Der Fall Burg Aarensteins - Spähgang


Spähgang

Immer schneller trugen ihn seine Füße von den schrecklichen Bildern fort, die er erspäht hatte. Doch er wusste, er war nicht allein. Sie hatten ihn gesehen und verfolgten ihn. Wie lange er schon rannte, konnte er nicht mehr sagen. Minuten, Stunden, Tage? Die Zeit war für ihn nicht mehr fassbar.

Er stolperte und rutschte unsanft einen steinigen Hang hinunter. Schmerz durchzuckte seinen Körper. Er schaute an sich herab und sah, dass seine Beinkleider aufgerissen waren und Blut aus seinem rechten Schenkel hervortrat. Schnell riss er sich einen Teil seines Hemdes ab und versuchte, die Wunde zu verbinden. Wenn sie das Blut rochen, war er des Todes, das wusste er. Seine Gedanken gingen noch einmal zu den schrecklichen Bildern zurück, die er kürzlich erblickt hatte …

Er sollte die Lage im feindlich besetzten Böckelsdorf erspähen. Er war ein guter Kundschafter und so machte er sich auf, seine ihm gestellte Aufgabe zu erfüllen. Doch was er auf diesem Hof gesehen hatte, hatte sein Blut gefrieren lassen. Er sah die Leichen der Bauernfamilie, die diesen Hof einst bewirtschaftete. Sie lagen vor der Scheune auf einem Haufen. Niemand hatte sich die Mühe gemacht, sie zu begraben.

Er hatte sich näher heran geschlichen und versucht mehr herauszufinden. Doch schon nach wenigen Blicken hatte er schreckliche Gewissheit: Die komplette Familie war von Bestien dahingerafft worden. Ein Mann, zwei Frauen und vier Kinder. Allesamt tot. Er musste sich abwenden und sich an die Mauer der Scheune gestützt übergeben.

Nachdem er seinen Magen wieder beruhigt hatte, erkannte er, dass sie erst kürzlich zu Tode gekommen waren. Er sah Wunden von Klauen und Zähnen, als wären sie von Raubtieren zugefügt worden. Raubtieren, wie etwa Wölfen. Doch er erkannte auch, dass diese methodisch zugefügt worden waren. Wölfe hätten die Leichen nicht auf einem Haufen vor der Scheune zurückgelassen.

Dann hörte er es, leises Rascheln am nahen Waldrand. Er schaute sich vorsichtig um und erkannte reflektierende Tieraugen aus dem Dickicht. Sie beobachteten ihn, schätzten ihn ab. Das war der Zeitpunkt, an dem sein Instinkt die Führung über sein Denken übernommen und er zu rennen begonnen hatte. Das Biest – oder waren es gar mehrere? – jaulte auf und rannte hinter ihm her.

… mit verbundenem und schmerzendem Bein machte er sich auf und lief weiter. Von weitem hörte er Wolfsgeheul, dem ein weiteres unweit seiner Position antwortete. Trotz seiner Schmerzen begann er noch schneller zu rennen. Tief in seinem Inneren wusste er, dass er einen großen Fehler beging, doch sein Instinkt war stärker. Das Letzte, was er sah, war ein grauer Schemen und das Letzte was er spürte unsäglicher Schmerz an seinem Rücken. Horand ging zu Boden und hörte nur noch das Geräusch großer Schwingen.