Variae sunt viae fortunae - Das Kartenhaus fällt zusammen

Wargentrutz, Mitte Rahja 1034 BF
 
Raugund tippte ungeduldig auf die Lehne ihres hölzernen „Throns“. Auf ihrer Stirn saß der alte, verschollen geglaubte Baronsreif Weidenhags. Sie seufzte. Die Welkensteinerin wartete nun schon seit mehreren Tagen auf eine Nachricht ihres Vetters Markwin Welkenstein. Ja, er schickte ihr gut zwei Dutzend bewaffnete, die seinem Ruf und seinem Gold nach Weiden gefolgt waren. Verstärkung sollte folgen, meinte Markwins Sohn. Doch dies war nicht das Einzige auf das sie warten sollte. Auch aus dem Dorf Weidenhag selbst hatte sie schon des Längeren keine Nachricht mehr erhalten. Sie wusste demnach nicht ob Alwine ihren Auftrag ausgeführt hatte. Auch Rovenna von Hartungen-Düsterfurt – ihre einzige Verbündete innerhalb des Weidenhager Adels – ließ weiterhin auf sich warten.
 
So blieb Raugund nichts Anderes übrig als zu warten. So gut ihr Plan zur Rückeroberung der Baronskrone auch anfangs lief, so chaotisch entwickelte sich ihre Situation gegenwärtig. Der Graf hatte sie erwartungsgemäß nicht einmal zu sich vorgelassen und auch ihre Verbündeten verloren langsam ihre Geduld. Einzig ihr Vetter Markwin, der Edle von Kauztann, meinte, dass es wichtig sei nichts zu überstürzen.
 
Raugund nahm den Baronsreif von ihrer Stirn und betrachtete ihr Spiegelbild in dem mattblauen Stein, der darin eingelassen war. Sie war alt – sie musste jetzt handeln. Und wenn es nicht von Rechtes wegen möglich war, dann musste sie sich ihr Erbe eben mit Gewalt nehmen.
 
„Mutter?“ Waindis trat hinter ihre Mutter und berührte sie sanft am Oberarm. „Mutter, die Baronin ist auf dem Weg hier her. Es scheint als hätte Alwine versagt und uns verraten.“
 
Doch Raugund schwieg. Sie ballte ihre Fäuste, erhob sich von ihrem „Thron“ und verließ unter dem skeptischen Blick ihrer Tochter die Halle…