Aufzeichnungen einer Ritterin

Pergelgrund 4. Praios 1033 BF
 
…Firla Schnewlin ließ sich ächzend in einen Holzsessel fallen und nahm ihre eben erst unterbrochene Arbeit wieder auf. Während sie strickte schweifte ihr Blick durch die Halle des Gutshauses; ihre Aufmerksamkeit erregten hierbei einige Pergamentseiten, die wild verstreut am schweren Eichentisch in der Mitte der Halle lagen. Neugierig wie das alternde Weib war richtete sie sich sogleich wieder auf und huschte mit flinkem Schritt durch die Halle um einen Blick auf die Pergamente zu riskieren. Schon nachdem sie die ersten Zeilen überflog legte sie ihre Strickerei beiseite und griff nach dem zu oberst liegendem Blatt. Konzentriert begann sie zu lesen;
 
15. Rahja 1032:
…Heute erreichte uns am Gut ein Bote aus Papenstein. Er brachte Kunde von Leufels, welche die Bitte beinhaltete sich umgehend mit waffenfähigem Gefolge auf der Holzburg einzufinden. Grund hierfür wäre der vom Grafen ausgerufene Kriegszug gegen den Drachen Feracinor. Nachdem Hainrich von seinem Erkundungsritt zurückkehrte, veranlasste er sofort alles Nötige um dieser Aufforderung nachzukommen. Neben mir und meinem Gemahl werden auch der Waffenknecht Rulman und der Jäger Ragnir den Weg nach Papenstein und in weiterer Folge Hohenstein auf sich nehmen. Hainrich legte den Aufbruch mit dem 18. Tage des Rahja-Mondes fest. Mit der Verwaltung des Gutes wird bis zu unserer Rückkehr Mutter beauftragt…"
 
18. Rahja:
…Nach einigen Stundengläsern des Fußmarsches erreichten wir Problemlos und ohne Zwischenfall Papenstein. In der Holzburg selbst erwartete uns mit Leufels und seinem Gefolge bereits der kümmerliche Rest der Dergelqueller Ritterschaft. Wir wurden vom Vogt und seiner reizenden Gemahlin anständig empfangen und bewirtet. Mit großer Zufriedenheit muss ich anmerken, dass mit Leufels, so scheint es, nun endlich Normalität in der Holzburg zu Papenstein Einzug gehalten hat. Seit die tobrische Landplage im Efferd dieses Götterlaufes vom Gramsteiner geraubt wurde hat man als Dergelqueller endlich wieder das Gefühl, dass es wieder leicht Bergauf gehen könnte, wenn da nicht dieser vermaledeite Drache auf der Nimmerkuppe hocken würde…“
 
20. Rahja:
…Unter dem Banner Dergelquells zogen wir nun gemeinsam weiter in Richtung der Festung Hohenstein. Leufels selbst konnte, oder wollte uns nicht über den Plan aufklären mit welchem man dem Drachen begegnen wollte. Hainrich selbst war der Meinung, dass man für einen einfachen Drachen doch nicht die ganze Heldentrutz zusammentrommeln müsse. Was wäre denn, wenn beispielsweise der Ork diese Schwäche nutzen würde? In seinem beinahe dümmlichen Hochmut bot er Walthari gar an mit ihm gemeinsam auf die Nimmerkuppe zu ziehen um Dergelquell und die Heldentrutz von diesem Problem zu befreien – als Antwort erntete er jedoch bloß einen ernsten Blick über die Schulter des Vogtes. Ansonsten gibt es an diesem Tage nichts Aufregendes zu berichten. Es ging recht zügig und problemlos voran und im Dergelqueller Lager herrschte Zuversicht, um nicht zu sagen extreme Vorfreude auf den bevorstehenden Kampf…“
 
22. Rahja:
…Bereits drei Praiosläufe vor der eigentlichen Heeresschau erreichten wir die Festung Hohenstein, waren jedoch bei weitem nicht die ersten, die sich eingefunden hatten. Obwohl auf einem weitem Feld vor dem Dorf Waldscheit bereits überall Banner und bunte Bänder zu sehen waren und schon einige Zelte aus bemalten Tierhäuten aufgeschlagen wurden, hatte ich dennoch das Gefühl, dass es für eine vom Grafen ausgerufene Heerschau doch ein bisschen wenig ist. Ich kann mich noch gut an den Zug gen Orkenwall erinnern, dem im ersten Moment doch mehr Recken gefolgt waren…“
 
24. Rahja:
…Wenn ich in meinem letzten Eintrag schrieb, dass das Heerlager doch recht leer wirkte so muss ich das am heutigen Tage sofort berichtigen. Vor Waldscheit hat sich inzwischen alles eingefunden, was in der Grafschaft Rang und Namen besitzt; Ich sah den stolzen Bock der Böcklins…“
 
Firla setzte das Pergament kurz ab und spie verächtlich auf den Boden.
 
„…neben dem Schwan der Schnewlins. Ja, wenn der Graf ruft, dann haben auch die Fehden zu schweigen. Ich sah die goldene Festung des Hirschenborners, den Löwenkopf der Löwenhaupts, die Tanne Nordhags, den blauen Sparren der Weißensteiner, den Wolf von Gugelforst und auch, man mag es kaum glauben, den Falken der Fälklins. Doch dies waren natürlich bei weiten nicht alle der edlen Häuser, die sich in den letzten Tagen im Schatten der Feste Hohenstein eingefunden haben. Überall an den allabendlich entzündeten Feuern war die zuversichtliche Stimmung greifbar - niemand der Anwesenden verschwendete auch nur einen Gedanken daran, dass der Drache für diese Streitmacht eine Gefahr darstellen könnte. Ich für mich glaube das auch nicht und bezweifle bereits die Notwendigkeit dieser Heerschau…“
 
25. Rahja:
…Heute wurde ich völlig überraschend zur Lagebesprechung der hochgeborenen Herrschaften in die Festung gerufen. Begründet wurde dies damit, dass wohl niemand im Heerlager die Wälder Dergelquells so gut kannte wie ich. Neben den Baronen und Vögten waren auch ein Zwerg in edler Platte und drei Magier anwesend. Namentlich waren dies Baltram Eichbart von Weißenstein, Rastin Salix von Elenvina und ein Anverwandter des Hohenhainers, dessen Namen mir leider entfallen ist. Durch meine Anwesenheit erfuhr ich von dem Plan, mit welchem man dem Ungeheuer begegnen wollte. Die Magier sollten sozusagen als Köder eingesetzt werden und den Drachen auf den Boden locken, warum der Drache auf die Magier anspringen sollte habe ich in diesem Zusammenhang jedoch leider nicht verstanden. In weiterer Folge soll er mit Netzen und Pfeilen am Boden gehalten und durch die Ritter erschlagen werden. Auf meinen Einwand hin, dass dies Verhalten extrem unrondrianisch und der Herrin unwürdig sei erntete ich bloß zornige Blicke vom Grafen und unverständliches Kopfschütteln von den drei gelehrten Herren. Wer braucht Magie, sprach ich weiter, wenn die Herrin mit ihm ist? Doch stieß ich in dieser Runde auf taube Ohren. Darüber hinaus wurde ich wegen meiner Ortskenntnis einer Hand Kundschafter zugeteilt, die dem Heer unauffällig voranreiten und in späterer Folge die Magier in die ausgemachte Position bringen sollte…“
 
27. Rahja:
…Wahrlich es war ein Anblick, der selbst das Herz der Herrin Rondra höher schlagen lassen würde. Wie eine Schlange wand sich der Heerwurm durch die dunklen Wälder Dergelquells. Das Metall der vielen Rüstungen glänzte in der Sonne, die Banner flatterten im Wind, überall waren entschlossene und stolze Häupter zu sehen – ein jeder bis in die Haarspitzen vom bevorstehenden Sieg überzeugt. Ich sage es euch, dieser Anblick ist wahre Schönheit. Eine Schönheit, die keine Blume, kein Mann, kein Ross oder sonst etwas auf dem Dererund erreichen kann. Nichts kann diese Macht zerbrechen, wahrlich die Heldentrutz ward gekommen, gekommen um einen Feind mit eiserner Faust zu zermalmen und niemand, niemand der dieses Heer, diese geballte Kampfkraft vor sich sieht wird gegenteiliger Meinung sein können…"
 
28. Rahja:
…Welche Schmach! Herrin warum hast du uns nur verlassen? Der Kampf gegen den Drachen wurde ein schwarzer Tag für die Trutz, für Weiden, für uns alle. Der Plan den Drachen mit einer List zu täuschen und in einen Hinterhalt zu locken wurde bereits im Ansatz zunichte gemacht. Wir wollten dem Feind der Herrin ungefällig mit List gegenübertreten und wir bekamen die Rechnung für unseren Frevel präsentiert. Während wir uns an einem Hang nahe des Dergelbruchs bewegten bebte plötzlich die Erde – ein darauf folgender Erdrutsch begrub Teile unseres Heeres und schnitt die sich im hinteren Drittel befindlichen Männer und Frauen vom Hauptheer ab. Fast schien es, als wolle der Drache, denn er war anscheinend der Urheber eben dieses Erdrutsches, einige von uns verschonen. Die Geschichte des Kampfes ward schnell erzählt. Der erste Angriff des Drachen galt dem Grafen, der das Ungeheuer jedoch heldenhaft verwundete. Bevor Feracinor den verwundeten Grafen verschlang, führte Halgan von Hirschenborn seine Ritter der Finsterwacht in den Kampf und hatte durch diesen Heldenmut auch die meisten Verluste zu beklagen. Den Göttern sei es gedankt, dass wenigstens mein Bruder…"
 
„Mutter!“ Aerin stürmte mit schnellem Schritt in die Halle und nahm ihrer Mutter Firla das Pergament aus der Hand. Als diese anhob ihr etwas zu erwidern, fuhr Aerin fort; „Lass es Mutter. Ich will darüber nicht reden!“ Dann stapfte sie aus der Halle…