Der Fall Burg Aarensteins - Drosseltod


Spätsommer in der Grafschaft Baliho

Walpurga verlor das Gleichgewicht, verfing sich vollends in der Ranke und fiel nach vorne. Ihr Körbchen flog in hohem Bogen davon und ihre Beute aus halbvertrockneten Brombeeren verteilte sich im zunehmend felsigen Grund. Sie schrie vor Schmerz spitz auf, als ihre Knie auf den scharfkantigen Schieferbruch prallten, der in großen Zungen von den nahen Bergriesen herabfloß. Leise wimmernd besah sie sich den Schaden, tastete wundes Fleisch ab und widmete sich erst einige innige Schluchzer später wieder ihrem Korb. Schnell hatte sie ihn entdeckt und war zu ihm gerannt. Vielleicht konnte sie gar einige der begehrten Beeren retten? Eifrig suchte sie umher und klaubte die schwarzglänzenden Schätze auf als ihre Finger etwas weiches berührten.

Mitten in der Bewegung erstarrt, unfähig sich zu rühren blickte sie auf den kleinen Vogelleib vor sich. Die Füßchen zusammengekrampft und in die Höhe gestreckt lag dort eine Drossel. Und eine weitere, wenige Spann von dieser entfernt. Walpurga richtete sich langsam auf, suchte den dunklen Grund mit den Augen ab und entdeckte weitere tote Vögel. Angst griff mit kalten Fingern nach ihrem Herzen. Noch nie hatte sie so viele tote Drosseln auf einmal gesehen. Schon der Anblick einer einzigen galt als Unglücksomen. Doch Walpurga erkannte Dutzende. Angsterfüllt schrie sie auf, stolperte blindlings zurück und prallte gegen etwas Großes, Weiches. Neben ihr knurrte etwas und der Klang ließ ihr Inneres zu Eis gefrieren. Sie blickte auf.

“Lauf’!” zischte die junge Frau gegen deren Brust sie geprallt war. Walpurga wirbelte herum, wollte blindlings davon rennen, nur fort von hier. Erneut stieß sie auf Widerstand, fand sich umfangen von stinkendem weißem Fell, ihre Wange schrammte über gehärtetes, von Nieten geziertes Leder. Sie wurde nach hinten gestoßen und erkannte im Fallen einen großen, dürren Mann, gekleidet in einen Schafsfellumhang und eine helle Lederrüstung, einen zerzausten Falken mit blutigen Fängen auf seiner Schulter. “Lauf’!”, grollte der Mann und kreischend erhob sich der Falke in die Lüfte. Auf allen Vieren versuchte das Mädchen sich in den nahen Wald zu retten, kam endlich auf die Füße und begann zu rennen. Dann erhob sich das Gebell. Es hallte im Inneren ihres Kopfes wieder, hämmerte gegen ihre Schläfen, die Stirn, sogar die Augen, dass ihr übel wurde. Die Ohren fuhren ihr zu und sie konnte nicht anders, als die kleinen Fäuste dagegen zu pressen.

Fahlweiße Schemen blitzten hinter Gebüschen und Baumstämmen auf, hetzten auf sie zu und brachten das schrille Gebell mit sich. Sie rannte weiter, schlug einen Haken, weg von den Alptraumwesen, direkt hinein in den großen Brombeerbusch, den sie vor kurzem noch sorgsam abgeerntet hatte. Die Stacheln der Ranken und an der Unterseite der von einem Tag auf den anderen vergilbten Blätter schrammten über ihre Haut, verhakten sich im Stoff ihres Kleides und auch in ihrem Fleisch. Erneut schrie sie auf, missachtete den Schmerz tapfer und jagte weiter. Nur weg von diesem Ort!

Das Bellen verstummte und sie hatte es geschafft, stolperte über die letzten Ranken und fing sich mit blutenden Händen ab. Tränen verschleierten ihren Blick, sie wischte sie unwirsch weg, rappelte sich auf und erstarrte, als sie der Frau vor sich gewahr wurde. Alles an ihr war fahl, selbst die Augen aus denen ihr vielfach gezackte, eisblaue Pupillen entgegenstarrten. Über und über beschnitzter Mammuton verhüllte ihren Rumpf, helles Leder den Rest des dürren Leibes. Mitleidlos, den Kopf leicht schräg gelegt sah die Frau sie an. Sie war kaum größer als Walpurga, ihre Hände glichen schwarzverkohlten Ästen und sie hielten zwei identische Langdolche darin. Unvermittelt öffnete sie den Mund und eine Stimme, die schriller noch klang als das Gebell dröhnte in Walpurgas Ohren. Der Schmerz nahm ihr die Sicht, wimmernd sank sie zu Boden und jäh flammte alles verzehrender Schmerz auf.

Dann war alles vorbei.