Auf in den Kosch - Turnier - Handwaffen

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Einhandkämpfe
Brodilsgrund vor Angbar, 11. & 12. Rondra 1041 BF

Horald von Hundeberg war allein. Nicht nur auf der staubigen Straße sondern auch im Leben. Seine Frau Jolina – eine Tochter des Blauenburgers, wie sie stets stolz betonte – war vor Jahren verschollen, und Horald hatte es nach langer Suche aufgegeben, sie zu suchen. Er hatte einsehen müssen: Seine Frau war tot. Aventurien war ein gefährlicher Kontinent. Ihr gemeinsamer Sohn war bereits Knappe. Er diente einem Fahrenden Ritter, so wie Horald auch einer war. Einem gewissen Answin Welf von Hindenhag, oder „Ritter Welf“, wie er sich gern nannte. Horald selbst hatte keinen Knappen. Er hätte wohl auch keinen ernähren können. Die alte Rüstung, das Pferd, seine Waffen - das und eine gute Handvoll Goldmünzen war alles, was ihm sein Leben als Ritter in Nostria bisher eingebracht hatte.

Anders als seine Frau war er nie aus seinem Heimatland herausgekommen. Er hatte dem einen oder anderen Herren gedient. Ein echtes Heim, oder gar ein eigenes Lehen, hatte ihm dies aber nicht eingebracht. Nun, mit schon bald 50 Götterläufen, wollte, oder musste, er noch einmal ausziehen, denn sein letzter Dienstherr hatte Frieden geschlossen und keinen Bedarf mehr an Dienstrittern. Also zog er nun aus auf Abenteuer. Auf Aventiure, wie die romantischen Barden sagen. Horald war kein Romantiker. Und auch kein Abenteurer. Aber wer wusste schon, was die Götter einem alten Schlachtross wie ihm noch bereiten mochten. Er hatte gehört dass im Kosch ein Fürst zum Turnier geladen hatte. Nun ja, er war nie einer der besten Tjoster gewesen. Aber vielleicht konnte er bei dem Turnier einen Adligen aufmerksam machen.

„Wir werden das schon machen, was Brauner?“, liebevoll tätschelte Horald von Hundeberg den Hals seines Warunkers, der zustimmend schnaubte.


***


Adaque von Mersingen machte sich bereit für den nächsten Kampf. Mit Hilfe ihrer Knappin Hannafried von Schartenstein, die kurz vor der Schwertleite stand und schlecht gelaunt war, da sie nicht am Turnier teilnehmen durfte, war die Rüstung noch mal auf korrekten Sitz geprüft worden. Zum Schluss kam der Schaller, dessen Visier sie zunächst noch offen ließ. Hannafried reichte ihr Schwert und Schild.

Das Schwert war ein Geschenk ihres Schwertvaters, des Grafen von Eslamsgrund, gewesen und entsprechend gut gearbeitet. Der Schild dagegen war ein übliches Gebrauchsstück, welches das Wappen der Familie Mersingen zeigte, in dessen Herz das Wappen der Familie Böcklin stand. Da es die erste Runde relativ wenig zu verteidigen gab, war der Schild noch nahezu unberührt.
 
So gewappnet und gerüstet ging Adaque auf ihren Gegner zu. Sie grüßte den ihr unbekannten Ritter aus Nostria freundlich und ließ dann ein knappes „Bringen wie es hinter uns“ folgen. Ja, Adaque empfand beim Kämpfen keine große Freude. Ganz im Gegenteil genau genommen, auch wenn sie versuchte, dies zu verbergen. Wobei es bei ihr weniger, wie vielleicht bei ihrem älteren Gegenüber, an den vielen Kämpfen lag. Genau genommen hatte sie davon, besonders außerhalb von Turnieren, noch nicht wirklich viele erlebt. Ihr stand auch nicht der Sinn danach und die paar Begegnungen mit Schwarzpelzen, die sie gehabt hatte, seitdem sie in Weiden lebte, reichten ihr vollkommen. Nur das und der Wille, ihrem Stand zu entsprechen und ihre Familie zu schützen, sorgten dafür, dass sie sich überhaupt noch in den Kampffertigkeiten schulte. Sie war sich sicher, würde sie in ... Gareth leben ... würde sie keine Waffe mehr anfassen. Jedenfalls klappte sie nach der Begrüßung das Visier hinunter und ... beendete es schnell.

Sie war selber überrascht,  wie schnell und ... ja,  fast gnadenlos sie ihren Gegner niedermachte. Dieser verfügte zweifellos über größere Kampffähigkeiten, Erfahrung und Kraft. Vielleicht färbten die Predigten des Hofgeweihten, er war ein Mann Firuns, und dass ihr Mann diesen Lehren immer mehr abgewann, langsam auch auf sie ab. Doch schnell verdrängte sie diese Gedanken und ging zum am Boden liegenden Ritter hinüber. Sie reichte ihm die Hand, um ihm aufzuhelfen: „Wie geht es Euch? Ich hoffe, keine ernsthaften Verletzungen?“

„Nein, Eure Hochgeboren, den Zwölfen sei Dank hat Euer Schwertgewitter meinen alten Kettenmantel nicht durchdrungen. Aber bei der Leuin, Ihr seid wahrlich schnell!“

„Das ist gut“, kommentierte Adaque zunächst den ersten Teil, bevor sie, mit leichtem Kopfwiegen zum zweiten überging. „Ich fürchte, es lag eher an meiner persönlichen Einstellung, dem Kämpfen zum Spaß nicht viel abgewinnen zu können und an den Predigten des Hofgeweihten meines Gatten. Eben jener Geweihte ist ein Diener des Alten vom Berg.“

Tatsächlich hatte der alte Nostrier keine Chance gegen die 20 Jahre jüngere Mersingerin gehabt. Er war einfach zu langsam gewesen. Und vielleicht hatte er sie auch unterschätzt. Sich selbst für erfahrener gehalten. Immerhin hatte er in der ersten Runde seine Gegnerin – eine Sturmfels – wie auch seinen Gegner beim Gestampfe nach zähem Ringen besiegen. Dass diese junge Ritterin ihn nun dermaßen schnell bezwungen hatte, nagte an seinem Stolz – und an seinem Selbstvertrauen. War er etwa schon zu alt für das Waffenhandwerk? Er versuchte, die aufkommende Sorge mit einem Scherz zu verdrängen. Mit einem Blick auf Adaques noch immer makellosen Schild sagte er:

„Na, da hat der Bock die Hunde aber mal ordentlich auf die Hörner genommen. Habt Dank für diese Lektion! Und ich wünsche Euch Rondras Huld in den kommenden Kämpfen!“

Adaque schmunzelte über den Witz des Ritters. Irgendwie war ihr der Kämpe sympathisch. Er erinnerte sie ein wenig an ihren abgekämpften Vater, sie den wohl niemals im Kampf besiegen würde. Ein bisschen aber auch an einen einsamen Wolf mit leichtem Hinken. Das Leben schien recht hart zu dem Nostrier gewesen zu sein.

„Habt Dank für diese Wünsche. Ich werde Euch im Auge behalten, Rittersmann. Ihr nehmt doch noch an weiteren Disziplinen teil?“

„Am Tjost noch ... mal sehen, wie ich da abschneide ...“, antwortete dieser.

 
Zweihandkämpfe
Brodilsgrund vor Angbar, 13. & 14. Rondra 1041 BF

Rossgilda ließ den Blick ein letztes Mal prüfend über ihren Onkel gleiten und nickte dann knapp. Sie war jetzt endlich rundum zufrieden mit seiner Rüstung und dem Waffenrock. Na, so zufrieden, wie man mit dem altertümlichen Kram sein konnte. Mit Abstrichen eben! Ganz ohne Abstriche war sie mit seiner generellen Erscheinung zufrieden. Die hatte sich in den vergangenen Götterläufen sichtlich zum Positiven gewandelt. Rossgilda war sehr überrascht gewesen, als sie ihm 1039 mit einigen Jahren Abstand erstmals wieder begegnete. Damals fiel es ihr schwer, das, was sie sah, mit dem in Einklang zu bringen, was sie erinnerte. Als Kind hatte sie eine Heidenangst vor dem älteren Bruder ihres Vaters Wolfherz gehabt. Zu den wenigen Gelegenheiten, an denen sie ihn sah. Also wenn er sich nicht in der Fremde herumtrieb – „auf der Suche nach Erlösung“, wie ihre Mutter zu sagen pflegte.

Die Koscher Knappin betrachtete den Weidener Baron nachdenklich – gebogene Nase, starkes Kinn, dunkle Haare und Augen. Er war immer noch kein Sonnenscheinchen. Ein bisschen wirkte es, als hätten all die Jahre unter dem Bann einer rachsüchtigen Hexe einen Schatten auf sein Gemüt geworfen. Einen, den er nicht mehr so recht loswurde. Aber das machte nichts, denn er war gleichwohl weit entfernt von dem tobenden Nachtmahr, den sie dereinst erlebt hatte. Heute sah sie ihn gelegentlich lächeln, hatte ihn in den vergangen Tagen sogar ein oder zwei Mal herzhaft lachen hören. Ein gutes, kehliges Lachen, das ansteckte. Jetzt gerade wirkte er jedoch eher konzentriert und ein bisschen grantelig. Rossgilda ertappte sich dabei, mit den Fingern ihrer Linken hinterm Rücken das Zeichen gegen das Böse zu machen. Auf dass er sich ja nicht wieder zurück verwandle. Das wäre ganz schlecht gewesen.

Mit der Rechten reichte sie ihm unterdessen den Helm an. Wenn er den aufsetzte, war eh alles egal. Dann konnte er gucken wie ein Daimon und niemand bekam es mit. Widderich nahm das gute Stück entgegen, setzte es aber natürlich noch nicht auf. Das würde er erst kurz vor dem Kampf tun. Jetzt ... jetzt betrachtete er es stattdessen aufmerksam und sein Blick fing sich an einer Stelle, die er besser nicht so genau angesehen hätte.

„Sag mal ...“, kam es denn auch sogleich, „... habe ich beim Gestampfe etwa einen Schlag auf den Kopf bekommen? Ich kann mich nicht erinnern ...“

Rossgilda sah, wie er mit dem Daumen über eine frische Scharte fuhr und schluckte nervös. Die hatte sie da rein gehauen. Beim letzten von fünf Lanzengängen, zu denen Bärfang und Aardor sie überredeten. Bislang war sie noch guter Hoffnung gewesen, dass ihrem Onkel das entgehen würde. Aber jetzt ... jetzt musste sie sich schnell etwas einfallen lassen. Rossgilda räusperte sich und fing dann mit dem Erstbesten an, was ihr in den Kopf kam:

„Weißt du eigentlich, dass du in Rüstung und Waffen aussiehst, als hättest du dich im Jahrhundert geirrt.“

„Bitte?!“

„Schuppenpanzer, Widderich, so was trägt doch heute keiner mehr! Die Schmiede in Garetien und Almada können schon seit Jahrzehnten ganz and...“

„Das ist ein Panzer von der Hand deines Großvaters, Rossgilda. Niemals im Leben würde ich ihn gegen irgendeinen anderen tauschen. Er hat mir bisher gute Dienste geleistet und wird das auch weiterhin tun. Bis er dereinst auseinanderfällt oder ich erschlagen werde. Ich schließe aus deinen Worten, dass du ihn dann nicht haben willst?“

„Und das hier?“, Rossgilda reichte ihrem Onkel, der den Helm mittlerweile unter seinen linken Arm geklemmt hatte – Götter sei Dank! –, das Bastardschwert. Ein Stück mit herrlichen Ziselierungen, dessen Parierstangen den Hörnern eines Widders nachempfunden waren. Aber nichtsdestotrotz eine Waffe, wie es sie im Süden und im Herzen des Reiches kaum noch gab. Anderthalbhänder hatten dem Bastard längst den Rang abgelaufen. Aus Gründen!

„Ein Geschenk von Aardors Mutter. Sie hat es mir zu meiner Schwertleite überreicht. Wenige Wochen bevor sie in der Schlacht an der Trollpforte fiel – Ahnen haben sie selig!“

„Aber Bastardschwerter sind nicht so gut ausgewogen wie Anderthalbhänder. Man kann mit ihnen nicht so schnell fechten, wie ...“

„Nicht dieses! Es wurde von einer Meisterin geschmiedet“, Widderich ließ die Waffe einen silbrigen Halbkreis beschreiben, ehe er sie scheidete. „Mit etwas Glück stolpere ich gleich nicht über meine eigenen Füße und du kannst es selbst sehen.“

„Und was ist damit?“, Rossgilda machte einen Schritt zur Seite und deutete anklagend auf das uralte Breitschwert, das sich heute auf einem hölzernen Gestell einen lauen Lenz machen durfte. Es sah wirklich nach einem anderen Jahrhundert aus – und wenn sie nicht alles täuschte, war es zu allem Überfluss auch noch ein bisschen zu klein für ihren Onkel.

„Ist das dein Ernst?“, fragte Widderich und runzelte tadelnd die Stirn.

„Ääääh ...“, machte Rossgilda und überlegte kurz, ob sie seinen Blick wieder auf den Helm lenken sollte, um der Rüge zu entgehen, die unmittelbar bevorstand. Sie ahnte, dass sie ein wertvolles Erbstück aus der Hand ihrer Vorväter nicht erkannt hatte. Und in ihrer Familie gab es kaum etwas Schlimmeres als das.

„Das ist das Schwert von Krâwa, Rossgilda. Ich hoffe, der Name ist dir wenigstens ein Begriff?“ Widderich runzelte die Stirn. „Geister, vielleicht hätten wir sich doch nicht so weit weg schicken sollen. Da tun sich ja Abgründe auf!“

„Ich kann dir dafür die Namen aller zwergischen Hochkönige von de...“

„Wird das da drin noch mal was?“, drang Bärfangs Stimme mit einem Mal an ihre Ohren – und kurz darauf streckte er seinen kahlen Schädel ins Zelt. „Geschichte ist immer ne tolle Sache, und ich bin sicher der Letzte, der unsere Ahnen oder irgendwelche toten Zwerge schmähen will. Aber ganz ehrlich: Ich glaub, ein anderer Zeitpunkt würde sich dringend empfehlen. Die fangen da auf dem Feld der Ehre gleich an, und ich schätze, es würde irgendwie respektlos wirken, wenn wir uns verspäten. Deine Sache letztlich, Bruder, wär aber vielleicht mal ganz gut, wenn wir nicht unangenehm auffallen?!“

Rossgilda war alles andere als traurig über die Störung. Sie atmete erleichtert auf – allerdings ein bisschen zu früh, wie sich sogleich herausstellte.

„In Ordnung, gehen wir“, brummte Widderich, fasste sie dann jedoch noch einmal ins Auge. „Aber wir beide sprechen uns noch. Heute Abend. Ich habe den Eindruck, ich muss da ein paar Dinge zurechtrücken. Haben wir uns verstanden?“

Rossgilda nickte eifrig und wischte dann flugs an Bärfang vorbei aus dem Zelt. Deshalb sah sie dessen Gesicht nicht mehr, als der noch ein paar mahnende Worte an seinen Bruder richtete.

„Ilpetta von Hirschingen, Widderich“, sagte er. „Ein blutjunges Ding. Hat sich in den anderen Disziplinen sehr gut geschlagen, aber wie ich höre, ist der Kampf zu zwei Händen nicht unbedingt ihre Stärke. Geh bitte pfleglich mit ihr um! Erinner dich dran, wo wir hier sind.“

„Denkst du, das hätte ich vergessen?“, lautete die gereizte Erwiderung.

Daraufhin entstand eine kurze Pause – und Rossgilda ärgerte sich, dass sie vorangegangen war. Den Blickwechsel zwischen ihren beiden Onkels hätte sie zu gern gesehen.

„Beim Gestampfe dachte ich im ersten Moment, du hättest es – und ich verstehe das ja auch“, meinte Bärfang beschwichtigend. „Wir können alle nicht so leicht aus unserer Haut raus. Aber wenn du in das Mädchen so einsteigst, wie in deinen Gegner da, könnte es hässlich werden. Das ist alles, was ich sagen will. Nichts für ungut!“

„Verstanden.“

Nachdem das gesagt war, setzten sich endlich auch Bärfang und Widderich in Bewegung.


***


In der dritten Runde gegen einen mehr als würdigen Gegner zum ersten Mal ein paar klare Treffer einstecken? Gar nicht mal so übel! Aardor seufzte erleichtert. Er war just dabei, Frieden mit dem Oberhaupt seiner Familie zu schließen. Innerlich. Äußerlich war das gar nicht nötig, denn sie hatten sich ja nicht gestritten. Aber tief in Aardors Eingeweiden rumorte angesichts von Widderichs Abschneiden im Gestampfe der Zweifel. Aus erster Hand hatte er es zwar nicht mitbekommen, weil er .... nun ja ... vorübergehend bewusstlos im Dreck lag. Der junge Bärwaldener verzog unzufrieden das Gesicht. Nach allem, was man hörte, hatte sein Vetter sich jedoch nicht viel länger gehalten als er. Und das war arm für jemanden, dem der Ruf vorauseilte, ein versierter Streiter zu sein. Er hatte anderes erwartet. Sich da irgendwie mehr erhofft.

Aardor konnte nicht sagen, was genau das gewesen war, aber er wusste mit Bestimmtheit, dass er nichts davon im ersten Einzelkampf seines Verwandten sah. Widderich fertigte Ilpetta von Hirschingen derart glanzlos ab, dass hernach wahrlich nicht von einem mitreißenden Kräftemessen die Rede sein konnte. „Ein gutes Pferd springt immer nur so hoch, wie es muss“, mit diesen Worten hatte Aardors Tante Luchserta ihn in jungen Jahren oft zu mehr Zurückhaltung ermahnt. Was damit gemeint war, glaubte er beim Betrachten dieses Duells erstmals gänzlich zu erfassen.

Die zweite Runde dauerte nicht viel länger als die erste, gestaltete sich aber erfreulicherweise schon etwas spannender. Widderichs Gegnerin Thalessia von Nadoret schlug sich tapfer. Sie hielt gut dagegen, kam aber dennoch nicht zum Stich, sondern wurde mit raschen, präzisen Attacken quer durch den Ring getrieben und schließlich zu Fall gebracht. Da waren kaum mehr als ein paar Herzschläge vergangen. Alles in allem wirkte es, als sei Widderich in Eile. Vielleicht wollte er Kräfte sparen? Jedenfalls gab es diesmal mehr Applaus. Nicht aus Höflichkeit, sondern weil das Publikum den Streitern Respekt zollen wollte.

In der dritten Runde ging es dann gegen einen Zwerg. Anthrax Sohn des Ingrax oder so. Als die Kontrahenten zum ersten Mal aufeinandertrafen, wurde sofort klar, dass sie es ernst meinten: die Waffen kreischten, Funken stoben und am Ende schienen beide überrascht. Widderich wohl über die Geschwindigkeit seines Gegners, denn gemeinhin hieß es ja, dass Zwerge eher behäbig seien. Anthrax vermutlich davon, dass sein Gegner so gar keine Probleme mit dem erheblichen Größenunterschied hatte. Es folgte ein zähes Ringen, gegen dessen Ende Widderich einen krachenden Treffer am Helm des Zwergs landete. Ob nun absichtlich, oder weil der wieder einmal zu schnell gewesen war, ließ sich schwer sagen. Auf jeden Fall geriet Anthrax für einen Moment aus dem Tritt – und das war sein Ende.

Diesmal toste der Beifall und als die Kontrahenten sich die Hände reichten, gewahrte Aardor, dass sein Vetter einer von bloß sechs Streitern war, die die vierte Runde unter sich ausfechten würden. Voraussichtlich gemeinsam mit Ardo von Keilhotz und Welfert von Mersingen. Das versöhnte ihn mit der Bruchlandung aus dem Gestampfe. Er grinste Widderich zufrieden an, als der in den Schoß der Familie zurückkehrte, und streckte ihm den Wasserschlauch entgegen, kaum dass er seinen Helm abgenommen hatte.

„Einer noch“, murmelte der junge Bärwaldener leise. „Dann kannst du dich in der letzten Runde mit diesem beknackten Mersinger schlagen. Das würde ich mir zu gern ansehen.“

„Ich lieber nicht“, kam es von Satijana, die ein paar Schritte weiter stand und mit tadelnd gerunzelter Stirn auf die nunmehr deutlich ramponierte rechte Beinschiene ihres Mannes blickte. „Wirf dich in der nächsten Runde doch bitte einfach auf den Rücken und lass gut sein“, schlug sie vor. „Mute dir das auf deine alten Tage nicht zu, sondern lass den verqueren Totenvogel jemanden anders massakrieren ...“

„Vielen Dank für das Vertrauen“, stieß Widderich zwischen zwei raschen Atemzügen hervor, griff dann nach dem Tuch, das Rossgilda ihm hinhielt, und wischte sich den Schweiß aus dem Gesicht. „Das sind genau die erbaulichen Worte, die Mann sich von seinem Weib so erhofft.“

„Was Erbauliches von mir: Dein nächster Gegner ist ein Rondrageweihter“, meldete sich Bärfang zu Wort. Er war bis eben damit beschäftigt gewesen, die Münzen zu zählen, die er bei der letzten Wette auf seinen Bruder eingenommen hatte, schien jetzt aber so weit, sich wieder auf die wichtigen Dinge des Lebens konzentrieren zu können. Als er verkündete, dass ein Duell gegen einen Geweihten anstand, feixte der Sichler Hüne. Er fand das offenbar ausgesprochen witzig. „Rondradan vom Rhodenstein“, fügte er noch an. „Ich frag mich die ganze Zeit, ob das ein Weidener ist. Dann wäre die Hälfte der verbliebenen Streiter aus der Mittnacht.“

„Er ist Baronsgemahl von Greifenpass hier im Kosch“, sagte Rossgilda. „Aber das muss ja nichts heißen, oder? Satijana stammt schließlich auch nicht aus Weiden.“

„Bis jetzt war ihm seine Göttin hold“, stellte Bärfang unterdessen fest. „Der Mann hat sich gut geschlagen. Da waren ein paar spektakuläre Aktionen dabei. Ich würd dir empfehlen, auf der Hut zu sein. Vielleicht wenn du ...“

Er hielt inne, als ihm klar wurde, dass Widderich nicht zuhörte. Der Blick des Rotenforster Barons war suchend über die nähere Umgebung geglitten und kam schließlich auf der Gestalt des Gilbertholzers zur Ruhe, der ziemlich einsam am Rande des Turnierfelds stand. Der junge Weidener hatte es zur allgemeinen Verwunderung ebenfalls in die Runde der letzten sechs geschafft. Anders als Widderich war er aber ohne Begleitung angereist – und dessen schien der sich jetzt annehmen zu wollen.

„Bitte ihn zu uns rüber, Gilda“, meinte er schlicht. „Wir haben noch ein bisschen Zeit, und er sollte nicht allein sein. Ich schätze, ein paar aufmunternde Worte aus dem Mund meiner geliebten Frau wären jetzt genau das Richtige für ihn!“


***


Firian Böcklin hatte das Geschehen mitsamt seinem Gefolge die ganze Zeit mehr oder weniger reglos verfolgt. Einen gelegentlichen Kommentar hatte sein Temperament aber gegen seine firungefällige Erziehung durchgedrückt.

Das Auftreten des Welfert aus dem Haus Mersingen kam ihm langsam unheimlich vor. Dieser Mann war unfassbar gut ... mehr als einmal kam Firian der Verdacht, dass das alles wohl kaum mit rechten Dingen zugehen konnte. Dazu die Nähe seines Sitzes zu den Schwarzen Landen ... wie auch immer! Zu guter Letzt wurde er dann doch noch geschlagen – ausgerechnet vom Bruder Kressenburg. Firian wusste, dass der ein strenggläubiger Gefolgsmann des Götterfürsten war. Sehr passend, dass man seinen Gegner dann auf einer Bahre davontrug. Firian war gespannt, wie und in welcher Verfassung man den Mersinger beim Tjost sehen würde.

Der Keilholtzer hatte einen guten Tag. Der Alte vom Berg würde stolz auf ihn sein, so der Greifenfurter ihn denn in Ehren hielt. Gleich mehrere Gegner streckte er gnadenlos nieder. Sie würden auch noch im Tjost Spuren tragen. Ja, so steigerte man seine Siegchancen. Greifenfurt war zwar nicht Weiden, aber auch da wusste man offensichtlich, was der Sinn eines Turniers war.

Dem ständigen, nervigem Geheul irgendwo aus dem Publikum nach, schien man hierzulande aber anderer Auffassung zu sein. Der Kampf Widderichs von Rauheneck gegen diesen Koscher Rondrageweihten wurde von einem steten Wehklagen begleitet und als der Koscher obsiegte, begann seine Frau sogar haltlos zu weinen.

„Führt jemand diese Heulboje mal langsam in ein Haus der jungen Göttin! Ist ja nicht auszuhalten ...“, mit diesen Worten verließ Firian seinen Beobachtungsposten und begab sich zum Baron von Rotenforst, der just aus dem Reigen der Zweihandkämpfer ausgeschieden war.


***


Nicht schlecht gefochten und doch keinen Fuß an den Boden gekriegt. So konnte man das wohl nennen, was Widderich in seinem vorerst letzten Duell widerfuhr. Satijana verfolgte das Kräftemessen mit dem Rondrianer aufmerksam und kam bald zu dem Schluss, dass die Göttin leuengleich es eben einfach so wollte. Jedes Mal, wenn es der Sichel gelang, den Rhodenstein in Bedrängnis zu bringen, packte der wie aus dem Nichts einen schier unparierbaren Konter aus. Sie konnte die Frustration ihres werten Herrn Gemahls förmlich spüren. Und noch dazu sprach sie irgendwann aus jeder seiner Bewegungen. Fast trotzig versuchte er schließlich, sich den Weg ins Ziel mit roher Gewalt zu bahnen, und schaufelte sich damit sein eigenes Grab: Ein kurzes Handgemenge und das Schwert des Rondrianers lag auf seiner Schulter – nahe am Hals.

Zwei Herzschläge später hatte Widderich die eigene Waffe gestreckt und neigte das Haupt in Anerkennung seiner Niederlage. Er griff nach der ausgestreckten Hand des Rhodensteiners und wechselte ein paar Worte mit ihm, machte dann aber nicht viel Aufhebens, sondern auf der Hacke kehrt. Ein paar Augenblicke später stand er wieder bei ihnen, entledigte sich erst seiner Handschuhe, dann des Helms und seufzte tief. Ein Blick in sein Gesicht verriet Satijana jedoch, dass er der verpassten Chance nicht nachtrauerte. Es war ein hartes Stück Arbeit gewesen, ihn überhaupt zur Teilnahme an dieser Turney zu überreden – und wie es schien, wahrte er seine Distanz. Sein Herz hing nach wie vor nicht sonderlich an der Sache. Anderenfalls hätte er das belustigte Lächeln wohl kaum zuwege gebracht, mit dem er sie jetzt bedachte.

„Zufrieden?“, fragte er leise.

„Du bist unverletzt. Also ja“, erwiderte Satijana, schüttelte dann aber den Kopf. „Es tut mir leid. Ehrlich. Ich hätte dich gern im Finale gesehen, das weißt du doch, oder? Dieser Ausgang ist mir aber auch recht. So habe ich für den Rest des Tages mehr von dir.“ Sie griff nach seiner Hand, um ihn näher zu ziehen und etwas in sein Ohr zu raunen, doch Rossgilda grätschte dazwischen.

„Ich mache mir Sorgen um Frau von Boltansroden“, stellte Wolfherz’ Tochter unversehens fest und tatsächlich wirkte sie etwas angegriffen. „Sie weint schon wieder. Glaubt ihr, dass ihr Mann sie schlägt oder irgendsowas? Sie wirkt irgendwie überspannt. Das kann doch nicht norm...“

„Er ist ein Diener der Zwölf, die machen so was nicht!“, fiel Aardor ihr ins Wort.

„Wenn er sie schlagen würde, denkst du, dass sie ihm nach jedem Kampf in die Arme fiele, als bräuchte sie ihn, um aufrecht stehen zu können?“, fragte Bärfang ungerührt.

Ihrer aller Blicke ruhten nun auf der jungen Baronin, die reichlich aufgelöst wirkte und Tränen vergoss, als sei ihr Gemahl gerade mindestens zum Krüppel geschlagen worden und nicht siegreich aus einem Zweikampf hervorgegangen. Ein jeder rätselte für sich über die Gründe für das Verhalten der Frau und so kam es, dass keiner das Nahen der Schneehagers bemerkte.

Erst als der vor Widderich Halt machte und ihn angrinste, geriet er in den Mittelpunkt des rauheneckschen Interesses.

„Darf ich das als Antwort nehmen, wir Ihr es mit Rondra haltet?“, wollte der Trutzer wissen.

Widderich starrte ihn kurz konsterniert an – erneut – und gab dann ein wenig eloquentes „Äh“ von sich. „Was meint Ihr? Dass ich mich von einem ihrer Diener habe vermöbeln lassen? Das wollte ich eigentlich nicht als allgemeingültige Aussage verstanden wissen ...“

„Nun, bisher war das die einzige Antwort, die ich gehört oder gesehen habe. Aber gut, wenn es nur ein Ausrutscher war, muss ich wohl noch länger auf eine klärende Antwort warten.“

Just in dem Moment drang Firian ein Schluchzen ans Ohr und genervt stieß er aus: „Was hat das Weib bloß?“ Er sah fragend in die Runde. „Gibt es ein neues Gebot bei der Kirche der Sturmherrin, dass Eheweiber von gefallenen Geweihten hingerichtet werden? Das würde die Angst und Heulerei vor, während und nach jedem Kampf erklären ...“

Widderich beantwortete die Frage des Trutzers mit einem bloßen Achselzucken. Er hatte ja selbst nicht den blassesten Schimmer, woher die Tränenflut kam.

„Vielleicht ist sie auch schwanger“, mutmaßte Bärfang derweil. „Wolfherz hat immer erzählt, dass Glynnis unter den üblen Stimmungsschwankungen litt, wenn sie schwanger war. Und am schlimmsten soll es beim ersten Mal gewesen sein ...“ Er warf Rossgilda – dem ältesten Kind seines verblichenen Zwillings – einen herausfordernden Blick zu und lachte laut, als sie genervt mit den Augen rollte.

„Warum heulst du eigentlich nicht?“, kam es da auch schon in gespielter Entrüstung von Aardor. Sein Blick war auf Satijana gerichtet. „Ich mein ... du hättest wenigstens Grund dazu. War ja schon irgendwie ein Trauerspiel, was da gerade passiert ist. Für deinen Holden?!“

„Ich heule nur, wenn ich meinen Holden erpressen will“, meinte die Baronsgemahlin von Rotenforst und grinste dabei unverschämt breit. „Weil ich genau weiß, dass ihn dann Panik überkommt und er zu Wachs in meinen Händen wird.“ Sie hielt einen Moment inne und sah nachdenklich zu den beiden Koschern hinüber. „Vielleicht ist es das ja? Gefühlige Daumenschrauben? Sie macht ihm eine riesen Szene, weil sie hofft, dass er dann nie wieder bei einer Turney antritt? Aus Scham und Sorge?!“