Auf in den Kosch - Zu Gast bei der milden Hilde

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Zu Gast bei der milden Hilde
Gut Dragenwaht, Junkergut Uhlengrund, Mitte Rahja 1040 BF

Es waren die beim nahen Fenster in den Raum dringenden Strahlen des aufgehenden Praiosmals, die Bärfried von Sunderhardt wecken sollten. Seufzend rieb er sich den Schlaf aus seinen Augen. Die Luft in seinem Gemach stand und obwohl er bar jeder Kleidung nächtigte, war sein Lager schweißnass. Sein Blick wanderte weiter zu seiner Rechten. Genauer gesagt auf den hübschen Rücken, den schier endlos langen Schwall an feuerroten Locken und das wohl gerundete Hinterteil seines Eheweibs Branda. Ihr gleichmäßig gehender Atem verriet Bärfried, dass sie wohl noch in Borons Armen ruhte, was ihn jedoch nicht daran hinderte, sich eng an ihren kühlen, seitlinks liegenden Körper zu schmiegen. Anders als der Junker selbst schien sein Weib nicht unter der herrschenden Hitze zu leiden. Sanft strich er über ihren Bauch und ihre Seite hinunter zu ihrer Hüfte. Das Lächeln auf Brandas Lippen verriet, dass es nun auch um ihren Schlaf geschehen war.

„Du bist unersättlich...“, flüsterte sie in gespielt anklagendem Ton, als sie sich auf den Rücken legte und ihre blauen Augen die seinen suchten.

„Ja, aber du machst es mir auch wirklich nicht leicht, Liebste“, er ließ seinen Blick noch einmal über ihren Leib schweifen, dann hob er lächelnd aber schuldbewusst seine Schultern.

„Ooooh, du Ärmster ...“, Branda schürzte ihre Lippen, dann strich sie ihrem Gemahl sanft über die Wange.

„Möchtest du mich nicht in den Kosch begleiten? So lange ohne dich ...“, Bärfried führte die Hand seiner Frau von seiner Wange zu seinem Mund und küsste sie.

„Tja, du musst ja nicht gehen“, gab sie daraufhin zu bedenken. „Und irgendjemand muss doch auf das Gut und die Menschen hier achtgeben, während du weg bist.“

„Hmmm, ja das stimmt ...“, Bärfried senkte seinen Blick. „... ich habe entschieden, mit dem neuen Baron von Rotenforst anzureisen. Keine Ahnung was der im Kosch auf einem Turnier sucht, aber so eine weite gemeinsame Reise ist für uns eine große Möglichkeit, ein Naheverhältnis zu ihm aufzubauen. Und das kann uns nur zum Vorteil gereichen.“

„Soso ...“, meinte Branda gespielt beleidigt, „... du ziehst Widderich von Rauheneck deinem Eheweib vor. Und was sagt deine Baronin überhaupt dazu? Steht die nicht in Konkurrenz zu den Rauhenecks?“

„Ach, lass Mirnhilde meine Sorge sein...“, wischte der Junker die Bedenken seiner Frau vom Tisch. Dann beugte er sich über Branda und küsste sie leidenschaftlich, nur um just in dem Moment, da er seine Küsse auf ihren Hals verlagerte, von einem Klopfen an der Tür unterbrochen zu werden.

„Herr...“, kam es von draußen durch die Tür.
„Verdammt Gilm, verschwinde ...“, antwortete der Junker von Uhlengrund ungehalten.

„Es ist wichtig, Herr ...“, ließ sich sein Knecht jedoch nicht abwimmeln.

„Ich hoffe für ihn, dass eine Legion Rotpelze vor der Palisade steht ...“, murmelte Bärfried, als er sich von seiner Frau löste und zornig zur Tür stapfte. In einer ruckartigen Bewegung öffnete er die Holztür zu seinem Gemach. „Was?“, fuhr er seinen Knecht an.

„Herr ...“, es fiel Gilm sichtlich schwer, den nackten Zustand seines Dienstherrn zu ignorieren, „... äh ... Herr ... ein Bote Mirnhildes ist angekommen ... . Sie schickt nach Dir. Unverzüglich.“ Sein Blick fiel hinein ins Zimmer auf das Bett seines Herrn, auf dem Branda nun aufrecht saß und interessiert lauschte. Auch sie verschwendete keinen Gedanken daran, ihre Blöße zu bedecken. „Herrin ...“, murmelte er grüßend und mit aufkommender Röte im Gesicht.

„Ach Goblindreck ... ja gut ich komme ...“, resignierend fügte sich Bärfried seinem Schicksal.

„Lass Mirnhilde mal meine Sorge sein ...“, äffte Branda ihn spöttisch nach, als er begann, sich anzukleiden. Als Bärfried sie daraufhin hochzog und wild küsste, lachte sie frech auf.

„Warte du mir nur bis ich wieder zurück bin.“ Er gab ihr einen liebevollen Klaps auf ihren Hintern, bevor er das Gemach verließ. Ach, er liebte ihre, ihn stets herausfordernde Art einfach.


***


Am Eulenstieg kurz vor Burg Tatzelschlund, Baronie Hahnfels, ein paar Tage später

Bärfried blickte laut seufzend hoch zum Praiosmal. Wie sehr er Tage wie diesen hasste – wie sehr er diese Hitze hasste. Abermals seufzte er, als ein Rinnsal Schweiß seinen Rücken hinunter floss. Dabei war der Junker recht luftig – einzig in leichte Stiefel, enge lederne Beinlinge und eine offen getragene ärmellose Lederweste – gekleidet.

„Ja, ist heiß heute ...“, bemerkte Gilm, der hinter Bärfried ritt und die jammernden Laute seines Herrn vernahm. Anders als dieser war der Waffenknecht in Kette und Leder gerüstet und hatte gar einen Tellerhelm auf dem Kopf sitzen. „Aber musstest du den Kleinen auch in voller Rüstung antanzen lassen?“

„Ach, der kann das ab“, antwortete Bärfried ohne sich zu Gilm umzuwenden. „Stimmt doch, oder Kleiner?“

„Ja, Herr Bärfried.“ Der als „Kleiner“ angesprochene, zu Bärfrieds Rechter reitende Jüngling nickte eifrig. Es handelte sich um seinen Knappen Widolf von Trenck, der in einen Wappenrock und eine lederne Rüstung gewandet war.

„Richtig so“, Bärfried lächelte ihm aufmunternd zu, „Er soll ja nach was aussehen, wenn er das erste Mal vor seine Baronin tritt, nicht?“
„So wie du, Herr?“, warf daraufhin wieder Gilm ein.

„Ach weißt du alter Freund ...“, Bärfried drehte sich zu seinem alten Kampfgefährten um, „... ich bin mir sicher Mirnhilde sieht mich lieber so als in Kette.“ Lachend schob er eine Seite seiner ledernen Weste beiseite und entblößte damit seinen athletischen Oberkörper.

Was nun folgte war schallendes Gelächter unter den verwirrten Blicken Widolfs.

„Gleich sind wir da“, Bärfried wies auf ein Loch im Berg, „Die Höhlenburg Tatzelschlund. Ach wie ich mich darauf freue, meinen Sohn zu sehen.“


***


Burg Tatzelschlund, Baronie Hahnfels, am selben Tag

Unter architektonischen und repräsentativen Gesichtspunkten war der Tatzelschlund ein Desaster. Das stellte Bäfried einmal mehr fest, als sie dem Knecht über die langen Flure des Bollwerks der Hahnfelserin folgten. Einen großen Vorteil hatte das in den Fels getriebene Gemäuer aber: Es spendete Schutz vor Praiosauge. Im Inneren des Tatzelschlunds war es geradezu kühl. So kühl, dass sich nach der sengenden Hitze draußen eine Gänsehaut auf seinen Armen und der Brust bildete. Und so kühl, dass er nicht vom Glauben abfiel, als er begriff, wohin der Bedienstete sie brachte: in die Fechthalle nämlich.

Dort herrschte reger Betrieb. Schon von Weitem hörte Bärfried Waffengeklirr und just als sie eintraten, hallte ein gequältes Jaulen durch den Saal. Der Sunderhardter kam gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie eine stämmige Waffenmagd von einem wuchtigen Hieb gefällt wurde. Von einer Streithacke. Mirnhildes Streithacke. Breit feixend stand die Baronin über ihrer geschlagenen Gegnerin – das Gesicht von der Anstrengung gerötet, die rote Lockenpracht notdürftig in einem lockeren Zopf gebändigt und ersichtlich bester Laune.

Bärfried kannte seine Herrin gut genug, um sofort zu wissen, was hier gespielt wurde. Er ließ den Blick rasch über die Bank an einer Seite der Halle gleiten und wurde der langen Reihe von Knechten, Kriegerinnen und ein paar Rittern ansichtig, die sich mehrheitlich stöhnend irgendwelche schmerzenden Körperteile hielten. Ja, Mirnhilde hatte Laune. Und er war sich noch nicht ganz sicher, ob das nun gut oder schlecht für ihn sein würde.

„Schau einer an, der verlorene Sohn ist zurück!“, tönte es da auch schon durch den Raum. Die Baronin lachte nicht, aber er konnte das Amüsement aus ihrer Stimme heraushören – und sah es dann auch in ihren Augen blitzen. Sie ließ den Blick langsam über seinen Leib gleiten, hob die Brauen und schnalzte anerkennen, während sie die Streitaxt über ihre Schulter warf, nur um den rechten Unterarm betont lässig auf dem Holm zu platzieren. „Was ist das, Kerlchen?“, wollte sie wissen. „Hat deine Frau dich etwa so aus dem Haus gelassen? Oder musstest du dich aus der Hintertür schleichen?“

Bärfrieds Lippen umspielte ein schmales Lächeln. „Verlorener Sohn ... war ich denn jemals weg?“, eröffnete er frecher als gewollt, bevor er die Arme vor der Brust verschränkte. „Und was meinen Aufzug angeht: Du kennst mich. Ich hasse diese Hitze.“

Der Blick des Junkers ging noch einmal hinüber zur Bank mit den verwundeten Vasallen seiner Baronin und just stellte sich in ihm ein leichtes Unwohlsein ein. Ein Gefühl, dass er sofort zu verdrängen versuchte. „Du weißt, dass ich für Waffenübungen immer zu haben bin, aber dein Bote hätte ruhig etwas sagen können ...“, er entblößte in einer beiläufigen Bewegung und bloß für einen Herzschlag seinen Oberkörper, „... dann hätte ich mich angemessen gekleidet.“

Mit einem breiten Grinsen musterte Mirnhilde die bloße Brust ihres Vasallen, sah ihm dann aber gleich wieder in den Augen und schüttelte den Kopf. „Als ich den Boten losgeschickt habe, war das hier noch nicht geplant“, eröffnete sie Bärfried, derweil sie mit der freien Linken eine Bewegung machte, die den gesamten Raum einschloss. „Also wie hätte er etwas sagen sollen, hm? Und glaubst du allen Ernstes, ich würde dich her holen, nur um dich zu vermöbeln? Als gäbe es nicht genug andere Leute, mit denen ich das tun könnte, tsk!“ Sie lachte leise auf.

„Nein, mein Lieber, ich habe dich einbestellt, um dir den Kopf zu waschen“, hob sie dann energisch an. „Klar warst du weg. Bist es die ganze Zeit schon. Das soll mir nur recht sein, allzumal es heißt, du hättest mit deiner holden Frau Gemahlin alle Hände voll zu tun.“ Ein mutwilliges Funkeln trat in die Augen der Hahnfelserin, als sie das sagte. Es wurde aber sofort von einem Anflug des Zorns abgelöst und sie fuhr mit tadelnd gerunzelter Stirn fort. „Was mir hingegen nicht recht ist: Wenn du mir Informationen vorenthältst! Glaubst du, dass es deine Baronin nicht interessiert, wenn du vorhast, ihr Land zu verlassen, um in der Ferne an einem fürstlichen Turnier teilzunehmen? Welcher meiner netten Nachbarn würde seinen Vasallen eine solche Unverfrorenheit wohl straflos durchgehen lassen, was meinst du? Dass die keine Rechenschaft von ihren Leuten fordern? Und wenn du das nicht meinst: Warum glaubst du dann, ich würde es anders halten?“

‚Woher ...‘, Bärfried verdrängte die eben aufgekommene Frage, woher die Füchsin das nun wieder wusste und ob es eine undichte Stelle an seinem Hof gab. Nun galt es, auf keinen Fall in eine Verteidigungsposition zu geraten, sondern ihr mit offenem Visier zu begegnen.

„Wie es in den anderen Baronien gehandhabt wird, weiß ich nicht“, begann er selbstsicher, während er ihrem zornigen Blick problemlos standhielt, „aber ich verstehe deinen Ärger. Sei versichert, dass ich Gilm die nächsten Tage zu dir geschickt hätte um dir von meinem Vorhaben zu erzählen.“ Bärfrieds Blick lag für einige Momente auf seinem alten Waffenknecht, der daraufhin bestätigend nickte. „Es war eine Entscheidung, die ich sehr kurzfristig treffen musste und die Vorbereitungen auf die Reise ließen es leider nicht zu, dich früher darüber in Kenntnis zu setzen.“

Dem Junker war klar, dass sich Mirnhilde damit nicht zufrieden geben würde. Noch bevor sie ihre Contenance verlieren konnte, fuhr er daher hastig fort: „Mein Kontakt in Ro...“

„Na klar“, zischte die Hahnfelserin da auch schon. Zu Bärfrieds Pech hatte sie nicht die Geduld, ihn ausreden zu lassen, sondern bedachte ihn mit einem vernichtenden Blick und ließ die rechte Hand tiefer gleiten – legte sie an den Griff ihrer Axt. Sicher nicht, weil sie zuschlagen wollte. Aber allein die Vorstellung, es könnte so sein, sorgte für einige entgleiste Gesichter auf den billigen Plätzen an der Wand. „Keine Zeit? Versuch nur, mich für dumm zu verkaufen, Bursche! Das hab ich besonders gern.“ Eine steile Falte bildete sich zwischen Mirnhildes Brauen und sie schob das Kinn vor, als wolle sie ihren Vasallen herausfordern. „Du hättest mich in Kenntnis gesetzt, hä? Wie nett von dir. Besprechen müssen wir so was wohl nicht mehr? In Kenntnis setzen reicht völlig, wenn sich der starke Mann was in den Kopf gesetzt hat, oder wie? Liebe Zeit, man könnte meinen, wir wären hier in Drachenstein, wo auch keiner einen Scheiß auf das Wort der Baronin gibt! Scheint, ich bin auf meine alten Tage ein bisschen zu mild geworden und sollte mal wieder andere Saiten aufziehen.“

Bevor Bärfried dazu irgendetwas sagen konnte, ertönte ein vielstimmiges Stöhnen aus Richtung all jener, die gerade erst in den Genuss ihrer übergroßen Milde gekommen waren. Mirnhilde quittierte das mit einem leisen Schniefen und indem sie die Oberlippe geringschätzig verzog. Das sah vordergründig gefährlich aus, als ehemaliger Knappe und ... Gespiele erkannte der Sunderhartder jedoch das Amüsement darin und wagte einen zweiten Versuch, sein kostbares Argument ins Feld zu führen.

„Mein Kontakt in Rotenforst hat mir zugetragen, dass der neue Baron ... Widderich ... zum Turnier in den Kosch reist“, hob er noch einmal an. „Ich dachte, es wäre eine gute Idee, wenn sich einer von ... uns ... ihm anschließen würde.“ Bärfried leckte sich die Lippen. „Der gute Rauheneck gilt als vom Rest des Adels isoliert – einen Schritt auf ihn zuzumachen, könnte uns den einen oder anderen Vorteil verschaffen.“

„Vorteil? Uns? Oder ihm?“, Mirnhilde warf Bärfried einen belustigten Blick zu, schaffte es aber nicht, das Interesse ganz zu verbergen, das in ihren Augen aufflackern wollte. „Er ist nicht vom ganzen Rest des Adels isoliert“, meinte sie dann. „Während alle anderem ihm den Kopf abreißen wollen, versucht dieser vermaledeite Friggenhaupter seit Jahr und Tag, ihm in den Arsch zu kriechen. Dreimal ist er schon drüben gewesen und hat im Krähennest Klinken geputzt.“ Sie starrte nachdenklich ins Leere. „Ich könnte wetten, dass er den Unhold auf seine Seite ziehen will. Allein schafft er es nicht, sich das Land zurückzuholen, das angeblich seiner Frau zusteht. Aber mit Rotenforst an der Seite ...“

Mirnhilde hielt inne und dachte mit überaus beredtem Mienenspiel sicher fünf Herzschläge lang nach. Was für ihre Verhältnisse verdammt viel war. Dann richtete sie den Blick wieder auf Bärfried und kniff die Augen skeptisch zusammen:

„Und du bist dir deiner Sache sicher? Bis in den Kosch, ja? Klingt nicht sehr überzeugend. Der Kerl traut sich doch kaum noch von seiner Burg, seitdem die Sichler ihn noch inbrünstiger hassen als vor Erzelhardts Tod schon.“

„Soso, der Friggenhaupter ...“, sann Bärfried einem vorher gefassten Gedanken nach, „... dass sich der ... feine Herr überhaupt mit den Rauhenecks abgibt ... .“ Er zuckte mit den Schultern. „Naja, wie sagt man so schön: In der Not frisst der Namenlose Fliegen. Ein Grund mehr, keine Zeit zu verlieren, selbst Kontakte zu knüpfen.“

Nach einem kurzen Seitenblick auf seinen Knappen fuhr er fort. „Um auf deine Frage zurückzukommen: Ja, ich bin mir sicher, dass Widderich den Weg in den Kosch antreten wird. Ich darf dir meinen Knappen Widolf von Treck, den Erben Nordolfs, vorstellen. Er und seine Mutter sind die Quelle dieser Information.“ Aufmunternd nickte Bärfried dem rothaarigen Burschen zu. „Tritt vor und erzähle der Baronin, was du weißt.“

Der Bursche tat, wie ihm geheißen. Es war augenscheinlich, dass Mirnhildes Ausbruch kurz zuvor bleibenden Eindruck hinterlassen hatte. Mit hochrotem Kopf trat der Jüngling vor. „Ho...Hochgeboren, meine Frau M...Mutter schrieb mir, dass der hohe Herr Rauheneck voraussichtlich am 12. Tage des Praiosmondes aufbrechen wird. Mit vorerst kleinem Gefolge. Wie es heißt, soll später ein Vetter aus Bärwalde dazu stoßen.“

„Danke Widolf“, lächelte Bärfried. „ Was hältst du davon?“, wandte er sich dann wieder Mirnhilde zu. „Ich denke, dass ich gut dafür geeignet bin, einen ersten Kontakt zu ihm herzustellen. Schließlich verbindet mich doch so einiges mit einer den Rauhenecks stets treu gebliebenen Familie.“

Fast schien es, als hätte der Junker damit geendet, als er in besorgtem Ton noch einmal zu sprechen anhob. „Wie du bereits sagtest, ist es offensichtlich, dass der Gemahl der Goblinkuschlerin um die Gunst unseres Nachbarn buhlt. Und wir beide wissen, welchen Hintergedanken er damit verfolgt. Auch zeigt es seine Verzweiflung. Er weiß, dass er ohne den Rauheneck gegen uns stets den Kürzeren ziehen wird – mit ihm jedoch wird er zur ernsten Gefahr. Wir sollten ihm zuvorkommen.“

„Hum“, Mirnhilde rümpfte die Nase und stierte ihren Vasallen einen Moment lang mit leerem Blick an. Dann wuchtete sie die Axt von ihrer Schulter und stellte sie auf dem Boden ab, die rechte Hand weiterhin fest am Griff. „Ich kenne den Mann nicht. Diesen Rauheneck. Ich glaube, zuletzt habe ich ihn gesehen ...da war er noch nicht mal Knappe. Dann die ganze Zeit in der Fremde. Und als wieder her kam, hat er sich auf dem Klagenfels vergraben und Erzelhardt den Krieg erklärt.“ Sie schniefte leise. „Ich mag es nicht, wenn ich meine Nachbarn nicht einschätzen kann. Also ja: Fühl ihm auf den Zahn!“

Erst nachdem das gesagt war, wurde ihr Blick wieder klarer und sie fasste den Sunderhardter ins Auge. „Bei all dem Schlechten, was über ihn erzählt wird, kann er ja eigentlich nur ein patenter Kerl sein“, meinte sie grinsend. „Schau ihn dir genau an, Bärfried. Finde heraus, was ihn umtreibt. Wenn irgendwas davon brauchbar ist, sehe ich dir vielleicht nach, was für ein beschissen pflichtvergessener Gefolgsmann du bist.“ Erneut schlich sich ein gefährliches Funkeln in ihre Augen: „Klar?“

Beim letzten Satz Mirnhildes huschte ein spitzbübisches Lächeln über Bärfrieds Lippen. „Die Informationen werden brauchbar sein. Du kannst dich auf mich verlassen“, entgegnete er ihr selbstbewusst.

Auch wenn er selbst es etwas aggressiver angegangen wäre und aktiv versucht hätte, Widderich auf ihre Seite zu ziehen, würde er dem Wunsch seiner Baronin entsprechen und sich darauf beschränken, den Rauheneck auszuhorchen. Vielleicht sollte er doch noch einen Versuch unternehmen, Branda zu überreden mitzukommen, denn ihr entging so schnell nichts.

Da er noch ganz in den Gedanken verstrickt war, verpasste der Sunderhardter nicht nur das knappe Nicken seiner Lehnsherrin, sondern auch, wie sie sich anschließend zur Seite drehte, um ihr gebeuteltes Gefolge ins Auge zu fassen. Es war ihre Stimme, die Bärfried schließlich aus seinen Überlegungen riss.

„Gebt dem Mann was Anständiges zum Anziehen“, rief sie. „So billig kommt er mir nicht davon. Nicht heute!“ Kaum dass das gesagt war, wandte sie sich dem Junker wieder zu, schenkte ihm ein herrlich herausforderndes Lächeln und hob mit einer eindeutigen Geste die schwere Axt. „Ist ja wohl meine Aufgabe, noch mal gründlich zu prüfen, ob du uns da drüben im Westen auch gut aussehen lassen wirst, wenn du an so einem sauwichtigen Fürstenturnier teilnimmst, hum?!“

Mirnhilde bedeutete Bärfried mit einem knappen Nicken, den ledernen Harnisch zu nehmen, aus dem sich einer ihrer Spießgesellen gerade heraus geschält hatte. „Ich gebe dir noch ein paar Kniffe mit auf den Weg, Bursche. Als mein ehemaliger Knappe hast du eine ordentliche Bürde zu tragen, da sind Fehler nicht drin, sonst fällst du. Und ich kann auch keine weitere Schande gebrauchen. Nicht, wenn aus mir noch mal was werden soll!“