Auf in den Kosch - Endlich Daheim

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Endlich wieder daheim
Burg Tatzelschund, Baronie Hahnfels, Ende Travia 1041 BF

Bärfried von Sunderhardt blickte gen Himmel. Er kannte den Geruch und er fühlte das Knistern, das hier oben in den Bergen stets mit aufkommendem Schneefall einherging. Innerlich richtete er schon seit Tagen Gebete an den grimmigen Firun, dass dieser seine weiße Pracht doch noch so lange zurück halten möge, bis sie ihre heimatlichen Gefilde erreicht hatten. Natürlich wäre es auch möglich gewesen, den Winter abzuwarten, doch wollte sich Bärfried von seiner Lehnsherrin nicht nachsagen lassen, dass er sie noch weitere Monde im Unklaren lließ. So blieb ihm nichts anderes übrig, als zu hoffen, dass sie nicht den Winter über auf Tatzelschlund festsaßen.

Der Blick des Junkers ging vom Himmel weg hin zu seiner Gemahlin. Branda ritt, fest in einen mit Pelz verbrämten Mantel eingehüllt, neben ihm. Die herrschende Kälte und der scharfe Wind hatten dazu geführt, dass ihre Wangen die Farbe ihrer Haare annahmen. Schon recht bald nach ihrem Aufbruch aus Waltværre hatte er mit dem Gedanken gespielt, Branda und Widolf in Uhlengrund abzusetzen und allein weiter zu ziehen, doch hätte die Verzögerung wohl mit Sicherheit dazu geführt, dass er den Winter über am Hof der Baronin verbringen musste – und das wollte er seinem Weib erst recht nicht antun. Branda wusste selbstverständlich um seine Vergangenheit mit der Lehnsherrin und dass diesem Techtelmechtel auch Nachwuchs entsprungen war. Die Trenckerin hat sich, bis auf ein paar Häkeleien, nie darüber beklagt oder ihm Vorwürfe gemacht. Doch ihr nun zunehmendes Schweigen in der Nähe des Tatzelschlunds zeigte Bärfried ganz deutlich, dass es in ihr arbeitete. Auch jetzt quitierte sie seinen Blick bloß mit einem leichten Seufzen.

„Es ist nicht mehr weit ...“, der Junker wies auf den Berg vor ihnen und just in diesem Moment begannen die ersten Schneeflocken vor ihnen in der Luft zu tanzen.


***


Mirnhilde war so nett gewesen, ihnen die Nacht zu lassen, sodass sie sich nicht nur frisch machen, sondern auch ruhen konnten. Am Morgen aber – was auf dem Tatzelschlund so viel wie gegen Mittag hieß – hatten sie anzutanzen. Alle drei und nicht nur Bärfried. Er vermutete, dass es der Hahnfelserin unter anderem darum ging, sich ein Bild von seiner Gemahlin zu machen. Schließlich hatte sie die bisher noch nie zu Gesicht bekommen und brannte sicher darauf, künftig fundiertere Spitzen setzen zu können. Bisher hatte sie ja, sehr zu ihrem Unwillen, immer nur ins Blaue feuern können.

Sie begaben sich also gemeinsam in den Thronsaal, der eigentlich nur ein besserer Rittersaal war, denn der Tatzelschlund hatte ja nie als Baronsburg dienen sollen. Er war die letzte Bastion der Hahnfelser. Ein Ort, an den sie sich von jeher zurückzogen, wenn der Feind übermächtig wurde. Nur dass sie nun schon seit vielen Jahren unter Reichacht standen und ihnen im Grunde nichts blieb, als hier zu hausen. Jedenfalls, solange weiter draußen in der Baronie – in den Regionen, die leichter zugänglich waren – immer die Gefahr drohte, dass irgendwelche Häscher auftaucheten, die Unfug trieben. Nachdem Bridlin, Mirnhildes älteste Tochter, vor vielen Jahren einmal in die Hände eines gräflichen Stoßtrupps geraten war, ging sie kein Risiko mehr ein. Die „Baronin“ blieb, wo sie war. Und würde das vermutlich tun bis ... ja, bis wann eigentlich?

Bärfried war noch mit diesem Gedanken befasst, als ihnen die Türen aufgetan wurden. Ohne zu überlegen, trat er ein und bog nach links ab. Dort, am Ende des Raums, befand sich der behelfsmäßige Thron. Um den zu erreichen, musste man an der Hälfte der großen Tafel vorbei, an der Mirnhildes Schar seit vielen Jahren ihre Gelage feierte. Ihm selbst war das keinen Blick wert. Er registrierte jedoch, dass Branda und Widolf an seiner Seite ins Zögern gerieten. Sie musterten den riesigen, in den Fels getriebenen Saal und alles, was sich in ihm befand, fasziniert, während er schon die Herrin des Hauses ins Auge fasste.

Tatsächlich saß Mirnhilde auf ihrem Thron. Der war ebenso mühevoll aus dem Fels herausgearbeitet worden, wie der ganze Raum. Reliefs und kunstfertige Gravuren zierten ihn. Viele Motive hatten mit Hähnen und Lindwürmern zu tun. Aber auch das alles kannte Bärfried schon zur Genüge – und studierte lieber die Miene seiner Herrin, um sich ein Bild davon zu machen, wie ihre Laune heute wohl sein mochte. Er bemerkte sofort, dass sie erstaunlich herrschaftlich aussah. Mit einer feinen Tunika samt verziertem Kragen über der unvermeidlichen Platte, das Haar ordentlich geflochten, das Kinn gebieterisch gehoben. Allein die tiefen Schatten unter ihren Augen verrieten, dass sie nicht viel Schlaf bekommen hatte. Gezecht vermutlich. Das legte auch das Konterbier nahe. Der Krug ruhte auf der rechten Armlehne, umschlossen von ihrer Schwerthand.

Als sie vor sie traten, musterte Mirndhilde erst Bärfried, dann Widolf und schließlich Branda. Allesamt ziemlich eingehend. Zum Ende hin begann sie zu lächeln. Es war wie so oft ein Lächeln, das weder besonders heiter noch allzu maliziös wirkte. Verwirrend bestenfalls. Und ein bisschen überheblich vielleicht. Als sei sie kurzerhand zu dem Schluss gelangt, dass Bärfrieds Weib nicht in ihrer Gewichstklasse kämpfte. Zum Abschluss nickte sie knapp, fast gönnerhaft, ehe sie sich einen Schluck Bier genehmigte.

„Travia zum Gruße“, meinte sie dann unerwartet höflich. „Willkommen in meiner bescheidenen Halle. Ich hoffe, ihr hattet eine angenehme Reise und ... blablabla!“ Sie machte eine gelangweilte Geste und schnaufte vernehmlich. „Lassen wir das. Also, getreuer Knappe von einst? Wie sieht es aus? Wie viele Trophäen bringst du, um sie mir zu Füßen zu legen? Wie viele Disziplinen hast du da drüben im Land von Milch und Honig errungen, um unseren Ruhm zu mehren, hä? Es werden ja wohl hoffentlich einige gewesen sein?“

Bärfried erkannte in dieser Frage sofort eine von Mirnhildes Spitzen gegen sich. Er fuhr sich lächelnd durch sein Haar – eine Geste, die man gut und gern der Verlegenheit zuordnen konnte – und räusperte sich dann kaum vernehmlich. „Trophäen? Bis auf einen verfluchten Spitznamen keine.“ Es war eine Tatsache, die ihn selbst sehr wurmte. „Ein Haufen verweichlichter Gecken dort, die das Turnier als Spiel und nicht Notwendigkeit betrachten.“ Der Junker schnaubte verächtlich ...“

„Und dennoch haben sie dich deiner Schilderung zufolge nach Strich und Faden vermöbelt“, erwiderte Mirnhilde lakonisch.
 
„Mein Mann hat Euch keine Schande bereitet ...“, nun trat Branda neben Bärfried und erhob höflich, aber ungefragt das Wort. Ihr Blick hielt dem Mirnhildes stand und sie legte demonstrativ ihre Hand in jene ihres Gemahls.

Die Hahnfelserin beobachtete die Geste zunächst ungerührt, hob dann fragend die Brauen und begann schließlich belustigt zu lächeln. Sie unterbrach Branda jedoch nicht, sondetn ließ sie einfach weiterreden. Noch entspannter nun – und ein bisschen so, als würde sie ein vorzügliches Schauspiel beobachten.

„Beim Buhurt war er einer der herausragendsten Kämpfer“, fuhr die Trenckerin fort, „im Kampf mit dem Schwert musste er sich dem späteren Sieger beugen und in der Tjost maß er sich mit dem Koscher Heermeister. Es hat schon seine Berechtigung, dass er im Kosch nun als BärKRIEG bekannt ist ...“
 
Bärfried lächelte Branda dankbar zu. Dann wandte er sich wieder an seine Lehensherrin. „Ich darf dir übrigens meine Frau vorstellen? Branda von Trenck“, der Junker machte eine Pause und gab seinem Weib dadurch die Möglichkeit Mirnhilde zu grüßen, was diese mit einem leichten Kopfnicken auch tat. „Doch war das Turnier ja nicht der eigentliche Grund meiner Reise. Ich komme mit Informationen und einer Botschaft Widderichs von Rauheneck.“

„Hoch erfreut! Dann erzähl doch gleich mal: Wie ist es mit dir?“ Mirnhilde reagierte gar nicht auf Bärfrieds letzte Worte. Ihr Blick war an Branda hängengeblieben und sie wahrte die freundliche Miene, als sie weitersprach: „Was für einen Ehrennamen hast du mitgebracht, Branda von Trenck? Bist doch eine Kriegerin, oder etwa nicht? Baliho, hum? Da wirst du dir den Spaß wohl nicht nehmen lassen, sondern auch ein paar von den Sesselfurzern aus dem Herzen des Reichs das Fürchten gelehrt haben?“

Wieder hob sie die Brauen, schien die Antwort jedoch von Brandas verdatterter Miene ablesen zu können und wartete daher nicht auf eine Wortmeldung. Vielmehr schüttlete sie den Kopf, machte leise „Tststs!“ und wandte sich endlich doch wieder ihrem Vasallen zu:

„Die Botschaft des Rauheneck interessiert mich erst mal nicht. Erzähl mir den Rest. Was gibt es Spektakuläres über den werten Herrn Nachbarn zu berichten?“

Kurz blickten Branda und Bärfried einander fragend an. Beide waren sich unschlüssig, von wem denn nun eine Antwort erwartet wurde. Kurz nur, denn schon einige Herzschläge später wurde dem Junker und seiner Gemahlin klar, dass die Information über den Nachbarn wohl schwerer wog als die Vorstellung Brandas.

„Widderich ist in Ordnung“, eröffnete Bärfried banal. „Die Gerüchte, die ihn umgeben, sind erwartungsgemäß Goblindreck. Aber gut, das kennen wir, ist ja bei uns auch nicht anders.“ Ein Lächeln stahl sich auf seine Züge. „Er ist wohl ein Mann, der seine Familie über Anderes stellt – was zu einem Problem werden könnte. Hier wäre er auch verwundbar, aber dazu später mehr.“ Bärfried machte eine fuchtelnde Handbewegung, ohne Mirnhilde dabei aus den Augen zu lassen.

„Ich denke, dass sein Wort einiges an Wert hat und er, trotz seines Rufs und der Sippschaft, der er entsprang, ein gewissen Maß an Ehrgefühl besitzt, doch ...“, der Sunderhardter zog seine Augenbrauen hoch und hob einen Zeigefinger, „... sollten wir uns vor seinem Weib in Acht nehmen. Sie hat diesen Blick, den ich sonst immer nur bei Mutter sah. Sie hat mich wohl gleich durchschaut.“ Er hob seine Schultern. Allein der Gedanke daran rief Gänsehaut hervor.

„Ja, sei es wie es sei, ich denke, die Zeit für den Aufbau an Beziehungen zu Rotenforst könnte nicht besser sein. Noch sind die Rauhenecks isoliert, selbst vom Friggenhaupter wissen sie, dass er sie verachtet.“ Bärfried zögerte kurz. „Aber das ist deine Entscheidung. Sieh es nur als meine persönliche Meinung und als keinen Ratschlag an.“

Die Baronin hatte Bärfrieds Ausführungen aufmerksam gelauscht, auf halber Strecke jedoch begonnen, skeptisch die Stirn zu runzeln. Jetzt wurden ihre Augen zudem schmal und sie deutete ein ungläubiges Kopfschütteln an.

„Willst du damit sagen, dass die Frau eine Hexe ist?“, fragte sie. Auf Bärfrieds Nicken hin schürzte Mirnhilde die Lippen, schwieg einen Moment und schien angestrengt nachzudenken. „Hexen heiraten nicht“, meinte sie schließlich. „Ich weiß zufällig, dass der Entschluss, sich an deinen Vater zu binden, deine Mutter damals einiges an Ansehen gekostet hat – in ihren Kreisen. Mir war, als hätte ich gehört, dass ein paar Schwestern sie danach nicht mal mehr mit dem Arsch angeguckt haben. Für gewöhnlich liegt die Loyalität dieser Weiber woanders. Und mit Abweichlerinnen gehen sie nicht gerade zimperlich um.“

Die Hahnfelserin schniefte leise und neigte den Kopf zur Seite. „Ich hab schon ein paar Gerüchte über die Rotenforsterin gehört, aber das war nicht dabei. Also frag ich dich: Wie sicher bist du dir? Hast du sie hexen sehen oder hat sie dich nur schräg angeguckt?“

Bärfried presste kurz die Lippen aufeinander. „Naja, sicher wissen tu ich es nicht. Aber als Sohn einer Hexe ...“, er lächelte und hob seine Schultern. „Ich hab da eher nur so ein Gefühl. Und was ihre Ehe angeht ... sie ist ja aus dem Bornischen – keine Ahnung, wie die Weiber das dort regeln. Vielleicht sind die offener, oder sie befindet sich in keiner Schwesternschaft. Oder ihre Ehe ist einfach bloß ein Teil ihrer Tarnung und in Wirklichkeit gilt ihre Loyalität den Schwestern.“ Kurz hallten Mirnhildes Worte über seine Mutter in ihm nach. Viel zu früh hatten sie sie verloren und es war ihm bisher auch nie so wirklich bewusst gewesen, was sie alles hatte aufgeben müssen, um für ihre Familie da sein zu können.

„Nur so ein Gefühl, hum ...“, wiederholte Mirnhilde. Zur Abwechslung klang das aber nicht spöttisch, sondern ziemlich nachdenklich. Sie ging noch einmal in sich und nach ein paar Herzschlägen meinte Bärfang in ihren Augen etwas aufblitzen zu sehen. Etwas, von dem er sehr froh war, dass es sich nicht gegen ihn und die Seinen, sondern gegen die Rauhenecks richtete. „Wenn es so sein sollte, kann das diesem Sturmrætzvallter Heiden gewaltig auf die Füße fallen, würd ich denken. Mit seinen seltsamen Ansichten hat der schließlich eh schon gelitten“, stellte sie fest und lächelte fein. „Weise Frau hin, Weise Frau her ... die Wahrheit ist doch, dass die meisten von uns diese Weiber lieber in sicherer Entfernung wissen. In der Nähe eines Baronsthrons haben sie jedenfalls nichts zu suchen.“

Die Hahnfelserin genehmigte sich einen Schluck Bier und nickte Bärfried zu, als der Krug wieder auf der Armlehne stand. „Das ist doch schon mal was“, brummte sie gönnerhaft. „Deine persönliche Meinung ist mir aber noch ein bisschen dünn. Ich versteh das jetzt mal so, dass du das Gespräch mit den Rotenforstern suchen würdest. Also haben sie  euch anständig behandelt? Nicht von oben herab? Und Widderich? Ist der eher so wie wir oder wie die anderen Langweiler? Der Friggenhaupter am Ende gar, von dem er sich hofieren lässt?“

„Langweiler ...“, wiederholte Bärfried das von Mirnhilde gewählte Wort, „... nein, das würde ich so nicht sagen.“ Der Junker schüttelte leicht seinen Kopf. „Widderich hat uns sehr korrekt und auf Augenhöhe behandelt. Ich kann dahingehend nichts Negatives berichten.“ Kurz wandte er sich zu Widolf und seinem Weib um, lächelte und fuhr dann fort. „Ob das jedoch nur daran lag, dass ich mit zwei Trenckern reiste – einer davon wird ja mal ein Lehnsnehmer des Rauheneck sein – weiß ich nicht. Ich habe aber nicht das Gefühl, dass es nur daran lag.“

Für einen Moment schien es Mirnhilde, als hätte er damit geendet, doch dann erhob der Sunderhardter noch einmal seine Stimme. „Den Friggenhaupter sieht er wohl nur als Mittel zum Zweck, genauso wie der Friggenhaupter Widderich nur als solches betrachtet. Meiner Empfindung nach und laut den Worten des Barons selbst verachten die sich gegenseitig.“ Bärfried legte seine Stirn in Falten und zögerte kurz. „Gemeinsame ... Ziele ... verbinden anscheinend auch Menschen, die nicht vom selben Schlag sind. Umso wichtiger wäre jetzt, dass wir im nächsten Schritt auf die Rotenforster zugehen.“

„Verstanden“, meinte Mirnhilde knapp. „Dennoch hast du vorhin erwähnt, dass ich wohl über die Familie gehen müsste, wenn ich Widderichs wunden Punkt treffen will. Also gehst du davon aus, dass der Versuch, mit ihm zu verhandeln, auch scheitern könnte? Da stellen sich mir zwei Fragen: Was wolltest du mir später noch zu dem Problem mit seinem Familiensinn sagen? Und was sind die gemeinsamen Ziele von Drachenstein und Rotenforst?“

„Land ...“, antwortete Bärfried knapp und fast schien es Mirnhilde als wäre er der Meining, dass es keiner weiteren Erklärung bedürfe. „Zumindest beim Rotenforster. Er ist der Meinung, dass du Land dein Eigen nennst, das eigentlich ihm gehört.“ Der Junker verzog kurz sein Gesicht. „Und ich denke, dass der Drachensteiner es ihm gleichtut.“

Bärfried machte eine kurze Pause, dann seufzte er, reckte sein Kinn und fuhr fort. „Es ist deine Entscheidung, wie du mit diesen Forderungen umgehst. Ich werde dich auf jeden Fall unterstützen. Genau deshalb wollte ich dir auch vermeintliche Schwächen aufzeigen. Ja, ich denke, dass seine Familie Widderich angreifbar macht.“

„Oh, wie schön“, meinte Mirnhilde und grinste breit. „Das heißt also, wenn ich demnächst einen Streifzug nach Rotenforst mache und mir einen von den Rauhenecks schnappe, um dem Unhold vom Klagenfels meinen Willen aufzuzwingen, bist du mit von der Partie? Vortrefflich! Das klingt nach Spaß. Wir haben schon viel zu lange niemanden mehr erpresst!“

Bei jedem anderen hätte die Heiterkeit Bärfried angesteckt. Bei Mirnhilde verhielt es sich jedoch leider so, dass sich Spaß manches Mal schwer von Ernst unterscheiden ließ. Und sie war definitiv verrückt genug, eine solche Mission in Angriff zu nehmen. War es zumindest bis vor Kurzem stets gewesen. Bis sie zu dem Schluss gelangte, nicht für den Rest ihres Lebens unter Reichsacht stehen zu wollen. Allzumal sie den Makel nicht an ihre Erbin weitergeben wollte.

„Nur interessehalber“, fügte die Hahnfelserin an, nachdem sie sich einen Moment lang an den unglüklichen Mienen Brandas und Widolfs gewaidet hatte. „Was für eine Botschaft ist das, die du mir vom Rotenforster überbingen sollst?“

Bärfried ließ sich von Mirnhildes Kommentar nicht aus der Ruhe bringen, sondern blieb konzentriert. „Widderich möchte, dass ich dir ein Treffen vorschlage.“ Er hob seine Schultern. „Um was es dann genau gehen wird, hat mich nicht zu interessieren – wird aber wohl die Sache mit dem Land sein. Wenn du willst, werde ich dich begleiten, immerhin haben wir ...“, der Sunderhardter wies um sich, „... schon einen recht guten Draht zu den Rotenforstern. Und Branda könnte derweil sein unheimliches Weib ablenken“,  schloss der Junker mit einem verschwörerischen Lächeln.

„Unheimlich?! Sag mal, macht diese Zauberin dir eigentlich eher Angst, oder hat sie es dir angetan?“, wollte Mirnhilde wissen. „Rote Haare, hum? Wie es sich für eine Hexe gehört? Deucht mir in deinem Fall doch stets gefährlich.“ Der Blick der Hahnfelserin glitt über Brandas Haarpracht, ehe sie nach ihrem eigenen Zopf griff und ihn spielerisch um ihren Finger wand. Derweil schien sie in Gedanken schon wieder ganz woanders. Eine Antwort erwartete sie jedenfalls nicht, das konnte Bärfried ihr von der Nasenspitze ablesen.

„Was heißt hier überhaupt, du begleitest mich zum Rotenforster, hum?“, fragte sie schließlich. „Der Kerl will doch was von mir, also hat er hierher zu kommen und nicht umgekehrt.“

Mirnhilde machte eine kurze Pause, in der der Sunderhardter gerade zu einer Erklärung ansetzten wollte, als sie auch schon wieder mit einer beiläufigen Geste abwinkte.

„Schon gut“, murmelte sie. „Belassen wir es fürs Erste dabei und wenden uns wichtigeren Dingen zu.“

Die Herrin von Hahnfels krauste die Nase, gönnte sich noch einen Schluck Bier und musterte ihre Gäste nacheinander. Mit wachem Blick und so etwas wie einem verbindlichen Lächeln auf den Lippen. „Ihr bestimmt heute das Abendprogramm hier auf der Burg, klar? Muss mich ja irgednwie erkenntlich zeigen, für die Dienste, die ihr mir geleistet habt. Also tut mir den Gefallen und lasst Euch was Gutes einfallen, ja?!“

Das war ihre Art, „Danke“ zu sagen. Viel mehr konnte man nicht erwarten. Bärfried wusste das, Branda und Widolf hingegen wirkten leicht verstört, als sie ihn fragend ansahen.

Der Sunderhardter nickte seiner Baronin dankend zu. „Ich weiß ja nicht, was meine Frau und mein Knappe dazu meinen, aber mir würde schon ein gemeinsames Essen und geselliges Beisammensein mit allen anderen genügen ...“, er wandte sich zu Branda und Widolf um, wohl um deren Zustimmung zu bekommen. Doch sollten ihm nur Brandas Gleichgültigkeit und Widolfs Überforderung entgegen schlagen.

„Ist schon lange her ...“, fuhr er deshalb ganz ohne Bestätigung fort. „Wäre schön, die ganze Bande mal wieder versammelt zu sehen.“

„Dann sei es so“, erwiderte Mirnhilde ohne Zögern. „Ich denke, du bist nicht der Einzige, der daran seinen Spaß haben wird. Und wenn ich nicht ganz falsch liege, dürftest du auf deiner Reise in den Kosch ein paar Dinge erlebt haben, die die anderen auch brennend gern hören würden. Also treffen wir uns zur achten Stunde wieder hier. Zum Essen und Feiern.“

-Fin-