtes wegen möglich war, dann musste sie sich ihr Erbe eben mit Gewalt nehmen.
 
„Mutter?“ Waindis trat hinter ihre Mutter und berührte sie sanft am Oberarm. „Mutter, die Baronin ist auf dem Weg hier her. Es scheint als hätte Alwine versagt und uns verraten.“
 
Doch Raugund schwieg. Sie ballte ihre Fäuste, erhob sich von ihrem „Thron“ und verließ unter dem skeptischen Blick ihrer Tochter die Halle…

Vor Burg Welkensteyn, einige Stundengläser später
 
Gwidûhenna stieg aus ihrer Kutsche. Gemeinsam mit ihr kam alles an waffenfähigem Gefolge, das sie innerhalb ihrer Baronie in so kurzer Zeit aufbieten konnte. Die Junker von Biberwald kamen genauso wie der Ritter von Dûrenbrück und sogar die sonst eher ungehorsame Ritterin der Düsterfurt.
 
Die Baronin streichelte über ihren runden Bauch und fast schien es als wolle sie somit die darin heranwachsende Frucht ihres Leibes beruhigen. Sie ließ den Blick über die sich vor ihr bietende Szenerie schweifen. Ja wahrlich, ihr Bruder hatte mit den Reparaturarbeiten an der alten Ruine ganze Arbeit geleistet; Löcher in der Mauer wurden mit einer hölzernen Palisade geschlossen, der Turm war weitgehend intakt, genauso wie das Erdgeschoss des ehemals mehrstöckigen Bergfrieds.
 
Von Hinten näherte sich ihr Gemahl. Wie beinahe alle anwesenden war er gerüstet und kampfbereit. „Was sollen wir tun, Liebste?“ Er strich ihr liebevoll über den schwangeren Bauch. Gwidûhenna konnte die kühlen Kettenglieder seiner Rüstung fühlen.
 
Sie erblickte einige Bewaffnete, die auf dem Turm und an der Burgmauer umhergingen. „Stelle unser Gefolge auf eine Belagerung ein. Es gilt Kriegsrat zu halten.“ Gwidûhenna versuchte einen bestimmten Ton anzuschlagen, dennoch war ihrer Stimme zu entnehmen, dass ihr diese Situation Unbehagen bereitete…
 
Es sollte jedoch nicht lange dauern bis sich oben auf der Mauer etwas tat. Die Baronin kniff ihre Augen zusammen. Sie erkannte eine alte, beleibte Frau und meinte dieses Gesicht zu kennen.
 
„Euer Hochgeboren!“, sprach sie verächtlich und deutete eine Verbeugung an. Am tiefsten Punkt ihrer Beuge angekommen spuckte sie verächtlich in die Richtung der Weidenhager Baronin. „Wie schön, dass Ihr es einrichten konntet zu kommen.“ Sie lächelte grausam. „So bleibt es mir erspart zu Euch zu kommen.“
 
„Was soll das? Wer seid Ihr?“ Fragte die Angesprochene. „Wo ist mein Bruder?“
 
„Wer ich bin?“ Raugund lachte höhnisch auf. „Ich bin das Ende für Euer Geschlecht. Ich werde mir das zurückholen, was meinem Blut genommen wurde.“ Sie ließ ihren Blick über die anwesende Ritterschaft schweifen und Gwidûhenna meinte, dass ihr Blick besonders lang auf Rovenna von Hartungen-Düsterfurt ruhte. „Was mit dem Ableben Eures Bruders beg…“
 
„Mein Bruder?“ Unterbrach sie nun die Baronin. „Wo ist er, gebt ihn sofort heraus!“
 
„Wo er ist? Ha, er und seine Hexe liegen schon lange in ihrem eigenen Blut…“
 
„Nein, tun sie nicht Mutter…“ Gwidûhenna runzelte die Stirn. Hinter der fülligen Raugund erschien eine schlanke Gestalt. In ihrer Hand hielt sie ein Kurzschwert.
 
„Was soll das heißen, du nutzloses Miststück?“
 
„Das heißt, dass ich sie habe laufen lassen. Sie befinden sich schon seit einigen Praiosläufen in der Obhut der hiesigen Rahjageweihten. Es ist zu Ende Mutter…“
 
Die Baronin und ihr Gefolge erkannten den ungläubigen Gesichtsausdruck Raugunds. Ihre Lippen formten Worte, die ob der Entfernung der Beiden für die Anwesenden nicht zu hören waren. Die alternde Frau sank zusammen, die Tochter stand neben ihr, das Schwert in ihrer Rechten, und starrte auf ihre Mutter herab.
 
Ein flüchtiges Lächeln zeigte sich auf ihrem Gesicht, dann warf sie die mit Blut benetzte Waffe von der Mauer vor die Füße der Baronin und beugte das Knie…
Statue der Liebenden, Rondra 1035 BF
 
Wilfred von Gugelforst schritt langsam, beinahe schon andächtig zur Statue der Liebenden. Dabei hielt er die Hand seines Weibes Inja ganz fest in der seinen. Es waren ereignisreiche Monde, die hinter dem Paar lagen. Wilfred musste sich eingestehen, dass er in der ersten Zeit ein unwürdiger Ehemann war. Ja seine Gemahlin hatte es wahrlich besser verdient.
 
Erst ihr Verschwinden im Wargenforst und die gemeinsamen Praiosläufe in einem abgelegenen Kerker ließen ihn zur Vernunft kommen. Der Ritter würde es niemals zugeben doch waren es eben jene Tage in einem finsteren Loch, in welchen sie sich gegenseitig Trost und Mut spendeten, die ihn zum Umdenken bewegten. Ob es nun Liebe war wusste er nicht – er hatte noch nie geliebt, doch achtete und ehrte er sein Weib und ihre Bedürfnisse.
 
Bei der Statue angekommen wurden das junge Paar von der Rahjania empfangen. Sie war eine atemberaubend schöne, groß gewachsene Frau mit dunklem Teint und kurzen schwarzen Haaren. Wilfred hatte schon des Öfteren davon gehört, dass Rahjania aus den Tulamidenlanden stammte…er fragte sich warum sie ihren Weg nach Weiden gefunden hatte – noch dazu in eine der Hochburgen des Weidener Traviaglaubens.
 
Mit einem breiten Lächeln überreichte ihm die Dienerin Rahjas eine der heiligen Rosen. Wilfred wusste, dass diese Rosen einen riesigen Gunstbeweis darstellten. Schenkt man sie einem geliebten Menschen so sollte die Blume auch im abgeschnittenen Zustand ewig halten. Empfindet man keine ehrliche Liebe zueinander sollen sie jedoch binnen weniger Herzschläge zu welken beginnen.
 
Wilfred nahm den abgeschnittenen Rosenkopf mit nervösen Fingern an sich, entfernte die Dornen und flocht ihn in die rabenschwarzen Haare seiner Gemahlin. Inja lächelte ihn an und küsste ihn heftig. Als sie sich voneinander lösten blickte der Ritter auf die Rose – sie stand noch immer in voller Blüte.
 
„Die Wege des Glückes sind vielfältig.“ Flüsterte ihnen Rahjania zu, als sie die beiden Liebenden verließ. Wilfred und Inja lächelten…
 
-Ende-