Auf in den Kosch - Turnier - Gestampfe

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Vor dem Gestampfe
Brodilsgrund vor Angbar, 10. Rondra 1041 BF

Nachdem sich die meisten Streiter seiner Gruppe kurz vorgestellt hatten, hatte Nimmgalf schon einen guten ersten Eindruck über die Fähigkeiten und damit die Einsetzbarkeit der einzelnen Kämpen gewonnen. Als er sich vergewissert hatte, dass das nun Gesagte nicht an fremde Ohren gelangen könnte, verkündete er der versammelten Gruppe seine erste Einschätzung der Lage:

„Wackere Streiter unserer Gruppe, es gilt nun in Kürze ein Gestampfe auszufechten mit dem obersten Ziel, den Sieg für unsere Partei zu erringen! Dazu werden die Kämpfer in drei Untergruppen eingeteilt: die erste Gruppe ist für den Schutz des Banners verantwortlich. Ihre Aufgabe ist es, die gegnerischen Angreifer abzufangen und um jeden Preis zu verhindern, dass unser Bannerträger direkt angegriffen wird. Denn wenn das Banner fällt, ist die Schlacht verloren. Dementsprechend sollten die Verteidiger auch nicht ganz unerfahren sein. Als Bannerträger kann ich mir keine geeignetere Person vorstellen, als meine überaus geschätzte Junkerin Tsaiane von Talbach, die mir schon seit vielen Jahren treue Dienste leistet! Sie ist eine meisterliche Kämpferin mit dem Amazonensäbel – sowohl zu Pferde als auch zu Fuß - und wird das Banner gut zu verteidigen wissen.“

Tsaiane trat einen Schritt vor, bedankte sich bei Nimmgalf für die ehrenhafte Aufgabe und begrüßte die Umstehenden mit einem Winken. „Vielen Dank, Euer Hochgeboren! Ich werde das Banner bis zum letzten Atemzug verteidigen, bei meiner Ehre!“ Dabei lächelte sie ihm zu.

„Nichts anderes habe ich erwartet, meine Liebe!“, entgegnete Nimmgalf. Anschließend wandte er sich wieder an die Umstehenden: „Die Aufgabe der zweiten Gruppe wird es sein, den gegnerischen Bannerträger anzugreifen. Da zu erwarten ist, dass dieser ebenfalls gut verteidigt wird, sind dafür mehrere Streiter erforderlich. Diese Gruppe wird von mindestens einem, besser noch mehreren erfahrenen Kämpfer angeführt, doch auch viele jüngere Kämpfer werden sich dem Angriff anschließen, um die gegnerischen Verteidiger zu binden, und den starken Kämpfern den Durchbruch zu ermöglichen.

Zuletzt werde ich noch Streiter der dritten Gruppe benennen, deren Aufgabe es sein wird, die besten Kämpfer des Gegners in Einzelkämpfe zu verwickeln, damit diese unserem Banner nicht gefährlich werden können. Dabei ist es ausreichend, wenn sie ihre Gegner möglichst lange beschäftigen, damit die anderen beiden Gruppen ihre Aufgaben ungestört erfüllen können.

Als stärkste Kämpfer der gegnerischen Gruppe würde ich folgende Streiter einschätzen: Die Barone Anselm Hilberan von Hundsgrab-Bugenbühl, Ardo von Keilholtz und Hagen von Salmingen-Sturmfels, dazu noch meinen Bundesbruder Thorben Raul Baduar von Hammerschlag, Ritter Korormar und natürlich seine prinzliche Durchlaucht selbst.

Falls jemand noch weitere gegnerische Kämpfer als besonders stark einstufen würde, wäre ich für Ergänzungen dankbar.“

Nimmgalf blickte in die Runde und gab seinen Streitern nun die Gelegenheit, seine Liste zu ergänzen. Doch es gab keine Ergänzungen, sondern blieb bei den von ihm genannten Namen. Also fuhr er fort: „Nun gut, ich werde mich nun noch kurz mit Junkerin Tsaiane beraten, danach werde ich die Einteilung bekannt geben. Ich versuche, persönliche Präferenzen zu berücksichtigen, kann dies aber nicht in jedem Fall versprechen! Ich erwarte, dass jeder Streiter die ihm zugedachte Aufgabe gewissenhaft erfüllt, und somit seinen Beitrag zum Sieg leistet! Weggetreten, Herrschaften!“

Firian glaubte, sich verhört zu haben. „Weggetreten ... ?!? Kann es sein, dass Er sich gerade vertan hat und an einem anderen Ort vermutet, Bruder Hirschfurten? Mir war als hätte ich gehört, dass es das Wort an uns richtet, als ob wir welche von seinen gemeinen Kettenknechten wären! Niemand mag Ihm hier seine Erfahrung als Tjoster absprechen. Doch geht es nicht um einen Tjost, sondern um ein Gestampfe – zumal außergewöhnlicherweise zu Fuß. Da weiß Er, so will ich mal forsch behaupten, nicht wirklich viel von. Beim besten Willen kann ich mir auch nicht vorstellen, dass Seine Begleitung da sonderlich viel Ahnung hat. Will sagen: Bevor Er sich mit ihr berät, sollte Er vielleicht noch mal überlegen, wenigstens nachzufragen, ob einige seiner Standesgenossen als Ritter eben dies für ihn haben: einen Ratschlag!“

Firian trat einen Schritt zurück und klopfte dem Leufelser auf die Schulter: „Bruder Dergelquell hier zum Beispiel ... der hat manchmal Ideen ... da wackeln einem die Ohren von!“

Walthari von Leufels war innerlich noch bei der Unverschämtheit des Wegtreten-Befehls, als er die Aufforderung des Böcklin wahrnahm. Offenbar war er der gleichen Meinung wie er, was es eigentlich Wert gewesen wäre, von einem Chronisten festgehalten zu werden. Als der Baron von Dergelquell die Blicke der Versammelten auf sich ruhen sah, wurde er wie immer unruhig. Dennoch erhob er sich und richtete das Wort in die Runde. Allerdings nicht, ohne Firian einen missbilligenden Blick zuzuwerfen.

„Mein Name ist Walthari von Leufels. Die Dreiteilung der Aufgaben halte ich für unnötig. Bildet eine schlagkräftige Speerspitze aus Rittersleuten, die sich auf den Bannerträger des Gegners konzentrieren. Der Rest, einschließlich der Bannerträgerin, läuft in deren Deckung hinterher und übernimmt, falls Lücken auftreten. Damit durchbrechen wir die Formation des Gegners, überrumpeln ihn und der Bannerträger fällt. Nehmt für den Ansturm erfahrene Nahkämpfer mit echter Kampferfahrung.“ Er sah zu seiner Linken und Rechten. „Meine anwesenden Landsleute sind tapfere Heldentrutzer, wie ich selbst, sowie Sichelwachter. Ein jeder von uns hat mehr als genug ernsthafte Scharmützel ausgefochten und findet sich in solchen Situationen gut zurecht. Weiden wird gern die Speerspitze sein, welche die gegnerischen Linien aufbricht. Der Platz an der Spitze gebührt dabei natürlich Euch, als unserem bestimmten Anführer.“

„Hört, hört!“, brach es aus dem jüngeren der beiden Rauhenecks hervor, kaum dass Waltharis Ansprache beendet war. Der Blondschopf konnte seine Begeisterung über den Gegenvorschlag nicht verbergen. Er schien dem Trutzer Baron darob nicht einmal übelzunehmen, dass er ihn – einen von zwei anwesenden Bärwaldener Rittern – vergessen hatte. „Das ist mal ein Wort!“, ergänzte er und ließ seinen Schild zweimal geräuschvoll auf den Boden donnern, ehe er einen sichernden Blick zu seinem älteren Verwandten warf.

Der Anflug eines Lächelns auf den Zügen Widderichs von Rauheneck ließ erkennen, dass auch er Sympathie für Waltharis Vorschlag hegte. Er nickte dem Leufelser zu und warf dann ein an keine konkrete Person gerichtetes „Wenn das unser Plan sein soll, bin ich gern dabei!“ in die Runde.

Walthari enttäuschte dieses Mal nicht und Firian grinste zufrieden vor sich hin, als dieser den alternativen Plan vorschlug. Als nach und nach mehrere seiner Landsleute ihre Zustimmung zu dem Plan äußerten, stimmte auch Firian unterstützt von Adaque und Rauert mit ein. „Gut und wahr gesprochen und hört sich für mich sehr passend an!“

Von Hinn rieb sich das Kinn wärend er nachdachte. Dann warf er sich noch mal in die Debatte. „Von Leufels, entschuldigt. Eure Taktik hielt ich auch erst für die plausible Lösung. Jedoch geht sie nicht auf. Wir kämpfen ja ritterlich eins zu eins im Gestampfe. Alle Leute in den Angriff zu senden würde zu einem Stau am gegnerischen Wimpel führen. Es würden ja nur so viele kämpfen, wie Verteidiger da sind. Die anderen müssten auf Runde zwei warten. Ein einzelner Angreifer würde unser Banner angreifen und erobern können. Gehen wir es doch langsam an. Wir müssen unsere Mehrzahl nutzen und ausbauen. Lasst unsere stärksten Angreifer die benannten stärksten Gegner gezielt angreifen. Alle anderen verteidigen das Banner, nach Kampfstärke gegliedert, die stärksten zuerst. Unser schwächster Krieger hält das Banner. Wir sind einer mehr. Also können sie das Banner in der ersten Runde nicht erreichen, und er wird gar nicht kämpfen müssen. Unser stärksten Leute kommen alle zum kämpfen. Ihre Leute und darunter bestimmt auch ein paar ihrer Besten, bewachen sinnlos ihr Banner. Jeder Feldherr weiß, dass Reserven die Schlacht entscheiden. Bei uns kämen nur die Schwächsten nicht zum Zuge, wären aber zur Reserve da. Je nachdem wie viele uns angreifen und wie viele von uns gezielt gefordert werden. In Runde zwei stellen wir uns neu auf, wie wir es im Felde machen. Dann kennen wir ihre stärksten und schwächsten Krieger und haben hoffentlich ordentlich dezimiert, so dass wir weiter die Mehrheit haben und so im Vorteil sind. Wir täuschen also einfach nur einen Angriff unserer schwächsten Krieger über den Flügel an. Ziehen dann aber zurück und gehen alle auf die Verteidigung der Fahne und fordern nur gezielt ihre Elite. Wir entscheiden das Spiel dann in Runde zwei.“

Nimmgalf hörte sich die Vorschläge in Ruhe an. Beide schienen gewisse Vor- und Nachteile aufzuzeigen, so dass die endgültige Entscheidung nicht leicht fiel. „Interessante Vorschläge, hohe Herrschaften. Ich werde dies sorgfältig abwägen müssen. Gibt es noch weitere Meinungen?“, wandte sich Nimmgalf an die Umstehenden.

„Ja, gibt es“, meldete sich der ältere der Rauhenecks zu Wort, kaum dass Nimmgalf geendet hatte. „Es war eingangs davon die Rede, dass es drei Gruppen braucht: eine, die schützt, eine die angreift, und eine, die starke Kämpfer der Gegenseite bindet. Ich würde sagen: Kombiniert die bisherigen Vorschläge miteinander. Verteidigt und bindet, wie ihr wollt, und schickt die Mittnacht in den Sturm.“

Kurz ließ er seinen Blick über die anderen Weidener gleiten und lächelte spöttisch – wobei schwer zu sagen war, auf wen sich diese nun Regung eigentlich bezog: „Taktische Spielereien sind das unsere nicht, aber Breschen schlagen wir Euch gern.“ Er fasste Nimmgalf ins Auge und hob die Brauen: „Ihr wollt ein paar erfahrene Streiter? Die können wir bieten. Und junge auch. Uns darf zudem verstärken, wem immer es gefällt. Gleich wie: Eine der drei Gruppen wäre dadurch rasch gesetzt.“

Nachdem Nimmgalf noch ein paar letzte Worte mit Tsaiane gewechselt hatte, wandte er sich noch einmal an die Gruppe, um seine Entscheidung über die anzuwendende Strategie und die Zuteilung der Aufgaben bekannt zu geben.

„Ich bin zu der Ansicht gekommen, dass weder eine voll auf die Offensive noch auf reine Defensive ausgerichtete Strategie zum Ziel führen kann. Der Schlüssel liegt in der Ausgewogenheit. Daher komme ich auf den Vorschlag des Barons von ... ähm ...“, Tsaiane flüsterte ihm etwas ins Ohr, woraufhin er fortfuhr, „... natürlich, von Rauheneck zurück: Die Weidener Ritter werden den Angriff gegen das gegnerische Banner führen. Hochgeboren von Rauheneck, Euch gebührt die Ehre, den Angriff anzuführen. Ihr erhaltet weitere Unterstützung durch Baroness Brinessa von Garnelhain, die Wohlgeboren Brin von Eibenross und Landelin von Viererlen, die Ritter Korbrand Leuerich von Bösenbursch und Gilbert von Graulenwerl, sowie Hauptmann Antharax, Sohn des Angrox.

Das Banner verteidigen werden neben mir noch seine Hochgeboren von Hinn, die Wohlgeboren Dragowin Timerlain, Wolfhardt Isegrein von Dornhart, Thalionmel von Amselhag, Jolenta Lindwin von Galebfurten, Federun Lechmin von Weitenfeld und Alrike Steineich zu Moosgrund. Dazu noch die Ritter Praiobur von Gernebruch, Viridian von Albenbluth-Lichtenhof und Thalessia von Nadoret, sowie die Krieger Tiako von Rosenteich, Rahjeis von Lindholtz und Andrianus von Amselhag.

Hochgeboren Raulfried von Schwarztannen greift den gegnerischen Baron Ardo von Keilholtz direkt an. Dasgleiche tut die Ritterin Ailsa ni Sceard mit Ritter Koromar von Liobas Zell.
Ritter Horbald von Hundeberg greift hingegen Baron Hagen von Salmingen-Sturmfels an, während Wohlgeboren Erpho von Richtwald sich dem Greifenfurter  Baron Anselm Hilberan von Hundsgrab-Bugenbühl entgegen stellt.

Eine besondere Ehre gebührt Euch, Hochgeboren von Berg“, und damit wandte er sich der jungen Baronin zu Vellberg zu, „denn Ihr werdet seine prinzliche Durchlaucht selbst angreifen. Bei den namentlich Genannten handelt es sich ausnahmslos um hervorragende Kämpfer des Gegners. Das Ziel ist diese möglichst lange im Nahkampf zu binden und nicht sie auszuschalten, wobei letzteres natürlich optimal wäre.“

Dann blickte er noch einmal in die Runde. „Gibt es noch Fragen zur Einteilung?“

Der junge Weidener Ritter Brin von Gilbertholz konnte sich bei der Aussicht, zusammen mit seinen Landsleuten das gegnerische Banner zu erobern, ein freudiges „JA!“ nicht verkneifen. Der Graugenwerler nickte nur ruhig – in seinem Kopf aber stellte sich die Frage, wie wohl die Heldentrutzer reagieren würden, wenn sie seines Wappens gewahr werden würden.

Firian hörte vornehmlich zu. So wie er jetzt war, gefiel ihm der Plan halbwegs. Gut, dass ausgerechnet der Rauheneck und Baron von Rotenforst sie anführen sollte, war vielleicht nicht so gelungen. Schließlich war dieser erst vor Kurzem und unter sehr fragwürdigen Umständen – unter anderem den Tod des vorherigen Barons mit dem er in Fehde lag – zu diesen Ehren gekommen. Jedenfalls ließ ihn das etwas amüsiert zurück. Er selbst konnte damit noch halbwegs leben, war sein Bruder doch mit einer von Rauheneck verheiratet. Aber er hätte gern gewusst, was zum Beispiel gerade im ach so ehrenvollen Leufelser vorging. Er kam jedenfalls zu dem Entschluss, dass diese Tsaiane offenbar andere Qualitäten hatte. Die anwesenden Barone und ihre Baronien sollte man Firians Meinung nach schon kennen. Grade, wo Nimmgalf doch so viel Wert auf den Unterschied zwischen Baron und Ritter legte ...

Bärfried stand mit verschränkten Armen am Rande des Geschehens. Seine Körpersprache und das offen zur Schau gestellte Desinteresse wirkten auf die Wenigen, die seiner Anwesenheit überhaupt Beachtung schenkten, vor allem anmaßend und frech.

Was dieser Geck, den sie als ihren Anführer bestimmt hatten von sich gab, interessierte ihn nicht wirklich und er gab sich alle Mühe dieser Welt, diese Tatsache zum Ausdruck zu bringen. Einzig als er – Bärfried konnte sich seinen Namen partout nicht merken – ihre Bannerträgerin vorstellte, schien seine Aufmerksamkeit kurz zurückzukehren. Der Junker schnalzte bei ihrem Anblick anerkennend mit der Zunge. Er hatte einfach eine Schwäche für ältere Frauen mit aufregenden Mähnen. Als sie wenige Herzschläge danach jedoch versicherte, sie werde das Banner bis zum letzten Atemzug verteidigen, war es das auch schon wieder. Gleich dem Augrimmer, der das zarte Flämmchen einer Kerze auslöschte, erstarb sein Interesse an der blondhaarigen Frau.

Bis zum letzten Atemzug ... er rollte mit seinen Augen. Ob in Garetien und dem Kosch Turniere wohl wirklich tödlichen Ernst darstellen? Bärfried zuckte mit seinen Schultern. Kam wohl in diesen Breiten nicht oft vor, dass man einen Gegner vor das Schwert bekam, der einem wirklich ans Leder wollte.

Erst die Reden des Walthari von Leufels und Widderich von Rauheneck ließen ihn wieder aufhorchen und als dieser Anführer den Plänen seiner beiden Landsleute zum Teil zustimmte, war es endlich so weit: Bärfried folgte jener Diskussion, bei welcher er bisher nur körperlich anwesend war, nun auch mit seinem Verstand. Der Sunderhardter nutzte die Stille zwischen zweier Wortmeldungen, um sich selbst erstmals einzubringen. „An vorderster Front ... mit meinen Brüdern und Schwestern an meiner Seite ... das klingt nach Spaß.“

Immerhin hatte sein Einwand die Sache in die richtige Richtung getrieben, befand Walthari unterdessen. Als alles besprochen war, wunderte er sich zwar, dass der Anführer es offenbar vorzog, in den hinteren Reihen zu stehen, war mit seinen Gedanken aber schnell bei zwei anderen Punkten. Als er sich erhob, legte er seine Hand auf die Schulter des Barons von Rotenforst. „Ich folge Euch gern in das Getümmel. Bin schon gespannt, wie ihr Euch so anstellt. Wir werden sicher viel Spaß haben.“ Meinte er grinsend.

Beim Verlassen der Besprechung rempelte er „zufällig“ und recht grob den jungen Gilbert von Graugenwerl an. „Sieh du zu, dass du ja immer in meinem Sichtfeld bist. Einen Graugenwerl will ich nicht im Rücken haben“, knurrte er den jungen Ritter an und ließ ihn dann achtlos stehen.

Als Nimmgalf verkündete, dass der Rotenforster die Gruppe der Angreifer führen sollte, quittierte der das mit einem Brauenzucken. Keinem geringschätzigen, sondern vielmehr einem, das überrascht wirkte. Die Entscheidung erwischte ihn offenbar auf dem falschen Fuß. Gleichwohl nickte er dem Hirschfurtener zu, um seine Bereitschaft zu signalisieren.

Der junge Vetter des Sichler Barons hatte seine Züge nicht ansatzweise so gut unter Kontrolle. Er sah nahezu erschrocken aus und warf einen hektischen Blick auf Walthari von Leufels, von dem der Vorschlag mit der Großoffensive ursprünglich gekommen war.

Doch dessen Aufmerksamkeit galt Nimmgalf und als auch sonst niemand lautstark protestierte oder den Garetier vorsichtig darauf hinwies, dass andere Weidener diese Ehre mehr verdienten, entspannte sich Aardor. Er begann sogar zu lächeln. Zufrieden und ein bisschen stolz.

Kurz darauf gab Walthari dem Rotenforster Baron mit einer knappen Geste und wenigen Worten zu verstehen, dass er über den Dingen stand – und erntete dafür ein anerkennendes Lächeln. „Habt Dank, Walthari“, meinte Widderich. „Sorgen wir einfach alle gemeinsam dafür, dass wir auf unsere Kosten kommen, eh?!“


Das Gestampfe
Brodilsgrund vor Angbar, 10. Rondra 1041 BF

Nun ging es also gleich los. Firian zog noch einmal einen etwas losen Riemen an seiner Rüstung fest und rückte seinen Helm zurecht. Direkt neben ihm waren sein Erster Ritter Rauert Stelin von Runkel und seine Gemahlin Adaque von Mersingen. Auch die beiden prüften noch einmal, ob alles richtig saß.

Firian begann gerade, einen Gedanken, dass er noch gar nicht erfahren hatte, warum das Gestampfe hier im Kosch ungewöhnlicherweise per Pedes und nicht auf dem Rücken der Pferde stattfand. Bevor er diesen aber zu Ende denken konnte, ging es los. Alle drei Schneehager ließen den Schlachtruf der Böcklins hören:

„Wild und frei!“

und stürmten los. Die Taktik war vorher abgesprochen und ein gehöriger Teil der Truppe, die Nimmgalf von Hirschfurten als Anführer zugeteilt bekommen hatte, stürmte als aggressiver Keil direkt auf das gegnerische Banner zu. Alle Weidener und noch einige andere bildeten diesen Keil.
Firian nahm aus dem Augenwinkel gerade noch wahr, dass Adaque ein wenig zurückfiel. Er wusste, dass seine Gemahlin nicht gern kämpfte und noch weniger zum Spaß. Trotzdem nahm er sich vor, nach dem Ende des heutigen Tages im barönlichen Bett noch mal ein Wort darüber zu verlieren. Es war vereinbart, dass sie alle aggressiv losstürmten, da ging es nicht an, dass einige zögerten.

Wie auch immer: Sie erreichten die Gegner und Firian traf auf einem Mann, den er am Schild als Sindelsaum erkannte. Da, soweit er wusste, kein anderer Sindelsaum teilnahm, musste das der Erbe der gleichnamigen Baronie sein. Ein würdiger Gegner vom Stand her. Dass dieser etliche Jahre quasi als Söldnerhauptmann durch die Lande gezogen war, wusste Firian nicht.

Sowohl er als auch der Sindelsaum kreuzten das erste Mal die Klingen. Wie erwartet, bei einem Sturmangriff ja vollkommen normal, ging Firian nicht unbeschadet aus diesem ersten Schlagabtausch hervor. Er spürte aber deutlich, dass er seinen Gegner doppelt so schwer getroffen hatte. Freude stieg in ihm auf und die Erkenntnis wuchs wieder einmal, dass einem Sturmangriff Weidener Ritter, selbst wenn sie mal nicht auf ihren Schlachtrössern saßen, nichts widerstehen konnte.

Doch dann geschah etwas vollkommen Unerwartetes und Firian konnte es sich auch lange Zeit später nur damit erklären, dass die, besonders in Weiden so hoch verehrte, Sturmherrin ihnen die Gunst verweigerte: Beim nächsten Schlagabtausch mit seinem Gegner merkte er, dass dieser einiges an Kraft zurückgewonnen hatte.

In diesem Moment nahm Firian noch an, dass dies wohl nur bei ihm so sei. Es musste die Strafe dafür sein, dass er Rondra nur noch das gerade nötige Mindestmaß an Verehrung entgegenbrachte. Gerade genug, um nicht von seinen Weidener Mitadeligen geschnitten zu werden und gerade genug, um am Rhodenstein bei seinen sehr seltenen Besuchen dort noch eingelassen zu werden. Aber in seiner Verehrung, so brachte er es auch seinen Kindern bei und empfahl es seinen Vasallen und Untertanen in Schneehag, stand sie mitnichten an erster Stelle. Diese wurde bei ihm von Firun eingenommen! Der Alte vom Berg und seine Ideale und Lehren eigneten sich in Firians Augen viel besser für Kämpfe auf Leben und Tod. In der Heldentrutz am Rande des Finsterkamms ging es nun einmal meistens gegen den gnadenlosen Schwarzpelz. Mit ehrenhaftem Zweikampf brauchte man dem nicht zu kommen. Schonungslose Härte aber, wie Firun sie lehrte, die verstand er. Milde und Gnade würde in Schneehag und durch seine Hand niemals ein Schwarzpelz erfahren. Nur den Tod!

Wie auch immer: Nach Firun kamen in seinen Augen noch die Eidmutter, Ifirn, ja sogar Peraine und Boron, und erst dann galten seine Gedanken Rondra. Wenigstens, sagten einige, passte Firun gut zu Weiden. Schlimmer wäre es sicher gewesen, wenn Firian den Götterfürsten der Sturmleuin vorgezogen hätte, was ja in eigentlich allen anderen Provinzen beim Adel der Fall war.

Der Sindelsaumer drängte jedenfalls plötzlich mit gefühlt dreifacher Kraft und großer Siegessicherheit auf ihn ein. Firian dagegen schien fast geschlagen und wurde als Angreifer in die Defensive gedrängt. Er konzentrierte sich ganz darauf, so zu kämpfen, wie der Alte vom Berg es lehrte. Der Kampf gegen Übermacht war für ihn als Trutzer ebenfalls keine Seltenheit. Wo er eben noch den Schlachtruf der Familie auf den Lippen hatte und freudige Erwartung auf das Messen mit Standesgenossen im Herzen, kehrten nun Schweigen und Grimm ein. So kamen drei solide ausgeführte Angriffe des Sindelsaumers und Firian konnte sie alle abwehren, um dann im Gegenzug einen harten Schlag auszuteilen, der einen deutlichen Treffer hinterließ.

Nur wenig Zeit verging, bis der scheinbar immer noch siegesgewisse Sindelsaumer wieder angriff. Doch diese Attacken waren deutlich schwächer und zeigten, dass Firians Treffer eben doch schon Spuren hinterlassen hatte. Er hatte wohl damit gerechnet, dass der Böcklin einfach so zu Boden ging. Firians Angriff dagegen war zwar schwächer als eben, aber reichte erneut aus, um die Abwehr des Sindelsaumers zu durchbrechen, und so landete er einen weiteren Treffer.

Es blieb wieder kaum Zeit für große Gedanken oder um sich umzuschauen. Firian ging zum Angriff über, um seinem Gegner den Rest zu geben. Er führte eine weitere Attacke aus und hielt nur ein kleines bisschen des maximal Möglichen zurück. Es war am Ende ja immer noch nicht wirklich das Ziel, seinen Gegner zu töten. Die Verteidigung des Sindelsaumers war sehr ordentlich ... reichte aber nicht. Er ging zu Boden.

Jetzt endlich hatte Firian einen kurzen Moment, um sich umzuschauen. Sein Erster Ritter Rauert lag ein Stück hinter ihm, seine Gemahlin Adaque noch etwas weiter dahinter. Ihr Banner hielt noch. Respekt bei den dünnen Ärmchen der Bannerträgerin, ging es ihm durch den Kopf. Vom Angriffskeil sah er um sich herum nur noch Walthari von Leufels und diesen Bärkrieg aus der Sichelwacht.

Seine Gedanken, dass Rondra nur ihm die Gunst verweigert hatte, war wohl nicht ganz richtig. Es schien so, dass der gesamte Angriffskeil für seinen mutigen Sturmlauf nicht belohnt worden war. Vielmehr bestraft wurde, denn anders konnte Firian sich den Umschwung nach dem ersten Aufprall nicht erklären!

Bevor er aber noch weitere Gedanken fassen konnte, kam die nächste Welle. Er hatte schon gesehen, dass ein Vielfaches seiner Seite am Boden lag, und Firian merkte sofort, dass die neuen Gegner noch taufrisch waren. Seine Gegnerin, die wohl ganz am Anfang gleich den Vetter von Luchserta, der Frau seines Bruders Ewein, diesen Aador Rauheneck, weggefegt hatte, machte kurzen Prozess mit ihm. Bevor er wieder zu Atem kommen konnte – und auch mit allen Lehren Firuns im Kopf hatte er keine Chance. Unter einem Schlaggewitter mit dem Gefühl sechs Gegnern gegenüber zu stehen ging er zu Boden ...

 
Nach dem Gestampfe
Brodilsgrund vor Angbar, 10. Rondra 1041 BF

Irgendwie schaffte es Widderich es, sich einen Weg durch das Gedränge zu bahnen. Hin zu seinem Vetter, der am Rand des Feldes auf dem Rücken lag – alle Extremitäten weit von sich gestreckt. Hin zu seiner Nichte und seinem Bruder, die über dem armen Kerl hockten – Erstere wischte schwer besorgt mit einem blutigen Tuch in seinem Gesicht herum, während der Zweitere sich bemühte, die Halsberge zu öffnen. Und hin zu seiner Gemahlin, die an die Absperrung gelehnt stand – mit einem amüsierten Funkeln in den Augen. Das war einerseits gut, denn es verriet ihm, dass Aardor nicht im Begriff war abzukratzen. Andererseits war es schlecht, denn er ahnte jetzt schon, dass er gleich zum Ziel ihres Spotts werden würde.

„Was ist mit ihm?“, fragte der Rotenforster noch bevor er das kleine Grüppchen erreichte. Nicht zuletzt, um seiner Frau zuvorzukommen.

„Keine Sorge, er kommt schon wieder zu Bewusstsein“, meinte Satijana beschwichtigend. „Es wird! Das nächste Mal rennt er sicher nicht noch mal mit dem Kopf voran in die Waffe seines Gegners rein. Es sei denn, der Schlag da gerade war zu hart ...“

„Du hast gut reden!“

„Ja klar, immer doch“, sie blinzelte vergnügt. „Und wo ich schon dabei bin: Was war denn bitte bei dir los? Nach so einem gelungenen Auftakt derart glanzlos untergegangen? Ist dir auf halber Strecke die Puste weggeblieben, alter Mann?“

Widderich seufzte und griff nach dem Kinnriemen seines Helms, um ihn abzusetzen, bevor er seinem liebsten Quälgeist eine Antwort gab. Brachte ja nichts, sie mit Blicken erdolchen zu wollen, wenn seine Augen gar nicht sichtbar waren.

„Ich weiß es nicht“, brummte er, als die Tat vollbracht war. „Ich habe keine Ahnung, was bei mir los war. Nicht die geringste.“

„Na ja, was soll’s. Du bist unverletzt. Setz einen Haken drunter.“

„Einen Haken? Hast du gesehen, was da gerade passiert ist?“, fragte er unwirsch. „Unser Angriff ist an einer Mauer zerschellt – und ich war auch noch der erste erfahrenere Weidener, den es gerissen hat. Schönen Anführer gebe ich ab!“

„Na?! Jetzt aber!“

„Was? Willst du das etwa bestreiten?!“

„Nachdrücklich!“ Mit einer ebenso raschen wie unerwarteten Geste legte Satijana die Hände an seine Wangen, zog ihn näher an sich heran und zwang ihn, ihr in die Augen zu sehen. Da war kein Spott mehr in ihrem Blick. „Du bist ein hervorragender Anführer, Widderich! Wenn dem nicht so wäre, würde dein Haus heuer in Trümmern liegen. Überlege nur, durch was für eine schwierige Zeit du die Deinen manövriert hast und wo ihr heute steht. Das ist vor allem dein Verdienst, und es wäre dir niemals gelungen, wenn du so schlecht wärst, wie du dich machst. Lass endlich hinter dir, was war, und schau nach vorn! Du bist jetzt ein anderer, dir stehen alle Möglichkeiten offen.“

Widderich legte die freie Linke auf Satijanas rechte Hand und schüttelte den Kopf. Eigentlich nicht, um ihr zu widersprechen, sondern weil er sie davon abhalten wollte, diese Rede in aller Öffentlichkeit fortzuführen. Allein, sie verstand das offenbar miss.

„Doch! Genau so ist es!“, beharrte sie. „Als der Garetier dich zum Anführer bestimmte, hat niemand gemurrt, oder? Was sagt uns das, hum?“

„Dass die Gerüchte noch nicht bis in die Trutz vorgedrungen sind?!“

„Oder dass Bunsenholds Kabale nicht die von ihm erwünschten Früchte!“

„Glaube ich kaum!“

„Ach komm schon, alter Schwarzmaler! Es ist alles nicht so schlimm wie du denkst. Bunsenhold kriegt uns nicht klein und du bist ein guter Anführer. Stellst dich ohne Zögern in die erste Reihe, um mit gutem Beispiel voranzugehen und Schaden von deinen Leuten abzuwenden. Das scheint hier nicht unbedingt jeder zu tun. Außerdem stürmst du nicht blindlings voran ... naja ... jedenfalls im Ernstfall nicht, sondern wägst ab, und noch da...“

„Ja. Ja!“, unterbrach er sie leise. „Ich habe verstanden. Ich bin der Beste.“

„Ganz ohne Frage“, sie lachte, bevor sie ihm einen kurzen, aber nichtsdestotrotz innigen Kuss auf die Lippen gab. „Ich schlage vor, dass du es den anderen in den Einzeldisziplinen zeigst. Und wenn auch das misslingen sollte, komm zu mir, bevor dich der Gram ganz niederstreckt. Dann darfst du bei einer Privataudienz demonstrieren, in welchen Disziplinen du sonst noch so zu den Besten gehörst.“

„Ahnen!“, entfuhr es Widderich und er musste an sich halten, um nicht einen sichernden Blick in die Runde zu werfen. „Bist du des Wahnsinns, Weib?“

Jetzt grinste sie doch wieder und ihre Augen funkelten gefährlich.

„Ich habe meine Mitstreiter eben zu einem Absacker eingeladen“, vollzog der Rotenforster einen raschen Themenwechsel, ehe seine Gemahlin einen Ton von sich geben konnte. „Sind ja noch ein paar Stunden bis zum Bankett ...“

„Wie denn? Jetzt sofort? Zu uns ans Zelt?“

„Wusste nicht, wohin sonst.“

„Alle?“

„In erster Linie die Weidener, aber vielleicht kommt ja auch einer von den anderen? Es war eine offene Einladung ins Rund.“

„Aha. Und wer von uns beiden ist jetzt bitte des Wahnsinns?!“


***


Walthari von Leufels erhob sich etwas mühsam vom Boden und streckte den Rücken durch. Sorgsam achtete er dabei auf die verschiedenen Schmerzsignale seines Körpers. Er hatte ein paar kräftige Hiebe abbekommen. War aber zufrieden mit sich, da er – so glaubte er zumindest – mehr ausgeteilt als eingesteckt hatte. Ein kurzer Blick zurück bestätigte ihm, dass der Kampf vorbei und verloren war. „Wie erwartet“ murmelte er vor sich hin.

„Ihr habt gut gekämpft, Herr.“ Rutger von Uhlenhain, Waltharis Knappe, war inzwischen herbeigeeilt. „Kann ich Euch behilflich sein?“ Walthari nahm den Helm ab und wischte sich die schweißnassen braunen Haarsträhnen aus dem bärtigen Gesicht. „Hm. War das ein Kampf? Ich hatte eher den Eindruck eines Gemetzels hier vorn an der Sturmspitze. Irgendwie haben die anderen es geschafft, sämtliche Vorteile auf ihre Seite zu bringen. Da standen wir hier ganz schön auf verlorenem Posten.“

„Stimmt. Aber die Weidener haben fast bis zum Schluss noch gestanden. Das war schon sehr beeindruckend.“ Rutger grinste breit. Sein Schwertvater ließ nur die Augenbrauen hochzucken.

„Naja. In einer echten Schlacht wären wir halt jetzt alle tot. Wie gut, dass du dann alles gesehen hast und uns in deinen Liedern besingen könntest. Mehr kann man nicht mehr erwarten.“

Rutgers Grinsen verschwand aus dem Gesicht. Was wollte ihm der Baron damit sagen? Sollte er jetzt ein Lied singen? Die Minne gehörte zur gefälligen Ausbildung, war ihm aber ein Gräuel, da er völlig unmusikalisch war. Außerdem lag der Schwerpunkt seiner Ausbildung beim Baron von Dergelquell nicht gerade auf diesem Aspekt der Ritterschaft. Mitten im Finsterkamm waren andere Talente gefragt. Seit er sich dem Alter für den Ritterschlag näherte, immerhin würde er im nächsten Jahr seinen 21. Sommer erleben, war er ständig in Panik, dass seinem Schwertvater ein Grund einfallen würde, ihm diesen zu verwehren. Bei seiner Vorgängerin hatte sich der Ritterschlag auch verzögert, wie er wusste.

Seine Gedanken mussten ihm wohl im Gesicht gestanden haben, denn Walthari fuhr nach einer kurzen Pause fort. „Das mit deinem Ritterschlag muss ich mir wohl noch überlegen. Es gibt ganz offensichtlich grundlegende Dinge bezüglich der Ritterschaft, die du nicht verinnerlicht hast“ sagte er fast beiläufig und ließ bei Rutger fast augenblicklich den Schweiß ausbrechen.

„Was? Äh? Nein! Oder doch, Herr? Ich ...“, er schüttelte resigniert den Kopf. „Ich weiß nicht, was ihr meint, Herr“ sagte er schließlich kleinlaut.

„Na, dann erkläre ich dir das mal“ sagte Walthari mit einem leicht ermüdeten Unterton in der Stimme, legte seine schweren Pranken auf die Schultern des Jungen und blickte ihm ernst in die Augen. Dann gab er ihm einen nicht nur neckisch gemeinten Schlag auf den Hinterkopf und fuhr mit erhobener Stimme fort: „Ich hab mir die Seele aus dem Leib gekämpft und Dreck gefressen. Ich brauch was, um diesen Dreck und den Geschmack der Niederlage runterzuspülen. Wenn ich also das nächste Mal auf dem Boden liege und aufstehe, will ich dich mit einem großen Humpen mit Schaumkrone obenauf sehen. Und jetzt pack dich weg und hol mir was zum Saufen, Kerl!“

Einer fast schon unterbewussten Reaktion folgend, ertönte ein „Ja, Herr“ aus Rutgers Mund und er setzte schon zum Spurt an, als er jäh anhielt und sich noch einmal umdrehte. „Ähm. Widderich von Rauheneck hat alle Streiter zu einem Trunk in sein Zelt eingeladen, Herr.“

„Wer ist Widerlich von Rauheneck?“ fragte Walthari und wuselte verlegen in seinem Bart. „Nun, äh. Der Baron von Rotenforst. Der Anführer eures Sturms“ antwortete der Knappe.

„Ah.“ Waltharis Züge erhellten sich. „Der Rotenforster. Sag das doch gleich. In der Sichel muss man sich ja alle paar Monate an neue Namen gewöhnen hat man das Gefühl. Tja. Da hast du ja noch mal Glück gehabt. Dann mal los, ich hab Durst.“

Noch in Rüstung befindlich stapfte der Heldentrutzer in Richtung des Rotenforster Zeltes an seinem Knappen vorbei. Dabei zwinkerte er ihm zu und grummelte „Wird vielleicht doch noch was mit dem Ritterschlag im nächsten Jahr.“


***


Brin von Gilbertholz ließ es sich natürlich nicht nehmen, der Einladung des Barons von Rotenforst Folge zu leisten. Freibier klang immer gut. Er konnte nicht verstehen, warum der Winhaller Ritter, der auch am Sturm teilgenommen hatte nur „Lieber nicht“ geantwortet hatte, als Brin ihn freudig an die Einladung erinnert hatte. Gut, der war noch vor Brin gezäumt worden. Von Lanzelind vom Hochfeld. Das war doch keine Schande. Er selbst hatte sich gegen Geron von Bärenstieg nur wenig länger behaupten können.

Dennoch war Brin zufrieden. Er war auf seinem ersten Turnier. Ein Sieg wäre zwar schön gewesen, aber auch so war das Gestampfe gut verlaufen. Für einen Moment hatte er kurz an seinen Landsleuten gezweifelt. Ja, sie hatten kurz gewirkt, als hätten sie den Kampfeswillen verloren und würden mit dem Schicksal hadern. Dann aber hatten sie gezeigt, warum man vom „Schild des Reiches“ sprach, wenn man ihre Lande meinte. Sie hatten an der Seite Baron Nimmgalfs einen Kampf hingelegt, von dem die Barden gewiss noch in vielen Götterläufen singen würden. Und das würden sie nun feiern. Gemeinsam! Als Weidener!


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Viridian von Albenbluth-Lichtenhof, ehemaliger Knappe des Fürsten und derzeit reisender Ritter, war trotz der Niederlage beim Buhurt in bester Stimmung. Dem Kressenburger Ritter Ingmar von Keilholtz hatte er Stand gehalten und ihn in der dritte Runde gezäumt. Es war ein guter Kampf gewesen, fand er. Aber dann, bevor er recht wusste, wie ihm geschah, war diese Padora wie ein Gewitter über ihn gekommen und das einzige, was er zu seiner Ehre vorzutragen hatte, war dass sie zu den wohl ruhmreichsten Streiterinnen dieses Buhurts gehört hatte. Rondra und Phex waren offensichtlich auf ihrer Seite gewesen. Er empfand es nicht als Schande, gegen sie verloren zu haben, auch wenn er es sich anders gewünscht hätte… Die Aufmerksamkeit des Fürsten hatte er so wohl sicher nicht erlangt.

Nun, wo er langsam wieder zur Ruhe kam, sah er sich suchend um. Bisher hatte er kaum vertraute Gesichter entdeckt, aber ihm war so, als hätte er Calerine unter den Zuschauern auf der Tribüne gesehen. Ob sie seinen Sieg über den Keilholtz bemerkt hatte? Er hatte gerade beschlossen, sie suchen zu gehen und sich zu erkundigen, wie es ihr seit dem Ritterschlag durch den Fürsten ergangen war, da vernahm er, dass der Rotenforster zu Bier geladen hatte. Was für ein verlockendes Angebot. Er war zwar nicht ganz sicher, ob das auch für ihn galt, aber er beschloss, der Sache nachzugehen.

Calerine würde er sich auch später noch antreffen ...


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Bärfried von Sunderhardt war geladen. Auf dem kurzen Weg zwischen seinem Zelt und dem des Barons von Rotenforst hätte er beinahe zwei Knappen, eine Waffenmagd und eine Priesterin der Peraine über den Haufen gerannt. Wer von den vier Genannten eine Entschuldigung aus dem Mund des Junkers erwartete, wurde jedoch enttäuscht; außer einem unwilligen Murren oder Grunzen gab der Sunderhardter nichts von sich. Dennoch wagte es niemand ihn auf diesen Fauxpas hinzuweisen. Sein Antlitz war so sehr von Schmerz und Wut zerfressen, dass selbst ein Blinder mit zwei dieser seltsamen Glasaugen aus zwergischer Fertigung, die der Weidener während seiner kurzen Zeit in Angbar bereits kennenlernen durfte, es sehen konnte.

Sein Knappe Widolf sollte der erste sein, den der Zorn seines Herrn traf. Als er ihm aus seiner Rüstung half, hatte es der Jüngling doch tatsächlich gewagt, Bärfried zu seinem guten Kampf zu gratulieren – immerhin hatte dieser schnell zwei seiner Gegner gezäumt. Die Worte der Anerkennung waren dem jungen Trencker jedoch nicht gut bekommen, und erst das Erscheinen seines Eheweibs hatte den Sunderhardter wieder etwas beruhigen können. Es war klar: Bärfried musste raus aus seinem Zelt, an die frische Luft und just da kam ihm die Einladung Widderichs in den Sinn. Notdürftig und recht freizügig – bloß in eine ärmellose Weste, lederne Beinlinge und leichte Stiefel gewandet – machte er sich auf den Weg. Seine Brust und die Oberarme glänzten noch immer vom Schweiß und sein Atem ging schwer. Teils wegen des in ihm wütenden Ärgers, teils wegen der immer noch nicht lange zurückliegenden Anstrengung des Kampfes.

‚Was bei den zwölf Fürsten der Finsternis war das eben?‘, Bärfried konnte sich noch immer nicht erklären, wie es möglich war, dass ihr Ansturm so schnell an den Gegnern zerschellen konnte. Nachdem er seinen ersten Gegner mit dem ersten Streich zu Boden beförderte, ging ein Ruck durch seinen Leib. Es schien fast so, als bremse etwas seinen Waffenarm und sein zweiter Gegner, der ihn zuvor noch mit vor Schreck geweiteten Augen anstarrte, sollte sich ihm nur einen Herzschlag später als ebenbürtig gegenüberstellen. Zwar schaffte er es, auch diesen Gegner zu besiegen, doch war der dritte, der auf den Fuß folgte, dann einer zu viel.

Der Junker konnte sich das Einbrechen seiner Fähigkeiten nur mit finsterem Hexenwerk erklären. Bärfrieds Mutter war selbst eine dieser „weisen Frauen“ gewesen und immer noch erinnerte er sich mit Schaudern an eine Begegnung mit der Oberhexe von deren Schwesternschaft – Fastrade, ein altes Weib, das mehr tot als lebendig schien, aber dennoch von einer Aura der Macht umgeben war. Ja, er wusste, zu was diese Weiber imstande waren, und er würde seinen Verdacht an die Turnierleitung weitergeben.

Erst als Bärfried zu den Zelten der Rotenforster einbog, sollten seine düsteren Gedanken nach und nach verschwinden. Vielleicht brachten ihn nette Gesellschaft und etwas zu trinken tatsächlich auf andere Gedanken. Es war einen Versuch wert.


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Firian Böcklin hatte nach dem langen Kampf nur gewartet, bis er nicht mehr pumpte wie ein Maikäfer. Anschließend hatte er ein, zwei Eimer frischen kühlen Wassers über sich gekippt und sich dann aufgemacht zum Rauheneck. Adaque und sein Erster Ritter Rauert leckten bei ihrem Zeltplatz noch ihre Wunden und würden höchstens nachkommen. Firian aber war sich bewusst: Nach dem Kampf heute würde er – wenn er auch erst einmal an und in seinem Zelt war und die Rüstung abgelegt – nirgendwo mehr hingehen. Deshalb kam er gerüstet und bewaffnet, so wie er zum Buhurt angetreten war, nur wesentlich nasser, bei den Zelten der Rauhenecks an.

„Ey da ... Bruder Rotenforst! Es wurde was Ordentliches zu trinken angeboten! Hier bin ich! Von außen bereits feucht genug, nun braucht die Kehle was Feuchtes nach diesem denkwürdigen Gestampfe!“

Als der Böcklin auf den Platz zwischen zwei Turnierzelten in den rauheneckschen Farben einlief, herrschte dort gähnende Leere. Er fürchtete fast, das Versprechen des Sichlers sei leer gewesen. Nachdem er lautstark auf sich aufmerksam gemacht hatte, dauerte es jedoch nur wenige Herzschläge, bis eine der Zeltplanen zurückgeschlagen wurde und der dunkle Schopf des Barons von Rotenforst im Eingang auftauchte. Firian hatte seinen Gastgeber wohl auf dem falschen Fuß erwischt, denn auch der trug seine Rüstung noch. Augenscheinlich war er gerade im Begriff gewesen, sich zumindest teilweise daraus zu befreien, begrub den Plan nun aber augenblicklich und schien sich nicht wirklich daran zu stören.

„Schneehag“, meinte er mit einem anerkennenden Nicken und trat auf Firian zu, um ihm die – immerhin bereits unbehandschuhte Rechte – zum Kriegergruß entgegenzustrecken. „Tapfer und sehr ausdauern gefochten. Nach allem, was ich von hinten-unten so sehen konnte. Gut, dass Dergelquell, Hahnfels und Ihr das Banner der Mittnacht hochgehalten habt, auch wenn es im Sturm etwas wilder zuging als erwartet.“ Ein ironisches Lächeln schlich sich auf die Lippen des Mannes. „So müssen wir uns nicht sinnlos besaufen, sondern können doch noch mit Stolz auf etwas anstoßen. Das Fass kommt jeden Moment. Habt Ihr ein Horn dabei?“

Firian ergriff den Arm und langte ordentlich zu. Dann sah er kurz über die Schulter des Rauheneck, ob vielleicht gleich noch eine Dame aus dem Zelt folgen würde.Da dem erst einmal nicht so war, ging er auf das Gesagte ein:

„Ich will meinen, die Sturmherrin war ganz sicher nicht auf unserer Seite heute und hat unseren Angriff ... zerschellen lassen. Zum Glück sind die meisten Südländer ziemlich weich und mit firungefälliger Zähigkeit konnte ich meinen Gegner am Ende besiegen. Ich versteh den Verlauf immer noch nicht so recht und hatte nach dem ersten Aufeinanderprallen, das zumindest bei mir ganz gut lief, plötzlich das Gefühl, etwas schlägt mich förmlich zurück und richtet den getroffenen Gegner wieder auf. Was war bei Euch los und konntet Ihr von ... hinten-unten mehr erkennen, wie es dazu kam?“

„Ein Horn? Öh ... nö ... meine Gemahlin kommt gleich noch nach ... die denkt bestimmt an so was... .“

„Wird nicht nötig sein“, erwiderte der Rauheneck und bedeutete seinem Gast mit einer knappen Geste, einen Blick über die Schulter zu werfen. In Firians Rücken näherten sich drei Gestalten, von denen die größte – ein bärtiger Glatzkopf – zwei Bänke geschultert hatte, der Kleinste – ein blonder Jüngling mit wirrem Blick – ein Fass schleppte, und die jüngste – ein schlacksiges Mädchen – eine Kiste, in der es verdächtig schepperte. Humpen wohl. „Ich hätte schwören können, dass kein Weidener ohne Horn hier auftaucht, aber wie es scheint kennt mein Weib meine Landsleute mittlerweile besser als ich.“

„Die Folgen einer garetischen Ehefrau: Bei uns auf der Burg gibt’s nur noch so schicke Silberpokale, wenn hohe Gäste da sind. Fürn Alltag – es hat seit zwei Wintern nen guten Böttcher in Steenbukken – hab ich so Holzhumpen. Sehen aus wie kleine Bierfässer mit Griff und Deckel. am Rand sogar mit nem Kupferring. Jedenfalls sacht sie immer, nen Horn ist furchtbar unpraktisch!"“

Widderich schüttelte den Kopf und machte eine wegwerfende Handbewegung, äußerte sich aber nicht zu dem Eingriff von Firians Frau in dessen Trinkgewohnheiten. Stattdessen griff er das eigentliche Gespräch wieder auf: „Was bei mir los war? Hum ... ich kann Eure Worte nur bestätigen. Ich dachte, ich hätte meinen Gegner so gut wie am Boden und auf einmal lag ich selbst im Dreck. Auch von da unten habe ich nichts gesehen, was es mir leichter machen würde, die Sache zu erklären. Am Ende haben wir halt einfach ... nicht gut genug gekämpft. Wobei der Leufelser nur zwei Atemzüge länger hätte ausharren müssen. Dann wäre er einer der Wenigen auf unserer Seite gewesen, die am Ende noch standen.“

„Pfftt ... der hätte uns auch nicht gerettet! Mir kam ja zuerst ein anderer Gedanke. Aber der hätte nur mich betroffen und wohl kaum alle Weidener“, meinte Firian.

„Was für ein Gedanke denn?“ hakte sein Gegenüber gleichwohl nach.

„Nun“, Firian zögerte etwas. „Das ist ein Gedanke, der mich schon etwas länger beschäftigt. Es hängt mit meiner Verehrung für die Sturmherrin zusammen ...“, er sah den Rauheneck an. Man sagte den Seinen ja durchaus nach, noch nicht einmal die Zwölf zu verehren. Er beschloss, nicht weiter darzulegen, was ihm so durch den Kopf ging, bevor er nicht selbst ein mpaar Fragen gestellt hatte. Also sagte er: „Wie haltet ihr es da? Wo steht die Sturmherrin bei Euch?“

Es war offenkundig, dass er Widderich damit auf dem falschen Fuß erwischte. Er starrte ihn einen Augenblick überrascht an, fasst sich dann aber schnell wieder und wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, als sich eine weibliche Stimme in den bisherigen Zweiklang mischte.

„Seid ihr immer noch am Räsonieren? Das nimmt ja gar kein Ende mehr!“ Von Firian unbemerkt war eine kleine blonde Frau aus dem Zelt hinter dem Rotenforster getreten, die nun freundlich lächelnd auf ihn zu kam. In der linken Hand hielt sie eine irdene Flasche, in der rechten drei Stumpen. „Seid doch einfach froh, dass es hier auf dem Turnier und nicht auf einem Schlachtfeld passiert ist. Sonst könnten wir jetzt nicht mehr anstoßen.“ Sie streckte dem Böcklin die Hand mit den Stumpen entgegen und machte eine einladende Geste: „Wird wohl noch einen Moment dauern, bis das Fass angestochen ist. Bis dahin vielleicht einen Meskinnes auf den Schreck?! Reinigt auch den Magen. Für den Fall, dass Ihr zu viel Staub geschluckt habt.“

„Aber ja doch!“ war die Antwort auf die Frage nach dem Meskinnes. „Niederlagen stimmen mich nie froh! Wenn man sich an sie gewöhnt, besteht die Gefahr beim nächsten echten Kampf auch zu denken, eine Niederlage wäre nicht so schlimm und man könne ja draus lernen. Das, was mich, und wie ich höre auch Bruder Rotenforst hier, umtreibt, ist der unerwartete Verlauf der ganzen Geschichte.“

„Meine bessere Hälfte“, fügte Widderich an, als Firian geendet hatte. Wohl um der Förmlichkeit Genüge zu tun. „Satijana von Rauheneck. Satijana, das ist Firian Böcklin von Buchsbart, Baron zu Schneehag in der Grafschaft Heldentrutz.“

Firian griff die inzwischen von Stumpen befreite Hand der Rotenforster Baronsgemahlin und gab ihr einen ordentlichen und kräftigen Kriegergruß als Begrüßung. „Ah, erfreut, Euch kennenzulernen, Hochgeboren. Da werde ich ja endlich die Botschaft los, die ich schon so lange mit mir rumtrage. Sie ist von Rowina Böcklin. Sie sagte, ihr kennt euch flüchtig. Jedenfalls lautet die Botschaft: ‚Interessante Lösung.‘“ Der Schneehager sah einen Moment reichlich neugierig drein. Er hatte offenbar keinen Schimmer, was Rowina damit meinte, war aber sehr interessiert daran, es zu erfahren.

Satijana lächelte den Trutzer Baron erst freundlich an, schien dann etwas überrascht, als er nach ihrem Unterarm griff, als sei sie eine Kriegerin und nicht etwa das zerbrechliche Pflänzlein, für das sie sonst immer gehalten wurde. Schließlich eroberte ein nachgerade verwirrter Ausdruck ihre Züge – nämlich als Firian die Botschaft seiner Verwandten überbrachte. Sie runzelte die Stirn, warf einen ratlosen Blick zu Widderich hinüber und schien dann gerade etwas sagen zu wollen, als sie von der Ankunft einer weiteren Ritters abgelenkt wurde.

Es gab keine Erklärung ob Firian sie als gleichwertig ansah, weil sie die Gemahlin eines Weidener Barons war, weil er davon ausging, dass sie ebenfalls Ritterin war, oder aber weil er vielleicht sogar wusste, was sie genau war und mit was gesegnet. Es schien jedenfalls, dass er sie trotz der geringen körperlichen Größe erst einmal für voll nahm. Als sie ihn so verwirrt ansah eroberte aber ein bisschen Enttäuschung seine Züge. Scheinbar gab es auch von dieser Seite keine Aufklärung für die nicht gerade üppige Botschaft. Naja, er hakte die Sache fürs Erste ab und ging davon aus, dass er heute nicht mehr erfahren würde, was gemeint war.

Da erklang auch schon ein vernehmliches Räuspern in Firians Rücken, auf das eine noch recht jung klingende Männerstimme folgte:

„Verzeiht die Störung, aber mich erreichte die Kunde, dass es hier eine Linderung in flüssiger Form für niedergeschlagene Recken geben soll. Ich hoffe das gilt auch für solche, in denen kein Weidener Blut fließt, zumindest nehme ich das an.“ Ein Grinsen schwang in der Stimme mit, als Viridian von Albenbluth-Lichtenhof langsam näher trat und fragend von Firian zu Widderich sah. Sonst sah er keinen der Streiter, was ihn einen Moment verunsicherte. Aber vielleicht nahmen sich alle anderen mehr Zeit, sich frisch zu machen. Er hatte nur alle Rüstteile von sich geschmissen und war direkt losmarschiert. Glücklicherweise schien der Böcklin sich nicht einmal dafür Zeit genommen zu haben und auch der Rotenfelser trug noch seine Rüstung.

Letzterer trat jetzt auf den Neuankömmling zu und streckte ihm die Hand zum Gruß entgegen. Derweil glitt sein Blick prüfend über dessen Wappenrock, wohl weil er versuchte, ihn irgendwie zuzuordnen.

Der junge Mann mit dem dunkelblonden Haar und den grün-braunen Augen ergriff den Unterarm des anderen und ihn gut gelaunt an. Dass Schweiß, Öl und Dreck eine kräftige Spur durch sein Gesicht gezogen hatten, war ihm entweder nicht bewusst oder egal. Der Wappenrock war in dunklem Grün gehalten. Das auf der Brust angebrachte Wappen zeigte einen diagonal geteilten Schild: rechts oben drei rote Bäume auf Schwarz, links unten zwei gekreuzte Schwerter auf Grün.

„Selbstverständlich gilt das auch für Ritter, in deren Adern kein Weidener Blut fließt“, meinte der Rotenforster, nachdem er seine Musterung beendet hatte. „Solange sie bei dem Gemetzel da eben auf der richtigen Seite standen. Und solange Ihr es ertragt, allein unter Weidenern zu sein. Wenn mich nicht alles täuscht, sind der Leufelser und der Hilbertholzer da nämlich gerade im Anmarsch.“

„Die sollen sich mal sputen. Verdammt trockene Luft hier!“, gab Firian seinen Kommentar zu den nahenden Kampfgenossen ab.

Viridian beantwortete derweil die ungestellte Frage, da er den Blick auf sein Wappen bemerkt hatte. Und da er sich nicht sicher war, ob die anderen überhaupt wussten, wer er war, begann er mit seinem Namen. Besser spät als nie: „Viridian von Albenbluth-Lichtenhof, gebürtiger Nordmärker und ehemaliger Knappe am Koscher Fürstenhof. Halb Fisch, halb Fleisch, sagen manche. Habt Dank für die Einladung!“ Er wollte noch eine Frage ergänzen, beschloss dann aber lieber, abzuwarten, wer sich noch dazu gesellte, bevor er womöglich in ein Wespennest stach.

Während die Ritter sich ausgetauscht hatten, errichteten Widderichs Verwandte zwischen den rauheneckschen Zelten ein kleines Rondell aus den Bänken und dem aufgebockten Bierfass – das dann von dem glatzköpfigen Hünen ohne großes Federlesen angestochen wurde. Und noch ehe Viridian antworten konnte, hielt er einen Humpen mit schäumendem Bier in der rechten – und einen kleinen Stumpen mit einer klaren Flüssigkeit in der Linken.

Glücklich betrachtete er die beiden Getränke und dachte sich, dass der Abend noch gut werden würde.

Firian befand unterdessen, dass es auf der einen Seite immer besser wurde. Nun in beiden Händen ein gutes Getränk zu haben, gefiel sehr wohl. Doch nützte es ja nix, wenn man es nicht trinken konnte. Genervt sah er sich um. Der Leufelser legte immer mehr Nordmärker Züge an den Tag, wie er fand. Wo blieb der Kerl nur!

„Ähm, Baron Böcklin von Schneehag, oder?“, Viridian hoffte, es richtig zusammenbekommen zu haben. Er zögerte zu trinken, weil der andere offenbar auf etwas wartete. Vielleicht auf den Trinkspruch des Gastgebers. Oder womöglich auf die zwei, die sich da näherten. Konnte nicht schaden, dann ebenfalls zu warten, obwohl sein Mund sich staubtrocken anfühlte und das Bier ihn so verlockend anstrahlte. Sein Kampf stand ihm regelrecht ins Gesicht geschrieben.

Das schien dem Gastgeber nicht zu entgehen, denn er schüttelte nun entschieden den Kopf und meinte: „Egal jetzt! Fangen wir einfach mit dem Meskinnes an. Davon haben wir eh nicht genug für alle. Bis die anderen da sind, haben wir den runter und können mit dem Bier weiter machen.“ Er hob den Stumpen und sah die beiden anderen Ritter an. „Herr Viridian aus den Nordmarken und dem Kosch, Herr Firian aus der Heldentrutz, mein Name dürfte bekannt sein – und ab dafür! Auf einen guten Kampf. Auch wenn es am Ende leider kein erfolgreicher war. Wir haben ja in den kommenden Tagen noch Zeit, die Scharte wieder auszuwetzen. Wohlschmecken!“  

„Zum Wohl und runter damit!“, erwiderte Firian und stürzte endlich Flüssiges seine Kehle runter. Dem Gastgeber nickte er noch bestätigend zu. Wenn das so weiterlief wie heute, würden sie jeden Abend saufen müssen!

Etwas schüchtern trat Brin von Gilbertholz zu den hohen Herrschaften. Er war wohlgemut aufgebrochen, doch je mehr er sich dem Lager des Barons von Rotenforst näherte desto mehr hatte er das Gefühl bekommen, nicht dazu zu gehören. Was war er denn schon? Der verarmte Spross eines in Ungnade gefallenen Geschlechtes. Gut, er war an der herzöglichen Knappenschule ausgebildet worden, doch eigentlich war er wohl nichts anderes als eine Friedgeisel gewesen. Das kleine Haus Gilbertholz hatte sich auf die Seite Baeromars gestellt. Das war ein Fehler gewesen ...

„Rondra zum Gruße, Hochgeboren!“, grüßte er, und man hörte, dass er einen Kloß im Hals hatte. Brin wünschte sich seinen Freund Angrist an die Seite. Der junge Blauenburger wusste stets, sich in höheren Kreisen gewandt zu bewegen. „Mein Name ist Brin von Gilbertholz. Und ich hörte, dass die Weidener des Sturmkeils heute eingeladen seinen, einen Trunk mit Euch zu nehmen, Herr von Rauheneck. Auch wenn ich mich nicht lange habe halten können, würde ich Euer Angebot gern in Anspruch nehmen.“ Verlegen drehte er sein Trinkhorn in den Händen.

Der Rotenforster warf dem jungen Mann einen interessierten Blick zu, der langsam vom Scheitel bis zu den nervösen Händen hinab glitt. Dann meinte er: „Ihr habt richtig gehört, Gilbertholz. Seid mir willkommen und tretet ein bisschen näher. Ich habe mich auch nicht viel länger gehalten als Ihr, das wird mich aber nicht davon abhalten, meinen Durst zu löschen. Ebenso wenig sollte es Euch abhalten. Immerhin seid ihr unverletzt aus der Sache herausgekommen. Das kann nicht jeder von sich behaupten.“

Er machte eine vage Geste in Richtung seines jüngeren Vetters, der verdächtig schief auf einer der Bänke saß und sich an seinem Trinkhorn festzuklammern schien. Offenbar hatte der Jungritter einen ordentlichen Schlag gegen den Kopf bekommen und nicht gerade wenig Blut verloren. Reste davon klebten noch in seinem hellen Haar und am Unterkiefer.

„Gebt Ihr mir Euer Horn? Dann fülle ich es für Euch.“ Ein schlacksiges Mädchen mit großen braunen Augen war auf Brin zugetreten und bedachte ihn mit einem freundlichen Lächeln, während es auf das leere Trinkgefäß deutete.

Firian grüßte den nächsten der zum Besäufnis kurz. Das Schnauben das ihm auf der Lippe lag bezüglich Rondra die ihm durch die Begrüßungsformel wieder in den Sinn kam, unterdrückte er mit einem weiteren Schluck. Anschließend ließ auch er sich nachschenken und sah sich um, wo denn sein Ritter und sein Weib blieben.