Auf in den Kosch - Stilfragen

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Stilfragen
Irgendwo auf der Reichsstraße II, ein gutes Stück südlich von Baliho, Ende Praios 1041 BF

Der Rauheneck, den sie in Baliho eingesammelt hatten, war ein aufgewecktes Kerlchen. Jung an Jahren, voll Tatendrang und nach den Maßstäben weniger begeisterungsfähiger Menschen wohl ziemlich naiv zu nennen. Aardor lautete sein Name, und er hatte den Ritterschlag erst kurz vor dem Feldzug gegen Haffax erhalten. Vor kaum mehr als einem Götterlauf also. Das Fürstenturnier würde das erste sein, an dem er als Ritter teilnahm. Entsprechend aufgeregt war er und kannte kaum andere Themen als den Kosch, über den er in den vergangenen Monden die eine oder andere Weisheit und Halbwahrheit aufgeschnappt zu haben schien, und natürlich das ritterliche Kräftemessen. Egal ob zu Fuß oder zu Pferd. Aardor brannte darauf, sich mit anderen Kämpfern aus allen Teilen des Reiches zu messen.

Darüber, dass seine Verwandten aus der Sichelwacht nicht allein reisten, sondern ein paar Fremde im Schlepptau hatten, freute er sich augenscheinlich sehr und bezog auch Bärfried und Branda in seine Dialoge mit ein – die manches Mal zu Monologen wurden, weil seine Gesprächspartner ermüdet die Waffen streckten. Der junge Kerl war sich auch nicht zu fein, streckenweise neben Widolf her zu zuckeln und sich mit ihm zu unterhalten. Der Knappe stand ganz offensichtlich nicht unter seiner Würde und war noch dazu der Einzige, der eine ähnlich große und ausdauernde Begeisterung für die anstehenden Ereignisse aufbrachte.

Auch an diesem Tag hatten die beiden sich nach der Mittagsrast eine ganze Weile miteinander beschäftigt. Wem die Ohren von der ewig gleichen Leier noch nicht bluteten, der mochte über einige Meilen Reichsstraße allerlei Wissenswertes zu den größten Streitern des Neuen Reiches vernehmen. Zeitgenössischen erst. Dann solchen, die sich im Krieg gegen Borbarad hervorgetan hatten. Schließlich ging es um historische Helden und Heilige, bei deren Namen und Epochen einiges durcheinander geriet – aber niemand griff korrigierend ein. Vielleicht, weil keiner in dieser Reisegruppe auf dem Gebiet so firm war, dass er sich das hätte erlauben können?

In jedem Falle fielen die Namen Geron und Ardare, Yppolita und Waldemar, Raidri und Rondrian. Dass der Blauenburger sich nach dem Kaiserturnier zu Gareth aufs Altenteil zurückziehen wollte, fanden die beiden jungen Weidener ziemlich entsetzlich, da es in den Reihen der mittnächtlichen Ritter keinen adäquaten Ersatz gab – jedenfalls dem Urteil dieser angemaßten Fachmänner nach. Aardor brachte den Namen Lanzelund von Weiden-Harlburg und Streitzig ins Gespräch, den Widolf aber noch nie gehört hatte. Das ließ an der Qualifikation des Hollerheider Barons wenigstens ebenso große Zweifel aufkommen, wie die Tatsache, dass er im Tjost beim Kaiserturnier bereits in der ersten Runde ausgeschieden war.

Nach dieser ernüchternden Bilanz trat kurzes Schweigen ein und dann fingen die jungen Kerle doch tatsächlich zu tuscheln an. Wie Mädchen. Da sie am Ende des kleinen Grüppchens ritten und über ihr angeregtes Gespräch zusätzlich ein bisschen zurückgefallen waren, kamen an dieser Stelle selbst die spitzesten Ohren nicht mit. Das Ende vom Lied war jedenfalls ein einhelliges Räuspern. Dann drängte Aardor sein Pferd zu einer schnelleren Gangart, ließ es an Satijana und Branda vorbei traben und überholte auch Bärfried und Bärfang, um sich neben Widderich an die Spitze der Gruppe zu setzen. Von hinten war gut zu sehen, wie sich der Baron von Rotenforst seinem Vetter zuwandte und ihn verwundert ansah. Oder vielmehr: halb verwundert. Die andere Hälfte war unterschwellig Frucht vor dem, was jetzt zwangsläufig folgen musste. Von allen Mitgliedern der Reisegruppe war Widderich bisher noch derjenige gewesen, der sich Aardors Gesprächsversuchen am standhaftesten widersetzte.

„Noch mal wegen der Turney ...“, hob der Bärwaldener ansatzlos an.

„Sag bloß?“

„Du hast geschrieben, dass Gilda dabei sein wird und dass ich mich auch gern eingeladen fühlen darf. Von dir selbst war aber nicht die Rede. Bärfang meinte gestern, du hast nicht die Absicht teilzunehmen. Stimmt das etwa?“

„Ja.“

„Aber ... warum denn nicht?“

„Das ist nichts für mich.“

„Das ist eines der traditionsreichsten und ehrenvollsten Turniere im Neuen Reich“, beharrte Aardor. „Im Kosch noch dazu. Bei Leuten, die wie unsere Brüder sind. Im Geiste jedenfalls. Ich würde es von der Bedeutung und dem Ablauf her fast neben unser Herzogenturney stellen. Wie kann das nichts für dich sein? Du bist doch ein Weidener Ritter?“

„Ich spare meine Kräfte lieber für Kämpfe auf, in denen es um mehr als Prestige geht.“

„Was?“ Aardor warf seinem Vetter einen konsternierten Blick zu. „Meinst du das etwas ernst?“

„Schon mal auf so einer großen Veranstaltung gewesen?“, fragte Widderich leise. „Schon mal gesehen, was für Gecken sich da die Ehre geben? Und wie sie ihre Erfolge feiern, als hätten sie Haffax selbst besiegt und nicht einfach nur einen Gegner, der ihnen nicht nach dem Leben trachtete noch um sein eigenes fürchten musste?“

Aardor starrte weiter konsterniert. Er brauchte einen Moment, um sich zu sammeln und stotterte tatsächlich ein wenig, als er wieder anhob: „Und ... und ... äh ... wann bist du das letzte Mal auf so einer Veranstaltung gewesen, dass du das beurteilen kannst, hä? Zwischen 1022 und 1037  ja sicher nicht, hum? So wie die Dinge da standen ...“

„Doch“, meldete sich Bärfang unversehens zu Wort. „Einmal. 1029 in Hohenhain. Das war keine so gute Idee. Damals hat Borka Fälklin sein Pferd fast abgeschlachtet, weil er meinte, er könne den Lanzengang schneller beenden, indem er es aus Spiel nimmt. War ein spektakulärer Sturz und als unserem netten Herrn Widder der Helm vom Kopf flog, hat sich das Publikum vor Schreck fast eingenässt. Da ist uns klar geworden, dass wir so was künftig besser lassen. Außerdem haben wir hinterher Wochen gebraucht, um Borka zu dem Ehrenduell zu bewegen, das  uns versprochen worden war. Alles in allem eine ziemliche Scheiße, das Ganze.“

„Ja“, der Rotenforster wandte sich im Sattel um und maß seinen Bruder mit einem finsteren Blick. „Wäre es keine Turney gewesen, hätte der Drecksack den Tag nicht überlebt, an dem er seine Lanze gegen mein Ross richtete. So aber hat der Turniermarschall den Wettbewerb fortführen lassen als sei nichts gewesen und mich um meine Genugtuung gebracht.“ Er kniff die Augen zusammen, als er Aardor wieder ansah: „Was sagt uns das?“

„Dass die Hohenhainer keine Ahnung von rondrianischem Kräftemessen haben?“

„Oder dass Turniere im Grunde allein dem Vergnügen des Volks und einiger geltungsbedürftiger Ritter dienen, die um ihrer selbst willen nicht einmal dann einhalten, wenn sie merken, dass der hehre rondrianische Anspruch gerade unter die Räder gerät.“

„Aber ...“, begehrte Aardor auf und Empörung zeichnete hektische rote Flecken auf seine breiten Wangen. „Das ist doch ... das darf doch ... . Das stimmt so nicht!“, brach es schließlich aus ihm hervor. Er wandte sich nun ebenfalls um und sein Blick richtete sich zielsicher auf Bärfried, den dritten Ritter im Bunde. „Sagt doch auch mal was dazu, Herr Bärfried!“

Der Sunderhardter lächelte. Interessiert hatte er das kurze Gespräch zwischen Widderich und seinem Vetter verfolgt. In all den Tagen, die sie nun schon durch die Mittnacht ihrem gemeinsamen Ziel entgegen gezogen waren, hatte der Junker dem Baron noch nie so viele Worte am Stück entlocken können, wie nun der junge Aardor.

Gerade während der letzten Tage drängte sich deshalb mehr und mehr der Gedanke auf, ob das alles hier sinnlos war. Widderich sprach fast nicht und wenn er es tat, dann war es meist nur belangloses Zeug. Darüber hinaus fühlte er sich immer öfter unter Satijanas Beobachtung. Doch waren es nicht jene verträumten Blicke, die ihm junge Frauen für gewöhnlich zuwarfen – nein, vor diesem Weib galt es sich in Acht zu nehmen. Ob sie ihn bereits durchschaut hatten? Vielleicht hatte er die Wirkung der Rivalität Mirnhildes zu den Rauhenecks tatsächlich unterschätzt? Er verwarf die aufkommenden Gedanken gleich wieder.

Einzig den Bullen Bärfang durfte Bärfried als vorbehaltlos geselligen Menschen kennenlernen. Bereits vor einigen Tagen hatte Branda ihm, als sie gemeinsam „ausgetreten“ waren, geraten, sich eher an den geschwätzigen Bruder des Barons zu halten und genau so würde er es die nächsten Tage auch halten. Mal sehen, ob er an dieser Front Fortschritte erzielen konnte. Branda sollte derweil versuchen, Satijanas Aufmerksamkeit etwas von ihm abzulenken. Das nun aufkommende Gespräch zwischen Widderich und Aardor eröffnete Bärfried jedoch die Möglichkeit, mit dem Baron einmal in ein etwas tiefgründigeres Gespräch zu kommen.

„Der Baron hat recht ...“, merkte er immer noch lächelnd an, „... zum Teil jedenfalls.“ Der aufkommenden Verwirrung im Blick des jungen Rauheneck begegnete er mit einem leichten Kopfschütteln. „Es gibt sicherlich Ritter, die Turniere nur aus Großmannssucht betreiben, die sich dort mit schöner Rüstung und teurem Schwert brüsten und sich in einer wirklichen Schlacht von oben bis unten einnässen würden.“ Bärfried nickte bekräftigend. „Das sind die einen, doch gibt es auch Ritter, die den freundschaftlichen Wettstreit untereinander als Notwendigkeit  betrachten, um eben in Zeiten des Friedens im Saft zu bleiben.“

Der Junker machte eine kurze Pause. „Alle Teilnehmer als Gecken über einen Kamm zu scheren, wäre meiner Meinung nach nicht richtig. Ich für meinen Teil sehe es als Übung. Es täte gut, einmal mit einem ebenbürtigen Kämpfer oder einer Kämpferin die Klingen zu kreuzen. All die Rotpelze hängen mir beim Hals hinaus.“ Er spie verächtlich auf den Boden. „Und sollte mir am Kampfplatz einer dieser ... Gecken ... gegenüber stehen, dann werde ich ihm mit einem Lächeln auf den Lippen ein wenig von der rauen Realität unserer Heimat einbläuen.“

Bärfried löste sich von Aardor, um zu Widderich hinüber zu sehen. Er rechnete damit, auf den Hinterkopf des Barons zu starren, weil der es wieder einmal nicht für nötig hielt, sich wenigstens an die elementarsten Regeln der Höflichkeit zu halten. Doch es kam anders: Sehr zu seiner Überraschung sah der Sunderhardter direkt in die Augen des Rauheneck, als er den Blick nach vorn richtete. Der Mann hatte ihm offenbar aufmerksam zugehört. Zum ersten Mal?!

„Ich bin der Meinung, dass es einzig wichtig ist, was uns dazu treibt teilzunehmen; das kann die Suche nach Rondras Idealen im ehrenhaften Wettstreit sein, die Notwendigkeit der Übung oder sonst etwas.“ Nachdem das gesagt war, ging Bärfrieds Blick zurück zum jungen Bärwaldener Ritter. „Das ist egal. Niemand sagt uns, dass wir uns mit Dingen ... Menschen, die uns nicht interessieren, auseinandersetzen müssen. Wir können sie auch einfach links liegen lassen und weiter unsere Wege gehen ... neben diesen Ärgernissen und nicht gemeinsam mit ihnen.“

Nachdem Bärfried geendet hatte, herrschte einen Moment Stille im Rund. Allein der Hufschlag der Pferde auf der stellenweise erschreckend holprigen Reichsstraße war zu vernehmen. Aardor dachte angestrengt nach und verlieh der Anstrengung Ausdruck, indem er die Lippen schürzte und die Stirn runzelte. Schließlich nickte er – nicht zufrieden, aber doch wenigstens halbwegs besänftigt – und richtete den Blick auf seinen Vetter. Die Worte waren dennoch mehr an Bärfried gerichtet, als er wieder zu sprechen begann:

„Ich schätz mal nicht, dass er alle Teilnehmer als Gecken beschimpfen wollte. Ihm reichen wahrscheinlich ein paar von der Sorte, um schlechte Laune zu kriegen. Dinge, die ihn stören, kann er nicht gut links liegen lassen.“

„Ahnen, ja“, seufzte Bärfang der Seite des Sunderhardters und lachte leise. „Ein wahres Wort, gelassen ausgesprochen.“

„Wann habt Ihr zuletzt eine Turney gebraucht, um im Saft zu bleiben, Bärfried“, kam es dann unvermittelt aus Widderichs Richtung. „Mir war, als wäre das mehr ein Problem im Herzen des Reichs und nicht an seinen Rändern?“

„Hast du eine Ahnung!“, Bärfang nahm dem Sunderhardter das Antworten ab. „Du bist zu lange weg gewesen. Was denkst du denn, was wir gemacht haben, während du an den Fronten des Reichs zugange warst? Uns zur Übung jeweils fünf Tage im Mond mit hergelaufenen Suulak geschlagen? Natürlich nicht! Bis du heimgekehrt bist und den Krieg nach Rotenforst holtest, haben wir da bisweilen ein ziemlich beschauliches Leben geführt.“

„Ich habe den Krieg nicht ...“, hob Widderich an.

„Ich weiß. Ich weiß das!“, unterbrach Bärfang ihn sofort und machte eine entschuldigende Geste. „Das war dummes Gerede. Gleich wie: Nachdem Erzelhardt Geschichte ist und Haffax auch und die ganzen anderen Schwarzroten, wird es bei uns jetzt sicher wieder ruhiger. Du solltest dir überlegen, ob du nicht auch die eine oder andere Turney nutzen willst, um auf der Höhe zu bleiben. Bist ja nicht mehr der Jüngste, eh? Ein paar Jährchen ohne echte Herausforderung und du wirst eine Tonne kriegen wie Brandulf auf seine alten Tage.“

„Ich bitte dich!“, Widderich verzog die Lippen zu einem schiefen Grinsen, das jedoch eher bedrohlich als belustigt aussah.

„Guter Punkt“, schallte es da von weiter hinten. Satijana und Branda hatten die Diskussion offenbar auch verfolgt und die Erstere hielt es für angezeigt, ihre Meinung zum Besten zu geben. „Ich wünsche, dass mein Gemahl auch im Greisenalter voll im Saft steht. Alles andere wäre ein herber ... ein vielleicht nicht zu verkraftender Verlust für mich.“

Daraufhin wanderte der Blick des Barons von seinem Bruder weiter zu seiner Frau und das bedrohliche Lächeln wurde eine Spur breiter und schiefer, während sich ein beredtes Funkeln in seine Augen schlich. Kurz sah es so aus, als wolle er Satijanas Anwurf mit einer anzüglichen Bemerkung quittieren. Im letzten Moment schien er sich jedoch der Anwesenheit der Fremden bewusst zu werden und hob stattdessen nur herausfordernd das Kinn.

„Im Ernst jetzt mal“, meldete sich Aardor wieder zu Wort. Vorsichtig, aber mit der geballten Ladung Nervpotenzial, das er in den vergangenen Tagen schon unter Beweis gestellt hatte. „Ich würd gern sehen, wie du da im Kosch den einen oder anderen Gecken vermöbelst. Wär ja ganz schön, wenn die Leute nicht immer nur davon reden müssten, was für ein guter Streiter du bist, sondern es auch mal sehen könnten.“

„Ich bezweifle, dass sie im Kosch darüber reden, Aardor“, meinte Widderich schlicht. Dann fasste er Bärfried wieder ins Auge und hob die Schultern: „Bis vor wenigen Tagen war mir nicht mal bewusst, dass sie es hier tun.“

„Weißt du, was gut ist?“, schob Bärfang nach. „Im Kosch reden sie auch nicht über das andere. Da kennt dich keiner. Du könntest einfach einer unter vielen sein. Wäre das denn nichts?“

„Zu Übungszwecken, eh?“, murmelte der Rotenforster. Sein Blick ruhte noch immer auf dem Sunderhardter. Nachdenklich jetzt, aber weiter zweifelnd. „Ihr macht das zu Übungszwecken? Oder um der Donnernden zu huldigen?“

„Übungszwecke, aber“, Bärfrieds Lippen umspielte ein Lächeln, „auch wegen eines gehörigen Maßes an Neugier.“ Der Blick des Junkers löste sich vom Baron und schweifte in weite Ferne. „Es ist meine erste Reise in die zentralreichischen Provinzen.“ Er stockte. „Interessiert es Euch nicht, wie die Männer und Frauen dort unten kämpfen? Was die ... Gecken ... mit dem Stahl in der Hand können?“ Der Sunderhardter schmunzelte und machte dann eine wegwerfende Handbewegung. „Ich glaube ja, dass bei denen nicht viel dahinter ist, aber interessieren würde es mich trotzdem. Juckt es Euch nicht auch in den Fingern?“ Nach einigen Herzschlägen der Stille lag sein Blick abermals auf Widderich. „Einmal ein Kampf gegen einen unbekannten Gegner, ohne dass unser eigenes Leben, oder das unserer Lieben oder Schutzbefohlenen dabei auf dem Spiel steht.“

„Ja, das und Euer Bruder hat recht, Widderich“, griff Branda von hinten den Faden auf. „Vor allem ist es auch einmal schön, einer unter vielen zu sein und eben nicht ...“ Sie schluckte. „Auch wir sind in Weiden nicht unbedingt wohlgelitten. Mein Gemahl gilt immer noch als der Gespiele und Zögling einer unter Reichsacht stehenden Baronin, der am Sieben-Baronien-Weg Jungfrauen raubt und diese schändet und in seinen Turm sperrt ...“

„Branda, bitte ...“, Bärfried wandte sich zu seinem Weib um. Sein Antlitz war von aufkommender Zornesröte gezeichnet.

„... na ist doch wahr ...“, flüsterte sie daraufhin.

„Wir haben dich gehört, Liebste“, der Sunderhardter fuhr sich mit der Rechten durch sein schwarzes Haar. „Klar ist es schön, einmal einer unter vielen zu sein und sich keinen Kopf zu machen, aber auf die Meinung anderer habe ich erst selten einen Deut gegeben.“ Bei den letzten Worten reckte er stolz sein Kinn.

Der Blick des Rotenforsters war während des kleinen Schlagabtauschs zwischen Bärfried und seiner Gemahlin hin und her gehuscht. Am Ende ruhte er wieder auf dem Junker und als der verkündete, dass die Meinung der anderen ihn nicht scherte, schlich sich ein zugleich viel- und nichtssagendes Lächeln auf Widderichs Lippen.

„Ah“, meinte er leise und drehte sich endlich wieder nach vorn. Sein Kopf allerdings blieb zur Seite geneigt, sodass der Sunderhardter das scharfe Profil sehen konnte, als er noch einmal anhob: „Ich habe sie bereits kämpfen sehen, Bärfried. Und sterben. Bei mehr Gelegenheiten als mir lieb war.“ Er überlegte kurz. „Die Gecken mal beiseitegelassen: Seid vorsichtig mit Eurer Einschätzung. Kämpfen mag für die Streiter aus dem Herzen des Reichs nicht Leben bedeuten, wie bei uns in den Grenzlanden. Aber sie erheben den Kampf zur Kunst und widmen ihm bisweilen mehr Zeit als wir das können. Auf dem Turnierfeld herrschen eigene Regeln, da mag so etwas ausreichen, um mehr als nur einen von uns zu zäumen.“

Während sein Vetter das sagte, saß Aardor weiter völlig verquer im Sattel und starrte Bärfried an. Offenbar war ihm gerade zum ersten Mal zu Ohren gekommen, welche Schandtaten dem Hahnfelser zur Last gelegt wurden – und er wollte es einfach nicht glauben. Der junge Ritter war derart fassungslos, dass er in Schweigen verfiel. An dem hielt er auch fest, als er sich mit einiger Verzögerung ebenfalls nach vorn wandte. Wohl ganz und gar in seinen Gedanken gefangen. Mit dem Redefluss des Bärwaldeners erstarb auch das muntere Gespräch, das sich so unerwartet entsponnen hatte. Da war mit einem Mal nur noch Hufgeklapper.