Der Fall Burg Aarensteins - Abgefangen

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Winter in der Schwarzen Sichel

Das hatten es die Sichelgauer doch tatsächlich gewagt, trotz Eis und Schnee in die ersten nennenswerten Berge der Schwarzen Sichel einzudringen. Fünf waren es gewesen, zwei Waldläufer und drei Bewaffnete. Eine davon eine junge, tatendurstige Ritterin. Sie waren dem Aartal auch recht nah gekommen, was den Hetzern Sokramors vielleicht Respekt abgerungen hätte, wenn sie sich auch nur ansatzweise für menschliche Gefühlsregungen erwärmen könnten. Stattdessen hatten sie sich jedoch herausgefordert gefühlt.

Zuerst hatten sie sich der Waldläufer angenommen, sie hinter sich hergelockt, fort von den Kriegern, tiefer ins Aartal. Es war nicht leicht gewesen, aber schließlich war es ihnen gelungen, die beiden gestandenen Männer in Angst und Schrecken zu versetzen. Einmal in Panik hatten sie versucht, zum Rest ihrer Gruppe zurück zu kehren und damit hatte die Hatz begonnen. Es war den Hetzern und ihren Gefährten eine wahre Lust gewesen. Rechhild hatte sich besonders hervorgetan und sogar ein anerkennende Nicken der Ersten der Meute geerntet. In Sichtweite des Lagers jener Ritterin hatte sie ihre Beute gestellt. Geschwächt war er gewesen, dem Tode nahe und Rechhild hatte es verstanden, seinen flackernden Lebensfunken langsam, lautlos und das Lagerfeuer seiner Verbündeten stets im Blick, auszulöschen.

Dann hatten sie gewartet.

Jene, die dem Pfad der Löwin folgten, waren nicht geduldig. Schon nach 3 Tagen ereignislosen Wartens war die Ritterin mit ihren Waffenknechten tiefer in das Gebirge eingedrungen. Wie hatten sie sich über frische Fußspuren ihrer Waldläufer gefreut. Besorgt waren sie gewesen, als sie Blutspuren fanden und schließlich den ersten Leichnam. Offenen Auges erfroren, das Entsetzen und die Angst dabei tief ins Antlitz gegraben. Angst begann ihren Siegeszug, kroch ihnen in Herz und Geist und führte nach weiteren 3 Tagen dazu, dass die Gruppe sich selbst zu zerfleischen begann. Dann fanden sie den zweiten Leichnam und die vermeintlich frische Spur seiner Mörder.

Kopflos und unglaublich mutig waren sie den Spuren gefolgt und an ihrem Ende hatte die Belohnung gewartet. Schwarze Ritter, angetan mit ihrer schwarzen Rüstung, wolfsköpfigen Topfhelmen und umgeben von flatternden Wimpeln mit den Zeichen Sokramoriens, des Markverwesers Rondradan von Streitzig und dem doppelköpfigen Wolf des dunklen Herzogs. Der Ritterin war ein standesgemäßer Tod vergönnt gewesen. Formell war das Duell gewesen. Doch der große Schwarz Ritter war der Sichelgauerin von Anfang an überlegen. Daran ließ er keinen Zweifel und das nutzte er skrupellos aus. Kaum ein halbes Dutzend Schläge mit dem Warunker Hammer später war ihr Leiden beendet. Den beiden Waffenknechten ging es nicht gar so gut. Sie wurden auf der Grenze zwischen Böckelsdorf, unweit eines alten Turmes gehängt und man achtete sorgsam darauf, dass sie erstickten und sich nicht das Genick brachen.

***

Pfalzgräfin Neunhild von Wettershag zwirbelte eine Locke mit den Fingern auf. Immer wieder tat sie das und so fest, dass die Haare in skurrilen Schleifen fielen. “In Sichtweite des Turms sagst du?” “Ai, Hochwohlgeboren, aber der Turm ist ja nicht dauerhaft besetzt. Dient unseren Patrouillen nur als Quartier, wenn es sie so hoch in den Norden verschlägt. Jedenfalls baumelten sie da. Durchgefroren und die Gliedmassen merkwürdig verdreht. Auch die Augen waren noch offen.” Einhard von Waldwalden schauderte. “Hab’ sowas mein Lebtag nicht gesehen, die Augen! Sahen aus wie Eis und doch so, als würden die Toten uns genau erkennen. Nahebei war die Lanze eurer Ritterin aufgepflanzt, ihr Wimpel zerfetzt. Lein sagt, die Spitze der Lanze zeigte genau nach Donnerschalck, aber das halt’ ich für abergläubischen Humbug.”

“Als ob sie es mit der Kriegspfalz der Kaiserin aufnehmen könnten”, giftete Neunhild. “Das möchte ich sehen, wie sie an den Befestigungsringen zerschellen.” Sie holte Atem und drehte sich zu dem alternden Ritter um, der heute aus dem Gebirge zurückgekommen war. Er hatte den Turm auf ihr Geheiß aufgesucht und nun hatten sie auch endlich Gewissheit, was mit Ritterin Freugern geschehen war. Die Pfalzgräfin presste die Lippen aufeinander. “Es ist uns also so ergangen, wie den Streifen aus Kornfelden und Rotenwasser. Keine ist mit brauchbarer Kunde zurück gekommen. Keine ist überhaupt zurückgekommen. Verdammt!”

Ritter Einhard hob’ die Schultern. “Scheint so. Hab’ aber gehört, dass die Burggräfin Grenzreiter entsandt hat und auch der Orden zur Wahrung hat Leute geschickt. Die sind – glaub’ ich – noch nicht an irgend ‘nem Baum gefunden worden.” “Sie haben also entweder mehr Glück, oder werden irgendwo gefangen gehalten. Ich vermute ohnehin, dass die Festen Nalgardis und Aarenstein unterdessen eine Linie bilden und sich gegenseitig unterstützen. Wie dem auch sein mag. Es wurde ohnehin zum Kriegsrat gerufen. Warten wir diesen ab. Bis dahin, treuer Einhard, lasst die Pfade in die tiefe Sichel sperren. Unsere Streifen sollen aber nicht nach Böckelsdorf reiten, ich möchte nicht noch mehr gute Männer und Frauen verlieren.”