Auf in den Kosch - Auf den Zahn gefühlt II

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Auf den Zahn gefühlt II
Grambusch, an der Kreuzung zwischen den Reichsstraßen 2 und 6, Anfang Rondra 1041 BF

Sie hatten Gareth hinter sich gelassen und die meisten Mitglieder der Reisegruppe schienen darüber recht froh zu sein. Womöglich sogar alle, bis auf die Baronsgemahlin von Rotenforst. Die war in großen Städten augenscheinlich ganz in ihrem Element. Zum ersten Mal hatte sie sich nicht im Hintergrund gehalten, sondern bereitwillig die Führung übernommen. Und das war gut so – für Aardor, Bärfried, Widolf und Bärfang allzumal. Mit kleinen Abstrichen allerdings auch für Branda und Widderich, die sich in der Kapitale des Mittelreichs bei Weitem nicht so gut zurechtfanden wie in Salthel, Baliho oder Auen. Sie alle gerieten in dem wilden Durcheinander irgendwann an ihre Grenzen und schätzten sich glücklich, jemanden dabei zu haben, der seinen Weg durch die Straßenschluchten mit traumwandlerischer Sicherheit fand. Der noch dazu einen untrüglichen Instinkt für interessante Plätze und Veranstaltungen sowie für gute Gasthäuser und Tavernen bewies. Aus dem Grund war das Ganze nicht zu einer Katastrophe geraten, für die meisten von ihnen aber dennoch nervenaufreibend bis anstrengend gewesen.

Umso gelöster die Stimmung mit einem Tag Abstand in einer Grambuscher Herberge. Dort waren sie eingekehrt, hatten ein gutes, wenn auch nicht gerade preiswertes, Mahl zu sich genommen und sich anschließend mehr oder minder in alle Winde zerstreut. Gleich nach dem Essen waren Bärfang und Branda in den Stallungen verschwunden. Das Pferd von Bärfrieds Gemahlin hatte sich am späten Nachmittag einen Lauf vertreten und der Rauheneck wollte ihr Kräuter und einen Wickel zeigen, die dem Tier Linderung verschaffen konnten. Kurz darauf hatte Aardor es – nicht zuletzt zu seiner eigenen Verwunderung – geschafft, Widderich zu einer Übungsstunde breitzuschlagen, und nach einem fragenden Blick in Richtung seines Herrn schloss Widolf sich den beiden an.

Folglich saß Bärfried nun allein mit Satijana am Tisch. Dagegen sprach auch nichts, denn im letzten halben Wassermaß hatte er ohnehin ausschließlich mit der Frau des Rotenforsters geredet. Über Hahnfels zuerst. Und dann über Mirnhilde, die sie extrem interessant zu finden schien. Satijana stellte viele oberflächliche Fragen, die der Sunderhardter bereitwillig beantwortete, weil er sich keiner Gefahr versah. Der nachdenkliche Blick seines Gegenübers, machte schließlich auch ihn etwas nachdenklich. Er geriet jedoch nicht ernstlich ins Stutzen, denn mit einem Mal unterhielten sie sich über große Poeten aus den Born- und Weidenlanden. Im Nachhinein erinnerte Bärfried nicht, wie die Satijana diesen Themenwechsel vollzogen hatte, ohne dass es erzwungen wirkte – dafür kannte er Auszüge aus ein paar neuen Gedichten, die sich vor allem durch eine besondere Schwermut auszeichneten.

Die Verse klangen dem Junker noch im Ohr, als er den fragenden Blick seines Gegenübers bemerkte. Aus erstaunlich hellblauen Augen sah Satijana ihn über den Rand ihres Bechers hinweg an, während sie einen Schluck Wein trank.

„Mich treibt die ganze Zeit schon eine Frage um, Bärfried. Ich muss sie jetzt einfach stellen“, hob Satijana an, als das irdene Gefäß wieder vor ihr auf dem Tisch stand. Sie wirkte neugierig und ein freundliches Lächeln zierte ihre Lippen. Umso unerwarteter kam das, was auf die Ankündigung folgte: „Wie lange habt ihr drüben bei Tiefenfurt eigentlich am Sieben-Baronien-Weg gehockt und darauf gewartet, dass wir vorbeikommen?“

Bärfried verspürte die aufkommende Unruhe in sich nur sehr kurz. Im Endeffekt hatte er auf diese Worte aus Satijanas Mund bereits gewartet. So sehr er sich auch an ihrem Anblick erfreuen konnte, so bezaubernd ihr ständiges Lächeln auch sein mochte, er fühlte sich seit ihrer ersten Begegnung stets unter Beobachtung. Und nicht nur das: Regelmäßig stellten sich in ihrem Beisein seine Nackenhaare auf – etwas, das er seit dem Tod seiner Mutter nicht mehr gefühlt hatte. Er wusste das gefühlte Unwohlsein nicht richtig einzuordnen, es war ihm jedoch schon sehr bald klar gewesen, dass ein Gespräch dieser Art früher oder später folgen würde.

Es sollte nur ein Herzschlag vergehen, bis der Junker simultan sowohl seine linke Augenbraue als auch beide Mundwinkel nach oben zog, sodass der Ausdruck auf seinem Antlitz in diesem Moment als amüsiert zu bezeichnen war. Insgeheim spürte er sogar leichte Vorfreude in sich hochsteigen. Der Sunderhardter war noch nie ein Mann gewesen, der den Konflikt scheute – sei es nun mit Worten oder dem Stahl in der Hand. Dennoch beschränkte er sich vorerst darauf den Ahnungslosen zu mimen.

„Hm ...“, Bärfried kratzte sich theatralisch am Kinn, „... gar nicht mal so lang. Es war eine schöne Überraschung, euch alle dort anzutreffen. Was für ein angenehmer Zufall. Warum fragst du?“

„Hmhum“, machte Satijana, während sie das Gesicht des Junkers aufmerksam betrachtete. Gegen Ende der Musterung vertiefte sich ihr Lächeln und ein schwer definierbares Funkeln trat in ihre Augen. „Ein Zufall, was?“, sie hob die Brauen, was fast ein bisschen spöttisch anmutete. „Das kannst du Aardor und Bärfang erzählen, mit etwas Glück auch Widderich, aber sicher nicht mir.“ Dann neigte die Rotenforsterin den Kopf leicht zur Seite: „Oder ... vielleicht hättest du das sogar gekonnt, wenn die Mienen deiner Begleiter nicht eine andere Geschichte erzählen würden. Die des Jungen zuvörderst, dem Schauspielerei nicht wirklich zu liegen scheint.“

Nach einer kurzen Bedenkpause hob sie die Schultern: „Ich weiß, dass ihr dort gewartet habt. Und zwar nicht darauf, dass der Braten gar wird, sondern auf uns. Auf Widderich wohl?! Weil es Euer Ansinnen war, mit ihm gemeinsam zu reisen. Die Frage ist nur: Warum?“

„Schauspielerei ...“, langsam wiederholte Bärfried den Vorwurf seines Gegenübers. Dann legte er seinen Kopf schief und zog skeptisch eine Braue hoch. „Der Junge hat was? Geschauspielert? Wie kommst du zu dieser Einschätzung? Und warum sollte er?“ Der Junker nippte an seinem Weinbecher und Menschen, die ihn gut kannten, hätten in dieser einfachen, recht beiläufigen Geste einen Anflug von Nervosität erkennen können.

„Woher hätten wir denn wissen sollen, dass ihr in den Kosch aufbrecht?“, Bärfried stellte seinen Becher wieder auf den Tisch. Seine Stimme wurde nun etwas ernster und seine Augen blitzten herausfordernd auf. „Und woher hätten wir wissen sollen, wann ihr das tun würdet? Bei uns gibt es weder Schamanen, die das aus dem Gedärm eines Tieres lesen können, noch ...“, der Junker musterte sein Gegenüber genau, „... weise Weiber, die es hätten sehen können.“

Abermals führte der Sunderhardter seinen Becher zu den Lippen. „Selbst wenn wir dort gewartet hätten ... denkst du vielleicht, dass von uns irgendeine Gefahr ausgeht? Und auch sonst: Was würde man sich daraus erwarten können, wenn man gemeinsam reist?“ Der Hahnfelser tippte sich mit dem Zeigefinger seiner freien Linken gegen die Schläfe. „Sehr weit her geholt, findest du nicht? Der Junge ist einfach nur nervös, kommt erstmals aus der Sichelwacht raus.“

Nachdem das gesagt war, schwieg Satijana einen Moment. Vielleicht sann sie darüber nach, ob der Sunderhardter ihr gerade  einen Vogel gezeigt hatte. Und wenn ja, wie sie damit umgehen wollte. Letztlich entschied sie sich offenbar gegen diese negative Lesart, denn sie griff nach ihrem Becher, statt den Junker für seine vermeintliche Unverfrorenheit in den Senkel zu stellen. Die Rotenforsterin kredenzte sich einen Schluck Wein, ehe sie die Stimme wieder hob.

„In diesem Falle brauchtest du weder einen Schamanen noch eine Weise Frau, um zu sehen. Du hattest ja die Mutter deines Knappen, die offenbar in einem regen Briefkontakt mit ihm steht“, meinte sie leichthin. „Tu das jetzt bitte nicht auch noch als Hirngespinst ab. Ich würde derlei niemals unterstellen. Ich äußere es nur, wenn ich mir meiner Sache sicher bin.“ Ihre Augen wurden ein wenig schmaler, als sie ihr Gegenüber wieder aufs Korn nahm. Die Lippen zierte jedoch das altbekannte Lächeln. „Und ja: Der arme Junge hat versucht zu schauspielern. Möglicherweise habe ich ihn vorher aufs Glatteis geführt. Und als er die Situation retten wollte, ging das möglicherweise gar nicht mehr anders als durch eine Lüge, die als solche leicht erkennbar war.“

Satijana lehnte sich zurück und ließ die Fingerspitzen der rechten Hand am Rand ihres Bechers entlang gleiten, während sich ihr Blick intensivierte – bis Bärfrieds Nackenhaare wieder einmal in die verhasste Hab-Acht-Stellung gingen.

„Wärst du ein Weidener Ritter wie alle anderen, Bärfried von Sunderhardt, einer ohne Arg und Tadel, dann würde ich mir den Kopf nicht zerbrechen, sondern darauf vertrauen, dass deine Beweggründe lauter sind. Aber das bist du nun mal nicht, und folglich muss ich die Situation hinterfragen, wenn ich den Schutz der Meinen im Sinne habe.“ Sie überlegte kurz. „Ich weiß nicht, was du dir davon versprichst, Widderich nahe zu sein. Ob du Übles im Schilde führst oder einfach nur neugierig bist. Ob du im eigenen Interesse handelst oder im Auftrag deiner Herrin. Nach welcher Erkenntnis du trachtest. Das sind zu viele offene Fragen. Ein paar davon müssen beantwortet werden, bevor ich unbeschwert an deiner Seite reisen kann. Und ich schätze, das wäre letztlich in unser beider Interesse?!“

Bärfried schnaubte. Dabei erschloss es sich Satijana jedoch nicht, was genau der Auslöser dieser Unmutsbekundung war; war es die Tatsache, dass sein Knappe Widolf ihre Unternehmung gefährdete oder etwa die Aussage, dass sie ihn für einen Ritter mit unlauteren Motiven hielt. Es sollte ein ungelöstes Geheimnis bleiben, denn der Junker ließ diesen Gefühlsausbruch auch in weiterer Folge unkommentiert.

„Meine Motive sind stets lauterer Natur“, bemerkte er emotionslos. „Du solltest nicht vergessen, wie viel meine Familie mit der deinen gemein hat.“ Der Sunderhardter blickte sich um und dämpfte dann seine Stimme, sodass sie einen beinahe verschwörerischen Ton annahm. „Auch wir sind als beinahe aussätzig zu bezeichnen und du kannst mir glauben, dass ich nur das Beste für meine Familie im Sinn habe. Und ja, dazu zähle ich auch Mirnhilde.“

Bärfried nahm einen Schluck von seinem Becher und fast schien es, als wolle er damit nur Zeit kaufen, um die richtigen Worte zu finden. „Meinst du, es wäre eine gute Idee, es mir mit euch auch noch zu verscherzen? Warum sollte ich euch schaden wollen, wo doch die Belehnung deines Mannes mit Rotenforst eine Chance für uns darstellt, einen neuen Anfang mit unseren Nachbarn zu wagen?“

Nun stahl sich auch schmales Lächeln auf die Lippen des Junkers. „Wie du siehst, wäre es dumm wenn ich ... wir ... in irgendeiner Form Streit oder gar Krieg mit euch suchen würden. Deshalb kannst du auch beruhigt sein, was meine Motivationen angeht“, das schmale Lächeln steigerte sich zu einem breiten und herzlichen. „Gesetzt den Fall, dass du mit deiner Annahme recht hast und unser Treffen wirklich kein Zufall war, versteht sich.“

Die Augen der Rotenforsterin wurden noch ein wenig schmaler, als ihr Gegenüber seine Charmeoffensive startete. Sie traute dem Braten offensichtlich nicht. Für einen Moment schien es gar, als würde ihr Lächeln ins Bröckeln geraten. Doch der war schnell vorbei, und sie neigte das Haupt zur Seite, um Bärfried mit neu erwachtem Interesse zu mustern.

„Wenn deine Familie nur ein bisschen so ist wie meine, dürfte Lauterkeit kaum die bedeutsamste Triebfeder ihres Handelns sein“, meinte sie nüchtern. „Wer stets das Beste für seine Lieben im Sinn hat, muss lauteren Mitteln manches Mal Ade sagen, auch wenn es schmerzt. Damit erzähle ich dir bestimmt nichts Neues – und genau da liegt der Hund begraben.“ Kurz noch hielt Satijana ihren prüfenden Blick aufrecht, dann hob sie die Schultern.

„Ich sehe, dass du es mit Offenheit nicht so hast, mein Lieber, und das ist dein gutes Recht. Es gibt viele gute Gründe, nicht offen zu sein. Allzumal, wenn man ein ‚Aussätziger‘ ist und sein Gegenüber kaum kennt. Nur leider bringt uns das in dieser Situation keinen Schritt voran. Also mache ich jetzt einfach mal den Anfang und hoffe, dich damit in Zugzwang zu setzen.“ Plötzlich wirkte das Lächeln der Baronsgemahlin fast ironisch – selbstironisch vielleicht? Sie gönnte sich einen Schluck Wein, bevor sie erneut anhob:

„Ihr seid verfemt, wir sind verfemt. Insoweit stimme ich dir zu. Vermutlich ist Widderich momentan der einzige Baron in der Sichelwacht, der bei seinen Standesgenossen noch weniger Ansehen genießt als Mirnhilde. Rotenforst ist zwischen Hammer und Amboss geraten, und das ist wahrlich kein angenehmer Platz. Mag sein, dass uns das zu interessanten potenziellen Bündnispartnern für deine Herrin macht. Mag aber auch sein, dass wir dadurch eher zu interessanten potenziellen Opfern werden. Uns ist nicht entgangen, dass Hahnfels seit einiger Zeit danach trachtet, die Reichsacht loszuwerden. Uns ist auch nicht entgangen, dass sie für Unterstützung wirbt – auf ihre ganz eigene Art. So gesehen könnte es durchaus eine gute Idee sein, es sich mit uns zu verscherzen. Anderen Sichlern würde das gefallen, und wenn Mirnhilde einst vors Reichsgericht zieht, hätte sie vielleicht ein paar Leumundszeugen mehr.“

Satijana machte eine Pause, in der sie Bärfried mit fragend gehobenen Brauen ansah. Als der nicht sofort reagierte, fuhr sie leise seufzend fort: „Nicht dass du mich falsch verstehst: Das wäre eine nachvollziehbare Motivation. Vielleicht würden wir sogar ähnlich handeln. Es ändert aber nichts daran, dass ich dich keinen Moment länger in der Nähe ... meines Mannes dulden könnte.“ Sie äußerte das in einem neutralen Tonfall. Gleichwohl wirkte die Ansage irgendwie sehr ernst. „Ich sehe nicht tatenlos dabei zu, wie du meine Familie um den Finger wickelst und Eindrücke und Informationen sammelst, die irgendwann eingesetzt werden, um ihr einen Dolch in den Rücken zu rammen. Also noch mal: Warum suchst du unsere Nähe?“

„Gibt es für einen Mann eine edlere und reinere Triebfeder, als stets für seine Familie da zu sein?“, griff Bärfried erst noch einmal die Frage nach der Lauterkeit seiner Motive auf. Es schien seinem Gegenüber ganz so, als könne er den Vorwurf nicht so stehen lassen. „Meiner Meinung nach ist das Ansichtssache.“ Er hob die Schultern. „Und genau weil mir meine Familie über alles geht, würde ich der deinen niemals wehtun wollen.“

Der Sunderhardter dämpfte abermals die Stimme, während er Satijana fest in die Augen sah. „Schau dir doch einmal meine Begleiter an: ein zukünftiger Vasall deines Mannes und mein Eheweib. Beide aus einer Familie, die den Rauhenecks stets bedingungslos loyal war. Und nicht nur das, sie haben auch denselben Glauben.“ Er hob seine Brauen, wartete jedoch keine Antwort der Rotenforsterin ab. „Würde ich es zulassen oder aktiv herbeiführen wollen, dass deiner Familie etwas geschieht, würde auch die meine darunter leiden. Denkst du, ich möchte Branda oder Widolf auf dem Scheiterhaufen sehen?“ Dem Junker brach die Stimme. Er räusperte sich und er nahm einen Schluck aus seinem Holzbecher. „Nein, ich liebe meine Frau und man müsste sie mir schon aus meinen toten, kalten Fingern entreißen ...“

Bärfried machte eine kurze Pause, die er nutzte, um seine Gedanken etwas zu ordnen, während Satijana ihn weiter aufmerksam betrachtete. Das Mienenspiel der Rotenforsterin war ziemlich beredet – und zugleich sehr widersprüchlich. Er meinte Zweifel darin zu erkennen. Nach wie vor. Ein gerütteltes Maß. Es blitzte aber auch Neugier in ihren Augen. Gepaart mit etwas, das vielleicht ... Überraschung war? Anerkennung? Um die letzten Zweifel auszuräumen, griff der Junker das Thema von eben noch einmal auf:

„Warum sollten mich die beiden begleiten, wenn es darum ginge, deiner Familie Schaden zuzufügen? Oder meinst du gar, dass ich meinen Lieben gegenüber ein falsches Spiel spiele? Oder dass meine Frau aus lauter Hörigkeit mir gegenüber ihre Wurzeln vergisst und verrät?“ Bärfried schüttelte energisch den Kopf. „Nein, ich folge dir und deiner Familie als Freund und auch um Mirnhilde musst du dich nicht sorgen. Wir sind es nicht, die in der Sichelwacht ein doppeltes Spiel spielen. Wir sind es nicht, die deine Familie als Mittel zum Zweck für eigene Ziele sieht. Wir sind es nicht, vor denen ihr euch in Acht nehmen solltet.“ Die Stimme des Sunderhardters wurde ernst. „Sieh meine Anwesenheit als einen Akt der Freundschaft – als einen Versuch, erste zarte Bande zwischen Hahnfels und Rotenforst herzustellen.“ Fast schien es als hätte der Hahnfelser damit geendet, als er noch einmal nachsetzte: „Wenn du mir nicht glaubst, dann sieh einfach in mich hinein. Das könnt ihr Weisen Frauen doch, habe ich nicht recht?“

„Steile These“, Satijana zuckte nicht einmal mit der Wimper, als der Sunderhardter seinen Schuss ins Blaue abgab. Dafür wirkte das Funkeln in ihren Augen mit einem Mal irgendwie spöttisch. Auf milde Art, nicht hämisch. „Eine Weise Frau soll ich also sein? Warum? Weil ich nicht weiß, wo bei einem Schwert das scharfe Ende ist und es im Weidener Adel niemanden gibt, der weder über dieses Wissen noch über irgendwelche anderen verborgenen Talente verfügt?“ Sie hob die Brauen, winkte dann aber ab, um Bärfried zu verstehen zu geben, dass sie auf diese Frage keine Antwort erwartete. „Im Bornischen sind nutzlose Adelspersonen ganz alltäglich“, fügte sie an. „Das unterscheidet uns von euch. Das, und die Tatsache, dass wir mehrheitlich weniger zimperlich mit unseren Standesgenossen umspringen. Es fällt mir schwer nachzuvollziehen, warum all das unmöglich sein soll, was du da gerade aufgezählt hast. Es sei denn, du sprichst die Wahrheit und liebst deine Gemahlin wirklich mehr als deine Lehnsherrin. Das wäre dann in der Tat eine Neuigkeit, die die Überzeugungen vieler deiner Nachbarn in ihren Grundfesten erschüttern könnte ...“

Bärfried lauschte Satijanas Ausführungen mit regungsloser Miene. Einzig bei ihrem letzten Satz wanderten seine Mundwinkel nach oben. Dennoch beschloss er, vorerst nicht auf das eben Gesagte einzugehen.

Unterdessen erwiderte Satijana seinen Blick seelenruhig: „Ich soll euer Interesse an uns also rundum positiv bewerten? Das Ganze als einen ersten vorsichtigen Versuch verstehen, zarte freundschaftliche Bande zwischen Hahnfels und Rotenforst zu knüpfen? Und das ist wirklich alles? Mehr steckt nicht dahinter?“

„Scheint so als hätten wir wohl beide unsere Geheimnisse ...“, bemerkte der Junker, bevor er seinem Gegenüber eine Antwort lieferte, „... und wir beide meinen den jeweils anderen besser zu kennen als es der Fall ist.“ Sichtlich amüsiert griff Bärfried nach seinem Holzbecher. „Ich meine, du bist eine dieser Weisen Frauen, unter denen ich aufgewachsen bin. Du wiederum glaubst, ich sei ein meine Familie verratender Egoist ...“, der Sunderhardter lächelte spitzbübisch, „ ... der seiner Baronin mehr Liebe entgegenbringt als seinem Weib.“ Er machte eine wegwerfende Handbewegung, ließ Satijana jedoch nicht aus den Augen. Beinahe schien es ihr, als warte er auf etwas. „Und ich sage dir, dass nur einer von uns mit seiner Einschätzung nahe an der Wahrheit liegt. Aber gut, lassen wir das ...“

„Nein, das lassen wir nicht“, fiel Satijana ihm ins Wort und wirkte zum ersten Mal ansatzweise gnatschig. „Ich stelle fest, dass es dir nicht an Selbstvertrauen mangelt. Wobei ich es in diesem Falle fast Anmaßung nennen möchte.“ Sie hob die rechte Braue. Dadurch wirkte sie ein bisschen wie eine blasierte Schnepfe, und irgendwie kam Bärfried nicht umhin, darin eine Parodie seines eigenen Auftretens zu erkennen. „Zunächst einmal“, hob die Rotenforsterin an, „halte ich dich nicht für einen egoistischen Verräter. Ich will die Möglichkeit nur nicht ganz ausschließen. Nach dem, was Rotenforst in den vergangenen Jahren durchgemacht hat, erscheint mir Vorsicht besser als Nachsicht. Wenn du mir keinen Grund gibst, dir zu vertrauen, werde ich es nicht tun. Und wenn ich das nicht tue, wird Widderich es auch nicht. Verstehst du das?“

Die Antwort schien sie dem Sunderhardter von den Augen abzulesen, denn sie wartete nicht ab, bis er sich zu ihren Worten äußerte: „Und dann lass mich noch einmal betonen, dass ich aus einem anderen Stall komme als du. Ich bin nicht in der Wildnis aufgewachsen, sondern in einer großen Stadt. Ich musste mich selten mit Waffen meiner Feinde erwehren. Ich habe dazu immer meinen Kopf benutzt.“ Jetzt tippte sie sich an die Schläfe und grinste dabei nahezu unverschämt breit. „Ich habe gelernt, Menschen zu lesen. Hätte ich es nicht, würde ich längst nicht mehr leben. Dazu braucht es keine Magie, sondern einfach nur wache Sinne, einen klaren Verstand und ein gutes Einfühlungsvermögen. Du bist nicht so leicht zu durchschauen wie die meisten Weidener, die ich kenne ... aber es reicht gerade so. Bücher mit Siegeln sehen anders aus.“

Nachdem das gesagt war, holte Satijana tief Luft und nickte sacht. „Und jetzt – bitte! – antworte auf meine Frage. Ich will dir nicht misstrauen. Aber du lässt mir keine andere Wahl, wenn du dich weiter zierst.“

Bärfried lächelte vielsagend, dann nahm er einen Schluck vom Wein und entspannte sich sichtlich. „Da wir beide ja jetzt warm miteinander geworden sind, und ich schon etwas über dich erfahren durfte, sollst du auch etwas über mich erfahren...“, der Junker dämpfte seine Stimme. „Ja, es ist kein Zufall, dass ich hier bin. Und nein, es war nicht Mirnhildes Idee.“

Er ließ seine Worte etwas wirken, bevor er fortfuhr. „Es war die Neugier, die mich dazu verleitete, mich euch anzuschließen. Es war meiner Meinung nach an der Zeit auszuloten, wie dein Mann uns gesinnt ist. Und ja, ich war auch ehrlich an seiner Person interessiert, denn ...“, der Junker nahm erneut einen Schluck, dann zwinkerte er seinem Gegenüber verschwörerisch zu, „... Geschichten, wie sie deinen Mann umschweben, schrecken mich nicht ab, sondern regen mein Interesse an. Es sollte nicht lange dauern, bis Mirnhilde davon Wind bekam. Doch auch von ihr kam nicht die Order, euch in irgendeiner Art und Weise Schaden zuzufügen. Auch sie ist interessiert an der Person deines Mannes und möchte wissen, was an den Gerüchten dran ist und ob er sich vielleicht dazu herablässt, mit dem Friggenhaupter gemeinsame Sache zu machen.“ Er seufzte. „Von uns aus wird es keinen Krieg geben, das kann ich dir versichern.“

Bei der Erwähnung des Baroninnengemahls von Drachenstein entfuhr Satijana ein leises „Ah“ und Bärfried hatte den Eindruck, dass sie sich nun endlich auch ein wenig entspannen würde. Nicht dass sie zuvor sonderlich angespannt gewirkt hätte, aber mit einem Mal war da doch eine deutliche Veränderung spürbar. „Daher weht der Wind“, meinte sie leise, ehe sie abermals nickte und ihren Becher an die Lippen hob. Offenbar konnte sie mit diesem Gedanken weitaus mehr anfangen als mit dem an ein bloß freundschaftliches Interesse. „Verständlich“, murmelte sie dann und warf Bärfried einen fast erleichterten Blick zu. „Und ganz sicher nichts, wobei ich dir im Weg stehen werde.“

Bärfried nickte knapp. „Dann hätten wir diese Sache wohl endlich aus der Welt geräumt.“ Er richtete seinen Blick daraufhin in die Ferne, direkt an Satijana vorbei. „Wir wissen, dass der Friggenhaupter schon seit Jahr und Tag Krieg gegen uns plant, genauso wie wir wissen, dass er uns alleine nicht gewachsen ist. Wie groß seine Verzweiflung ist, zeigt die Tatsache, dass er sich über den von seinem Weib gegen deinen Mann gehegten Hass hinwegsetzt und den Kontakt zu euch sucht.“ Der Sunderhardter biss sich auf die Lippen, dann wandte er sich wieder der Rotenforsterin zu. Seine Blick war ernst und es war alles an Schalk aus seiner Stimme verschwunden. „Ich möchte meine Familie keinem Krieg aussetzen. Meine Absichten hier sind interessierter und freundschaftlicher Natur, das kannst du mir glauben. Aber kommt es zu einem Konflikt, ist es klar, auf welcher Seite ich stehen werde.“

„Selbstverfreilich ist es das“, meinte Satijana. „Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob der Friggenhaupter es wirklich auf einen Krieg abgesehen hat, oder ob er nicht eher auf ein Einknicken deiner Herrin hofft, wenn sie sieht, dass er nicht allein auf weiter Flur steht.“ Sie runzelte die Stirn und schien noch etwas anfügen zu wollen, entschied sich dann aber um. „Wenn du dazu Genaueres wissen willst, musst du mit Widderich sprechen. Er ist der Baron von Rotenforst, ich bin nur schmückendes Beiwerk.“ Sie lächelte, etwas breiter als es zuvor die ganze Zeit der Fall gewesen war. „Wozu er sich herablässt und wozu nicht und mit wem er seine Gedanken teilt, das entscheidet allein er.“

Bärfried runzelte skeptisch seine Stirn, dann schüttelte er leicht den Kopf. „Meinst du wirklich, dass Widderich darüber sprechen würde?“ Er kratzte sich sein Kinn. Satijana merkte, dass es im Kopf des Junkers arbeitete. „Wäre vielleicht wirklich gut, wenn ich ihm unsere Seite dazu erläutern könnte. Vor allem den Teil, dass Mirnhilde mit Sicherheit nicht kleinbeigeben wird. Die Frau stand immer schon unter Reichsacht und eckt überall und bei jedem an. Drohungen aus Drachenstein sind wir gewohnt, wenn nun auch Rotenforst dazu kommt ...“, der Sunderhardter zögerte ein paar Herzschläge lang, „... das wird zu wenig sein, was auch immer sich die beiden überhaupt von uns erwarten.“

Bärfried blickte noch einige Momente stumm vor sich hin, dann hellten sich seine Züge wieder sichtlich auf. „Aber gut lassen wir das. Dieses Thema soll uns den netten Abend nicht gänzlich vermiesen, habe ich nicht recht?“, sprach er und hob prostend seinen Weinbecher.

„Nein, das sollte es nicht“, erwiderte Satijana und hob ihren Becher ebenfalls. „Wir können gern zu den Dichtern zurückkehren. Lass mich vorher nur noch eine Anmerkung machen.“ Statt diese sofort anzuhängen, blickte sie den Sunderhardter nachdenklich an – und schien nicht ganz sicher zu sein, wie sie es anfangen sollte. „Wenn du Fragen an Widderich hast, dann rede mit ihm. Das ist meist gar nicht so schlimm, wie man annehmen würde. Der Eindruck täuscht. Ein bisschen jedenfalls ... .“ Ein schiefes Lächeln eroberte ihre Züge und sie schüttelte belustigt den Kopf. „Darauf den nächsten Schluck, würde ich sagen!“