Variae sunt viae fortunae - Die Statue der Liebenden


einige Praiosläufe darauf in Wargentrutz, Ingerimm 1034 BF

»Gruonet der walt allenthalben.
wâ ist mîn geselle alsô lange?
trûre ist div zît
bi di wulffen lit.
owî! wer sol mich minnen?«

(Übersetzung: „Es grünt der Wald überall. Wo ist mein Geliebter so lange? Traurig ist die Zeit für den, der beim Wolfen liegt. Oh weh! Wer wird mich nun lieben?“ irdische Vorlage Camina Burana 13. Jhr)

Inja strich sanft über den eingemeißelten Schriftzug. Sie stand vor der sogenannten Statue der Liebenden in Wargentrutz, welche unweit der Burgruine direkt am Rand des verwunschenen Wargenforstes gelegen ist. Bewundernd blickte sie das nachmodellierte Paar an. Sie bewunderte die Kunstfertigkeit, die der Bildhauer bei der Schaffung dieses Werkes an den Tag gelegt hatte. Der Künstler musste wahrlich von Hesinde und Ingerimm gesegnet sein, denn die Gesichtszüge waren derart fein säuberlich nachgestaltet worden, dass man meinen konnte, es handle sich um versteinerte Lebewesen. Rund um das Paar, welches einen menschlichen Mann und eine elfische Frau sitzend in inniger Umarmung zeigte, wuchsen Unmengen von wunderschönen roten Rosen und sie wusste bereits, dass eine Rose von der Statue der Liebenden hier im praioswärtigen Teil Weidenhags als riesiger Gunstbeweis zählte. Kein götterfürchtiger Mensch wäre auf die Idee gekommen, eine dieser Rosen einem Menschen zu schenken, für den er keine Liebe empfand. Ja, vielmehr sollte in so einem Fall die Rose sogar binnen einiger Herzschläge zu welken beginnen.

Inja erinnerte sich außerdem daran, gehört zu haben, dass diese Statue für die bodenständigen Menschen Weidenhags, die sonst nicht viel mit den Lehren der göttlichen Rahja anfangen konnten, ein Symbol des Schutzes vor den Gefahren des Waldes darstellte. Sie wusste nicht warum und was genau an diesem Wald so gefährlich sein sollte, zu unterschiedlich und auch verworren waren die Aussagen der hier Ansässigen. Doch schien dieser Platz genau deshalb so gut besucht zu sein. Während es einige Menschen gab, die dem ‘Herrn des Waldes’, Inja meinte sich daran zu erinnern, dass es sich hierbei um das prächtige Exemplar eines Wolfes handeln sollte, Opfer darbrachten, um sein Wohlgefallen auf sich zu ziehen, baten andere hier im Schatten der Bäume die beiden Liebenden um Schutz gegen genau diese Bestie.

Sie schüttelte den Kopf und blickte das steinerne Paar wehmütig an. Ihre Gesichtsausdrücke waren voll gegenseitiger Liebe. Liebe. Wusste sie eigentlich, wie es sich anfühlte, geliebt zu werden? Hatte sie schon einmal Liebe erfahren? Ja von ihrer Mutter als sie klein war, aber sonst? Ihr Bruder liebte sie allem Anschein nach nicht und ihr Gemahl gab sich ihr gegenüber immer noch eisig wie der Augrimmer. Er blickte sie, wenn überhaupt, aus gelangweilten Augen an. Sie wusste selbst, dass sie keine Frau war, die von einer Vielzahl von Männern begehrt wurde. Dazu war sie viel zu schüchtern, ruhig und dazu trug sie auch nicht die richtigen Kleider. Ihr Bruder hatte ihr immerzu gesagt, wie schön sie doch sei und dass sie es mit ihrem zerbrechlichen Wesen schaffen würde, in jedem Mann den Beschützerinstinkt hervorzurufen – genau so, wie sie in jeder Frau Muttergefühle erwecken würde. Sie lächelte.

Plötzlich berührte eine kräftige Hand ihre schmale Schulter. Sie schrak auf und wandte sich, den Mund zu einem stummen Schrei geöffnet, um. Zu ihrer großen Verwunderung blickte sie direkt in die braunen Augen ihres Gemahls. “Du solltest hier nicht so lange stehen”, sprach er im sanftesten Ton, den sie je von ihm zu hören bekommen hatte, während er mit seiner Hand über ihr leicht gerundeten Bauch strich. Ein wohliger Schauer breitete sich von dort aus über ihren ganzen Körper aus. “Setz dich doch ein wenig hin.” Unfähig zu antworten nickte sie ihm mit immer noch offen stehendem Mund zu. “Ich würde mich freuen, wenn du heute Abend bei mir liegst”, setzte er hinzu und verließ sie dann wieder in Richtung Burg.

Auch wenn Inja sich die letzten Monde darauf beschränkt hatte, ihn zu hassen, musste sie zugeben, dass ihr diese Berührung gut tat. Und auch wenn seine Körpersprache zeigte, dass er diese Worte und Gesten nicht aus Liebe tat, so fühlte sie sich doch erstmals als Eheweib wahrgenommen. Inja blickte auf die Statue und es schien ihr, als würde der Mann zufrieden lächeln ...

...Sie konnte nicht sagen wie lang sie schon vor dem Paar stand, doch zog sie das Bildnis von Perdan und Alari gänzlich in seinen Bann. Erst ein seltsames Kratzen, nur wenige Schritt von ihr entfernt im Wald, riss sie zurück in die Wirklichkeit.

„Hallo? Ist da jemand?", fragte sie laut, doch erhielt sie keine Antwort.

Injas Blick ging in den Himmel und sie erkannte, dass das Praiosmal bereits zur Hälfte hinter dem mächtigen Finsterkamm verschwunden war – ein Anblick, der ihr sogleich Gänsehaut hervorrief. Auch wenn es unter Tage bereits recht angenehme Temperaturen hatte, waren die Abende und Nächte in der Heldentrutz dennoch kühl. Abermals vernahm Inja ein Geräusch. Dieses Mal war es jedoch kein Kratzen, sondern das Knacken eines Astes. Angst machte sich in ihrer Brust breit, erfüllte ihren ganzen Körper. Hilfe suchend sah sie sich um, doch konnte sie niemanden erspähen. Alleine am Rande eines verwunschenen Waldes, dachte sie und schalt sich innerlich selbst einen Narren. Niemand hier im Dorf wäre so töricht gewesen…Eine Handvoll Vögel stoben hinter ihr aus einer Baumkrone und plötzlich war sich Inja dessenbewusst, dass sie doch nicht alleine war.

Sie wandte sich nicht um, sondern raffte ihr Kleid und lief.Sie lief so schnell sie ihre Beine tragen konnten. Wenn sie es doch nur bis zur Rahja-Kapelle schaffen würde…die nette Geweihte Rahjania würde ihr mit Sicherheit helfen, doch sollte Inja nicht bis zu ihrem Ziel kommen. Sie spürte, dass ihr Verfolger Schritt um Schritt näher kam und nach einem Lufthauch, begleitet von einem Zischen über ihr fand sie sich in totaler Schwärze wieder…