Der Fall Burg Aarensteins - Über den Leib der Unbezwungenen

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Spätsommer in Sokramorien

Die niemals Atemlose hockte – die Arme locker auf die Knie gelegt – am Rand des kümmerlichen Rinnsales. Den Kopf schräg gelegt, blickten ihre leblosen Augen starr in die Klamm. Angewidert zog sie die Oberlippe zurück, als sie der Vielzahl der Pflanzen darin gewahr wurde. Schwarzfaul und widernatürlich wucherten sie dort, undurchdringlich, eine Todesfalle für Mensch und Tier. Vor allem aber Ausdruck der verhassten Lebenskraft, die den Leib der Gigantin seit jeher zu bezwingen suchte. Sie drehte den Kopf und ihre eisblauen, vielfach gezackten Pupillen fielen auf Jenoor. Der junge Hetzer hatte die Klamm entdeckt und war darob vor Freude ganz aus dem Häuschen gewesen. Geradewegs zwischen zweien, bisher als unpassierbar geltenden Bergriesen schlängelte sie sich hindurch, öffnete einen Weg dorthin, wohin der Herzog sie gesandt hatte. Doch der Auglose hatte seine Saat bereits hinterlassen, das Gebiet markiert und damit beansprucht.

Ein Anspruch, den sie, die Erste der Meute, nicht anerkannte. Jenoors Hand bewegte sich in der verhaltenen Strömung des Baches, gerade so, als wohne dem Leib des Jungen noch Leben inne. Doch seine Augen starrten blicklos in den grauen Himmel. Lautlos rann sein Blut von ihren schwarzdürren Fingern, tropfte in das klare Wasser des Baches, wo es sich in merkwürdigen Mustern zerfaserte und dann verging. Sie schloss die Augen, tastete tief in sich nach den Worten, die auszusprechen ihren ganzen Mut erforderte. Leise, raschelnd wie rieselnder Schnee, lauter werdend wie knackendes Eis, schließlich donnernd, wie die alles vernichtende Lawine lösten sie sich von ihren Lippen. Jenoors Blut tropfte derweil weiter, jeder Tropfen ein Opfer für den Gefährten der unbezwungenen Sokramor. Manatha Langatem verstummte, doch ihre Litanei brach sich vielfach an den umgebenden Bergen, sie lauschte den Worten, durch den zahllosen Wiederhall waren sie bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt, dann hob sie die Hände und blies über ihre rotschwarzen Finger. Das Blut ihres geopferten Kameraden spritzte auf, wurde zu blutrotem Nebel, dehnte sich wirbelnd aus, wandelte sich zu tastenden Fingern, die langsam ihre Farbe verloren und in die Klamm waberten.

Es wurde kalt, Eis bildete sich auf den Steinen des Baches, Reif überzog die Gewächse und als die Erste der Meute endlich doch Atem schöpfte, hieß sie den stechenden Schmerz willkommen, als eisige Luft ihre Lungen füllte. Und wieder blies sie über ihre Finger, der Nebel wurde dichter, kälter.

Es begann zu schneien.