Auf in den Kosch - Die wirklich letzte Runde

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Die wirklich letzte Runde
Brodilsgrund vor Angbar, 21. Rondra 1041 BF

Langsam strich Rossgilda ein letztes Mal um die Tafel herum und überprüfte, ob alles seine Richtigkeit hatte. Es gab ein Musterbeispiel am Kopfende; an ihm war das gesamte Gedeck ausgerichtet worden. Eigentlich gar nicht so schwierig, aber sie wollte unbedingt, dass wirklich alles zu einhundert Prozent stimmte. Sie mochte die Frau ihres Onkels sehr und wusste, was die sich aufgeladen hatte, um diesen Abend auf die Schnelle zu ermöglichen. Dafür verdiente sie es, dass alles genau so lief, wie sie es sich vorstellte, fand Rossgilda.

Die junge Rauheneck drehte hier noch mal an hölzernen Tellern, Schalen und Brettchen, schob dort einen irdenen Becher oder ein Messer zurecht, zupfte vorsichtig an der Tischdecke, die eigentlich keine war, und trat schließlich mit ernster Miene von der Tafel zurück. Sie begutachtete das Werk aus ein paar Schritt Entfernung, ließ ihren Blick über das Gesamtkunstwerk gleiten, das von großen Platten und einigen Kerzenständern komplettiert wurde. Rustikal, das alles. Sie hatte anfangs befürchtet, Satijana würde versuchen, mitten auf der Turnierwiese mit bronnjarischem Protz aufzuwarten, aber das war zum Glück nicht der Fall.

Vielmehr hatte sich die Frau Baronsgemahlin darauf beschränkt, den Gastleuten vor Ort einen langen Biertisch, zwei Bänke und zwei Stühle aus den Rippen zu leiern – und einfaches Geschirr sowie Besteck. All das passte sehr gut hierher und wurde durch die Anordnung sowie das schmückende Beiwerk nur ein wenig veredelt. Rossgilda gefiel es und sie war zuversichtlich, dass kaum jemand realisieren würde, wie viel Arbeit dahinter steckte. Es sah nämlich nicht nach Arbeit aus. Das war wohl auch Sinn der Sache, wenn sie es richtig verstanden hatte.

„Sieht gut aus, Mädchen. Nun entspann dich mal!“

Rossgilda wandte sich um und schenkte Bärfang ein dankbares Lächeln. Er stand neben einem dicken Hügelzwerg in speckiger Schürze, der das Ferkel auf seinem „mobilen Grill“ gerade ein letztes Mal in Schwung brachte und dann ... irgendwas mit Kartoffeln machte. Rossgilda wusste nicht genau, was. Sie wusste nur, dass der Angroscho Satijana von der Köchin der Sindelsaumer empfohlen worden war – und dass er eine krankhaft enge Beziehung zu dem Ungetüm von einem Grill pflegte. Wohl nicht zuletzt, weil er der Erfinder des Geräts war. Wie ein Irrsinniger hatte er gezetert, als Satijana ihm eröffnete, dass Bärfang seinen Platz am Spieß einnehmen würde, bevor die Gäste kamen.

Dass der Zwerg am Ende nachgegeben hatte, konnte sich Rossgilda nach wie vor nicht erklären. Es musste wohl an Satijanas gewinnender Art liegen. Gleichwohl funkelten die Augen des Kochs feindselig, als er Bärfang zum wohl hundertsten Mal erklärte, wie das Gerät bedient werden musste. Die beiden waren so vertieft, dass sie die Rückkehr der Baronsgemahlin gar nicht bemerkten. Vor einem halben Wassermaß etwa war sie ins Zelt gegangen, um sich vorzeigbar zu machen, wie sie es nannte. Darunter hatte Rossgilda sich jedoch etwas anderes als das vorgestellt, was sie nun zu sehen bekam. Sie konnte kaum glauben, dass so wenig Zeit reichte, um einen derart radikalen Wandel zu vollziehen. Wahrscheinlich verriet das die wahre Könnerin?

Mit unverhohlener Neugier unterzog die Knappin ihr Gegenüber einer ebenso gründlichen Musterung wie kurz zuvor das Gedeck. Sie nahm zuerst das dunkelgrüne Kleid zur Kenntnis, das die kurvenreiche Figur seiner Trägerin ganz hervorragend betonte und trotz aller Schlichtheit irgendwie einen ... sehr raffinierten Eindruck machte. Vielleicht verhielt es sich bei ihm ja ähnlich wie bei der Festtafel? Dann kam es bestimmt von der Hand eines Schneidermeisters. Rossgilda ließ die Augen weiter wandern, über Satijanas langes rotblondes Haar, das zu einer recht lässig wirkenden Flechtfrisur aufgesteckt war, den lächelnden Lippen, die nun etwas roter schienen als zuvor, und schließlich zu ihren Augen, deren helles Blau von einem dunklen Lidstrich zum Strahlen gebracht wurde.

„Potzdonner!“, entfuhr es der jungen Rauheneck schließlich. „Was ist das denn? Warum hast du dich nicht gestern so zurechtgemacht? Da hätten aber einige blöd geguckt, das sage ich dir. Das hätte dir eine Menge Aufmerksamkeit eingebracht, so viel ist mal klar.“

„Gestern war ich Gast“, meinte Satijana und blinzelte Rossgilda zu. „Und für einen Gast geziemt es sich nicht, allzu viel Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Das ist das Vorrecht der Gastgeber. Eine Lektion, die frau nicht früh genug lernen kann.“

„Hum“, machte die junge Rauheneck und trat näher, um mit einer geradezu andächtigen Geste über den Ärmel des Kleides zu fahren. „Wo hast du das her?“

„Das ist aus Festum.“

„Nimmst du mich da auch mal mit hin?“

„Wenn du wieder bei uns bist und dir daran liegt: selbstverständlich.“

„Meinst du, da findet sich auch was für mich? Etwas, in dem ich gut aussehe?“

Rossgilda deutete unzufrieden auf ihren viel zu langen, viel zu dürren Leib, der in einer einfachen Tunika steckte. Als Satijana ihr tadelnd in die Wange kniff, schniefte sie leise.

„Hör auf, so einen Unsinn zu reden, Gilda!“, tadelte die Bornische sie. „Natürlich findet sich da etwas für dich. Und solange du es nur mit der rechten Haltung trägst, wirst du darin auch gut aussehen. Du bist groß und schlank, das wäre ich früher auch gern gewesen ...“

„Ich bin gespannt“, murmelte die Knappin, während sie sich mit der Rechten über die malträtierte Wange fuhr. „Und was ist mit Widderich? Hast du da für den auch etwas gefunden? Wird er es heute Abend tragen?“

„Ich den feinen Herrn zusammen mit Aardor ins Badehaus geschickt, nachdem sie nichts Besseres zu tun hatten, als sich bei einem Übungskampf die Schädel einzuschlagen“, Satijana krauste die Nase und hob die Schultern. „Sie sollten eigentlich längst wieder da sein. Haben sich wahrscheinlich entweder verlaufen oder sind in einer Taverne versumpft ... oder sonst was. Mir reicht es schon, wenn diese Stoffel am Ende überhaupt etwas anhaben!“

Rossgilda lachte leise und deutete auf die Tafel: „Ich bin fertig damit. Was machen wir jetzt?“

„Jetzt?“, Satijana sah zum Himmel auf. „Unsere Gäste dürften bald kommen. Also setzen wir uns und tun so, als würden wir schon seit Stunden in aller Seelenruhe auf ihre Ankunft warten.“


***


Firian und Adaque hatten den Vormittag in ihrem Feldlager verbracht und die weitere Reise geplant. Einige Botschaften aus der Trutz hatten beide erreicht. Dort verwaltete Firians Bruder Ewein mit der Hilfe der Altbaronin Schneehag, denn Baron und Baronin waren nun schon fast drei Götternamen nicht mehr zu Hause gewesen.

Zunächst waren sie im Rahja, noch im Jahr 1040 BF, gen Gareth aufgebrochen. Neben Baron und Baronin sowie einem angemessenen Gefolge, bestand ihr Zug da auch noch aus den Kindern des Baronspaars sowie seinem Bruder Ewein und dessen Frau Luchserta. Nach einem kleinen Umweg über Dornensee, wo sie Adaques Vater und Geschwister besucht hatten, ging es direkt in die Hauptstadt. In Gareth hatten Firian, Adaque und Ewein am Kaiserturnier teilgenommen. Mit unterschiedlichem Erfolg. Nach dem Ende des Kaiserturniers ging es etwas mehr als 150 Meilen bis nach Luringen. Dort fand das Grafenturnier der Grafschaft Reichsforst statt. Bei diesem setzte Adaque aus. Ewein und Luchserta schieden jeweils nach einigen Runden aus. Firian dagegen gelang es bis ins Finale vorzustoßen, wo er dann aber unterlag.

Bereits auf dem Kaiserturnier hatten sie eine Einladung für das Turnier in Kressenburg erhalten. Deshalb ging es nach dem Grafenturnier wieder nicht gen Heimat, sondern ins Greifenfurtsche. Neben Firian, nahmen erneut Ewein und Luchserta an diesem Turnier teil. Es brachte aber keinem Schneehager viel Erfolg und sie schieden alle recht früh aus.Nach dem Ende des Turnieres machten Ewein und Luchserta sich sowohl mit ihren eigenen als auch den Kindern von Firian und Adaque auf dem Heimweg. In der Zwischenzeit war der Erste Ritter Schneehags, Rauert Stelin von Runkel, in Kressenburg angekommen. In dessen Begleitung und mit frischem Gefolge ging es dann gen Angbar zum Fürstenturnier.

Über dessen Verlauf und vor allem Ende würde im Haus Böcklin wohl nicht so schnell wieder jemand sprechen. Einzig der Sieg von Adaque über Nimmgalf von Hirschfurten war erwähnenswert und wurde ausgekostet. Wobei mehr von Firian als von Adaque selbst, die nicht viel Gefallen am Tjosten fand und hoffte, dass diese Turniersaison nun endlich ein Ende finden würde. Die Botschaften, die sie aus Schneehag erreicht hatten, waren aber durchweg positiv. Gleichzeitig gab es mehrere Briefe, so zum Beispiel vom Gevatter Ailgrimm aus Trallop oder von Alara Paligan an Firian oder von einigen hohen Mitgliedern der Familie Mersingen für Adaque. Schnell wurde jedenfalls beiden klar, dass sie von Angbar aus den über 650 Meilen langen Weg bis nach Mantrash’Mor auf sich nehmen würden, um dort den endgültigen Friedensvertrag zwischen dem Horasreich und dem Reich auszuhandeln.

Sowohl Adaque als auch Firian waren nicht zum ersten Mal froh, dass sie einiges in die Reiseausstattung investiert hatten. Das Schlafzelt der beiden mit dem schnell zusammensteckbaren Bett war dabei nur eine Sache unter vielen. Da die Entscheidung gefallen war, verbrachten sie den Nachmittag dennoch damit, in Angbar noch einiges für die Weiterreise zu besorgen. Relativ früh ging es dann aber zu den Rauhenecks.

Firian trug einen recht neuen und leichten Gambeson. Dieser war weit weniger dafür geeignet als Unterzeug zu einer schweren Rüstung getragen zu werden, denn als rustikales schmückendes Kleidungsstück. Er hatte zum Beispiel einige eingenähte Verzierungen und auch verbrämte Schließen. Der Ledergürtel schien nagelneu, vielleicht sogar heute erst erstanden und geschwärzt. An ihm hingen neben Alltäglichen wie einer Geldkatze und einer kleinen Ledertasche zum einen ein Gürtelschild mit dem Böcklinwappen und zum anderen ein Eberfänger. Dessen Griff wies ebenfalls Verzierungen auf und war mit einem Lederriemen als Friedensband gesichert. An beiden Händen trug der Baron von Schneehag neben seinem Ehering, der eher elfisch wirkte, und einem schweren Siegelring ein paar weitere schwere Silberringe. Um den Hals trug er ein Amulett in der stilisierten Form eines Firunsmessers. Das Griffstück sah aus wie ein Bärenkopf, während die Klinge aus einer Kralle geschnitten war. Unter dem Gambeson trug er ein einfaches Leinenhemd, Beinlinge aus Hirschleder und Reitstiefel.

Adaque hatte, angesichts der Jahreszeit, ein recht leichtes Kleid gewählt. Grundlegend bestand es aus weißem Leinenstoff. Dieser war aber mit einer breiten Borte verziert. Am Oberkörper trug sie über dem Kleid ein schwarzes Brokatmieder. Adaque war um einiges schmaler als die Gastgeberin, durch das Mieder wurden ihre weiblichen Rundungen allerdings ebenso betont. Ihre Haare trug die Schneehagerin mehr oder weniger offen. Nur ein paar Klammern sorgten für Ordnung und hatten den Nebeneffekt, dass die Haare so die meiste Zeit die leicht spitzen Ohren verdeckten. Auch sie trug einen elfisch anmutenden Ehering und einen, wenn auch in einer wesentlich filigraneren Ausführung, Siegelring mit Böcklinwappen. Dazu keine weiteren Ringe und um den Hals an einer Silberkette ein Medaillon mit dem Wappen der Familie Mersingen. Der einzige Hinweis auf ihre Herkunft, den man auf den ersten Blick sehen konnte. Im Gegensatz zu denen der Rotenforsterin waren Adaques Lippen ungefärbt, sie trug aber wie Satijana einen fein geschwungenen Lidstrich.

Beide Schneehager betraten so, begleitet von einem Bediensteten, der etwas trug, was mit einem Leinentuch abgedeckt war, das Lager der Rauhenecks. Nachdem sie kurz einmal den Blick schweifen lassen hatten, sahen sie Satijana an, die sich bei ihrem Eintreffen von einer reich gedeckten Tafel erhoben hatte und ihnen mit einem freundlichen Lächeln entgegenkam. In ihrem Rücken trat Widderich von Rauheneck just aus einem der Zelte, war aber so sehr damit beschäftigt, die Schnüre einer ledernen Armschiene zu verknoten, dass er seine Gäste im ersten Moment gar nicht bemerkte.

Firian beließ es zunächst bei einem Nicken, während Adaque ein „Die Zwölfe zum Gruß, Schwester Rotenforst“ zu Gehör brachte. „Wir danken noch einmal für die Einladung und haben als Gastgeschenk eine Kleinigkeit mitgebracht.“

Adaque deutete kurz auf den Bediensteten, der einen Schritt nach vorn machte und das Tuch entfernte. Auf einem Holzbrett lag ein gut einem Spann durchmessender Weißschimmelkäselaib, der intensiven Duft verströmte.

„Aus bester Milch von Schneehager Ziegen. Außen mit einer festen Kräuterschicht hat er eine milde Schicht im Kern und dazwischen eine fast flüssige Schicht die eine ordentliche Schärfe haben sollte inzwischen“, pries Firian den Käse an. „Er wird am Ende vortrefflich den Magen schließen“, schob er noch hinterher.

„Seid willkommen, im Namen Travias“, meinte Satijana, als sie vor den Schneehagern stand. Sie reichte erst Adaque und dann Firian die Hand zum Gruß und deutete dabei sogar einen leichten Knicks an. „Es freut mich sehr, dass ihr unserer Einladung gefolgt seid und an unserer Tafel mit uns speisen wollt. Ich hoffe, wir können heute einen unbeschwerten Abend miteinander verbringen, bevor wir morgen alle weiterziehen.“

Firian griff ordentlich zu beim Handschlag und hatte bei dem Knicks eher skeptisch kurz eine Augenbraue gehoben. Adaque nahm den Handschlag natürlich ebenso an, fasste auch nicht kraftlos zu, aber um einiges sanfter als Firian, während sie sagte: „Das hoffen wir auch!“

Erst danach löste Satijana ihren Blick von den Gesichtern der Trutzer und nahm den Käse in Augnschein. „Ich habe schon davon gehört, dass es bei Euch seit einigen Götterläufen einen recht experimentierfreudigen Käser gibt und bin gespannt. Riechen tut er ja schon mal ...“, ihr Lächeln vertiefte sich, „... als ob er etwas kann.“ Mit einer beiläufigen Geste wies sie den Bediensteten der Böcklins an, sich ein freies Plätzchen auf der Tafel zu suchen.

Die beiden Schneehager schienen zufrieden damit, dass der Käse schon in einem größeren Umkreis bekannt war, sagten aber nichts dazu. Den Bediensteten dagegen weckte Satijanas Geste erst wieder – er war wohl für einen kurzen Moment an ihrer Figur hängengeblieben und in Gedanken abgeschweift. Mit knallrotem Kopf machte der junge Bursche sich dann aber rasch auf dem Weg.

Bis dahin hatte Widderich es auch endlich zu seinen Gästen geschafft. In einem kurzärmligen schwarzen Waffenrock über einer roten Tunika mit Stehkragen und ganz ohne Schmuck konnte er dem Schneehager Baron stilistisch nicht wirklich Paroli bieten. Allzumal die Farbwahl für einen aufrechten Mittelreicher gewöhnungsbedürftig war. Doch das Wappen der Rauhenecks hatten diese Farben schon geziert, bevor sie zu einem Symbol für das Böse wurden, und sie würden sich freiwillig bestimmt niemals davon trennen.

„Den Herrinnen Travia und Rondra zum Gruße“, meinte der Rotenforster und nickte knapp, ehe er den Schneehagern seinen Schwertarm zum Kriegergruß darbot. „Willkommen in unserer bescheidenen Heimstatt“, schob er dann schmunzelnd nach und machte eine einladende Geste in Richtung der Tafel. „Als zu, fühlt euch wie daheim!“

Beide Schneehager erwiderten den Kriegergruß ihres Gastgebers. Firian schien jedoch Probleme mit seiner Augenbraue zu haben, denn als Widderich sie im Namen der Sturmleuin und der Eidmutter begrüßte, zuckte diese wieder kurz nach oben. Er war sich im ersten Moment nicht sicher, ob der Rotenforster die minimale Bewegung registrierte, denn seine Miene blieb unbewegt. Dann aber glaubte Firian ein geradezu herausforderndes Blitzen in den Augen des Rauheneck zu erkennen – und so wie seine Braue sich nahezu unmerklich gehoben hatte, hob sich nun dessen rechter Mundwinkel. Bevor die beiden das Spielchen weiter treiben konnten, wurden sie allerdings von der Schneehager Baronsgemahlin unterbrochen.

„Sieht doch gut aus“, gab Adaque von sich, hakte sich bei Firian unter (?) und ging dann von ihm begleitet zur Tafel hinüber, um sich dort wie geheißen zu Hause zu fühlen.

Widderich wollte sich den beiden schon anschließen, wurde aber im letzten Augenblick von Satijana aufgehalten, die ihm mit einer knappen Geste zu verstehen gab, dass die nächsten Gäste schon im Anmarsch waren.


***


„Was?“, fragte Bärfried leicht gereizt, als er sich zum Gehen fertigmachte.

„Das weißt du ganz genau.“, kam es von Branda nicht minder genervt zurück. „Schämen muss man sich mit dir.“

„Pfft ... tu nicht so, als ob es dir nicht gefallen würde.“

Sie seufzte. „Darum geht es nicht, aber kannst du dich nicht einmal etwas feiner kleiden ? Du weißt schon ... damit du zu mir passt.“ Branda drehte sich kurz einmal um die eigene Achse. Sie war in ein schönes weinrotes Kleid aus Leinen gewandet. Ihre feuerroten Locken hüpften und die  Aufregung hatte ihr kindliche rote Flecken auf die Wangen gemalt. Ja, ab und zu war es schön, sich ansehnlich zu kleiden – auch für eine Hinterwäldlerin.

„Soso ...“, entgegnete Bärfried ihr lauernd, „... tue ich das jetzt etwa nicht?“

„Sieh dich doch mal an, Mann“, kam es verärgert zurück. „Kannst du nicht wenigstens ein Hemd unter dieser speckigen Lederweste anziehen? Wie sieht das denn aus?“

„Es ist nun mal ... heiß“, antwortete der Sunderhardter seinem Weib. Bärfried war in seine liebste Tracht gekleidet: leichte Stiefel, eine enge Lederhose und eine ärmellose Weste aus demselben Material. Alles in allem sah der Junker von Sunderhardt nicht besser aus als ein Tagedieb oder Landstreicher. Einzig das Langschwert an seiner Seite wies ihn als Edelmann aus.

„Ja klar ...“, funkelte Branda ihn an. Sie war es leid, aber ihr Mann war nun einmal ein unverbesserlicher Sturkopf. „... bei den Ahnen. Dann geh halt so – unser Ruf ist sowieso schon auf Generationen hin zerstört.“

So war die Stimmung zwischen dem Ehepaar Sunderhardt nicht die beste, als sie im Zeltlager der Rauhenecks ankamen. Das ging sogar so weit, dass Branda zornig zwei Schritt vor Bärfried stapfte und ihre Gesichtsfarbe der ihrer Haare bedrohlich nah kam, während der Junker selbst entspannt und mit einer gepfiffenen Melodie auf den Lippen dahin schlenderte. In seiner Hand hielt er eine Flasche seines Selbstgebrannten, den er auch schon Bärfang kredenzt hatte. Seine letzte und es war ihm ewig schade darum, doch wollte er nicht ohne ein Gastgeschenk auftauchen.

Die Rotenforster wechselten einen unauffälligen Blick miteinander, als sie die Hahnfelser nahen sahen – Satijana hatte die Stirn fragend in Falten gelgt und Widderich reagierte darauf mit einem kaum merklich Achselzucken, das seine Gemahlin nach kurzem Zögern spiegelte. Dann trat sie lächelnd auf die voran stapfende Trenckerin zu und gab ihr mit einem anerkennenden Blick zu verstehen, dass ihr deren Aufmachung gefiel.

„Willkommen, meine Liebe. Schön, dass du da bist“, meinte sie und fügte ein leises: „Du siehst sehr hübsch aus“ an. Ohne groß nachzudenken, hob sie die linke Hand und zupfte sacht an einer besonders vorwitzigen Locke ihres Gastes: „Ich kenne Frauen, die viele frustrierende Stunden ihres Lebens allein damit verbringen, ihr Haar in eine solche Form zu zwingen. Die Liebliche hat es gut mit dir gemeint.“ Satijana hielt kurz inne, um Bärfried mit einem prüfenden Blick zu bedenken und seiner Gemahlin dann ein verschwörerisches Lächeln zu schenken: „Zumindest, was dein Haar angeht.“ Das anschließende Blinzeln verriet, dass die Worte eher dazu gedacht waren, Branda aufzuheitern, als ihren Mann zu schmähen.

Branda lächelte und ihre Zornesröte wandelte sich in einen Ausdruck von Verlegenheit. Kurz wandte sie sich zu ihrem Gemahl um, der gerade die Richtung des Gastgebers ansteuerte. „Ja, manchmal ist es ... schwierig ...“ Sie hob ihre Schultern und rollte mit den Augen. Es war nur ein kurzes Mienenspiel, denn sogleich zeigte sich wieder ein freundliches Lächeln auf den roten Lippen der Trenckerin. „Danke, das Kompliment kann ich dir eigentlich nur zurück geben. Du siehst wunderschön aus – wie immer.“

„Schwierig deucht mir besser als langweilig, Branda“, erwiderte Satijana ohne Zögern. „Bei Zweiterem erstarrt eine Beziehung doch schneller als frau sich versieht und wird deutlich nachhaltiger zersetzt. Ich würde die Reibung dem Gleichmaß jederzeit vorziehen und schätze, letztlich verhält es sich bei dir nicht anders?!“ Sie zwinkerte der Hahnfelserin abermals zu und garnierte den Wink mit einem Feixen.  

An ihrer Seite hatte Widderich Bärfang unterdessen den Arm zum Kriegergruß dargeboten. Sollte er sich an der speckigen Lederweste oder der vielen nackten Haut stören, die sein Gast zur Schau stellte, ließ er sich das nicht anmerken. Stattdessen lächelte er breit und machte eine vage Geste in Richtung der Flasche, die der Sunderhartder umklammert hielt:

„Wie war das noch gleich? Hochlandkriecher? Über den habe ich nur Gutes gehört“, er nickte Bärfried zu, während er nach seinem Unterarm griff. „Wenn am Ende dieses Abends noch irgendjemand nüchtern ist, haben wir definitiv etwas falsch gemacht ...“

„Kriecherl ...“, korrigierte der Uhlengrunder lächelnd, als auch er fest, aber freundschaftlich zugriff. „Dein Bruder mochte ihn sehr. Wenn du willst, bringe ich euch einmal ein paar Kriechen-Setzlinge vorbei. Die sollten bei euch auch wachsen.“

„Kriechen-Setzlinge ...“, wiederholte der Rotenforster bedächtig und schien währenddessen schon zu überlegen, wo in seinem Lehen es ähnliche landschaftliche Bedinungen wie in Hahnfels geben mochte. Er war damit noch nicht fertig, als Satijana an die Herren der Schöpfung heran trat, um Bärfried ebenfalls willkommen zu heißen – mit einem Handschlag und im Namen Travias, wie gehabt.

„Schön, dass ihr da seid“, meinte sie, während sie den Blick erst über seine bloßen Arme und dann über die Flasche gleiten ließ. „Und dass ihr das Sortiment an Schnaps und Brannt noch einmal erweitert. Nach einem schweren Mahl ist so was bekanntlich die beste Medizin.“

Als sei dies sein Stichwort gewesen, tauchte just in diesem Moment auch Walthari von Leufels im Sichtfeld der versammelten Weidener auf.


***


Als er sich für den kommenden Abend ankleidete, wurde Walthari bewusst, dass er der Einzige unter den Feiernden war, der ohne sein Eheweib erscheinen würde. Diese Erkenntnis ließ die Sehnsucht nach Rovena in ihm aufsteigen. Zu oft war er fort von zu Hause und zu oft ließ er sie dort zurück. Aber sie bestand darauf, sich um die Kinder zu kümmern, obwohl das – nach Waltharis Meinung zumindest – genausogut die Kinderfrau machen konnte. Nun ja, bald würde sein Ältester seine Knappenzeit beginnen und die beiden anderen waren langsam aus dem Gröbsten raus. Aktuell sah es so aus, als ob Tsa ihnen drei gesunde Kinder zugestanden hatte und es dabei bleiben würde. Insofern war er zuversichtlich, alsbald wieder seine Liebste bei sich zu haben, wenn er auf Reisen ging.

„Sitzt alles?“ Walthari trat aus dem Zelt, wo bereits sein Knappe Rutger stand. Der junge Mann trug einen blauen Wappenrock mit dem Leufelser Löwen darauf, ein weißes Hemd darunter, schwarze Leinenhosen und einfache halbhohe Stiefel.

Der Baron selbst war in eine blaue langärmlige Tunika mit goldenen – naja, gelben – Stickereien an den Säumen gekleidet, die von einem braunen und schon speckigen Gürtel mit einer Messingschnalle in Form eines Löwenkopfs an der breiten Taille gehalten wurde. Darunter lugten eine Hose aus hellem und leichtem Leder sowie halbhohe Stiefel aus demselben Material hervor. Seinem Stand entsprechend hatte Walthari ein Langschwert an der Seite, um dessen Griff und Schwertscheide ein blau-gelbes Friedensband gewickelt war. Der Siegelring an der rechten Hand war der einzige Schmuck, den er trug.

Rutger besah sich seinen Schwertvater und ging einmal um ihn herum. Er zog am Rücken noch einam etwas an der Tunika und strich ein paar Flusen herunter, dann trat er wieder vor Walthari. „Ihr seht stattlich aus, Herr“. Ein bestätigendes Brummen war die Antwort. „Dann nimm das Fässchen und los geht’s. Mir knurrt der Magen.“ Rutger klemmte sich das kleine Holzfass mit dem Bärentod unter den Arm und folgte dem Baron ins Lager der Rauhenecks.

An dessen Eingang hatte sich ein kleiner Auflauf an Rotenforstern und Hahnfelsern versammelt. Widderich stand bei Bärfried und Branda und schien mit den beiden über die Vorzüge einer merkwürdig benamsten Frucht zu reden, während Satijana den Knappen Widolf bat, Rossgilda für den Abend beim Aufwarten unter die Arme zu greifen. Das gleiche Schicksal ereilte Rutger kurz darauf – wobei es an sich ein Ding der Selbstverständlichkeit war, dass Knappen solche Dienste verrichteten, wo es keine Pagen und sonstigen Bediensteten gab.

Walthari jedenfalls wurde vom Rotenforster Baron in Empfang genommen, der ihn mit Kriegergruß und im Namen der Herdmutter willkommen hieß. „Das alles hier war eine vortreffliche Idee Eurer Gemahlin“, stellte der Trutzer fest. „Das erste Aufeinandertreffen von Rotenforst und Dergelquell scheint unter einem guten Stern zu stehen.“

Widderich quittierte seine Worte mit einem knappen Nicken, derweil Satijana ebenfalls näher trat, um den Gast zu begrüßen. „Wunderbar, dass Ihr auch schon da seid, Hochgeboren“, meinte sie. „Nun fehlen nur noch Aardor und Herr Rauert. Ich bin zuversichtlich, dass wir alsbald tafeln können.“ Sie deutete mit einer vagen Geste auf den langen Tisch, zu dem Adaque und Firian bereits hinüber gegangen waren.

Das Schneehager Baronspaar hatte gerade begonnen, sich wie geheißen „zu Hause zu fühlen“, als nach Bärfried und Branda auch Walthari eintraf. Die beiden hatten sich einen kurzen Blick zugeworfen und kurz spitzbübisch gegrinst. Auch ihnen war die leichte Spannung zwischen den beiden Hahnfelsern nicht entgangen. Bei Waltharis Eintreffen verschwand zumindest von Firians Gesicht das Lächeln. Nichtsdestotrotz standen die Schneehager auf und gingen die paar Schritte auf die Gruppe zu. Adaque grüßte alle drei in ihrer eigenen, freundlichen Art. Walthari und Bärfried bekamen dazu noch den Unteram zum Kriegergruß, Branda einen normalen Handschlag. Firian grüßte Bärfried und Branda recht neutral aber mit jeweils passendem Handschlag. Walthari nickte er hingegen nur zu, verbunden mit einem knappen „Leufels“.

Walthari begrüsste alle Anwesenden mit einem freundlichen Lächeln und dem gebührenden Gruß. Als Firian ihm die Hand verweigerte, ignorierte er die Unverschämtheit mit einem missmutigen Brummen. Er fragte sich zunehmend, warum er sich die grundlosen Sticheleien und Provokationen dieses alten Bocks seit Jahren gefallen ließ, ihm sogar immer wieder friedlich entgegenkam. Vielleicht sollte er damit aufhören. Der Schneehager stand weder über ihm, noch brachte er ihm irgendeinen Nutzen. Dass er eines Tages das Stammlehen der Leufelser wieder bekommen würde ... die Hoffnung hatte er schon lange zu Grabe getragen. Aber heute war ja eine Feierstunde. Und Walthari hatte nicht vor, sich das Verderben zu lassen. Sollte der erfolgloseste unter den Wiedener Streitern ruhig motzig dreinschauen.

Die Rotenforster Baronsgemahlin schien den Hauch der Misstimmung sofort zu spüren, der das Aufeinandertreffen der beiden Trutzer umwehte, und handelte, ohne groß nachzudenken. Sie hakte sich kurzentschlossen bei Walthari unter, der ohne Begleitung gekommen war und daher einen freien Arm zur Verfügung hatte. Daran, dass ihr eigener Gemahl durch diesen Schachzug leer ausging, verschwendete sie keinen Gedanken, sondern plauderte locker drauf los, während sie den großen Trutzer in Richtung der Tafel dirigierte.

In ihrem Kielwasser folgten die anderen Gäste und schließlich auch der Gastgeber und nahmen kurz darauf an der Tafel platz. Nachdem alle saßen, ergriff Adaque das Wort: „Was zum Geier sind den Kriecherl, wie pflanzt man sie an und aus was von denen wird das offenbar begehrte Gesöff hergestellt?“ Wenn Adaque bisher eines mitbekommen hatte, dann dass der Bruder von Widderich Ahnung von Hochprozentigem hatte – und wenn der dem Schnaps seinen Segen gegeben hatte, wollte sie wissen, was das für Zeug war.

Firian fügte unterdessen in Satijanas Richtung gewandt ein „Mein Erster Ritter kommt später nach. Er hat noch was zu erledigen.“

Die Rotenforsterin nickte dem Schneehager zu, um ihm zu bedeuten, dass die Information angekommen war, richtete den Blick dann aber erst mal wieder auf Bärfried, der just zu einer Antwort auf Adaques Frage ansatzte.

Wer den Sunderhardter kannte, der wusste, dass er ein sehr eloquenter Mann sein konnte – wenn er denn wollte. Wenn eine ansehnliche Frau das Wort an ihn richtete, dann wandelte sich sein sonst so renitentes, großspuriges Gehabe gar oft zu einem nicht enden wollenden Quell an Charme. So auch dieses Mal. Der Junker setzte sein charmantestes Lächeln auf, als er sich der Baronsgemahlin zuwandte. „Das Kriecherl ist eine besondere Pflaumenart, die sich vor allem im Hochland findet. Aus der Frucht lässt sich ein ausgezeichneter Schnaps machen. Selbst mit meinen bescheidenen Kenntnissen.“ Kurz schenkte er nun auch Firian einen Seitenblick. „Gerne würde ich auch Euch einen Setzling anbieten, aber wer weiß schon, wann sich die nächste Gelegenheit bietet, einander wiederzusehen.“

Adaque erwiderte das Lächeln, schien aber sonst wenig beeindruckt. Um sie zu beeindrucken, musste der Sunderhardter schon etwas mehr als ein Lächeln aufbringen.

„Soso ... einen Setzling. Ich weiß nicht, ob ich dann noch sowas wie Kriecher trinke, wenn der das erste Mal Früchte trägt“, gab sie zurück. „Aber ich schlage vor, wir kosten den später und vielleicht lohnt sich ja, dass ich ein paar Setzlinge für meine Kinder nach Schneehag hole. Und wer weiß: Wenn er richtig gut ist, wäre ich vielleicht sogar daran interessiert, bis die Setzlinge Früchte tragen was in Flaschenform davon nach Schneehag zu holen. Was meinst du?“, wandte sie sich schließlich an Firian.

„Nen guten Schabau kann man immer gebrauchen. Der Rittersturz ist zwar nicht schlecht, aber Pflaume ist mir lieber als Schlehe ... . Vielleicht tauschen wir ja einfach mit dem Honig-Kräuter aus’m Alten Thal ...“

Bärfried neigte seinen Kopf in Richtung des Baronspaares von Schneehag. „Mit Verlaub, Teuerste ...“, näselte der Sunderhardter dann, was sein Eheweib dazu verleitete, theatralisch mit den Augen zu rollen, „... aber wenn man bedenkt, dass der Baum schon nach wenigen Sommern Früchte trägt, wenn auch nicht viele, dann denke ich doch, dass schon Ihr und Euer Gemahl in den Genuss seiner Gaben kommen mögt.“ Als das gesagt war, wandte sich der Hahnfelser dem Böcklin zu. „Ich bin gespannt auf Euer Urteil. Genauer gesagt auf das von allen Anwesenden.“

Adaque strahlte Bärfried an und sagte freundlich aber auch leicht ironisch. „Na, jetzt ist die Entscheidung definitiv gefallen und ich will unbedingt einige Setzlinge dieser Wunderpflanze haben. Vom Setzling bis zum Früchtetragen in nur wenigen Sommern und dann auch noch vollschmeckende Früchte, aus denen man guten Brand machen kann ... es ist doch ein Brand, oder nicht? Jedenfalls würde ich mich sehr freuen, wenn diese von der Gebenden gesegneten Pflanze ihren Weg nach Schneehag findet. Sagt, Bärfried, kommen zuweilen Norbarden bis zu Euch nach Hause?“

„Norbarden?“, Satijana hatte die ganze Zeit schweigend an der Tafel gesessen und mit einer Miene gelauscht, die verriet, dass sie an manchen Stellen nicht folgen konnte. Hier aber schien sie nun Anschluss zu finden und bedachte die Schneehagerin mit einem verwunderten Blick. „Hat es die hier etwa auch? So weit ich weiß, verlaufen deren Routen doch weiter im Norden?!“ Sie hob die Brauen und wandte sich Widderich zu: „Kommen die bei uns etwa durch?“

„Nein“, der Rotenforster schüttelte den Kopf und ergänzte nach einer kurzen Pause noch ein kopfwiegendes „Seltenst!“

„Müssten sie aber doch, wenn sie aus dem Bornischen kämen?! Das wüssten wir doch?“

„Korrekt.“ Der Rauheneck nickte. „Wenn es einer wissen müsste, dann wir.“ Er lächelte seiner Gemahlin zu und wandte sich dann an Adaque: „Kommen sie denn zu Euch nach Hause? Über das Nebelmoor, oder wie?“

Adaque schien etwas überrascht und hörte erst einmal zu, was die beiden Rotenforster sich erzählten. Danach wandte sie sich wieder direkt an Satijana:

„Ähm ... ja nun. Also ich kenne sie ja erst wirklich, seitdem Schneehag mein zu Hause und meine Heimat ist. In Garetien hieß es immer nur, die wären wie Zahoris mit weniger Haaren auf dem Kopf und mehr an der Kleidung. Aber es soll sie doch sogar im Land der Thorwaler geben? Nachdem ich sie nun jedenfalls kennengelernt habe, kann ich ganz und gar nicht bestätigen, dass sie diesem Zahoripack ähneln. Naja gut, außer das sie halt auch Fahrendes Volk sind. Aber um auf deine Frage zurück zu kommen ... oder noch besser ...“, Adaque wandte sich Firian zu, „... erzähl du mal besser!“

Firian räusperte sich, um anzuzeigen, dass er eigentlich noch was zu trinken haben wollte, bevor er richtig erzählte. Aber davon ausgehend, dass gleich was kam oder er sich, wenn nicht, selbst helfen würde, antwortete er:

„Über’s Nebelmoor direkt meine ich nicht. Ich kann mich erinnern, als ich noch nicht mal Page war, kamen drei verschiedene Sippen immer über den Finsterkamm. Es soll ein größeres Winterlager in Svellmia geben ... oder gegeben haben. Die Sippen kommen jedenfalls nicht mehr, seitdem der Schwarzpelz das Svelltland hat“, gerade so verkniff er sich das Ausspucken.

„Als ich Baron wurde, kam eine Zeitlang eine Sippe, die ihr Winterlager irgendwo am Kvill hat. Die waren aber mindestens sieben Wintern nicht mehr da. Alle paar Jahre kommt mal eine kleine Sippe vorbei. Die sind aber recht abgerissen und nach ihrem letzten Besuch will ich sie eigentlich nicht mehr dulden. Naja, und dann gibt es da noch die Shinjanin ... ein recht große Sippe, die ihr Winterlager auf der Hardorper Ebene hat. Die kommen seit 1039 einmal im Frühling und einmal im Herbst vorbei. Muss man natürlich auch gut aufpassen, dass die einem die Bauern nicht verrückt machen. Aber die Waren, die die dabei haben, und die Neuigkeiten, die sie bringen ... dafür lohnt es sich! Ich denke darüber nach, mit der Sippe zu verhandeln, dass sie jedes Jahr zum Fest der eingebrachten Früchte da sind und einen kleinen Markt veranstalten.“ Firian sah Satijana an und wusste ja von ihrer Herkunft. „Wie denkt Ihr über so eine Idee?“

„Allein mit den Waren der Norbarden?“, Satijana hob überrascht die Brauen. „Sind denn in Schneehag und Umgebung keine Händler ansässig, die Ihr damit vor den Kopf stoßen könntet?“ Derweil sie das sagte, winkte sie Rossgilda heran, die schon eine Weile vier große Humpen balancierend in der Nähe stand. Die letzten Schritte hatte sie noch nicht gewagt – vermutlich, weil sie die hohen Herrschaften nicht in ihrem Redefluss stören wollte. Jetzt trat sie aber doch an die Tafel und warf ein leises „Wer mag Ferdoker?“ in die Runde. „Wir haben außerdem Met und Apfelmost und etwas roten Wein.“

Firan nahm sich eines der Ferdoker, während Adaque einen Met orderte.

„Nein ... die Waren der Norbarden sollen mehr das Angebot vergrößern ... vielleicht etwas bringen, was sonst nicht da ist. In Schneehag selbst hat es nicht viele Händler. Ich denke mal, die, die es besser wissen, hat der Schwarzpelz beim letzten Sturm geholt und der Rest denkt, es lohnt sich nicht. Ich hab, was auswärtige Händler angeht, eigentlich nur den Durchgangsverkehr vom Alten Weg zwischen Altenfurten und Nordhag. Sonst kommen lediglich Händler aus Brachfelde und halt die Norbarden auch zum Handeln und nicht bloß zum durchfahren. Meine Idee ging aber noch weiter. Ich habe inzwischen ein paar Kontakte zu den Finsterkammzwergen und König Garbalon und hoffe auch auf eine Gruppe von dort. Dann wäre mit Norbarden, Zwergen und Händlern aus Brachfelde ja schon einiges geboten. Ich denke, wir werden es einfach mal versuchen. Ich bin es jedenfalls leid, dass anderorten Reibach mit den Erzeugnissen meines Landes gemacht wird! Die Abgaben der Bauern kommen ja etwa in einem Sack Walnüsse und nicht in Münzen. Wenn ich aber dann ein neues Schwert in Reichsend kaufe, will der Handwerker in Gold bezahlt werden. Ich muss also die Säcke Walnüsse nach Reichsend bringen und da dann günstig verkaufen ...“, brummte der Baron.

„Sicher. Wenn Ihr in Schneehag Marktrecht habt, dürfte ja kaum etwas dagegen sprechen, dass Ihr eine solche Veranstaltung ausrichtet“, meinte Satijana, nachdem sie den Böcklin einen Moment schweigend betrachtet hatte. Ihr Blick war schwer einzuordnen, immerhin aber lächelte sie, als sie fortfuhr: „Was die Fahrenden des Nordens betrifft, kann ich nur sagen, dass ich bisher mehrheitlich gute Erfahrungen gemacht habe. Sie neigen nicht dazu, ihre Handelspartner so gnadenlos über den Tisch zu ziehen, wie es der gemeine Festumer Händler gern mal tut. Ich glaube, das hat etwas mit ihrem Verständnis von Ehre zu tun. Goldgier gilt in ihren Kreisen wohl als Makel und nicht als Merkmal, das ein guter Händler von Haus aus mitbringen sollte.“

Die Rotenforsterin hielt kurz inne und wog dann nachdenklich den Kopf: „Natürlich heißt das noch lange nicht, dass sie Eure Bauern nicht verrückt machen werden. Nach meiner Erfahrung sind Weidener Neuem gegenüber nicht so aufgeschlossen, wie es etwa in meiner Heimat der Fall ist. Und bei den Norbarden gibt es Sitten und Gebräuche, die für Außenstehende schwer nachvollziehbar sind. Vielleicht wäre es besser, die einfachen Schneehager würden davon nicht allzu viel mitkriegen.“

„Na, das Erste hört sich doch sehr gut an!“ Firian sah sich sichtbar bestätigt in seinem Plan.

Adaque übernahm dann aber schnell eine Antwort auf den zweiten Teil von Satijanas Worten:
„Die Gefahr besteht natürlich. Aber mit dem Markt zum Erntefest hätte man den Besuch ja in eine Bahn gelenkt. Macht daraus zwar ein Erlebnis, aber nimmt es auch auf in Altbewährtes. Da wir ja zu mindest in Schneehag schon seit vielen Jahren Besuch von Norbarden haben, hat es, denke ich, auch schon viel vom Neu sein verloren. Das Neue wäre dann eher, dass zum Erntefest mehr geboten wird. Das Leben ist für die Bauern hart genug, ich würde mich freuen, wenn man zum Ereignis des Erntefests ein wenig Freude und Abwechslung in ihren harten Lebensalltag bringen könnte. Natürlich werde ich aber dafür sorgen, dass auch möglichst viele der Hirten der guten Götter da sein werden!“

Adaque sah zum anderen Sichelwachter Paar und zu Walthari rüber, die mittlerweile auch fast alle etwas zu trinken vor sich stehen hatten: „Wie ist es bei euch mit Norbarden?“

Walthari war gerade innerlich im Kampf mit der Entscheidung, ob er nun Ferdoker oder Met trinken wollte, als Adaque ihn ansprach. Er räusperte sich kurz, bevor er antwortete: „Norbarden hab ich noch nie bei uns gesehen. Ware in Münzen tauschen muss ich halt in Nordhag. Das ist aber auch nicht so nah, wie Ihr vielleicht denkt. Ab Herbst kann man kaum noch sicher über den Schattbachpass reisen. Ich überlege schon länger, ob man nicht einen direkten Weg nach Nordhag bauen sollte. Aber wer soll das bezahlen?“ Walthari hob die Schultern, fuhr dann jedoch fort, ohne eine Antwort abzuwarten. „Im Moment kann ich mich aber nicht beklagen. Der Greyffenstein muss versorgt werden und der Weg durch Dergelquell ist sicherer als der über den Nôrrnstieg. Das Wenige, was ich überhaupt zu Silber machen kann, kauft mir die Rondrakirche ab. Zumindest bis die sich da drüben selbst versorgen können.“

Sowohl Adaque als auch Firian hörten den Ausführungen von Walthari zu. Adaque entgegnete auf seine Worte zunächst nichts, sondern wartete, ob auch die beiden Hahnfelser noch etwas ergänzen würden.

Firian verfing sich zunächst in seinen Gedanken. Handel in Nordhag treiben kam für ihn nicht in Frage. Die Stadt war eh schon groß genug und zog alles an sich. Die wollte er nicht auch noch stärken. Nein, da würde er es mit den Norbarden versuchen und die Kontakte zu den Finsterkammzwergen vertiefen. Dadurch kam er vielleicht sogar noch in die Lage, unabhängig von den Waffenhandwerkern in Reichsend zu werden. Auch wenn die Preise der Zwerge noch mal um einiges über denen der menschlichen Handwerker lagen.

Die weiteren Worte des Leufelser ärgerten ihn erst für einen kurzen Moment. Natürlich war dieses verdammte Glück wieder mit dem Kerl und ausgerechnet der Pass in seiner Baronie versorgte den Greyfenstein. Dann aber, nach kurzem Nachdenken, kam ein merkwürdiger Gedanke in ihm auf: Er gönnte dem Leufelser diesen Handel. Mit Dergelquell hatte er es schon schwer genug. Auch das Ackerland in Schneehag war bis auf wenige Ausnahmen nicht das Beste, und es war harte Arbeit da einen Überschuss zu schaffen. Aber Schneehag hatte dazu wenigstens größere Weideflächen und Firian war sehr zufrieden mit der Entwicklung und dem Wachstum der Ziegenherden. Die letzten Jahre waren wirklich sehr fruchtbar gewesen.

Außerdem war er ein großer Freund von der Existenz des Greyffensteins in der Hand der Wahrer. Das Ding zog die jungen Krieger der Gharrachai an wie ein Scheißhaufen Fliegen. Der Druck und die Überfälle hatten seitdem er befreit wurde, stark nachgelassen. Noch eine Handvoll guter Jahre, da war er sich sicher, dann konnten sie endlich angreifen und die Schwäche der Gharrachai ausnutzen. Hoffentlich hielten die Wahrer solange durch. Schließlich sagte Firian zu Waltharis Worten:

„Sie sollten sich meiner Meinung nach weiter darauf konzentrieren, die Festung und diese Türme zu halten. Ich weiß nicht, wie es in Dergelquell ist, aber in Schneehag merke ich deutlich, dass sich die Gharrachai an den Dingern abarbeiten und kaum noch Zeit finden, auf unserer Seite des Kamms anzugreifen. Versorgen können wir sie dann ja!“

Walthari kraulte sich durch den Bart, wie so oft, wenn er über seine nächsten Worte nachdachte. „Hmm. Ja, mir ist auch aufgefallen, dass es auf unserer Seite des Finsterkamms etwas ruhiger geworden ist. Die Türme westlich des Kamms scheinen die Schwarzpelze im Moment mehr zu stören. Aber machen wir uns nichts vor: Wenn der Winter kommt, werden die Sippen, die im Gebirge bleiben, sich aus Weidener Herden bedienen und es werden wieder Berghöfe brennen. Da kommen die leichter dran als am Greifenstein. Und dort kämpfen auch Weidener Ritter, nicht nur Geweihte. Aber ich begrüße diesen Vorstoß ebenfalls und hoffe, dass er der erste Schritt zur Befreiung des Svelltlands ist. Der Ork als Nachbar geht mir nämlich gewaltig auf den Sack.“ Als ob es zur Untermalung seiner Worte nützlich wäre, nahm er einen Humpen Ferdoker vom gereichten Tablett und hielt ihn in Firians Richtung hoch.

Firian hob seinen Humpen daraufhin ebenfalls und sagte: „Auf die Wahrer und den Greyffenstein, mögen sie noch Ewigkeiten bestehen!“

Der Dergelqueller musste ein wenig überrascht blinzeln, ob der Begeisterung des Schneehagers für den Rondra-Orden, war doch allgemein bekannt, dass die Böcklin es eher mit Firum hielten und auf die Rondrianer meist eher zurückhaltend reagierten. Vielleicht kamen sie ja doch noch auf den rechten Weg. „Auf die Wahrer und die Helden vom Greyffenstein!“, stieg er daher ein und nahm einen tiefen Zug aus dem Humpen.

Firan trank einen kräftigen Schluck. Zum Glück konnte der Leufelser seine Gedanken nicht lesen. In diesen herrschte nämlich keineswegs Begeisterung für den Glauben an Rondra. Es war viel mehr Dankbarkeit, dass – seiner Meinung nach endlich – die Rondrakirche in Form des mächtigen Wahrerordens den Kampf gegen den Schwarzpelz wieder aufgenommen hatte. Viel zu lange hatten die sich vor allem auf den Osten konzentriert. Nun mochten sie sich seiner Meinung nach am Greyffenstein, Firian sprach den Namen der Feste stets mit älterem Zungenschlag aus als Walthari, verausgaben und bluten. Das war nur gerecht und das dort vergossene Blut half Weiden viel mehr. Auf den Einwand mit dem Winter entgegnete er:

„Ich weiß nicht wie sich Bruder Reichsend und Schwester Nordhag vorbereitet haben. Doch Schneehag wird sie dieses Mal mit der Härte des Weißen Jägers empfangen. Dieses Mal sind wir nicht erschöpft durch etliche Kämpfe und Scharmützel des Sommers. Dieses Mal werde ich Jagd auf sie machen. Im Namen Rajoks habe ich im Sommer Kundschafter losgeschickt, um die Verstecke der Schwarzpelze zu finden. In Gorfangs Namen werde ich über sie fahren! Der nächste Winter wird, so Firun will, mal für die Orks eine Zeit voller Leid und Tod sein!“

„Hört, hört! Große Pläne und grimme Entschlossenheit. Du solltest jetzt besser schweigen, sonst fang ich noch an, dich zu mögen.“ Walthari ließ seinen Worten ein schiefes Grinsen folgen. „Mitten im Finsterkamm Jagd auf den Schwarzpelz machen ist leider kaum möglich. Da sterben mir mehr Schwerter durch Lawinen und Spalten als durch den Kampf. Aber ein kleiner Schwertzug in den Finsterkamm im Frühjahr? Vielleicht eine gute Idee. Die Späher, die Halgan dafür ausbildet, leisten schon gute Arbeit beim Aufspüren der Schwarzpelze. Sind noch etwas wenig, um wirklich was zu bewegen. Aber ich glaube, da kommt was Gutes bei raus.“

Firians Stimmung war für einen kurzen Moment in düstere Gefilde abgerutscht und man spürte den tief sitzende Hass auf die Schwarzpelze, der alles andere übertraf. Da sie ja aber zum Feiern hier waren und keine Orks in der Nähe, hob seinen Humpen wieder und trank einen weiteren kräftigen Schluck: „Umso besser, wenn man dann hier noch mal erleben darf, wie gut es den meisten im Reich geht. Das sie aus einer Sache, die eigentlich dazu da ist, sich für den Kampf zu stählen, ein Spiel gemacht haben. Möge es auch uns irgendwann mal so gut gehen!“

„Da komme ich nicht umhin, dir zuzustimmen. Den einen oder anderen würde ich mal für ein paar Götternamen in den Kamm schicken wollen. Da würde er schon lernen, warum ein Turnier nicht nur ein eitles Spiel sein darf. Umso besser, dass wir hier sind und zeigen können, worauf es ankommt.“

„Der eine oder andere würde wohl nur schon beim Aufstieg verrecken ...“, Firian wollte erst gar nichts mehr sagen. Keinenfalls riskieren, dass der Leufels tatsächlich anfing, ihn zu mögen. Nicht auszudenken, wo das hinführen würde. Schnell fiel ihm ein, wie er dem wieder einen Riegel vorschieben konnte. „Ich brauch die Späher von Halgan nicht! Ich hab meine Valburnfûrn ... die kennen jede Menge geheime und sichere Pfade. Natürlich kann mein Angriff nicht in Platte und auf meinem Grafen sitzend erfolgen. Leichte Lederrüstungen und Waffen der Jagd sind gefragt ... daher würde ich es auch weniger einen Schwertzug nennen. Das, was ich vorhabe, ist vielmehr eine Hetzjagd auf gefährliche Beute!“

Gerne hätte Walthari Firian darauf hingewiesen, dass die Schneehager bezüglich des Orkproblems nur in der zweiten Reihe standen. Dort kamen nur die Schwarzpelze an, die in Reichsend und Nordhag nicht aufgehalten wurden oder nicht dort schon ausreichend Beute gemacht hatten. Und sich durch den „richtigen“ Finsterkamm zu bewegen und nicht durch das flache Vorgebirge in Schneehag, erforderte Kenntnisse, von denen seine Valburdingens – er hasste die in einigen TeilenWeidens verbreitete Vorliebe für möglichst unaussprechliche Bezeichnungen für einfache Dinge – wahrscheinlich nur träumen konnten. Aber man war hier zum Feiern und er konnte sich schon denken, dass der Böcklin seine Meinung an der Stelle wohl kaum teilen würde. Deshalb hob er noch einmal seinen Humpen in Richtung der Schneehager und schloss die Unterhaltung mit einem:

„Auf eine erfolgreiche Jagd“.

Firian hätte noch Stunden über dieses Thema reden können. Immer in der Hoffnung, dass sich mehr Weidener anschließen würden. Ach was, wäre nur zu erreichen gewesen wenn nur jeder zehnte Ritter Weidens für einen oder zwei Götternamen kommen würde. Jetzt wollte er das Thema aber fürs Erste bleiben lassen. Stattdessen sah er den Sunderhardt und seine Frau wieder direkt an. Sie schuldeten ihm – oder vielmehr Adaque – ja noch eine Antwort zum Thema Norbarden.

Bärfrieds Stirnrunzeln war während des Gesprächs zwischen den beiden Trutzern immer tiefer geworden. Irgendwann versuchte er gar nicht mehr, ihrem Gespräch zu folgen, sondern setzte sich innerlich mit dem auseinander, was gesagt worden war, bevor die beiden in Richtung Ork abdrifteten. Er wusste nicht, wer diese Leute waren, die die anderen Morbarden nannten. Wahrscheinlich irgendwelche Geschichtenerzähler und Musiker – sollte ja auch eine Schule für die geben, drüben in Trallop. Dass die durch die Lande zogen, hatte er nämlich schon gehört. Nur unter dem Handel mit diesen Männern und Frauen konnte er sich nichts vorstellen. Er wusste nicht einmal, womit sie überhaupt handelten. Instrumente vielleicht ... oder Pergament. Er hob seine Schultern.

„Morbarden, ja...“, begann der Sunderhardter schließlich loszuplaudern und griff damit noch einmal die Frage auf, die Firian auch an ihn gerichtet hatte, „... ich hatte mal so eine bei mir im Turm. Liebes Mädel. Blonde Locken – ihr Hintern hätte ein bisschen mehr Fleisch vertragen können. Sie hat mir immer auf ihrer Laute vorgespielt und von der weiten Welt erzählt. Wollte gar nicht mehr weg, die Kleine ...“ Ein Seufzer seiner Frau ließ ihn in seiner Plauderei stoppen. „Was?“, richtete Bärfried sein Wort an Branda.

„Norbarden, du Ochse ...“, antwortete sie gereizt, „... und es handelt sich dabei nicht um Barden, sondern um ein Volk ... vergiss es einfach.“

„Götter zum Gruße, Travia ihnen allen voran!“

In der Konzentration auf den Hahnfelser hatte der versammelte Adel gar nicht bemerkt, wie Aardor an den Tisch trat. Der junge Ritter trug Kleidung, die offenkundig niegelnagelnau war. Noch dazu ziemlich fein und an seinen muskulösen Schultern etwas zu eng – so dass es ein bisschen wirkte, als habe man einen tumben Bauern in einen viel zu teuren Zwirn gesteckt. Vielleicht hatte er deshalb so lange gebraucht, um sich anzukleiden und aus dem Zelt zu trauen? Er erschien jedenfalls mit Verspätung. Gleich wie: Sein strahlendes Lächeln sorgte dafür, dass sich die tadelnde gefurchte Stirn Satijanas sofort wieder glättete. Mit einer einladenden Geste bedeutete sie ihm, sich neben Walthari zu setzen.

„Zum Gruße“, murmelte Aardor noch einmal, als er der Aufforderung folgte und dem Dergelqueller zunickte. Dann richtete er den Blick jedoch sofort auf Bärfried: „Was muss ich da hören? Du hast eine Bardin bei dir zu Gast gehabt, die für dich gesungen und von der weiten Welt erzählt hat und dennoch klagst du darüber, dass sie nicht wieder gehen wollte? Das erscheint mir verrückt. Allzumal sie ja offenbar einen ziemlich dürren Arsch hatte, dir also nicht gerade die Haare vom Kopf gefressen haben dürfte?!“

Auch Firian schien bei der Geschichte aufmerksam geworden zu sein. „Ich hoffe, der Rest passte dann aber wenigestens. Oder waren Stimme und Lautenspiel auch eher dünn?“

Adaque lehnte sich derweil zu Satijana rüber und deutete mit einem Blick an wen sie meinte und mit leiser Stimme: „Habt Ihr noch was vor mit dem Jüngling oder ist er einer der wenigen Weidener, die sich gern mal in feinen Zwirn kleiden?“

„Er soll essen und trinken“, erwiderte Satijana ebenso leise. „Darüber hinaus habe ich heute eigentlich nichts mit ihm vor. Er trägt das auch nicht wegen mir. Ich hätte ihm zu etwas Anderem geraten, wäre ich bei seinem Einkauf dabei gewesen ... .“ Sie schmunzelte. „Widderich wiederum behauptet, der Wunsch nach etwas, das mehr in Richtung Kosch und Garetien geht, sei übermächtig gewesen. Er habe ihn nicht davon abbringen können.“

Während die beiden Damen sich austauschten, ging Bärfrieds Blick zwischen Aardor und Firian hin und her. Er hatte die Bardin damals ob ihrer feinen Kleidung und des Pferdes für ein Mädchen von Stand gehalten, das in Begleitung einiger Händler reiste. Nun, die Händler hatten nicht viel Interessantes und Verwertbares bei sich und sein ehemaliges Geschäftsmodell sah es nun einmal vor, schutzlose Adels- und Händlertöchterchen bei ihm auf dem Gut einzuquartieren, bis sie abgeholt werden wurden – und bis Vater oder Mutter ihm den Aufenthalt mit einigen Münzen abgegolten hatten. Dass nicht alle sich bereitwillig wieder auslösen ließen, rechnete der Junker seinem grenzenlosen Charme an. Genauso war es auch bei „Äuglein“ gewesen, nur dass sie eben keine Frau von Stand war. Es erschien dem Sunderhardter jedoch als nicht intelligent, die wahre Geschichte zu erzählen.

„Ähm ja ...“, antwortete er dann erst in die Richtung des Schneehagers. Nicht weil dieser als Baron einen höheren Stand hatte und ihm deshalb eine Antwort als erster zustünde, sondern weil er seine Frage einfacher beantworten konnte. „... sehr talentiert, soweit ich das beurteilen kann. Aber leider die Figur eines Jünglings. Ich habe da doch lieber was zum Anfassen bei mir liegen.“ Der Junker griff sich auf die Brust, und machte dabei eine Geste als würde er weibliche Brüste zurechtrücken wollen. Ein darauffolgender Seitenblick auf seine Frau rief ihn dann jedoch zur Vorsicht. Brandas Gesicht war gerötet, allerdings war hierbei nicht Scham, sondern eher aufkommender Zorn der Urheber. „Sie hatte schöne Augen. Eines blau, das andere grün. Ich nannte sie Äuglein“, ergänzte er.

Walthari konnte sich ein Lachen nicht verkneifen und schob ein knappes „Jetzt weiß ich wieder, warum es von Zeit zu Zeit notwendig ist, dass ein Mann mal ohne sein Weib auszieht“ ein.

„Sie musste dann weiter ziehen ...“, wandte sich Bärfried unterdessen an Aardor, der ihm ja ebenfalls eine Frage gestellt hatte, „... diese Barden sind ständig unterwegs. Wenn man sie einsperrt, werden sie irgendwann wohl doch unglücklich. So wie die Vögel.“ Er zuckte mit den Schultern. Ein besserer Vergleich war ihm auf die Schnelle nicht eingefallen. „Auch wenn man sie manchmal zu ihrem Glück zwingen muss.“

„Wie meinen?“, die Frage kam nicht von Aardor, sondern von Satijana, die es sich an ihrem Ende der Tafel bequem gemacht hatte und spitzbübisch lächelte. „Zu ihrem Glück zwingen? Was für ein Glück ist denn da gemeint, Bärfried? Das, bei einem Mann bleiben zu dürfen, der eine wegen des dürren Hinterns und der kleinen Brüste eigentlich gar nicht will und von dem frau auch nicht begreift, warum er sie an erster Stelle eingeladen hat?“ Sie hob die Brauen und schenkte dem Hahnfelser einen amüsierten Blick. Anders als die Trutzer hatte sie eine vage Ahnung davon, was der Bardin die Ehre eines Besuchs in Uhlengrund eingebracht hatte und schien das recht unterhaltsam zu finden. „Oder war es eher ein Glück für das Vöglein, wieder auf der Straße zu landen, weil es nicht mehr von dir losgekommen wäre, wenn es noch länger das Vergnügen deiner Gesellschaft genossen hätte?“

Firian war der festen Überzeugung, dass es auf die Brüste an sich ankam. Ob sie dann klein oder groß waren, war da vollkommen zweitrangig und beides hatte einen großen Reiz für ihn. Gespannt wartete er auf die Antwort des Hahnfelsers.

„Letzteres“, antwortete Bärfried knapp in Satjanas Richtung. „Ich weiß sehr wohl, wer und was ich bin und ja, in ihrem Fall musste ich sie dazu zwingen, mich wieder zu verlassen.“ Das seltsame Lächeln, das in diesem Moment die Lippen des Sunderhardters zierte, wollte nicht so recht zum Gesprochenen passen.

Satijana nahm die Worte des Junkers mit interessierter Miene auf und er sah, wie sich auch auf ihre Lippen die Ahnung eines Lächelns stahl. Dem seinen ganz ähnlich, wie er fand. Sie hob sogar dazu an, etwas zu erwidern, doch just in dem Moment trat Rutger mit einer riesigen Holzplatte, die über und über mit Fleisch beladen war, an die Tafel. Ein paar winzige Kartoffeln säumten den Berg, zu denen sich aber kurz darauf noch eine große Schüssel gleichen Inhalts gesellte. Widolf schleppte sie heran, und in seinem Kielwasser folgte Rossgilda mit ... Gemüse und Wurzeln? In jedem Fall luden die Knappen ihre Last in der Mitte des Tisches ab und sofort stieg der Festgesellschaft ein geradezu verboten leckerer Duft in die Nasen.

Den Duft in der Nase und dazu der Anblick weckte sicher nicht nur in Firian einen riesigen Kohldampf. Werkzeug war ja ausreichend vorhanden. Firian lud sich also eine große Portion gebratene Kartoffeln auf. Darauf wurde ordentlich was aus der Schüssel mit den Pilzen und Zwiebeln gegeben, beides wohl auch in einer Pfanne gebraten. Den Abschluss bildete ein mächtiges Stück vom Spanferkel und nicht zu vergessen ein: zwei Stücke von der krossen Schwarte.

Adaque griff ebenso beherzt zu und wählte, wenn auch in kleineren Mengen, fast die gleichen Speisen. Lediglich die Schwarte ließ sie weg. „Wohlsein!“

„Ja, so muss es sein.“ Der Dergelqueller schlug beherzt mit der flachen Hand auf den Tisch und begann dann mit zufriedenem Lächeln auf dem Gesicht, sich den Teller vollzuladen. Ein Blick nach links und rechts folgte, anschließend ein „Rutger! Hier sieht es arg trocken aus. Bring Bier!“

Wie es Tradition war, beugte sich Walthari zu Aardor und hielt seine Nase tief über dessen Teller. Mit der rechten Hand wedelte er sich den Duft zu ließ anschließend ein fröhliches „Wohlschmecken!“ hören.

Während Walthari dieses Ritual bei seinem anderen Sitznachbarn wiederholte, tat Aardor es ihm gleich. Kurz darauf brach am ganzen Tisch ein allgemeines Schnüffeln, Fächeln und Rufen aus. Im Wesentlichen aßen hier zwar alle das Gleiche, das hielt aber niemanden davon ab, die gute Tradition zu ihrem Rech kommen zu lassen.

Allein Satijana saß für den Moment etwas verstört an ihrem Ende der Tafel und betrachtete das Geschehen mit großen Augen. Es war sicher nicht das erste Mal, dass sie so etwas zu sehen bekam, aber vermutlich das erste Mal in so einer großen, illustren Runde außerhalb der Burg ihres Gemahls. Sie blinzelte einmal kurz, schniefte dann leise und konnte nicht hindern, dass sich ein breites Grinsen auf ihre Züge stahl.

„Fein“, meinte sie, als es am Tisch langsam wieder etwas leiser wurde. „Dann noch ein bisschen was bornisches zum weidenschen Brauchtum dazu.“ Mit einer huldvollen Geste winkte sie Rossgilda heran. Die Knappin verteilte ein paar kleine Stumpen, in denen sich bereits eine klare Flüssigkeit befand. Erst als jeder der Gäste bedient war, erhob die Rotenforsterin nicht nur die Stimme und ihren Stumpen, sondern auch sich selbst – wobei sie den anderen bedeutete, sitzen zu bleiben.

„Bei mir daheim wird nicht gefächert sondern gebechert. Und das nicht nur nach dem Essen, sondern auch davor, dazwischen und wenn es sein muss ganz ohne. Einzige Voraussetzung: Es muss einen Grund zum Trinken geben. Es wird niemals ohne Anlass und Trinkspruch ein Kurzer gestürzt. Das wäre zu billig.“ Sie ließ den Blick schmunzelnd über ihre Gäste gleiten. „Wobei ich nicht verhehlen will, dass ein guter Grund im Zweifel auch die tote Katze des Nachbarn sein kann ... oder die Tatsache, dass Wasser nass ist. In diesem Fall ...“, sie hielt kurz inne, „... trinke ich auf meine Gäste und auf einen schönen Abend, der uns alles vergessen lässt, was in den vergangenen Tagen nicht so war, wie wir es gewünscht hätten.“

Sie hob ihren Stumpen noch ein bisschen höher. „Ich für meinen Teil bin froh, mich für den Rest meines Lebens an einen Weidener gekettet zu haben und nicht an einen Koscher, Greifenfurter oder Rahja bewahre: Garetier. Ihr habt den höheren Unterhaltungswert, würde ich meinen. Allein schon dieses ... .“ Ein warnender Blick ihres Gemahl brachte Satijana kurz zum Schweigen und ließ ihr Grinsen noch breiter werden. „Na, jedenfalls ... in diesem Sinne, meine Lieben: Auf euch, auf eure Familien und Ahnen, eure Gesundheit, Schönheit und Kampfeskraft, eure Sturheit und den Stolz, die Sitten und Gebräuche, die Trinkfestigkeit, über die ihr hoffentlich verfügt, den Bärentod, das Hochlandkriecherl und ja ... alledas. Wohlschmecken!“

Sowohl Firian als auch Adaque schnüffelten und fächelten bei ihren Sitznachbarn. Bei Firian sah es allerdings etwas mehr nach einer vollkommen natürlichen und logischen Handlung aus.  Adaque hatte noch ein kleines Zögern gezeigt. Das Einschenken und der anschließende, sehr ausführliche Trinkspruch riefen unterschiedlichen Reaktionen hervor. Waren anfangs beide Schneehager noch gleich aufmerksam, setzte Firian mehrfach den Stumpen an, nur um ihn wieder zu senken, als er merkte, dass doch noch etwas folgte. Erst als endlich das erlösende „Wohlschmecken!“ kam stürzte er das Gesöff dann in einem Zug.

„Ahhh ...“,  ließ er anschließend lautstark sein Wohlgefallen hören und knallte den Stumpen auf den Tisch „Der prickt ordentlich! Recht so!“

Adaque dagegen war froh, dass ein etwas längerer Trinkspruch folgte. Zum einen, weil sie das Gesagte unterstützte, was auch zu sehen war – am mehrfachen Kopfnicken. Zum anderen deshalb, weil sie keine sonderlich „begabte“ Zecherin war und froh, dass die Schlagzahl noch nicht so hoch war. Vor allem vor der festen Nahrung. Als es dann aber so weit war, zog auch sie durch. Als der Schnaps durch den Mund und in Richtung Magen wanderte, konnte sie ein Lufteinziehen nicht verhindern. Mit noch leicht belegter Stimme folgte dann ein: „Ja, der ist wirklich sehr ordentlich ...“

„Wohlschmecken! Und wenn mir kein Grund zum Saufen mehr einfällt, dann bin ich ganz sicher tot“, mit einem schnellen Zug kippte Walthari den Brand runter und ließ das Brennen im Mund und die wohlige Wärme im Bauch kurz wirken. „Netter Brauch. So ein Kurzer schafft Raum fürs Essen. Aber wo wir schon mal bei Gebräuchen sind: Zu einer Weidener Tafel gehört vorab ein gutes Knoblauchbrot. Aber in der Kürze der Zeit habt Ihr hier wahrlich fürstlich auftischen lassen. Respekt!“

„Meskinnes“, Satijana lächelte Adaque zu, als sie deren Worte mit einer kurzen Erklärung quittierte. Sie fügte noch ein „Keine Sorge, Hochgeboren: Je länger der Abend desto kürzer die Trinksprüche“ in Firians Richtung an, ehe Waltharis Einlassung dafür sorgte, dass sie sich ihm zuwandte.

Für einen Moment verrutschte das Lächeln der Bornischen, als ihr verkündet wurde, dass sie genau das vergessen hatte, was eine Tafel zur Weidener Tafel qualifizierte. Ihr Blick huschte zu Widderich hinüber und sie hob tadelnd die Brauen, schien aber nicht ernstlich böse zu sein, sondern ihn eher mit gepielter Empörung strafen zu wollen. Dann murmelte sie ein leises, wenngleich deutlich vernehmbares „Göttinverdammich, das hätte mir ja echt mal einer sagen können, bevor die Gäste eintreffen!“ und kippte ihren Schnaps in einem Zug ab.
 
Unterdessen war schon eine Kartoffel auf Waltharis Messerspitze und auf dem Weg zum Mund. Er hielt jedoch noch einmal kurz inne: „Das Lob wäre auch ein guter Grund zum Trinken, he? Und auf einem Bein kann man bekanntlich nicht gut stehen. Also?“ Er stampfte den kleinen Stumpen dreimal auf den Tisch und warf Rossgilda einen auffordernden Blick zu.

Firian stimmt zu. „Recht so! Wenn schon kein Knoblauchbrot, dann machen wir es richtig bornisch. Also mach voll das Ding!“ Adaque hielt ihren Stumpen, merklich weniger begeistert, ebenfalls zum Nachfüllen hin. Vorher schob sie sich schnell noch ein Stück Fleisch in den Mund und aß dieses zügig.

Die Knappin kam sofort herbei gesprungen und füllte nach. Erst Walthari, dann Firian, Adaque und den anderen Gästen an der Festtafel – und schließlich auch Widderich und Satijana. Letztere war mittlerweile schon wieder am Grinsen. Ihr Blick ruhte auf den Trutzern und sie schien großes Vergnügen an deren überaus bestimmtem Auftreten zu haben. „Trinken wir darauf“, rief sie aus. „Selbstverfreilich. Diesmal wäre es dann an Euch, den Segensspruch auszubringen, Herr Walthari. Knapp meinetwegen, aber noch mal in förmlich. Lasst hören!“

Der so Angesprochene ließ sich das nicht zweimal sagen – was ihn ja nur länger vom Essen abgehalten hätte – und stand auf. Mit erhobenem Stumpen und Blick in die Runde sprach er: „Auf die wirklich hohen Künste: das Kochen, Backen und Brauen; auf die, die sie beherrschen, und die, die sie uns heute beschert haben.“ Beim letzten Teil prostete er Satijana und ihrem Gemahl zu.

Auch Bärfried und sein Eheweib haben sich bereitwillig an den Ritualen vor Speis und Trank beteiligt und dann interessiert beobachtet, wie die ersten Stumpen gierig geleert wurden. Bärfried war ein Liebhaber alkoholischer Getränke, doch war es ihm stets auch wichtig, einen klaren Kopf zu behalten. ‚Berufskrankheit‘ nannte er das immer verschmitzt. Wenn man andere Menschen übervorteilen wollte, bot es sich nicht unbedingt an, die Herrschaft über seine Sinne zu verlieren.

Anders hielt es Branda. Sie trank auch sehr gern und vor allem sehr viel – auf jedem Fall mehr als ihr gut tat. Die Trenckerin war nämliche nicht unbedingt das, was man als trinkfest bezeichnete. Eine Tatsache, die schon oft zu recht beschämenden Szenen geführt hatte, in welchen Bärfried die rote Lockenpracht seines Weibs halten musste, als es sich übergab. Auch heute rechnete der Junker damit, seine ihm Angetraute auf Händen ins Zelt tragen zu müssen.

„Hört, hört ...“, nachdem Walthari mit seinem Trinkspruch geendet hatte, hob auch der Hahnfelser zustimmend seinen Stumpen in Richtung der Gastgeber.

„Ihr lernt offenbar sehr schnell, Leufels.“ Satijana nahm mit einem Lachen zur Kenntnis, dass der Trutzer Baron eben doch ein paar mehr Worte investierte, als er unbedingt gemusst hätte, und den guten bornischen Brauch damit in Ehren hielt. „Auf die wirklich hohen Künste also und auf uns!“, sie hob den Stumpen und wandte sich ihrem Gemahl zu.

Widderich saß am anderen der Tafel und hatte das Schauspiel bisher in gewohnt zurückhaltender Manier verfolgt. Jetzt wuchs sich das feine Lächeln auf seinen Lippen erstmals zu einem Grinsen aus und er hob sein Becherchen ebenfalls.

„Ja, klar“, kam es dann knapp. „Auf uns. Und auf das Essen. Aus Respekt vor jenen, die die wirklich hohen Künste beherrschen und freundlicherweise für uns zur Anwendung gebracht haben, sollten wir es auf keinen Fall kalt werden lassen. Deshalb: Wohlschmecken, noch einmal. Und dann lasst uns eine Grundlage für weitere Trinksprüche schaffen, sonst wird das hier heute ein sehr kurzes Vergnügen.“

Nachdem das gesagt war, nickten die Rotenfroster einander zu und vernichteten den jeweils zweiten Kurzen ohne mit der Wimper zu zucken.

Der zweite Schnaps wanderte auch in die Mägen des Schneehager Baronspaars – Firian schien er wirklich zu schmecken: „Gefällt mir. Welcher Honig ist in diesem? Der schmeckt ganz anders als der Bergmeskinnes, den Thûan immer mitschleppt!“

„Das ist ein Original aus Meskinneskoje“, erwiderte Satijana nach kurzem Zögern. „Das liegt am Rande des Schnajenwalds und ich glaube, dass es in der Nähe auch Heideland gibt. Aber ich bin mir nicht ganz sicher.“

Adaque schloss beim Runterschlucken des Schnapses das rechte Auge und pustete danach kurz die Luft aus. Als der Bergmeskinnes des Schwarzensteiners zur Sprache kam, sah sie sich schnell um. Hoffentlich gab es den jetzt nicht auch noch?!

„Bergmeskinnes sagt mir nichts“, gab Satijana just in diesem Moment Entwarnung, ohne es zu wissen. Ihr Blick heftete sich an Widderich, als sie vorwurfsvoll die Brauen hob: „Warum sagt der mir nichts, geliebter Gatte?“

„Weil es schwer ist, da dran zu kommen, wenn der Hersteller einem am liebsten den Schädel einschlagen würde“, meinte der Rauheneck schmunzelnd, aber leidlich ungerührt. „Der Schwarzensteiner brennt den Bergmeskinnes, mein Herz“, fügte er dann noch an. „Das ist der Baron, der uns neulich erst wieder einen dieser netten Briefe geschrieben hat.“

„Oh ... hoppla“, machte Satijana und räusperte sich leise. „Ja gut ... äh ... dann, lasst uns doch endlich Essen fassen! Das wurde ja eben schon angeregt nund scheint mir nun wirklich höchste Zeit.“ Sie versuchte nicht einmal zu verhehlen, dass dieser Schwenk das Thema einfach nur so schnell wie möglich vom Tisch fegen sollte, sondern grinste breit in die Runde und griff nach der Schale mit den Kartoffeln. „Wohlschmecken, noch einmal!“

Da es ganz so aussah, als sollte fürs Erste keine weitere Schnapsrunde folgen, ließ Adaque sich noch etwas Wasser in ihren Met nachschenken, um den Alkoholgehalt in dem Getränk zu verringern. Dann wandte sich die ganze Gesellschaft dem Mahl zu und fürs Erste trat gefräßiges Schweigen ein. Bis die erste Portion in den Mägen der Weidener verschwunden war, galt deren ganze Aufmerksamkeit den aufgtischten Speisen und Getränken.

Anschließend eröffnete Firian die zweite Runde, indem er sich eine ähnlich große Portion wie die erste auf den Teller schaufelte. Adaque nahm zwar ebenfalls nach, beließ es aber bei ein paar wenigen Bratkartoffeln und einer Kelle Pilzen mit Zwiebeln. Die anderen taten es den Schneehagern gleich und nachdem der erste Hunger gestillt war, kamen wieder erste vorsichtige Gespräche auf. Belangsloses Geplauder erst, das nich allzu viel Konzentration erforderte und vor allem dazu diente, sich noch einmal zu beschnuppern. Schließlich kannten einige der Weidener sich erst seit wenigen Tagen und hatten noch keine Gelegenheit gehabt,  ganz in Ruhe und unter sich beisammen zu sitzen.

Nach dem Firian einen ordentlichen Teil der zweiten Portion gegessen und runtergespült hatte, richtete er das Wort erstmals wieder an die ganze Runde. „Was meint Ihr, wie lange macht es der Blauenburger noch als Erster Ritter und wer wird sein Nachfolger als Tjoster? Welche Kandidaten fallen Euch so ein?“

Aardor warf begeistert auf, als das Gespräch so unerwartet auf eines seiner liebsten Themen kam. Der junge Rauheneck war jedoch gut genug erzogen, um nicht sofort losplärren. Stattdessen musterte er die älteren, erfahreneren Ritter interessiert – und stellte nicht ganz ohne Enttäuschung fest, dass die gerade allesamt schwer beschäftigt schienen: Walthari mit Rippchen, Widderich mit Ferdoker und Bärfried mit seinem Weib, während Adaque nicht so aussah, als ob sie auf die Frage überhaupt antworten wollte.

„Unser Nachbar aus der Hollerheide ist ein vortrefflicher Tjoster“, stellte der Moosgrunder da fest. „Ich weiß zumindest von mehreren größeren Turnieren, bei denen Lanzelund von Weiden-Harlburg das Finale oder doch zumindest das Halbfinale erreicht hat. Letzthin war er wohl eher mit seiner Frau und den Kindern beschäftigt, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass er sich noch nicht zur Ruhe gesetzt hat. Als Nachwuchtalent kann er mit seinen 35 Wintern allerdings wohl auch nicht mehr bezeichnet werden ...“

„Es wird niemand aus der Sichelwacht sein“, meinte Widderich lakonisch. Er hatte seinen Humpen eben abgesetzt und überlegte nun kurz. „Unser Erster Ritter streitet lieber zu Fuß, der Schwarzensteiner ist zu alt, die Heermeisterin empfindet Turniere als müßigen Zeitvertreib ... bleibt an sich nur noch dieser ... Rossbergen aus Herzoglich Altentrallop. Also zählt nicht auf uns, wir bleiben in der zweiten Reihe.“

Adaque schien wirklich nichts zu dem Thema sagen zu wollen. Geschweige denn interessiert zuzuhören. Ganz im Gegensatz zu Firian. Lanzelund war auch sein Nachbar und natürlich wusste er von dessen Ansprüchen und Ambitionen.

„Nun, Aardor, der Hollerheider ist auch mein Nachbar und mir sind seine Ambitionen sicherlich bekannt. Würde es jetzt allein um das Tjosten gehen ... tja so denke ich, hätte er keine schlechten Chancen. Auch wenn die Teilnahme an mehreren Turnieren und das Erreichen von Finalen und Halbfinalen allein da nichts zählt. Nehmen wir dieses Jahr, so war so weit mir bekannt ist, Adaque hier diejenige die am erfolgreichsten gewesen ist!“

Die Angesprochene verschluckte sich fast an ihrem Met, von dem sie gerade einen Schluck trank: „Wie bitte?“

Firian machte eine beschwichtigende Geste: „Darauf wollte ich hinaus! Der Wille es zu werden ist ein wichtiger Bestandteil, der schon einige von vornrein ausschließt. Sei es wie bei meiner Gattin, die generell nur Pflicht im Tjosten findet und keine Berufung. Oder sei es so wie bei mir. Ich habe in den letzten Götternamen am Hochzeitsturnier von Leudane von Nordhag im Travia 1040 teilgenommen. Im Praios 1041 am Kaiserturnier in Gareth, am Grafenturnier in der Grafschaft Reichsfort und Ende Praios dann noch am Turnier in Kressenburg. Jetzt im Rondra am Fürstenturnier hier in Angbar. Davor war ich beim Reichstag in Beilunk und noch bevor ich nach Hause zurückkehre, werde ich mich nach Mantrash’Mor begeben. Ich weiß Schneehag bei meinem Bruder und meiner Mutter als gemeinsame Verwalter in guten Händen. Doch habe ich keinesfalls vor, öfter für so lange Zeit abwesend zu sein.“

Als die Firirans Liste immer länger und länger wurde, weiteten sich Aardors Augen ungläubig, während Satijana und Widderich über den Tisch hinweg einen unauffälligen Blick tauschten – die Eine mit fragend gehobenen Brauen, der Andere mit der Andeutung eines Schulterzuckens. Worte wechselten sie allerdings nicht, sondern konzentrierten sich lieber gleich wieder auf die Rede des Schneehagers, die noch nicht beendet war.

„Ich erzählte Euch vorhin, was meine Pläne für die Zukunft sind. Da bleibt einfach keine Zeit, Turniere außerhalb von Weiden öfter als alle paar Jahre zu besuchen. Mal ganz davon abgesehen, dass trotz aller Übung und Teilnahmen ganz offensichtlich die Sturmleuin verfügt hat, dass ich bei Turnieren lange nicht so siegreich bin, wie ich es gern hätte. Außer beim Grafenturnier in Reichsforst, wo ich mich erst dem Sieger geschlagen geben musste, endete doch jedes der genannten Turniere sehr früh. Darüber hinaus – und das ist wohl eine Tatsache, die sowohl mich als auch den Hollerheider ausschließen – braucht ein Erster Ritter meiner Meinung nach auch das Ansehen von so gut wie allen Weidener Rittern. Der Blauenburger wird so weit ich weiß von jedem als großer Ritter anerkannt und selbst die Heirat mit einer Zahori konnte seinem Glanz nichts anhaben. Ich mache mir nichts vor und schließe aus, dass mein Schild oder das irgendeines Böcklins jemals so ein Glanz anhaften wird.“

Firian trank einen Schluck. Die Sichelwachter hatten sich ja schon selbst rausgenommen. Fast jedenfalls. Bärfried hatte sich ja noch nicht geäußert. „Den Rosshagen habe ich schon mehrfach gesehen im Turnier. Wirklich außergewöhnliche Fähigkeiten im Tjost kann er vorweisen. Wie es mit dem Rest aussieht, will ich nicht beurteilen. Dafür kenne ich ihn zu wenig. Wie hat er sich auf dem Feldzug geschlagen?“

Aardor schien froh, als der Schneehager innehielt und ihm einen fragenden Blick zuwarf. Während der langen Rede des Barons hatte der Junker ein paarmal dazu angesetzt, selbst etwas zu sagen, es dann aber nicht getan, weil ihm jeweils klar wurde, dass Firian noch etwas anfügen wollte. Ein oder zwei Mal hatte der Rauheneck sogar zaghaft den Finger gehoben, wohl eine Unart, die ihm auf der Tralloper Knappenschule beigebracht worden war. Um sich zu disziplinieren, griff er schließlich nach seinem Humpen und trank ein paar große Schlucke. Als seine Meinung schließlich wieder gefrragt war, stellte er den Berscher schwungvoll ab und fuhr sich mit dem Ärmel über den Mund:

„Ich dachte, es geht Euch in erster Linie darum, wer den Blauenburger als besten Tjoster Weidens ablösen wird, Herr Firian“, meinte er mit einem leicht verlegenen Lächeln. „Dass er das Amt als Erster Ritter so schnell aufgeben wird, glaube ich nämlich nicht. Ein paar der Gründe dafür habt Ihr grad ja schon ganz gut erklärt.“

„Was Aardor sagt“, pflichtete Widderich seinem Vetter ohne Zögern bei. „Auch mir ging es vor allem ums Tjosten. Damit, ob jemand zum Ersten Ritter Weidens taugt oder nicht, hat das für mich nur bedingt zu tun. Nehmt Gringolf von Högelstein: Dessen Fähigkeiten als Reiter sind so bescheiden, dass niemand ihn je für einen Turniersieg auf dem Zettel hätte. Gleichwohl ist er ein guter Erster Ritter der Sichel, denn zu Fuß macht ihm niemand so schnell etwas vor, und er genießt hohes Ansehen bei seinen Standesgenossen.“

Adaque war einen Moment einfach nur überaus erleichtert gewesen, dass Firian nicht versuchte, sie bei diesem Thema irgendwie ins Spiel zu bringen. Nun beugte sie sich zum Leufelser rüber. „Was ist mit dir, Walthari? Wenn ich das so sagen darf, hörte es sich an, als ob du keine Pläne mit dem Schwarzpelz hast. Ambitionen, dem Blauenburger nachzufolgen?“

„Oh, ich hab viele Pläne. Und ich habe vor, mich vom Ork davon nicht abhalten zu lassen. Ich gebe auch zu, dass ich Turniere sehr schätze. Allerdings gibt es dieser Tage wohl keinen Weidener, der dem Blauenburger das Wasser reichen kann. Dieser Lanzelund nicht und ich schon mal gar nicht. Da werden wir wohl auf die nächste Generation hoffen müssen.“

Rutger war gerade an seinen Schwertvater herangetreten, um den Krug wieder aufzufüllen. Walthari schielte zu seinem Knappen rüber: „Na, Rutger? Bereit in die Fußstapfen des Blauenburgers zu treten?“

Dem Angesprochenen schoss eine leichte Röte in die Wangen als er versuchte, mit einem kurz angebundenen „Wohl kaum“ aus der Aufmerksamkeit der Tischrunde zu entfliehen. Doch Waltharis Hand umschloss seinen Unterarm wie eine Eisenfessel:

„Mal nicht so bescheiden, Junge. Rutger hier ist ein echt zäher Hund. Noch bevor er zu mir kam, hat er mit dem Alt-Baron der Hollerheide den Bogen des Weißen Jägers beschritten. Und meine Frau meint, er könne mit dem Bogen schon fast so gut umgehen wie sie selbst. Egal wie hart ich ihn auch rannehme, der Kerl bleibt aufrecht stehen.“ Es schwang durchaus Stolz auf seinen Knappen in den Worten des Dergelquellers mit. Dann wurde er etwas ernster und der nächste Satz klang eher nach einer Mahnung: „Wenn du in den Lanzengang ebenso viel Ehrgeiz wie in die Jagd stecken würdest, könntest du zu den Besten gehören.“

Nun war der Kopf des Knappen tatsächlich hochrot. Offenbar war er Lob von seinem Schwertvater nicht unbedingt gewohnt. „Ähm, habt Dank, Herr“, murmelte er. „Und ... äh, ich werde mich bemühen, auch mehr Ehrgeiz im Tjost zu zeigen.“ Mit einem kleinen Ruck befreite er sich aus der Umklammerung des Leufelsers und versuchte, wieder im Hintergrund zu verschwinden.

Firians Aufmerksamkeit, anfangs noch bei den Rauhenecks, schwenkte nun zum Leufels rüber. „Wenn er tatsächlich den Bogen des Weißen Jägers beschritten hat, und das gar in jungen Jahren, dann ist er einer der Besten! Längst nicht jeder überlebt dies und erhält die Gunst des Alten vom Berg!“ Firian wandte sich Rutger zu. „Du hast dich dem Herren der schneebedeckten Weiten als würdig erwiesen und er hat dich gesegnet Rutger. Vielleicht solltest du mal darüber nachdenken, ob es nicht eine andere Weihe als die Schwertleite, die ist die das Schicksal für dich vorgesehen hat.“ An Walthari gewandt sprach er weiter: „Hat er nach dem Pilgern mal mit einem Firungeweihten gesprochen?“

Walthari hob die Schultern. „Es hat ihn wohl nie danach verlangt. Und jetzt bring ihn nicht auf dumme Ideen. Ich hab Jahre meiner Zeit aufgewandt, und er wird ein anständiges Schwert gegen den Schwarzpelz abgeben. Und über die Pilgerei hat er oft genug mit Elfwid Schnewlin gesprochen. Die war ja auch Teil seiner Pilgerteuppe. Ebenso wie dein Vater, glaube ich.“

Firian runzelte die Stirn: „Es gibt wohl kaum ein besseres Schwert gegen die Schwarzpelze als jemanden, der die Lehren Firuns befolgt! Diejenigen, die seinen Segen oder gar seine Weihe haben, noch viel mehr! Der Alte vom Berg lehrt uns, wie man mit dem Schwarzpelz umzugehen hat! Ohne Gnade, Rücksicht und Mitleid. Ohne auf ...“

Adaque legte ihrem Mann die Hand auf den Unterarm, was diesen tatsächlich verstummen ließ. Mit einem milden Lächeln bedachte sie erst ihn, um sich dann mit dem gleichen Lächeln an Walthari zu wenden:

„Der Vater meines Gemahls ist, wie du vielleicht nicht weißt, nie von dieser Pilgerreise zurückgekehrt. Aber ich halte fest: Du selbst als auch alle anderen lebenden und schon tjostenden Weidener erreichen deiner Meinung nach nicht die Fähigkeiten des Blauenburgers? Du hast den Rossbergen also schon gesehen und hälst auch ihn nicht für gut genug?“

Als Firian begann sich zu ereifern, bereute Walthari bereits, überhaupt geantwortet zu haben. Es war ja allgemein bekannt, dass die Böcklins dem Herrn Firun etwas mehr Aufgaben zuschrieben, als es die meisten anderen taten. Walthari hatte da eine etwas traditionalistischere Vorstellung – und aus der gerunzelten Stirn des Rotenforsters am Kopfende des Tisches schloss er, dass der mit der Firians Ausführungen ebenfalls nicht viel anfangen konnte. Widderich hüllte sich aber weiter in Schweigen. Walthari tat es ihm gleich, denn er hatte auf eine Diskussion zum Einem keine Lust und zum Anderen auch schon ein paar Humpen zu viel getrunken. Deshalb griff er Adaques Frage gerne und eilig auf:

„Da habt Ihr mich etwas missverstanden, glaube ich. Mit der nächsten Generation meine ich die jungen Knaben und Maiden, die der Schwertleite noch entgegensehen oder sich zumindest noch dran erinnern können.“ Dabei lächelte er ein wenig melancholisch und schob in Richtung Satijana ein „Auf die guten alten Zeiten müssen wir auch noch dringend trinken“ ein.

Dann wandte er sich wieder Adaque zu: „Über diesen Rossbergen weiss ich nicht viel. Hab ihn nur einmal gesehen. Und ein Ifirnsstern macht noch keinen Winter. Wenn er was taugt, wünsch ich ihm viel Glück und werde ihn mir mal vorknöpfen beim nächsten Turnier.“ Der Dergelqueller brummte ein gemütliches Lachen in seinen Bart und nahm einen großen Schluck Ferdoker hinterher.

Bärfried war derweil etwas schmähstad geworden. Die Unterhaltung überforderte ihn – er war nun einmal ein Mann, der gerade das erste Mal in seinem Leben die Lande der Roten Sichel verlassen hatte. Viele der Namen sagten ihm einfach nichts, vor allem dieser Lanzesmund. Einzig den Blauenburger und den Högelsteiner schien der Junker ohne viel Nachdenken zuordnen zu können. Auch der Bogen des Weißen Jägers schien sein Interesse nicht zu heben und insgeheim zweifelte Bärfried daran, dass es klug war, sich hier nicht zu besaufen. So beschränkte sich der Sunderhardter darauf, sich dem vorzüglichen Essen vor ihm zu widmen.

Branda hingegen war bestrebt, Anschluss zu finden. An die Gastgeberin gewandt versuchte sie es mit einer Gesprächseröffnung. „Ach wie nett ...“, Wehmut sprach aus ihren Augen, „... was für ein nettes Beisammensein. Beinahe wie damals am Grafenhof. Immer umgeben von interessanten Menschen.“ Die Wehmut schwand und die Trenckerin lächelte schüchtern. „Macht ihr das öfter? Du und dein Mann? Empfangt ihr öfters Gäste in eurem Heim?“

„Auf dem Klagenfels, meinst du?“ Kurz blickte Satijana der Trenckerin nachdenklich in die Augen, und wandte sich dann einem bereits mundgerecht zerteilten Stück Fleisch auf ihrem Teller zu. Sie spießte es mit viel Elan auf, etwas zu viel Elan vielleicht. „Nein, tun wir nicht“, erwiderte sie hernach, verleibte sie die Gabelladung ein und schüttelte den Kopf während sie kaute. „Wir haben dort bisher kaum Gäste gehabt, geschweige denn Gesellschaften gegeben – außer für die Familie, aber die ist ja zum Glück ziemlich groß.“

Ein schiefes Lächeln schlich sich auf die Lippen der Rotenforsterin, als sie zu ihrem Mann hinüber linste, der allerdings gerade voll und ganz auf das Gespräch über die Tücken der Knappenausbildung konzentriert war, in das sich Firian und Walthari verstrickt hatten. Auf den Lippen des Barons glaubte Branda die gleiche Bitterkeit zu erkennen, die für einen Moment in den hellen Augen seiner Gemahlin aufgeblitzt war – doch jetzt strahlten die schon wieder und ihre Trübsal war spurlos verschwunden.

„Ich nehme an, du kennst die Gerüchte, die über Widderichs Machtergreifung kursieren?“, fragte Satijana so leise, dass es nur für die Trenckerin ohne Weiteres verständlich war, die ja immerhin aus einer Familie kam, zu der es enge Bande gab. „Nun, im Anbetracht dessen gibt es kaum jemanden, der unser Gast sein will. Abgesehen von unserem direkten Nachbarn im Westen, dem netten Herrn von Friggenhaupt“, ihr Blick glitt zu Bärfried hinüber und das Lächeln vertiefte sich, wurde sogar fast schelmisch, „seid ihr eigentlich die ersten Adelspersonen gewesen, die uns nicht entweder böse Briefe geschrieben oder mit wilden Beschimpfungen überzogen haben. Dies hier ist also auch für mich eine schöne Abwechslung.“

Kurz verzog Branda das Gesicht, dann nickte sie. „Ja, die kenne ich ...“, bestätigte die Trenckerin und ließ ein leises Seufzen folgen. Dabei war schwer zu erkennen, was genau der Grund für diese Unmutsbekundung war. Die Tatsache, dass Branda sich wünschte, öfter unter Menschen zu sein? Dass sie mit Satjana fühlte, waren sie doch beide Frauen, die die Gesellschaft von Standesgenossen gewohnt waren und nun wegen ihrer Männer darauf verzichteten? Oder war es vielleicht gar die Nennung des Namens des Friggenhaupters, der ja eigentlich der Hauptgrund war, dass sie und Bärfried durch das ganze Reich reisten? Schwer zu sagen.

„Ist ja bei uns nicht anders ...“, setzte Branda dann nach, „... nur haben wir noch keine große Familie.“ Dann schien es, als schösse ihr ein Gedanke ein. Wie vom Donner gerührt schob sie den Alkohol von sich. „Ich sollte vielleicht nichts mehr trinken.“

Satijana hatte gerade nach ihrem Becher gegriffen, um den letzten Bissen herunterzuspülen, hielt nun aber inne und warf der Trenckerin einen überraschten Blick zu. Ihre Brauen hoben sich und sie schien drauf und dran etwas zu sagen, als Firian ihr völlig unerwartet – und wohl auch unbeabsichtigt – ins Wort fiel.

Der Schneehager hatte ein Weilchen vor sich hin gebrütet, dabei sein Bier geleert, nachfüllen lassen und es schon wieder halb aus. Das war ausreichend Zeit gewesen, um sich wieder einzukriegen. Der Leufelser würde auch noch lernen, dass nur wer Firuns Weg folgte, eine Chance hatte, irgendwann siegreich gegen den Ork zu sein. Natürlich verehrte er die Sturmleuin als eine der Zwölf. Ebenso als die Göttin des Rittertums und wenn er nicht am Finsterkamm, sondern irgendwo im sichereren Baliho oder Garetien gelebt hätte ... . Ja, dann wäre seine Haltung vielleicht eine andere gewesen. Aber den allergrößten Teil seiner Kämpfe focht er nun mal mit dem Schwarzpelz und da brachten, da war er sich inzwischen sicher, Rondras Gebote am Ende die Niederlage.

Adaque drückte kurz seinen Unterarm und lächelte ihn an. Firian gab sich einen Ruck und erhob sich. Seinen Humpen hoch erhoben folgte ein recht lautes „Auf die guten alten Zeiten!“, womit er die Forderung des Leufelsers von kurz zuvor noch einmal aufgriff – und Zuspruch von allen Seiten erhielt. Sogar Walthari und Aardor, die das Gespräch über Knappen fortgeführt hatten und sich wohl nicht einig waren, ob nun Rupert oder Rossgilda in den ritterlichen Tugenden besser bewandert war, sahen kurz auf und hoben ihre Humpen.

„Ich habe mal ein Liedlein gehört, was gut zu dem Thema passt“, meinte Firian, fing an, mit dem Fuß und seinem Humpen den Takt klopfen und dann tatsächlich zu singen. Eher laut und deutlich als schön und melodisch, aber man merkte, dass er nicht das erste Mal sang:


„Als Reto einst unser Kaiser war
ging es Jast Gorsam wunderbar
war im Osten noch alles klar
als Reto einst unser Kaiser war.

Das Reich war stark, für Aufstand kein Ort
und Intrigen waren noch kein Sport
Da machten Tjosten noch richtig Spaß
Und im Boten stand wirklich was
da war Galotta noch oke
und der kleine Bruder machte Karriere in der Armee.

Als Reto einst unser Kaiser war
hieß Weidens Herzog noch Waldemar
war’n Alara und Hal noch ein Paar
als Reto einst unser Kaiser war ...“


Ob es nun daran lag, dass Firian der Einzige war, der dieses Lied aufgeschnappt hatte, oder daran, dass sich niemand getraute, in den doch recht stimmunggsvollen Vortrag hinein zu grätschen: Seine Stimme blieb fürs Erste die einzige, die durch das Lager der Rauhenecks tönte. Immerhin erstarben die Gespräche an der Tafel und die anderen lauschten aufmerksam. Satijana, Aardor, Branda und sogar Bärfried gingen irgendwann dazu über, den Takt mitzuklopfen. Erstere fing darüber hinaus einen fragenden Blick Rossgildas auf und gab ihr mit einem beiläufigen Wink zu verstehen, dass sie einverstanden war – mit was auch immer. Adaque, die wusste, wie sehr ihr Gemahl das Lied mochte, klopfte ebenso im Takt mit und wippte leicht vor und zurück, während Walthari leise mitbrummte


„Seitdem hat sich so manches getan“, sang Firian weiter,
„es gibt Rohaja und den Rondrigan
und in Albernia den Finnian
und Helden sind nicht mehr das, was sie war’n
Damals war Answin noch astrein
und bei Haffax wusste jeder: der kann nur reichstreu sein.

Das ist schon lange her
Prinz Brin, der lebt nicht mehr
Wir war’n so unbeschwert
Jetzt steht halb Wehrheim leer.
Als Reto einst unser Kaiser war
hieß Weidens Herzog noch Waldemar
war’n Dedlana und Arve ein Paar
als Reto einst unser Kaiser war.“
Damit beschloss der Schneehager sein Lied und erhielt zum Dank Handgeklapper, Klopfen auf der Tischplatte sowie des eine oder andere anerkennende „Hört, hört!“


„Das kannte ich gar nicht“, meinte Aador sogleich. „Habt Ihr das hier im Kosch aufgeschnappt, Herr Firian? In Weiden scheint es mir nicht so weit verbreitet?!“

„Ganz Recht! Das Lied kommt aus dem Kosch“, erwiderte der Schneehager gut gelaunt. „Ich glaube verfasst und die Melodie gleich dazu geliefert hat der berühmte Wolfhardt von der Wiesen. Soweit ich weiß, ist das das Koscher Gegenstück zu unserem Walthard von Löwenhaupt. Hierzulande ist das Lied allgemein bekannt und beliebt. Schon mal was von Wolfhardt von der Wiesen gehört?“

„Da ich ein ums andere mal schon im Kosch war, sind mir ein paar der Lieder von hier bekannt, zumindest die Melodien“, meinte Walthari. „Aber ob diese Lieder nun vom von der Wiese sind?“, der Leufelser zuckte mit den Schultern.

‚Wolfhardt von der Wiesen ...‘, dachte Bärfried, während er sich die Schläfe kratzte. Er hatte noch nicht von diesem Mann gehört, geschweige denn eines seiner Lieder vernommen. Und auf der Wiesen standen bei ihnen daheim in der Sichel auch nur Schafe und Ziegen.

Auch Aardor hatte den Blick nach innen gekehrt und schien angestrengt nachzudenken. Es dauerte einen Moment, aber schließlich leuchteten seine Augen auf. „Doch“, rief er leise. „Doch, ich meine, ich kenne den Namen. Ist das nicht der Mann, der uns die Zeilen zu ‚Der Bär von Weiden‘ und ‚Tränen des Weidenlands‘ lieferte? Beide Lieder habe ich auf der Knappenschule in Trallop gelernt und ... und ...“, er zögerte erst und verstummte dann ganz – den Blick fast ein bisschen erschrocken auf die Mienen der Rittersmänner um sich herum gerichtet, die mit einem Male ernst bis betroffen wirkten.

„Oh je ...“ seufzte der junge Bärwaldener, wurde aber just in diesem Moment von seinem Vetter erretet, der den Humpen hob und mit rauher Stimme ein „Auf Wolfhardt von der Wiesen und auf die Zeilen, die er für die Mittnacht gedichtet hat!“ in die Runde warf. Wie ein Mann hoben da auch alle anderen ihre Becher und nahmen den Trinkspruch des Rotenforsters auf.

Während die Ritter einander noch zuprosteten, den Koscher Barden und mit ihm indirekt den Bären von Weiden hochleben ließen, tauchte Rossgilda wieder an der Tafel auf. Freudig lächelnd gab sie eine sparsam, deshalb aber nicht minder kunstvoll verzierte Laute aus hellem Birkenholz an Satijana weiter, die ihr dankbar zunickte und die Hand einmal sacht über die Saiten gleiten ließ. Probeweise nur, um zu schauen, ob der Klang so weit stimmte. Sie blieb sitzen, bis sich der kleine Aufruhr an der Tafel wieder gelegt hatte, stand dann aber umso entschiedener auf und räusperte sich leise:

„Auf Wolfhart von der Wiesen, der seine Kunst so trefflich beherrscht“, meinte sie und ein sanftes Lächeln eroberte ihre Lippen. „Leider nur sind die beiden just erwähnten Lieder, wie so viele über die alten Zeiten, sehr wehmütig. Das ist einerseits gut, jedenfalls für meine Wenigkeit, denn wir Bornischen haben einen Hang zum Drama.“ Sie blinzelte Walthari zu. „Andererseits ist derlei denkbar schlecht geeignet, um die rechte Stimmung für ein fröhliches Gelage aufkommen zu lassen.“ Satijana hielt kurz inne und ließ die Finger abermals über die Saiten gleiten. Sacht und nur einmal, aber das reichte aus, um zumindest den musisch begabten Hahnfelser erkennen zu lassen, was folgen würde – und dass es kein bisschen dramatisch war.

Firian hatte unterdessen mehrfach zustimmend genickt und wollte wohl schon dazu ansetzen, ein neues, eventuell fröhlicheres Lied anzustimmen. Da schenkte Adaque seinen Krug jedoch wieder voll, was ihn für einen Moment davon abhielt, gleich wieder loszulegen.

„Freilich ist der Gast stets König und deshalb sollen es gern noch ein paar Lieder auf die alten Zeiten sein – später dann, zum Ausklang“, fuhr Satijana fort. „Gern auch die beiden des Herrn von der Wiesen, von denen ich weiß, dass sie selbst schwermütige Bornische wie mich in ehrfürchtiges Staunen versetzen.“ Sie schniefte leise. „Fürs Erste würde ich Euch aber lieber etwas Heiteres servieren, das wunderbar zum Anlass passt, wie ich finde. Noch eins: Als guter Weidener sollte man hierzu nicht schweigen.“ Sie grinste und hob mahnend den Zeigefinger. „Mag ja sein, dass Herr Firian Euch das gerade ohne Tadel hat durchgehen lassen, aber so billig kommt ihr mir nicht davon, Herr- und Damenschaften. Wer jetzt nicht singt, muss saufen. Das sei hiermit verfügt!“

Nun hielt sich Firian nicht mehr zurück, sondern hob seinen mittlerweile wieder vollen Krug. „Singen und zechen geht beides wunderbaaar zusammen!“ Tatsächlich schien die Zunge beim Baron von Schneehag schon etwas zu hängen. Es sei denn, er wollte den Rest ein wenig foppen.

„Hört! Hört!“, rief Walthari und schlug dabei den Krug zweimal auf dem Tisch auf, bevor ihn zum Mund führte und vollständig leerte.

Satijana bedeutete den Knappen, ihres Amtes zu walten, sollte jemand die Zähne nicht auseinander bekommen, und griff dann erneut in die Saiten. Zwei, drei Akkorde und jeder an der Tafel wusste, welche Stunde es geschlagen hatte: das Lied „Ritter sein“ stand auf dem Programm. Kaum dass die Erkenntnis angekommen war, hob die Rotenforsterin auch schon mit unerwartet tiefer, dafür aber unerwartet klarer Stimme zu singen an:


„Ritter sein, wenn der Herold lädt
zur großen Herzogen-Turney.
In rauhen Mengen fließt der Met
und lieblich klingen die Schalmei’n.
Ritter sein, wenn die grünen Schleier
von Trallops Mauern grüßend weh’n:
Das ist des Daseins schönste Feier!
Oh, lass sie nie zu Ende geh’n ...“


Firian erkannte das Lied sofort. Mit einem schnellen Schluck aus dem Krug ölte er seine Kehle noch mal und stimmte dann ein. Klar war seine Stimme weniger ... eher etwas ... brummig, kratzig. Aber dafür brachte sie Satijanas Gesang und Lautenspiel Masse. Adaque, noch immer nicht so sicher im Liedgut der Mittnacht, als das sie das Lied sofort hätte zuordnen können, überspielte ihre Wissenslücke, indem sie ebenfalls einen guten Zug ihres Mets trank.

Dann aber erkannte sie die Melodie, die auch auf Burg Firnhag bei fast jedem geselligen Abend von den Bewohnern oder anwesenden Barden zum Besten gegeben wurde. Entweder war sie jedoch nicht textsicher oder sang generell nicht viel. Jedenfalls stimmt die Baronin von Schneehag in der Form mit ein, dass sie aufstand, wenn es passte mitklatschte und sogar ein wenig im Takt die Hüfte schwang. Zum Ende hin deutete Adaque sogar noch an, dass sie scheinbar recht gut pfeifen konnte.

Auch dem Dergelqueller war das Stück bekannt, und er stimmte sofort ein. Dabei überraschte er die Anwesenden mit einer recht guten und – gemessen am Alkoholpegel – sicheren und lauten Gesangsstimme, welche der durch Firian beigesteuerten Masse auch noch ein wenig Klang hinzufügte.

Mit großen Augen verfolgte Branda unterdessen die Darbietung der Gastgeberin. „Was für eine liebliche Stimme ...“, bemerkte sie leise und stieß dabei, wohl Zustimmung erhaschend, ihren Gemahl in die Seite, der daraufhin beinahe das Bier aus seinem Krug verschüttete. Als Antwort kam deshalb lediglich ein Brummen.

„So lobe ich mir das!“, rief Satijana, nachdem der letzte Ton verklungen war – allerdings nicht ohne den Hahnfelsern und ihrem ebenfalls schweigenden Gemahl tadelnde Blick zuzuwerfen. „Darauf trinke ich dann gern auch noch ein Schlückchen!“ Sie griff nach ihrem Becher, hob ihn schwungvoll in die Höhe und nickte der Tischrunde anerkennend zu. „Auf die Weidener, die nicht nur kämpfen, sondern auch singen können!“

Tatsächlich trank sie einen gewaltigen Schluck – so sah es jedenfalls aus und es hätte schon eines klaren Kopfes und sehr großer Aufmerksamkeit bedurft, um zu bemerken, dass der Schein trog. Nachdem die Bornische ihren Humpen abgesetzt hatte, ließ sie den Blick unternehmungslustig durch die Runde gleiten:

„Was ich mich die ganze Zeit schon frage: Ist eigentlich irgendjemandem außer mir aufgefallen, dass es hier keinen einzigen Kampf unter Weidenern gab? Also, ich meine ... das ist sicher löblich, denn ihr seid ja nicht hergekommen, um Euch mit Leuten zu schlagen, mit denen Ihr das eh jederzeit tun könnt. Aber für jemanden wie mich, der erst seit Kurzem in der Mittnacht weilt und noch auf keinem einzigen Turnier war, ist das so gesehen keine erhellende Veranstaltung gewesen. Also berichtet mir: Wie oft habt Ihr schon miteinander gerungen? Gab es irgendwelche spektakulären Kämpfe, von denen ich wissen müsste? Und wer von euch ist eigentlich der beste Streiter? Mag ja sein, dass Ihr es alle nicht mit dem Blauenburger aufnehmen könnt. Aber untereinander ... wie steht es da, eh?!“

Der Schneehager wollte, wie wahrscheinlich von einigen erwartet, schon vorlegen. Doch hatte seine Frau, nachdem das Lied verstummt war, wohl noch etwas Bewegungsdrang. Jedenfalls legte sie ihren Kopf an seinen und schien irgendwas mit ihm zu besprechen oder gar zu planen. Was auch immer es war, es hielt den Baron von Schneehag davon ab, als Erster eine Duftmarke auf die gestellte Frage zu setzen.“

Walthari von Leufels dagegen polterte sofort los: „Ha! Bei allen Göttern! Satijana! Eine solche Frage könnt Ihr Weidener Rittern nicht stellen! Da wiederholt sich doch gleich die Geschichte.“ Er fing an zu kichern wie ein kleiner Junge und blickte schelmisch grinsend in die Runde. Ganz so, als müsste jeder wissen, was er meinte. Als er in Satijanas fragendes Gesicht blickte, schien seine Laune gar noch besser zu werde. Er riss die Augen erstaunt auf: „Ihr kennt die Geschichte nicht! Oh, großartig. Ich erzähle es Euch!“ Wieder schlug er mit der flachen Hand auf den Tisch, dass alles wackelte.

„Vor einigen Jahren, unser Prinz Arlan war noch ein Knappe, ritt dieser mit Rondrian von Blauenburg, Thûan von Schwarzenstein und einigen anderen namhaften Rittersleuten der Mittnacht zu einem Hoftag unserer Kaiserin. Ich weiss nicht mehr, wo genau es hin ging. Ich glaube Albernia, könnte aber auch in Garetien gewesen sein. Na, auf jeden Fall stellte sich dieser Gruppe ein Heckenritter in den Weg. Voll gerüstet mit Pferd und Lanze. Und er stellte dieselbe Frage, die Ihr gerade gestellt habt: ‚Wer ist der Beste von Euch?‘ Denn gegen denjenigen wollte er tjosten, um den Einsatz von Pferd und Rüstung.“ Walthari konnte sich ein Lachen nicht verkneifen und spülte es mit einem guten Schluck aus dem Humpen herunter.

„Daraufhin kam es zu einem Streit unter den Weidenern, denn natürlich wähnte sich jeder von ihnen als der Beste. Das Ganze mündete darin, dass die Ritter den Besten unter sich auskämpften. Mit Lanze und Pferd. Das dauerte bis zum Sonnenuntergang. Und nachdem der Blauenburger den Schwarzensteiner besiegte hatte, stand er als Bester fest.“ Walthari schüttelte den Kopf und konnte kaum weiterreden, so wackelte der ganze Kerl vor Gelächter. „Allein, der Heckenritter war gar nicht mehr da. Er war schon Stunden vor dem Ende seiner Wege gezogen. Natürlich nur, weil ihm die geballte Kampfkraft und Ritterlichkeit der Weidener so imponiert hatte, dass er sich bei einem Lanzengang blamiert hätte. Also: Seid vorsichtig mit solchen Fragen, denn sie können ungeahnte Folgen haben.“ Er zwinkerte der Rotenforsterin schelmisch zu, als er den Humpen erneut ansetzte.

Firian hatte aufmerksam zugehört. Er kannte die Geschichte, denn vor einiger Zeit erst hatte der Blauenburger selbst sie ihm nochmal erzählt.

„Nun bei meinem letzten Besuch in Wolfenbinge durfte ich mich nochmal mit dem Wolfenbinger messen“, gab er denn auch zum Besten. „Aber ansonsten hat er das Tjosten eingestellt. Der Schwarzensteiner kommt dieser Tage zu meinem großen Bedauern ja auch nicht mehr aus seiner Baronie raus. Wahrscheinlich bringt er seinen Kindern all das Wissen bei, was in ihm steckte. Wollen wir es hoffen auf das das alles von Fisch bis Liebchenmilch nie vergessen wird.“ Firian hob seinen Humpen „Auf den Blauenburger und den Schwarzensteiner mögen sie uns, wenn schon nicht in der Turnierbahn oder dem Schlachtfeld, doch noch in allen anderen Dingen zur Seite stehen!“

„Hoch!“, rief Walthari und hob den Humpen ebenfalls.

Der Schneehager leerte das Gefäß und stellte es unsanft auf den Tisch. Danach sah er Satijana an und kam auf ihre Frage zurück: „Was mich angeht, bin ich mir sicher, ich kann es mit jedem hier aufnehmen und würde an den meisten Tagen den Sieg davontragen. Aus jeder Niederlage lernt man, und ich habe in den letzten zehn Götterläufen einige Niederlagen auf dem Turnierfeld hinter mir. Ebenso bin ich die letzten Jahre viel rumgereist und habe, wann immer möglich, auf diesen Reisen andere Ritter gefordert.“ Für einen Moment ließ Firian das so stehen, bevor er dann noch anschloss: „Mit deinem Mann habe ich glaube ich noch nie gefochten. Leufels und ich sind uns schon mal begegnet, würde ich sagen.“

Waltharis Geschichte rang Bärfried ein Schmunzeln ab. Der Junker dachte kurz daran, dass er in Zukunft vielleicht doch öfter die Nähe der anderen Adeligen suchen sollte. Begegnungen wie die eben vom Leufelser wiedergegebene versprachen Spaß. Erst die Rede des Böcklins rief ihn wieder ins Hier und Jetzt zurück. War der nicht eben gegen einen alten Mann aus dem Turnier geflogen? Noch bevor Satjana oder Widderich antworten konnten, erhob der Sunderhardter in ruhigem Ton seine nun schon länger stumm gebliebene Stimme.

„Bei aller Wertschätzung, Herr Böcklin, aber die Person, mit der ich mich hier gern messen würde, ist jene, die die Farben Weidens bis zum Schluss hochgehalten hat.“ Der Junker prostete in Adaques Richtung, wohl wissend, dass die subtile Aufforderung des Barons nicht in seine Richtung ausgesprochen worden war.

„Dann hättest du dich zwar mit einer formidablen Streiterin gemessen, aber nicht mit einer Ritterin Weidens“, kam es daraufhin lakonisch aus Widderichs Richtung.

Nachdem der ebenfalls lange geschwiegen hatte, war ihm die Aufmerksamkeit aller gewiss – insbesondere die seiner Gattin, die ihm mit weit aufgerissenen Augen und einem kaum merklichen Kopfschütteln zu verstehen gab, dass seine kurze Ansprache nicht gerade eine diplomatische Meisterleistung gewesen war. Er begriff schnell, wandte sich Adaque zu und schenkte ihr ein Lächeln, das verstörenderweise geradezu charmant wirkte.

„Verzeiht“, schob er nach und prostete der gebürtigen Garetierin zu. „Das klingt härter als es gemeint war. Mir ist wohl bewusst, dass Ihr mittlerweile in Weiden angekommen seid und Euch bei uns vielleicht sogar wohler fühlt als sonst wo, Hochgeboren. Ich will damit nur sagen, dass Eure Wiege nicht in der Mittnacht stand und dass Ihr auch nicht bei uns zur Ritterin erzogen wurdet. Mithin sollten wir Euch unbehelligt lassen, wenn es gilt, den besten Weidener Ritter zu bestimmen. Wiewohl man das heuer vermutlich ohnhin nicht als Qualitätssigel betrachten kann, denn die Farben des Herzogtums wurden im Tjost ja am Ende von einer Garetierin und einem Donnerbacher hochgehalten.“

Nachdem das gesagt war, schniefte der Rotenforster unzufrieden und ließ den Blick zum Gemahl Adaques weiter wandern. Dabei wandelte sich sein Lächeln von charmant zu blasiert – oder vielmehr: herausfordernd. Und zwar deutlich. „Könnt es mit jedem von uns aufnehmen und an den meisten Tagen den Sieg davontragen, eh, Böcklin?“, brummte er. „Interessant. Sehr interessant. In welcher Disziplin noch gleich?“

Firian war gerade damit beschäftigt, mit seinem Messer noch ein Stückchen Fleisch aus dem Spanferkel zu fieseln. Das gab Adaque Zeit zum Reagieren. Sowohl in Richtung Bärfried als auch in Richtung Widderich sagte sie:

„Nichts für ungut, aber ich denke Bruder Rotenforst hat Recht. Ich bin inzwischen Weidenerin, aber das Verständnis des Ritterseins habe ich am Grafenhof zu Eslamsgrund gelernt. Ich kann Euch sagen: Das ist doch einiges vom Weidener Verständnis entfermt. Zweifellos ist die Weidener Sichtweise die bessere, das will ich gleich hinzufügen.“ Ihre Stimme gewann dann etwas an Schärfe, auch wenn sie weit davon entfernt war, verärgert zu sein. „Ich verspreche den Herren aber, ich werde jetzt hier als auch bei jeder folgenden Gelegenheit genau hinsehen, um das Weidener Rittersein noch besser zu verstehen und zu verinnerlichen.“

Anschließend beugte sie sich zu Satijana rüber und sagte – verbunden mit einer kleinen wedelnden Handbewegung – leise aber keineswegs geflüstert: „Außerdem bin ich froh, mich aus dem, was hier gleich folgt, raushalten zu können. Ich denke, dafür fehlt mir etwas, dessen Länge ganz sicher bemessen werden wird. Gern berichte ich dir aber mal, was so die Schwerpunkte der Ritterausbildung am Grafenhof zu Eslamsgrund sind.“

Bevor Satijana darauf irgendetwas erwidern konnte, prustete Walthari erneut lauthals – und schon deutlich angeheitert – los. Offenbar hatte er Adaques Anmerkungen mitbekommen und amüsierte sich bestens darüber. Nicht ganz ernst gemeint, wandte er sich daher an die beiden Frauen: „Ja, da habt Ihr wohl recht. Zu Zeiten Isegreins hätten wir jetzt die Viecher einfach ausgepackt und geguckt, wer den Längsten hat. Den Göttern sei Dank sind wir heute ziwil... zifier... einen Schritt weiter jedenfalls. Jetzt holt man dafür Lanzen. Die sind alle gleich lang und es kommt drauf an, wie man damit umgehen kann.“ Er grinste anzüglich in die Runde.

Kurz starrte Satijana den Leufelser an wie vom Donner gerührt. Sie schien schlicht nicht fassen zu können, was er gerade von sich gegeben hatte. Die Miene der Rotenforsterin hätte in diesem Moment ganz vortrefflich zu einer restlos schockierten Edeldame gepasst – wäre da nicht schon ein amüsiertes Funkeln in ihren Augen zu erkennen gewesen. Schließlich begannen ihre Mundwinkel zu zucken, statt die Lippen aber tadelnd zu verziehen, grinste sie gleich darauf mindestens ebenso anzüglich wie Walthari.

„Hört, hört! Ich weiß ehrlich nicht, was ich dazu sagen soll, Hochgeboren“, meinte sie schmunzelnd. „Außer vielleicht, dass bei ... Viechern meiner bescheidenen Erfahrung nach auch nicht allein die Länge zählt.“ Sie hielt inne, lachte dann leise in sich hinein und prostete Walthari zu. „Auf die Technik also, die bei jedem Werkzeug von allergrößter Bedeutung ist!“

Just in dem Augenblick meldete sich auch Firian sich wieder zu Wort – und der war gedanklich so sehr mit dem Ferkel und den vorangegangenen Worten seines Rotenforster Standesgenossen beschäftigt, dass er vom Intermezzo zwischen Walthari und seiner Gemahlin nicht viel mitbekommen hatte. Er grinste Widderich an und fixierte ihn mit dem Blick, wobei er sein linkes Auge halb schloss. „Na gut, ich glaub mitm Zweihänder gegen dich wohl nich ... aber sonst in jeder Disziplin, will ich meinen!“ Dann breitete er seine Arme aus. „Wir können es jederzeit austesten! Das Schlimmste, was passieren kann, is doch, dass man noch was dazulernt.“

Walthari hatte sich gerade ein Kartöffelchen in den Mund geworfen – und sogar getroffen –, nach den Worten des Schneehagers hämmerte er mit der Faust auf den Tisch und sprang auf:

„Dann sei es so. Messen wir uns, Männer. Rutger!“ Er brüllte den Namen seines Knappen so laut, als wähnte er diesen am anderen Ende Angbars. Der Gerufene stand aber nur einen Schritt hinter ihm und gab in normalen Tonfall zurück:

„Ja, Herr?“

Walthari zuckte zusammen und drehte sich abrupt um: „Blitz und Donner, Junge! Ich hab dir doch gesagt, du sollst dich nicht immer so von hinten an mich ranschleichen! Irgendwann trifft mich mal der Schlag. Los, hol Pferd, Rüstung, Lanze, Schwert. Und eil dich, bevor ich zu betrunken bin, um die Lanze gerade zu halten.“

Rutgar sah ein wenig fragend und durchaus hilflos wirkend in die Runde. Offenbar, um noch einen Einwurf zu hören, der ihn an der Ausführung des Befehls hindern würde – doch vergeblich: sein Herr war schneller als alle anderen Anwesenden. „Na. Hopp, hopp, Rutger. Wo kein Schnee liegt, darf gelaufen werden“, setzte Walthari ohne Zögern nach und machte eine wedelnde Handbewegung zur Verdeutlichung. Dann wandte er sich wieder zu den anderen, stütze die Hände in die Hüften und grinste breit: „Na, Böcklin? Bereit zu lernen?“

Auch Firian war überrascht davon, wie der Leufelser plötzlich seinen Knappen hergezaubert hatte. Ein breites Grinsen begleitete die folgenden Worte: „Beim Weißen Jäger! Der Junge kann pirschen Leufels ... denk nochmal drüber nach, ich hab Kontakte zu Gevatter Ailgrimm ... hab sogar schon mal mit ihm gesprochen ... ich könnte den Jungen vor die Eisigen Stelen führen!“ Die Frage von Walthari lenkte ihn dann aber wieder von diesem Thema ab. Er stand auf, man könnte denken leicht breitbeinig, und rief: „Leufels!!! Ihr wisst doch: Immer bereit!!!“

Er suchte den Bediensteten, der mit ihnen gekommen war und gab in sehr bestimmten Tonfall Anweisungen: „Los Scherge, lauf Er und sag er meinem Knappen Bescheid, dass er alles vorbereiten soll. Ich komm gleich nach.“ Mit wesentlich freundlicherer Stimme wandte er sich an seine Frau: „Würdest du dich um den Grafen kümmern?“

Fast schien es, als ob er sogleich aufbrechen wollte. Doch dann richtete er den Blick auf die beiden Sichelwachter und den Bärwaldener: „Was mit euch? Wieso sitzt ihr noch?“

Aardor hatte die unerwartete Entwicklung der Geschehnisse mit ebenso weit aufgerissenen Augen verfolgt, wie Satijana. Anders als die löste er sich nun aber aus seiner Starre und schoss einen raschen Blick zu Widderich hinüber, der gerade vollauf damit beschäftigt war, seinen Humpen zu leeren. Anschließend stellte er das Teil krachend auf dem Tisch ab, wischte sich den Bierschaum mit dem Ärmel seiner feinen Tunika vom Mund und holte einmal tief Luft.

„Verdammt, is ja gut!“, brummte er und fasste Walthari ins Auge. „Ich war eigentlich auf Feiern eigestellt, aber wenn Ihr denn unbedingt meint, wir sollten dem Hammel jetzt erstmal die Beine lang ziehen, soll’s mir recht sein.“ Darauf erhob er sich, was schon nicht sonderlich souverän wirkte, und warf einen suchenden Blick über die Schulter. Augenscheinlich ließ sich dieser unfassbar komplexe Bewegungsablauf nicht ganz problemlos mit seinem aktuellen Zustand vereeinbaren, denn er musste nach der Tischkante greifen, um nicht ins Schwanken zu geraten. Dennoch stieß er ein ziemlich bestimmtes „Bärfang!“ aus. „Wo steckt der Kerl denn jetzt schon wieder? Ich hab doch gesagt: Keine Wetten mehr!“

„Am Grill, Herzensallerliebster. Da, wo er sein soll“, flötete Satijana, die sich nun ebenfalls erhob. Sie ließ ihren Blick ungläubig über die strahlenden Recken gleiten, die nach und nach aufstanden, denn natürlich folgte Aardor dem Beispiel seines Familienoberhaupts. Wie von der Maraske gestochen sprang er auf und schien vor Begeisterung kaum mehr an sich halten zu können. Hektische rote Flecken zierten die Wangen des blonden Jünglings, während die Baronsgemahlin von Rotenforst reichlich zerknirscht wirkte – wohl weil sie das sich abzeichnende Drama überhaupt erst in Gang gebracht hatte.

„Ich ... äh ...“, hob sie zögernd an, „... möchte mal vorsichtig die Frage in den Raum werfen, wie sinnvoll so ein Kräftemessen bei schlechten Lichtverhältnissen und deutlicher Beschwippstheit eigentlich ist?! Ich meine ... wollt ihr jetzt wirklich mit Lanzen aufeinander losgehen? Da wäre mir die Variante mit den Viechern offen gesprochen lieber?!“ Zwar lächelte Satijana noch immer, aber es wirkte erstmals ein bisschen gezwungen. „Das ist meine Gesellschaft hier. Wenn ihr am Ende alle tot in eurem Blute liegt, will ich daran nicht schuld sein!“

„Ach was, was soll denn schon passieren?“, entgegnete Widderich und schüttelte den Kopf.

„Was ist denn das für eine Frage? Du kannst kaum noch stehen! Wenn du dem Herrn Firian ein Auge ausstichst oder Herr Walthari dir seine Lanze ...“

„Ah, stehen. Firlefanz! Tjosten tut man im Sitzen“, lautete die ungerührt Erwiderung.

Satijana öffnete den Mund, schloss ihn wieder, öffnete ihn erneut und hob dann die Schultern. Hilfesuchend ließ sie den Blick hernach über die Gesichter von Adaque und Branda gleiten und sah schließlich Bärfried an, der deutlich weniger getrunken hatte als die anderen Männer, daher vermutlich noch bei Trost war – und den sie genau aus dem Grund nun wohl als Vergleichgröße heranzuziehen gedachte.

Auf Bärfrieds Lippen zeigte sich jedoch erst mal nur ein Lächeln, das bei den Geschehnissen um ihn herum immer breiter geworden war. Bereitwillig erhob er sich von der Bank und bedeutete Widolf mit einer knappen Geste, die nötigen Vorbereitungen zu treffen. „Gut gesprochen, die Herren ...“, rief der Junker erfreut aus.

Neben ihm stieß Branda einen tiefen Seufzer aus. Es erschien ihr bedenklich, dass auch der Mann, der hier am Tisch am wenigsten getrunken hatte, mit von der Partie war. Eigentlich sollte gerade er die Stimme der Vernunft sein, die die anderen auf die Gefahren dieses Unterfangens hinwies. Die Trenckerin rollte mit ihren Augen. Es war sinnlos.

„Aber zieh dir wenigstens was Anständiges an!“, rief sie Bärfried dann noch zu, ohne jedoch eine Resonanz auf ihre Worte zu erhalten.

Satijana verfolgte das Gebahren der Hahnfelser mit ungläubig gerunzelter Stirn und hob zum Ende hin resigniert die Hände – auch wenn in ihren Augen noch ein recht deutliches „War das etwa schon alles?“ zu erkennen war, das wohl Branda galt. Dann richtete die Rotenforsterin den Blick auf ihre letzte potenzielle Verbündete an diesem Tisch der Wahnsinnigen: Adaque.

Derweil kam Bärfang hinüber schwarzenzelt, ein großes Trinkhorn in der einen und die Grillzange in der anderen Hand. Es sah die Herrschaften erstaunt an und fragte: „Wie jetzt? Wars das etwa schon? Aufbruch, oder was?“

„Wir schlagen uns“, erwiderte Widderich ohne mit der Wimper zu zucken. „Pack das Zeug da weg. Ich brauch dich im Zelt. Jemand muss mir ... beim Rüsten helfen.“

„Waahaaa... ?“ Bärfang stierte einen Moment, als würde er seinen Bruder für völlig irr halten. Dann besah er sich die anderen Ritter, die ebenfalls standen – alle mit ihren Knappen oder sostigen Gehilfen bei Fuß – und fing an schallend zu lachen. „Potzdonner!“ Der Hüne leerte sein Horn in einem Zug, bevor er es weisungsgemäß wegstellte. „So lobe ich mir das! Ist zwar ne schwachsinnige Idee, aber je schwachsinniger desto besser, eh? Ich guck lieber ein paar Weidenern dabei zu, wie sie besoffen über ihre eigenen Füße stolpern, als den Garetiern dabei, wie sie den Sitz der Frisur in ihren polierten Platten prüfen.“

Walthari stand unterdessen immer noch mit den Händen in den Hüften abgestützt da, schaute in die Runde und hörte zu. Dann hob er an und bemühte sich, den aufkommenden Tumult zu übertönen:

„Moment mal. Ich höre hier dauernd, dass wir alle zu besoffen sind und nicht kämpfen können. Ich sehe alle Herren aufrecht stehen und höre sie deutlich sprechen. Also kann das schon mal nicht sein. Außerdem: Wann kämpft es sich schon besser, als mit Rahjas Rausch im Kopf und Rondras Mut im Herzen?“ Er verschränkte die mächtigen Arme vor der Brust. „Aber: Satijana hat Recht. Es ist ihre Tafel, an der wir unter dem Segen der Herdmutter gemeinsam speisen, singen und trinken. Wenn sie es als Bruch der Gastfreundschaft ansieht, dass wir uns messen und vielleicht auch Blut in Ehren vergießen werden, müssen wir das respektieren.“ Er blickte ernst zu den Rotenforstern rüber. Seine Worte hätten fast schon etwas Feierliches gehabt, wenn ihm nicht just in diesem Moment ein kleiner Rülpser entwichen wäre.

Firian und Adaque waren kurz miteinander beschäftigt gewesen, sodass den beiden Schneehagern die meisten der eben gefallenen Worte entgangen waren. Firian hatte einmal kurz aufbegehrt: bei dem Hammel von Widderich. Ansonsten war Adaque aber nach der Aufforderung, sich um den Grafen zu kümmern, aufgestanden und in den Tanzbereich ihres Gatten eingedrungen, um ihm ein paar Dinge zu erzählen. Sie sprach recht leise, flüsterte aber nicht und legte keine Absicht an den Tag, niemanden hören zu lassen, was sie sagte:

„Mein Schatz, denk daran, dass das hier weder der Hof vor dem Palas von Burg Firnhag ist, noch dass deine Saufkumpane heute der Runkel und seine beiden Söhne sind. Ebenso weißt du selbst, dass der Graf einen langen Tag hatte und es besser wäre, ihm jetzt die Nacht zu lassen. Seitdem Firnfell sich auf dem Weg von Kressenburg hierher was in den Huf getreten hat und das schlecht heilt, musst du den Grafen die meiste Zeit als Reitpferd nutzen ...“

Firian fixierte seine Frau mit zusammengekniffenen Augen, während im Hintergrund schon wieder über Mode, rechtes Anziehen und schließlich sogar über garetische Frisuren gesprochen wurde. Da ergab er sich der Übermacht aus offenbar – anhand der besprochenen Themen kam ihm jedenfalls so vor – gebrochenem Kampfeswillen und den Worten seiner Frau. Er pflanzte sich wieder auf seinen Platz. Gerade in dem Moment, in dem der Leufelser seine Rede mit einem Rülpser krönte.

„Nee, das nich ... der Eidmutter ihren Segen sollte man sich nich verscherzen ... verschieben wir das auf morgen! Aber, wo wir jetzt ja schon mal so aufgeschlossen beisammen sitzen und fast gemeinsam geblutet hätten ... Widderich, alter Eisenschwinger ... jetzt erzähl ma: Wie lief das da mit dem Graufenbein ... und vor allem diesem Tobrier. Ich bin sicher, auch Leufels interessiert es, wie das abgelaufen ist und wer nu Recht hat bezüglich des Ablaufs deiner Übernahme von Rotenforst! Man hört ja so dies un das ...“

Als sich der Lauf der Dinge erneut wendete, brauchte Widderich einen Moment, um aufzuschließen. Danach setzt er sich aber nicht, sondern blieb stehen. Sein Blick wanderte irritiert zwischen Walthari und Firian hin und her. Unterschwelliger Vorwurf war darin zu erkennen, hatte er doch gerade noch versucht, sein störrisches Weib davon zu überzeugen, dass so ein bisschen Gestech mit leichtem Kopf überhaupt kein Problem darstellte. Dass sich die Herrn Barone nun umentschieden, kam ihm im Anbetracht dessen wie Verrat vor. Schließlich schloss er Satijana in seine Betrachtung ein und zog eine Miene wie ein störrisches Kind, dem man just das liebste Spielzeug genommen hatte.

„Im Ernst, eh?“, brummte er. Das schien den Trutzern zu gelten, auch wenn sein Blick an Satijana hängengeblieben war. „Du siehst es als Bruch der Gastfreundschaft an, wenn wir unseren Spaß haben?“, fuhr er dann fort. „Wir wollen ja nicht hier am Tisch streiten, sondern würden ein Stück da rüber gehen.“ Er deutete in eine beliebige Richtung.

Die Gemahlin des Rotenforsters war noch vollauf damit beschäftigt, Walthari dankbar anzulächeln, als Widderich ihre Aufmerksamkeit einforderte. „Ich will euch euren Spaß nicht verderben“, meinte sie da rasch. „Wenn ihr unbedingt meint, dass das jetzt sein muss, haltet es nur so. Ich lege auch ein gutes Wort bei Mütterchen Travia für euch ein, wenn es euch die Sache leichter macht. Aber ich schätze, die Herrin Rondra würde es lieber sehen, ihr holtet dieses Kräftemessen morgen mit klarem Kopf und größerer Ernsthaftigkeit nach?!“

Im Anbetracht dieser doch recht überzeugenden Argumentation schniefte Widderich leise und schien nun wirklich in Betracht zu ziehen, sich wieder zu setzen. Bevor er das tat, warf er Bärfried aber nocht einen fragenden Blick zu – genau wie Satijana es kurz zuvor getan hatte, nur mit entgegengesetzter Zielrichtung.

„Gute Frage, Böcklin“, kam es unterdessen von Bärfang, der dem Schneehager zunickte. „Ich finde es wirklich gut, dass das mal einer fragt. Meiner Meinung nach hätten wir dem Gerede über Mord und Verrat schon längst mal unsere Sicht der Dinge gegenüberstellen sollen. Es gibt Leute, die das nicht für wichtig halten“, bei diesen Worten warf er einen kurzen Seitenblick auf seinen Bruder, „aber ich tus! Also sagt an, Herr Firian: Was wollt Ihr wissen?“

„Jupp, das ist eine Scheiße, deren Geruch mir sehr bekannt vorkommt. Auch uns wird ständig was vorgeworfen. Aber gut, das ist vielleicht ein Thema für einen anderen Abend. Also, was will ich wissen ... . Na alles! Die ganze Geschichte. Angefangen damit, warum der Alte euch an den Kragen wollte, bis da hin, wie es dazu kam, dass der Graf euch den Reif gab. Ohne selbst, nun, Gerede reinbringen zu wollen: Der Herr der Sichelwacht ist nicht gerade für seine Nachsicht und Großzügigkeit bekannt. Oder dafür, jemanden was zu schenken!“ Firian stieg voll in das Gespräch ein und schien wirklich Wissensdurst in der Sache zu haben.

Bärfried folgte der Rede des Leufelsers mit offen stehendem Mund, und auch während der darauffolgenden Antwort des Schneehagers bewegte sich sein Kinn beständig nach unten. Sein Blick suchte den Widderichs.

„Korrigiert mich bitte, sollte ich falsch liegen ...“, die Stimme des Sunderhardters schnitt durch die laue Abendluft, „...aber ist es nicht so, dass wir mehr als eine Gastgeberin haben? Lassen wir das Wort des Herren von Rotenforst, dessen Weib Satijana ist, wirklich links liegen?“ Bärfried nahm einen Schluck aus seinem Humpen. In seinem Augenwinkel sah er Branda die Hände vor ihr Gesicht schlagen. „Satijana ist dagegen, Widderich dafür. Es ist gewagt, vom Bruch der Gastfreundschaft zu sprechen, wenn sich eine Partei dafür ausspricht.“ Er rülpste. „Wäre was anderes, wenn Leufels und Böcklin sich hier und jetzt gegen Euer beider Willen prügeln würden.“

Der Junker hob die Schultern. „Wenn du dich mit jemandem messen willst, Widderich, dann stehe ich dir zur Verfügung. Wir sind Ritter. Der Kampf ist unser Leben, genauso wie das Fressen und Saufen.“ Sein Blick streifte Satijana. „Und um den Einwand deiner Frau zu respektieren, werden wir es nicht hier zwischen den Tischen und Bänken tun.“

Nachdem das heraus war, herrschte für einen Moment Stille an der Tafel. Von den anderen schien keiner so recht zu wissen, was er sagen sollte – und auch Widderich schwieg fürs Erste. Er erwiderte den Blick des Sunderhardters, und der glaubte ein unternehmungslustiges Funkeln in seinen Augen erkennen zu können. Kurz meinte er, der Rauheneck würde sein Angebot tatsächlich annehmen, mit ihm von der Tafel fliehen und so auch gleich einem Gespräch entgehen, das er offenbar nicht führen wollte. Doch dann schienen seine Gedanken in eine andere Richtung umzuschwingen. Vielleicht, weil Bärfrieds letzte Worte ihm etwas in Erinnerung gerufen hatte?

In jedem Falle löste er sich vom Uhlengrunder und sah stattdessen zu Satijana hinüber. Die hatte es kommentarlos und scheinbar völlig ungerührt hingenommen, mal so ganz nebenbei das „Weib des Herrn von Rotenforst“ geheißen und damit quasi zu einem Anhängsel degradiert worden zu sein. Hier am Tisch kannte sie auch niemand gut genug, um ein kaum merkliches Zucken ihres rechten Mundwinkels wahrzunehmen. Niemand, außer Widderich, und der schenkte ihr gleich darauf ein beschwichtigenes Lächeln.

„Gut, dass du mich erinnerst, Bärfried“, meinte er, ohne die Augen von Satijana zu nehmen. „An der Tafel hier gibt es tatsächlich nur eine Gastgeberin. Jedenfalls wenn es danach geht, wer das Ganze auf die Beine gestellt und folglich die Arbeit damit hatte. Ich denke, es sollte heute kein Dafür und Dagegen geben, sondern bloß ein Miteinander, eh?! Und wenn wir uns jetzt im Kampf messen, geht uns der weibliche Teil der Belegschaft flöten. Wir würden die Damen zum Zuschauen verdonnern, weil sie entweder keine Ritterrinnen sind oder keine Lust auf Schwanzvergleiche haben.“

Widderich überlegte kurz, denn ein Teil von ihm, schien sich dieser Logik immer noch nicht beugen zu wollen. Also sah er am Ende doch wieder zu Bärfried hinüber und feixte ihn an, spitzbübisch fast: „Was nicht heißen soll, dass du aus dem Schneider bist, Sunderhardt. Wir holen das mit dem Kräftemessen entweder nach, wenn diese Leichtgewichte – er deutete nacheinander auf Satijana, Adaque, Branda und Aardor, der ein entrüstetes „Heeeee!“ ausstieß –, „gleich unter dem Tisch liegen, oder morgen in der Frühe als Allererstes.“

Firian hatte mit immer größerem Stirnrunzeln der Rede von Bärfried zugehört und auch Adaque runzelte gehörig die Stirn, sah aber mehr Branda an. Als Widderich danach zuerst das Wort ergriff, sahen die Schneehager einander an. Beide hatten einen Gesichtsausdruck, der aussagte: ‚Was faselt der Kerl da?‘

Widderich kam zum Schluss und beide ergriffen das Wort. Adaque meinte in Richtung Widderich: „Ich hätte dich für erfahrener gehalten, als zu glauben, dass die Kraft allein über den Ausgang eines Kräftemessen entscheidet. Da klingt mir doch ein wenig die Hirschfurtener Arroganz durch. Vielleicht mach ich morgen doch noch mit. Hat ja offensichtlich nicht gereicht, dass dieses Leichtgewicht hier wesentlich weiter als ihr schweren Lanzenträger gekommen ist.“ Danach prostete sie ihm mit ihrem Becher Met zu.

Firian dagegen wandte sich an Bärfried. „Du liegst falsch!“ Er hielt seine Hände zu Fäusten geballt hoch und schlug sie dann kurz ineinander. „Das sind Leufels und ich. Oder du und Widderich oder ein beliebiges Paar Fäuste! Das ist was anderes!“ Er schloss seine beiden Hände zu einer Faust zusammen und deutete einen mächtigen Schwinger an. „Das sind Mann und Frau, wenn sie sich zu einem Paar vereint haben. Sie sind noch zwei Fäuste und in der Lage sich zu trennen. Gemeinsam aber viel stärker und gleichberechtige Teile einer starken Gemeinschaft. Viel stärker als eine einzelne Faust. Solltest du dir merken! Macht dich stärker und nicht schwächer!“

Ob der Sichelwachter seinen Rat annahm oder nicht, war Firian recht egal. Seinen Standpunkt wollte er klarmachen und unterstrich diesen dann ebenfalls mit einem kräftigen Zug aus seinem Trinkgefäß.

Bärfried legte seine Stirn in Falten, als er sich die Schläfe kratzte. Er hatte Widderich wohl überschätzt und was der Böcklin von sich gab, wusste er gar nicht zu deuten. Beinahe schon hilfesuchend warf er seinen Kopf in den Nacken und blickte gen Himmel. Dorthin, wo der Herr Phex bereits seine Schätze an das schwarze Tuch der Nacht gehängt hatte. Vielleicht schaffte es der Herr der Nacht ja, ihn zu erleuchten.

„Ähm ja ...“, der Junker seufzte, „... Eure Entscheidung.“ Er zuckte mit seinen Schultern, dann schien ihm jedoch noch ein Gedanke zu kommen. „Eines muss ich jedoch noch klarstellen, da ich allem Anschein nach wieder einmal falsch verstanden wurde: In keiner Silbe habe ich erwähnt, dass ihr beiden ...“, sein in diesem Moment gelangweilt wirkender Blick streifte Satjana und Widderich, „... nicht gleichberechtigt seid. Im Gegenteil. Eben weil ihr das seid, sollte Widderichs Wort genauso schwer wiegen wie das seiner Frau.“ Der Sunderhardter wandte sich Firian zu. „Und nur weil einer der beiden etwas sagt und die beiden verheiratet sind, heißt das nicht, dass es auch für beide gilt.“ Bärfried hob eine Braue, sein Blick ging zwischen Firian und seinem Weib hin und her. „Ich bezweifle zwar, dass das möglich ist, aber schön, wenn man sich stets einig ist. Bei uns ist dem nicht so und wir ertragen eine andere Meinung unseres Partners.“

Branda rollte resignierend mit den Augen. Sie gab ein leises Brummen von sich, das Bärfried sogleich als Zustimmung wertete. „Schließlich sind wir doch alle erwachsen ...“, setzte er dann noch hinzu, „... ich hoffe, dass ich dieses ... Missverständnis ... nun aufklären konnte.“

Widderich und Satijana hatten die kuriosen Fingerübungen von Firian aufmerksam verfolgt – ebenfalls leicht verwirrt, darüber hinaus aber eher amüsiert als konsterniert. Am Ende wechselten die beiden einen kurzen Blick, der erkennen ließ, dass Meinungsverschiedenheiten bei ihnen keine Seltenheit waren und ganz sicher kein Grund zur Beunruhigung.

Doch bevor einer von ihnen etwas sagen konnte, legte Bärfried los – und wie er sagte, was er sagte, sorgte zumindest bei Satijana für einen raschen Stimmungsumschwung. Sie blickte in das gelangweilte Gesicht des Sunderhartders und schien schlagartig noch das letzte Fitzelchen Interesse an seinen Ausführungen zu verlieren. Mit einem entschuldigenden Lächeln in Brandas Richtung erhob sie sich mitten in die Rede von deren Gatten hinein und ging zu Bärfang hinüber, um ein paar leise Worte mit ihm zu wechseln.

Widderich hielt die Stellung jedoch, hörte dem Sunderhardter zu, bis dieser geendet hatte und gab dann ein neutrales „Alles gut“ von sich. „Soll es mit der Gleichberechtigung doch jeder halten, wie es ihm gefällt. Was uns betrifft, gab es diesbezüglich keine Missverständnisse.“ Er schien noch etwas anfügen zu wollen, geriet dann aber ins Stocken – und wurde einen Herzschlag später glücklicherweise von Firian errettet.

„Du wirs au noch verstehn was ich gmeint habe, sonst...“ brummte der. Einen Moment schien der den Lehrer geben und dem Sunderhardt etwas erklären zu wollen. Allerdings legte dann erst Adaque ihre Hand kurz auf seinen Unterarm und bedeutete ihm so, dass er es lieber bleiben lassen sollte. Ihrer Meinung nach war es generell schon recht fraglich und gerade jetzt nahezu unmöglich, dass sein Rat als solcher anerkannt werden würde. Zusätzlich aber fing der Leufelser jetzt wieder an zu sprechen.

Der Baron von Dergelquell stand immer noch mit den Händen in Hüften da und sein Blick huschte verwirrt hin und her, während er den Wortgefechten zu folgen versuchte. Innerlich ermahnte er sich, zum wiederholten Male in seinem Leben, seine Versuche, diplomatisch zu sein, einzustellen. Offenbar stiftete er damit nur Verwirrung ... auch bei sich selbst.

„Ja, ich seh schon: Morgen ist wohl doch der bessere Tag für eine ordentliche Keilerei unter Rittersleuten“, meldete er sich brummend zu Wort. „Da damit der züchtigen Travia genüge getan ist, sollten wir uns nun wieder ihrer schönen Schwester Rahja zuwenden.“ Er hob seinen Humpen in die Runde, sah aber in mehrheitlich eher angesäuerte Gesichter, un trank trotzdem einen guten Zug.

„Ja, nun denn. Ein Ritter muss Opfer bringen, um die Welt zu retten“, stellte er danach fest. Bedächtig stellte er seinen Krug zur Seite, stiegt ruhig über die Bank auf den Tisch und begann zu singen und zu stampfen. Er wählte dafür ein fröhliches und flottes Lied, das eher in den bäuerlichen Kreisen beliebt war, zu später Stunde aber auch an einer adligen Tafel gern gesungen wurde: Mach die Tür zu.


„Der Wind blies kalt um’s Bauernhaus
von Hogg und Gunelda
und der Bauer sprach zu seiner Frau:
‚Steh auf und schließ die Tür.‘

‚Lieber Hogg‘, sprach sie,
‚Du weißt genau
wie ich meine Knochen spür,
denn ich schufte hier den ganzen Tag,
darum schließ doch selbst die Tür.‘

‚Ich scher das Schaf und melk die Kuh‘,
sagte der Bauer da zu ihr,
‚und ich bin der Herr auf diesem Hof,
drum steh auf und schließ die Tür.‘

So saßen sie und dachten sich,
‚Wart’s ab, ich zeig es Dir.‘
Und der Wind blies kalt um’s Bauernhaus
in das Zimmer durch die Tür.

Dann beschlossen sie, wir schweigen jetzt
in diesem Zimmer hier,
aber wer das erste Wort verliert,
der steht auf und schließt die Tür.

Drei Räuber schlichen um das Haus,
dachten sich: ‚Hier bleiben wir.‘
Denn das Licht schien in die Dunkelheit durch den Spalt der offenen Tür.

Sie stürmten in das Bauernhaus,
riefen: ‚Her mit Wein und Bier.‘
Doch der Bauer und die Bäuerin blickten wortlos auf die Tür.

Ein Räuber schrie:
‚Wir machen jetzt aus allem Kleinholz hier.‘
Aber Hogg und seine Gunelda blickten stur nur auf die Tür.

‚Kommt, wir ziehen an seinem langen Bart.
Soll er brüllen, wie ein Stier‘,
rief der zweite Räuber.
Aber Hogg, der schaute still und stumm zur Tür.

‚Also küsse ich seine junge Frau.
So ein Weib, das wünscht ich mir‘,
rief der Räuberhauptmann, aber Gunelda
sah nur schweigend auf die Tür.

Da rief der Bauer,
rot vor Zorn: ‚Genug, jetzt reicht es mir.
Meine Bauernfaust sollt ihr nun spüren
und ich werf Euch raus zur Tür.‘

‚Na endlich‘, sprach die Bauersfrau.
‚Lieber Hogg, ich danke Dir.
Nun hast Du das erste Wort gesagt.
Drum steh auf und schließ die Tür.‘


Natürlich vergaß er nicht, bei den Räubern ein finsteres Gesicht zu machen und mit verstellter Stimme zu singen. Und selbstverständlich schüttelte er am Ende kräftig die Fäuste in die Luft, als der Bauer die Räuber im Lied vertrieb. Ansonsten klatschte und stampfte er kräftig im Takt auf dem Tisch, dass alles bebte und die Humpen hüpften.

Der Tisch wippte mächtig mit und Firian entschied schnell, das dies eine gute Art war, um den Abend weiter zu genießen. Er stand also ebenfalls wieder auf, stampfte und sang laut und intensiv mit – und befand sich damit in bester Gesellschaft, denn auch Aardor und Bärfang stimmten bald ein. Zwar stieg keiner von beiden auf den Tisch, denn das hätte der vermutlich nicht überlebt. Aber sie stampften kräftig im Takt, was im Vergleich zum Klatschen den unschätzbaren Vorteil hatte, dass sie ihre Humpen in der Hand behalten konnten. Adaque musste sich erst noch mit einem halben Becher Met überreden, stieg dann aber ebenfalls ein, während Widderich es vorerst beim bloßen Stehen, Mitwippen und Grinsen beließ.

Derweil schien Satijana das Lied nicht zu kennen. Sie näherte sich dem Tisch zwar neugierig, klatschte auch mit und hatte offenkundig einen Heidenspaß an der schauspielerischen Darbietung des Leufelsers. Allerdings sah sie sich außerstande mitzusingen. Immerhin hatte die – wie soeben festgestellt – alleinige Gastgeberin des Abends kein Mitleid mit den umherfliegenden Essensresten und dem hüpfenden Geschirr, sondern lachte völlig unbekümmert und schaffte es gegen Ende sogar irgendwie, ihren maulfaulen Gatten zum Mitsingen zu verleiten. So leistete sie ihren Beitrag zum Gelingen von Waltharis ebenso mutigen wie selbstlosen Vorstoß.

Kurz noch linste Bärfried lauernd hinüber zum Böcklin, als Walthari das dem Hahnfelser unbekannte Lied anstimmte. Von einem auf den anderen Herzschlag zauberten die vorgetragenen Verse ein Lächeln auf die Lippen des Junkers. Ob es am Inhalt lag, oder vielleicht doch an der mutigen Darbietung, vermochte jedoch niemand zu sagen. Auch Branda neben ihm lächelte breit. Ja, wahrlich, am Leufelser war ein Barde verlorengegangen.

Nach dem Weidener Turnier, später Abend des 21. Rondra, 1041 BF

Wiederholtes Poltern, begleitet von Flüchen zerriss die herrschende Stille im Zelt der Familie Sunderhardt. „Verdammt Widolf … konzentriere dich! Ist ja nicht das erste Mal, dass du mir mit der Rüstung hilfst.“ Bärfried war ungeduldig, das konnte auch der Knappe fühlen. Immer wieder ging sein Blick hin zu den aufgehängten Fellen, die das Zelt teilten und hinter welchen sich das Lager des Junkers und seiner Frau befand. Der junge Trencker Knappe musste, oder besser durfte, im Eingangsbereich nächtigen … hier war es zwar eng und er musste auf einem einfachen Sack schlafen, doch war ihm das auch lieber. Nach alldem was er die letzten Wochen auf engem Raum von seinem Schwertvater und dessen Gemahlin anhören- und auch ansehen musste … bei den Festen im Grawinsgart würde es nicht schlimmer zugehen, da war er sich sicher.

„Ja, Herr Bärfried … ich tue ja schon …“, der junge Mann musste sich in der Tat auf seine Aufgabe konzentrieren. Widolf war müde und der lange, aufregende Tag zollte seinen Tribut. Darüber hinaus zappelte auch sein Herr herum und erschwerte damit seine Aufgabe.

„Wie wäre es denn mit einem Spaziergang an der frischen Luft?“, fragte Bärfried seinen Knappen, als die Rüstungsteile wenig später in ihrer Gesamtheit auf der Holzattrappe lagen und der Junker aus seinen Unterkleidern schlüpfte.

Innerlich seufzte der Trencker. Er wusste natürlich was das zu bedeuten hatte und auch, dass sein Schwertvater ihn bei besagtem nächtlichem Austritt nicht begleiten würde. Dabei wollte Widolf sich einfach bloß auf seine bescheidene Schlafstatt legen und die müden Augen schließen. Dennoch nickte er dem Sunderhardter schicksalsergeben zu, der ihm daraufhin zufrieden auf die Schulter klopfte.


***


Branda saß aufrecht auf der einfachen Pritsche, die dem Junkerpaar als Schlafstatt diente. Sie trug ein langes Leinenhemd und kämmte ihre langen roten Locken, die vom Waschen feucht glänzten. Das Erscheinen ihres Gemahls kommentierte sie mit einem leisen Grunzen.

„Ich habe den Knappen an die frische Luft geschickt …“, warf Bärfried vorfreudig lächelnd ein, als er sich neben seine Frau auf die Pritsche setzte und sanft, aber bestimmt ihren Kopf zu sich drehte, „… was für eine Rahja du bist, Liebes.“

Nach einem zärtlichen Kuss wand sich Branda jedoch aus seinem Griff. „Komm mir nicht so, Bärfried!“ Mit anklagendem Blick erhob die Trenckerin sich und brachte ein paar Schritte Abstand zwischen sie und ihren Mann.

„Was hast du denn?“, fragte der Sunderhardter. „Bist ja sonst nicht so.“

„Ja …“, sie nickte in einer Intensität, die ihre rote Lockenpracht hüpfen ließ, „… aber du hast mich heute blamiert, Bärfried. Es war so ein netter Abend. Satjana war so eine tolle Gastgeberin und du …“, sie brach ab. Ihre Backen hatten inzwischen einen gefährlichen Rotton angenommen.

„Jaaaa?“ Der Ton war lauernd und der Junker hob seine Augenbrauen.

„Du hast dich nicht einmal anständig angezogen. Diese ranzige Lederweste werfe ich demnächst ins Herdfeuer.“

Der Sunderhardter schien nicht zu verstehen was das Problem seiner Frau war und zuckte mit den Schultern. „Mir war halt …“

„… heiß, ja ich weiß“, fuhr sie ihm erregt dazwischen. „Es ist der Unsinn, den du immer rauslässt, wenn dein Kleidungsstil zur Sprache kommt. Du bist ein Mann von Stand, Bärfried. Ein Junker Weidens und kein Bauer, Stallbursche oder Landstreicher.“

Bärfried ließ darauf ein verächtliches Schnauben folgen. „Ich weiß, die Zeit am Grafenhof hat in dir den Gedanken geweckt, dass sich ein Adeliger so zu kleiden hatte wie diese Sesselpfurzer und Hofschranzen in Salthel, die dir nachgestellt haben.“ Er machte eine wegwerfende Handbewegung.

„Lass den Unsinn …“, fuhr ihn Branda daraufhin an, „… der Fetzen kommt weg …“, die Farbe ihrer Backen glich nun tatsächlich jener ihrer Haare, „… und dann das Bankett erst. Hast ja kaum den Mund aufgemacht!“

Es folgte ein Schulterzucken. „Was hätte ich denn viel sagen sollen? Ich bin das erste Mal in meinem Leben aus der Sichelwacht heraus.“ Nun umspielte ein schmales Lächeln die Lippen des Sunderhardters und es wirkte, als würde er die Worte seiner Frau nicht wirklich ernst nehmen. Branda hasste das. „Als die Norbaden Thema waren … was hätte ich sagen sollen?“ Er verstellte theatralisch seine Stimme zu einem blasierten Näseln. „Oh ja, euer Hochgeboren, habe schon einmal eine Gruppe dieser Rumtreiber überfallen. Waren brav und haben keinen Widerstand geleistet … ja und für die Weiber haben sie dann sogar noch ein schönes Lösegeld bezahlt …“ Der Ritter stoppte seine Ausführungen und blickte herausfordernd zu seiner Frau. Als keine Reaktion kam, fuhr er fort. „In Ordnung, fürs nächste Mal merke ich es mir.“

Die Kiefer der Trenckerin malten und ihre Fingernägel gruben sich in ihre Handflächen. Erst wollte die sonst so unerschütterliche Frau losbrüllen, dann jedoch begannen ihre Schultern zu beben und sie musste herzhaft lachen. Genau diese Reaktion vermochte bei ihr wohl nur Bärfried hervorzurufen … er schaffte es, ihr mit seiner Art jeden Wind aus den Segeln zu nehmen. Genau deshalb wusste sie, dass ihr Bund ein guter sein würde und wie es schien hatten die Götter und Geister sie bereits mit Nachwuchs gesegnet.

Der Junker war inzwischen aufgestanden und nahm seine deutlich kleinere Frau in seine Arme.

„Weißt du, ich will ja nur, dass die anderen auch sehen was für ein Mann du sein kannst … was für ein interessanter und begehrenswerter Kerl hinter dem optisch tumben Hinterwäldler steckt“, neckte sie ihn.

„Tumber Hinterwäldler … na hör mal …“, begehrte Bärfried gespielt auf, „… ich bin ein gestandener Ritter und großer Krieger.“ Er spannte prahlerisch, aber nicht ganz ernst gemeint seine Muskeln an.

„Jaja … ich schmelze dahin …“, nun hatte auch die Trenckerin den Schalck in ihren Augen, „… tolles Turnier von euch fünf übrigens. Gratuliere zu deinem Turniersieg im Fußkampf. Ich bin mir sicher, dass viele der Koscher das gerne auf dem Turnierplatz gesehen hätten. War ja mitunter unterhaltsamer als das Fürstenturnier. Vor allem wenn ich an deinen Fußkampf gegen Widderich denke.“

Bärfried entgegnete ihr ein stolzes Nicken. „Das war hart. Sicherlich der beste Kämpfer, dem ich je gegenübergestanden bin. Da hat es geholfen, dass wir bei der Anreise des Öfteren an den Waffen geübt haben. So konnte ich ihn ganz gut einschätzen. Wäre ich ihm heute das erste Mal begegnet … ich hätte wohl keine Chance gehabt.“

„Dafür bist du im Tjost gegen beide Rauhenecks vom Pferd geflogen …“, sie kicherte.

Und erntete dafür einen säuerlichen Gesichtsausdruck ihres Gemahls. „Habe aber dafür den Böcklin, der sonst im Lanzengang ungeschlagen blieb und unsere kleine Turnei in dieser Disziplin gewann, und den Leufelser, der immerhin der dekorierteste Turnierkämpfer in unserer Gruppe war, bezwungen. Dass ich gerade gegen die beiden verliere, die am Ehesten meine Kragenweite waren, ist wohl Pech gewesen.“

„Du Ärmster …“, Branda schürzte gespielt ihre Lippen.

„Aber es war ein Spaß. Habe mich schon lange nicht mehr so sehr amüsiert. Ein ehrliches Kräftemessen unter Weidenern.“ Als seine Frau ihn kräftiger umarmte, zuckte er kurz vor Schmerz zusammen. Ganz ohne die ein oder andere Blessur ließ sich kein Turnier bestreiten.

„Oh …“, die Trenckerin lächelte und ihre tiefblauen Augen funkelten, „… tat das dem … großen Krieger … sehr weh?“

Ihr Mann schüttelte wortlos sein Haupt, wusste aber was nun folgen würde. Mit einem Stoß beförderte Branda ihn in die Waagerechte der Pritsche. „Dann halte dich fest … denn jetzt wird es das.“ Mit diesen Worten ließ sie ihr zu großes Hemd von ihrem Körper gleiten und kam über ihn …