Auf in den Kosch - Turnier - Abschlussbankett

Beitragsseiten

Das Abschlussbankett
Brodilsgrund vor Angbar, 20. Rondra 1041 BF

Für die meisten Weidener, die Satijana kannte, waren große Bankette mit viel Firlefanz und etikettären Fallstricken nichts. Nun verhielt es sich so, dass sie vor allem mit den Angehörigen einer Familie vertraut war, die man besser nicht als beispielhaft bezeichnete. Gleichwohl, wenn sie hier auf dem Fest zum Abschluss der Koscher Fürstenturney in die Gesichter der Hahnfelser, Schneehager, Dergelqueller und des einen Moosgrunders blickte, konnte sie auch bei denen nicht allzu viel Vergnügen erkennen. Keine ungetrübte Freude, jedenfalls.

Das lag einerseits sicher daran, dass sich die Weidener auf dem tückischen Adelsparkett mehrheitlich unwohl fühlten. Andererseits lag es aber vermutlich auch daran, dass sie sich aus Rücksicht auf die Gastgeber nach Kräften bemühten, nicht das eine Thema zur Sprache zu bringen, das ihnen besonders heiß auf den Zungen brannte: den Modus, in dem das Finale des Tjosts ausgerichtet worden war. Dazu hatten sie längst nicht alles gesagt, was hätte gesagt werden können – aus der Sicht von Streitern, für die Rondras Wille oberstes Gebot war, allzumal. Aber wäre dies in der Öffentlichkeit besprochen worden, hätten viele Fremde es sicher nicht als theologischen oder gar philosophischen Disput, sondern vielmehr als das Krakeelen schlechter Verlierer verstanden. Also schien Schweigen der bessere Weg.

Natürlich blieben die Damen und Herren aus der Mittnacht dennoch nicht fern, wenn zum Essen und Trinken gerufen wurde, denn auch die Gebote der Eidmutter standen bei ihnen hoch im Kurs und Gastfreundschaft auszuschlagen, kam nicht in Frage. Aber zum Tanzen oder Parlieren hatte sich heute noch keiner von ihnen erhoben. Die aus Garetien stammende Adaque hatte es einmal versucht, indem sie ihren Ehemann Firian zum Tanz aufforderte. Gerade als der aufstehen wollte, hatte er in der Nähe der Tanzfläche aber wohl einen der Turniersieger erspäht und es sich anders überlegt. So blieben die Weidener an ihrem Eckchen einer der langen Tafeln sitzen und klammerten sich an ihren Humpen fest. Vorerst jedenfalls. Vielleicht mussten sie sich ja erst noch warmlaufen oder locker trinken, bevor sie sich in der Lage fühlten, das Tanzbein zu schwingen?! Ohne Frage aber war es um sie herum heute ruhiger als gewohnt.

Satijana nahm grinsend zur Kenntnis, dass Walthari von Leufels noch immer an einem Knochen nagte, der sich einfach nicht vom Fleisch trennen wollte. Neben ihm saß der Runkelritter und erdolchte den Turniermarschall gerade zum wohl wiederholten Mal – mit Blicken. Der Sunderhardter hätte wohl lieber oben ohne am Tisch gesessen, denn er nestelte in einem fort am Kragen seines Wappenrocks herum, und seine Gemahlin quittierte es mit einem belustigten Kopfschütteln. Immerhin: Der Böcklin unterhielt sich mit seiner Frau. Aber so leise, dass nichts zu verstehen war. Und Aardors Blick huschte von einer jungen Koscherin zur nächsten, ohne dass er dabei große Leidenschaft erkennen ließ. Nicht mal ein Lächeln erhellte sein Gesicht. Sie würde ihm die Tage mal das eine oder andere erklären müssen ...

Widderich schließlich saß an Satijanas Seite und starrte schweigend ins Nichts. Eine Übung, die er geradezu meisterlich beherrschte und von der sie wusste, dass er sie mühelos den ganzen Abend durchhalten konnte, wenn ihn nicht irgendwas aus der Bahn warf. Eine wirklich schöne Festgesellschaft war das hier. Sie hoffte, dass es morgen besser werden würde, sonst musste sie sich am Ende noch eine krachende Niederlage in ein Büchlein schreiben, in dem bisher nur glorreiche Siege verzeichnet waren. Eine wesentliche Voraussetzung für das Gelingen ihres Plans war natürlich, dass sie überhaupt mal jemanden einlud, sonst würde sie mit der Verwandtschaft allein auf einem Spanferkel, Töften, irgendwelchem Grünzeug, Süßspeisen und einem Berg von Alkohol sitzen bleiben. Was ... vielleicht auch nicht so schlecht gewesen wäre, aber irgendwie ja doch am Sinn der Sache vorbeiging.

Walthari knabberte derweil in Gedanken versunken an seinem Hühnerbein. Eigentlich war das Turnier ganz gut gelaufen. Und die Bewirtung war – wie zu erwarten im Kosch – hervorragend gewesen. Dennoch nagte ein Gefühl der Unzufriedenheit an ihm, wie er am Hühnerknochen. Die Tjostregeln waren ihm nicht verständlich. Adaque hätten den Hirschfurter im Fußkampf bezwungen und sich damit als die Bessere erwiesen. Noch dazu hatte sie am Ende ebenso viele Gegner besiegt wie dieser. Für den Dergelqueller war das eindeutig ein Sieg für die Schneehagerin. Andere Länder – andere Sitten. So sagte er es sich die ganze Zeit. Dennoch trübte es seine Stimmung. Auch war ihm nicht entgangen, dass die meisten anderen Weidener offenbar noch angefressener waren als er, was zusätzlich die Stimmung drückte.

„Also schön“, verkündete Satijana da mitten in die Gedanken des Leufelsers hinein, griff nach ihrem Pokal und hob ihn, als ob sie einen Trinkspruch ausbringen und anstoßen wollte. Dann hielt sie kurz inne, überlegte, neigte den Kopf zur Seite und ließ den Blick noch einmal prüfend über die Gesichter ihrer Tischnachbarn gleiten. Ihre Aufmerksamkeit hatte sie nun, so viel war klar. „Ich stelle fest: Es ist in den vergangenen Tagen vieles gut, aber nicht alles perfekt gelaufen. Ich stelle ferner fest: Das gilt auch für dieses Bankett. Vermutlich liegt es nicht zuletzt an den Unterschieden zwischen der Weidener Sicht auf die Welt und der ... des restlichen Mittelreichs. Die sind ja auf dieser Turney relativ offen zutage getreten?!“

Sie hob die Brauen und ihre Schultern, weil sie sich nicht ganz sicher war, ob stimmte, was sie da sagte. Es war ihr in den vergangenen Tagen jedenfalls so vorgekommen. Und ohnehin blieb ihr nach dieser Eröffnung ja nur ein Weg, um fortzufahren: immer wacker voran!

Firian und Adaque unterbrachen ihr Gespräch, welches sich eh im Kreis drehte, und sahen überrascht die kleine Stute an. So nannte sie Satijana – nach der Initiative von Rowina Böcklin, die diesen Kosenamen als Erste benutzt und erklärt hatte, dass die Rotenforsterin sie in Verhalten und Aussehen an Sulva und Tharvun und die Aspekte, für die diese standen, erinnerte –, wenn sie unter sich waren. Die Bezeichnung war allerdings keineswegs despektierlich gemeint. Obwohl sie keine Ritterin war, erhielt die Satijana von den Böcklins stets den gleichen Respekt wie eine solche. Auch wenn sie nie den wahren Grund dafür nannten. Das war auch jetzt wieder so: Bei der bisherigen Rede hatte Firian an der einen oder anderen Stelle ein Brummen von sich gegeben, aber er hörte weiterhin aufmerksam zu.

„Ich will Euch hiermit meine Anerkennung dafür aussprechen, dass ihr die blutigen Nasen im Buhurt, die Sticheleien einiger hochmütiger Kleingeister und dieses leidige Tjost-Debakel mit einem durchaus beachtlichen Maß an Würde genommen habt“, sie hob den Pokal noch etwas höher und nickte Adaque zu. „Ich möchte anregen, dass wir diesen Tag auch noch in Würde rumkriegen und für morgen ...“, Satijana warf einen Blick auf Widderich, der sie mit fragend gerunzelter Stirn ansah, „... lade ich Euch zu einem weidenschen Abend in unser Lager ein. Wir haben zu essen und zu trinken, sind eine garantiert geckenfreie Zone und erteilen die Erlaubnis, frei von der Leber weg zu reden.“ Sie schmunzelte: „Im Ernst: Ich denke, es wäre schön, wenn wir, die wir mehrheitlich aus großer Ferne angereist sind, dieses Ereignis gemeinsam ausklingen lassen würden. Unter Brüdern und Schwestern sozusagen. Ganz unbeschwert. Ihr wärt uns allesamt hochwillkommen. Was sagt ihr?!“

Firian sah kurz zu Adaque und beide nickten fast unsichtbar. „Schneehag ist dabei“, verkündete der Baron dann. „Es wird der Weiterreise gen Mantrash’Mor definitiv einen besseren Start bescheren“, fügte seine Gemahlin dann noch an.

Bärfried hatte dem Spruch Satijanas interessiert gelauscht, auch wenn es ihm bei ihrem Anblick immer noch nicht leicht fiel, sich auf Worte zu konzentrieren. Das galt wohl auch für sein Weib Branda neben ihm, die immer wieder begierig ihren Mund öffnete – kurz und subtil wie stets, aber er kannte sie. Es war ein Gebaren, das Bärfried lächeln ließ. Als Firian geendet hatte, bequemte sich auch der Junker dazu, sein Wort an die Runde zu richten.

„Niemand hier sollte sich schlecht fühlen müssen. Wenn es auf hart kommt, würde ich einen jeden hier einem Hi...Hirsch...“, Bärfried blickte kurz auf sein Eheweib, die den Wink offenbar verstanden hatte.

„Hirschfurten“, warf die Trenckerin beiläufig ein und konnte dabei ein begleitendes Augenrollen nicht unterdrücken.

„Ja ... eh ... wusste ich ... einem Hirschfurten vorziehen.“ Es schien fast so, als schloss damit auch die anwesenden Knappen ein. „War mein erstes Mal außerhalb von Weiden und wenn ich mir diesen jämmerlichen Auflauf an Gecken hier im Kosch ansehe, dann bleibt es wohl auch das einzige Mal. Es wird mir eine Ehre sein, mit euch allen zu feiern und zu trinken.“

Walthari bedachte den Sichelwachter mit einem strengen Blick: „Wahrt den Anstand, Mann. Wir sind hier in traviagefälliger Gastfreundschaft aufgenommen worden, und es sind viele vortreffliche und der Sturmherrin wohlgefällige Männer und Frauen da.“ Dabei deutete er mit dem abgenagten Hühnerbein auf Bärfried, so dass der nur noch lose im Gelenk hängende Unterteil hin und her wippte.

Überrascht zog der so Gescholtene eine Augenbraue hoch. Er wirkte in diesem Moment, als hätte nicht Walthari, sondern der Kerzenleuchter vor ihm das Wort an ihn gerichtet. Jedoch nur kurz, denn einen Herzschlag später zeigte sich ein schmales Lächeln auf seinen Lippen, das eine herausfordernde, abschätzige Note nicht verhehlen konnte.

Auch Firians rechter Mundwinkel zuckte für einen halben Herzschlag, ganz so als ob sich auch bei ihm ein Grinsen seinen Weg bahnen wollte. Sein anderes, jüngeres Ich hätte in der Situation vielleicht so etwas gesagt wie: „Typisch Schnewlin, immer mit allen gut Freund sein wollen!“

Doch Firian war mittlerweile reifer und ernster geworden und hielt es mehr mit Firun als mit der stürmischen Alveransleuin. Von daher war der kurz zuckende Mundwinkel die einzige Reaktion auf Waltharis Worte und jeder musste selbst darüber entscheiden, auf was sich dieses angedeutete Grinsen wohl bezogen haben mochte.

„Ab davon“, das Hühnerbein des Leufelsers schwenkte unterdessen in Satijanas Richtung und das Unterteil baumelte einer Morgensternkugel gleich wild herum, „ist das eine großartige Idee! Eine kleine Runde, gutes Koscher Essen und Bier. Ich steuere noch ein Fässchen Bärentod bei. Der war zwar eher als Wegzehrung für Mantrash’Mor gedacht, aber wo wäre dieses vorzügliches Tröpfchen Heimat besser angebracht als in einer Weidener Runde? So lasst uns Essen, Trinken und alte Helden besingen!“ Beim letzten Satz ließ der die Faust auf den Tisch knallen. Das Hühnerbein kapitulierte und flog in hohem Bogen von der Tafel.

Rauert Stelin von Runkel, Erster Ritter Schneehags, kehrte gerade mit zwei Humpen Bier an den Tisch zurück, als das Hühnerbein flog. Mit einem gekonnten Ausweichschritt, welcher jahrelange Erfahrung verriet, trat er aus der Flugbahn des Geschosses, verschüttete dabei jedoch keinen Tropfen Bier. Lediglich etwas von der formschönen Schaumkrone war auf seinem Handrücken gelandet. Den saugte er schnell weg und machte die letzten Schritte zur Weidener Versammlung. Irgendwas war im Gange und er wollte es nicht verpassen.

„Dass sie gastfreundlich sind, habe ich ihnen auch nicht abgesprochen, Leufels“, bemerkte Bärfried, nachdem Walthari geendet hatte. „Es sind eben götterfürchtige Gecken. Gecken sind und bleiben sie aber trotzdem“, setzte er dann trocken und begleitet von einem Schulterzucken in die Richtung des Leufelsers hinzu.

Walthari maß den Sichler mit leicht zusammengekniffenen Augen ab, während er den Rest Hühnchen mit einem Schluck Bier runter spülte. Dann ließ er seinen Blick über die Tafel schweifen. Naja, ein paar Gecken waren ja schon dabei ... aber trotzdem: „Ihr seid ja zum ersten Mal aus der Mittnacht herausgekommen. Deshalb erlaubt mir den Ratschlag, nicht alles über einen Kamm zu scheren. Euch würde es wohl auch nicht gefallen, wenn ich Euch als Raubbuben betiteln würde, nur weil ihr aus Hahnfels kommt.“

Der Sunderhardter konnte sich beim letzten Satz des Leufelsers ein vielsagendes Lächeln nicht verkneifen. Dennoch sagte er darauf nichts mehr. Walthari kannte ihn allem Anschein nach nicht, und das war für den weiteren Verlauf des Abends vielleicht gar nicht so schlecht.

Nach der letzten Bemerkung des Trutzer Barons schlich sich auch auf Widderichs Lippen ein schmales Lächeln – ein Stück weit wirkte es beipflichtend, ein Stück weit aber auch amüsiert. Der Blick des Rotenforsters ging zwischen Walthari und Bärfried hin und her, ehe er Anstalten machte, sich zu Wort zu melden. Satijana kam ihm allerdings mit einem völlig unbeeindruckt geschmetterten „Ha!“ zuvor. „Trefflich!“, fügte sie an und nickte dem Leufelser zu. „Bärentod wäre hervorragend, Hochgeboren. Der ist hier nämlich kaum zu kriegen und ein Gelage ohne Bärentod darf sich ja wohl schwerlich weidensch schimpfen, eh?!“

Sie schenkte dem Baron von Dergelquell ein strahlendes Lächeln – und dem Junker von Uhlengrund anschließend ebenfalls. „Dann ist es abgemacht, ja? Wir treffen uns morgen Abend zur ... siebten Stunde bei uns?! Herr Walthari bringt den Schnaps, alle anderen gute Laune und wir sorgen für den Rest.“ Nun hob sie den Pokal tatsächlich ganz und gab ein heiteres: „Auf morgen Abend ... und auf heute Abend irgendwie auch. Auf das Turnier, die Herrin Rondra, auf unsere Gastgeber, uns und natürlich auf die Mittnacht!“

Firian und Adaque sahen einander kurz an und hoben dann ebenfalls ihre Gefäße – zunächst direkt in Satijanas Richtung „Auf die Gastgeber“, anschließend in die Runde „Auf die Mittnacht!“

Der Dergelqueller hob den Humpen in die Luft und erweiterte den Trinkspruch um ein: „Und Rahjas Segen obendrein.“

Satijana wartete, bis auch die Hahnfelser und Widderich ihr zugeprostet hatten, bevor sie ein paar große Schlucke Wein trank, den Pokal ein energisch zurück auf den Tisch stellte und ihre Hand auffordernd in Aardors Richtung streckte.

„Äh ... was?“, stammelte der junge Ritter sichtlich verwirrt.

„Die große Schwarzhaarige da, in dem weinroten Kleid: Gefällt dir die?“

Aardor blinzelte, sah dann in die gewiesene Richtung und konnte sich ein dümmliches Feixen nicht verkneifen, als er zwischen den Tanzenden eine schlanke Grazie erspähte: „Ja, schon!“

„Dann komm mit und hampel hier nicht rum!“, Satijana machte eine unmissverständliche Geste und verzog das Gesicht in gespieltem Tadel. „Sperr Augen und Ohren auf und lerne, Bursche, mir will scheinen, du hast es dringend nötig.“

Zwei Herzschläge später machten sich die beiden in Richtung Tanzfläche auf, während Walthari an Widderich gewandt meinte: „Da habt Ihr Euch ein vortreffliches Weib geholt.“

„Das wohl ... was für ein Weib ...“, pflichtete ihm Bärfried zustimmend bei und kassierte dafür unter dem Tisch einen Tritt seines Eheweibs.

Es dauerte einen Moment, bis der Rauheneck den Blick von der Kehrseite seiner so unerwartet entschwindenden Gattin löste und ihn wieder auf den Leufelser richtete. Nun lächelte er nicht mehr schmal, sondern grinste breit und hob den Humpen erneut, als gedenke er, auf Satijana anzustoßen. Er brachte dann aber keinen Trinkspruch aus, sondern gab nur ein lakonisches „Es war ein hartes Stück Arbeit, aber die Mühe wert“ zum Besten.

Nachdem das gesagt war erhob sich Firian und forderte Adaque auf. „Na komm, einmal versuchen wir es noch”, sagte er und verschwand mit ihr ebenfalls Richtung Tanzfläche.