Liebe ist kein Solo, sondern...

Dem umtriebigen Junker von Uhlengrund in der Baronie Hahnfels wird seine zukünftige Ehefrau vorgestellt.

Ort: 
Stadt Salthel
Junkergut Uhlengrund (Baronie Hahnfels)

Dramatis Personae:
Bärfried von Sunderhardt (Junker von Uhlengrund)
Inja von Sunderhardt (dessen Schwester)
Branda von Trenck (Schildmaid des Grafen der Sichelwacht)
Algrid Blaubinge von Pergelgrund (Dienstritterin und Begleiterin Injas)

 

Schänke Zum Silberdrachen, Salthel, Efferd 1038 BF

Wiederholtes Fluchen schallte durch die ausgestorben wirkenden Gassen Salthels. Der Herr Efferd spendete unaufhörlich seinen Segen und verwandelte die Straßen und Wege des Städtchens in schlammige Pisten. Über eben jenen Untergrund bewegten sich zwei schmale Gestalten, gehüllt in lange, schwere Wachsmäntel, auf den berüchtigten Silberdrachen zu.

„Krieg dich wieder ein Algrid…“, mahnte eine der beiden. „Es ist nicht das erste Mal und auch bestimmt nicht das letzte Mal, dass du nass wirst. Bist ja nicht aus Zucker.“

„Hmpf…“

„Wir sollten uns nicht erlauben übermäßig viel Aufmerksamkeit zu erregen. Der Silberdrachen ist ein gar düsterer Ort geworden… …wenn das stimmt, was man sich erzählt…“

„Und warum treffen wir uns dann hier mit ihr?“ Die Herzschläge zuvor ermahnte strich ihre Kapuze vom Kopf. Zum Vorschein kam das Gesicht einer jungen Frau mit freundlichen Augen. Ihre schulterlangen braunen Haare zähmte sie mit einem ledernen Band.

„Ich habe meine Gründe…“ Nun strich sich auch die Zweite ihre Kapuze vom Kopf. Ihre tiefen, dunkelblauen Augen fixierten ihre Begleiterin. „…halte dich einfach nur zurück.“

„Gut Inja.“ Algrid nickte ihr zu und sog noch einmal tief Luft ein als sie, vorbei an ein paar Alkoholleichen, die im Schlamm liegend ihren Rausch ausschliefen, die Schänke betrat.

Das Innere der Schänke erwies sich als Raum von beeindruckender Größe. So ausgestorben die Straßen der Stadt auch wirkten, hier im Silberdrachen wurden sie mit dem kompletten Gegenteil konfrontiert. Es schien fast so als hätte sich das Leben von den Straßen in den Schankraum des Silberdrachens verlagert. Aus diesem Grund dauerte es auch nicht lange bis die beiden jungen Frauen eine große Menge an abschätzigen, interessierten, aggressiven und auch lüsternen Blicken auf sich ruhen fühlten. Dabei half es auch nicht, dass Algrid ihren Mantel so weit zurück schlug um den Gästen einen Blick auf das Wappen ihres getragenen Wappenrocks und das gegürtete Langschwert zu gewähren.

Inja merkte zwar, dass sich ihre Begleiterin spannte, ließ sich jedoch nicht aus der Ruhe bringen. Suchenden Blickes sah sie sich im Schankraum um. Als sie einen kleinen, leeren Tisch erspähte, hellten sich ihre Gesichtszüge schlagartig auf. An die Schankmagd gerichtet orderte sie für sich und Algrid jeweils einen Krug Met.

„Und was jetzt?“ Algrid wirkte immer noch unentspannt, ja beinahe schon genervt und die aufkommende gute Laune Injas verstärkte dieses Gefühl noch.

„Jetzt..?“ Inja lächelte. „Jetzt warten wir…“

Es sollten nur einige Momente des Wartens vergehen, bis sich die Tür zum Schankraum ein weiteres Mal öffnete. Herein trat eine klein gewachsene Frau mit roten Locken, gewandet in die Farben der Grafschaft Sichelwacht. Ihre Augen waren blau und ihr Gesicht von zahlreichen Feenküsschen gezeichnet. Ihr Körper war kräftig und ließ darauf schließen, dass sie sich in stetem Training befand.

„Brandaaa…“, in einem Ausbruch von Fröhlichkeit sprang Inja von ihrem Stuhl auf und schloss die gerade Angekommene in ihre Arme. „…ich freue mich, dass du gekommen bist.“

„Inja. Ich freue mich ebenso.“ Branda von Trenck wirkte etwas verwundert ob des Gefühlsausbruches. Sie kannte die Sunderhardterin aus ihrer Zeit vom Grafenhof nur als stilles Mäuschen.

Inja verbrachte ihre Jugend auf Burg Aarkopf, wo sie gewissermaßen ein Dasein als Friedgeisel fristen musste. Weit ab ihrer Familie fiel es ihr sehr schwer Freunde oder Anschluss zu finden, weswegen sie sich zu einem sehr stillen, introvertierten Menschen entwickelte. Dies änderte sich jedoch mit Brandas Erscheinen. Branda war der Sprössling eines zahlreichen, jedoch unbedeutenden Geschlechts aus dem Firun der Baronie Rotenforst. Ihre Mutter lebt in Salthel, ihr Vater ist ein Ministerialer am Grafenhof.

Obwohl ihre Familie es sich nicht leisten konnte Branda in Knappschaft zu schicken, schaffte sie es, ob ihres Talents und auch ob der Verbindungen des Vaters, ein Stipendium an der Kriegerakademie zu Baliho gewährt zu bekommen. Nach der Beendigung ihrer Ausbildung trat sie in die Dienste des Grafen. Brandas erste Aufgabe war es dabei ein Auge auf Inja zu haben.

Es entwickelte sich eine Freundschaft zwischen den beiden jungen Frauen und Inja wünschte sich des Öfteren, dass ihre Bekanntschaft zu mehr als nur einer engen Freundschaft geführt hätte. Derartige Avancen wurden von Branda jedoch bereits im Keim erstickt. Seit Injas Abschied vom Grafenhof und ihrem Eheschluss in der Heldentrutz waren sie zueinander in stetem Briefkontakt gestanden.

„Bitte setze dich Branda. Trinke und speise mit uns.“ Inja wies auf den freien Stuhl zu ihrer Rechten.

Während die drei jungen Frauen – etwa ein Stundeglas war seit der Ankunft Brandas vergangen – beim Essen saßen und einen herzhaften Bohnen-Kraut-Eintopf verzehrten, tauschten Inja und Branda unentwegt alte Geschichten aus. Unterbrochen wurden diese Erzählungen von herzhaftem Lachen, oder vielsagendem Kichern. Algrid zog einige Male ungläubig eine Braue hoch. So wie heute hatte sie Inja noch nie erlebt. Ihr Gesicht strahlte und sie blühte förmlich auf. Algrid selbst war zuvorderst damit beschäftigt darauf zu achten, dass niemand der anwesenden, schmierigen Gestalten ihnen zu nahe kam.

„Schön ist es hier…“ Diese Bemerkung Injas ließ Algrids Aufmerksamkeit wieder gänzlich auf ihre Begleiterinnen schwenken. Schön??? Hier??? Wer war diese Frau??? Es konnte sich unmöglich um die Inja handeln, die Algrid kannte…

„Da kann ich dir nur beipflichten…“, erwiderte Branda und Algrids Augen wurden noch größer. Die Gesichter ihrer Begleiterinnen waren von Erregung und Alkohol bereits leicht gerötet. Nun war es an ihr gelegen einen kühlen Kopf zu bewahren. Irgendjemand musste ja dafür Sorge tragen, dass sie drei hier wieder lebend raus kamen.

„Wie sieht es eigentlich mit deinen Zukunftsplänen aus Branda?“, Inja schlug nun wieder ein etwas ernsteres Thema an.

„Wie meinst du das Freundin?“ Man konnte die Verwunderung Brandas über diese Frage und den plötzlichen Themenwechsel förmlich hören.

„Na möchtest du ewig auf Aarkopf sitzen, wohl wissend, dass der Graf deine Dienste sowieso nicht benötigt?“, setzte Inja nach.

„Hm…ich weiß es noch nicht…“

„…oder möchtest du nicht einen Mann, Kinder…eine Familie. Und das noch nahe der Stammlande deiner Familie?“ Inja unterbrach ihre Freundin in ihren Ausführungen. Inzwischen war der Rotton aus Brandas Gesicht verschwunden und ihre Haut hatte wieder deren natürliche Blässe.

„Was meinst du damit? Was hast du vor Inja?“

Es dauerte etwas bis Injas Antwort folgte. Es schien so, als würde sie innerlich nach den richtigen Worten suchen, oder gar damit ringen ob sie ihre Gedanken nun verbalisieren sollte. „Du kennst doch meinen Bruder…“, Inja schluckte. „…nun ich habe ihn vor einiger Zeit besucht…und er…äh…sehnt sich gewissermaßen nach einem Weib an seiner Seite.“

„…soso…gewissermaßen…“, Branda war skeptisch. Sie kannte Bärfried, hatte ihn jedoch schon seit Jahren nicht mehr gesehen. Auch wusste sie um sein Faible für Mirnhilde von Hahnfels, mit der er Gerüchten zufolge sogar einen Bankert haben soll.

„Ich weiß ich bitte dich um viel, Freundin. Aber ich wünsche mir nur das Beste für dich und meinen Bruder - warum dies nicht gleich miteinander verbinden.“ Inja blickte betreten auf den Tisch. „Ich liebe euch beide, deshalb bitte ich dich; begleite mich nach Uhlengrund und sieh ihn dir einmal an. Sprich mit ihm und vielleicht ergibt sich ja etwas.“

Branda leckte sich die Lippen. In ihr tobte ein Kampf. Ja sie wünschte sich von Aarkopf fort zu kommen. Sie hasste den Grafen und sein Gebaren. Auch konnten die Rotenforster Trencks einen zusätzlichen Verbündeten brauchen… Aber Bärfried von Sunderhardt? Er war ein Raubritter und Frauenheld, der seine Lehnsherrin und Schwertmutter anschmachtete und nicht wirklich reif für einen Ehebund wirkte. Ob dieser Mann der Richtige für sie sein soll? Sie war sich mehr als unschlüssig, aber sie werde dem Wunsch ihrer Freundin entsprechen – ihr zuliebe.

„In Ordnung, ich werde dem Ganzen eine Chance geben.“ Branda Antlitz war von Verlegenheit durchzogen. „Aber ich kann dir nichts versprechen.“

***

Junkergut Uhlengrund, Travia 1038 BF

Es war kalt für Anfang Travia. Die frisch beschniehenen Hänge der Roten Sichel glänzten im Licht des Praiosmales. Im Schatten der mächtigen Hänge bewegte sich eine kleine Reisegruppe, über Firuns Segen hinweg, auf das Dorf Uhlengrund zu. Die Pferde schnaubten und stießen bei jedem Schritt dicke weiße Dampfwolken aus ihren Nüstern - die Menschen waren dick eingehüllt in Mäntel und Felle. Alles in allem also eine Aufmachung, die die Ankömmlinge als besser gestellt auswiesen. Dennoch zeigten sie kein Wappen.

Bärfried von Sunderhardt stand auf der Palisade, oberhalb des Tores in sein Dorf. Wie immer, wenn unangemeldeter Besuch erschien ließ er das Tor schließen. Nicht etwa aus Feigheit, sondern vielmehr, weil er die ersten Worte an Unbekannte gerne von einer Position aus führte, die seine Überlegenheit in seinem Tal zur Schau stellte. Gilm, sein treuer Waffenknecht stand, seinen Bogen im Arm, neben ihm.

„Halt, wer da?“, es war eben jener Gilm, der auf das Kopfnicken Bärfrieds hin, das Wort an die Gruppe richtete.

„Bärfried, begrüßt man etwa so seine Schwester?“, Inja schlug ihre Kapuze zurück. Ihr Antlitz war von der herrschenden Kälte gerötet. Danach wandte sie sich der Person zu, die links neben ihr ritt. „Solch Gebaren musst du ihm wohl noch austreiben, liebe Branda.“

Die Angesprochene nickte, sagte jedoch nichts.

„Inja, das konnte ich ja nicht wissen.“ In einigen wenigen Sätzen sprang Bärfried von seiner Position hinunter und öffnete das Tor. Trotz herrschender Kälte, war er lediglich in ein weißes Leinenhemd und eine lederne Hose gewandet.

„Sehen wir vielleicht aus wie eine gräfliche Strafexpedition?“, grinste sie.

„Nein, sei nicht albern.“, Bärfried umarmte seine vom Pferd gestiegene Schwester. „Wie komme ich zu der Freude, dass du und dein...“ Er ließ seinen Blick über die handvoll Begleiter wandern. „...Gefolge mich beehren?“

Inja verstand den Wink und begann ihre Begleiter vorzustellen. „Algrid Blaubinge kennst du ja bereits. Sie ist die Dienstritterin meiner Baronin, die mir Gwidûhenna gemeinsam mit den beiden Knechten als Bedeckung mitgegeben hat. Und das hier...“, sie wies lächelnd auf die junge Frau zu ihrer Linken. „...ist Branda von Trenck. Eine gute Freundin von mir.“

Bärfried begrüßte seine Gäste freundlich, wobei sein Blick am Längsten auf Branda haften blieb. „Branda, es ist zwar lange her, aber ich kann mich an Euch erinnern.“, sprach er an die Trenckerin gerichtet, die seine Worte mit einem freundlichen Lächeln erwiderte.

Wer Bärfried kannte, der wusste, dass ihm die Situation nicht ganz geheuer war. „Kommt rein, wärmt euch, esst und trinkt. Und dann erzähle mir von deinem Begehr, liebe Schwester...“

Wenig später in der Halle...

Bärfried saß am Kopfende seines Tisches in seinem schweren Eichensessel und blickte auf seinen Besuch, der gerade dabei war eine wärmende und kräftigende Speise zu sich zu nehmen. „Schön einmal wieder so viel Besuch in der Halle zu haben.“

Inja ließ ihren Löffel sinken und grinste ihren Bruder an. „Ach sind dir deine gelegentlich Damenbesuche nicht mehr genug?“

„Lass den Unsinn, Inja. Sag mir lieber warum ihr vor dem Winter eine so weite Reise auf euch genommen habt.“

Die Angesprochene schnaubte. „Bruder mir ist bewusst, dass du noch nie durch die Mittnacht gereist bist um mich zu besuchen. Das soll jedoch nicht heißen, dass das auch für mich zu gelten hat, habe ich recht?“

Bärfried seufzte. „Nein...“

„Aber du hast recht.“, setzte sie nach. „Es gibt einen Grund für meinen...unseren Besuch. Du kannst dich noch an unser letztes Gespräch in dieser Halle erinnern?“

„Oje...“, nun schoss es dem Junker ein. „Diese Ehesache...“

„Ganz genau, lieber Bruder.“, Inja lächelte. „Und das ist auch der Grund warum Branda mich begleitet. Deshalb zeige dich von deiner besten Seite."

Sie ließ ihren Blick durch die Halle schweifen. "Ist ja schon einmal ein Fortschritt hier keine deiner Hu...äh...Damen anzutreffen...vor allem keine rothaarige, hochgeborene Hu...“ Der böse funkelnde Blick ihres Bruders schnitt ihr das Wort ab.

Bärfried wandte sich der Trenckerin zu. „Und...und ihr wärt damit einverstanden? Ich kann mich an Euch erinnern, Ihr wart Inja am Grafenhof eine gute Freundin. Dafür danke ich Euch, aber ich weiß nicht ob das so eine gute Idee ist...“

„Ich auch nicht.“, nun war es erstmals Branda, die das Wort ergriff. „Ich kenne Euch ebenso, auch kannte ich Euren Vater flüchtig.“

„Hmmm...“

„Ich weiß um Euren Ruf Bärfried und meine Anwesenheit habt Ihr einzig und alleine Inja zu verdanken, der ich hiermit lediglich eine Freundschaftsdienst erweise.“

Bärfried legte seine Stirn in Falten, dann hellte sich sein Gesicht schlagartig auf. „Läuft wohl nicht ganz nach Plan, liebe Schwester. Habe ich nicht recht?“

„Abwarten, lieber Bruder.“

„Ich habe gehört, ihr wünscht Euch ein Eheweib und eine Familie?“, war es nun wieder Branda, die das Wort erhob.

„Ja...“ Der Angesprochene antwortete erst mit Schweigen. Nach einer gefühlten Ewigkeit ließ er sich doch zu einer Antwort hinreißen. „Das wünsche ich mir. Ihr seht wie leer und kalt meine Halle ohne Familie ist.“

„Oh ja...dann ist es Euch als ernst?“

„Das ist es mir, ja.“, antwortete er.

„Sehr schön...sehr schön...wie nett es doch ist, wenn wir uns hier alle so angeregt unterhalten.“, dilettantisch versuchte Inja die steife Atmosphäre am Tisch aufzulockern.

„Ich werde dir etwas vorschlagen, lieber Bruder. Branda, Algrid und ich werden den Winter hier oben bei dir verbringen. Wenn sich eure Meinung voneinander bis zum Frühling nicht ändert, dann werden wir wieder abreisen und ich werde dich mit diesem Thema nicht wieder behelligen.“

Bärfried und Branda zogen gleichzeitig eine Augenbraue hoch.

„Wir haben einiges an Vorräten mit, ein Geschenk von meinem Gemahl. Den Rest müssen wir uns erjagen – das wäre dann gleich eine gute Gelegenheit euch näher kennen zu lernen.“

„Aber ich...“, wollte Branda einwerfen.

„Ach meine Liebe, ich denke der Graf wird froh darüber sein, dass du den Winter nicht auf seiner Burg herumsitzt...“, entgegnete ihr Inja.

Bärfried seufzte. „Gut, dann sei es so...“

-Fin-