Auf in den Kosch - Auf den Zahn gefühlt III

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Auf den Zahn gefühlt III
Im Hof einer Wegschenke nahe Ferdok, Anfang Rondra 1041 BF

Der schrill klirrende Stahl ließ die Luft erzittern. Unterbrochen wurde der Schrei der beiden aufeinandertreffenden Schwerter nur von vereinzelten, recht zornigen Zurufen und Anweisungen. Einander gegenüber standen zwei Kämpfer, die unterschiedlicher nicht hätten sein können: auf der einen Seite ein recht schmächtiger Jüngling mit roten Haaren und tiefblauen Augen, auf der anderen ein athletischer Krieger Anfang 30 mit dunklen Haaren und von Narben gezeichnetem Oberkörper. Beide Kombattanten verzichteten an diesem so drückend schwülen Abend darauf, ihre Körper mit Rüstzeug zu bedecken – der ältere der beiden bis auf Stiefel und Beinlinge sogar gänzlich darauf sich einzukleiden.

„Nein, nein ...“, stieß Bärfried schwer atmend aus. „Deckung hoch, verdammt nochmal!“ Der Kampf hatte für das geschulte Auge viel mit einem Schaukampf zu tun und ließ jeglichen Ernst vermissen. „Junge ... nein ...“, der Sunderhardter ließ sein Schwert sinken, einen Herzschlag später tat es ihm sein Knappe gleich. Widolf bleckte seine Zähne, dann rieb er sich an der Stelle den Oberarm, an welcher er gerade von der flachen Seite der Klinge seines Schwertvaters getroffen wurde. „In einer Schlacht wärst du jetzt deinen Arm los. Was ist denn heute los mit dir? Du lässt deine Deckung ja sonst nicht so schleifen.“

Bärfried bemerkte, dass es Widolf schwerfiel, seinen Blick zu halten, als dieser den Sermon über sich ergehen ließ. ‚Blickt der Bursche durch mich durch oder an mir vorbei?‘, dachte der Junker, bevor er sich stirnrunzelnd umwandte und den Urheber für die Unkonzentriertheiten seines Knappen erspähte. Nahe dem Brunnen stand eine junge Magd, die wohl gerade Wasser holen sollte und in ihrer Aufgabe ebenso pflichtvergessen war wie der junge Trencker. Der Eimer stand immer noch leer neben ihr, während sie Widolf mit geröteten Wangen offenbar schöne Augen machte. Als die junge Frau Bärfrieds Aufmerksamkeit gewahrte, senkte sie verlegen ihren Blick. Der Sunderhardter schnaubte. „Alles klar ...“, meinte er lächelnd.

Erst jetzt bemerkte er, dass auch Widderich von Rauheneck ihre Waffenübungen interessiert verfolgte. Mit verschränkten Armen lehnte der Baron von Rotenforst an einer nahen Mauer. Dankbar lächelte Bärfried ihm zu, dann streckte er kurz seine Arme von sich. „Wie sieht es aus, Widderich? Willst du dich etwas für das Turnier aufwärmen? Zeigen wir dem jungen Gemüse wie man kämpft? Und wer weiß, vielleicht kann ich dir ja noch den einen oder anderen Kniff beibringen.“ Der Hahnfelser lächelte frech.

Ein spöttisches Brauenzucken blieb zunächst die einzige Erwiderung des Rauheneck auf den kleinen Anwurf. Er machte keine Anstalten, sich von der Mauer abzustoßen, sondern bedachte erst die Magd, dann Widolf und schließlich auch Bärfried mit nachdenklichen Blicken. In erster Näherung wirkte das unhöflich bis herablassend. Der Sunderhardter aber hatte das Objekt seines Interesses mittlerweile ausgiebig genug studiert, um Erkenntnisse zu gewinnen. Nicht viele, denn die Sache gestaltete sich nach wie vor zäh. Gleich wie: Es reichte, um zu wissen, dass Widderich Dinge nicht gern vor Publikum tat. Egal welche. Was irgendwie schlecht war, da er in seinem neuen Amt naturgemäß öfter im Mittelpunkt stand. Allzumal bei den Gerüchten um seine Machtergreifung, die die Missgunst von mehr Leuten geweckt hatte, als für irgendjemanden gut sein konnte. Es fiel schwer zu sagen, woher das Unbehagen des Mannes im Umgang mit anderen Menschen rührte. Allerdings schien es nicht die Angst vor Blamagen zu sein. Dafür ging er zu gelassen mit Missgeschicken und den diesbezüglichen Spötteleien seiner Familie um ...

„Ich bin mir noch nicht sicher, ob ich mit von der Partie sein werde“, brummte der Rotenforster just als das Schweigen wirklich unhöflich zu werden drohte. „Aber ich bin immer bereit, ein paar neue Kniffe zu lernen.“ Nun endlich verließ er sein schattiges Plätzchen und kam näher. Dabei galt sein Interesse erst dem Schwert in Bärfrieds Hand und richtete sich dann auf dessen baren Oberkörper. „Ich schätze mal, dafür muss ich mich nicht auch frei machen, eh?!“

Der Junker blickte an sich herab. Für einen Moment schien es Widderich so, als huschte ein Ausdruck von Unverständnis über das Antlitz des Hahnfelsers, dann schien er jedoch zu verstehen und die fragende Miene wich einem breiten Lächeln. „Nein, musst du natürlich nicht.“ Er blickte sich um. Inzwischen waren ein paar mehr Schaulustige hinzu gekommen. „Aber wenn du möchtest, ziehe ich mir gern was über.“ Bärfried zuckte mit seinen Schultern. „Diese Hitze bringt mich um“, setzte er dann murmelnd hinzu.

Abermals ließ der Sunderhardter seinen Blick über die nun anwesenden Menschen schweifen. In ihren Gesichtern konnte er sowohl Abscheu und Unverständnis als auch Bewunderung und Begehren erkennen. Dass Branda recht haben könnte, wenn sie mahnte, dass er mit seinem ungebührlich freizügigem, beinahe schon hinterwäldlerischem Verhalten nicht zu viel Aufmerksamkeit auf sich selbst und ihre Gruppe ziehen sollte, kam ihm jedoch nicht in den Sinn. Bärfried hob seine Brauen und schüttelte leicht den Kopf, dann wandte er sich wieder Widderich zu. „Also was meinst du? Wenn du möchtest, kannst du dich auch in deine Rüstung schmeißen“, er bleckte seine Zähne. „Mir ist einfach danach, meine Muskeln etwas aufzulockern und einen Kampf auf Augenhöhe zu fechten.“

Der Rotenforster meinte erst mal gar nichts. Er war Bärfrieds Blick gefolgt, nahm wahr, dass das Publikum wuchs und runzelte darob unzufrieden die Stirn. „Habt ihr etwa alle nichts zu tun?!“, raunzte er unwirsch in die Runde. „Man sollte meinen, auch Koscher gehen einem Tagwerk nach, das irgendwann mal erledigt sein will.“

Er hielt sich nicht damit auf zu beobachten, welche Wirkung diese Worte zeigten, sondern richtete den Fokus wieder auf Bärfried und schüttelte gleichmütig den Kopf. „Bitte, wie es dir gefällt“, meinte er. „Wenn die Hitze dich umbringt, bleib wie du bist. Mich stört es nicht und ich will auch nicht schuld sein, wenn dich der Schlag trifft.“ Nachdem das gesagt war, begann er, sein Wams aufzuknüpfen und drückte es dem bass erstaunten Widolf in die Hand. Nur noch mit Hemd und Hosen bekleidet bezog der Baron gegenüber von Bärfried Stellung und musterte ihn aufmerksam. „Ich brauche keine Rüstung“, erklärte er derweil. „Nicht, wenn es nur darum geht, die Muskeln zu lockern und Kniffe zu lernen.“

Bärfried nickte dem Rotenforster zu, dann hob er sein Schwert und wartete, bis Widderich es ihm gleichtat. Hatte Letzterer ob der plötzlich anwachsenden Anzahl von Schaulustigen einige Herzschläge zuvor noch unsicher und unleidlich gewirkt, schienen diese Gefühle von ihm abzufallen, als er den Stahl seines Breitschwerts in der Hand hielt. Beide Kombattanten entblößten ihre Zähne gleichzeitig zu einem Lächeln, als sie Raubkatzen gleich lauernd im Kreis gingen. Schließlich war es der Rauheneck, der den ersten Streich führte – und fast schien es den Umstehenden, als habe  Bärfried zugewartet, um dem Baron diese Ehre nicht zu nehmen. Die Klingen der beiden sangen durchdringend, als eben jener Streich vom Sunderhardter pariert wurde. Das Lächeln auf seinen Lippen wurde daraufhin breiter.

Was folgte, war ein rascher Austausch von Hieben und Stichen, Blöcken und Paraden. Andächtige Stille legte sich über die Zuschauer und die scharfen Atemstöße der Kämpfer waren, neben dem Klirren der Waffen, die einzigen Geräusche, die vom Kampfplatz drangen. Mit weit aufgerissenen Augen verfolgten die Koscher das Aufeinandertreffen der Weidener, das für das ungeschulte Auge ernster wirkte, als es tatsächlich war. Dennoch schenkten sich die beiden nichts. Auch wenn sie ihr Treiben unisono als „Auflockern der Muskeln“ bezeichnet hatten, wollte sich keiner die Blöße geben, dem jeweils anderen eine Schwäche zu offenbaren.

„Halt, das reicht!“, rief schließlich jemand aus dem Zuschauerkreis. Es war eine Stimme, die Bärfried nur zu gut kannte. Als er seine Waffe sinken ließ und sich von seinem Gegner abwandte, blickte er in das verärgerte Gesicht seiner Frau. Ihre roten Locken hüpften, als sie sich den Weg zu den beiden Kämpfern bahnte. „Wie siehst du denn schon wieder aus?“, fragte sie im Gouvernantenton.

Erst jetzt bemerkte Bärfried, dass er aus kleinen Wunden an Oberarm und Brust leicht blutete. „Ach das.“, bemerkte er und hob immer noch schwer atmend die Schultern. „Wir üben an den Waffen.“ Bärfried sprach es aus, als wäre es das Normalste der Welt.

„Ja, so seht ihr aus ...“, ihr zorniger Blick streifte nun auch Widderich. „Und ihr beiden tut das hier im Hof einer Gaststätte, um die Bauern zu unterhalten?“

Der Rotenforster blinzelte irritiert, als die Frau seines Opponenten ihn so harsch anging. Es dauerte einen Moment, bis auch er aus seiner Kampfhaltung heraus gefunden und das Schwert gesenkt hatte. Er schien sich zunächst keiner Schuld bewusst, sah dann aber weisungsgemäß an sich hinab und musste feststellen, dass sich sein Hemd in einem ähnlich schlechten Zustand befand wie Bärfrieds Oberkörper. Anschließend ging sein Blick zur Schar der Zuschauer hinüber, die noch einmal größer geworden war, und er kam tatsächlich wieder im Hier und Jetzt an – mit gerunzelter Stirn und geblähten Nüstern.

„Das ist eine Nebenwirkung, nicht das eigentliche Ziel“, meinte er nach einem Moment des finsteren Starrens. Das war eine vollkommen überflüssige Erklärung, aber er gab sie dennoch ab, ohne mit einer Wimper zu zucken. „Keine Ahnung, wo die plötzlich alle herkommen. So groß kam mir das Kaff gar nicht vor; und wie du schon sagtest: Es ist der Hof einer Gaststätte. Nicht mal der zur Straße raus. Ich glaube nicht, dass die hier alle schaffen, also sollten sie eigentlich auch nicht da sein!“

Damit schien alles gesagt, was Widderich sagen wollte. Er hob die Brauen, neigte den Kopf leicht zur Seite und sah Bärfried an. Der glaubte ein unterdrücktes Feixen auf den Lippen seines Gegenübers zu erkennen und der Blick übermittelte eine Botschaft, die klar in Richtung „Dein Weib, den Problem“ ging.

Branda sah kurz gen Himmel, dann wieder in das Gesicht des Rotenforsters. Ihre Augen funkelten. „Es ist spät und die Menschen haben ihr Tagwerk wohl schon beendet. Nach getaner Arbeit sei es ihnen vergönnt, etwas zu trinken“, bemerkte sie pampig. Dann wandte sie sich wieder ihrem Gemahl zu, der damit beschäftigt war, dümmlich zu grinsen. „So war das nicht ausgemacht, Bärfried“, setzte sie an ihn gerichtet hinzu. „Haben wir nicht gesagt, dass du dich in Zurückhaltung üben solltest?“

„Zurückhaltung? Wozu?“, gab sich der Junker unwissend.

Es war wohl nicht die Antwort, die sein Eheweib sich erwünscht hatte. „Ach, dann mach doch, was du willst“, zornig machte sie auf der Hacke kehrt und stapfte von dannen.

Noch bevor Widderich auf die sich bietende, etwas seltsam anmutende Szenerie reagieren konnte, hob Bärfried seine Schultern und gab ein einfaches „Weiber!“ von sich. Dann säuberte er sich an einer bereitstehenden Lavoir notdürftig von Blut und Schweiß, bevor ein prüfender Blick  ihm verriet, dass die umstehenden Menschen dies allem Anschein nach als Beleg dafür sahen, dass die Waffenübungen der beiden Weidener beendet waren und sich nach und nach wieder aus dem Hof entfernten.

„Weiber, eh?“, hob Bärfried noch einmal an, als wieder etwas Ruhe rund um die beiden eingekehrt war. „Manchmal sind wir uns so ähnlich, dann scheint es wieder ganz so, als sprächen wir zwei verschiedene Sprachen.“ Er zuckte mit seinen Schultern. „Wichtig ist, dass man an einem Strang zieht, habe ich nicht recht?“ Der Junker legte eine kurze Pause ein, fuhr dann jedoch fort ohne eine Antwort abzuwarten. „Selbst wenn sie mich manchmal am liebsten erwürgen möchte: Ihr Gram hält nie für lange an. Ob das beim Baronspaar von Drachenstein auch so sein wird? Ich könnte mir vorstellen, dass Sindaja es dem Friggenhaupter übelnimmt, dass er Kontakt zu dir sucht.“

„Hum?“ Mehr als diesen brummeligen Ausdruck des Erstaunens brachte der Rotenforster vorerst nicht zuwege. Für den Moment wirkte er dermaßen konsterniert, dass Bärfried ein Verdacht kam: Hatte Satijana mit ihm über seine Absichten gesprochen, ihre Erkenntnisse dann aber nicht an ihren Gemahl weitergegeben? Weil sie nur für sich Gewissheit wollte? War das denkbar? Er drehte und wendete den Gedanken, während er vom Lavoir zurücktrat und beobachtete, wie auch Widderich sich notdürftig wusch. Der Rauheneck ließ sich viel Zeit und wirkte um einiges gefasster, als er seinen Blick einmal mehr auf Bärfried richtete.

„Es wird ihr sicher nicht gefallen“, meinte er dann. „Aber ich schätze, er hätte die Finger davon gelassen, wenn er fürchten müsste, dass sie ihm für immer Gram bleiben würde. Die zwei haben ihre Meinungsverschiedenheiten, sind jedoch ein Paar, weil sie es so wollten und nicht weil sie mussten. Ich nehme an, daran hat sich nichts geändert.“ Der Blick des Barons wirkte ungewohnt intensiv, als er das sagte. „Sie wird seinen Argumenten zähneknirschend nachgegeben haben. Um des lieben Friedens willen. Wie es einer von beiden tun muss, wenn in einer Ehe gerade verschiedene Sprachen gesprochen werden.“ Er machte eine vage Geste in die Richtung, in der Branda verschwunden war und lächelte schief.

Bärfried versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Weder die unstillbare Neugier, die gerade in ihm aufkam, noch die damit einhergehende Nervosität. Ihm brannte vor allem eine Frage auf der Zunge, doch beschloss er für sich, diese vorerst nicht zu stellen.

„Auch wenn es gänzlich gegen ihre Ansichten und Werte geht? Ließe sich der Ehefrieden dann noch aufrechterhalten, ohne dass einer der beiden sich selbst verrät?“, fragte der Junker stattdessen. „Sindaja ist dafür bekannt, stets den Frieden im Sinn zu haben, sogar den Rotpelz-Ratten gegenüber. Bei Haldoran verhält es sich ganz anders.“ Er lächelte schmal. „Wie sieht es dann aus?“

„Wie es dann aussieht? Das fragst du ausgerechnet mich?“, Widderich hielt einen Moment inne und warf einen gedankenverlorenen Blick in Richtung der Herberge, die sie für die Nacht bezogen hatten. „Angenommen, sie liebt ihren Mann tatsächlich“, meinte er nach einer längeren Pause bedächtig. „Wäre das nicht ein Grund, ihre Ansichten zu hinterfragen und gegebenenfalls neu zu bewerten? Verrät man sich tatsächlich selbst, wenn man seine Überzeugungen aus Zuneigung zu einem anderen Menschen vorübergehend zurückstellt? Weil einem Zweiterer wichtiger ist als die Ersteren?“ Der Rotenforster bedachte Bärfried mit einem fragenden Blick.

„Sindajas Stand ist so schon schwer genug“, fügte er hernach an. „Sie hat nicht nur mit dem Unmut benachbarter Standesgenossen zu kämpfen, sondern auch mit der Unzufriedenheit ihrer Vasallen. Die trauen sich seit dem letzten Goblinsturm und der Zerstörung der Drachensteiner Klöster augenscheinlich nicht mehr, außerhalb befestigter Ortschaften zu leben. Dennoch hält sie in der Sache gegen jeden Widerstand – auch den ihres Gemahls – an ihrem Standpunkt fest. Vielleicht ist ihr der ...“, der Rotenforster verzog die Lippen zu einem verächtlich schiefen Strich, „... Frieden mit den Suulak wichtiger als der mit deiner Herrin? Zumal die Drachenstein seinerzeit bis aufs Blut gereizt hat?!“

Bärfried zog skeptisch seine Stirn kraus. „Wegen Liebe ...“, wiederholte er und es fiel Widderich nicht schwer, das Amüsement aus seiner Stimme zu hören. „Hätte ich dir gar nicht zugetraut ... dieses Maß an Romantik.“

Er sah sofort, dass sich Widerspruch in seinem Gegenüber regte, machte jedoch rasche eine wegwerfende Handbewegung, um die Wortmeldung zu unterbinden. „Frieden mit den Suulak, na klar, der wird halten! Aber die Baronin war noch nie sonderlich gut darin, ihren Pflichten als Lehnsherrin nachzukommen. Mit diesen Tieren wird ... kann es keinen Frieden geben.“ Er schnaubte. „Wären wir damals bei Travias Großes Haus nicht eingeschritten, dann hätte es nicht nur das Kloster getroffen. Wenn man die Erfüllung einer Pflicht gegenüber den Menschen der Sichel als ‚bis aufs Blut reizen‘ betrachten will, dann sei es so.“

Bärfried schüttelte in leichtem Unverständnis den Kopf, kleidete sich darauf in seine ärmellose Weste und fluchte, als er merkte, dass eine Wunde an seinem Oberarm noch nachblutete. „Da hast du mich ja doch einmal erwischt“, bemerkte er lächelnd, bevor er seinen Blick wieder auf Widderich richtete. „Um noch einmal auf die Drachensteiner zurückzukommen: Du weißt wahrscheinlich, dass wir die vergangenen ... Jahre ... einige Meinungsverschiedenheiten hatten. Was wollte der Friggenhaupter denn von dir?“

Widderichs Blick folgte Bärfrieds erst auf die Wunde, die dessen Oberarm zierte. Dann machte er eine vage Geste in Richtung seines eigenen Rippenbogens. Dort war ein eigentlich schon verwässerter rosa Fleck auf dem Hemd eben dabei, wieder tiefrot zu werden. „So wie du mich“, meinte er leichthin und hob die Schultern.

Alles in allem stand Bärfried unter dem Eindruck, dass die Haltung seines Gegenübers in den letzten paar Augenblicken einen raschen Wandel durchlaufen hatte. Nicht wirklich sichtbar, eher spürbar. Ein bisschen so, als hätte der Mann nach ein paar kleinen Schritten auf ihn zu wieder einen großen zurück gemacht. Was immer der Auslöser dafür sein mochte: Der Hahnfelser fürchtete schon, dass sein Gesprächspartner nicht mehr auf seine Frage zu Drachenstein zurückkommen würde, als der doch noch einmal anhob.

„Ich weiß, dass es Meinungsverschiedenheiten gab. Ihr seid nicht die Einzigen, die welche hatten. Wir stehen auch nicht gut mit Drachenstein. Es wird uns nicht unbedingt positiv ausgelegt, dass wir Sindajas Schwager zu Fall gebracht und das Schicksal ihrer Schwester besiegelt haben.“ Er hielt einen Moment inne, um Bärfried mit einem wachsamen Blick zu bedenken. „Kam also auch für uns überraschend, als der Friggenhaupter auf dem Klagenfels auftauchte. Über Mirnhilde wollte er sprechen. Und über Hahnfels.“

„Soso über Mirnhilde und Hahnfels ...“, Bärfried zog seine Brauen hoch. „Da ich befürchte, dass es dabei nicht um Mirnhildes kaum vorhandene Kochkünste oder die Schönheit der Täler in Hahnfels ging, denke ich, dass die ehrenwerte Baronin wohl abgewogen hat und dass Haldorans Wille schwerer wiegt als ihre Schwester.“

Der Hahnfelser wartete keine Antwort des Barons ab, sondern fuhr gleich in vollem Tempo fort. „Ich meine, du sagtest, dass sie dir das Schicksal ihrer Schwester ankreidet. Dennoch erlaubt sie ihrem Mann euch als ... Verbündete ... anzuwerben. Wie groß muss die Verzweiflung sein? Da wären wir wieder beim Thema Selbstverrat. Sindaja ist nicht dazu bereit, für die Sicherheit der Menschen in ihrem Lehn zu sorgen, bereitet den Rotpelzen dort gar ein schönes Nest, und stellt dann ihren Mann über ihre Schwester und sucht den Konflikt mit Hahnfels? Nicht sehr glaubhaft.“ Der Junker schüttelte seinen Kopf. „Ich denke, dass Haldoran allein handelt und dich und deine Familie für seine Phantasien vor seinen Karren spannen möchte.“

„Und ich denke, dass du voreilige Schlüsse ziehst“, lautete die schlichte Erwiderung. Widderich runzelte die Stirn und wirkte für einen Moment, als wolle er es bei diesen spärlichen Worten belassen. Doch dann besann er sich eines Besseren. „Nachdem sie bei dir für Belustigung sorgt, lassen wir die Romantik mal weg. Mir schien, das sei die rechte Sprache für einen frisch vermählten Dichter, aber offenbar bist du doch mehr Ritter.“ Die Augen des Rauheneck funkelten mutwillig, als er den Sunderhardter musterte.

Dann hielt er einen Moment inne, sammelte sich und fuhr gleichmütig fort: „Sindaja verachtet mich, weil ich getan habe, was ich getan habe. Nicht aus Liebe zu ihrer Schwester, sondern weil ihre Erziehung das so vorgibt. Die Regeln, nach denen der Adel der Mittnacht lebt. Thargrin gab ihr eine Mitschuld am Tod ihres Sohns und hatte zuletzt nur noch Hass für sie übrig. Was glaubst du also, wie sehr das Herz der Drachensteinerin nun blutet?“ Er hob die Brauen. „Haldoran verachtet mich, weil ich bin, was ich bin. Nicht aus Überzeugung, sondern weil das Korsett, in das sich Ritter tagtäglich zwängen, genau das von ihm verlangt. Er war mir vor seinem Besuch auf dem Klagenfels nie begegnet, wusste aber dennoch genau, was von mir zu halten ist. Vom bloßen Hörensagen. Mirnhilde hingegen hat ihn vor den Augen und Ohren seiner Vasallen erniedrigt. Darum geht es. Und darum, dass sie anschließend einige Drachensteiner mit nach Hahnfels genommen hat. Nicht darum, dass sie sie ehedem vor dem Tod bewahrte. Sie hat den Mann und mit ihm seine Gemahlin auf ihrem eigenen Land wie Trottel aussehen lassen. Mag sein, dass sie das auch sind, aber wer bekommt so was schon gern in aller Öffentlichkeit gesagt? Und wer wäre danach nicht auf Vergeltung aus?“

Die Augen des Rauheneck wurden ein wenig schmaler: „Du unterschätzt, was Mirnhilde damals angerichtet hat. Nicht nur bei Haldoran, sondern auch bei Sindaja – und sei es dreimal in abgeschwächter Form. Es hat ihnen direkt geschadet, nicht indirekt, wie mein Tun. Und Sindaja ist ohnehin isoliert. Meinst du nicht, sie würde alles daran setzen, den Verlust ihres letzten Verbündeten zu verhindern? Allzumal sie drei Kinder von ihm hat? Was kostet es sie, den Mann machen zu lassen? Wo sie doch sieht, dass er in seinem verletzten Stolz kaum noch geradeaus denken kann? Meinst du nicht, es wäre auch für sie eine Erleichterung, wenn sein Kopf endlich wieder klarer würde?“

Bärfried verfolgte die Ausführungen des Rotenforsters interessiert – so weit es sein Verstand zuließ. Denn es war nicht seine Stärke, langen Reden zu lauschen und sich alle Fragen zu merken, die ihm während einer solchen gestellt wurden.

„Unsere niederen Triebe ...“, begann er kryptisch, als der Baron geendet hatte. „Selbst fromme Menschen, deren Glaube es ihnen eigentlich verbieten sollte, sind nicht davor gefeit, zu Knechten ihrer Eitelkeit zu werden.“ Ein vielsagendes Lächeln umspielte die Lippen des Sunderhardters. „Nichts anderes ist es anscheinend. Du sagtest, es ginge um Vergeltung und darum, vor den anderen Adeligen oder Vasallen nicht dumm dazustehen – und genau darin liegt das Problem.“

Bärfrieds Blick ging in weite Ferne. „Es geht eben nicht um jene Menschen, die wir damals aus Drachenstein gerettet haben. Die, die ohne unser Erscheinen den pelzigen Freunden der Baronin zum Opfer gefallen wären. Genauso wie damals geht es auch heute nicht um sie, sondern bloß darum, irgendwelche niederen Instinkte zu befriedigen. Die Frage ist, was sie sich in diesem Spiel von dir erwarten.“

Sein Blick lag nun wieder auf Widderich und es schien diesem, als spräche daraus eine Vielzahl von Gefühlen: Neugier, Interesse, Sorge ... . „Ich würde mich sogar als Unterhändler für Gespräche zur Verfügung stellen, wenn es denn wirklich um das Schicksal dieser Menschen ginge. Tut es aber nicht, habe ich nicht Recht? Der Friggenhaupter und sein Weib fühlen sich beschämt und wollen uns das anscheinend mit gleicher Münze zurückzahlen.“ Er schnaubte verächtlich. „Autorität ernten jene, die Schutz zu bieten wissen. Das lehrt uns die Kirche von Mutter Rondra und darauf sollte sich auch das Baronspaar von Drachenstein besinnen. Vielleicht kämen die beiden dann nicht mehr in die Verlegenheit, von ihren Nachbarn bloßgestellt zu werden. Meinst du nicht auch?“

Statt auf diese Frage zu antworten, betrachtete Widderich Bärfried einen Moment lang schweigend. Mit unbewegter Miene zwar, dennoch hatte der Sunderhardter das Gefühl, in seinen Augen freundliches Interesse aufblitzen zu sehen. Verständnis womöglich gar? Weil er tatsächlich genau das Gleiche meinte? In jedem Fall wirkte das Lächeln, zu dem sich der Rotenforster am Ende der Musterung durchrang, ungewohnt verbindlich.

„Wir wissen beide, dass Mirnhilde ihre niederen Triebe auch gern mal auslebt“, meinte er schließlich. Dabei klang seine Stimme allerdings nicht abwertend, sondern eher neutral. Ein bisschen amüsiert vielleicht. „Du hast Recht: Es geht nicht um das Schicksal der Menschen von damals. Es geht aber auch nicht darum, dass wir uns demnächst zwangsläufig gegenseitig die Schädel einschlagen müssen. Was die Drachensteiner von mir erwarten ... ?“ Widderich hielt kurz inne. „Darüber reden wir, wenn ich dich besser kenne, Bärfried. Und den Eindruck gewinne, dass uns das helfen könnte. Ich würde vorschlagen, wir fangen damit an, gemeinsam einen zu heben.“ Er machte eine einladende Geste in Richtung des Gasthauses. „Auf meine Rechnung.“

Bärfried selbst konnte sich bei Widderichs Bemerkung zu Mirnhilde ein schmales Grinsen nicht verkneifen. Wahrere Worte wurden an diesem Tag wohl nicht gesprochen. Dennoch war dieses aufheiternde Gefühl nur von kurzer Dauer. Es schien ganz so, als wäre Widderich nicht leicht etwas zu entlocken – ganz im Gegensatz zu seinem Bruder oder der am Ende dann doch sehr geschwätzigen Ehefrau. Vielleicht hätte er es noch einmal bei Bärfang versuchen sollen? Die Aussicht auf ein paar Bier mit dem Baron ließ ihn dann jedoch wieder lächeln.

„Hört hört, das ist ein Wort“, bemerkte er erfreut und folgte dem Rotenforster in Richtung des Schankraums.