Ein Anlass zur Freude

Ein Anlass zur Freude

 

Pallingen, 30. Rahja 1043 BF

 

Die Praiosscheibe spielte an diesem Tag Verstecken mit den Weidenern. Sie lugte ab und an zwischen den teils bedrohlich dunkelgrauen Wolken hervor. Dann wurde es sofort warm, ja beinahe schwül. Versteckte sie sich jedoch hinter einem der Wolkenungetüme, wurde es merklich kühler.

 

Wie in der Einladung der Gräfin von Bärwalde dargelegt, traf Lyssandra von Finsterborn mit ihren Begleitern bereits Ende Rahja in Pallingen ein, damit sie über die Namenlosen Tage nicht reisen musste, aber dennoch pünktlich zum Praiosfest auf der gräflichen Burg sein würde – unter anderem, um ihren Lehnseid zu leisten. An ihrer Seite ritt ihr Bruder Horatio. Beide wurden gefolgt vom Dienstritterpaar Oberon und Danje von Uhlredder, Minerva, Lyssandras ältester Tochter und Knappin Oberons, Horatios Knappen und einer Kutsche in der Lyssandras jüngste Tochter Eylin und die Magd Wigdis Platz gefunden hatten.

 

Gleich hinter dem Burgtor wurden sie von gräflichen Bediensteten erwartet, von denen sich einige um die Unterbringung der Pferde kümmerten, während andere den menschlichen Gästen ihre Quartiere zeigten. Lyssandra war zufrieden mit den Räumlichkeiten, in denen sie die schlimmste Zeit des Jahres verbringen sollte. Sie ließen es an Komfort nicht mangeln und boten einen schönen Blick auf das gräfliche Land, das Burg Rotdorn umgab. Der Bedienstete, der ihnen alles zeigte, erklärte ihnen auch, wo die Rondrakapelle und der Ifirn-Schrein zu finden waren – für den Fall, dass sie in den schweren Tagen, die sie erwarteten, geistlichen Beistand oder einfach nur Ruhe und Einkehr für Gebete in einer gesegneten Umgebung suchten.

 

Nachdem das geklärt war, umriss er den weiteren Ablauf ihres Aufenthalts. Er informierte darüber, wann die Mahlzeiten serviert wurden und dass es während der Namenlosen Tage möglich war, sich Essen aufs Zimmer bringen zu lassen, wenn man lieber für sich sein wollte. Er zeigte ihnen auch, wo sich Aufenthaltsräume befanden, in denen sie sich bei Interesse mit anderen Gästen der Gräfin treffen konnten – denn es waren bereits einige für die Feierlichkeiten zur Sommersonnenwende am 1. Praios sowie für das Praiosfest am 2. und 3. Praios und den wenig später folgenden ersten gräflichen Gerichtstag des Jahres 1044 eingetroffen.

 

Lyssandras Vereidigung sollte um die Mittagsstunde des 2. Praios herum erfolgen, und es war damit zu rechnen, dass sich einiges an Publikum einfinden würde, denn sie gehörte im weitesten Sinne zu den Feierlichkeiten am Jahresbeginn. Der Finsterbornerin wurde eröffnet, dass eine Geweihte des Götterfürsten, die eigens aus Baliho angereist war, den Eid segnen und der Rondra-Hofgeweihte ihn bezeugen würde. Am Abend würde es dann ein Bankett geben, für das sie als einer der Ehrengäste eingeplant war – all ihre Begleiter seien natürlich auch eingeladen. Offenbar ging die Gräfin davon aus, dass Lyssandra auch am 3. Praios, dem letzten Tag des Praiosfests, bleiben und somit frühestens am 4. Praios wieder abreisen würde – so sie dem Gerichtstag am 12. nicht bewohnen wollte.

 

Nachdem er ihr all das erklärt worden war, verabschiedete sich der Bedienstete mit einem freundlichen Lächeln und wünschte Lyssandra einen schönen Aufenthalt – auf dass sie und ihre Lieben die unheiligen Tage zwischen den Jahren gut überstehen mochten.

 

Tatsächlich verbrachten die Junkerin der Schwarzen Au und ihre Begleiter die unheiligen Tage mit einer Mischung aus Rückzug, Ruhe und Gebet. Mal verbrachte Lyssandra Zeit im Gebet mit dem Rondra-Hofgeweihten, dann wieder gemeinsam mit Minerva und Eylin im Ifirn-Schrein. Auch die Dienerin des Götterfürsten, eine gewissen Assunta von Auraleth, bat die Finsterbornerin um ein gemeinsames Gebet. Sie ließ ihren Begleitern jedoch frei, ob sie die Nähe der Geweihten suchen oder die Tage lieber in der Gemeinschaft der gräflichen Gäste verbringen wollten. Vor allem ihre beiden Töchter suchten natürlich die Gesellschaft während Lyssandra sich erst am Abend vor dem Beginn des Praiosfests zu den anderen Gästen begab. Gemeinsam mit ihrem Bruder und den Dienstrittern verbrachte man den letzten der namenlosen Abende in einem der Gemeinschaftsräume beim Gespräch. Eylin war nicht lang geblieben, sondern hatte sich bald mit Wigdis in die zugewiesene Unterkunft zurückgezogen. Minerva aber hielten die angeregten Gespräche ebenso lange wach wie die Mutter.

 

Der erste Praios begann mit den Feierlichkeiten zu Ehren des Götterfürsten – und die waren klein, aber durchaus fein. In Dorf Pallingen am Fuße von Burg Rotdorn lebten nur ein paarhundert Menschen. Glanz und Glorie sowie prächtige Umzüge, die Lyssandra aus den Metropolen des Neuen und Alten Reiches durchaus kannte, waren also von vornherein nicht zu erwarten gewesen. Die Greifenstandbilder, die bei der Prozession durchs Dorf getragen wurden, konnten sich aber sehen lassen. Sie waren kunstfertig gearbeitet und alles andere als klein, was sicher nicht zuletzt damit zusammenhing, dass dies die Feierlichkeiten am Stammsitz der neuen Gräfin von Bärwalde waren.

 

Griseldis und ihr Gemahl hatten sich zu diesem herausgeputzt und boten somit ebenfalls einen sehr gefälligen Anblick. Kam noch hinzu, dass die Pallingerin einige ihrer Vögte und anderes Adelsvolk zu sich an den Hof geladen hatte, um das Fest mit ihr zusammen zu feiern. So war eine recht illustre Schar zusammengekommen. Ein paar dieser Leute, die Vögtin von Dornstein etwa und den Schildgrafen Kerling von Löwenhaupt, hatte die Finsterbornerin während ihres Aufenthalts schon kennengelernt und hatte daher das Gefühl, nicht mehr ganz ohne Anschluss zu sein.

 

Bei einem Götterdienst auf dem Dorfplatz schließlich hörte sie die Praioranerin, die ihr am nächsten Tag den Lehnseid abnehmen würde, zum ersten Mal predigen. Vor allem anfangs schien es ihr, als ob die schmale Frau nicht gern auf dem Podest stand und zu der für einen Praiosdienst in Weiden vergleichsweise großen Menge sprach. Lyssandra hatte mittlerweile munkeln hören, dass Ihre Gnaden Assunta nur eine Notlösung darstellte: Weil der hochbetagte Tempelvorsteher Balihos, Brunn Baucken, bettlägerig war, hatte er den Weg nach Pallingen nicht selbst antreten können und eine Mitstreiterin entsandt. Die fremdelte mit dieser Aufgabe offenbar, fing sich aber im Laufe des Götterdienstes und brachte ihn zu einem würdigen, trotz aller Ernsthaftigkeit beschwingten Ende.

 

Danach war die Stimmung recht gelöst, was sowohl den Feierlichkeiten im Dorf diente, denen der Adel nach dem Götterdienst noch eine Weile beiwohnte, als auch dem deutlich kleineren Fest auf Burg Rotdorn. Dort ließen Griseldis und ihre Lehnsleute den Tag schließlich ausklingen – und hatten es dabei nicht sonderlich eilig. Es war schon spät, als sich die Gemeinschaft auflöste und alle auf ihre Zimmer gingen. Glücklicherweise stand der Lehnseid erst für die Mittagsstunde an, sodass für Lyssandra durchaus die Chance bestand, noch ein paar Stunden Schlaf zu kriegen, so an Schlaf überhaupt zu denken war. Die Ereignisse der letzten Tage und die so wichtige Feierlichkeit des kommenden Tages wirbelten durch den Kopf der Finsterbornerin. Stolz war sie darüber für ihre Familie diese Ehre zu gewinnen. Die Gräfin befand sie für würdig, zukünftig die Geschicke der Baronie Urkentrutz zu lenken und den Baronsreif zu tragen. Wie sehr würde sich ihr Vater darüber freuen! Wie traurig, dass gerade sein Tod ihr diese Würde eintrug, andernfalls hätte womöglich er den Baronsreif für die Finsterborner erhalten und sie hätte ihm stolz zugesehen, wie er vor der Gräfin gekniet und den Eid geleistet hätte. Nun sollte es anders kommen. Doch eines war sicher, für die Familie mit dem Stammsitz in der Schwarzen Au würde der kommende Tag von herausragender Wichtigkeit sein, hoffentlich für viele Generationen.

 

 

***

  1. Praios 1044

Als es endlich so weit war, verspürte Lyssandra neben gehöriger Anspannung fast so etwas wie Erleichterung, denn nun waren es nur noch wenige Schritte bis sie offiziell zur Baronin von Urkentrutz erhoben werden würde – und eigentlich konnte jetzt nichts mehr schiefgehen. Sie hatte den Thronsaal mit gemischten Gefühlen betreten und mit ebenso gemischten Gefühlen wahrgenommen, wie groß die Anzahl der Zuschauer war. Der gesamte Hofstaat, die adeligen Gäste der Gräfin und wie es aussah auch einige ausgewählte Zuschauer aus dem einfachen Volk hatten sich versammelt und die Blicke aller ruhten auf ihr, als sie in Richtung des Throns schritt.

Zum Glück konnte sie in der Menge die vertrauten Gesichter ihres Bruders und ihre Töchter sowie der Uhlredders erkennen, was ihr Mut und ein wenig mehr Ruhe verlieh. Auch das Lächeln der Gräfin, die auf ihrem Thron saß und heute sehr viel herrschaftlicher wirkte, als Lyssandra sie bisher kannte, war durchaus ermutigend. So steuerte sie recht leichten Herzens auf die Praioranerin und den Rondrianer zu, die ihr den Eid abnehmen würden.

Während Griseldis und zu ihnen trat, ging Lyssandra auf, dass sie die erste Baronin sein würde, die die Pallingerin selbst in dieses Amt hob – und dies womöglich auch für lange Zeit bleiben würde, da die anderen Bärwaldener Herrscherhäuser alle über hoffnungsfrohe Erben verfügten ... außer in Mittenberge, wo Walderia von Löwenhaupt ...

„Kniet nieder!“

Die Stimme der Praioranerin riss Lyssandra aus ihren Gedanken. Sie tat, wie ihr geheißen wurde und erinnerte sich auch an das, was Assunta beim Gespräch in den Namenlosen Tagen erklärt hatte. Ganz ohne Aufforderung faltete sie daher ihre Hände und streckte sie der Gräfin entgegen, die sie daraufhin mit ihren eigenen umschloss. Als gäbe es im Moment nichts Wichtigeres, nahm Lyssandra wahr, wie warm Griseldis’ Hände waren und wie kalt ihre eigenen daher wohl sein mussten. Kein Wunder, die Aufregung war groß. Sie nahm außerdem die raue Haut der Gräfin wahr, die einer Kriegerin eben und nicht einer Hofdame. Entsprechend fest war der Griff, was Lyssandra durchaus zusagte. Denn es deutete für sie auf eine zupackende, starke Herrscherin hin, auf die Verlass sein würde.

Umso leichter fiel es ihr die Worte der Praioranerin und des Rondrianers nachzusprechen, die sich beim Vortragen des Lehnseids abwechselten – was ungewöhnlich war, in einem Land, in dem der Glauben an die Himmelsleuin so hoch gehalten wurde wie in Weiden, aber durchaus angemessen. Lyssandra von Finsterborn gelobte ihrer Gräfin unverbrüchliche Treue und Gehorsam, Ratschluss nach bestem Gewissen und unter Außerachtlassung ihres eigenen Vorteils sowie Waffengefolgschaft im Falle kriegerischer Auseinandersetzungen. Sie gelobte außerdem, den Zehnt zu zahlen, die Gebote der Zwölf zu achten und einen mutigen, ehrenhaften Lebenswandel zu führen, auf dass sie Ruhm und Ansehen der Grafschaft sowie ihrer Herrscherin mehren möge, statt sie zu beflecken. Anschließend durfte Lyssandra sich erheben und Griseldis gelobte ihr Schutz, falls es zu feindlichen Übergriffen kommen sollte, und auch, ihr in anderen Lebenslagen zur Seite zu stehen, so es denn notwendig würde.

„Auf die Zwölf, die Ehre und alles, das wir lieben und das uns heilig ist“, sagten sie schließlich beide zur gleichen Zeit, während die Praioranerin eine segnende Geste machte. Lyssandra war so auf ihre Gräfin konzentriert, dass sie nicht genau mitbekam, was die beiden Geweihten in diesem Moment taten. Sie bemerkte aber sehr wohl das Aufblitzen eines Lichtstrahls, der den Thronsaal mit einem Mal erfüllte und eine angenehme Wärme mit sich brachte – jedenfalls für sie. Sie spürte dem Gefühl noch nach, fragte sich, ob es eher Geborgenheit oder Ergriffenheit war, als Griseldis die Hände von ihren löste.

Sie wandte sich ab, aber nur kurz, um nach etwas zu greifen, das auf einem samtenen Kissen lag. Ihr Gemahl hatte es gerade an sie herangetragen und präsentierte es mit einem höflichen Lächeln. Lyssandra erkannte den Baronsreif von Urkentrutz aus dem Augenwinkel. Gefühlt dauerte es nur einen Lidschlag, bis Griseldis ihn mit einer feierlichen Geste gehoben hatte – so weit über ihre Köpfe, dass jeder hier im Saal erkennen musste, worum es sich handelte. Dann senkte sie ihn auch schon galant auf das Haupt der Finsterbornerin, die in diesem Moment tatsächlich nichts als Ehrfurcht verspürte – in erster Linie vor der großen Verantwortung, die sie gerade übernahm.

„Ich präsentiere Euch Ihre Hochgeboren Lyssandra von Finsterborn“, hallte die Stimme der Gräfin da auch schon durch den Saal. „Baronin von Urkentrutz und damit eine meiner vornehmsten Vasallinnen.“ Darauf folgte ein Moment des Schweigens. Dann vernahm Lyssandra ein leises „Hört, hört!“ vom fernen Ende des Raums. Sie war ziemlich sicher, Oberons Stimme erkannt zu haben und konnte sich im Anbetracht dessen ein schmales Lächeln nicht verkneifen. Dann ertönte Handgeklapper, Hochrufe mischten sich in den Lärm und mehr als einmal hörte sie ihren Namen. Ja, das alles hier war nur für sie!

Lyssandra suchte ihre Töchter im Saal. Sie blickte in strahlende Gesichter. Und auch das zufriedene Lächeln ihres Bruders ließ die frisch vereidigte Baronin die Tragweite der Lehensübertragung verstehen.

Neben ihrem Bruder stand Gilborn von Pandlaril-Wellenwiese. Der Junker von Wiesenrath war mit seiner Frau schon zum 01. Praios angereist, derweil seine Schwester, die Vorsteherin der Wiesenrather Perainetempels dort mit dem greisen Diener des Götterfürsten Perval den Götterdienst zum Beginn des neuen Götterlaufes gefeiert hatte. Gilborn nickte der Finserbornerin freudig zu und hatte ihrem Bruder freundschaftlich den Schwertwarm auf die Schulter gelegt. Er raunte ihm etwas zu.

 

Es schlossen sich ein festliches Bankett und ein fröhlicher Gesellschaftsabend an. Beim Festbankett hatte sie die Ehre mit ihren Töchtern beim Grafenpaar zu sitzen. Die Gräfin war außerordentlich gesprächig und so plätscherte die Unterhaltung zwischen Weidener Adelsgeschichten und außerweidener Politik hin und her. Auch der Bruder der Bärwalder Gräfin, Kunrad von Pallingen saß mit am Tisch und bereicherte die Unterhaltung durch einige interessante Wortbeiträge.
Die Tafel bog sich fast unter dem was Weidener Äcker und Weiden so hervorbrachten. Geschmackvoll zubereitet und für das Auge hübsch angerichtet wurde das Festbankett zu einem wirklichen Erlebnis, das Lyssandras Vereidigung nicht mehr vergessen sollte.

In einem ruhigen Moment traten der Wiesenrather Junker und Ismena von Trebenauen, seine Gemahlin, an Lyssandra heran. Neben den eigenen Glückwünschen sprachen sie die  Einladung nach Wiesenrath für die Rückreise der neuen Baronin aus. Perval von Wehrheim würde sich geehrt fühlen, wenn er ihr dort auch den Segen seines Gottes spenden dürfte. Außerdem, so hatte er wohl augenzwinkernd verraten, hätte er auch ein Geschenk für ihren Bruder Horathio.

„Oh, natürlich würde ich euch gerne besuchen!“, freute sich Lyssandra. Das Junkergut lag ohnehin auf der Heimreise und sie war gern in der Gesellschaft des Wiesenrathers. „Und es wäre mir eine Ehre den Segen des Götterfürsten durch Perval von Wehrheim zu erhalten.“

Neugierig beobachtete sie ihren Bruder und Gilborn. „… soso ein Geschenk…“, raunte sie vielsagend. „Na, wir werden uns die Gelegenheit sicher nicht nehmen lassen in Wiesenrath Station zu machen, Gilborn, und danken herzlich für die Einladung!“

Die Musiker hatten gerade eben zu spielen begonnen und schon füllte sich die Tanzfläche. Mit einem entschuldigenden Lächeln zu Ismena und einem rhetorischen „du gestattest?“, forderte die frisch vereidigte Baronin Gilborn zum Tanz auf.