Ein kaiserliches Andenken

Baronie Urkentrutz, Travia 1036 BF

Die Sonne fiel durch das hohe Fenster des traviatreuen Hauses und warf einen Strahl auf Jenikas Gewand, auf die Stelle gleich da unterm Herzen. Die junge Frau hielt die Hände im Schoß, verschränkt als berge sie ein kleines Tier dort. Ihre Wangen waren rot, als sie die Tirade ihrer Mutter über sich ergehen ließ.

“Wirst du mir wohl seinen Namen sagen? Was denkst du dir eigentlich, wie das enden soll?”

“Du bist immer so böse. Ich muss dir gar nichts verraten.” Jenika war den Tränen ein weiteres Mal nahe. Der graue Wollstoff ihres Kleides war über der Brust bereits getränkt.

“Ich bin böse? Du weißt schon, dass du ihn nie wieder sehen wirst.”

“Das werde ich wohl.”

Ihr Mutter hatte nur ein verächtliches Schnauben dafür übrig.

“Er hat es mir versprochen”, beharrte Jenika.

“Und was dann? Meinst du er wird froh sein, wenn du ihm einen Bankert entgegen hältst?”

“Wir werden Mann und Frau! Das ist kein Bankert. Und dann leben wir in Gareth, in einem edlen Haus. Mit Dienstboten, sicher.”
Deliana Trutzenbeck schlug die Hände vors Gesicht. “Götter! Wo habt ihr eure Gaben nur an meinem Kind gelassen? Peraine, ja, die ist mit dir. Aber ein bisschen Hirn, Jenika!”

Ein Schluchzen ihrer Tochter war die einzige Antwort.

Deliana nahm sie in den Arm. “Vermutlich bin ich selber schuld. Kannst du ja nichts wissen, dass die Leute vom Hof einem hübschen Gesicht am Wegesrand nicht widerstehen können. Zu meiner Schwester nach Urkentrutz hätt’ ich dich schicken sollen an dem Abend. Aber ich wollte dir den Anblick eben nicht vorenthalten, die Kaiserin in ihrer Pracht, die Fahnen und Wimpel, die goldbeschlagenen Wagen.” Sie seufzte, wartete dass ihre Tochter sich wieder beruhigt hatte, dann warf sie einen Blick umher und lauschte um sicher zu gehen, dass sie nicht belauscht wurden. Fälschlicherweise beruhigt fuhr sie mit gesenkter Stimme fort. “Es ist jetzt keine Eile, und du willst sicher darüber schlafen, aber noch weiß es sonst keiner, oder? Du kannst immer noch zu den Kräuterfrauen im Blautann gehen. Du wärst nicht die Erste, glaube mir. Du kannst dir immer noch einen Mann aus dem Dorf suchen, mit ihm eine Familie gründen, ganz ordentlich. Nicht so, weil dir ein hübscher Höfling den Kopf verdreht hat…”

“Ein Ritter war er!”

“Dann eben ein Ritter. Glaub mir, es macht keinen Unterschied. Ein Mann eben, aus der Ferne. Der erzählt dir alles was du hören willst, damit er dir unter den Rock kommt. Und jetzt das.”

“Er kommt zurück.”

“Nein, Schatz, tut er nicht.”

Sie saßen noch eine Weile zusammen in der Stube, dann vergewisserte sich Deliana, dass ihre Tochter nicht mehr aussah wie ein verquollenes Häuflein Elend, und die beiden Frauen gingen hinaus, ihrem Tagewerk nachzugehen. Doch vor dem hohen Fenster saß Ingrold, der klobige, langsame Sohn der Baronin, noch eine halbe Stunde, regungslos wie ein Standbild, und dachte nach. Hätte seine Mutter ihn gesehen, dann hätte sie die kleinen Anzeichen erkannt, die sonst einen Zornesausbruch ihres Sohnes ankündigten. Seine Nasenflügel weiteten sich langsam, die Wangen wurden rot, die wulstige Stirn schien noch ein bisschen massiver, die Brauen buschiger, seine knochigen Schultern kantiger.

Als er sich erhob, griff er nach dem armdicken Ast einer nahen Buche, brach ihn mit einem Grunzen und schwang ihn wie einen Knüppel. Er ging los, nach Norden in Richtung der Reichsstraße, und alles was auf seinem Weg lag, wurde Opfer seiner Waffenkunst. Er schlug auf Mauern ein, zertrümmerte Zäune, mähte Gebüsch und Gesträuch, verjagte des Schmiedes Hofhund. Die Dorfbewohner ließen ihn gewähren und schüttelten ihre Köpfe. Sie wussten, dass die Baronin den Schaden bezahlen würde, und gleichwohl, dass man sich dem jungen Erben nicht in den Weg stellte. “Wenn er so ist, kennt er keinen Freund und keine Familie”, runten sie einander zu. Sie blickten ihm hinterher, als er den Weiler verlies.

An diesem Abend rief Mutter Marinad vergeblich nach ihrem Zögling, und als die Traviageweihte sich nach seinem Verbleib erkundigte, erfuhr sie von Ingrolds Wutanfall. Sie sandte zwei Jäger der Baronin aus, in nördlicher Richtung den Wald zu durchsuchen, doch sie kehrten mit leeren Hände zurück. Als der Junge auch am nächsten Tag nicht zurück kam, schickte Baronin Grimmwulf zwei ihrer Gefolgsleute auf die Suche, die an den Gaststätten und Gehöften entlang der Reichsstraße nach Ingrold fragten.

Jenika erfuhr durch den Dorfklatsch vom Vermissten. Sie kannte Ingrold nur als einen etwa unheimlichen, stillen Beobachter, der auffallend oft in ihrer Nähe herumzulungern schien. Doch die junge Frau hatte ihre eigenen Sorgen, und so kam sie nicht auf die Idee, einen Zusammenhang herzustellen. Der kaiserliche Tross aber hatte von diesem Tag an einen heimlichen Verfolger, der unermüdlich und unbeirrbar auf den Spuren des reisenden Hofes folgte.