Auf in den Kosch - Auf den Zahn gefühlt I

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Auf den Zahn gefühlt I
Etwas abseits der Reichstraße II, südlich der „Stadt“ Wehrheim, 25. Praios 1041 BF

Im nahen Gebüsch zwitscherte ein Vogel, was Bärfried von Sunderhardt dazu verleitete, seine Nase in die Höhe zu strecken. Nur wenige Herzschläge und einen prüfenden Blick später legte er sich jedoch wieder auf die Lauer. „Der Ruf des Finken kündigt für gewöhnlich den Regen an“, bemerkte er leise und mehr zu sich selbst als zur zweiten anwesenden Person. „Und wir wollen doch nicht nass werden.“

Der Junker lächelte schief und richtete er den Blick wieder auf die kleine Lichtung vor ihnen, nachdem sein Begleiter ihm mit einem stummen Nicken zu verstehen gegeben hatte, dass er den Spruch entweder kannte oder ebenfalls nicht nass werden wollte. So ganz sicher war er sich da nicht. In jedem Falle warteten sie hernach schweigend weiter ab. Wenn die Aussage des Wilderers aus dem Dorf Perz stimmte, war das hier ein Platz, der stets gute Jagdbeute versprach. Er hatte Branda und den anderen einen festlichen Braten versprochen und er ... sie würden nicht eher zu ihnen zurückkehren, als dieser erlegt war.

Es sollte nicht lange dauern, da ließ das Knacken eines nahen Zweiges nicht nur die beiden Lauernden aufhorchen, sondern verleitete auch den kleinen Finken dazu, in die Lüfte zu steigen. Auf der Lichtung erschien ein einzelner prächtiger Rehbock, der sich an einem Strauch Beeren gütlich tat. Bärfried nahm den Bogen in seine Hand, legte einen Pfeil auf die Sehne und hielt die Luft an. Innerlich fluchte er, war es doch der Kurzbogen seiner Frau, mit welchem er nur sehr leidlich umgehen konnte. Der Sunderhardter wusste aber in dem Moment, als der todbringende Pfeil die Sehne verließ, dass dies ein günstiger Schuss war. Bärfried lächelte, als der Bock wie vom Blitz getroffen umfiel.

„Genau in die Keule, hat ihm wahrscheinlich eine Ar...äh...Arterime ... ach,  was auch immer ... zerfetzt“, sprach Bärfried in Richtung seines immer noch undgewöhnlich stillen Begleiters, „Auch besser für das Tier. Ein Bauchschuss hätte es nur unnötig leiden lassen.“

Der Junker betrat aus seinem Versteck heraus die Waldlichtung, legte kurz seine Hand auf den Hals des toten Tieres und wuchtete die Jagdbeute dann über seine Schultern. Erst jetzt schälte sich die beeindruckende Gestalt Bärfangs von Rauheneck aus dem Unterholz. Der Hüne hielt einen Wurfspeer in der Rechten. Bärfried war sich nicht sicher, wie es um die waidmännischen Fähigkeiten des Rotenforsters bestellt war, aber irgendwie ahnte er, dass sein Begleiter bereit gestanden hätte, um das Leid des Bocks zu verkürzen – wenn sein Schuss denn nicht so perfekt gewesen wäre. Mit einem anerkennenden Nicken betrachtete Bärfang das erlegte Wild und trat dann vorsichtig näher, um dem Tier mit einer nahezu andächtigen Geste über die Flanke zu streichen – oder malte er dort irgendein imaginäres Zeichen ins Fell? Schwer zu sagen, wenn der Sunderhardter seinen Kopf nicht sehr auffällig verdrehen wollte. Statt das zu tun hob er den Blick in Richtung des Praiosmals und stellte fest:

„Ging doch schneller als erwartet. Was uns direkt Gelegenheit für ein weiteres Spezialgebiet meinerseits gibt.“

Unter dem fragenden Blick des Rotenforsters legte der Junker den eben hinauf gewuchteten Bock nahe einer großen Eiche ab und setzte sich neben ihrem Abendessen auf den Boden der Lichtung. „Muss eh noch ausbluten“, sagte er, als er bemerkte, dass Bärfangs Blick nachdenklich auf ihrer Jagdbeute ruhte. „Ich hoffe, du hast Durst, Bärfang?“

„Habe ich immer“, meinte der Hüne mit einem breiten Lächeln, trat ebenfalls an den Baum heran und ließ sich in dessen Schatten nieder, nachdem er die Spitze seines Speers in den weichen Waldboden gerammt hatte, sodass die Waffe griffbereit neben ihm aufragte. „Sag bloß, du hast etwas dabei, Kerle?!“

Bärfried nestelte da schon in seiner Tasche und kramte zwei flache Trinkgefäße hervor. „Ich habe immer ein ... zwei ... Fläschchen gegen das Heimweh dabei“, der Sunderhardter zwinkerte, dann warf er dem Rauheneck eines der Gefäße zu.

Als die beiden Krieger gemütlich beisammen saßen, bemerkte Bärfried, dass sein Plan allem Anschein im Aufgehen begriffen war. Er hatte es geschafft, den geselligsten und auch gesprächigsten seiner Mitreisenden vom Rest der Gruppe zu entfernen, brachte seinen Schnaps an den Mann und konnte es nun erstmals wagen, die eine oder andere Frage seinen Bruder betreffend zu stellen – weit ab von dieser seltsamen Satijana, die schon seit geraumer Zeit jeden seiner Schritte zu überwachen schien.

„Weißt du, Bärfang“, eröffnete er nach einem kurzen Moment der Stille, „wir in Hahnfels waren heilfroh, als wir davon hörten, dass Euer Bruder zum Baron erhoben wurde – dass Eure Familie sich endlich wieder das zurückholen konnte, was immer schon das Ihre war.“ Bärfried lächelte charmant. „Ja, das Wie ist etwas blöd gelaufen und führt zu einigen ... Irritationen ... innerhalb des Adels, doch haben wir nie etwas auf dieses nutzlose Gewäsch gegeben. Wichtig ist, was wir selbst sehen. Und Euer Bruder hat es sich unserer Meinung nach verdient, dass wir alle ihm vorurteilsfrei begegnen und ihn von nun an an seinen Taten messen. Wie ist es Euch die vergangenen Jahre drüben in Rotenforst ergangen? Haben die anderen Barone schon mal von sich hören lassen?“

„Wir haben ein paar böse Briefe gekriegt“, meinte Bärfang leichthin. „Für mehr hat es nicht gereicht, weil der Großteil des Sichler Adels wohl zu sehr damit beschäftigt ist, sich über Bunsenhold aufzuregen. Thûan ist alles andere als glücklich darüber, dass sein guter alter Freund Erzelhardt das Zeitliche gesegnet hat, der Zollhäuser hat uns darüber aufgeklärt, dass er sich nach einem dermaßen blutigen Machtwechsel nachgerade im Dunklen Zeitalter wähnt, es gab ein paar haltlose Beschimpfungen vom Fuchshager, der wohl auch ganz  gut mit Erzelhardt stand, und Sindaja ... du wirst es dir denken können. ‚Will keinen Mörder und Schänder zum Nachbarn‘, ‚Skandal‘, ‚was meiner armen Schwester da angetan wurde‘ ... blablabla. Wenn ich es recht verstanden habe, soll die Inthronisierung Widderichs auf ihr Betreiben vom Crongericht überprüft werden. Bis jetzt haben wir von dem aber nichts gehört.“

Der Hüne hob die Schultern und warf einen neugierigen Blick auf die Flasche in Bärfrieds Hand: „Also, was ist das denn, das du da so gegen das Heimweh mitnimmst?“ Dann wurden seine Augen ein wenig schmaler. Entweder, weil er auf eine Erklärung zu dem guten Schluck wartete, bevor er davon trank, oder im Zusammenhang mit der Anmerkung die auf die Frage folgte: „Von Mirnhilde haben wir bisher nichts gehört. Allerdings hätt ich auch nicht gedacht, dass sie sich über die Sache freut. Beste Freunde waren wir ja nie. Was genau macht euch an der Sache also glücklich, eh?“

„Schnaps vom Hochlandkriecherl“, Bärfried hob sein Trinkgefäß und prostete dem Rauheneck zu. „Selbstgebrannt. Eine meiner Leidenschaften.“ Der Junker setzte seine Lippen an den Flaschenhals und nahm einen kleinen Schluck, erst dann ging er auf die Frage Bärfangs ein. „All die Dinge, die zwischen Hahnfels und deiner Familie die letzten Jahre vorgefallen sein mögen, das ist vergangen und nichts im Vergleich zu dem, was uns von Etzelhardt getrennt hat.“ Bärfried stoppte und nahm erneut einen Schluck aus seinem Fläschchen. „Aaah sehr gut“, bemerkte er daraufhin zufrieden lächelnd. „Deswegen ja ... wir waren heilfroh ...“, der Sunderhardter unterstrich seine letzten Worte mit einem leichten Kopfnicken.

„Erzelhardt“, meinte Bärfang mit einem schiefen Grinsen. „Der Mann hat Erzelhardt geheißen.“ Dann schnupperte er interessiert an seinem Stumpen, trank aber noch nichts, sondern senkte ihn wieder, um etwas anzufügen. „Wenn du ‚wir‘ sagst, wen meinst du da? Sprichst du von Mirnhilde? Oder von Branda und dir?“ Er hob fragend die Brauen. „Mir wusste nicht, dass ihr Probleme mit Erzelhardt hattet. War er mit den Suulak und uns nicht genug beschäftigt? Hat er nebenher auch noch Streit mit deiner Herrin gesucht? Oder spielst du auf das übliche rechthaberische Rumgenöle an?“

Bärfried legte seinen Kopf schief und zog kurz skeptisch eine Augenbraue hoch. „Ja, ich spreche da schon von Mirnhilde und mir. Sie ist ja meine Baronin und Schwertmutter. Branda war vor zwei Götterläufen doch noch gar nicht bei mir, aber nach allem was dieser ... ERzelhardt ... mit ihrem Vetter hat machen lassen ... genauso wie mit ihren Glaubensbrüdern und -schwestern ... so meint sie zumindest immer ... . Du kannst dir sicher sein, dass der verblichene Baron nicht hoch in ihrer Gunst stand.“ Er hielt kurz inne. „Zu Kämpfen mit Erzelhardts Männern und Frauen kam es nie, der musste ja gegen seine eigenen Schutzbefohlenen Krieg führen und hatte auch nicht die Eier, bei uns aufzukreuzen. Aber das Verhältnis zwischen Mirnhilde und ihm war stets äußerst frostig und Gerüchten zufolge wollte er ihr sogar Land abnehmen.“

„Ja ... Nordolf“, murmelte Bärfang nach einer kurzen Denkpause. „Das war eine schlimme Sache. Damals haben sie uns kalt erwischt und es kostete einige von ... Brandas Glaubensgeschwistern das Leben. Ich kann verstehen, dass sie das nicht loslässt. Geht uns nicht anders. Umso besser, dass die ganzen Praiosdiener jetzt erst mal weg sind. Mit etwas Glück wird es in Rotenforst beizeiten wieder ruhiger.“

„Interessant übrigens, dass du Sindaja erwähnt hast“, setzte Bärfried nach einigen Momenten der Stille in recht beiläufigem Ton hinzu. „Habe ich doch erst vor Kurzem auf dem Sieben-Baronien-Weg gehört, dass ihr Gemahl, dieser Friggenhaupter, in Kontakt mit deinem Bruder steht.“

„Das stimmt. Der gute Mann war ein paarmal da und hat mit Widderich geredet“, meinte Bärfang frei heraus. „Es heißt, dass der Haussegen in Drachenstein deswegen ein bisschen schiefhängt. Offenbar sind sich Sindaja und Haldoran über die Marschroute für ihre Baronie nicht ganz einig.“

Ein schiefes Grinsen eroberte die Züge des Hünen, ehe er den Stumpen endlich an seine Lippen hob und sich einen Schluck von Bärfrieds Selbstgebranntem gönnte. Danach hielt er einen Moment inne und schien dem Geschmack auf seiner Zunge sowie dem Brennen in seinem Rachen gewissenhaft nachzuspüren.

„Da schau an“, meinte er schließlich. „Aus was machst du das? Hochlandkriecher? Nie gehört. Ist das eine Frucht, oder wie?“

„Ja Hochlandkriecherl sind eine Frucht – wir haben am Uhlengrund einige Sträucher stehen“, Bärfried lächelte und schwenkte dabei sein Trinkgefäß. „Vielleicht kennst du es als Haferpflaume? Ein edles Destillat wie ich meine, sehr fruchtig.“ Der Sunderhardter blickte einige Momente erwartungsvoll auf sein Gegenüber. Er musste sich eingestehen, dass ihm die Meinung eines Mannes, der guten Alkohol zu schätzen wusste, wichtig war.

„Ne, kenn ich auch nicht“, meinte der Rauheneck und schüttelte den Kopf. „Wächst bei uns in den Drachensteinen vermutlich nicht. Da ist der Boden ja doch ein bisschen anders als bei euch in der Sichel.“ Sprachs und schüttete den Rest des Selbstgebrannten in sich hinein, nur um sich auch den über die Zunge laufen zu lassen und schließlich anzumerken: „Schade, sonst würde ich die Früchte in Sturmrætzvallt weiterempfehlen. Mir schmeckt’s nämlich.“ Er nickte anerkennend und fasste Bärfried dann wieder ins Auge: „Wenn dein Interesse nicht nur Gebranntem, sondern auch Gebrautem gilt, solltest du mal bei uns vorbeikommen. Meine Schwägerin – Wolfherz’ Witwe – macht ein hervorragendes Grutbier. Ach ja ... und gute Jagdgründe haben wir auch. Kommt mir vor, als könnte man dich damit locken.“ Er machte eine vage Kopfbewegung in Richtung des Rehbocks.

Bärfried blickte kurz unschlüssig, obwohl er sich über das Lob des Rauheneckers freute. ‚War das eben eine Einladung? Und wenn ja, zu was?‘, dachte der Junker, als sich seine Lippen zu einem Lächeln verzogen. „Das wohl“, er nickte bekräftigend. „Aber nicht, dass du noch einen falschen Eindruck von mir bekommst. Ich tue schon auch was anderes als zu saufen und zu jagen.“ Der Sunderhardter lachte auf. „Aber gern würde ich das Bier deiner Schwägerin einmal kosten ... vielleicht ergibt sich ja demnächst eine Gelegenheit.“

„Hmhum“, Barfäng nickte zufrieden. Offenbar war er sich nicht im Klaren darüber, dass seine Worte durchaus eine Präzisierung hätten brauchen können. Für ihn schien das Thema erledigt zu sein und er hob den Stumpen noch einmal, um am Rest des „Kriechers“ zu schnüffeln.

Barfried nutzte die Gelegenheit, um auf sein eigentliches Thema zurückzukommen: „Schön zu sehen, dass der Friggenhaupter Zeit findet, die Länder zu bereisen, wo er doch in erster Linie einmal schauen sollte, dass im Lehen seiner hohen Frau Gemahlin aufgeräumt wird. Traurig, was dort abläuft.“ Bärfang konnte ein gehöriges Maß an Verachtung aus der Stimme des Sunderhardters heraushören, als er das sagte. „Ich weiß, dass er seit Jahr und Tag von einem Schwertzug gegen uns träumt, um irgendwelche Ansprüche durchzusetzen, die wahrscheinlich ein Hirngespinst sind.“ Der Junker schaubte verächtlich, nahm dann einen Schluck zu Beruhigung, bevor er ruhiger nachsetzte. „Er kann es gern versuchen, wir sind bereit!“

Bärfried seufzte, dann schüttelte er leicht den Kopf – und realisierte zu spät, dass sein Gesprächspartner eben zu einer Erwiderung hatte ansetzen wollen. „Vielleicht sollten wir dann zu den anderen zurückkehren“, kam er dem Rauheneck zuvor. Fürs Erste war er auch so mit der Ausbeute an Erkenntnissen zufrieden. Er wollte die Sympathien des Rauhenecks für ihn nicht zerstören, indem er zu früh zu viele Fragen stellte.

„Ja, sicher. Sorgen wir dafür, dass sie etwas zwischen die Zähne bekommen“, meinte Bärfang. Er drückte Bärfried den Stumpen wieder in die Hand, erhob sich rasch und griff nach seinem Wurfspeer. „Kochen wirst du sicher auch wieder, eh? Allmählich verstehe ich, warum dein Weib dich die ganze Zeit so liebestrunken anstarrt. Besorgst das Essen nicht nur, sondern bereitest es auch zu, trinkst Schnaps nicht nur, sondern brennst ihn auch selbst, sagst Gedichte nicht nur auf, sondern verfasst sie eigenständig ... wenn sich jetzt noch rausstellt, dass du nicht nur Schwerter schwingen, sondern auch Schneidern und Zöpfe flechten kannst, nehm ich mir nen Strick ...“