Auf in den Kosch - Turnier - Ringstechen

Beitragsseiten

Am Tag vor dem Ringstechen
Im Hof einer Wegschenke nahe Ferdok, Anfang Rondra 1041 BF

„Mach’s noch einmal, Gilda, sonst glauben wir, dass es Zufall war!“, rief Aardor über die Wiese und feixte sich einen.

Totaler Blödsinn, diese Aufforderung, denn das eine Mal hatte vollauf gereicht, um zu sehen, dass es kein Zufall gewesen war. Man musste schon blind oder blöd sein, um sich dieser Einsicht verschließen zu können. Dennoch wollte er einfach nicht glauben, dass seine jüngere Base, das dürre Elend, die Lanze tatsächlich so gut im Griff hatte. Das kam ihm fast ein bisschen ungerecht vor. Rossgilda bestand im Grunde nur aus Armen und Beinen und einem viel zu langen Hals. Wo sie auch ging und stand machte er sich Sorgen, dass sie über ihre eigenen Füße stolpern oder mit den Armen an irgendetwas hängenbleiben könnte. Sobald sie aber im Sattel saß ... das war eine ganz andere Geschichte. Und es kam ihm geradezu grotesk vor.

Er ließ seinen Blick nachdenklich über die kräftige braune Stute gleiten, die Graf Growin seiner Knappin geschenkt hatte. Ein Elenviner Vollblut. Vom Gestüt Mähnenhaupt. Wahrscheinlich das edelste Ross, auf dem je ein Rauheneck gesessen hatte. Für seinen Geschmack ein bisschen zu mickrig, aber das änderte nichts daran, dass er Kraft, Anmut und Feuer des Tiers bewunderte. Im Stillen zumindest. Seiner Base gegenüber würde er das sicher nicht tun. Die platzte ja so schon vor Stolz. Stolz auf ihr Ross. Stolz auf ihre Rüstung – auch wenn die neben dem typischen Streifenrock der Ferdoker Lanzerinnen vorerst nur aus einem ledernen Kürass bestand. Stolz darauf, dass sie von zwei vorzüglichen Streiterinnen am Ferdoker Hof ausgebildet wurde. Und nicht zuletzt Stolz darauf, dass sie ihren „Schwertvater“, Growin Sohn des Gorbosch, auf diesem Turnier vertreten durfte.

Aardor wandte sich von der Base ab, als sein vor Freude strahlender Vetter ihm kräftig auf die Schulter klopfte. Bärfang kam just von dem breiten Pfosten zurück, auf dem er nun zum zweiten Mal einen Helm platziert hatte. Für Zielübungen.

„Sind wir uns eigentlich sicher, dass Widderich nichts dagegen hat?“, fragte Aardor leise und deutete auf den herrlich verzierten Kopfschutz.

„Pffft“, machte Bärfang und hob die Schultern. „Ist ein Helm, oder? Noch dazu von den Händen meines Vaters. Wenn der ein paar Stöße mit der Lanze und Stürze nicht unbeschadet überstehen würde, wäre er eh nutzlos!“

Sie sahen einander grinsend an, waren sich im Stillen aber einig, dass sie den Helm später heimlich an seinen Platz zurückstellen würden. Und dass er besser keine Beulen davontrug.

„Echt jetzt? Ich soll noch mal?“, hallte Rossgildas Stimme derweil aus der Ferne herüber.

„Ja klar!“, rief Bärfang und untermalte die Aufforderung mit einer eindeutigen Geste. „Zeig es uns noch mal! Wir sind im Zweifel!“

„Na gut.“

Die Knappin zwang ihr Stütlein in eine enge Volte und ließ es zum Ende der Wiese zurück traben. Sah alles noch ganz harmlos und entspannt aus, bis sich das Tier herumwarf und in halsbrecherischem Tempo auf den Pfahl zuhielt. Wie gebannt hing Aardors Blick am schlacksigen Leib seiner Base, der mit einem mal gar nicht mehr so fürchterlich kraftlos und unkoordiniert wirkte. Sie fasste das Ziel fest ins Auge und hielt die Lanze schön senkrecht, bis sie genau den richtigen Abstand erreicht hatte. Dann senkte sie sie und – peng! Der Helm flog im hohen Bogen davon.

Während Aardor noch über die blitzsaubere Technik staunte, fing Bärfang neben ihm schon zu lachen an. Es war ein lautes und sehr gelöstes Lachen. Stolz vor allem. Ja, auch Bärfang war stolz. Auf das Töchterchen seines verstorbenen Zwillingsbruders, das nun kein Töchterchen mehr war, sondern eine Tochter. In den vergangenen fünf Götterläufen hatte Rossgilda nicht nur körperlich einen Sprung nach vorn gemacht. Das war ohnehin augenfällig, aber hiermit setzte sie dem Ganzen die Krone auf.

„Man sollte nicht meinen, dass ihr Schwertvater ein Zwerg ist“, murmelte Aardor. Es war ihm nicht recht, aber irgendwo verspürte er Neid. Ein kleines Quäntchen. Sicher, auch er hatte am Herzogenhof in Trallop eine gute Schule durchlaufen. Doch war er nur einer von vielen Knappen gewesen und kein einzelner Zögling, um den alle herum gluckten. Er hatte auch kein eigenes Pferd erhalten. Nicht mal ein Streifenröckchen war drin gewesen ...

„Und wir haben damals noch über meinen alten Herrn gespottet“, meinte Bärfang. „Wegen der Zwergensache. Haben ihm gesagt, dass Growins Begabung für das Schmiedehandwerk ihn nicht unbedingt zu einem guten Ausbilder für eine angehende Rittfrau macht. Weil Ritter nun mal von Reiten kommt.“

„Wozu ein bisschen Fachsimpelei über die Schmiedekunst und ein paar Bier zu viel so führen können“, Aardor schmunzelte. Der Anflug von Neid war schon wieder weg. Stattdessen freute er sich, dass seine Base so ein unsägliches Glück gehabt hatte. „Bleibt abzuwarten, ob das Ganze im Ernstfall genauso gut aussieht, oder ob die Nerven da mit ihr durchgehen.“


***


„Wie Ringe stechen?“, Bärfried von Sunderhardt blickte sein Eheweib fassungslos an. „Das Einzige, was der Bursche sticht, sollten Weib...“, der tadelnde Blick Brandas ließ ihn innehalten. Er seufzte. „Gut, was bitte ist Ringstechen?“, setzte er dann resignierend hinzu.

Der Sunderhardter war als ehemaliger Knappe einer unter Reichsacht stehenden Räuberbaronin, während seiner Ausbildung nie in den Genuss gekommen, bei einem Turnier mitzureiten. Auch hatte er selbst bisher noch keinen Knappen gehabt, den er auf ein solches hätte vorbereiten können.

„Widolf muss im Vorbeireiten mit seiner Lanze so viele Ringe aufsammeln wie möglich. Das erfordert einiges an Geschick“, erklärte sein Gemahlin ihm. Branda war im Gegensatz zu Bärfried nicht in einer von der Außenwelt abgeschnittenen Gebirgsbaronie aufgewachsen, sondern brachte lange Jahre ihres Lebens in Baliho und dann später am Grafenhof von Salthel zu.

Bärfried schnaubte verächtlich. „Was sollen die Knappen denn dadurch lernen? Zeitverschwendung, wenn du mich fragst.“ Er warf das Übungsschwert in seinen Händen beiseite. „Dabei hätte ich mich so gefreut, Widolf zu sehen, wie er ein paar Zentralreichern das Fell gerbt.“ Der Junker zuckte schmollend mit seinen Schultern.

„Ja, was weiß ich? Ist nun mal so.“

„Schön“, Bärfried suchte den Blick seines Knappen Widolf, „... und wie soll ich ihm nun in aller Schnelle den Lanzengang beibringen, sodass er mich ... uns ... nicht blamiert?“ Er seufzte. „Na los, Widolf, aufsitzen ...“

Einige Momente später saß Widolf von Trenck auf dem Rücken seines Zossen und blickte unsicher auf die Lanze, die ihm sein Schwertvater reichte. „Ja richtig, das Ende mit der Krone nach vorne ... und immer schön gerade halten ... dem Ziel entgegen“, wies Bärfried ihn daraufhin ein. Doch schien der Knappe immer noch unsicher. Wie schlimm konnte es werden?


Das Ringstechen
Brodilsgrund vor Angbar, 9. Rondra 1041 BF

„Das wird nichts!“

„Sei ruhig, alter Schwarzmaler! Wie kannst du so was nur sagen?“

„Weil ich es sehe.“

„Du hättest sie gestern sehen sollen. Dann würdest du jetzt nicht so einen Stuss von dir geben.“

„Stuss? Meinst du?“

„Sie kann das richtig gut!“

„Sagt wer?“

„Ich!“

„Und seit wann hast du Ahnung vom Lanzenreiten?“

„Aardor sagt das auch! Ist doch so?!“

Satijana lächelte amüsiert. Schweigend beobachtete sie, wie sich der Blick ihres Schwagers Bärfang vom Gesicht ihres Gatten löste und stattdessen auf das des jüngeren Vetters richtete. Oder was man halt so Vetter nannte, wenn man ein Rauheneck war. Sie wusste mittlerweile, dass der Bärwaldener keinesfalls in direkter Linie mit den Sichlern verwandt war. Aber Vetter welchen Grades sie darstellten – dahinter war sie noch nicht gekommen. Würde es vielleicht auch nie.

„Japp, ich sage das auch“, meinte Aardor und nickte.

„Im hintersten Winkel des Feldes, wo ihr niemand als die eigene Familie zusieht, mag das ja gelten. Aber das hier ist etwas anderes.“ Widderich ließ den Blick vielsagend über den Brodilsgrund gleiten, der jetzt schon aus allen Nähten zu platzen schien. Und das, wo es doch gerade einmal um den Vorentscheid im Ringstechen ging.

Satijana begriff sofort, worauf er hinaus wollte, und sah neugierig zu Rossgilda hinüber. Das Mädchen saß auf dem Rücken seines Pferdes wie ein Schluck Wasser in der Kurve und traute sich nicht, den Kopf zu heben, um wenigstens einen vagen Eindruck vom Platz und dem Publikum zu gewinnen. Sie wirkte blass, ängstlich ... irgendwie überfordert. Und Satijana bekam sofort Mitleid. Rossgilda war noch nie besonders extrovertiert gewesen. Sie hielt sich lieber im Hintergrund und bekam schon hektische rote Flecken im Gesicht, wenn sie vor größeren Gesellschaften etwas sagen sollte. Wie viel schlimmer musste das nun für sie sein?

„Das ist doch egal“, meinte Bärfang hingegen. Klar meinte er das, er hatte ja keine Ahnung, was es bedeutete, sich nicht in jeder Lebenslage als König der Welt zu fühlen. „Sie kann es im hintersten Winkel, warum sollte sie es nicht auch hier können?“

„Weil sie Angst hat“, entgegnete Widderich schlicht.

„Angst?“, Bärfang lachte auf. „Wovor denn bitte? Die Ringe schlagen doch nicht zurück.“

„Davor, ihren Schwertvater und ihre Ausbilderinnen zu enttäuschen und an ihrem eigenen Anspruch zu scheitern.“

„Ach Quatsch!“, Bärfang schüttelte den Kopf und wollte noch etwas ergänzen.

Doch just in dem Moment ließ Rossgilda ihre Stute antraben und dann in Galopp fallen. Satijana kannte sich mit alledem nicht gut aus. Weder war sie eine brauchbare Reiterin noch hatte sie je eine Lanze geführt. Aber selbst sie sah, wie die Spitze der Holzstange zitterte, weil Rossgildas Hand es eben tat. Sie sah auch, dass das Mädchen die Waffe zu früh senkte und sie deshalb zu weit nach unten rutschte, bevor der erste Ring erreicht war – den die junge Reiterin aber eh nicht im Blick hatte, weil der an irgendetwas im Publikum hängengeblieben war.

Schon rauschte die Lanze unter dem ersten Ring hindurch und dann, nach einer hektischen Korrektur, oben über den zweiten hinweg. An der Stelle wandte sich Satijana ab. Nach den ersten beiden Akten der Tragödie hatte das Gesicht der Knappin bereits so entsetzt gewirkt – mehr wollte sie nicht sehen. In diesem Falle reichte es ohnehin zu hören. Bärfangs ungläubiges Schnauben, das fast schon schmerzerfüllte Stöhnen Aardors und schließlich das leise Raunen, das durchs Publikum ging.

Als Satijana sich dem Geschehen auf dem Feld wieder zuwandte, saß Rossgilda zwar immer noch auf dem Pferd. Das war aber die einzige gute Nachricht: Ihre Schultern hingen, der Kopf war nun puterrot vor Scham statt blass vor Anspannung und die Lanze wurde von gerade einmal zwei Ringen geziert. Es war ein wirklich trauriges Bild des Scheiterns, das sich da bot. Und der Anblick schmerzte sie.

„Ich gehe zu ihr“, meinte Satijana, ohne zu überlegen. „Sie braucht Rückhalt!“

„Lass nur“, zur ihrer Überraschung war es ausgerechnet Widderich, der das sagte und seine Hand auf ihre Schulter legte, um sie zu stoppen. „Ich mache das. Ich schätze, ich weiß besser, wie sie sich jetzt fühlt. Und welche Worte es braucht, um sie wieder aufzubauen.“ Damit setzte er sich in Bewegung, bahnte sich seinen Weg durch das Publikum – und sie sah erstaunt hinterher.


***


„Na, so schlecht hat er sich doch gar nicht geschlagen. Findest du nicht auch?“

„Pffft“, schnaufte Bärfried seine Gemahlin an. „Drei lausige Ringe. Die anderen Ritter müssen denken, ich verstehe nichts von meinem Handwerk.“ Er seufzte. „Naja, wenigstens hat er die Lanze richtigherum gehalten und auf dem Pferd ist er auch richtig gesessen.“

„Du bist zu streng zu ihm.“, kam es zurück.

„Nein, ihm mache ich keinen Vorwurf“, Bärfried schüttelte seinen Kopf. „Wenn es darum ginge, Rotpelze zu jagen, oder wenigstens ... du weißt schon ... mit Waffen zu kämpfen, dann wäre er ganz vorn mit dabei gewesen.“

„Das denke ich auch“, stimmte Brande ihm zu.

„Und ob. Ich traue mich sogar zu behaupten, dass der Bursche mehr Kampferfahrung hat als mancher Turnierteilnehmer – und damit meine ich nicht die anderen Knappen.“

Als Antwort folgte ein freches Grinsen.