Variae sunt viae fortunae - Vor der Baronin


Der Hag, Weidenhag, Ingerimm 1034 BF


Es war spät geworden. Gwidûhenna von Gugelforst saß in ihrem Arbeitszimmer und tippte ungeduldig mit ihrem Zeigefinger auf den vor ihr stehenden Steineichensekretär. Es war das einzige edle Stück in ihrem sonst so kärglich eingerichteten Zimmer, das wohl viel mehr einem Bauern zur Ehre gereicht hätte als einer Weidener Baronin. Gwidûhenna legte seufzend ein mit Zahlen vollgekritzeltes Pergament zur Seite und nahm noch einmal das vor einigen Praiosläufen eingetroffene Schreiben des Bärfried von Sunderhardt zur Hand. Schnell überflog sie zum wiederholten Male die wichtigsten Zeilen:

“… mit großem Bedauern habe ich das Schreiben meiner Schwester Inja und ihren darin enthaltenen Bericht über ihr derzeitiges Leben in Wargentrutz gelesen ... Ehebruch, Missachtung und respektlose Behandlung, dabei lehrt uns die gütige Mutter Travia, die ja Schutzgöttin Eures Hauses ist, genau Gegenteiliges ... auch Eure Tante hat mir versichert, dass Inja in Weidenhag die Behandlung erfahren wird, die sie braucht und dass es ihr an nichts fehlen wird ... ich habe zwar zur Zeit hier in der Sichelwacht ganz andere Probleme, doch solltet Ihr und Eure Tante nicht dazu fähig sein, diesem Wilfred den Kopf zurechtzurücken, werde ich es tun ...”

Ohne erkennbare Gefühlsregung legte sie das Schreiben beiseite, als sich plötzlich die Tür in ihr Arbeitszimmer öffnete. “Euer Hochgeboren, entschuldigt bitte die Störung.” Die Magd Maya betrat mit schüchternem Schritt das Zimmer: “Er ist da.” Sogleich ging ein Ruck der Erleichterung durch den angespannten Körper der Baronin. Sie nickte der Magd zu und bedeutete ihr, den lang erwarteten Gast eintreten zu lassen.

Es dauerte nur einige Herzschläge, bis sich die schwere Tür ein weiteres Mal öffnete. Herein trat ein junger Ritter in einem dunkelroten, schmucklosen Wams über einem langen Kettenhemd. Seine Beine steckten in dunkelbraunen Beinkleidern, seine eingefetteten Reiterstiefel glänzten im gedämpften Licht der brennenden Kerzen. Mit knallenden Absätzen und ohne ein Wort des Grußes, dafür aber mit einem eindringlichen Blick auf das Hinterteil der anwesenden Magd, die daraufhin leicht errötete, betrat er den Raum und setzte sich unaufgefordert auf den Stuhl direkt gegenüber der Baronin.

“Dein Benehmen lässt immer noch zu wünschen übrig, Wilfred”, hob Gwidûhenna nach einem kurzen Schweigen zu sprechen an. Sie bemühte sich dabei, ihren Zorn weitgehend zu unterdrücken und so ausgeglichen wie möglich zu wirken.

“Sag einfach, was du willst, Schwester”, entgegnete er ihr sichtlich genervt.

“Ich habe dich heute hierher geladen, um mit dir einen sehr unerfreulichen Zustand zu besprechen...” “Geht es um die Burg?”, unterbrach er sie und verdrehte dabei die Augen, “Du weißt doch, dass das noch Zeit benötigt. Ich habe weder die nötigen Handwerker, noch das nötige Material ...” “Nein. Nein, es geht nicht um die Burg Wilfred. Ich weiß, wie sehr du dich dafür einsetzt, die alten Gemäuer mit den beschränkten Mitteln, die dir zur Verfügung stehen, rechtzeitig vor dem nächsten Winter fertigzustellen – und das rechne ich dir hoch an. Wiewohl ich überhaupt sagen muss, dass ich mit dir als Lehnsnehmer im Großen und Ganzen sehr zufrieden bin, obwohl du einigen deiner Schutzbefohlenen mehr Beachtung schenkst, als den anderen – vor allem jungen, weiblichen Schutzbefohlenen ... .”

“Was soll das denn jetzt wieder heißen?” Wilfred war bei diesen Worten mit einem Schwung aufgesprungen, der seinen Stuhl bedrohlich ins Wanken brachte. Fordernd blickte er in das Gesicht seiner Schwester, die diese Reaktion allem Anschein nach erwartet hatte und ihm ohne sichtliche Gefühlsregung in die Augen sah. “Das soll heißen, dass ich um deine Liebschaften weiß”, die Stimme der Baronin gewann nun sichtlich an Schärfe, “Verdammt, Wilfred, du bist verheiratet. Du hast einen Eid geleistet, haben Praios und Travia dich jetzt schon gänzlich verlassen?” “Pff ... !” Der Angesprochene stieß einen Laut der Verachtung aus, doch ließ sich seine Schwester dadurch nicht aus dem Redefluss bringen: “All die Werte, die wir von klein auf beigebracht bekamen – die Werte, für die unsere Familie bei Adel und Gemeinen hier in Weiden ein so hohes Ansehen genießt – all diese Werte trittst du mit Füßen. Wenn das Vater und Tante Travine wüssten!” Gwidûhenna hielt kurz inne und blickte ihren Bruder an. “Sieh mich nicht so an, noch wissen sie beide nichts davon. Doch werden sie das wohl bald, wenn sich dein Gebaren nicht ändert ... .”

“Du drohst mir?”, Wilfred lachte höhnisch auf, “Du weißt doch gar nichts. Du weißt nicht, wie es ist, einen Partner ohne Ehre vorgesetzt zu bekommen. Es schadet meinem Ansehen und meiner Ehre, mich mit einem Balg aus einer ehemals geächteten Familie zu verbinden. Die anderen Adeligen zerreißen sich bereits ihre Mäuler.” “Verdammt Wilfred!” Auch Gwidûhenna erhob sich nun von ihrem Stuhl und funkelte ihren Bruder zornig an. Nur der Tisch trennte die beiden, deren Nasen nur einige Spann voneinander entfernt waren. “Du redest von Ehre? Du?” Ihre Stimme war geschwängert von der grenzenlosen Verachtung, die sie in diesem Moment für ihren Bruder empfand.

Wer die Baronin näher kannte, wusste, dass so ein Gefühlsausbruch äußerst selten passierte und sie überhaupt ein Mensch war, der nur schwer die Fassung verlor. “Du verdammter Narr! Ja, das Mädchen stammt aus einer Familie, die sich in den letzten Jahrzwölften einiges zuschulden kommen lassen hat, doch hättest du dich wenigstens ein bisschen mit deiner Gemahlin befasst, so wüsstest du, dass die Familie Sunderhardt schon vor einigen Götterläufen mit der Hahnfelserin gebrochen hat und nun weithin als einer ihrer Gegner angesehen wird.” Sie ließ ihre zierliche Faust auf die schwere Tischplatte fahren, um ihren Worten mehr Nachdruck zu verleihen. “Injas Bruder Bärfried war glücklich darüber, dass er für seine Schwester einen Partner aus einer Familie von unserem Ruf fand und damit Gewissheit hatte, dass seine Schwester fern von ihm und den Problemen mit der Räuberbaronin anständig behandelt wird.”

Wilfred hob zu einer Erwiderung an, doch Gwidûhenna war sichtlich nicht gewillt, dazu eine Pause zu machen. “Nun hurst du jedoch herum und versetzt diesem zerbrechlichen Wesen einen Stich nach dem anderen. Das kann so nicht angehen, Wilfred! Besinne dich! Denn es scheint so, als habe das Mädel mehr Ehre in seinem Leib als du. Auch sie war nicht glücklich mit dem Traviabund, den sie schließen musste und der sie so weit weg von ihrer Heimat führte. Doch sie tat, was von ihr verlangt wurde – was die Ehre von ihr verlangte. Sie versucht, dir eine gute Gemahlin zu sein und was tust du?”

Wilfreds Hand bewegte sich ob der harschen und seine Ehre beschneidenden Worte zu den an seinem Gürtel hängenden Handschuhen, doch besann er sich gerade noch eines Besseren. Er blickte auf den kugelrunden, schwangeren Bauch seiner Schwester, schüttelte leicht den Kopf und verließ mit hochrotem Kopf die Stube der Baronin. Gwidûhenna blickte ihm noch nach, dann ließ sie sich angestrengt in ihren Sessel zurückfallen und sprach für ihren Bruder und seine Gemahlin ein Gebet an die gütige Eidmutter.