Leuin contra Eidechse

Leuin contra Eidechse

Gut Stegelsche, Mitte Phex 1023


Ein eisiger Wind trieb die tiefgrauen Wolken von Firun her über den Himmel. Der feuchte Atem von Lyssandras Lichtmähnenwallach Jucco bildete Eiskristalle an den festen Barthaaren, die rund um die Nase des Pferdchens sprossen. Die Ritterin aus der Schwarzen Au bog gerade vom Weg nach Oberwaldig in Richtung des Rittergutes Stegelsche ab. Sie wollte ihren alten Freund Oberon, seine Frau und ihre kleine Schwester Ysilda besuchen, die seit einem Götterlauf als Pagin auf dem Gut diente. Nur zu gut erinnerte sich die Ritterin an ihre eigene Pagenzeit auf dem Gut der Uhlredders. Oberons Onkel Otus war ihr Dienstherr gewesen. Der schweigsame passionierte Jäger hatte die meiste Zeit bei der Beobachtung der Eulenvögel verbracht, die in den vielen Feldholzinseln mit Überhältern, kleinen Waldinselchen inmitten der Weidelandschaft mit einzelnen sehr hohen Bäumen, die verstreut über das Land des Ritters verteilt waren.

Die Ritterin hielt auf die recht große Feldholzinsel zu, in dem sich das Gut Stegelsche verbarg. Von weitem war nicht mehr als eine kleine Waldinsel inmitten der Äcker und Wiesen zu erkennen, die zum Gut gehörten. Einzig der Umstand, dass gleich drei große Überhälter in der Waldinsel lagen, machte sie besonders. Der Wachtturm des Gutes war nur zu erkennen, wenn die Bäume kein Laub trugen. Bereits während Lyssandras Zeit auf dem Gut der Uhlredders war es für die Türmer schwierig von dem Turm die Umgebung im Auge zu behalten. Lyssandra wusste das von dem Turm inzwischen eine schmale Seilbrücke in die Krone des größten Überhälters führte von der man aus Wacht halten konnte. Der Karrenweg, der auf die Feldholzinsel zuführte mündete in einen schmalen Hohlweg, gekrönt von einem im Sommer dicht-grünem Blätterdach. Nun im Phex zeigten sich bereits die ersten hellgrünen Knospen und Blätter, wenngleich in den letzten Tagen Firun ein eisiges Intermezzo gab. Die niedrigen Büsche glänzten schon mit dichterem Laubwerk während die Ifirnsglöcken und Anemonen auf dem lichten Waldboden wie in Eis erstarrt wirkten.

Kurz bevor man das Wäldchen betrat konnte Lyssandra die Brombeersträucher sehen, die die Uhlredders seit Generationen an der Außenseite rings herum um das Gut gepflanzt hatten. Direkt dahinter befanden sich in kurzen Abständen dichte Haselnussbüsche. Lyssandra erinnerte sich noch genau an die beliebte Arbeit diese Außenmauer zu hegen und zu pflegen. Sobald man die Grenze passiert hatte, sorgte das dichte Gehölz rings herum dafür, dass der Wind sofort nachließ. Wenn das Laubwerk dicht zugewachsen war, konnte draußen sogar ein Sturm toben, im Inneren der Waldinsel, auf dem Gut selbst, war dann nur noch eine schwache Brise zu spüren und ein ordentliches Rauschen zu hören.

Nach gut zwei Dutzend Schritten und zwei Bögen erreichte der Hohlweg unvermittelt einen kleinen Torturm. Er war zu wenig mehr geeignet um den Beginn des eigentlichen Gutes anzuzeigen. Lyssandra sah, dass die Palisade links und rechts noch löchriger als zu ihrer Zeit war. Die Uhlredders verließen sich immer mehr auf die gepflanzte Außenmauer anstatt auf eine Palisade mit dem Torturm als Barriere. Nachdem Lyssandra diesen passiert hatte öffnete sich der Blick und gab das Gut frei.

Es bestand aus einem großen, zweistöckigen Gutshaus aus Fachwerk und zwei Stallgebäuden links und rechts davon. Ein paar kleinere Hütten komplettierten den Stammsitz. Rauch stieg aus dem Schornstein des Gutshauses auf. Es sah einladend aus. Wie düster die Zeiten auch außerhalb Weidens oder in der Mittnacht selber waren. Hier inmitten des kleinen Wäldchens herrschte eigentlich immer eine gewisse Geborgenheit. Andere Familien mochten mächtige Burgen und dicke Steinmauern haben, wo die Uhlredders nur einen Ring aus Büschen hatten. Aber Stegelsche war wie ein lebender Organismus. Das machte das Leben auf dem Gut irgendwie besonders. Es gab jedenfalls wenige Uhlredders, die ihre Heimat dauerhaft durch eine andere ersetzten.

Der ein oder andere Gutsbewohner grüßte sie und ging seinem Tagwerk nach. Ein alter Jagdhund lag bräsig mitten auf einem dampfenden Komposthaufen, der neben einem Stallgebäude stand. Er sah nur kurz hoch als Lyssandra eintraf, bevor er seinen Kopf wieder auf den warmen Untergrund legte. Die Finsterbornerin nahm die Zügel an und parierte Jucco zum Stehen durch. Dann sprang sie aus dem Sattel. Bei Aufkommen zuckte sie ein wenig zusammen. Die eiskalten, schlecht durchbluteten Zehen schmerzen höllisch als sie auf dem harten Boden auftrafen. Die Ritterin sah sich um. Gleich neben ihr stand ein kleiner Busch, wohl eine Eibe, die in Form eines Herzens geschnitten war. Ein weiterer Busch, der einer Raute glich, stand neben dem Stall. Lyssandra musste grinsen. Es war offensichtlich, dass sich ihre kleine Schwester an der Vegetation des Gutes ausgetobt hatte.

Aus dem Augenwinkel nahm die Finsterbornerin eine Bewegung wahr. Sie drehte sich dem Stall zu, von dem aus jemand auf sie zugelaufen kam. Es war tatsächlich ihre kleine Schwester die freudestrahlend „die Große“ erkannt hatte.

„Schnell, schnell, Lyssi! Ich spiel mit Onkel Oberon verstecken. Wenn er mich findet, muss ich wieder mit den schweren Stöckern rumwedeln. Das ist langweilig…lass uns beide verstecken!“
Ohne wirklich auf ihre Schwester zu warten hopste sie zu dem rautenförmigen Busch und versteckte sich zwischen diesem und dem Stall.

Nur einen Herzschlag später kam Oberon um das Haupthaus herum. Er hatte zwei kleine hölzerne Übungsschwerter in der Hand welche nur ganz grob wie Schwerter geformt waren. Suchend sah er sich um und wo seine Miene eben noch genervt wirkte, erhellte sie sich sehr stark als er Lyssandra sah.
„Nah da soll mich doch der Uhl holen… Lyssandra was machst du denn hier?“

Lyssandra, die Ysilda gar nicht so schnell folgen konnte, wie die kleine Eidechse hinter den Busch gehopst war, fuhr herum. „Oberon! Wie schön dich wiederzusehen! Ich wollte mal sehen wie es dem kleinen Fratz hier geht. Schließlich hat sie morgen ihren 10. Tsatag!“

Nun erschien der rotbraune Lockenkopf wieder hinter dem rautenförmigen Busch hervor.
„Oh, du hast daran gedacht, Lyssi? Das ist aber lieb von dir!“

Mit ein paar hüpfenden Schritten kam Ysilda auf die beiden Erwachsenen zu. Lyssandra ging in die Knie und breitete die Arme aus. „Komm zu mir, meine kleine Eidechse!“

Liebevoll schloss sie ihre kleine Schwester in die Arme und streichelte ihr über das wuschelige Haar. Sanft flüsterte sie ihr ins Ohr. „Na, aber eigentlich sollte ich dich jetzt nicht von deiner Übungseinheit mit Oberon abhalten, nicht wahr?“

Ysilda zog eine Schnute. „Och, Lyssi, das Kämpfen ist soooo doof. Ich habe gar keine Lust darauf. Muss ich wirklich eine Ritterin werden wie du?“

Lyssandra lachte auf. „Na, Oberon, du scheinst noch nicht sehr erfolgreich gewesen zu sein, Ysilda von der Ehre des Ritterstandes zu überzeugen!“

Oberon rollte mit den Augen
„Nein noch nicht so wirklich. Dabei wollte ich eigentlich…“, er sah auf Ysilda und entschied wohl dann das es nicht das Schlauste wäre seinen geheimen Plan in ihrer Anwesenheit auszuplaudern.
„Ysilda was hältst du davon, du läufst rein und sagst Danja, dem kleinen Stinker und den anderen, dass deine Schwester da ist?“

Während der kleine Lockenkopf fröhlich hüpfend zum Haus lief, sah Oberon auf. „Du bleibst doch sicherlich ein paar Tage oder?“

Eine Stallmagd kam derweil näher und bot an sich um Lyssandras Pferd zu kümmern.
Die Ritterin aus der Schwarzen Au übergab der Stallmagd ihre Nordmähne und wandte sich an Oberon.

„Natürlich bleibe ich ein paar Tage, wenn ich darf. Und ich könnte mir vorstellen, dass es vielleicht eine gute Idee ist, wenn du und ich morgen mal ein kleines Übungsduell mit den Holzschwertern machen. Es könnte hilfreich sein, wenn sie mich und dich kämpfen sieht. Vielleicht kann ich ihr Vorbild sein.“
Sie sah neugierig zum Gutshaus hin.
„Ich bin gespannt, Danja und den Kleinen wiederzusehen.“

„Großartig!“, er legte Lyssandra freundschaftlich den Arm um die Schulter und führte sie in Richtung des Haupthauses.
„Das mit dem Übungskampf ist eine gute Idee. Alleine damit ich schon in Übung bleibe. Danja hat gerade viel mit dem Neugeborenen zu tun und Ontho hat ja auch erst zwei Winter hinter sich. Der macht auch mehr Probleme als dass er hilft.“
Oberon seufzte deutlich hörbar.
„… naja und mein Onkel Otus…er ist zwar erst 52 Winter, aber irgendwie wird er immer mehr wie eine alte Eule…“, Oberon blieb stehen drehte sich und Lyssandra um und deutete auf den Wachtposten in der Krone des Überhälters. Wenn man ganz genau hinsah erkannte man eine spindeldürre Gestalt die dort regungslos verharrte.
„Eigentlich steht er immer da oben und beobachtet. Sein Körper ist nur noch ein Schatten von früher aber die Augen sind fast schon schärfer wie früher!“

Die Freundin kicherte. Sie beobachtete den Ritter, bei dem sie ihre Pagenzeit verbracht hatte. Wie oft war sie mit ihm in einem der Überhälter gehockt und hatte Vögel beobachtet. Es sah tatsächlich so aus, als ob der Vogelfreund sich langsam aber sicher selbst in einen Uhl verwandelte.

Man konnte Geräusche aus dem Haus hören und die beiden Freunde drehten sich wieder um.
„Was Ysilda angeht…also Ausdauer und Kraft und dergleichen…da mache ich mir überhaupt keine Sorgen. Sie kann den ganzen Tag rennen, klettern und Dinge durch die Gegend schleppen. Nur das mit dem kämpfen ist absolut nicht das was sie will. Ein einziges Mal hat sie mit mir bisher ganz kurz mit den Stöckern geübt und zweimal hat sie kurz einen Lendner angehabt…das alte Stück kennst du wahrscheinlich noch… Jedenfalls denke ich, ich werde noch einen Winter warten und bis dahin weiter an ihrer Kraft und Ausdauer arbeiten und ihr ganz viel über die guten Seiten der Weidener Ritter erzählen. Was meinst du?“
Nachdenklich hörte Lyssandra zu.

„Hm, ja, sie ist sehr verspielt. Disziplin war noch nie ihre Stärke. Sie ist lebensfroh und phantasievoll, hat sich aber auch früher schon gegen strenge Regeln aufgelehnt. Es wird nicht einfach werde, sie von der Sinnhaftigkeit der ritterlichen Ausbildung zu überzeugen. Mal sehen was sie sagt, wenn sie ihre Geschenke sieht…“

Die Finsterbornerin zwinkerte Oberon zu. „Dann lass uns mal reingehen!“

Oberon nickte zustimmend und ging voran. Das Haupthaus des Gutes war ein Fachwerkhaus, das sicherlich schon eine dreistellige Anzahl an Wintern gesehen hatte. Wobei es so gut es ging instandgehalten war und nirgendwo Spuren der Vernachlässigung oder fehlender Aufmerksamkeit zu sehen war. Was sehr wohl zu sehen war, wenn man genau hinguckte, waren auf den hellen, gekalkten Feldern zwischen den Balken Spuren von diversen Zeichnungen. Alle in einer Höhe, die für eine ganz bestimmte Eidechse passte. Die frontale Eingangstür lag mittig in dem Haus und hatte einen Windfang davor. Dieser waren gleichzeitig ein Teil des Fundamentes für einen im ersten Stock liegenden Erker, welcher wiederrum genau zwischen zwei Gauben im Dachgeschoss lag. Irgendwie hatte man so den Eindruck, sehr wohl in ein befestigtes Gebäude zu gehen und nicht in ein normales Fachwerkhaus. Innen angekommen teilte ein Gang das Haus quasi in zwei Hälften und am anderen Ende des Flures war ein Treppenhaus zu sehen.

„Gehen wir in die gute Stube“, beschloss Oberon und führte Lyssandra in diese. Der große Lehmkachelofen welcher mittig im Raum stand war sicherlich in der Lage nicht nur diesen Raum wohlig warm zu machen. Der mit Steinen ausgelegte Boden war mit zahlreichen Fellen, keine edlen Stücke, dekoriert. Die Frau des Hauses, die Bornländerin Danja von Schwarzenmoos, begrüßte Lyssandra freudig. Dies tat sie allerdings mit einem Säugling im Arm welcher auch sofort das Quäken anfing. Nur das weitere Stillen brachte ihn zum Schweigen. Danja setzte sich wieder auf ein braunes Schaffell und lehnte sich an den Ofen. Vor ihr auf einem hellgrauen Schaffell spielte Ontho, das älteste Kind der beiden, mit geschnitzten Holzfiguren. Von Lyssandras Schwester war vorerst nichts zu sehen.

„Danja, wie schön dich so wohlauf zu sehen. Wie war die Geburt? Ist alles gut verlaufen?“
Lyssandra verband Geburten immer gleich mit Todesgefahr. Nachdem ihre Mutter bei der Geburt ihrer Schwester Ysilda gestorben war.
Sie setzte sich zu Ontho und schob ihm eines der hölzernen Schäfchen zu. „Määhh!“, machte sie und wartete auf die Reaktion des Kleinen.
Der Kleine nahm eine der Hundefiguren, bellte das Schaf ganz entschlossen an und schob es zu den anderen Schaffiguren hin. Oberon grinste und meinte
„Er wird mal ein großartiger Hütehund da bin ich sicher!“

Danja hatte den kleinen Oswin an ihrer Brust wieder soweit versorgt, dass er zufrieden war und vor sich hindöste. Auf die Frage von Lyssandra seufzte sie.
„Die Hebamme sagte mir, dass es beim zweiten Mal eigentlich einfacher gehen soll…ich weiß nicht, aber die Uhlredderkinder scheinen sich um sowas nicht zu schweren. Hat es bei Ontho schon gut 8 Stunden gedauert waren es bei Oswin mindestens nochmal die Hälfte mehr. Glaub mir zum Ende konnte ich wirklich überhaupt nicht mehr und ich war danach so schwach, es hat gut 3 Wochen gedauert bis ich wieder laufen konnte. Aber deine kleine Schwester das Goldstück hat mich so gut unterhalten… hat Oberon dir schon erzählt was sie aus dem Ofen oben gemacht hat?“

Überrascht hob Lyssandra die Augenbrauen. Sie befürchtete schon das Schlimmste.
„Nein, hat er nicht. Was hat sie denn wieder „verziert“?
Danja grinste was hoffentlich half damit Lyssandra ihre schlimmsten Vermutungen fallen ließ.
„Am besten zeigst du es ihr…die Kleine ist sowieso verdächtig lange schon da oben und es ist sehr ruhig.“ Oberon, der sich eben noch von der friedlichen Stimmung hatte einlullen lassen, richtete sich ruckartig aus. Seine Augen weiteten sich und er lauscht.
„Stimmt…du hast vollkommen Recht. Äh, Lyssandra, folge mir doch bitte!“

Sehr zügigen Schrittes, Lyssandra musste sich gehörig sputen, um dran zu bleiben, ging Oberon die Treppen rauf und schnurstracks in das Schlafzimmer von ihm und Danja. Dort angekommen war er kurz erleichtert und danach gleich wieder besorgt. Der kleine Wirbelwind war hier gewesen, aber hatte keine weiteren Spuren hinterlassen. Lyssandra war inzwischen auch da und sah sich um. Oberon deutete auf den Ofen der hier stand.
„Ich war auf der Jagd und Danja hat sich hier von der Geburt erholt. Der Ofen sah ursprünglich genauso aus wie der Unten. Irgendwo und irgendwie hat sich deine kleine Schwester Farbe besorgt. Erst hat sie alles was Lehmoberfläche war und kein Stein weiß getüncht. Naja und dann diese farbigen…Sachen draufgemalt. Ton hat sie auch irgendwoher organisiert und diese Formen gemacht. Zum Schluss diese kleine Figur die da oben am Rand drauf steht. Das ist ein großer Zimmermannsnagel an dem sie Scheiben von Kastanien, die sie vorher rot angemalt hat, drauf gesteckt hat. Diese haben Löcher mit kleinen blauen Steinen. Oben drauf ist aus Ton ein grünes Blätterdach. Ich habe mal gefragt, was das sein sollte und da war sie ganz empört und meinte natürlich sei das Gut Stegelsche bzw. seine Bewohner!“
Gespannt sah Oberon Lyssandra an um ihre Reaktion aufzunehmen.

Beeindruckt sah sich die Ritterin das Kunstwerk an, das ihre kleine Schwester geschaffen hatte. Sie hatte wirklich eine künstlerische Begabung. Vor allem ihre Vorliebe für organische Materialien und Formen war herausstechend. Ob aus ihr jemals eine Ritterin werden würde? War es der Einfluss der Tsageweihten Tsalind gewesen oder eine angeborene Begabung?
„Ich muss schon sagen, dass mir der Kamin so ausgesprochen gut gefällt und bin froh, dass ihr hier etwas Hübsches gelungen ist. Nicht auszudenken, wenn sie etwas kaputt gemacht hätte… oder gefällt es euch etwa nicht?“

Oberon hob abwehrend die Hände.
„Doch doch…gut wir haben das Weiße dann nochmal nachgearbeitet und das ein oder andere farbige Patschehändchen entfernt. Aber ansonsten ein sehr schönes Werk. Besonders bin ich ja beeindruckt von dem Kastanienmännchen. Das hat sie wirklich ganz alleine gemacht.“
Während er sprach sah er sich immer wieder suchend um.
„Jetzt ist nur die Frage, wo steckt die kleine Krö….Eidechse gerade nur wieder?“

Ganz offensichtlich war sie nicht in diesem Raum. Oberon und Lyssandra gingen durch alle weiteren Zimmer und auch durch die im Dachgeschoss. Nirgendwo war eine Spur von Ysilda. Anschließend machten sie sich wieder auf den Weg nach unten.
Währenddessen hatten sie sich die ganze Zeit unterhalten und Oberon hatte das Gespräch begonnen mit der Frage: „Wie sehen denn deine Pläne für die nähere Zukunft aus? Willst du auch bald Kinder oder auch erst ein paar Winter durch den Norden ziehen?“
Lyssandra hielt die Augen nach Ysilda offen während sie Oberon antwortete.
„Ne, ich will noch keine Kinder, dafür fühle ich mich zu jung. Alleine wenn ich bedenke, was es bedeutet, diese kleine Eidechse zu bändigen…“

In diesem Moment hörte sie die kleine Kinderstimme aus dem Garten erklingen.

„Kobold, Kobold komm zum Spiel!
Hüpf und spring zum großen Ziel!
Tanz und bieg dich,
dreh und wieg dich,
von Feld zu Feld,
im Kreis beweg dich!“

Grinsend wandte sich die Ritterin zur Hintertür des Hauses, die in den Garten hinter dem Gutshaus führte.
„Aber ich weiß schon was ich machen werde. Mein Onkel Garis und meine Tante Alisa aus Pertakis bzw. genauer gesagt aus Montalto in der Nähe von Shenilo im Lieblichen Feld haben mich eingeladen, eine Weile bei ihnen zu verbringen. Diese Einladung habe ich nun angenommen. Ich werde bald aufbrechen und wir werden ja sehen, wie es mir im Reich des Horas gefällt. Vielleicht bleibe ich ja länger. Vielleicht bin ich auch im Winter wieder hier. Mal sehen.“

Sie traten hinaus. Auf einer gekiesten Fläche, die zu einem der Stallgebäude führte, stand Ysilda. Um sich herum hatte sie mit einem Stöckchen zwei konzentrische Kreise mit etwa zwölf Feldern gezeichnet. Jedes der Felder hatte eine unterschiedliche Randlinie. Mal glatt, mal gezackt, mal in Wellenlinien oder unterbrochenen Linien. In jedem der Kästchen befand sich ein Symbol eines der Zwölfgötter. Oberon und Lyssandra konnten beobachten, wie die jüngste Finsterbornerin sich mit geschlossenen Augen in der Mitte des Kreises ganz schnell drehte, den Zeigefinger am waagrechten Arm lang ausgestreckt. Irgendwann blieb sie schlagartig stehen und guckte auf welches Feld ihr Finger zeigte. Lyssandra sah, dass es das Feld mit dem gebrochenen Rad war. Und sogleich krächzte Ysilda wie ein Rabe. Dann blickte sie unverwandt in einen der Büsche, die am Rand ihres „Spielfeldes“ standen und rief mit kindlicher Stimme: „Nun seid ihr dran! Kommt schon raus!“

Als nichts geschah zuckte Ysilda mit den Achseln und drehte sich erneut im Kreis. Nun zeigte ihr Zeigefinger auf den Pfeil des Firun. Ysilda machte nun eine Bewegung als würde sie einen Bogen spannen. In diesem Moment erkannte sie, dass sie nicht mehr alleine waren.
„Oh, Lyssi, Oberon! Erst wollte Opa Otus nicht vom Baum runter, dann wollte Opa Oldebor weiterhin Buchstaben in sein Buch malen und jetzt wollen die blöden Kobolde wieder nicht mitspielen!“, sagte sie enttäuscht und zog eine Schnute.

Oberon bekam große Augen und sah kurz zum Baum auf dem Oberons Onkel Otus Wacht stand und danach zum Turm in welchem Oberons Vater Oldebor sein Schreibzimmer hatte.
„Du warst bei beiden … warum denn?“

„Na du hast doch gesagt ich soll alle holen!“ Ysilda war selten schlecht gelaunt, aber jetzt war sie offenbar das, was böse am nächsten kam. Erst wurde sie durch die Gegend geschickt, dann tat die Hälfte nicht was sie sollte und jetzt noch die Kobolde.

„Äh ja… stimmt!“ gab Oberon wenig geistreich von sich und sah dann fragend zu Lyssandra. Deutlich stand ihm ein Fragezeichen und das Wort Kobolde auf der Stirn.
Lyssandra breitete lachend die Arme aus. „Mach dir nichts draus, Ysilda! Vielleicht spielt später jemand mit dir!“
Nachdem
sich das kleine Mädchen in die Arme der älteren Schwester geworfen und den Kopf trotzig an deren Schulter gepresst hatte, knurrte sie.
„Weißt du, Lyssi, nie hat jemand Zeit mit mir zu spielen. Immer geht es nur um Pflichten. Schreiben, Lesen, Kämpfen, Vögel beobachten, dem Wild nachstellen… boah, das sage ich dir, das ist echt langweilig. Und Ontho und Oswin sind einfach noch zu klein...“

Die älteste Finsterbornerin nickte verstehend. „Und die Kobolde? Was ist mit denen?“
„Na die haben wenigstens ab und zu Lust mit mir zu spielen. Allerdings auch nicht immer und manchmal verstecken sie mir meine Sachen oder zerstören ein neues Kunstwerk. Siehst du dort drüben? Dort habe ich eine Pyramide aus tollen Steinen und Schneckenhäusern gebaut. Und nun? Sie haben sie umgeworfen und mit den Schneckenhäusern kegeln gespielt. Naja, war aber auch ganz lustig…“

Ysilda kicherte. Dann nahm sie Lyssandras Hand und zog sie mit sich. „Komm, wir gehen hinein. Ich glaube, es gibt was zum Essen!“

Drinnen angekommen sahen alle, dass Danja inzwischen fertig war mit dem Füttern des Säuglings und dieser auf seinem Fell auf der Bank des Ofens schlief. Sie selbst saß mit Ontho am Tisch. Vor ihnen stand eine Brotzeit, die groß genug für alle war und bei der die Knoblauchbrote nicht fehlen durften. Letztere dampften sogar noch etwas da sie gerade erst aus dem Backofen gekommen waren.

„Setzt euch und greift zu“, sagte sie zu den beiden Finsterbornerinnen.
Oberon setzte sich neben seine Frau und noch bevor er seinen ersten Bissen nehmen konnte erzählte er Danja von Lyssandras Plänen.
„Oh…du willst wirklich ins Horasreich und dort vielleicht sogar länger bleiben. Ich war als Knappin einmal dort. Sehr oft sehr schön und vor allem sehr, sehr reich. Sei es an Gold als auch an Erträgen aus den Böden. Aber die Menschen da… ich will natürlich nicht gegen deine Verwandten wettern aber die, die ich damals getroffne hab…!“
Genussvoll griff Lyssandra zu. Sie liebte Knoblauchbrot. Und auch von der deftigen Brotzeit tat sie sich auf ihren Teller.
„Hmm“, schmatzte sie. „Oh, wie lecker, Danja! Hmm, ja die Horasier sind schon speziell. Aber bedenke, meine Mutter war ja auch Liebfelderin. Und ich finde, ich sollte zu meinen Wurzeln zurückkehren. Man kann sich ja schlecht eine Meinung bilden ohne Land und Leute selbst kennengelernt zu haben. Da ich die Möglichkeit nun habe, werde ich das auf jeden Fall machen. Natürlich kenne ich weder Tante noch Onkel, aber sie haben geschrieben, dass sie sich freuen mich zu sehen. Das haben sie jedenfalls Jahr für Jahr wieder betont in ihren Briefen.“

Ysilda sah mit großen Augen zu ihrer Schwester hin.
„Oh, du reist fort? Und ich? Was ist mit mir? Willst du mich etwa hierlassen?“
Es klang deutlich anklagend.
Oberon grübelte einen Moment
„Ja, seine Wurzeln ansehen ist sicherlich eine gute Sache. Ebenso wie ein wenig rumreisen. Das hat viele gute Seiten“, er sah kurz zu Danja rüber die er ja während seiner eigenen Zeit als Fahrender Ritter kennen gelernt hatte.
„und man lernt auch viele Menschen kennen. Aber für länger wie du eben draußen angedeutet hast? Meinst du nicht die Südländer werden dir mit ihrer Art auf den Geist gehen? Ich glaube die sind nicht so wie wir hier im Norden. Wissen nicht wie es ist, wenn einem nicht alles zufällt.“

Danja legte Oberon die Hand auf den Unterarm.
„Na nun lass mal gut sein! Das soll sich doch sicherlich auch deiner Meinung nach selbst herausfinden oder?“ Sie schien noch mehr sagen zu wollen als Ysilda sich ins Gespräch einbrachte. Danja strich der jungen Pagin liebevoll über den Kopf.
„Aber, aber, mein kleiner Grashüpfer. So schlimm ist es hier doch wohl auch nicht, oder? Wir wären wirklich sehr traurig, wenn du uns schon wieder verlässt. Sei sicher, deine Zeit kommt auch noch. Spätestens, wenn du Ritterin bist kannst du durch ganz Aventurien reisen, dir alles anschauen und fast überall wird man dich gerne als Gast begrüßen!“

Ysildas Schnute verschwand. Sie begann sichtbar zu grübeln.
„Hm, nein, nein, es ist schon schön bei euch!“, sagte sie schnell. "... und wenn ich dann später ganz Aventurien sehen kann, dann ist das schon was wert.“
Sie sah ihre große Schwester prüfend an. Lyssandra war Ritterin und durfte nun zu Tante Alisa und Onkel Garis reisen. Eine Weile blieb sie still, dann fragte sie unschuldig.
„Sag mal, Lyssi, Tsalind ist aber doch auch herumgereist bevor sie zu uns kam und auch als sie uns wieder verlassen hat. Nicht wahr? Und auch sie ist ein gern gesehener Gast in unserem Haus gewesen, oder nicht?“
Lyssandra nickte.
„Ja, das ist aber auch was anderes. Als Tsageweihte und Geburtshelferin ist man auch immer ein gern gesehener Gast. Alle Geweihten der Zwölfgötter werden hochgeschätzt und man hat sie gern zu Gast…äh, außer vielleicht die Borongeweihten…“
Die jüngste Finsterbornerin ahmte mit ihren Armen Schwingen nach und krächzte ein „Krah, krah!“ in die Runde.

Die Tischrunde musste grinsen. Ysilda wurde wieder nachdenklich. Sie schob sich ein Knoblauchbrot in den Mund und schwieg endlich auch mal.
Währenddessen erwiderte Lyssandra Oberon auf seine Frage nach der unterschiedlichen Mentalität von Weidenern und Horasiern.

„Ich nehme schon an, dass ich mich erst eingewöhnen muss und wenn mir die Putzsucht der Liebfelder und ihr arrogantes Getue zu viel wird, dann komme ich eben zurück oder mache noch einen Ausflug nach Garetien oder den Kosch. Mal sehen wo es mir gefällt und wo ich was lernen kann. Ich erhoffe mir von Onkel Garis und der Tante ein wenig über mehr über die Verwaltung von Gütern und so zu lernen. Der Onkel ist Inspectionsrat der Domäne Pertakis und die Tante Iustitiarin dort. Ich gehe davon aus, dass ich sicher einiges von ihnen lernen kann, was mir dann später in Weiden auch von Nutzen sein kann.“

Danja versuchte erstmal Ontho davon abzuhalten mit dem Holzhütehund die vermeintlichen Vögel am Tisch zu verbellen und war kurz raus aus dem Gespräch. Oberon dachte einen Moment nach.
„Da wird es sicherlich viele interessante Dinge zu lernen geben. Meinst du denn man kann viele davon auf Weiden übertragen? Ich meine die haben ja ganz anderes Wetter, Böden usw da unten. Naja, und auch wenn es mit den Wüstensöhnen wohl mal Probleme gibt eben keinen dräuenden Ork. Ich überlege gerade ob die überhaupt noch einen Heerbann und sowas haben. Hab gehört die würden sich komplett auf Soldaten und vor allem Soldknechte stützen. Ich weiß nicht, ob ich mir da sicher vorkommen würde, wenn ich gegen Feinde bestehen muss und an meiner Seite nur Leute haben, die wegen dem Gold da sind und nicht wegen ihres Standes und den Verpflichtungen, die dieser mitbringt! Aber ich will dir das bestimmt nicht miesmachen. Es wird eine sehr schöne Zeit werden…mal sehen ob du, wenn du wiederkommst noch in die Rüstung passt“
Frech grinste Oberon Lyssandra an und deutete mit den Händen an, dass sie dick und rund werden würde.
Die Finsterbornerin hob die Augenbraun in gespieltem Ärger.

„Na, na, na, Vorsicht, Herr von Uhlredder! Ich bin ziemlich sicher, dass man immer etwas von anderen Kulturen lernen kann. Meinem Dafürhalten nach würde ich sagen, dass man sich schließlich das Beste aus all dem herauspicken kann. Natürlich ist nicht alles eins zu eins übertragbar, aber vielleicht ist doch was Verwertbares dabei.“

Lyssandra beobachtete inzwischen ihre kleine Schwester, die eine Eidechse aus Karottenstückchen auf dem Tisch auslegte. Dann angelte sie sich eine sauer eingelegte Gurke und schien die Karottenechse damit angreifen zu wollen. Sie täuschte einen Angriff an. Mit einigen geschickten und flinken Handgriffen baute sie die Eidechse um, so dass sie ihr Hinterteil der Gurke zudrehte. Beim nächsten Angriff des sauren Gemüses, warf die Eidechse ihren Schwanz ab und verschwand Stück für Stück im Mund des Mädchens. Ysilda grinste schmatzend ihre große Schwester an.
„Schlaue Eidechse, was?“

Grinsend packte Lyssandra die Rechte der Kleinen mit der Gurke und biss herzhaft den „Kopf“ ab. Siehst du, so macht es die Ritterin. „Kopf ab!“
Dann wandte sie sich wieder Oberon zu.
„Habt ihr beide bestimmte Pläne für den kommenden Götterlauf?“

Danja sah bei der Frage nur nacheinander auf Ontho, Oswin und Ysilda und sagte:
„Ich denke wir werden gut beschäftigt sein damit und mit unserer Aufgabe. Um den Schutz der südlichen Grenze von Urkentrutz nicht zu vernachlässigen werden wir wahrscheinlich abwechselnd ausreiten und einer bleibt immer hier bei den Dreien. Wobei Ysilda bestimmt auch mal mit ausreiten möchte oder? Du kennst ja längst noch nicht alles!“
„Genau,“ mischte Oberon sich ein.
„Ich habe dir bisher allerhöchstens die Hälfte der Verstecke und Geheimnisse erzählt und gezeigt die ich kenne. Das kleine Wäldchen voller Uhus, die große Biberburg, das Tal der Laufenten…“, Oberon erfand diese Orte nicht, wie Lyssandra wusste, und der Ritter war sehr gespannt ober er seine geliebte Heimat damit wieder interessanter machte.
Die Freundin aus der Schwarzen Au lächelte.
„Oh ja, ich erinnere mich noch gut an die vielen Uhus, die putzigen Biber und die Laufenten. Wirklich, das weckt Erinnerungen an schöne Zeiten.“
Sie drehte sich zu Ysilda.
„Wie du ja weißt, habe auch ich meine Pagenzeit hier auf Stegelsche verbracht und bin die meiste Zeit in den Baumwipfeln herumgeklettert oder von einer Waldinsel zur nächsten geritten, um nach dem Rechten zu sehen.“

Ysilda nickte gelangweilt. Sie kannte die Leier. Lyssandra wurde nicht müde von ihrer Pagen- und Knappenzeit zu erzählen, wann immer die Schwestern sich trafen. Aber da auch die jüngere Ysilda sehr tierlieb war, spitzte sie dennoch die Ohren als es um Biber und Laufenten ging.
„Oh, die würde ich auch gerne mal besuchen. Können wir da gemeinsam hinreiten?“, fragte sie mit strahlenden Augen.
Nun war es Lyssandra, die einen fragenden Blick an Oberon sandte.
Oberon nickte sogleich.
„Na, sonst hätten Danja und ich es ja nicht vorgeschlagen. Und das Beste ist, wenn du hier bleibst, müssen wir immer wieder mal hin. Wir haben jede Menge von diesen Waldinseln zwischen den ganzen Wiesen und Weiden. In nahezu jeder davon gibt es was zu entdecken und was Spannendes zu finden!“
Oberon schwärmte begeistert von seiner Heimat und die Schwärmerei kam aus tiefsten Herzen.

Nach dem Essen besuchten Lyssandra und Oberon den alten Otus auf seinem Ausguck und brauchten fast anderthalb Stunden um ihn zu überzeugen mit runter zu kommen. Die Kinder waren inzwischen nacheinander ist Bett gewandert Lediglich Ysilda durfte noch mit unten bleiben und hatte es sich in einem großen Sessel bequem gemacht. Alle erwachsenen Uhlredders, die zur Zeit auf Gut Stegelsche waren, Otus, Oldebor, Oberon und Danja versammelten sich vor dem Kamin. Lyssandra musste sich mit Ysilda in den Sessel setzen und nachdem beide eine bequeme Position gefunden hatten schlief Ysilda nach wenigen Minuten ein. Die fünf Erwachsenen unterhielten sich vorm knackenden Kaminfeuer, guten Getränken und leckeren Schnitzen von einem Laib Ziegenhartkäse noch eine ganze Weile und gingen dann nacheinander ins Bett.



Am nächsten Morgen gab es, wie auf Gut Stegelsche üblich, ein recht schmales Frühstück. Nur ein wenig Grütze, im Moment aus Buchweizen, mit Wasser, etwas Milch und einem Schlacks Saure Sahne. Wer mochte konnte noch ein paar gedörrte Pflaumen oder Walnüsse dazu tun.

Als Ysilda etwas verschlafen zum Frühstück erschien, wurde sie von tosendem Applaus und einem „Hoch soll sie leben, Tsa soll sie ehren, dreimal hoch! Hoch! Hoch! Hoch!“ von allen Anwesenden begrüßt.
Lyssandra hatte ihre mitgebrachten Geschenke auf dem Stuhl ausgebreitet auf dem Ysilda sonst Platz nahm. Das eine war ein sehr hübsches Kleid, das die Mutter der beiden, Thalya, einst für Lyssandra genäht hatte. Der fließende, hellgelbe Stoff war in der Manier der horasischen Mode gearbeitet worden. Spitze verbrämte den Halsausschnitt, eine samtige Borte trennte unter der Brust das Oberteil vom langen Rock, der in mehreren Stufen bis zum Boden fiel.
Das zweite Geschenk bestand aus einem Gambeson und einer wattierten Bruche die sie selbst in ihrer Pagenzeit getragen hatte. Die frisch gebackene Ritterin war gespannt was ihre kleine Schwester dazu sagen würde.

Ysilda freute sich sichtlich über die Begrüßung und juchzte als sie die Geschenke sah.
„Ui, du hast mir was mitgebracht, Lyssi? Das ist toll!“
Ihre Hände glitten zunächst über den Stoff des Kleides. Sie hob es hoch und hielt es sich hin. Es war noch ein wenig zu lang, sah aber wirklich sehr hübsch an ihr aus.
„Hat Mutter das genäht?“, fragte sie leise.
„Ja, das hat sie!“, bestätigte Lyssandra.
Der kastanienbraune Lockenkopf strahlte. „Wie schön! Ich will es heute gleich anziehen!“
„Vielleicht ziehst du zuerst das andere Geschenk an? Was meinst du?“, fragte die ältere Schwester.
Nun erst bedachte Ysilda das zweite Geschenk mit einem abschätzigen Blick.
„Ne, das glaub ich nicht!“, sagte sie bestimmt. „Das ist nicht so hübsch!“
Lyssandra atmete tief durch.
„Das ist mein erster Gambeson und die gepolsterte Bruche damit die Schläge und Streiche mit den Übungsschwertern nicht so weh tun.“
Ysilda sah kurz auf die beiden Kleidungsstücke, die so praktischen Nutzen hatten. Dann sah sie ihre ältere Schwester wieder an.
„Hm, mag sein, aber ich will gar nicht mit den Übungsschwertern herumkloppen!“
Dieses Mal seufzte Lyssandra hörbar.
„Wie wäre es, wenn du die Sachen mal anziehst und ausprobierst. Das Kleid kannst du dann später anziehen, wenn wir mit dem Übungskampf fertig sind und auch den Ausritt hinter uns haben.“
Die Zehnjährige zog eine Schnute. Um einen weiterem Trotzanfall vorzubeugen, mischte sich Oberon ein.
„Wie sieht es aus? Gleich bereit für den Übungskampf?“

Danja stellte einen dampfenden Apfelkuchen auf den Tisch.
„Er muss noch etwas abkühlen. Ich mach die Jungs noch fertig, schlage dann etwas Sahne und dann können wir ihn essen in Ordnung. Dann haben wir auch noch ein paar weitere Geschenke für dich. Bis dahin kannst du ja mit deiner Schwester und Oberon rausgehen.“

Lyssandra hatte ihr Frühstück inzwischen auch beendet und nickte
„Klar bin ich bereit! Magst du dich umziehen, Ysilda? Ich helfe dir mit dem Anlegen des Gambesons!“
Achselzuckend ergab sich die jüngere Finsterbornerin. Wenig später stand sie, etwas verloren wirkend, in dem wattierten Übungsanzug bereit.

Oberon hatte für Ysilda ein hölzernes Übungsschwert dabei während er und Lyssandra mit ihren echten Klingen üben würden.
„Lasst uns am Anfang ein bisschen warm machen und ein paar Grundhaltungen üben. Schau mal hier Ysilda“, Oberon fasste sein Schwert mit beiden Händen und hielt es hoch über den Kopf wobei seine Arme über die Ellenbogen eingeknickt waren so das im Zwischenraum zwischen Armen und Brust eine Art Raute entstand.
„Das ist eine sogenannte Hohe Wacht…manchmal auch die Hohe Wacht des Falken genannt. Sie ist etwas anstrengender da man das Schwert die ganze Zeit hoch hält aber hat viele andere Vorteile. Versuch es einmal.“
Die jüngste Finsterbornerin fand das Spiel ganz nett.
„Bin ich ein wachsamer Falke?“, fragte sie, während sie ihr Holzschwert hoch über den Kopf hielt. Doch schon bald wurde es ihr langweilig. Sie stellte sich auf das linke Bein, zog das rechte Bein an. „Guck mal, jetzt mache ich `Der Storch seht auf einem Bein!´ Und nun...“
Ysilda ging in eine Standwaage, stach mit dem Holzschwert in Richtung des Bauches von Oberon und schwankte dabei gefährlich.
„…bin ich der Kranich, der am Seeufer landet. Hi, hi, Oberon, du siehst eher aus wie eine watschelnde Ente und Lyssi wie ein aufgeplusterter Spatz! Naja, Onkel Otus ist ja ohnehin eine flügellahme Eule…“
Eine steile Falte zwischen Lyssandras Augenbrauen ließ Ysilda verstummen.
„Oh Mann, seid ihr langweilig…“
Oberon seufzte hörbar und schüttelte kurz den Kopf. Danach fing er sich aber wieder. Leicht tadelnd sprach er Ysilda an.
„Denk bitte daran das Onkel Otus vor allem eine sehr alte Eule ist. Er hat viele schlimme Dinge gesehen und erlebt. Da wollen wir ihm doch seine verbleibenden Tage auf dieser Welt so verbringen lassen wie er es möchte. Ihm gefällt es nun einmal den ganzen Tag da oben im Baumwipfel zu stehen und alles zu beobachten. Wir müssen es ja nicht verstehen. Ich würde mich sehr freuen, wenn du das machen würdest Ysilda.“

Nachdem Tadel versuchte er es mit ein wenig Humor.
„Nimm lieber Onkel Oldebor. Der hat Stegelsche und Urkentrutz so gut wie nie verlassen und sicherlich noch sehr viel Kraft doch sitzt er am liebsten an seinem Tisch und krakelt auf Papier und Pergament rum.“
Oberon liebte seinen Vater Oldebor doch der gemütliche Mann und Verwalter war alles andere als ein Ritter sondern ein gemütlicher, kleiner Mann mit ordentlicher Plauze, der am liebsten nur zwischen seinen drei-vier Lieblingsplätzen, zu denen fraglos Esstisch, Sessel vorm Kamin und Bett gehörten, wechselte.
„Wollen wir nochmal den Falken machen? Ich verspreche dir auch der Falke wird sich bewegen, auf einem Bein stehen und andere Bewegungen machen. Wenn du groß bist und eine Ritterin kannst du dann problemlos deinen eigenen Stil entwickeln und zum Beispiel die Wacht des Storches deinen Knappen und Pagen beibringen.“

Na gut…problemlos war glatt gelogen. Um eine eigenen Schwertkampfstil zu entwickeln musste man wahre Meisterschaft im Schwertkampf erlangen. Das würde Ysilda sehr, sehr wahrscheinlich nie. Aber Oberon hoffte darauf, dass sie das nicht wusste und Lyssandra ihn auch nicht verriet.

Sie machten noch einige Lockerungs- und Dehnungsübungen, Grundpositionen, Ausfallschritt, Paraden. Dann hießen Lyssandra und Oberon Ysilda zusehen und stellten sich für einen Schaukampf in Pose. Beide hatten vereinbart, der Pagin ein paar sehenswerte Finten und Riposten zu zeigen. Nach kurzem Geplänkel Klinge an Klinge mit gegenseitigem Angriff und der passenden hohen oder tiefen Parade, machte Lyssandra einen blitzschnellen Schritt zurück, drehte sich einmal um die eigene Achse und stieß dann mit der Schwertspitze nach vorne. In einem wirklichen Kampf wäre ein solches Manöver viel zu gefährlich. Er dauerte zu lange und bot dem Gegner zu viel Angriffsmöglichkeiten, doch es sah gut aus und sollte die Aufmerksamkeit der jüngsten Finsterbornerin fesseln. Oberon parierte mit einer beindruckenden Lässigkeit. Nun täuschte er einen Angriff an, ließ die zum Gegenangriff nach vorne stoßende Ritterin ins Leere laufen und griff der Stolpernden mit der Linken an den Schwertarm.

Lyssandra fluchte, drehte sich vor Oberons Brust ein, so dass er sein Schwert nicht einsetzen konnte und stieß ihm den Ellbogen in die Rippen. Der Griff lockerte sich und sie konnte ihren Schwertarm befreien. Heftig atmend versuchte sie Platz zwischen sich und Oberon zu bekommen.
Oberon sah immer wieder mal in Ysildas Richtung und hoffe sie würde bei der Sache bleiben… es vielleicht sogar interessant finden.

Dann konzentrierte er sich mehr auf den Kampf. Er mochte das Lyssandra ihrer kleinen Schwester etwas bieten wollte. Er lies sie daher auch einige Manöver durchführen die in einem echten Kampf eher ein letzter riskanter Versuch vor einer Niederlage waren. Auch er selbst tat es ihr mehrere Male nach. Dann aber fand er sollte der Kampf auch ihm und Lyssandra etwas bringen. Nach einer beeindruckend aussehenden Drehung von Lyssandra griff er an. Sie roch den Braten zwar noch rechtzeitig und revanchierte sich mit einem Ellbogenstoß in seine Rippen aber war dann schon gehörig am pusten.

„Na ein wenig die Ausdauer vernachlässigt?“
Oberon ließ nicht viel Zeit für Antworten und griff in einer schnellen Abfolge aus Attacken an und drängte Lyssandra mehr und mehr zurück. Der Kampf hatte einiges an Intensität zugenommen. Gerade als er einen Versuch für einen finalen Angriff starten wollte hörte er ein durchdringendes
„Hört auf!“

Vollkommen überrascht sah er zu Ysilda hinüber. Die Kleine hatte sich auf den Boden gesetzt und ihr Holzschwert offenbar weggeworfen. Mit zitternder Unterlippe und Tränen in den Augen sah sie anklagend zu Lyssandra und Oberon.
„Ihr seid doch Freunde… ihr sollt euch nicht hauen und weh tun… ihr sollt euch lieb haben… lasst uns bitte etwas anderes spielen… ich will niemanden verhauen den ich lieb habe!“
Überrascht und erschrocken ließ Lyssandra das Schwert fallen und beugte sich zu Ysilda hinunter. Sie nahm die kleine Schwester in den Arm.
„Aber, aber, kleine Eidechse! Wir üben doch nur! Das ist doch kein Ernst, meine Kleine.“
Sie streichelte der Zehnjährigen über die Wange.
„Es ist ganz normal, dass man auch bei Übungskämpen alles gibt. Der Gegner schont einen später ja auch nicht. Aber natürlich tun wir uns nicht ernsthaft weh! Nun komm, wir gehen hinein. Du kannst dich umziehen und das neue Kleid anziehen. Das ist doch eine Idee, oder?“
Schniefend nickte Ysilda.
„Ja, das ist eine gute Idee! Das mit dem Kämpfen gar keine gute Idee!“
Achselzuckend sah die Ritterin den Freund an.

„Was soll man da machen? Eidechsentränen konnte ich noch nie widerstehen.“, gab Lyssandra kleinlaut zu.
Auch Oberon brach es fast das Herz als er die schwer mitgenommene Zehnjährige sah. Innerlich fragte er sich zwar wie aus so einer zarten Seele jemals eine Ritterin werden sollte aber das stand jetzt nicht an erster Stelle. Er streichelte Ysilda sanft über den Kopf während sie bei Lyssandra im Arm lag.
Als die beiden Schwestern dann aufbrechen wollten nickte Oberon und lächelte dabei.
„Aber natürlich…wir haben jetzt auch erstmal lange genug geübt. Die nächsten Tage Ysilda werden schöner da machen wir das mit den Ausritten und besuchen die Laufenten!“

Lyssandra sah er etwas länger an. Zwar hatte Ysilda noch 4 Pagenjahre vor sich und danach noch 6 Jahre als Knappin…also sehr viel Zeit. Aber mit jedem Tag wuchsen seine Zweifel. Vielleicht musste Ysilda einen anderen Weg gehen. Er wollte es noch ein paar Monate versuchen aber spätestens dann mit Ysildas Vater ein Gespräch suchen. Überlegen ob man nach der Pagenzeit vielleicht etwas anderes machen sollte. Wenn alles so wie heute bliebe würde Oberon die Grundlage weiter legen. Ysilda würde reiten lernen, Fährten suchen, Lesen, Schreiben und einiges anderes. Aber Kämpfen…da musste ein gehöriger Wandel kommen und zwar bald.

Die Ritterin aus der Schwarzen Au ahnte Oberons Überlegungen. Ihr ging es genauso, wenn sie das gesamte Verhalten ihrer jüngsten Schwester betrachtete. Im Gegensatz zu Horatio und ihr würde Ysilda vermutlich keine Ritterin werden. Aber es gab ja auch ein Leben jenseits von Kettenhemd und Schwert.

„Weißt du was? Das ist eine gute Idee! Morgen reiten wir gemeinsam aus und besuchen die Laufenten! Und jetzt komm, Ysilda, wir gehen hinein!“