Auf in den Kosch - Turnier - Tjoste

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Tjost/Runde 1
Brodilsgrund vor Angbar, 15. Rondra 1041 BF

Da sie beide keine Jungspunde mehr waren, hatten Dragowin Timerlain und Erpho von Richtwald gemeinsam überlegt, welchen Gegner sie jeweils als Reizer fordern sollten. Eine Wahl, die wohl durchdacht sein sollte, wie sie sich schnell einig geworden waren. Und so hatten Dragowin nachgedacht, während der Richtwalder mit seinen eigenen Überlegungen beschäftigt auf seiner Laute vor sich hin gespielt hatte.

Die sich wiederholenden Melodie hatte auch auf Dragowin eine entspannende Wirkung, sodass er erst einmal über den bisherigen Verlauf seines Besuchs nachgesonnen hatte. Das Gestampfe war ein Fiasko gewesen: Ihre Mannschaft war deutlich unterlegen gewesen. Er selbst hatte seinen ersten Kampf nicht gewinnen können, dass er sich dabei anständig geschlagen hatte, änderte nichts an seiner Niederlage. Der Kampf mit dem Schwert hingegen hatte ihm etwas Trost gespendet. Er hatte sich behauptet und mehrere Siege eingefahren, unter die Letzten – die besten Fünf – hatte er es aber leider nicht gebracht.

Irgendwie wurmte ihn das. Nicht weil er den anderen den Sieg nicht gönnte. Nein! Es ärgerte ihn, weil er doch selbst angereist war, um Siege zu erstreiten. Niederlagen bedeuteten in einer echten Schlacht meist den Tod und sterben wollte er eigentlich noch nicht. Boron konnte ihn gern holen, aber lieber wäre es ihm, wenn er bis dahin noch etwas Zeit mit seinen Kindern oder irgendwann mit deren Kindern verbringen konnte.

Der anstehende Tjost, hatte Dragowins Stimmung zudem nur mäßig gehoben. Auf dem Kaiserturnier hatte ihn der Lanzengang recht übel verletzt, sodass er heilkundig versorgt werden musste. Seine Verletzung war noch nicht gänzlich ausgeheilt, sodass er es nicht schaffte, seine Stöße richtig zu platzieren. Und als wäre dies nicht bereits schlimm genug, versteifte er sich auch noch unnötig und ermöglichte seinen Kontrahenten unnötig eine bessere Zielfläche.

Wählen würde er einen Weidner, weil er der Überzeugung war, dass in Weiden das echte Rittertum noch hochgehalten wurde. Dort bildete man eine berittene Elite aus und keine höfischen Schöngeister. Dort focht man ums Überleben. Das Problem mit herausfordernden Gegnern war jedoch immer das gleiche: Es bestand die Möglichkeit, besiegt zu werden. Einen unterlegenen Gegner aber konnte er auch nicht fordern, das war gegen sein Ehrgefühl.


***


Walthari betrachtete sich aufmerksam die Wappentafel für die Tjoste. Sein Knappe lugte über die Schulter und tat das ebenso.

„Habt Ihr schon eine Wahl getroffen, Herr?“, fragte er neugierig.

Ein unwirsches Brummen war die Antwort. „Im Kosch hat man sich offenbar der garethischen Unsitte angeschlossen, dass man jemanden gleichen Standes fordern sollte. Welchen Sinn hat das, he?“, blaffte sein Schwertvater ihn an. Die Antwort nicht abwartend fuhr der Dergelqueller Baron gleich fort. „Ein Turnier ist eine Vorbereitung für den Ernstfall. Im Herz des Reiches scheint man das wohl vergessen zu haben. Oder denkst du, ein Nimmgalf von Hirschfurten würde in einer echten Schlacht verächtlich schnaubend an dir vorbeireiten, weil ein einfacher Ritter seiner Lanze nicht würdig ist? Nein! Er würde sie dir ins Herz stoßen und dann zum nächsten weiterreiten und dort dasselbe tun. Egal, ob der ein Baronskrönchen trägt oder nicht.“ Wieder schüttelte der Heldentrutzer verständnislos den Kopf.

„Wollt Ihr etwa den Hirschfurter fordern?“, fragte Rutger erstaunt.

Walthari wedelte hektisch mit der rechten Hand: „Unsinn. Rutger. Der ist doch kein Ritter. Nur ein hochgelobter Soldat.“

„Ihr könntet doch den Böcklin fordern. Ich meine, so wie der immer über Euch redet“, schlug der eifrige Knappe vor.

Jetzt lachte der Dergelqueller. „Gegen Böcklins kann ich immer kämpfen, dafür muss ich nicht bis in den Kosch. Was ist denn mit dem hier?“, Walthari zeigt auf ein Wappen und kniff die Augen zusammen, als er den Namen zu lesen versuchte. „Praiosmar von Hinn“.

„Der ist Landvogt von Ingerimms Schlund. Der war auch mal irgendwie ein Marschall bei irgendeinem Feldzug.“

Walthari sah seinen Knappen erstaunt an und zog die Augenbrauen hoch.

„Knappen reden viel und prahlen gern mit ihren Schwertvätern und -müttern“, ergänzte Rutger freimütig.

„Ich weiß“ brummte Walthari. „War ja schließlich auch mal ein Knappe. In grauer Vorzeit. Naja. Genug gelabert. Der soll’s dann werden. Also mal her mit dem Hinn.“


***


„Ich bin Reizer! Bin Reizer! Reizer!“ Aardor kam ins Lager gesprungen wie ein übermütiges Fohlen, schnappte sich den Helm, der vor seinem Zelt auf einem Schemel thronte, und wollte sofort wieder davon spritzen, als ihm noch etwas einzufallen schien. „Du übrigens nicht“, fügte er an und bedachte Widderich mit einem nachgerade mitleidigen Blick.

„Schon recht“, erwiderte der. „Ich sitz hier gerade ganz gut. Habe nichts dagegen, noch ein bisschen zu bleiben.“ Er prostete seinem Vetter zu und wollte ihn eigentlich ziehen lassen, konnte sich eine Frage dann aber doch nicht verkneifen: „Warum so eilig?“

„Na, weil ich den Hirschfurtener fordern will“, entgegnete Aardor, derweil er seinen Helm aufsetzte. „Das ist doch der beste Mann, oder nicht? Dann werden ihn sicher alle fordern wollen und wer zu spät kommt, hat gelitten. Das soll mir auf keinen Fall passieren!“
„Ah ja“, meinte Widderich schlicht.

Er konnte sich ein schiefes Grinsen nicht verkneifen. Seine naive Bärwaldener Verwandtschaft hatte die grundlegenden Mechanismen der Veranstaltung offenbar immer noch nicht begriffen. Die Mehrheit der anwesenden Streiter würde einen Dämon tun, ausgerechnet den Hirschfurtener zu fordern. Schließlich waren sie hier nicht in Weiden, wo sich gern mal alle darum schlugen, als Erste im Dreck zu landen, sondern an einem Ort, an dem taktische Erwägungen durchaus eine Rolle spielten. Und taktisch war es nicht allzu klug, seine Gegner so zu wählen, dass man gleich in der ersten Runde aus dem Reigen flog.

Er hatte diesen Gedanken noch nicht zu Ende gedacht, geschweige denn irgendetwas davon zur Sprache gebracht, als Aardor ein paar Schritte weiter auch schon im Sattel seines Zossen saß.

„Wünsch mir Glück!“, rief der Bengel.

„Ja, sicher. Viel Glück!“, entgegnete Widderich und wünschte ihm insgeheim, dass doch jemand schneller sein würde als er.


***


Aardor starrte fassungslos auf den Mersinger, der wie aus dem Nichts aufgetaucht war und den Schild seines Wunschgegners angetippt hatte. Diese ... elende Nebelkrähe! Hatte sich angeschlichen, wie es nur ... Diener des Totengottes konnten, dem sie da drüben in der Rabenmark aus unerfindlichen Gründen so eifrig huldigten. Als ob sie nicht wüssten, dass sie damit Gefahr liefen, weit vor ihrer Zeit abzutreten. So eine Scheiße aber auch! Der empörte Blick des jungen Bärwaldeners bohrte sich förmlich in Welferts Rücken, während der unbeeindruckt von dannen zog. Aardor hätte vor Wut und Enttäuschung am liebsten laut aufgeschrien. Oder irgendetwas zertrümmert.

Weil das reichlich unangemessen gewesen wäre, ließ er den Blick stattdessen über die aufgereihten Schilde gleiten. Die meisten davon kannte er nicht. Was irgendwie auch blöd war. Und ärgerlich, denn er hatte immer sehr gut aufgepasst, wenn er in der Heraldik unterwiesen wurde. Nicht zuletzt, weil er sich davor fürchtete, bei jedem Fehltritt einen Satz heiße Ohren zu kassieren. Der Herold war kein großer Freund seiner Familie ... . Just in diesem Moment blieb der Blick des Rauheneck an einem Schild mit grünem Hund hängen. Das Wappen kannte er. Es war ein greifenfurtsches. Ein gutes also. Gehörte zum Baron von Hundsgrab, der gerüchteweise mit dem Hirschfurtener befreundet war. Dann also der!

Aardor ließ seinen Blick suchend auf und ab gleiten, um zu schauen, ob Anselm von Hundsgrab-Bugenbühl irgendwo in der Nähe war. Dann trieb er sein Pferd langsam an den Schild heran und ließ die Spitze seiner Lanze nahezu andächtig dagegen tippen. Da er irgendwo im direkten Umfeld einen Lakaien wähnte, der über die Forderungen Buch hielt, fügte er dem Ganzen noch ein paar klare Worte bei:

„Ich, Aardor von Rauheneck, Junker von Waldværre in der Baronie Moosgrund, Bärwalde, fordere Anselm von Hundsgrab-Bugenbühl, Baron von Hundsgrab in der ... dem ... äh ... aus dem Lichthag?!“


***


Anselm Hilberan von Hundsgrab-Bugenbühl hatte in den letzten Tagen etwas mehr Zeit, als er gehofft hatte. Der Haudegen Welfert von Mersingen hatte ihn gleich in der ersten Runde des Zweihandwaffenkampfes wahrlich aus dem Ring gefegt, als er ihn auf dem falschen Fuß erwischte. Anselm hatte über seine Fehler ziemlich geflucht, sich dann aber doch wieder gefasst.

Lisande hatte er die weitere Zeit genau wie Rondrik so verbringen lassen, wie sie wollten. Aber es resultierte schlicht darin, dass sie alle gespannt den Turnierverlauf von Ardo verfolgten, ihm Rondras und Praios’ beste Gunst wünschten und sich für ihn freuten. als er nach spannendem Kampf diese Disziplin für sich entscheiden konnte. Nun stand der Baron neben seinen beiden Knappen. „Das Wappen ich mir – schlicht – unbekannt“, gab er unverblümt zu. „Lediglich, dass es sich um einen Weidener handelt ist mir – irgendwie – bewusst. Tut euch mal um und versucht was über ihn herauszufinden“, sagte er zu den beiden.


***


Bärfried von Sunderhardt saß auf einem Schemel vor seinem Zelt und war damit beschäftigt, sein Schwert zu pflegen. Wie so oft an diesen heißen Sommertagen tat er dies, gleich einem Bauern bei der Feldarbeit, mit bloßem Oberkörper. Der Junker war so vertieft in seine Arbeit, dass ihm nicht nur die vielen pikierten Blicke der vorbeigehenden Turnierteilnehmer und Besucher, sondern auch das Herannahen seines Eheweibes Branda entgingen.

„Du hast es schon gehört?“, fragte sie.

„Dass ich einen Gegner für die Tjost wählen soll?“ Der Sunderhardter blickte nicht von seinem Schwert hoch. „Ja ...“

„Und?“, setzte sie neugierig nach.

„Warum sollte ich mich mit jemand anderem als den Besten messen wollen?“, warf er ein. „Dieser Wimbalf von Hirschfluten zum Beispiel oder dieser Rabenmärker Melfert, der öfter in die Sonne gehen sollte – sieht nämlich etwas kränklich aus, der Bursche. Auch dieser Hammerschlag wirkt ganz vernünftig. Soll sogar Heermeister sein.“

„Soso. Du weißt ... nein tust du offenbar nicht.“ Branda suchte nach den passenden Worten. „Hier gilt es als anrüchig, einen Streiter über deinem Stand zu fordern und die von dir genannten sind allesamt ...“

„... Puderquasten in protzigen Rüstungen?“, fuhr ihr Bärfried dazwischen und bedachte sie nun erstmals seit ihrem Erscheinen mit einem Blick. „Was schert es mich? Während sich diese feinen Herrschaften hinter ihren dicken Mauern die Hintern breit sitzen und ab und zu einmal mit stumpfen Waffen Krieg spielen, hat meine Familie in einer unwirtlichen Gegend die Jahrhunderte überdauert und das mit dem Feind vor der Nase. Also komm mir nicht damit.“

„Und dennoch möchtest du gegen sie antreten. Fordere doch einen Weidener oder Greifenfurter“, gab sie grinsend zu bedenken.

„Unsereins hat nicht so viel Zeit, sich in Spielereien mit stumpfen Lanzen zu üben. Du weißt schon ... wir sind damit beschäftigt, dem Land genug abzuringen, damit wir uns und unsere Lieben über den Winter bringen können, oder müssen zusehen, dass unsere Schutzbefohlenen nicht von Goblins, Drachen oder sonst was abgeschlachtet werden.“ Bärfried hob die Schultern, dann machte er eine wegwerfende Handbewegung. „Ein Ritter ist ein Ritter – das ist, was zählt und von den Gecken hier kann man, was dieses Turnierzeugs angeht, sicher einiges lernen. Den Spaß gönn ich mir!“

„Dann wirst du ein Problem bekommen“, kam es in amüsiertem Unterton zurück. „Der Mersinger ist ein Ritter, ja, aber leider ebenfalls Reizer und sowohl Nimmgalf als auch der Hammerschlag sind bloß Ritter ehrenhalber.“

„Soso ...“, es schien fast so, als amüsiere Bärfried die eben genannte Tatsache, „... und dann wundert man sich, warum es schlecht um das Reich steht.“

„Wie wäre es mit Ardo von Keilholtz?“ Nach einigen Momenten der Stille machte Branda einen erneuten Versuch.

„Hmmm ... naja, meine Schwester hat seinen Vetter Wilfred geheiratet. Ich weiß nicht so recht. Nicht, dass ich mir von der auch noch einen Satz heiße Ohren einfange, sollte was schiefgehen – gehört ja fast schon zur Familie.“ Bärfried lächelte schief. „Was meinst du? Gibt es sonst noch lohnende Gegner?“

Branda kratzte sich nachdenklich an der Schläfe. Ihr wollte partout kein Name mehr einfallen. „Nimm den Hammerschlag“, schlug sie daher.vor „Ist zwar kein Ritter, aber was man so hört hat der, im Gegensatz zum Hirschfurten, schon mal längere Zeit bei uns oben gekämpft. Darüber hinaus scheint es der einzige Name zu sein, den du dir bereit bist zu merken.“ Sie lächelte frech.

Bärfried schien sich damit zufrieden zu geben. Er nickte. „Gut, dann der Hammerschlag.“


***


Widderich nutzte den kurzen Moment in trauter Zweisamkeit, um seinem Ross mit der flachen Hand über die Brust zu streichen. Über die hässliche Narbe, die es seit einem alles andere als rondragefälligen Lanzengang vor vielen Jahren mit sich herumtrug. Seit dem ersten und letzten Turnier, das sie gemeinsam bestritten hatten. Bis auf dieses jetzt. Damals war das arme Tier fast verreckt, nachdem sein Gegner es niedergestochen hatte. Zum Glück hielt sich eine Weise Frau in der Nähe auf, sonst wäre Aladar sicher nicht wieder auf die Beine gekommen. Anschließend brauchte es lange Monde – viel Blut und Schweiß –, um dafür zu sorgen, dass der sonst so nervenstarke Wallach überhaupt wieder im Galopp auf einen Gegner zuhielt. Allzumal wenn eine lange Waffe im Spiel war.

„So viel Pech hat man nur einmal“, grummelte der Rauheneck, während er den Hals des Pferdes tätschelte – und wusste selbst nicht, ob er damit sich oder Aladar ermutigen wollte.

„Sitzt das jetzt alles richtig, oder was?“

Er wurde von Aardors Stimme aus den Gedanken gerissen. Der Junge kam gerade von einer Ehrenrunde zu seinem Zelt zurück. Gemeinsam mit Rossgilda, die Widderich ihm in einer spontanen Aufwallung von Ungeduld als Knappin zur Seite gestellt hatte. Weil schlichtweg unerträglich war, wie er aussah, wenn er versuchte, sich ohne Hilfe zu rüsten. Und weil davon auszugehen war, dass der Einsatz des Mädchens kurz bleiben würde. Aardor hatte zum Auftakt einen guten, starken Gegner gewählt. Aber auch einen, der eine Nummer zu groß für ihn war.

„Lass sehen!“, brummte der Rotenforster und trat auf seinen Vetter zu. Er musterte ihn prüfend, kickte halbherzig gegen die linke Beinschiene, zog einmal kräftig am Schwertgurt und rüttelte dann am Schultergeschübe, um herauszufinden, ob Rossgilda ausreichend nachjustiert hatte. „Scheint zu passen“, meinte er hernach und nahm sich einen Moment Zeit, um aufmerksam in Aardors funkelnde Augen zu sehen.

Der Junge war das reinste Nervenbündel. Vor Aufregung dermaßen angespannt und fahrig, dass er ihm zur Beruhigung am liebsten ein paar Schnäpse in den Rachen gekippt hätte. Da das als Gegenmaßnahme aus offensichtlichen Gründen nicht in Frage kam, legte er stattdessen die Hand in seinen Nacken und zerrte ihn näher, bis sie beinahe Stirn an Stirn standen.

„Komm runter“, knurrte er leise. „Debüt hin oder her: Du hast nichts zu verlieren und der Greifenfurter alles. Es gibt keinen Grund für Nervosität, solange du nicht ...“

„Meinst du, dass ich eine Chance habe? Vielleicht, wenn ich Herrn Anselm im ersten Durchgang mit einem alles-oder-nichts-Manöver auf dem falschen Fu...“

„SOLANGE DU NICHT wieder voranstürmst wie ein hirnloser Trottel!“, setzte Widderich seine Rede deutlich lauter fort. „Wenn ich sehe, dass du deine Wehr so vernachlässigst wie du es im Gestampfe getan hast, werd ich dich nach dem Tjost solange prügeln, bis du endlich begreifst, dass eine gute Verteidigung ebenso wichtig ist wie ein guter Angriff!“

Nachdem das gesagt war, herrschte einen Augenblick Stille. Widderich entließ den Vetter erst aus seinem Klammergriff, als der zustimmend nickte und zauste ihm dann mit einer versöhnlichen Geste das Haar: „Gut so! Lass dich nicht gleich im ersten Anritt aus dem Sattel stoßen, und die Ahnen werden am Ende des Tages voll Stolz auf dich hinab lächeln.“

Er sah schweigend dabei zu, wie Rossgilda Aardor in den Sattel seines altersschwachen Zossen half und richtete den Blick danach auf Bärfang. Einen unzufriedenen Bärgfang, der lieber in Ruhe am Rande der Tjostbahn gestanden und gewettet hätte, als Lanzen anzureichen – was er nun aber musste, da Rossgilda als Widderichs Handlangerin ausfiel. Dem Rotenforster Baron war es so ohnehin lieber. Da musste er nicht um die Reisekasse fürchten.

„Und?“, fragte er, ehe er sich wieder zu Aladar umwandte, um seinerseits in den Sattel zu steigen.

„Viel hab ich nicht herausgefunden“, meinte Bärfang. „Nordmärker Junker, etwa in deinem Alter. Wie ich höre, kämpft er am liebsten mit zwei Schwertern und ist ein vorzüglicher Koch. Ob er auch den Umgang mit Lanzen vorzüglich beherrscht, kann ich nicht sagen. Aber welchen Unterschied macht das schon, wo das doch deine allerallerliebste Disziplin ist, eh?“

Widderich war mittlerweile auf dem Rücken seines Wallachs angekommen und nutzte das, um tadelnd auf seinen eigentlich ein gutes Stück größeren kleinen Halbbruder hinabzublicken – der über den eigenen Scherz grinste wie ein Honigkuchenpferd.

„Sehr witzig“, brummte er unwirsch.

„Lass dich nicht gleich im ersten Anritt aus dem Sattel stoßen, und die Ahnen werden am Ende des Tages voll Stolz auf dich hinab lächeln“, neckte Bärfang weiter.

„Jajaja, schon gut!“

Widderich winkte ab, versicherte sich mit einem kurzen Blick, dass auch Aardor startklar war und setzte sein Ross dann in Bewegung. In Richtung der Turnierschranken, in denen sich bald zeigen würde, wem die Geister und Götter heute hold waren – und wem nicht.


***


Vom Lanzenreiten hatte Satijana noch weniger Ahnung als vom Zweihandkampf. Um beurteilen zu können, wie gut die Streiter sich schlugen, musste sie sich also auf ihre Intuition verlassen oder die Mienen ihrer Mitmenschen lesen. Die meiste Zeit waren das irgendwelche Fremden auf den Rängen gewesen. Dort hatte sie sich hingesetzt, um Kontakte zu knüpfen, dann aber schnell festgestellt, dass sich abendliche Bankette für so etwas doch deutlich besser eigneten. Denn während des Tjosts waren die einzigen Gespräche verwirrende Fachsimpeleien, mit denen sie so gar nichts anfangen konnte. Sonst wurde nur schweigend gestarrt. Mal abgesehen von gelegentlichen „Ahs“, „Ohs“ und „Auas“. Davon hatte sie irgendwann genug, erhob sich und scharwenzelte zur angeheirateten Verwandtschaft hinüber. Sie kam gerade rechtzeitig, um den Abgang ihres Gemahls zu bezeugen. In voller Montur sah er auch von hinten sehr manierlich aus, nahm sie zufrieden zur Kenntnis.

„Na, niemanden gefunden, der mit dir über die neueste Festumer Mode reden wollte?“, stichelte Aardor, kaum dass er sie sah.

Sie überlegte einen Moment, ob sie ihn dafür abstrafen sollte, schob das skandalöse Fehlverhalten dann aber auf seine Nervosität und lächelte nur milde.

„Dann schauen wir mal, was die Sichel in Sachen Lanzenreiten so drauf hat, eh?“, fuhr der junge Bärwaldener leutselig fort. „Was man so hört, katapultieren die Streiter aus dem Osten Weidens sich gern mal selbst vom Pferd?! Euren Ersten Ritter soll es bei seiner Rundreise dies Jahr ein paarmal völlig zerlegt haben ... .“

„Das war Zufall!“, konstatierte Rossgilda im Brustton der Überzeugung.

Satijana ließ sie in dem Irrglauben. Jeder in der Sichel wusste, dass die Stärken Gringolfs von Högelstein nicht im Kampf zu Pferde lagen. Aber Rossgilda war ja nun schon ein paar Jahre weg und sie wollte ihrer ungebrochenen Heimatliebe keinen Dämpfer versetzen.

So harrten sie ein Weilchen schweigend aus – Aardor auf seinem Zossen, Satijana und Rossgilda stehend zu seiner Rechten. Dann wurden Widderich und Dragowin Timerlain aufgerufen. Die beiden grüßten einander und fackelten danach nicht lange. Auf das Zeichen des Turnierherolds hin ließen sie ihre Rösser angaloppieren und trafen ein paar Herzschläge später lärmend aufeinander. Donnernd und splitternd. Wobei Satijana zur Kenntnis nahm, dass nur Widderichs Lanze brach. Die des Gegners glitt ohne große Wirkung an seinem Schild ab.

So war es beim ersten Durchgang und danach auch beim zweiten. Gut! Sie hatte wenig Ahnung. Aber nicht so wenig, dass ihr nicht klar war, was das bedeutete: Die Sichel lag in diesem Falle uneinholbar vorn. Allein ein Sturz ihres Mannes würde daran noch etwas ändern. Ganz so fernliegend schien ihr der allerdings nicht, denn der zweite Anritt des Nordmärkers hatte für ihre Laienaugen blitzsauber ausgesehen – und Widderich durchaus ins Wanken gebracht. Wie er es schaffte, die gegnerische Lanze dennoch wieder nicht brechen zu lassen, war ihr schleierhaft.

Nach Antworten suchte sie in den Gesichtern von Aardor und Rossgilda, doch die beiden waren wie weggetreten. Sie starrten hochkonzentriert auf das Geschehen in der Tjostbahn. Mit leuchtenden Augen. Wohl ein Indiz dafür, dass das, was sich dort abspielte, zu den besseren Darbietungen dieses Tages gehörte? Bevor Satijana danach fragen konnte, verriet Hufschlag in der Bahn, dass die dritte Runde eröffnet war. Es donnerte, krachte und schepperte wieder und dann lag der Nordmärker mit einem Mal im Staub. Satijana lächelte erleichtert und sah hernach zu Aardor auf, der soeben ein ungläubiges „Potzdonner!“ von sich gegeben hatte. „Was hat Widderich denn heute zum Frühstück gehabt?“

Satijana überlegte kurz und räusperte sich dann leise: „Nichts.“

„Wie nichts?“ Rossgilda starrte sie entsetzt an. „Man kann doch nicht ohne ein Frühstück in den Tag starten? Und schon gar nicht mit leerem Magen ins Gestech gehen?!“

„Kann man schon“, meinte Satijana, verkniff sich das breite Grinsen, das an ihren Mundwinkeln zupfte und hob stattdessen nur amüsiert die Brauen, „Es sei denn natürlich, man hat seine Zeit als Knappin an einem Koscher Hof verbracht. Dann ist so was völlig undenkbar.“

„Aber hieß es nicht, dass er drüben in Rotenforst kaum Gelegenheit zum Üben hat? Weil bei euch sonst keiner eine Lanze zu führen vermag?“, Aardors Stimme klang irgendwie vorwurfsvoll.

„Korrekt“, meinte Satijana lapidar.

„Was ist das dann gerade gewesen? Zwei perfekte Stöße und einer, der nahezu perfekt war? Wo hat er die denn hergezaubert?“

Sie  hob die Schultern: „Die gute Ausbildung am Sichelwachter Grafenhof vielleicht? Gelernt ist gelernt – und du weißt nun, was die Sichel drauf hat. Nur Gewinner heute, eh?“ Sei neigte sich zur Seite, um Rossgilda zuzuzwinkern, doch die war noch immer völlig entsetzt.

„Das geht gar nicht“, murmelte sie. „Einfach gar nicht!“ Mit diesen Worten drückte sie Satijana einen Stoß Lanzen in die Hand. „Halt das mal kurz. Ich geh’ und besorg ihm was zu essen. Ich mein, ich hätt da eben einen Hügelzweg mit nem Handwagen gesehen. Der hat bestimmt die allerleckersten Köstlichkeiten im Gepäck!“

Und weg war sie.


***


Adran tänzelte, stellte Anselm etwas verwundert fest, als er sich in der Ausgangsposition in der ersten Runde des Tjosts gegen den jungen Aardor positionierte. Leicht strich er über die Flanke des Märkischen Kaltbluts mit dem er schon durch so manche Schlacht und auch so manchen Tjost geritten war. Reiter und Ross vertrauten sich blind. So hob Anselm schließlich die Lanze zum Signal, dass er bereit war und schloss danach das Visier.

Auf der anderen Seite haderte Aardor damit, dass sein Pferd kaum ein Lebenszeichen von sich gab. Die Ohren der treuen Stute hingen auf halb acht und sie bedachte Ross und Reiter am anderen Ende der Tjostbahn mit einem eher gelangweilten Blick. Ein bisschen peinlich war das schon. Als junger, ehrgeiziger Ritter hätte er natürlich lieber auf einem feurigen Hengst gesessen, der ein bisschen was her machte. Immerhin: Aardor wusste, dass auf die alte Dietra Verlass war. Sie würde ihn ohne Murren ans Ziel bringen. Vielleicht nicht sonderlich schnell, aber dafür ganz bestimmt auf gerader Bahn – denn alles andere hätte ein paar überflüssige Schritte bedeutet.

Mit einem leisen Seufzen schloss der junge Bärwaldener das Visier seines Helms – und dann auch für einen Moment die Augen. Dies war sein erstes Turnier. Er war schon in den Krieg gezogen, gegen Haffax, und hatte auf dem Weg nach Mendena ein paarmal Gelegenheit gehabt, eine Lanze ins Ziel zu bringen. Aber das war etwas anderes gewesen. Etwas völlig anderes. Hier drohte zwar nicht der Tod, wenn er versagte. Er konnte sich jedoch sehr wohl zum Deppen machen. Vor den Augen sehr vieler Menschen. Darin würde kein Ruhm für ihn liegen und noch weniger für den Hundsgraber, der ein gestandener Ritter war und Besseres verdiente. Einen würdigen Kampf zuvörderst. Einen Moment lang drohte Aardor, an seinem eigenen Schneid zu zweifeln. Dann aber öffnete er die Augen wieder und konzentrierte sich auf sein Ziel.

Keine Experimente! Kein Alles oder Nichts! Einfach nur einen sauberen Treffer landen und gut auf die Wehr achten! So ermahnte er sich selbst. Schon, weil er sich den Zorn seines Vetters nicht zuziehen wollte, indem er dessen Rat missachtete. Aber auch, weil Widderich offenkundig mehr vom Tjosten verstand als bisher gedacht. Aardor nickte sacht und gab dann endlich das Signal, dass er fertig war.

Mächtig hob Anselms Streitross an und trug seinen Reiter seinem Gegner zu. Nur wenig musste Anselm dirigieren und konnte sich vollends darauf konzentrieren, die Lanze ins Ziel zu führen. Splitternd fand sie das Ziel. Er hatte gut getroffen, Aardor wankte schon. Doch auch dieser junge Ritter hatte sein Ziel getroffen und die Lanze gebrochen – Respekt!

Heilige Scheiße noch eins! Als Anselm ihn vor die Brust traf, geriet Aardor ordentlich ins Rudern. Es fühlte sich an, als hätte ihm jemand einen Vorschlaghammer vor den Latz geknallt. Kurz fürchtete er, dass die Lanze ihm entgleiten konnte, und sein Kampf um das Gleichgewicht sah sicher alles andere als souverän aus. Aber er obsiegte. Obsiegte wahrscheinlich auch, weil Dietra ihre Hufe selbst im Galopp nicht weiter hob als unbedingt nötig und daher eher über den Boden glitt als zu springen ...

In jedem Falle schaffte er es zurück in seine Ausgangsposition und wollte die Lanze schon wieder heben, als etwas an seinem Wappenrock zupfte. Aardor warf einen unwirschen Blick nach schräg unten und erspähte den blonden Schopf seiner Base. Rossgilda bot ihm eine neue Lanze dar. Einen Moment war er schwer irritiert. Warum machte sie das? Etwa weil ... sein Blick fiel auf die gesplitterte Spitze des alten Teils und er wollte es für einen Moment nicht glauben. Ein Blick zu seinem Gegner verriet ihm, dass der genauso erfolgreich gewesen war. Gleichstand? Gleichstand! Er hatte sich also nicht blamiert!

Anselm nahm die zweite Lanze entgegen und spürte es plötzlich. Etwas war nicht ganz richtig. War der Sattel möglicherweise falsch eingestellt? Waren es die Zügel oder die Steigeisen? Keine Zeit! Sein Gegner salutierte schon zum zweiten Anritt. Wieder trug Adran Anselm seinem Ziel entgegen. Doch diesmal wankte die Einheit. Anselm wollte sich gerade zum Stoß leicht aufrichten, als er aus dem rechten Steigeisen glitt. ‚WAS?‘, war der letzte Gedanke, der ihm durch den Kopf schoss, bevor er in seinem rechten Schulterblatt einen gewaltigen Schlag spürte und die Welt sich drehte. Der Aufprall auf dem Rücken raubte dem wackeren Ritter den letzten Atem und für einen Moment, er wusste nicht wie lange, tat er – nichts.

Etwas stimmte nicht! Aardor bemerkte das, kurz bevor sein Gegner und er aufeinander trafen. Eine seltsam unrunde Bewegung des Greifenfurters kündete vom drohenden Malheur, und dann sackte der Mann auch schon ab. Die erste Regung des Weidener Jungritters war: zurückziehen! Bloß niemanden angreifen, der gerade nicht in der Lage war, sich vernünftig zu wehren. Allein, Anselms Lanze würde gleich zum zweiten Mal auf seinen Panzer treffen – das war absehbar. Was, wenn er sie brach und Aardor seine nicht einmal ins Ziel brachte? Er würde in Rückstand geraten! Es blieb dem jungen Bärwaldener kaum mehr als ein Lidschlag, um zu reagieren. Nicht genug, um die Höhe seiner Lanze so weit zu korrigieren, dass sie wieder den Brustpanzer seines Gegners traf, statt des empfindlichen Schultergelenks. Und dann schepperte es auch schon.

Es war sicher noch nicht allzu viel Zeit verstrichen, als Anselm wieder einen klaren Blick erlangte. Er atmete einmal kurz durch. Alles gut. Den Schmerz konnte er ignorieren. So öffnete er das Visier und begann, aus eigener Kraft wieder aufzustehen. Die Garether Gestechrüstung war leicht und stabil genug, um dies zu erlauben.

Aus den Augenwinkeln sah er, wie das Entsetzen von den Antlitzen seiner Knappin und seines Knappen wich, die auf ihn zu liefen. Dasselbe galt für einen jungen Mann, der ebenfalls rasch näherkam, den er bisher aber erst einmal gesehen hatte. Es war der Weidener, dieser Aardor von Rauheneck. Die Angst, Anselm möglicherweise ernsthaft verletzt zu haben, stand ihm deutlich ins Gesicht geschrieben. Er hatte keine Ahnung, wie der junge Kerl so schnell aus dem Sattel gekommen war, aber er würde gleich bei ihm sein, so viel stand fest.

Der Greifenfurter warf einen raschen Blick in die Runde. Sein Ross stand am Ende der Tjostbahn und wirkte unruhig. Wer mochte es ihm verdenken, dachte er, als er sich innerlich selbst scholt. Der Fehler lag letzen Endes bei ihm selbst, der er dieses eine Mal zu wenig Sorgfalt in der letzten Kontrolle aufgebracht hatte. Sein Blick glitt über die Ränge; die Menschen schienen gelöst zu applaudieren. Sie beide mussten wohl einen spektakulären Tjost geliefert haben – immerhin!

Dann drang auch schon ein besorgtes „Geht es Euch gut, Herr Anselm?“ an seine Ohren. Der Weidener war etwa drei Schritt von ihm entfernt stehengeblieben und sah fast ein bisschen zerknirscht auf die veritable Delle, die die Wucht des letzten Stoßes in die kostbare Platte hinein getrieben hatte.

Sein Plättner würde etwas zu tun bekommen; genauso wie der Medicus, dachte Anselm bei sich, als er den Schmerz wieder spürte. Dennoch schritt er auf Aardor zu, um diesem zu gratulieren, während die Knappen sich um sein unruhiges Streitross kümmerten. Auf dem Weg betastete der Greifenfurter Ritter kurz die rechte Seite seiner Rüstung.

„Wacker gestritten, Aardor!“, sagte er. „Möge Rondra Euch weiterhin durch das Turnier führen!“

Der junge Mann schien zu begreifen, dass es nicht so schlimm um Anselm stand, wie es zunächst den Anschein gemacht hatte – und sein Kompliment brachte ihn zum Strahlen. Ehrliche Freude schien da auf, und der Rauheneck griff fast ein bisschen zu energisch nach dem Schwertarm, den Anselm ihm darbot.

„Vielen Dank, Hochgeboren“, sagte er und neigte das Haupt. „Für den Segenswunsch und den Tjost gleichermaßen. Es war mir eine ausgesprochene Ehre, die Lanze mit Euch ... äh ... kreuzen zu dürfen.“

 
Tjost/Runde 2
Brodilsgrund vor Angbar, 16. Rondra 1041 BF

„Und? Was siehst du?“

Aardor blickte nachdenklich zu seinem Vetter hoch, als der die Frage stellte. Sie standen ein bisschen abseits der Schilde, die aufgebaut worden waren, damit sich die Reizer ihre Gegner für die zweite Runde suchen konnten. Das Prozedere war schon eine Weile im Gange, aber Widderich hatte ihn zurückgehalten, als er schnurstracks zum Wappen des Hirschfurteners reiten wollte. Er hatte ihn gebeten, zu warten und zu beobachten. Jetzt harrten sie sicher schon ein Viertel Wassermaß in den Sätteln ihrer Pferde aus und sahen einfach nur zu. Anfangs war Aardor davon etwas genervt gewesen, aber mittlerweile verstand er.

„Ich sehe einen Haufen Scheiße“, stellte er fest. Halb staunend, halb angewidert. „Ich sehe, dass die Großen hier die Großen fordern und die Kleinen die Kleinen.“

„Hmhum“, ein feines Lächeln schlich sich auf Widderichs Lippen.

Aardor wusste nicht warum. Ob sein Verwandter mit seiner Auffassungsgabe zufrieden war, oder ob er sich über seine Wortwahl amüsierte. Oder möglicherweise beides?

„Warum machen die das?“, fragte der junge Bärwaldener. „Ich meine ... das ist doch nicht im Sinne Rondras, sich seine Gegner auf die Art auszusuchen.“

„Aber im Sinne des Herrn Praios – und anders als bei uns ist der nun mal in den meisten Teilen des Raulschen Reiches der Gott des Adels.“

„Das sind doch alles Ritter!“, begehrte Aardor auf. „Wie können die bei einem rondrianischen Kräftemessen Praios den Vorrang geben? Was hat das mit Ehre zu tun?“

„Das sind nicht alles Ritter“, meinte Widderich lakonisch. „Gleich wie: Hier gilt es als ehrenrührig, einen Gegner zu fordern, der weit über oder unter einem steht. Weniger, sich mit jemandem zu messen, dessen Fähigkeiten an die eigenen nicht heranreichen.“

„Wo bleibt da der Gedanke an die göttinnengefällige Herausforderung? Woran soll man da denn wachsen? Wie soll man Ruhm erringen?“

„Ich schätze, der Gedanke an die göttinnengefällige Herausforderung wird der Angst vor der Blamage geopfert“, brummte Widderich. „Wie soll ein Fürst oder Baron es verkraften, von einem einfachen Ritter in den Dreck geschickt zu werden?“

„Hä?“, Aardor warf seinem Vetter einen konsternierten Blick zu – und war sehr erleichtert, als er das geringschätzige Feixen auf seinen Lippen erspähte. „Aber Widderich ... im Ernst mal ... warum zeigst du mir das? Willst du etwa, dass ich mich dem beuge?“

„Ich will, dass du eines begreifst: Es läuft nicht überall so wie der Mittnacht. Andere Länder, andere Sitten. Wenn du als grünschnabeliger Junker hierzulande wie ein Wilder an den Stand wetzt, um deine Lanze im Schild eines Herrn Nimmgalf zu versenken, wird dir das keine anerkennenden Blicke einbringen, sondern es wird als Affront gewertet.“

„Humtja“, Aardor schniefte leise. „Das heißt, ich soll es lassen?!“

„Mitnichten! Tu es! Gern und oft, meinethalben. Aber sei dir darüber im Klaren, welche Folgen das haben wird.“

„In Ordnung“, der junge Bärwaldener nickte und spähte zum Schild des Hirschfurteners hinüber, für den er nun aber leider schon wieder zu spät war. Eben gerade hatte ein stattlicher Koscher Ritter den Garetier gefordert. So ein Ärger! Mit wem sollte er sich jetzt also messen? „Wen hast du dir ausgeguckt?“, fragte er seinen Vetter erst einmal.

„Holdwin vom Kargen Land“, erwiderte der ohne Zögern. „Der hat eine vorzügliche erste Runde hingelegt.“

„Ein einfacher Ritter, noch dazu ohne Land? Ist das nicht ein bisschen wenig für einen Baron?“, Aardor grinste seinen Vetter an und blinzelte amüsierte.

„Ich halte es in diesem Fall mit Rondra“, meinte der schlicht. „Was ist mit dir?“

„Ich hab mir ein paar Namen gemerkt“, murmelte Aardor. „Eibenroß. Amselhag. Liobas Zell. Lindholz. Treublatt. Galebfurten.“

„Du hast ein gutes Auge“, kam es von Widderich. Durchaus anerkennend. Ihm war also nicht entgangen, dass er die Namen einiger jener Streiter mit besonders glänzenden Anritten in der ersten Runde nannte. „Bis auf die Lindholz und den Treublatt sind das jedoch alles Reizer und Erstere ist bereits gefordert worden. An deiner Stelle würde ich mich also sputen.“

Das ließ sich Aardor nicht zweimal sagen. Mit einem leisen Schnalzen setzte er seinen Zossen in Bewegung.


***


„Amtlich!“, entfuhr es Bärfang, als Aardors erste Lanze am Schild Gisbruns von Treublatt zerbarst und der Koscher Ritter gefährlich ins Wanken geriet. Hinter dem Stoß steckte eine gewaltige Kraft, und gut platziert war er auch. Das konnte der Bruder des Barons von Rotenforst erkennen, obwohl er selbst noch nie eine solche Waffe geführt hatte. Den Ehrgeiz besaß er einfach nicht. Er war kein Ritter, also bestand keine Notwendigkeit dazu. Ab davon war er ohnehin der Meinung, dass man sich beim Kämpfen besser auf die eignen Beine verließ. Wozu sich auf den Rücken eines Zossen schwingen, auf den im Zweifel kein Verlass war? Allzumal man die Waffen, die Bärfang bevorzugte, von dort oben nicht führen konnte. Also die, die richtig „Bums“ machten. Wobei er ja gerade vor Augen geführt bekam, dass das mit Lanzen auch möglich war. Aber leider halt immer nur einmal – und das ging ja doch irgendwo deutlich am Sinn eines guten Kampfes vorbei.

„Sauber!“

Bärfang sah zu Widderich auf, als der den zweiten Anritt ihres Vetters kommentierte. Es klang völlig leidenschaftslos, aber das feine Lächeln auf seinen Lippen verriet, dass er Freude an dem Kräftemessen hatte. Wahrscheinlich nicht zuletzt deshalb, weil Aardor nun schon zwei Lanzen gebrochen hatte und sein Gegner noch keine. Wenn der Junge nicht die Nerven verlor, würde er auf seinem ersten Turnier auch die zweite Runde im Tjost zu sich nach Hause holten. Das war wirklich amtlich!

Sehr zu Bärfangs Verwunderung schien das Koscher Publikum die Entwicklung ebenfalls zu goutieren. Er konnte auf der Tribüne keine mitleidigen Gesichter erspähen. Eher schon Schadenfreude auf den Zügen des einen oder anderen. Offenbar hatte Aardor sich einen Gegner ausgeguckt, der in der eigenen Heimat nicht sonderlich beliebt war. Dann hatte der Mann sicher nichts Besseres verdient, als den Staub zu küssen.

Tat er letztlich aber nicht. Vielmehr gelang es ihm, im letzten Durchgang die erste eigene Lanze zu brechen, während Aardor Selbiges mit seiner dritten tat. Diesmal geriet keiner ins Wanken. Sie blieben beide im Sattel – und der Kampf war damit entschieden. Weiden obsiegte. Zum vierten Mal, denn auch der Leufelser und die beiden Schneehager hatten ihre Lanzengänge gewonnen. Fehlte nur noch Widderich, um den Triumph komplett zu machen.

Bärfrang sah erneut zu seinem Bruder auf, der bereits im Sattel saß und jetzt mit eherner Miene beobachtete, wie sich Aardor und sein Gegner voneinander verabschiedeten. Er hoffte, dass Widderich gewinnen würde, denn er hatte ein ordentliches Sümmchen auf ihn gesetzt ...


***


Kabumm!

Rossgilda nickte anerkennend, stieß zugleich aber ein mitfühlendes Zischen aus. Sie ahnte, was für Kräfte in der Bahn gerade wirkten. Viel mehr als das ging nicht. Ihr Onkel und Holdwin vom Kargen Land waren völlig ungebremst aufeinander getroffen. Jeder von ihnen hatte einen perfekten Treffer gelandet und doch brach keine Lanze. Das grenzte an ein Wunder – und zeugte von Kunstfertigkeit. Erstaunlich großer Kunstfertigkeit für einen, der im Vorfeld freimütig bekannt hatte, dass er am Tjost nur teilnahm, weil das nun mal die Königsklasse der Turney war und es sich daher für einen guten Ritter so gehörte.

Wieso Widderich dann ritt, als sei er von jeher im Lanzengang zu Hause, erschloss sich Rossgilda nicht. Vielleicht hatte es ja etwas damit zu tun, dass er ganz unverkrampft an die Sache heranging? Ihr kam er jedenfalls deutlich gelöster vor als noch beim Kampf zu zwei Händen. Womöglich, weil er in dieser letzten Disziplin keinerlei Ehrgeiz hegte? Weil er sich kein Ziel gesetzt hatte, daher kein Druck auf seinen Schultern lastete und er befreit auftrumpfen konnte? Ganz anders als sie eingangs der Turney im Ringstechen.

Bei der Erinnerung daran schloss Rossgilda die Augen und stöhnte leise. Es war schlimm gewesen. So schlimm! Zwei Treffer nur. Sie hatte keine Ahnung, wie sie das daheim erklären sollte. Nicht Graf Growin. Der würde bestimmt nur lachen und ihr versichern, dass der Kampf zu Pferde allgemein überschätzt wurde. Bei ihren Ausbilderinnen jedoch ... da lag die Sache anders. Ein Jahr vor der geplanten Schwertleite erwarteten die Besseres von ihr.

Rossgilda war fast erleichtert, als ein lautes Krachen sie aus ihren Gedanken riss. Zufrieden lächelnd nahm sie zur Kenntnis, dass ihr Onkel die erste Lanze gebrochen hatte, während seinem Gegner selbiges nicht gelungen war. Widderich schien weiterhin gut aufgelegt. Fragte sich nur, wie lange ihm das Glück noch hold bleiben würde.

Bis zur dritten Runde dieses Lanzengangs schon mal, das erwies sich wenig später, als beide Ritter ihre Lanzen brachen – und im Sattel blieben. Ein Sieg nach Punkten. Wie zuvor schon bei Aardor. Damit hatten Rossgildas Verwandte sich nicht so souverän geschlagen wie die anderen Weidener, die ihre Gegner jeweils aus dem Sattel stießen. Aber Sieg war Sieg. Und am Ende würde sicher niemand mehr danach fragen, wie die Streiter des heutigen Tages die dritte Runde erreicht hatten. Die der letzten 20. Darauf konnte man schon ein bisschen stolz sein, oder nicht? Stolzer jedenfalls als auf zwei Ringe ...


***


Adaque von Mersingen saß im Zeltlager der Schneehager vor dem Zelt und genoss einen kühlen Weißwein, den ihre Knappin ihr besorgt hatte. Normalerweise trank die Baronin von Schneehag nur sehr wenig Alkohol, genehmigte sich aber heute einen zur Feier des Tages. Der Erste Ritter der Baronie Schneehag, Rauert Stelin von Runkeln, saß dabei neben ihr und trank einen großen Humpen Bier.

Wieder einmal war sie eine Runde weitergekommen. Dazu auch wieder mal eine Runde weiter als ihr Gemahl. War schon irgendwie merkwürdig. Ihr lag überhaupt nichts am Tjosten ... strenggenommen war es ihr sogar zuwider. Sie tat es, so wie alle anderen Waffenübungen, nur deshalb, weil es in Weiden zum guten Ton gehörte. Natürlich auch, weil es in der Trutz jederzeit dazu kommen konnte, dass man auf Leben und Tod gegen den Ork kämpfen musste. Wie auch immer, sie, die gerade mal das Notwendige tat, um sich ihre Waffenfähigkeiten, die sie mühsam in der Zeit als Knappin erlernt hatte, und das, was sie in Weiden dazu gelernt hatte, zu erhalten. Sie war im Tjosten erfolgreicher als ihr Mann und viele andere, die es mit großer Begeisterung und vollem Elan ausübten. Firan dagegen nahm die Sache sehr ernst. Wieder und wieder übte er diese und andere Waffenfähigkeiten. Bei sich glaubte Adaque, dass dies der Grund dafür war, dass er beim Tjosten in den großen Turnieren des Reiches relativ erfolglos war.

Besonders in ihrer ehemaligen Heimat Garetien glaubten die meisten – und vor allem die sehr erfolgreichen Tjoster –, dass es das schlimmste war, sich dreckig zu machen oder gar auf der Bahn zu landen. Sie dachten, dass es ein Zeichen von wahrem Adel und Stand war, sich hinter seinem Schild zu verkriechen, sobald man eine Lanze gebrochen hatte. Sie sahen das Ganze als Spiel, als Zeitvertreib ... als Gelegenheit, sich aufzuplustern. Daher forderten sie auch rein nach Titel. Es galt geradezu als anstößig, wenn man als kleiner Ritter einen Hochadeligen forderte. Adaque hatte selbst erst lernen müssen, dass ihr Gemahl und auch die allermeisten anderen Weidener das vollkommen anders sahen.

Sie hatte es nicht nur gelernt, sondern – anders als ihre ehemaligen Landsleute – sogar verstanden. Die Weidener sahen das ritterliche Turnier als Übung für den Ernstfall. Sie probierten dort Dinge aus, um sie für den echten Kampf zu erlernen. Dinge, die natürlich oft schiefgingen und mit dem Wissen, dass man bei einem Tjost deshalb oft im Dreck landete. Aber auch mit dem Wissen, dass der Sieger in einem Tjost einem dann nicht den Rest gab. Dass man so Fähigkeiten erlernen und festigen konnte, die man dann später in einem echten Kampf auf Leben und Tod sicher einsetzen konnte.

So gut wie nie würde ein Weidener in einem Tjost defensiv reiten. Allein schon, weil er sich umgehend den Spott und sogar Verachtung aller anderen Weidener zuziehen würde. So sinnlos so ein Handeln bei einem „sportlichen“ Wettkampf auch war. Das Ganze war ein Dilemma, was, so jedenfalls Adaques Meinung, dazu führte, dass die Weidener Ritter in der Masse zwar besser waren als die der anderen Provinzen – wenn auch nur knapp vor denen aus Greifenfurt –, es aber im Tjosten in den meisten Provinzen in jedem Turnier nur ein halbes Dutzend Männer und Frauen gab, die in der Regel die letzten Paarungen bildeten. Eben weil sie das Turnier als eine Art Sport sahen und immer an den Turniersieg als Ganzes dachten und lieber 1:0 nach Lanzen gewannen und sich dafür halt zur Not hinter ihrem Schild versteckten.

Zu ihrer großen Erleichterung war Firian inzwischen ein erwachsener Mann und nicht mehr der ungestüme Jungspund von früher. Das Familientemperament und sein Wesen hätten ihn vor Jahren noch dazu gebracht, nach der Niederlage gegen diesen alten Mann aus dem Kosch einen epischen Wutanfall zu erleiden. Seine Erziehung durch einen sehr firungläubigen Vater, die Verantwortung als Baron, die Heirat, ihre gemeinsamen Kinder und auch der Firunhofgeweihte: Das alles hatte dazu geführt, dass er diese bittere und in den Augen mancher hochpeinliche Niederlage anders wegsteckte.

Es war eine zeitlang eher stilles Grübeln gewesen. Ein Grübeln, das Adaque gut nachvollziehen konnte. Dieser Ritter Falk war, nach allem, was man hörte, ein verwirrter alter Mann. Nach manchen Geschichten sogar schon halb wahnsinnig. Im Duell mit Firian hatte er dann aber ganz andere Werte gezeigt. Fähigkeiten, die zu einem sehr viel jüngeren Ritter gepasst hätten, der wesentlich besser war, als die Geschichten über ihn. Adaque traute den grundehrlichen Koschern jedoch allgemein keine List und Verschwörung zu – einigen ihrer ehemaligen garetischen Landsleuten vielleicht, aber nicht den guten Koschern. Zumal dieser Falk dann in der nächsten Runde auftrat, wie die Geschichten ihn darstellten. Es musste also etwas anderes gewesen sein und zu dieser Erkenntnis kam auch Firian schnell.

Manche hätten vielleicht allein auf Glück, respektive Pech, hingewiesen. Hätten es damit erklärt. Doch das reichte Firian nicht! Das Grübeln war also einer Erkenntnis gewichen. Der Erkenntnis, dass er sich hatte von den Geschichten beeinflussen lassen. Der Erkenntnis, dass er seinen Gegner unterschätzt hatte. Genau in diesem Moment, in dem Adaque und auch Rauert ihr Weiterkommen feierten, die Füße hochlegten und ihre mehr oder weniger schmerzenden Glieder ausruhten, war Firian mit den Knappen beschäftigt. Er erklärte ihnen anhand seiner Niederlage, wie gefährlich es war, seinen Gegner zu unterschätzen. Erklärte ihnen, dass es Zeichen gab, die man beachten sollte. Zeichen, wie dass ein 78 Jahre alter Manns der noch in der Lage wars auf einem Ross in Rüstung zu reiten und in einen Lanzenkampf zu ziehen, die Berechtigung, die Fähigkeiten und die Attribute haben musste, ein sehr gefährlicher Gegner zu sein!

 
Tjost/Runde 3
Brodilsgrund vor Angbar, 17. Rondra 1041 BF

Aardor schniefte unzufrieden, als er feststellte, dass er Nimmgalf von Hirschfurten auch in der dritten Runde des Tjosts nicht fordern konnte. Der Garetier war ebenfalls Reizer – und damit leider unerreichbar für ihn. Gleichwohl verrenkte sich der junge Bärwaldener den Hals, um wenigstens einen kurzen Blick auf das Subjekt seiner Begierde zu werfen. Er wurde nur leider nicht fündig. Im Geiste fluchte er daraufhin unflätig, nach außen hin war aber nur ein resigniertes Schulterzucken sichtbar.

Dann fasste er die Schilde der Trutzer ins Auge. Es wurde mit der Zeit nicht besser: Er kannte immer noch kaum eins der Wappenbilder. Die Weidener Schilde – ja klar, die kannte er. Die konnte er zuordnen und wusste sogar, was er von welchem dieser Gegner zu erwarten gehabt hätte. Aber es wäre ja schön blöd gewesen, die eigenen Leute zu fordern. Am besten noch aus der Familie. Aardor schüttelte den Kopf, während er zu Widderichs Schild hinüber sah. Zum Flammenschnitt, der auch sein eigenes Wappen zierte. Ausnehmend schön, wie Aardor fand.

Ganz ähnlich schien es einem hübschen Jüngling zu gehen, der just davor stand und es interessiert musterte. Der Rauheneck blickte leicht irritiert auf das seidig glänzende Haar und die femininen Züge des Kerlchens. Beides konnte er nicht so ganz mit der Rüstung in Einklang bringen und als der Fremde anzeigte, dass er Widderich fordern wollte, hätte sich Aardor am liebsten mit der flachen Hand vor die Stirn gehauen. Das konnte ja heiter werden. Er hoffte, dass der junge Ritter nicht so focht wie er aussah ...

Dann zog er weiter. Ritt die Schilde der Trutzer ab und brachte sein Pferd schließlich vor einem zum Stehen, das er sich eingeprägt hatte. Silber und Rot. Gold und Schwarz. Pferd und Stern. Rosshagen. Dies hier gehörte zum Knappen des Hirschfurteners.

Ein zufriedenes Blitzen stahl sich in Aardors Augen und fast hätte er laut „Ha!“ gerufen. Na, das war doch hervorragend. Wenn Nimmgalf selbst ihm Mal um Mal durch die Lappen ging, würde er sich eben langsam an ihn heranarbeiten. Gegen seinen ehemaligen Knappen anzutreten, war sicher keine schlechte Idee. Schließlich hatte der ja wohl alles, was er konnte, von ihm gelernt. Aardor suchte den Blick des Jungritters und lächelte ihn strahlend an.

„Wohlan, Rosshagen“, meinte er gutgelaunt. „Vortrefflich gestritten in der letzten Runde. Und gegen eine starke Gegnerin noch dazu. Es wird mir eine Freude sein.“ Damit stieß er die Spitze seiner Lanze gegen den Schild des anderen und verkündete: „Ich, Aardor von Rauheneck, Junker von Waldværre in der Baronie Moosgrund, Weiden, fordere Ritter Merowin von Rosshagen aus der Baronie Hirschfurten, Garetien.“


***


„Eins noch, bevor ihr geht!“

Widderich parierte Aladar durch, um einen fragenden Blick auf Satijana zu werfen. Sie lehnte an der Bande zur Tjostbahn, an der sie diesmal allein zurückbleiben würde, weil sowohl Rossgilda und Aardor als auch Bärfang und er kurz davor standen, in die Schranken einzuziehen. Der Turnierherold hatte sie für den zweiten und dritten Durchgang bestimmt. Für direkt aufeinander folgende Lanzengänge also, sodass diesmal keine Zeit blieb, einander von der Seitenlinie aus zu beobachten.

Das Privileg genoss allein Satijana, die davon mangels Expertise so gut wie gar nichts hatte. Ihrer sonnigen Laune tat das aber keinen Abbruch. Als sie sich vom hölzernen Geländer abstieß, um näher an Widderich heran zu treten, wirkte sie gelöst. Mit einer vagen Geste bedeutete sie ihm, sich ein bisschen von seinem hohen Ross hinab zu neigen. Er erwartete einen Kuss, doch stattdessen stellte sie sich auf die Zehenspitzen und raunte – so laut, dass es auch die anderen verstanden, wohlgemerkt – ein verschwörerisches:

„Wenn ihr beiden da fertig seid, du und dieser Nordmärker Schönling, und wenn ihr dann Euer Ritterding macht – du weißt schon: Handschlag, ein paar nette Worte darüber wechseln, wie verflucht gut ihr doch alle seid –, dann vergiss bitte nicht, ihn nach seinem Haar zu fragen! Das glänzt so schön. Frag ihn, was für eine Tinktur er drauf macht. Ich muss unbedingt auch was davon haben.“

„Uhum“, Widderich richtete sich nicht wieder auf, sondern blieb, wo er war, um Satijana einen prüfenden Blick zuzuwerfen. Er sah das mutwillige Funkeln in ihren Augen, dass die Mundwinkel kaum merklich zuckten und begriff sofort, wie die Aufforderung gemeint war: nicht ernst. Es handelte sich einfach nur um einen dummen Spruch. Einen von vielen, die sie in den vergangenen Tagen gemacht hatte – öfter auch auf Kosten seiner Gegner. Mittlerweile fand Widderich das gar nicht mehr so despektierlich, sondern konnte meist darüber schmunzeln. So wie jetzt. Er nickte und murmelte: „Ist klar!“

„Hat sie das gerade wirklich gesagt?“, tönte es unterdessen aus Aardors Richtung. Genau wie Rossgilda und Bärfang war ihm die eigentliche Botschaft entgangen – was dazu führte, dass sie nun alle drei leise murrten und ungläubig die Köpfe schüttelten.

„Viel wichtiger noch: Hat er das gerade etwa wirklich gesagt?!“, erkundigte sich Rossgilda.

Ihr Blick war auf Widderich gerichtet, doch er ignorierte das, feixte Satijana stattdessen kurz an und setzte sich hernach kommentarlos an die Spitze ihres Zugs. Bald darauf stand er mit Bärfang am Eingang des Turnierfelds, während sich Aardor ein Stück weiter vorn auf den Lanzengang vorbereitete. Wie gebannt starrte er auf seinen Gegner, weshalb es eine Weile dauerte, bis er bemerkte, dass Rossgilda ihm die erste Lanze anreichen wollte.

„Das wird nichts, oder?“, fragte Bärfang. „Er wirkt irgendwie nervös. Dabei ist es doch gar nicht der Hirschfurtener, sondern nur sein vermaledeiter Knappe.“

„Ehemaliger Knappe“, korrigierte Widderich, während er den Sitz seine Handschuhe prüfte, den Kopf in den Nacken legte, ihn von links nach rechts und wieder zurück rollen ließ. „Aber das scheint zu reichen. Gut, dass er es nicht geschafft hat, den Mann selbst zu fordern. Wer weiß, ob er nicht vor Aufregung vom Pferd gefallen wäre, bevor es überhaupt losgeht?“

„Wenn ich nicht auf das Bürschchen gesetzt hätte, würd ich dein Gerede deutlich lustiger finden, Bruder“, brummte Bärfang unwirsch.

„Ich habe dir gesagt, dass du es lassen sollst“, meinte Widderich noch. Dann verfielen sie beide in Schweigen, denn es ging los.

Von schräg hinten sah zumindest Aardors Anritt gut aus. Auch die Lanze senkte er im rechten Moment und im richtigen Winkel. Dabei geriet die Wehr allerdings ein wenig ins Hintertreffen – und genau das brach dem Jungen das Genick. Sein Gegner trug einen Angriff von geradezu unheimlicher Präzision vor, dem Aardor nichts entgegenzusetzen hatte. Mit voller Wucht traf die Lanze des Rosshageners auf seine Brustplatte und beförderte ihn im hohen Bogen aus dem Sattel. Einen Herzschlag später landete er scheppernd auf dem Boden.

Rossgilda stürzte sofort los, um nach ihrem Vetter zu sehen, doch der stand schon wieder, bevor sie ihn erreichte. Stand, öffnete das Visier seines Helms und lächelte dem Gegner, der ihn gerade gnadenlos zu Boden geschickt hatte, ganz ohne Arg entgegen. Widderich beobachtete, wie die beiden sich die Hand gaben und ein paar Worte wechselten. Er kam nicht umhin, den Kopf zu schütteln:

„Dem kann auch gar nichts die Laune verderben, eh?“

„Sieht ganz so aus“, meinte Bärfang. „Meine befindet sich allerdings gerade in einem recht wackeligen Zustand. Ich würd dir empfehlen, nicht auch noch zu verlieren. Sonst sind die ganzen schönen Gewinne dahin, die ich bis jetzt eingefahren habe.“

„Unverbesserlich!“, knurrte Widderich und trieb Aladar in die Bahn hinein.

Während Rossgilda noch auf Pferdejagd war, kam Aardor ihnen entgegen. Er lächelte weiterhin, allerdings nicht mehr ganz so breit wie eben noch.

„Scheißdreck da!“, fluchte er, als er Widderich erreichte. „Einen Moment nicht aufgepasst, und schon frisst man Staub. Das ist doch echt ein Ärger mit diesem Lanzengedöns!“

„Dennoch gut gefochten“, meinte der Rotenforster schlicht. „Es war deine erste Turney. Beim nächsten Mal bist du schlauer.“ Innerlich begann er über den Spruch zu lachen, kaum dass der ihm entwichen war. Angesichts der Tatsache, dass dies auch erst sein zweites Turnier war und er beim ersten grad mal gar nichts gelernt hatte, war die Ansage schon sehr vermessen. Gleichwohl wahrte Widderich seine eherne Miene, sodass Aardor ihm vielleicht sogar glaubte.

„Dir mehr Erfolg als mir“, erwiderte der Junge nickend und reichte ihm die Hand zum Gruß.

Ein paar Herzschläge später stand Widderich an der Ausgangsposition und spähte die Bahn hinab zu seinem bereits fertig gerüsteten Opponenten. Einer halben Portion, nach allem, was er so gehört hatte. Der Weidener wusste nicht, warum die Wahl des jungen Nordmärkers ausgerechnet auf ihn gefallen war. Er ging aber schwer davon aus, dass sein Name und sein Können nicht ursächlich waren. Gleich wie: Der Viererler war ein Gegner wie jeder andere und verdiente die gleiche Behandlung. Nicht weniger Respekt. Nicht mehr Schonung.

Widderich setzte seinen Helm auf, griff nach der Lanze, die Bärfang ihm hinhielt, und bedeutete dem Herold, dass er bereit war. Kurz darauf wurde das Zeichen zum Start gegeben – und es lief wie erstaunlich oft schon in diesem Tjost: am Schnürchen. Aladar sprang ohne Zögern an und lief ganz von allein auf genau der Spur, die sich Widderich im Vorfeld ausgeguckt hatte. Er selbst saß sicher, konnte sich daher von Anfang an ganz auf den Gegner konzentrieren und sah, dass da eine gute Attacke im Anmarsch war. Eine verdammt gute sogar. Wenn er von der nicht aus dem Sattel gerissen werden wollte, sollte er tunlichst schneller sein als sein Gegner.

Glücklicherweise machte der Nordmärker es ihm nicht allzu schwer. Er was so sehr darauf bedacht, die Lanze sicher ins Ziel zu bringen, dass sein Schild ein ganzes Stück zu tief hing. Fast der gesamte Oberkörper des jungen Mannes war entblößt, so dass Widderich quasi frei wählen konnte, wo er treffen wollte. Kurz dachte er an Aardor, der in seinem jugendlichen Leichtsinn oft genau den gleichen Fehler machte. Einen Fehler, der ihn im Ernstfall das Leben kosten konnte. Den Luxus, ihn zweimal zu begehen, gewährten einem im Grunde nur Turneyen. Waffenübungen unter Freunden.

Just im Moment dieser Erkenntnis fiel die Entscheidung des Rotenforsters. Durch Schmerz lernte man ja bekanntlich, also ließ er die Spitze seiner Waffe einen Lidschlag vor dem Aufeinandertreffen, leicht zur Seite zucken, sodass die Wucht nicht durch das Abgleiten am gewölbten Panzer des Nordmärkers gedämpft, sondern ihre ganze verheerende Kraft entfalten würde. Dann war es auch schon so weit. Er spürte einen gewaltigen Ruck im rechten Arm, als seine Lanze auf die Rüstung des Gegners traf. Und zugleich im linken, als dessen Lanze – ebenfalls mit großer Wucht – auf seinen Schild traf.

Der Schmerz währte jedoch nur kurz, denn die Gegenwehr des Viererlers war der Rede eigentlich kaum wert. Er wurde schlicht und ergreifend aus dem Sattel gefegt und landete nach einem spektakulären Sturz krachend im Staub der Tjostbahn.

Widderich zog an der Unglücksstelle vorbei, richtete die Lanze auf, als er das Ende der Bahn erreichte, und ließ Aladar auf der Hinterhand wenden. In gemächlichem Trab kehrte er hernach an die Seite seines gefallenen Gegners zurück und brachte sein Ross zum Stehen. Ein Quäntchen Erleichterung empfand der Rauheheck durchaus, als der junge Mann die Hand hob, um ihm zu bedeuten, dass alles beim Besten war. Kurz darauf wurde ihm auch schon auf die Beine geholfen und er öffnete das Visier, um ungehindert zu Widderich aufsehen zu können.

Der tat es ihm gleich und schalt sich selbst einen Narren, als er reflexartig zuerst auf das Haar des Jungen sah. Dessen unheimlich feine, ja, geradezu mädchenhaft weiche Züge nahm der Rotenforster nur am Rande wahr, während sich sein Blick geradezu an dem Stück Pony festsaugte, das unter dem Helm hervor lugte. Die Frisur schien wie geleckt zu sitzen. Als wäre nichts gewesen. Als würde nicht gerade Stahl darauf lasten und die Hitze eines besonders schwülen Sommertags das Übrige dazu tun, dass eigentlich jede noch so mühsam gestaltete Tolle innert weniger Herzschläge in sich zusammenfiel. Das war schon beachtlich. Trotzdem stellte der Weidener die sich aufdrängende Frage nach der Tinktur nicht, sondern lächelte nur schief und räusperte sich vernehmlich.

„Euer Angriff hat es in sich gehabt, Viererlen“, konstatierte er nüchtern. „Aber ihr müsst besser auf die Wehr achten, sonst macht Ihr es Euren Gegnern zu leicht.“

 
Tjost/Runde 4 (Die letzten Zehn)
Brodilsgrund vor Angbar, 18. Rondra 1041 BF

„Du bist Reizer!“

Widderich löste den Blick erleichtert von dem riesigen Frühstück, das Rossgilda aufgetischt hatte und das ihn schlichtweg überforderte. Stattdessen fasste er das Gesicht seines Vetters ins Auge und hob fragend die Brauen.

„Der Runkelritter auch“, fügte Aardor an, „und Adaque und Walthari sind Trutzer. Ich schätze mal, gegen die beiden wirst du nicht reiten wollen, also bleibt dir nur noch die Wahl zwischen drei Koschern, denn Nimmgalf und der Rondrianer sind leider auch unter den Reizern.“

„Hum“, Widderich legte die noch unbenutzte Gabel beiseite und sah Rossgilda an. Sie war zusammen mit Aardor bei der Auslosung gewesen, hatte die Namen der Reizer und Trutzer also auch vernommen und wusste ja vielleicht etwas zu den Koschern zu sagen. „Und was wissen wir über die Drei?“

„Farelius von Silberquell ist der Ritter, der Frau Padora in der letzten Runde im Fußkampf bezwungen hat. Davor hat er Herrn Koromar auch schon aus dem Wettbewerb geworfen – mit einem tadellosen Stoß! Mehr kann ich dir über den leider nicht sagen. Ich habe seinen Namen hier auf der Turney das erste Mal gehört.“

„Hum“, machte Widderich wieder und bedeutete seiner Nichte, weiterzusprechen.

„Angbart von Salzmarken-See hat unseren Heermeister in den Staub geschickt und gegen Frau Thalionmel einen perfekten Ritt gezeigt. Er ist Anführer der Ritter vom See, die Graf Wilbur schützen, und genießt entsprechend einen guten Ruf.“

„Klingt nach einem guten Gegner“, Widderich nickte. „Wer ist der Dritte?“

„Halmar von Sindelsaum. Im Turnier ist der mir bisher nicht aufgefallen“, meinte Rossgilda und legte die Stirn in Falten. „Ich weiß nur, dass er der Sohn des Barons von Sindelsaum und Bannerträger der Kompagnie Herzogin Efferdane ist.“

„Soweit ich das erinnere, hat er bisher einen mittelmäßigen Tjost geritten. Keine Ahnung, wie er es bis in diese Runde geschafft hat“, ergänzte Aardor. „Gibt eigentlich wenig Grund, ihn zu fordern. Viel Ruhm wirst du damit nicht an deinen Schild heften.“

„Herr Halmar hat die vergangenen sieben Götterläufe seines Lebens mehrheitlich an der Ostfront verbracht“, meldete sich Satijana unversehens zu Wort. „Zuletzt in Tobrien.“

Widderich wandte sich von Rossgilda ab und sah seine Gemahlin verwundert an. Sie saß auf einem Schemel ganz in seiner Nähe und zwang ihre blonde Haarpracht in einen dicken, geflochtenen Zopf. So ganz ohne Spiegel schien ihm das keine einfache Aufgabe. Deshalb war er davon ausgegangen, dass sie ihnen nicht zuhörte. Offenbar irrig.

„Ich schätze, er hat dort vieles gesehen, was dir auch zu Augen kam“, meinte sie, nachdem sie seinen Blick gefunden hatte. „Und vieles getan, was du genauso gern unterlassen hättest. Vermutlich hatte er derweilen nicht viel Zeit, sich im Turnierreiten zu üben. Aber es soll hier ja andere Ritter geben, denen es auch nicht viel anders ergangen ist. Ich mag kein Urteil über sie fällen, würde jedoch sagen, sie haben genauso viel Respekt verdient wie alle anderen. Und Gegner, die ihnen eben jenen zollen.“

„Hört, hört“, murmelte Widderich, während er Satijana zulächelte und sacht den Kopf schüttelte. Manchmal kam es ihr vor, als würde sie ihn mittlerweile zu gut kennen. Er fragte sich, wie lange sie schon wusste, was sie eben gesagt hatte – und dass der Sindelsaum sein nächster Gegner sein würde. „Wo hast du das alles erfahren?“

„Gestern bin ich der Frau von Herrn Halmar begegnet und habe mich ein bisschen mit ihr unterhalten. Ein ganz reizendes, grundanständiges Wesen. Na, jedenfalls dachte ich, es könnte dich interessieren.“

Widderich nickte: „In der Tat.“


***


Widderich lag auf dem Rücken und starrte verwundert in den Himmel auf. Knallblau war der. Kein Wölkchen zu sehen. Dafür wurde er von den Streben seines Visiers zerteilt. Störend! Das galt auch für etwas Hartes, überaus Spitzes, das sich gnadenlos in sein Kreuz bohrte. Er hoffte, dass es nicht der Eberfänger war, der sich auf mysteriöse Art von seinem Gürtel gelöst hatte, um ihn von hinten zu erdolchen. Etwa so wie die Ahnen, die sich auf der Zielgeraden abgewandt und ihm das letzte Quäntchen Glück versagt hatten. Treulose Dreckstotengeister!

Der Rotenforster stöhnte missgelaunt. So eine verfluchte Scheiße! Das war bescheiden gelaufen! Wirklich verdammt bescheiden! Es kotzte ihn an, um ehrlich zu sein. Und leider musste er sich den Fehler selbst ankreiden. Ein trockenes Lachen entrang sich seiner Kehle, als er erinnerte, wie er den Viererler nach dem letzten Durchgang ermahnt hatte, besser auf seine Wehr zu achten. Jaaaaa, das war immer ein guter Rat. Wirkte nur überzeugender, wenn derjenige, der ihn gab, sich auch selbst daran hielt.

Er schloss die Augen und nahm sich einen Moment, um nach Ursachen zu forschen. Er war nicht ganz bei der Sache gewesen. So viel stand fest. War in Gedanken an Orten herumgedriftet, die eigentlich hinter ihm lagen. Weit hinter ihm. Aber nicht so weit hinter dem Sindelsaumer. Ein Blick in dessen Augen hatte gereicht, um Erinnerungen zu wecken. Dumpfen Schmerz bloß in seinen Eingeweiden, der während eines kurzen Gesprächs aber noch sehr scharf aus der Stimme des Koschers herausklang. Gern hätte Widderich dem Kerl ein paar aufmunternde Worte mitgegeben, aber in solchen Dingen versagte er regelmäßig. Also schwieg er sich aus.

Schwieg sich aus, während er innerlich zu dem Schluss gelangte, dass der Sindelsaumer den Sieg hier und jetzt besser gebrauchen konnte als er. Ein törichter Gedanke. Eigentlich hätte er den ohne Mühe abschütteln können müssen. Dafür war er ja seit bald zwei Dekaden Ritter und Überlebender vieler Schlachten und Scharmützel. Allein, heute hatte es ihm an Disziplin gemangelt. An Konzentration. Und ... am letzten Willen? Konnte ja nicht sein, dass sein Arm schlagartig zu schwach geworden war, um einen vermaledeiten Schild zu heben?

Widderich bewegte die Finger der linken Hand, öffnete die Augen und erschrak fürchterlich, als er nicht in den Himmel, sondern in die Augen seines Gegners blickte.

„Geht es Euch gut, Hochgeboren?“, fragte der Baronet.

„Ja, Mann!“, brummte er unwirsch. „Alles bestens. Ich bin nur damit beschäftigt, mich selbst einen Trottel zu heißen. Im ersten Anritt ... so eine Schande!“

Der irritierte Blick des Koschers verriet ihm, dass er sich im Ton vergriffen hatte. Er machte eine beschwichtigende Geste, bevor er sich auf die Beine mühte. Als sie einander gegenüber standen, öffnete Widderich sein Visier, klopfte er dem Jüngeren auf die Schulter und seufzte.

„Tut mir leid, Halmar. Ich hätte dir gern einen guten Kampf geboten, aber wie es scheint, wollte die Herrin Sturmesgleich dir heute keinen ehrenvollen Sieg schenken.“ Es scherte ihn im Augenblick einen Scheißdreck, dass es im Kosch sicher nicht üblich war, andere Ritter ohne Ansehen von Stand und Dünkel rundheraus zu duzen. Er tat es einfach. Wie gewohnt. „Ich schlage vor, du holst den im Finale raus. Gegen die Besten der Besten sollte das ja irgendwie möglich sein. Und falls es dir stattdessen ergehen sollte wie mir gerade: Du weißt, wo du mich findest. Dann heben wir einen. Schätze, es gibt einiges zu erzählen.“

Halmar grinste. „Komm doch einfach heute Abend vor dem Bankett beim Sindelhof in der Stadt vorbei. Im Garten lässt es sich viel angenehmer plaudern, als im Zeltlager hier. Mein Waffenknecht kann dich abholen und dir den Weg zeigen, falls du möchtest. Ansonsten ist es aber nicht schwer zu finden. Die Angbarer werden dir sicher weiterhelfen. Unsere hügelzwergische Köchin wird sicher ein paar Leckereien vorbereitet haben, nicht dass wir die vor dem Bankett beim Fürsten bräuchten.“

Halmar lächelte schief. Der Lanzengang schien seinen Hunger hervorgerufen zu haben.

Angenehm plaudern? Hügelzwergische Köchin? Leckereien? Garten im Sindelhof? Besser als der Zeltplatz??? Widderich blickte den Koscher einen Moment schweigend an und hoffte, dass die Konsternation nicht allzu offensichtlich in seinen Augen blitzte. Das kam ... unerwartet! Er hatte sich einen Austausch unter ehemaligen Streitern von der Ostfront etwas anders vorgestellt, aber das hier war eine Einladung. Gastfreundschaft. Und so was schlug man nicht aus.

„In den ... Sindelhof“, echote er und überlegte kurz. „Bis zum nächsten Bankett hier am Platz wird das Essen Eurer Köchin schon verdaut sein. Also spricht ja nichts dagegen!“ Ein schiefes Lächeln schlich sich auf die Lippen des Rauheneck, als er dem Sindelsaumer zunickte. „Einen Waffenknecht müsst Ihr dafür nicht abstellen. Wir finden unseren Weg schon. Ich nehme doch an, die Einladung zum Bankett gilt nicht nur mir, sondern auch meiner Gemahlin?“

„Aber selbstverständlich“, erwiderte Halmar, reichte dem Weidener die Hand zum Kriegergruß und schritt dann langsam von der Tjostbahn.

 
Finale des Tjosts/Runde 5
Brodilsgrund vor Angbar, 19. Rondra 1041 BF

Adaque Silmariel Etiliana von Mersingen saß auf ihrem Dunkelfuchs aus Rappenfluher Zucht. Sie tätschelte Madaleth noch einmal kurz liebevoll den Hals und sandte ein kurzes Gebet an Tharvun. Dieser sollte dafür sorgen, dass ihr geliebtes Pferd auch dieses Duell ohne Verletzungen überstand. Ihr Gegner brauchte noch einen Moment, was Adaque die Gelegenheit gab, kurz über den bisherigen Verlauf des Turniers nachzudenken.

Ihr hatte Angbar ausnehmend gut gefallen und sie hatte fest vor, bei der nächsten Gelegenheit noch mehr Zeit in der Stadt zu verbringen. Vor allem aber auch mehr Geld mitzubringen. Am besten gleich noch einen weiteren Wagen. Was es hier an Handwerksstücken gab, suchte seinesgleichen. Auch der Besuch im Ingerimmtempel war besonders gewesen. Sie hatte sich dem Himmlischen Schmied noch nie so nah gefühlt. Die Gaststuben Aventuriens waren ebenfalls etwas, was sie in dieser Form noch nie gesehen hatte. Bei einem Besuch dort hatte sich sogar eine interessante Lösung für ihre Baduarsburg in Gareth gefunden.

Was ihr dagegen nicht so gut gefallen hatte war der Verlauf des Turniers. Jemandem, der sie kannte, würde das zunächst nicht ungewöhnlich vorkommen. Adaque war kein Freund vom Kämpfen zum Spaß ... ehrlich gesagt noch nicht einmal zu Übungszwecken. Würde sie nicht in der Heldentrutz leben, sondern in der sicheren Goldenen Au oder ähnlichen Gegenden, sie würde ihr hart in der Knappenzeit erlerntes Können im Waffenhandwerk umfassend vernachlässigen. So zwang sie sich, ihr Können zu bewahren, aber Freude empfand sie dabei nicht. Auch war ihr natürlich bewusst, was ihr Stand mit sich brachte – gerade in Weiden. So hatte sie ganz selbstverständlich bei dieser großen Rundreise, die sie mit ihrem Mann und ihrer Familie zusammen unternahm, an jedem Turnier teilgenommen. Die Götter hatten es gefügt, dass sie dabei fast jedes Mal weiter als ihr Gemahl gekommen war. Doch das war es nicht, was ihr an diesem Turnier nicht gefallen hatte.

Es fing bei dem Ausscheiden von Firian an. Sie wusste natürlich um den Ruf ihres Mannes und seiner, nun auch ihrer, Familie. Ebenso, dass nicht viele Standesgenossen seine guten Seiten kannten und sahen. Doch bei der Begegnung mit diesem Ritter Falk ... wenn sie es nicht besser wüsste, hätte sie an eine Verschwörung glauben können. Doch das traute sie den braven und grundehrlichen Koschern nicht zu. Der Gegner ihres Gemahls war, wie man hörte, ein uralter Mann von über 70 Wintern. Dazu mit zweifelhaftem Auftreten und nicht selten verwirrtem Geist und ebenso wirren Handlungen.

Firian war zwar streng nach den Lehren des Alten vom Berg erzogen aber natürlich dennoch  nicht gegen Hochmut gefeit, und er hatte die Strafe dafür sogleich bekommen. Siegessicher zog er in die Tjostbahn ein und war dann von einem alten Ritter, dessen Anritt absolut nicht zu der vorher genannten Beschreibung passte, kurzerhand aus dem Sattel gehauen worden. Adaque zwang sich, nicht länger über diesen Auftritt ihres Gemahls und vor allem seines Gegners nachzudenken. Tat sie es nämlich, kam sie immer wieder zu dem gleichen Ergebnis: Ein Mann von über 70 Wintern, der sich in einem angeblich derart verheerenden Zustand befand, konnte eigentlich unmöglich so kämpfen. Zumal er dann in dem anschließenden Kampf kläglichst ausschied.

Ebenso fingen einige an, Firian im Anschluss an den Kampf gegen Ritter Falk zu verhöhnen. Dafür, dass er gegen so einen alten Mann ausgeschieden war. Das war das erste Mal, dass Adaque Nimmgalf von Hirschfurten negativ auffiel. Sie hatte von jemandem mit seinem Ruf besseres erwartet. Vor allem, dass er dann auch noch versuchte Firian dadurch zu ärgern, dass er rumposaunte, dessen Frau könne ja besser kämpfen als er, stieß ihr übel auf. Wo lebte dieser Mann denn, dass das für ihn etwas war, für das man sich schämen musste? Firian jedenfalls ärgerte sich eine Weile verständlicherweise über sein erneut frühes Ausscheiden. Doch bald schon überstieg der Stolz auf Adaque den Ärger und er fieberte mit ihr mit.

Adaque fand ebenfalls, dass es richtig gut lief. Runde für Runde besiegte sie Gegner, die eigentlich besser als sie eingeschätzt wurden. Ebenso erfreulich war, dass sich der Erste Ritter der Baronie Schneehag, Rauert Stelin von Runkeln, ausgenommen gut schlug und Runde um Runde hinter sich brachte.

Nach ihrem Sieg über den hoch eingeschätzten Rondrageweihten Rondradan Zweiflamm vom Rhodenstein und Rauerts Sieg über Farelius Sansarius von Silberquell, suchten sie den Angbarer Rondratempel auf. Beide hauptsächlich, um sich für den Segen, den Rondra offensichtlich bisher auf sie hatte wirken lassen, zu bedanken. Schwertbruder Leodan Stahlsang von Tandosch, der der „Halle der Kämpfer zu Angbar“ vorstand, nahm ihre Opfergaben an und spendete ihnen seinen Segen. Doch bei den Worten schwang ein Unterton mit, der beiden Weidenern merkwürdig vorkam. Auf dem Weg zurück zum Turnierplatz wunderten sie sich noch – und bemerkten dabei, dass sie sich nicht erinnern konnten, den Geweihten schon auf der Turney gesehen zu haben. Am Turnierplatz angekommen stellten sie fest, dass das Finale schon beginnen sollte.

Doch es waren keineswegs die üblichen rondragefälligen Zweikämpfe vorgesehen, sondern eine Art Turnier im Turnier. Teilnehmen würden neben Adaque und Rauert erwartungsgemäß noch Nimmgalf von Hirschfurten und Halmar von Sindelsaum. Dazu kam als fünfter Kämpfer ein gewisser Angbart von Salzmarken-See. Ein Ritter, der im ganzen Turnier irgendwie blass und nichtssagend geblieben war. Adaque konnte sich überhaupt nur an ihn und an seine bisherige Teilnahme erinnern, als sein Name aufgerufen wurde. Obwohl er Koscher war, erhielt er vom größten Teil des Publikums eher Schmähungen als Jubel. Darüber hinaus hatte Adaque von ihm aber kein Wort gehört.

„Nun gut, andere Länder andere Sitten“, dachte sich Adaque, auch wenn sie insgeheim gern hören würde was ein Geweihter der Rondra zu diesem Modus sagen würde. Der Ablauf wurde erklärt: Es sollte ein jeder gegen jeden anderen Finalteilnehmer streiten und wer dann die meisten Siege hatte, der wäre der Sieger des Turniers. Das wars! Stirnrunzelnd und leicht kopfschüttelnd nahmen Adaque und Rauert den Ablauf hin und sagten sich mehr als einmal, dass es nun mal nicht ihr Haus war und deshalb der Hausherr die Regeln aufstellte. Das war definitiv gutes Recht!

Es begann schlecht für Adaque und Rauert. Sie beiden verloren ihre ersten Paarungen. Beide wurden zwar nicht aus dem Sattel gehoben, aber verloren nach Lanzen. Das anschließende Duell mussten sie gegeneinander reiten. Beide fühlten sich irgendwie befangen. Nicht weil hier Aftervasall gegen Lehnsherrin ritt, sondern weil beide eigentlich fanden, dass sie schon ausgeschieden sein müssten, in einem normalen Tjost jedenfalls. Das Duell endete mit einem Sieg von Adaque, auch wenn sie sich an den Verlauf nicht mehr wirklich erinnern konnte. Rauert stritt im Anschluss gegen diesen blassen Angbart von Salzmarken-See und holte seinen ersten Sieg. Dann war es so weit und Adaque kehrte aus ihrer Grübelei zurück ins Hier und Jetzt und blickte auf die andere Seite der Turnierbahn.

Da war er, die Legende Nimmgalf von Hirschfurten! Sie hatte lange Zeit Hochachtung vor seinem Ruf und seinen überlieferten Taten empfunden. Doch so, wie er sich hier in Angbar gebärdete, war dieses Gefühl gewichen und fast zu Scham geworden. Hochmütig sonnte er sich im Jubel des Publikums. Aber es waren vor allem seine Äußerungen, dass Frauen doch die  schlechteren Kämpfer sein müssten und die Versuche, Firian durch den Hinweis darauf, dass sie besser als er kämpfen konnte, in Rage zu bringen, die Adaque ernüchterten. Das war so absurd und schon fast ... novadisch. Adaque spürte so etwas wie Zorn und Freude in sich aufsteigen, bei dem Gedanken an das gleich Kommende. Das erste Mal in ihrem Leben, wenn es ums Tjosten ging! Sie wollte es diesem Kerl zeigen! Ihm zeigen, wozu eine Frau und dazu auch noch eine Viertelelfe in der Lage war. Sie sandte ein Stoßgebet und Rondra und ritt an.

Der erste Durchgang brachte ihr einen ordentlichen Treffer beim Hirschfurten ein. Viel hatte nicht gefehlt und er wäre aus dem Sattel gegangen. Später hörte Adaque von einem Zuschauer, dass Nimmgalf danach noch hochmütig ausrief, dass die Sonne ihn geblendet hätte. Der zweite Durchgang folgte und beide schafften es nicht, eine Lanze zu brechen. Adaque spürte mit jeder Faser die überlegenen Fähigkeiten ihres Gegners. Er war ihr Jahrzehnte an Übung und einigen echten Kämpfen überlegen. Der dritte Durchgang folgte und gerade noch rechtzeitig erkannte Adaque, dass ihr Gegner nun alles in seinen Angriff legte. Ihre eigene Lanze blieb knapp heile während die von Nimmgalf an ihrer Abwehr zerbrach. Aber sie blieb im Sattel!

Das hieß Zweikampf am Boden!

Als sie sich näherten, sah Adaque den Unglauben in Nimmgalfs Augen. Darüber, dass sein letzter Stoß sie nicht in den Staub geschickt hatte. War da vielleicht auch so etwas wie Furcht? Es blieb keine Zeit, um es genauer zu beobachten. Adaque bemerkte sofort, dass Nimmgalf mindestens doppelt so gut wie sie war. Wie er die Manöver ausführte, die Attacken und Paraden. Man erkannte, dass er fast zwei Jahrzehnte mehr als Adaque mit dem Waffenhandwerk verbracht hatte. Doch bei aller Überlegenheit: Es schien so, dass Rondra ihn für seinen Hochmut – allgemein und den gegenüber Frauen – bestrafen wollte. Adaque nutzte Lücken, die sie gar nicht gesehen hatte, und wehrte Attacken ab, die sie erst nach der Abwehr wahrnahm.

Nach dem ersten Schlagabtausch stieß der Hirschfurten aus, dass die „Halbelfe“ ihn doch verhext haben musste. Dies zeigte wieder einmal, wie viel Respekt Nimmgalf den meisten seiner Gegner entgegenbrachte. Weder Wappen noch Namen, ja, sogar Abstammung merkte er sich korrekt. Zorn wallte in ihr auf und der nächste Schlagabtausch folgte. Sie konnte sich nicht erinnern, wie sie ihn geführt hatte, aber am Ende lag Nimmgalf von Hirschfurten am Boden. Sie hatte den großen ... die Turnierlegende in den Staub geschickt!

Da von diesem mehrfach nur gutturale Laute, die sich am ehesten nach „ARRGH“ anhörten kamen, nickte Adaque ihrem Gegner kurz zu und verließ die Kampfbahn. Erst am Ende der Bahn nahm sie den Jubel in Teilen des Publikums war. Es waren hauptsächlich die Weidener. Der Rest war mehr in ungläubiges Schweigen gehüllt.


***


Das Turnier ging nach diesem Kampf, der für Adaque so was wie ein Finale gewesen war und für sie definitiv danach hätte enden können, weiter. Rauert hatte sein letztes Duell und schickte Halmar von Sindelsaum im ersten Anritt in den Sand der Turnierbahn. Damit hatte er insgesamt zwei Siege errungen. Einen gegen Angbart von Salzmarken-See und eben einen gegen Halmar von Sindelsaum. Adaque trat anschließend zum letzten Duell des Tjosts an. So nahm sie zu diesem Zeitpunkt jedenfalls an. Es ging gegen Angbart von Salzmarken-See, den sie zwar nicht aus dem Sattel heben konnte, aber mit 2 zu 0 Lanzen besiegte.

Es selbst noch nicht wahrhabend, brachten ihr erst der Jubel der Weidener und ihr heranstürmender Gemahl die Erkenntnis: Sie hatte gerade ihren dritten Sieg errungen. Einen gegen Rauert, einen gegen Nimmgalf von Hirschfurten und einen gegen Angbart. Zwar hatte Nimmgalf auch drei Siege, aber für jeden Weidener hier auf dem Platz war in diesem Moment glasklar, dass aufgrund des Sieges im direkten Duell – und das war ein Tjost ja: ein Duell zwischen zwei Kämpfern – Adaque als Turniersiegerin feststand. Der Jubel wurde noch größer, als man feststellte, dass Rauert nach dem Empfinden aller Dritter sein müsste. Da er zwar ebenso wie Halmar von Sindelsaum zwei Siege hatte, aber das Duell gegen eben diesen Halmar für sich entschieden hatte.

Die Weidener wollten schon beginnen, den Sieg und den dritten Platz zu feiern. Bierhumpen wurden verteilt und ein erstes Mal angestoßen. Die Knappen fingen an, die Rüstungen zu lockern. Als dann langsam eine Erkenntnis bei allen ankam. Der erste Bote wurde noch lachend mit einer Kopfnuss und einem Humpen Bier als Entschädigung weggeschickt. Doch ein zweiter und schließlich ein dritter, mit ultimativer Aufforderung, ließen den schlechten Witz zur Gewissheit werden. Die Turnierleitung war der Meinung, dass es weitere Duelle geben müsse, um den Sieger festzustellen. Scheinbar hatte niemand vorher damit gerechnet, dass es einen Gleichstand nach Siegen bei diesem merkwürdigen Modus geben könnte. Sowohl Adaque als auch Rauert wurden aufgefordert, sich bereitzumachen und jetzt gleich noch mal gegen Nimmgalf und Halmar in die Tjostbahn zu begeben.

Die Reaktionen der Weidener lagen irgendwo zwischen ungläubigen Staunen, verärgertem Kopfschütteln und Zorn. War der Finalmodus nach ihrer Meinung schon rondraungefällig, verließ man nun damit endgültig deren Pfade und näherte sich wohl am ehestens Phex an. Wie auch immer: Alle Argumente, in welcher Form sie auch immer, wurden ignoriert. Es blieb keine Wahl. Schweigend legten sowohl Adaque als auch Rauert ihre bereits abgelegten Rüstungsteile wieder an.


***


Die dann folgenden Duelle sind schnell erzählt: Rauert unterlag gegen Halmar, als dieser ihn im zweiten Anritt aus dem Sattel holte. Er hatte scheinbar eine Lücke in Rauerts an sich guter Deckung gefunden und setzte seine Lanze ganz knapp über Rauerts Schild. Bei aller Sattelfestigkeit holte das den Schneehager Dienstritter aus dem Sattel. Benommen blieb er zunächst liegen und stand dann doch auf. Den Gruß seines Gegners, erfolgt in Rondras Namen, konnte und wollte er nicht mehr auf gleiche Weise zurückgeben. Rondra hatte seiner festen Überzeugung nach diese Veranstaltung verlassen.

Danach folgte der Tjost zwischen Adaque und Nimmgalf. Adaque merkte sofort, dass aller Hochmut aus dem Hirschfurten gewichen war. Er empfand es offensichtlich als große Schande, im Staub gelandet zu sein. Adaque fühlte in sich hinein. Sie spürte weder Freude, wie vor dem ersten Duell, noch den Beistand durch die Sturmleuin. Da war einfach nichts ... Sie dachte kurz darüber nach, einfach aufzugeben. Nicht zu riskieren, dass ihr Pferd Schaden nahm. Doch nach einem Herzschlag verwarf sie diesen Gedanken. Das würde weder der Sturmleuin gefallen noch ihrem Gemahl. Es wäre Unrecht gegenüber ihrem Stand! Also ritt sie an. Nimmgalf ließ ihr keine Chance. Nach drei Durchgängen blieb ihr als einziger Trost, dass sie das ganze Turnier nicht aus dem Sattel gestoßen worden war. Während der Hirschfurten sich also in seinem Sieg sonnte, verließ sie die Kampfbahn und war nur dankbar, dass Madaleth unverletzt war.


***


Ein aufgeweckter Weidener wandte sich im Anschluss noch an die Turnierleitung und fragte nach, ob es denn jetzt ein weiteres Stechen geben würde. Denn nun hätten ja sowohl Nimmgalf als auch Adaque sich gegenseitig jeweils einmal besiegt. Die Anfrage wurde aber abgeschmettert. Bei der anschließenden Siegerehrung wahrte Adaque die Fassung und fühlte sich geehrt, noch einmal direkt mit dem schon sehr kränklich wirkenden Fürst Blasius vom Eberstamm, genannt „der Reichstreue“, sprechen zu können. Auch Firian ließ es sich nicht nehmen, bei dieser Gelegenheit dem Fürsten des Kosches noch einmal seine Aufwartung zu machen. Beide verspürten danach großen Dank für die Begegnung – auch wenn sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht wussten, dass dies das letzte Fürstenturnier von Fürst Blasius gewesen war.


***


Satijana tat es mittlerweile fast leid, den Namen Sindelsaum je erwähnt zu haben. Nicht etwa, weil dieser Halmar ein schlechter Kerl gewesen wäre. Oh nein. Er nicht und seine Frau nicht und die Kinder nicht und schon gar nicht die Köchin im Sindelhof, die ihr Handwerk trefflich beherrschte. Vielmehr dauerte es sie, dass das Aufeinandertreffen des Koschers mit Widderich für eben jenen einen so enttäuschenden Verlauf genommen hatte. Nachdem er sich in den Runden davor ausnehmend gut geschlagen hatte, verließ ihn Rondras Huld so kurz vor dem Finale. Ausgerechnet. Und zwar nicht nur ein kleines bisschen, sondern ganz. Im ersten Anritt war er gefallen. Knapp zwar – es hatte einen Moment ausgesehen, als würde er sich trotz des perfekten Treffers von Halmar im Sattel halten –, aber er war gefallen. Und das beeinträchtigte seine Laune nun nachhaltig.

Die krachende Niederlage im Buhurt? Vergessen. Das Ausscheiden kurz vor der Finalrunde im Zweihandkampf, seiner liebsten Disziplin? Geschenkt! Aber der Sturz im Tjost? Offenbar ein großes Problem. Dabei war das doch der Teil des Turniers, der ihn im Vorfeld am wenigsten interessiert hatte. Satijana brauchte Rossgildas Hilfe, um zu begreifen, woran es lag. Offenbar hatte der werte Herr Baron sich in seinem letzten Lanzengang nicht gerade mit Ruhm bekleckert. War in Sachen Deckung derart nachlässig gewesen, dass er es nicht besser verdiente, als im Staub zu landen. Kurzum: Er hatte seinen Ahnen keine Ehre gemacht, seinem Gegner keinen guten Kampf geboten und war sich selbst offenbar auch nicht gerecht geworden.

Das wurmte ihn. Er saß allenthalben schweigend und mit gerunzelter Stirn in der Gegend herum und ging die Situation im Kopf vermutlich immer und immer wieder durch. So einer war er nun mal leider. Jemand, der Fehler im Nachhinein sezierte und versuchte, seine Lehren daraus zu ziehen. Ganz anders als sie, die lieber rasch einen Haken hinter alles setzte, was irgendwie dumm gelaufen war. Das schien ihr der bessere Weg. Einfacher. Nicht so betrüblich. Doch schaffte sie es nicht, Widderich auch nur ein bisschen was von dieser Leichtigkeit zu vermitteln. Und sie schaffte es nicht, sein grüblerisches Gebaren zu ignorieren. Ihn kommentarlos in seinem selbst gewählten Elend schmoren zu lassen. Sie hatte es schön gefunden, hier im Kosch, daher kam es nicht in Frage, dass sie die Heimreise in derart gedrückter Stimmung antraten! Der Gedanke brachte Satijana schließlich ebenfalls ins Grübeln.

Sie hoffte, dass das Finale im Tjost die Stimmung des alten Griesgrams wieder aufhellen würde. Schließlich bestand mit zwei qualifizierten Streitern durchaus noch die Chance, das ruhmreiche Banner der Bärenlande aufrecht zu halten. Außerdem hatte sie während des gesamten Verlaufs der Turney den Eindruck gehabt, dass Widderich in Gegenwart der Kampfgefährten aus seiner Heimat erstaunlich rasch auftaute. Bei den Finalritten sah dann zunächst auch alles gut aus. Als die Streiter aus der Mittnacht sich am Rande der Tjostbahn sammelten – nicht auf der Tribüne, sondern auf der gegenüberliegenden Seite, vermutlich weil Trutzer und Sichler eine angeborene Scheu vor Tribünen hatten – war die Stimmung gelöst.

Die ersten Lanzengänge verfolgten die Herrschaften noch mit offensichtlichem Vergnügen und als es Adaque von Mersingen schließlich gelang, den haushohen Favoriten Nimmgalf von Hirschfurten im Fußkampf zu bezwingen, war der Jubel groß. Da wurden die ersten Stumpen mit Bärentod herumgereicht und Firian Böcklin sah aus, als wolle er vor Stolz auf seine Gemahlin platzen. So wie Satijana ihre Gefährten verstand, sicherte sich Adaque kurz darauf mit einem Sieg über Angbart von Salzmarken-See den ersten Platz im Tjost – und Rauert hatte kurz davor im Lanzengang gegen den Sindelsaum den dritten Platz erstritten. Es war das reinste Fest!

Danach ... passierte etwas, das sie nicht recht verstand. Als Adaque zu einem zweiten Duell gegen Nimmgalf aufgerufen wurde und Rauert zu einem zweiten gegen den Sindelsaum, hätte sie gern die eine oder andere Frage gestellt, aber niemand stand für Antworten zur Verfügung: Aardor blickte ebenso ratlos wie sie, der Schneehager war mit einem Mal von den Zehenspitzen bis zum Haaransatz lodernder Zorn, der Dergelqueller brummelte kopfschüttelnd irgendwelche Unverständlichkeiten in seinen Bart hinein und Widderich stand mit missbilligend gerunzelter Stirn und starrem Blick da. Einzig Bärfried hatte sich sein Lächeln bewahrt, aber es wirkte eher höhnisch als amüsiert und ermutigte nicht dazu, ihn anzusprechen.

Also folgte Satijana dem weiteren Geschehen schweigend und bezeugte in einer Mischung aus Widerwillen und Unglauben, wie Adaque und Rauert ihren bereits bezwungenen Gegnern im zweiten Durchlauf jeweils unterlagen. Offenbar rutschten sie damit in der Wertung beide einen Platz nach hinten – und die Stimmung der Weidener im gleichen Moment auf einen bisher ungekannten Tiefpunkt. Betroffen sah Satijana auf die Gesichter, die nun allesamt missvergnügt wirkten wie das ihres Mannes nach seiner gestrigen Niederlage. Das hier gerade ... das war ein riesen Debakel. Es war an Kontraproduktivität nicht zu überbieten und durfte keinesfalls so stehenbleiben! Es waren nicht „ihre“ Weidener, die da jetzt in fassungslosem Unmut bei einander standen. So hatte sie sie nicht kennen und schätzen gelernt und mit der aufrechten Haltung, die sie in den vergangenen Tagen stets gewahrt hatten, verdiente ihr Ausflug in den Kosch auch einen deutlich versöhnlicheren Schlusspunkt!

Nachdem es den Rittern nicht mehr vergönnt sein würde, die rechten Verhältnisse auf dem Feld der Ehre wiederherzustellen, fühlte sich Satijana für einen Moment ratlos und überfordert. Dann gelangte sie jedoch zu dem Schluss, dass es möglicherweise noch einen halbwegs wirksamen Stimmungsaufheller gab: ein Beisammensein in geschlossener Runde. Die Weidener hatten in den vergangenen Tagen ein paarmal mehr oder minder zufällig zusammengefunden und sich stets gut unterhalten. Warum ein solches Treffen nicht mal mutwillig herbeiführen? Und im Zweifel mit vorsichtig lenkender Hand für bessere Laune sorgen? Während um sie herum leise geflucht und geschimpft wurde, begann Satijana Gedanken zu jonglieren. Überlegte im Stillen, was mit den wenigen Mitteln, die ihr hier zu Gebote standen, möglich war und was nicht.

Eine lange Tafel und ein paar der berüchtigten Koscher Bierbänke konnte sie hier am Platz ausleihen. Geschirr und Besteck sicher auch. Kerzen und ein großes Leintuch in der Stadt zu erstehen, war kein Hexenwerk – zum Glück lagerten sie ja direkt vor ihren Toren. Was zu trinken?! Ferdoker. Einfach, damit das jeder mal probiert hatte. Den Vorrat von Bärfang vielleicht? Der kam ja eh noch mal in der Grafenstadt vorbei und konnte dort mit seinen Wettgewinnen wieder aufstocken. Aber das würde kaum reichen. Sie brauchte auch Brannt. Dringend. Schließlich waren es Weidener, mit denen sie hier zu tun hatte. Aus der Sichelwacht und der Heldentrutz noch dazu. Also aus den Gegenden, in denen man sich gern mit härterem Zeug effizienter und billiger besoff als im Herzen der Mittnacht. Was zu Essen ... ja ... woher am besten? Sie würde Rossgilda mit ins Boot holen müssen!

Satijana suchte den Blick der Knappin, doch im Moment blickte die peinlich berührt auf den Boden, weil Bärfang die Koscher und ihr Turnierwesen aufs Übelste schmähte – und dabei nicht mit Begriffen sparte, die alles andere als ziemlich waren. Satijana seufzte leise und spann ihren Plan weiter. Sie durfte nicht vergessen, die Gäste einzuladen und musste im Voraus wissen, wie viele es werden würden. Teils hatten die Ritter ihre Frauen dabei. Knappen ... und ... Satijana hielt inne. Sie brauchte etwas zum Schreiben, sonst würde das Vorhaben in die Binsen gehen, und das kam nicht in Frage. Jetzt, da es nicht mehr nur um Widderichs unnötige Selbstzerfleischung, sondern um etwas Größeres ging, gleich dreimal nicht!