Auf in den Kosch

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Eine Gruppe Weidener auf dem Fürstenturnier in Angbar.

Orte:
Baronie Hahnfels (Grafschaft Sichelwacht)
Stadt Angbar und einige Stationen am Weg dorthin

Zeitraum:
Rahja 1040 BF bis Travia 1041 BF

Dramatis Personae:
Mirnhilde von Hahnfels (Baronin von Hahnfels)
Bärfried von Sunderhardt (Junker von Uhlengrund)
Branda von Trenck (Gemahlin des Junkers von Uhlengrund)
Widolf von Trenck (Knappe des Junkers von Uhlengrund)

Widderich von Rauheneck (Baron von Rotenforst)
Satjana von Horadamm (Gemahlin des Barons von Rotenforst)
Bärfang von Rauheneck (Bruder des Barons von Rotenforst)
Aardor von Rauheneck (Junker von Waltvaerre)
Rossgilda von Rauheneck (Knappin des Grafen von Ferdok)

Firian Böcklin von Buchsbart (Baron von Schneehag)
Adaque von Mersingen (Gemahlin des Barons von Schneehag)
Walthari von Leufels (Baron von Dergelquell)

... und einige weitere Turnierteilnehmer

Das Fürstenturnier im Koscher Briefspiel.

 


Zu Gast bei der milden Hilde
Gut Dragenwaht, Junkergut Uhlengrund, Mitte Rahja 1040 BF

Es waren die beim nahen Fenster in den Raum dringenden Strahlen des aufgehenden Praiosmals, die Bärfried von Sunderhardt wecken sollten. Seufzend rieb er sich den Schlaf aus seinen Augen. Die Luft in seinem Gemach stand und obwohl er bar jeder Kleidung nächtigte, war sein Lager schweißnass. Sein Blick wanderte weiter zu seiner Rechten. Genauer gesagt auf den hübschen Rücken, den schier endlos langen Schwall an feuerroten Locken und das wohl gerundete Hinterteil seines Eheweibs Branda. Ihr gleichmäßig gehender Atem verriet Bärfried, dass sie wohl noch in Borons Armen ruhte, was ihn jedoch nicht daran hinderte, sich eng an ihren kühlen, seitlinks liegenden Körper zu schmiegen. Anders als der Junker selbst schien sein Weib nicht unter der herrschenden Hitze zu leiden. Sanft strich er über ihren Bauch und ihre Seite hinunter zu ihrer Hüfte. Das Lächeln auf Brandas Lippen verriet, dass es nun auch um ihren Schlaf geschehen war.

„Du bist unersättlich...“, flüsterte sie in gespielt anklagendem Ton, als sie sich auf den Rücken legte und ihre blauen Augen die seinen suchten.

„Ja, aber du machst es mir auch wirklich nicht leicht, Liebste“, er ließ seinen Blick noch einmal über ihren Leib schweifen, dann hob er lächelnd aber schuldbewusst seine Schultern.

„Ooooh, du Ärmster ...“, Branda schürzte ihre Lippen, dann strich sie ihrem Gemahl sanft über die Wange.

„Möchtest du mich nicht in den Kosch begleiten? So lange ohne dich ...“, Bärfried führte die Hand seiner Frau von seiner Wange zu seinem Mund und küsste sie.

„Tja, du musst ja nicht gehen“, gab sie daraufhin zu bedenken. „Und irgendjemand muss doch auf das Gut und die Menschen hier achtgeben, während du weg bist.“

„Hmmm, ja das stimmt ...“, Bärfried senkte seinen Blick. „... ich habe entschieden, mit dem neuen Baron von Rotenforst anzureisen. Keine Ahnung was der im Kosch auf einem Turnier sucht, aber so eine weite gemeinsame Reise ist für uns eine große Möglichkeit, ein Naheverhältnis zu ihm aufzubauen. Und das kann uns nur zum Vorteil gereichen.“

„Soso ...“, meinte Branda gespielt beleidigt, „... du ziehst Widderich von Rauheneck deinem Eheweib vor. Und was sagt deine Baronin überhaupt dazu? Steht die nicht in Konkurrenz zu den Rauhenecks?“

„Ach, lass Mirnhilde meine Sorge sein...“, wischte der Junker die Bedenken seiner Frau vom Tisch. Dann beugte er sich über Branda und küsste sie leidenschaftlich, nur um just in dem Moment, da er seine Küsse auf ihren Hals verlagerte, von einem Klopfen an der Tür unterbrochen zu werden.

„Herr...“, kam es von draußen durch die Tür.
„Verdammt Gilm, verschwinde ...“, antwortete der Junker von Uhlengrund ungehalten.

„Es ist wichtig, Herr ...“, ließ sich sein Knecht jedoch nicht abwimmeln.

„Ich hoffe für ihn, dass eine Legion Rotpelze vor der Palisade steht ...“, murmelte Bärfried, als er sich von seiner Frau löste und zornig zur Tür stapfte. In einer ruckartigen Bewegung öffnete er die Holztür zu seinem Gemach. „Was?“, fuhr er seinen Knecht an.

„Herr ...“, es fiel Gilm sichtlich schwer, den nackten Zustand seines Dienstherrn zu ignorieren, „... äh ... Herr ... ein Bote Mirnhildes ist angekommen ... . Sie schickt nach Dir. Unverzüglich.“ Sein Blick fiel hinein ins Zimmer auf das Bett seines Herrn, auf dem Branda nun aufrecht saß und interessiert lauschte. Auch sie verschwendete keinen Gedanken daran, ihre Blöße zu bedecken. „Herrin ...“, murmelte er grüßend und mit aufkommender Röte im Gesicht.

„Ach Goblindreck ... ja gut ich komme ...“, resignierend fügte sich Bärfried seinem Schicksal.

„Lass Mirnhilde mal meine Sorge sein ...“, äffte Branda ihn spöttisch nach, als er begann, sich anzukleiden. Als Bärfried sie daraufhin hochzog und wild küsste, lachte sie frech auf.

„Warte du mir nur bis ich wieder zurück bin.“ Er gab ihr einen liebevollen Klaps auf ihren Hintern, bevor er das Gemach verließ. Ach, er liebte ihre, ihn stets herausfordernde Art einfach.


***


Am Eulenstieg kurz vor Burg Tatzelschlund, Baronie Hahnfels, ein paar Tage später

Bärfried blickte laut seufzend hoch zum Praiosmal. Wie sehr er Tage wie diesen hasste – wie sehr er diese Hitze hasste. Abermals seufzte er, als ein Rinnsal Schweiß seinen Rücken hinunter floss. Dabei war der Junker recht luftig – einzig in leichte Stiefel, enge lederne Beinlinge und eine offen getragene ärmellose Lederweste – gekleidet.

„Ja, ist heiß heute ...“, bemerkte Gilm, der hinter Bärfried ritt und die jammernden Laute seines Herrn vernahm. Anders als dieser war der Waffenknecht in Kette und Leder gerüstet und hatte gar einen Tellerhelm auf dem Kopf sitzen. „Aber musstest du den Kleinen auch in voller Rüstung antanzen lassen?“

„Ach, der kann das ab“, antwortete Bärfried ohne sich zu Gilm umzuwenden. „Stimmt doch, oder Kleiner?“

„Ja, Herr Bärfried.“ Der als „Kleiner“ angesprochene, zu Bärfrieds Rechter reitende Jüngling nickte eifrig. Es handelte sich um seinen Knappen Widolf von Trenck, der in einen Wappenrock und eine lederne Rüstung gewandet war.

„Richtig so“, Bärfried lächelte ihm aufmunternd zu, „Er soll ja nach was aussehen, wenn er das erste Mal vor seine Baronin tritt, nicht?“
„So wie du, Herr?“, warf daraufhin wieder Gilm ein.

„Ach weißt du alter Freund ...“, Bärfried drehte sich zu seinem alten Kampfgefährten um, „... ich bin mir sicher Mirnhilde sieht mich lieber so als in Kette.“ Lachend schob er eine Seite seiner ledernen Weste beiseite und entblößte damit seinen athletischen Oberkörper.

Was nun folgte war schallendes Gelächter unter den verwirrten Blicken Widolfs.

„Gleich sind wir da“, Bärfried wies auf ein Loch im Berg, „Die Höhlenburg Tatzelschlund. Ach wie ich mich darauf freue, meinen Sohn zu sehen.“


***


Burg Tatzelschlund, Baronie Hahnfels, am selben Tag

Unter architektonischen und repräsentativen Gesichtspunkten war der Tatzelschlund ein Desaster. Das stellte Bäfried einmal mehr fest, als sie dem Knecht über die langen Flure des Bollwerks der Hahnfelserin folgten. Einen großen Vorteil hatte das in den Fels getriebene Gemäuer aber: Es spendete Schutz vor Praiosauge. Im Inneren des Tatzelschlunds war es geradezu kühl. So kühl, dass sich nach der sengenden Hitze draußen eine Gänsehaut auf seinen Armen und der Brust bildete. Und so kühl, dass er nicht vom Glauben abfiel, als er begriff, wohin der Bedienstete sie brachte: in die Fechthalle nämlich.

Dort herrschte reger Betrieb. Schon von Weitem hörte Bärfried Waffengeklirr und just als sie eintraten, hallte ein gequältes Jaulen durch den Saal. Der Sunderhardter kam gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie eine stämmige Waffenmagd von einem wuchtigen Hieb gefällt wurde. Von einer Streithacke. Mirnhildes Streithacke. Breit feixend stand die Baronin über ihrer geschlagenen Gegnerin – das Gesicht von der Anstrengung gerötet, die rote Lockenpracht notdürftig in einem lockeren Zopf gebändigt und ersichtlich bester Laune.

Bärfried kannte seine Herrin gut genug, um sofort zu wissen, was hier gespielt wurde. Er ließ den Blick rasch über die Bank an einer Seite der Halle gleiten und wurde der langen Reihe von Knechten, Kriegerinnen und ein paar Rittern ansichtig, die sich mehrheitlich stöhnend irgendwelche schmerzenden Körperteile hielten. Ja, Mirnhilde hatte Laune. Und er war sich noch nicht ganz sicher, ob das nun gut oder schlecht für ihn sein würde.

„Schau einer an, der verlorene Sohn ist zurück!“, tönte es da auch schon durch den Raum. Die Baronin lachte nicht, aber er konnte das Amüsement aus ihrer Stimme heraushören – und sah es dann auch in ihren Augen blitzen. Sie ließ den Blick langsam über seinen Leib gleiten, hob die Brauen und schnalzte anerkennen, während sie die Streitaxt über ihre Schulter warf, nur um den rechten Unterarm betont lässig auf dem Holm zu platzieren. „Was ist das, Kerlchen?“, wollte sie wissen. „Hat deine Frau dich etwa so aus dem Haus gelassen? Oder musstest du dich aus der Hintertür schleichen?“

Bärfrieds Lippen umspielte ein schmales Lächeln. „Verlorener Sohn ... war ich denn jemals weg?“, eröffnete er frecher als gewollt, bevor er die Arme vor der Brust verschränkte. „Und was meinen Aufzug angeht: Du kennst mich. Ich hasse diese Hitze.“

Der Blick des Junkers ging noch einmal hinüber zur Bank mit den verwundeten Vasallen seiner Baronin und just stellte sich in ihm ein leichtes Unwohlsein ein. Ein Gefühl, dass er sofort zu verdrängen versuchte. „Du weißt, dass ich für Waffenübungen immer zu haben bin, aber dein Bote hätte ruhig etwas sagen können ...“, er entblößte in einer beiläufigen Bewegung und bloß für einen Herzschlag seinen Oberkörper, „... dann hätte ich mich angemessen gekleidet.“

Mit einem breiten Grinsen musterte Mirnhilde die bloße Brust ihres Vasallen, sah ihm dann aber gleich wieder in den Augen und schüttelte den Kopf. „Als ich den Boten losgeschickt habe, war das hier noch nicht geplant“, eröffnete sie Bärfried, derweil sie mit der freien Linken eine Bewegung machte, die den gesamten Raum einschloss. „Also wie hätte er etwas sagen sollen, hm? Und glaubst du allen Ernstes, ich würde dich her holen, nur um dich zu vermöbeln? Als gäbe es nicht genug andere Leute, mit denen ich das tun könnte, tsk!“ Sie lachte leise auf.

„Nein, mein Lieber, ich habe dich einbestellt, um dir den Kopf zu waschen“, hob sie dann energisch an. „Klar warst du weg. Bist es die ganze Zeit schon. Das soll mir nur recht sein, allzumal es heißt, du hättest mit deiner holden Frau Gemahlin alle Hände voll zu tun.“ Ein mutwilliges Funkeln trat in die Augen der Hahnfelserin, als sie das sagte. Es wurde aber sofort von einem Anflug des Zorns abgelöst und sie fuhr mit tadelnd gerunzelter Stirn fort. „Was mir hingegen nicht recht ist: Wenn du mir Informationen vorenthältst! Glaubst du, dass es deine Baronin nicht interessiert, wenn du vorhast, ihr Land zu verlassen, um in der Ferne an einem fürstlichen Turnier teilzunehmen? Welcher meiner netten Nachbarn würde seinen Vasallen eine solche Unverfrorenheit wohl straflos durchgehen lassen, was meinst du? Dass die keine Rechenschaft von ihren Leuten fordern? Und wenn du das nicht meinst: Warum glaubst du dann, ich würde es anders halten?“

‚Woher ...‘, Bärfried verdrängte die eben aufgekommene Frage, woher die Füchsin das nun wieder wusste und ob es eine undichte Stelle an seinem Hof gab. Nun galt es, auf keinen Fall in eine Verteidigungsposition zu geraten, sondern ihr mit offenem Visier zu begegnen.

„Wie es in den anderen Baronien gehandhabt wird, weiß ich nicht“, begann er selbstsicher, während er ihrem zornigen Blick problemlos standhielt, „aber ich verstehe deinen Ärger. Sei versichert, dass ich Gilm die nächsten Tage zu dir geschickt hätte um dir von meinem Vorhaben zu erzählen.“ Bärfrieds Blick lag für einige Momente auf seinem alten Waffenknecht, der daraufhin bestätigend nickte. „Es war eine Entscheidung, die ich sehr kurzfristig treffen musste und die Vorbereitungen auf die Reise ließen es leider nicht zu, dich früher darüber in Kenntnis zu setzen.“

Dem Junker war klar, dass sich Mirnhilde damit nicht zufrieden geben würde. Noch bevor sie ihre Contenance verlieren konnte, fuhr er daher hastig fort: „Mein Kontakt in Ro...“

„Na klar“, zischte die Hahnfelserin da auch schon. Zu Bärfrieds Pech hatte sie nicht die Geduld, ihn ausreden zu lassen, sondern bedachte ihn mit einem vernichtenden Blick und ließ die rechte Hand tiefer gleiten – legte sie an den Griff ihrer Axt. Sicher nicht, weil sie zuschlagen wollte. Aber allein die Vorstellung, es könnte so sein, sorgte für einige entgleiste Gesichter auf den billigen Plätzen an der Wand. „Keine Zeit? Versuch nur, mich für dumm zu verkaufen, Bursche! Das hab ich besonders gern.“ Eine steile Falte bildete sich zwischen Mirnhildes Brauen und sie schob das Kinn vor, als wolle sie ihren Vasallen herausfordern. „Du hättest mich in Kenntnis gesetzt, hä? Wie nett von dir. Besprechen müssen wir so was wohl nicht mehr? In Kenntnis setzen reicht völlig, wenn sich der starke Mann was in den Kopf gesetzt hat, oder wie? Liebe Zeit, man könnte meinen, wir wären hier in Drachenstein, wo auch keiner einen Scheiß auf das Wort der Baronin gibt! Scheint, ich bin auf meine alten Tage ein bisschen zu mild geworden und sollte mal wieder andere Saiten aufziehen.“

Bevor Bärfried dazu irgendetwas sagen konnte, ertönte ein vielstimmiges Stöhnen aus Richtung all jener, die gerade erst in den Genuss ihrer übergroßen Milde gekommen waren. Mirnhilde quittierte das mit einem leisen Schniefen und indem sie die Oberlippe geringschätzig verzog. Das sah vordergründig gefährlich aus, als ehemaliger Knappe und ... Gespiele erkannte der Sunderhartder jedoch das Amüsement darin und wagte einen zweiten Versuch, sein kostbares Argument ins Feld zu führen.

„Mein Kontakt in Rotenforst hat mir zugetragen, dass der neue Baron ... Widderich ... zum Turnier in den Kosch reist“, hob er noch einmal an. „Ich dachte, es wäre eine gute Idee, wenn sich einer von ... uns ... ihm anschließen würde.“ Bärfried leckte sich die Lippen. „Der gute Rauheneck gilt als vom Rest des Adels isoliert – einen Schritt auf ihn zuzumachen, könnte uns den einen oder anderen Vorteil verschaffen.“

„Vorteil? Uns? Oder ihm?“, Mirnhilde warf Bärfried einen belustigten Blick zu, schaffte es aber nicht, das Interesse ganz zu verbergen, das in ihren Augen aufflackern wollte. „Er ist nicht vom ganzen Rest des Adels isoliert“, meinte sie dann. „Während alle anderem ihm den Kopf abreißen wollen, versucht dieser vermaledeite Friggenhaupter seit Jahr und Tag, ihm in den Arsch zu kriechen. Dreimal ist er schon drüben gewesen und hat im Krähennest Klinken geputzt.“ Sie starrte nachdenklich ins Leere. „Ich könnte wetten, dass er den Unhold auf seine Seite ziehen will. Allein schafft er es nicht, sich das Land zurückzuholen, das angeblich seiner Frau zusteht. Aber mit Rotenforst an der Seite ...“

Mirnhilde hielt inne und dachte mit überaus beredtem Mienenspiel sicher fünf Herzschläge lang nach. Was für ihre Verhältnisse verdammt viel war. Dann richtete sie den Blick wieder auf Bärfried und kniff die Augen skeptisch zusammen:

„Und du bist dir deiner Sache sicher? Bis in den Kosch, ja? Klingt nicht sehr überzeugend. Der Kerl traut sich doch kaum noch von seiner Burg, seitdem die Sichler ihn noch inbrünstiger hassen als vor Erzelhardts Tod schon.“

„Soso, der Friggenhaupter ...“, sann Bärfried einem vorher gefassten Gedanken nach, „... dass sich der ... feine Herr überhaupt mit den Rauhenecks abgibt ... .“ Er zuckte mit den Schultern. „Naja, wie sagt man so schön: In der Not frisst der Namenlose Fliegen. Ein Grund mehr, keine Zeit zu verlieren, selbst Kontakte zu knüpfen.“

Nach einem kurzen Seitenblick auf seinen Knappen fuhr er fort. „Um auf deine Frage zurückzukommen: Ja, ich bin mir sicher, dass Widderich den Weg in den Kosch antreten wird. Ich darf dir meinen Knappen Widolf von Treck, den Erben Nordolfs, vorstellen. Er und seine Mutter sind die Quelle dieser Information.“ Aufmunternd nickte Bärfried dem rothaarigen Burschen zu. „Tritt vor und erzähle der Baronin, was du weißt.“

Der Bursche tat, wie ihm geheißen. Es war augenscheinlich, dass Mirnhildes Ausbruch kurz zuvor bleibenden Eindruck hinterlassen hatte. Mit hochrotem Kopf trat der Jüngling vor. „Ho...Hochgeboren, meine Frau M...Mutter schrieb mir, dass der hohe Herr Rauheneck voraussichtlich am 12. Tage des Praiosmondes aufbrechen wird. Mit vorerst kleinem Gefolge. Wie es heißt, soll später ein Vetter aus Bärwalde dazu stoßen.“

„Danke Widolf“, lächelte Bärfried. „ Was hältst du davon?“, wandte er sich dann wieder Mirnhilde zu. „Ich denke, dass ich gut dafür geeignet bin, einen ersten Kontakt zu ihm herzustellen. Schließlich verbindet mich doch so einiges mit einer den Rauhenecks stets treu gebliebenen Familie.“

Fast schien es, als hätte der Junker damit geendet, als er in besorgtem Ton noch einmal zu sprechen anhob. „Wie du bereits sagtest, ist es offensichtlich, dass der Gemahl der Goblinkuschlerin um die Gunst unseres Nachbarn buhlt. Und wir beide wissen, welchen Hintergedanken er damit verfolgt. Auch zeigt es seine Verzweiflung. Er weiß, dass er ohne den Rauheneck gegen uns stets den Kürzeren ziehen wird – mit ihm jedoch wird er zur ernsten Gefahr. Wir sollten ihm zuvorkommen.“

„Hum“, Mirnhilde rümpfte die Nase und stierte ihren Vasallen einen Moment lang mit leerem Blick an. Dann wuchtete sie die Axt von ihrer Schulter und stellte sie auf dem Boden ab, die rechte Hand weiterhin fest am Griff. „Ich kenne den Mann nicht. Diesen Rauheneck. Ich glaube, zuletzt habe ich ihn gesehen ...da war er noch nicht mal Knappe. Dann die ganze Zeit in der Fremde. Und als wieder her kam, hat er sich auf dem Klagenfels vergraben und Erzelhardt den Krieg erklärt.“ Sie schniefte leise. „Ich mag es nicht, wenn ich meine Nachbarn nicht einschätzen kann. Also ja: Fühl ihm auf den Zahn!“

Erst nachdem das gesagt war, wurde ihr Blick wieder klarer und sie fasste den Sunderhardter ins Auge. „Bei all dem Schlechten, was über ihn erzählt wird, kann er ja eigentlich nur ein patenter Kerl sein“, meinte sie grinsend. „Schau ihn dir genau an, Bärfried. Finde heraus, was ihn umtreibt. Wenn irgendwas davon brauchbar ist, sehe ich dir vielleicht nach, was für ein beschissen pflichtvergessener Gefolgsmann du bist.“ Erneut schlich sich ein gefährliches Funkeln in ihre Augen: „Klar?“

Beim letzten Satz Mirnhildes huschte ein spitzbübisches Lächeln über Bärfrieds Lippen. „Die Informationen werden brauchbar sein. Du kannst dich auf mich verlassen“, entgegnete er ihr selbstbewusst.

Auch wenn er selbst es etwas aggressiver angegangen wäre und aktiv versucht hätte, Widderich auf ihre Seite zu ziehen, würde er dem Wunsch seiner Baronin entsprechen und sich darauf beschränken, den Rauheneck auszuhorchen. Vielleicht sollte er doch noch einen Versuch unternehmen, Branda zu überreden mitzukommen, denn ihr entging so schnell nichts.

Da er noch ganz in den Gedanken verstrickt war, verpasste der Sunderhardter nicht nur das knappe Nicken seiner Lehnsherrin, sondern auch, wie sie sich anschließend zur Seite drehte, um ihr gebeuteltes Gefolge ins Auge zu fassen. Es war ihre Stimme, die Bärfried schließlich aus seinen Überlegungen riss.

„Gebt dem Mann was Anständiges zum Anziehen“, rief sie. „So billig kommt er mir nicht davon. Nicht heute!“ Kaum dass das gesagt war, wandte sie sich dem Junker wieder zu, schenkte ihm ein herrlich herausforderndes Lächeln und hob mit einer eindeutigen Geste die schwere Axt. „Ist ja wohl meine Aufgabe, noch mal gründlich zu prüfen, ob du uns da drüben im Westen auch gut aussehen lassen wirst, wenn du an so einem sauwichtigen Fürstenturnier teilnimmst, hum?!“

Mirnhilde bedeutete Bärfried mit einem knappen Nicken, den ledernen Harnisch zu nehmen, aus dem sich einer ihrer Spießgesellen gerade heraus geschält hatte. „Ich gebe dir noch ein paar Kniffe mit auf den Weg, Bursche. Als mein ehemaliger Knappe hast du eine ordentliche Bürde zu tragen, da sind Fehler nicht drin, sonst fällst du. Und ich kann auch keine weitere Schande gebrauchen. Nicht, wenn aus mir noch mal was werden soll!“


Der „Hinterhalt“
Westlich von Tiefenfurt, Baronie Uhdenwald, Mitte Praios 1041 BF

„Ist das wirklich dein Ernst?“, ihre Stimme war von einer Mischung aus Spott und Belustigung durchzogen. Als Bärfried vom Feuer aufsah, blickte er direkt in die tiefblauen Augen seines Eheweibs. Er brummte bejahend. „Pffft ... und ich habe mich breitschlagen lassen, dich zu begleiten“, kam es zurück und erstmals schwang in ihrer Stimme ein leichter Anflug von Zorn mit. Bärfried jedoch hatte seine Aufmerksamkeit wieder gänzlich dem Feuer vor sich zugewandt.

„Die Hasen bitte ...“, sprach er und streckte seine Rechte in Richtung Brandas, ohne sie jedoch eines Blickes zu würdigen. Verächtlich schnaubend kam sie seiner Aufforderung nach, warf die Hasen neben ihm in den Staub und ließ sich nieder.

„Im Ernst jetzt“, kam es nach einigen Momenten der Stille. Dieses Mal versuchte es die Trenckerin mit liebevollem Gesäusel: „Wie legst du es an? Du wirst doch nicht hier im Wald ausharren wollen, bis Widderich aufkreuzt?“ Sie wusste, dass ihr Gemahl ein Fuchs war, der über die Jahre am Sieben-Baronien-Weg dafür bekannt geworden war, sich fahrenden Händlern äußerst wortgewandt aufzudrängen und ihnen für seine Gesellschaft dann auch noch nicht gerade wenige Münzen abzunehmen. Es interessierte sie, ihn einmal „in Aktion“ zu sehen.

Bärfried lächelte. „Was denn sonst?“, fragte er sie knapp, während er mit einem als Schürhaken verwendeten Ast im Feuer herumstocherte. „Ich kann ihn ja nur sehr schwer herbeizaubern.“

„Ach, was du nicht sagst ...“, Branda rollte mit den Augen. Sie ließ ihren Blick über das kleine, aber feine Lager unweit des Sieben-Baronien-Wegs westlich von Tiefenfurt, dem Hauptort der Baronie Uhdenwald, schweifen. Eigentlich ließ es sich hier ganz gut aushalten. Sie mochte es, allein durch den Wald zu streifen, um für sie drei etwas zu essen zu erjagen. Auch liebte sie die Ruhe – es war genau das Richtige, bevor es in die großen Städte ging, die sie nur leidlich aushielt.

„Reg dich nicht auf, Liebste“, Bärfried zog sie näher an sich heran, küsste ihr Haupt und streichelte ihr beruhigend den Rücken. „Meinen Informationen nach sollte der Rauheneck innerhalb der nächsten zwei Tage hier aufkreuzen.“

„Herr ... Herr ...“, gerade als der Junker damit beginnen wollte, die Hasen zu häuten, kam Widolf mit hochrotem Kopf angelaufen. „Herr ... der ... Baron ... er ist ... da ... halbes Stundenglas ...“, japste dieser aufgeregt.

Der Sunderhardter jedoch ließ sich dadurch nicht aus der Ruhe bringen. Gewissenhaft schnitt er das Fell vom Fleisch. „Gut“, hob er nach ein paar Herzschlägen lächelnd und ohne von seiner Arbeit aufzusehen zu sprechen an, „dann fang schon mal an, das Lager abzubauen. Wir werden den Rauheneck vorüberziehen lassen und uns dann an ihn dran hängen. Ich denke, dass unsere kleinere Gruppe schneller sein wird und es somit nachvollziehbarer wäre, wenn wir uns ihnen von hinten nähern. Aber erst essen wir.“

Es war noch kein halbes Stundenglas vergangen, als sich erwies, dass Bärfrieds Plan nur schwer durchzuhalten sein würde. In ihrem Lager hatten sie nicht viel vom Nahen der Rauhenecks mitbekommen – bis auf Gekläff vom Sieben-Baronien-Weg her, das einmal kurz aufbrandete. Danach drehten die Hasen weiter ihre Runden über dem Feuer, während Widolf die Zeltplanen gewissenhaft faltete. Alles lief, wie es sollte, bis Branda Bärfried mit einem leisen Zischen von seinem eigentlichen Geschäft ablenkte.

„Ich glaube, da kommt jemand“, sagte sie.

Danach blieb ihnen nicht mehr viel Zeit, bis ein riesiger Kerl mit Glatze und Bart durch das Dickicht brach – mehr oder minder direkt in ihr Lager hinein. Er hielt jedoch Abstand, sodass seine unfreiwilligen Gastgeber nicht sofort alarmiert zu den Waffen griffen, und hob sogar die Hände, um ihnen seine friedlichen Absichten zu bedeuten.

„Ho!“, rief der Fremde und schaffte das Kunststück, Bärfried zuzunicken, während sein Blick auf Widolfs Wappenschild ruhte, der in der Nähe der Pferde an einem Baumstamm lehnte. „Die Götter zum Gruße, Reisende, und verzeiht den Überfall.“

Er sah nun direkt zum Sunderhardter hinüber, den er offenbar für den Anführer der Gruppe hielt: „Ich komm von unten, Sieben-Baronien-Weg, und dacht mir, ich schau mal, wer hier lagert, bevor ich weiterreise. Ist eine wilde Gegend und ich würd bei Weitem nicht jeden in meinem Rücken haben wollen. Wenn Ihr versteht, was ich meine. Aber nun, da ich sehe, dass es sich um Adelsvolk handelt: Vielleicht können wir uns austauschen, zu unserem beiderseitigen Besten?! Von wo kommt Ihr? Efferd oder Rahja?“  

Bärfried erhob sich gewandt von seinem Lagerplatz. Breit lächelnd. Ob der angenehmeren Temperaturen im Wald, trug er unter seiner ledernen Weste ein leichtes Hemd aus Leinen. Den Göttern sei es gedankt, denn er wäre nur sehr ungern halbnackt überrascht worden.

„Die Götter zum Gruße, hoher Herr. Mein Name ist Bärfried von Sunderhardt, Junker im Hahnfelsischen.“ Er neigte grüßend sein Haupt. „Ich darf Euch meine reizende Gemahlin Branda vorstellen, genauso wie meinen Knappen Widolf von Trenck.“

Bärfried wusste natürlich ganz genau, wen er da vor sich hatte – vielleicht nicht bei seinem Namen, aber er wusste, zu wem der Hüne gehörte. Auch wusste er, dass es nicht nötig war, seine Begleiter vorzustellen, dennoch tat er es. Es war eine seiner Stärken zu improvisieren und vor allem zu spielen.

„Wir sind von Rahja kommend unterwegs zum Fürstenturnier nach Angbar.“ Er wies beiläufig auf die Feuerstelle und die beiden Hasen, die darüber hingen. „Gerade wollten wir essen und dann unseren Weg fortsetzen. Ihr habt nicht zufällig Hunger? Setzt Euch zu uns, stellt Euch vor und esst mit uns. Es ist genug für alle da ...“

Ein Seitenblick auf sein Eheweib zeigte ihm, dass diese den Ankömmling breit angrinste. „Ich denke wir kennen uns, Bärfried“, bemerkte sie. Dann erhob sie sich und begrüßte den Hünen herzlich. „Es ist Bärfang von Rauheneck, der Bruder des Rotenforster Barons. Was tust du denn hier?“, setzte sie das von ihrem Gemahl begonnene Spiel fort.

Als Branda ihm den Schwertarm zum Gruß hin streckte, hielt der Rauheneck einen Moment inne und starrte sie konsterniert an. Da war kein Erkennen in seinem Blick. Ihm schien aber zu schwanen, dass das nicht in Ordnung ging und schließlich packte er wenigstens zu, um den Unterarm der Sunderhardterin zu drücken. Dabei glitt sein Blick erst zu Bärfried und dann zu Widolf und er runzelte die Stirn.

„Den kleinen Mann da kenne ich“, meinte er und fasste Branda wieder ins Auge. „Aber dich?!“

„Ich hieß mal Branda von Trenck“, half sie ihm lächelnd auf die Sprünge. „Nordolfs Base aus Salthel?! Es ist schon lange her.“

„Branda“, wiederholte der Rauheneck, während er ihren Arm losließ und seinen dafür in Bärfrieds Richtung streckte. „Und ein Hahnfelser Junker?“

In seinem Kopf ratterte es offenbar, es gelang ihm jedoch auf die Schnelle nicht, sich ein stimmiges Bild zusammenzusetzen. Vielleicht auch um der doch leicht peinlichen Situation irgendwie Herr zu werden, richtete er sein Augenmerk auf die Hasen und nickte Bärfried zu:

„Habt Dank für die Einladung, Hoher Herr. Aber ich bin nicht allein. Wir sind ebenfalls zu dritt und da reichen zwei Hasen dann vielleicht doch nicht mehr ganz aus. Abgesehen davon haben wir vor Kurzem erst gefrühstückt.“

Dann sah er wieder auf, sah zu den Pferden hinüber und zu Widolf, der das Zelt gerade verstaute:

„Nach Angbar, eh? Das ist interessante Kunde. Just da hin wollen wir nämlich auch. Vielleicht sollten wir ... .“ Er zögerte einen Moment. Dann hob er die Schultern und wog den Kopf. „Wartet einen Augenblick. Ich muss mit meinen Begleitern reden.“ Sprach’s und war dann auch schon wieder im Unterholz verschwunden.

Branda sah ihm noch einen Moment kopfschüttelnd hinterher. Dann wandte sie sich Bärfried zu und hob fragend die Brauen:

„Was jetzt?“

„Jetzt? Jetzt essen wir“, der Angesprochene setzte sich schmunzelnd wieder ans Feuer. Die vorangegangene Begegnung vermochte ihn sichtlich zu erheitern, auch wenn es nicht so gelaufen war wie erwartet.

„Wie essen? Jetzt?“, kam es ungläubig zurück.

„Ja, wann denn sonst? Hast ihn ja gehört. Er bespricht sich mit seinen Mitreisenden.“ Bärfried zwinkerte ihr zu. „Konnte doch besser nicht laufen ...“, bemerkte er, „... sieht ganz danach aus, als käme er selbst auf den Gedanken, dass wir gemeinsam reisen sollten.“

„Hum...ich hoffe.“

„Aber klar doch. Und jetzt setz dich und iss.“ Er wandte sich um in die Richtung seines Knappen. „Auch du, Widolf!“

Einige Herzschläge später saß die kleine Gruppe wieder am Feuer, während Bärfried dabei war, die Hasen zu zerteilen. Er nickte zufrieden.

„Scheint ja so, als hättest du bei diesem Bärfang massig Eindruck hinterlassen.“ Natürlich hatte der Sunderhardter sofort bemerkt, dass der Rauheneck nicht der hellste Stern am Firmament war, dennoch konnte er sich diese Spitze nicht verkneifen.

„Ha-ha-ha!“, Branda schürzte theatralisch ihre Lippen. „Es ist eben schon etwas her, dass wir uns gesehen haben. Bestimmt schon zehn Winter.“ Sie dämpfte ihre Stimme. „Lass dich von seinem wilden Äußeren nicht täuschen – ich habe ihn ganz nett in Erinnerung.“

„Ganz nett, soso...“, schmatzte Bärfried. „Nur wer ist die dritte Person?“

„Dritte Person?“

„Naja ...“, der Junker warf einen eben abgenagten Knochen beiseite und schleckte sich die fettigen Finger ab, „... Bärfang meinte, sie wären zu dritt. Er, Widderich und ... wäre interessant zu wissen, findest du nicht? Hat einer der beiden einen Knappen?“

„Bärfang sicher nicht, der ist ja nicht mal ein Ritter“, meinte Branda und hob ihre Schultern. „Wir werden es gleich erfahren.“

In der Tat ließ die Rückkehr des Rauheneck nicht lange auf sich warten. Wobei sein Nahen diesmal zunächst vom Hecheln zweier großer, schlanker Hunde angekündigt wurde, die die haarige Vorhut bildeten. Bärfang folgte ihnen auf dem Fuß und pfiff sie zurück, als einer von beiden sich zu nahe an die Speisenden heranwagte. Der Hüne selbst führte ein Pferd am langen Zügel mit sich – und nickte Bärfried lächelnd zu.

Hinter ihm folgte jemand, der offenbar erst einmal nicht vorhatte, aus dem Sattel zu steigen. Für den Sunderhardter galt in gesteigerter Form, was seine Herrin vor wenigen Tagen erst gesagt hatte: Bei ihm war es nicht einfach nur lange her, dass er Widderich von Rauheneck gesehen hatte, sondern er war dem Mann noch nie begegnet. Er kannte allerdings die eine oder andere Beschreibung und gelangte fast augenblicklich zu dem Schluss, den Baron von Rotenforst vor sich zu haben. Aufgrund der dunklen Haare und Augen sowie seiner ganzen Haltung ähnelte der seinem Bruder allerdings nicht im Geringsten.

Bärfried sah, dass der Blick des Rotenforsters zunächst aufmerksam über das Lager glitt, dass er nicht nur Widolfs Schild wahrnahm, sondern auch seinen, und darüber hinaus so ziemlich jede weitere Information in sich aufzusaugen schien wie ein Schwamm. Die Miene wirkte unbewegt, doch als er das Augenmerk schließlich auf die drei Personen am Lagerfeuer richtete, ließ er sich wenigstens zu einem knappen Nicken hinreißen.

„Götter zum Gruße und wohlschmecken!“, sagte er.

„Ich darf Euch meinen Bruder Widderich vorstellen“, ergänzte Bärfang, derweil er sich umwandte und einen Blick zurück warf. „Und seine Gemahlin Satijana, die gerade ... nun ja ... in seinem Windschatten steht.“

Das war dem Baron genug des Hinweises. Er veranlasste sein Ross, ein paar Schritte zur Seite zu machen und gab so den Blick auf die Dritte im Bunde frei: Eine Frau mit langen blonden Haaren und hellen Augen, deren Miene deutlich freundlicher und aufgeschlossener wirkte, als die ihres Gatten. Sie musterte Bärfried und seine Begleiter neugierig und warf dann ein gutgelauntes „Wohlschmecken!“ in die Runde.

Kaum dass das gesagt war, schickte sie sich an, aus dem Sattel zu steigen, was endlich auch den Baron dazu veranlasste, sich auf eine Ebene mit den Hahnfelsern zu begeben.

Bärfried und seine Begleiter erhoben sich bei der Ankunft ihrer Gäste von ihrem Lager. Dankend nickte der Junker Bärfang zu, dann wandte er sich an Widderich und seine Gemahlin. Der neue Baron von Rotenforst hatte nicht viel mit dem zu tun, was er erwartet hatte. Jedoch schien er, was Frauen anging, einen guten Geschmack zu haben.

„Euer Hochgeboren ... edle Dame ...“, der Sunderhardter beäugte die Neuankömmlinge interessiert. Vor allem auf der Baronsgemahlin lag sein Blick ein wenig länger als angebracht – was die sofort zu bemerken schien. Er schloss es daraus, dass ihr rechter Mundwinkel noch ein Stück weiter in die Höhe wanderte, und mit ihm die rechte Braue. Irgendwie haftete dem etwas Herausforderndes an, zugleich aber auch der reine Spaß an der Freude. In jedem Falle hatte der Hahnfelser die volle Aufmerksamkeit der Dame, als er weitersprach.

„Mein Name ist Bärfried von Sunderhardt. Seid willkommen in meinem bescheidenen Lager“, in einer übertrieben weitläufigen Handbewegung wies er auf die Lichtung um sie herum. „Ich darf Euch meine liebreizende Gemahlin Branda vorstellen, die Ihr vielleicht sogar kennen mögt?“  Ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr er fort. „Dieser junge Mann ist der Erbe Nordolfs, mein Knappe Widolf von Trenck.“ Er war sich dabei jedoch sicher, dass auch Widderich ihn erkannte.

Branda und Widolf traten hervor neigten grüßend ihre Köpfe.

„Euer Bruder hat mir erzählt, dass Ihr ebenfalls zum Turnier nach Angbar reist“, fuhr Bärfried fort. „Ein langer Weg, der sich zu sechst mit Sicherheit einfacher zurücklegen ließe als zu dritt. Meint Ihr nicht auch?“ Er lächelte.

„Mein Bruder ist bisweilen etwas zu geschwätzig“, meinte Widderich schlicht und trat auf den Sunderhardter zu, um ihm die Hand zum Schwertgruß zu reichen. Dabei suchte er seinen Blick und hielt ihn für einen Moment. Anschließend begrüßte er Branda und Widolf auf die gleiche Art. Bei Ersterer wirkte seine Miene nicht so leer wie Bärfangs kurz zuvor – er erkannte sie also offenbar. Zweiterem klopfte er mit einer fast schon vertraut wirkenden Geste auf die Schulter, ehe er sich Bärfried wieder zuwandte.

„Einfacher vielleicht nicht unbedingt, aber sicherer, Bärfried von Sunderhardt“, griff er das Gespräch auf. „Ich bin nicht abgeneigt. Die Frage ist nur: Was wird uns das am Ende kosten?“ Irgendetwas blitzte in den Augen des Rotenforsters, als er das sagte. Amüsement? Vorsichtiges Interesse? Schwer zu sagen.

In jedem Falle wuchs sich das Lächeln auf den Lippen seiner Gemahlin zu einem Schmunzeln aus und sie schüttelte tadelnd den Kopf. Satijana schien etwas sagen zu wollen, beherrschte sich aber und sah Bärfried stattdessen erwartungsvoll an.

Dessen Lippen verzogen sich zu einem schmalen Lächeln. Natürlich wusste er, auf was der Baron hinaus wollte – dachte er zumindest. Dass Widderich allem Anschein nach bereits von ihm gehört hatte, verwunderte den Sunderhardter nicht. Ja, seine Anwesenheit hatte für gewöhnlich ihren Preis. Selbstsicher reckte er sein Kinn.

„Es wird Euch nicht mehr kosten, als es mich kostet“, bemerkte er vielsagend, aber immer noch lächelnd. „Wie Ihr bereits treffend angemerkt habt, ist es zu sechst sicherer und die erhöhte Sicherheit meiner Liebsten und meines Knappen sollte der Bezahlung genug sein.“ Bärfried wandte sich zu seinem Anhang und schenkte Branda ein Lächeln.

„Noch dazu eilt Euch Euer Ruf voraus, Widderich von Rauheneck“, er suchte wieder den Blick des Barons. „Schon des Öfteren habe ich gehört, dass Ihr es versteht, das Schwert zu führen. Es wäre mir demnach nicht nur eine Freude, sondern auch eine Ehre, an Eurer Seite zu reisen.“

„Ist das so?“, Widderich hob die Brauen und wirkte für einen Moment ernsthaft irritiert. „Ich weiß nur von einem anderen Ruf. Und der ist so fragwürdig, dass ich eigentlich jedem Sichler Adelsmann davon abraten würde, in meiner Gesellschaft zu reisen“, meinte er dann. „Als Mirnhildes Gefolgsmann seid Ihr aber ohnehin bescholten, also kann ich mir das wohl sparen.“ Auch der Rotenforster lächelte nun. Ähnlich dünn wie Bärfried. „In gewisser Weise haben wir einander also verdient, eh? Wenn wir schon von Kosten und Nutzen reden.“

„Ach das ...“,  Bärfried machte eine wegwerfende Handbewegung, „... sehe ich etwa so aus, als gäbe ich etwas auf das Gewäsch alter Weiber?“ Der Junker wusste natürlich ganz genau, was sein Gast da ansprach, doch störte er sich an seinem Ruf nicht – nein, vielmehr fand er es interessant, ihn kennenzulernen, um selbst hinter die Fassade dieser Gerüchte blicken zu können. Der erste Auftritt des neuen Barons von Rotenforst überraschte ihn schon einmal; nach all den haarsträubenden Geschichten, die er die vergangenen Monde über Widderich von Rauheneck und seine Machtergreifung hören musste, war der Sunderhardter doch sehr verwundert, dass der Baron wenig mit dem Blut saufenden Monster gemein zu haben schien, das in den Erzählungen stets die Hauptrolle spielte. „Nein, ich mache mir für gewöhnlich selbst ein Bild von einem Menschen.“

„Trefflich“, entgegnete Widderich. „So halte ich es auch!“

In die kurze Stille nach diesen Worten hinein räusperte sich die Gemahlin des Rotenforsters und trat näher an das Feuer heran. Auch sie lächelte. Allerdings nicht so sparsam wie die Herren der Schöpfung, sondern breit und völlig unbeeindruckt.

„Wie schön“, stellte sie trocken fest. „Nachdem dann nun alle erforderlichen Höflichkeiten ausgetauscht sein dürften: Wie wäre es, wenn wir uns hinsetzen würden?“ Sie warf einen fragenden Blick in die Runde. „Die Hahnfelser waren mit dem Essen noch nicht fertig, und wir werden ja kaum neben ihnen stehen bleiben wollen wie Salzsäulen?! Das wäre der Höflichkeit dann vielleicht doch ein bisschen zu viel?!“

Ihr Blick huschte erst zwischen Bärfried und Widderich hin und her und schließlich zu Branda hinüber, der sie mit einer unauffälligen Geste bedeutete, es sich doch einfach schon mal bequem zu machen. Egal, was die hohen Herren zu dem Vorschlag sagen mochten.

Bärfrieds aufmerksamem Blick entging diese Geste jedoch nicht. Noch bevor es Branda tun konnte, hob er, begleitet von einem milden Lächeln, zu sprechen an: „Wohl gesprochen, edle Dame. Wo bleiben meine Manieren?“ Er wies auf das im Ausgehen begriffene Lagerfeuer. „Bitte nehmt Platz und erweist uns die Ehre.“

Als die Gruppe um das Lager zusammengekommen war, nutzte Branda die sich bietende Gelegenheit, dass ihr Gemahl wieder mit seinem Hasen beschäftigt war. „Darf ich Euch wirklich nichts anbieten?“, ihr Blick ging zwischen Satijana und Widderich hin und her. „Wir haben noch etwas zu essen und nicht weit von hier fand ich eine Quelle, wo ich unsere Schläuche füllen konnte. Der Weg ist lang und wenn Bedarf besteht, zeige ich Euch diesen Platz gerne.“

„Selbstverständlich. Frisches Wasser ist immer gut. Sehr gut“, erwiderte Bärfang, auch wenn Branda ihn in ihre Blicke gar nicht eingeschlossen hatte. „Ich wär dir dankbar, wenn du mir die Stelle zeigen würdest. Nach dem Essen.“

„Mache ich“, versprach die Sunderhardterin und fast schien es, als wolle sie damit enden, als sie noch einmal nachsetzte. „Welche Route nach Angbar hattet Ihr angedacht – bevor wir uns dazu entscheiden gemeinsam zu reisen, sollten wir dies vielleicht noch klären?“

„Baliho, Gareth, Wehrheim, Natzungen, Syrrenholt, Ferdok – und von dort über Rakulbruck nach Angbar“, meinte Widderich und hob abwehrend die Hand, als Widolf versuchte, ihm etwas von seinem Hasen zuzuschanzen.

„Vielleicht solltest du das noch ein bisschen genauer ausführen, mein Lieber? Wenn ich das richtig verstanden habe, liegt Ferdok ja nicht unbedingt auf dem Weg?“, meldete sich Satijana daraufhin zu Wort.

Das verleitete Widderich zu einem schiefen Lächeln, und seine Gemahlin war offenbar nicht ausreichend geduldig, um abzuwarten, bis er sich erbarmte.

„Das ist das eigentliche Ziel“, fuhr sie fort, ohne mit der Wimper zu zucken. „Ferdok. Eine Nichte meines Gemahls ist dort am Grafenhof in Knappenschaft. Kommendes Jahr ist es so weit, dass sie ihre Schwertleite erhalten soll und im Zuge dessen gibt es das eine oder andere zu klären. Graf Growin findet, dass man so was besser persönlich tun sollte. Also hat er uns eingeladen – und wir folgen dieser Einladung.“

„Und verbinden das mit der Turney in Angbar“, fügte Bärfang nahtlos an. „Die Kleine liegt uns damit schon ewig in den Ohren und jetzt ist sie langsam mal alt genug, dass sie ihren Willen bekommen soll. Ich bin gespannt, was sie da drüben im Kosch gelernt hat. Als Knappin eines ...
nun ja ... Zwergs.“

Nach einigen Herzschlägen der Stille stieß Bärfried einen anerkennenden Pfiff aus. „Knappin eines Zwergs?“, fragte er, doch hatte seine Stimme dabei nichts Belustigtes an sich. „Ich wusste gar nicht, dass Zwerge Knappen ausbilden. Ist dieser ... Zwerg ... Growin ... ein Ritter?“

„Er ist ein Graf ...“, noch bevor einer der Gäste auf die Frage ihres Gemahls antworten konnte, wiederholte Branda dieses nicht unwesentlich Detail, da es ihr so schien, als wäre es dem Sunderhardter entgangen. „Ob er ein Ritter ist, weiß ich jedoch nicht ...“

„Ein Graf gar?“, der Junker ließ die eben zu seinem Mund geführte Keule ungläubig sinken. „Seltsames Land, dieser Kosch.“ Er hob seine Schultern. „Ich kenne ja nur diesen fetten Zwerg oben in Adlerflug und der ist bestimmt kein Ritter.“

„Du würdest dich wundern, was es außerhalb der Sichelwacht alles zu entdecken gibt, Liebster“, Branda lächelte verschmitzt, dann wandte sie sich wieder ihren Gästen zu. „Grafenhof zu Ferdok, wie ist Euch denn das gelungen?“

„Das war ... nun ja ...“, hob Bärfang an und warf einen fragenden Blick zu seinem Bruder hinüber. Es schien, als wolle er sich versichern, wem nun die Ehre gebühren sollte, diese Geschichte zu erzählen. Oder als wolle er sichergehen, dass sie überhaupt erzählt werden sollte. Als Widderich keine Einwände erhob und auch sonst keine Anstalten machte, einen Ton von sich zu geben, fuhr der glatzköpfige Hüne fort. „Da war doch diese Warenschau in Angbar. Tausend...irgendwas Bosparans Fall.“

„1029“, ergänzte Widderich knapp.

„Damals gab es eine große Warenschau in Angbar, Fürst Blasius hat seine letzte Turney bestritten und zugleich wurde in der Stadt das Hochfest des Roten Gottes gefeiert“, fuhr Bärfang fort. „Mein Vater – Geister haben ihn selig! – ist seinerzeit mit der Weidener dorthin Delegation gereist. Nicht wegen des Turniers oder der Warenschau, sondern weil er zum Hochfest wollte. Er ist Schmied gewesen. Plattner. Und er wollte wenigstens einmal im Leben bei der Zeremonie im höchsten Haus Ingerimms auf Deren dabei sein.“

Der Rauheneck überlegte kurz, ehe er fortfuhr: „In dem Tempel ist er zufällig Growin begegnet, der sich ebenfalls aufs Schmieden versteht und den Herrn Ingerimm verehrt. Wir wissen alle nicht so genau, was sich danach abgespielt hat, aber es ist wohl eine Menge Bier geflossen und die beiden sind prächtig miteinander ausgekommen. Am Ende hatte mein alter Herr ein Angebot des Grafen in der Tasche, dass seine älteste Enkelin an dessen Hof zur Ritterin ausgebildet wird. Davon war wohl kaum jemand überraschter als wir selbst. Und das hatte nicht nur damit zu tun, dass wir uns einen Zwerg als Schwertvater schwer vorstellen konnten ... .“

„Der Graf ist zwar nominell Rossgildas Schwertvater, aber kein Ritter“, ergänzte Widderich. „Er bildet das Mädchen nicht allein aus. Darum kümmern sich in erster Linie seine Patentochter und Hauptfrau Barla Dorkenschmied, die ihm einst als Lanzerin diente. Geklagt hat meine Nichte noch nie. Und was sie gelernt hat, werden wir demnächst auf der Turney sehen.“

„Hört, hört ...“, bemerkte Bärfried, nachdem Widderich geendet hatte. „Ich wusste es ja immer: Bier und Brand bringen die Menschen zusammen.“

„Und Zwerge ...“, fügte seine Gemahlin in mahnendem Ton hinzu.

„Genau, meine Liebe“, Bärfried lächelte. „Schade nur, dass wir kein Bier dabei haben. Wie gerne hätte ich jetzt mit Euch einen Krug auf Euren Vater gehoben.“ War sein Blick gerade eben noch zwischen allen drei Gästen hin und her gewandert, fixierte der Junker nun wieder Widderich. „Geschichten ... Begebenheiten wie diese zeigen mir, dass ich wohl mehr unter die Leute gehen sollte.“

„Genau, Liebster“, brachte sich daraufhin wieder Branda ein. „Deswegen hast du mir auch bei unserem Eheschluss versprochen, mit mir noch einmal durch das Reich zu reisen, bevor es unsere zukünftigen Kinder und deine Verpflichtung unmöglich machen werden ...“

Bärfried war für einen Moment verwundert und zog einen Herzschlag lang eine Braue hoch. ‚Gut ausgedacht‘, dachte er und griff nach ihrer Hand. „Für dich würde ich alles tun“, er führte sie zu seinem Mund und küsste ihren Handrücken.

Brandas Lippen entfleuchte ein leiser Seufzer. „Ja, wie gern würde ich einmal Gareth sehen oder Angbar ... seid Ihr schon einmal dort gewesen?“, richtete sie ihre Frage an Satijana.

Die war noch ganz in die Betrachtung der vertraulichen Geste zwischen den beiden Hahnfelsern vertieft – oder doch eher in die des verräterischen Zuckens von Bärfrieds Braue? In jedem Fall brauchte sie einen Moment, um ins Hier und Jetzt zurückzufinden. „Hum?“, fragte sie leise und warf Branda einen verwirrten Blick zu, bevor sie sich der Frage zu erinnern schien. „In Gareth bin ich schon gewesen“, fügte sie dann rasch an. „Dort lässt es sich ganz gut aushalten. Aber ich muss sagen, dass mir Festum deutlich lieber ist.“ Sie lächelte und hob die Schultern. „Ich stamme ursprünglich aus dem Bornischen. Deshalb war ich auch noch nie im Kosch. Zu weit weg. Nach allem, was mir erzählt wurde, sind Ferdok und Angbar aber zwei sehr pittoreske kleine Städtchen und durchaus eine Reise wert.“

Satijana wechselte einen kurzen Blick mit ihrem Gemahl, der jedoch nur die Schultern hob. Offenbar war er nicht die Quelle der Information gewesen und hatte zum Thema Kosch auch sonst nichts zu sagen. Also wandte sich Satijana wieder Branda zu.

„Dann ist das hier Eure ... Hochzeitsreise, oder wie darf ich das verstehen? Eine Hochzeitsreise, auf der Euer werter Herr Gemahl die Gelegenheit nutzt, sich unterwegs von Einheimischen vermöbeln zu lassen?“ Sie runzelte die Stirn, derweil in ihren hellen Augen unverkennbares Amüsement aufblitzte. „Klingt irgendwie sehr weidensch. Allerdings frage ich mich, ob das wirklich zielführend ist? Sollte man sich auf so einer Fahrt nicht eher den schönen Dingen des Lebens widmen?“

Branda zögerte und kurz schien es Satjana, als blitze Unverständnis in ihren tiefblauen Augen auf. „Die schönen Dinge des Lebens ...“, wiederholte sie die letzten Worte noch einmal für sich selbst. „Genau als das würde ich unsere Reise bezeichnen ... es ist ... schön ... .“ Demonstrativ lehnte sie sich an Bärfrieds Schulter. „Der Kampf ist unser Leben, die wilde Natur ist unser Leben ... nirgendwo lieber wäre ich jetzt.“

„Das wohl“, pflichtete Bärfried seiner Gemahlin bei, während er sanft ihren Rücken streichelte. „Es geht mir genauso. Die Frau, die ich liebe, an meiner Seite, die Natur in meinem Rücken. Gemeinsam jagen, wandern, reden ... und viele ruhige Nächte in Zweisamkeit unter Phexens Sternenzelt und in mancher Herberge.“

„Du bist unmöglich ...“, protestierte Branda lachend und knuffte ihn am Oberarm. Ein Blick auf Widolf zeigte den Rauhenecks, was ‚ruhige Nächte in trauter Zweisamkeit‘ wohl bedeutete, nahm das Antlitz des Jünglings doch beinahe schon die Farbe seines Wappenschildes an.

Satijana nahm die peinliche Berührtheit des Knappen mit einem belustigten Schmunzeln zur Kenntnis und schüttelte nahezu unmerklich den Kopf, bevor sie zu ihrem Gatten hinüber sah. Der schien vordergründig unbeeindruckt. Allein ein kurzes Zucken des rechten Mundwinkels bei der Erwähnung der ‚ruhigen Nächte‘ verriet, dass auch er den Anschluss nicht verloren hatte. Erst als Satijana zu ihm hinüber sah, wurde das ein bisschen klarer, denn er hob er demonstrativ die Brauen und neigte den Kopf leicht zur Seite.

„Und diese Dinge, die uns beiden so lieb und bekannt sind, verbinden wir nun mit etwas Neuem und Aufregendem“, fuhr die Sunderhardterin unterdessen fort. „Einige Male schon war ich in Trallop, meine Ausbildung genoss ich in Baliho und aufgewachsen bin ich in Salthel“, sie lächelte beinahe unschuldig, „Gerne hätte ich einmal ein paar Städte im Süden gesehen.“

„Und das sollst du auch“, kam es daraufhin wieder von Bärfried. „Ich für meinen Teil war bisher nur in Salthel.“ Er hob die Schultern. „Die anderen ... Nester ... kann man nicht wirklich als ‚Stadt‘ bezeichnen. Ich bin gespannt auf diese großen Städte und die Menschen ... Zwerge ... dort“, die Lippen des Junkers verzogen sich zu einem grausamen Lächeln. „Dann werden wir auch sehen, wer auf dem Turnier wen vermöbelt.“

„Städte im Süden sind nicht zu empfehlen“, meldete sich Bärfang unversehens zu Wort. „Ich fand es dort immer viel zu heiß. Und die Puderquasten drunten im Neuen Reich sind in ihrer Hochnäsigkeit schlicht unerträglich. Wie man anständiges Bier braut, wissen die auch nicht, sondern kommen immer mit ihrem blöden Wein angerannt. Ernsthaft: Wer trinkt vergorenen Traubensaft, wenn er was Klares aus Korn oder Früchten, was Trübes aus Honig oder Hopfen oder sonst was Vernünftiges haben kann? Das zeigt doch schon, dass die da keine Kultur haben. Im Kosch wird es uns bestimmt weitaus besser ergehen. Ich freue mich schon seit Monden auf mein erstes echtes Ferdoker.“ Er schloss seine Worte mit einem bekräftigenden Nicken und sah fragend zu Widderich hinüber.

Der schien jedoch wiederum nichts ergänzen zu wollen. Erst als das Schweigen unangenehm zu werden drohte, ließ er sich dazu herab, ein paar Worte anzufügen:

„Bitte ... fragt mich nur nach lohnenden Reisezielen im einstigen Transysilien und der Warunkei sowie auf dem Gebiet der Wildermark. Mit mehr kann ich nicht dienen.“

„Göttin, nein!“, Satijana lachte auf und schüttelte den Kopf, diesmal sehr viel energischer. „Du bist so was von unmöglich! Wir reden jetzt nicht über die verfluchten Ostmarken. Wie kann man denn nur ... ?!“ Sie warf einen prüfenden Blick auf die Hände ihrer Gastgeber und schien fast erleichtert, als sie feststellte, dass die beiden Hasen Geschichte waren. „Sieht aus, als sollten wir uns ohnehin wieder auf den Weg machen?! Wir haben ja noch eine ziemliche Strecke vor uns und je schneller wir vorankommen desto mehr Zeit bleibt den Frischvermählten, um die Städte entlang des Weges zu erkunden. Ihr wollt doch mit uns reisen? Zumindest bis Gareth? Oder habe ich da etwas falsch verstanden?“

„Na, das ist ein Wort und Ihr habt recht“, Bärfried nickte Satjana bestätigend zu. „Wenn es mit Euren Plänen vereinbar ist, dann wären wir sehr dafür, Euch bis in den Kosch zu begleiten.“ Bei den letzten Worten lag der Blick des Junkers auf Widderich. „Wenn ich Euch richtig verstanden habe, liegt der Grund Eurer Anreise in Ferdok. Das dürfte wohl nicht wirklich einen Umweg darstellen.“ Nach Bestätigung haschend, suchte er den Blick seines Eheweibs, das jedoch nur unwissend die Schulter hob. Nach einem kurzen Achselzucken, erhob sich Bärfried gewandt von seinem Platz und löschte die Reste des Feuers mit einer Handvoll Erde und Staub. Nur wenige Herzschläge danach bot er erst seiner Gemahlin, dann Satjana galant seine Hand, um den Damen wieder auf die Beine zu helfen. „Ich denke, wir sind zum Aufbruch bereit“, verkündete er dann beinahe schon feierlich.

Als die Gruppe wieder zurück auf den Sieben-Baronien-Weg bog, suchte Branda die Nähe ihres Gemahls. Ihr Antlitz war von einem hohen Maß an Skepsis geprägt, was vor allem die nachdenklichen Falten auf ihrer Stirn unterstrichen. „Und jetzt?“, flüsterte sie, ohne dass es ihre Mitreisenden hören konnten. Wie schon so oft hatte sie das Gefühl, dass ihr Mann seine  Pläne nicht zu Ende dachte.

„Abwarten ...“, antwortete er ihr mit einem Augenzwinkern.


Stilfragen
Irgendwo auf der Reichsstraße II, ein gutes Stück südlich von Baliho, Ende Praios 1041 BF

Der Rauheneck, den sie in Baliho eingesammelt hatten, war ein aufgewecktes Kerlchen. Jung an Jahren, voll Tatendrang und nach den Maßstäben weniger begeisterungsfähiger Menschen wohl ziemlich naiv zu nennen. Aardor lautete sein Name, und er hatte den Ritterschlag erst kurz vor dem Feldzug gegen Haffax erhalten. Vor kaum mehr als einem Götterlauf also. Das Fürstenturnier würde das erste sein, an dem er als Ritter teilnahm. Entsprechend aufgeregt war er und kannte kaum andere Themen als den Kosch, über den er in den vergangenen Monden die eine oder andere Weisheit und Halbwahrheit aufgeschnappt zu haben schien, und natürlich das ritterliche Kräftemessen. Egal ob zu Fuß oder zu Pferd. Aardor brannte darauf, sich mit anderen Kämpfern aus allen Teilen des Reiches zu messen.

Darüber, dass seine Verwandten aus der Sichelwacht nicht allein reisten, sondern ein paar Fremde im Schlepptau hatten, freute er sich augenscheinlich sehr und bezog auch Bärfried und Branda in seine Dialoge mit ein – die manches Mal zu Monologen wurden, weil seine Gesprächspartner ermüdet die Waffen streckten. Der junge Kerl war sich auch nicht zu fein, streckenweise neben Widolf her zu zuckeln und sich mit ihm zu unterhalten. Der Knappe stand ganz offensichtlich nicht unter seiner Würde und war noch dazu der Einzige, der eine ähnlich große und ausdauernde Begeisterung für die anstehenden Ereignisse aufbrachte.

Auch an diesem Tag hatten die beiden sich nach der Mittagsrast eine ganze Weile miteinander beschäftigt. Wem die Ohren von der ewig gleichen Leier noch nicht bluteten, der mochte über einige Meilen Reichsstraße allerlei Wissenswertes zu den größten Streitern des Neuen Reiches vernehmen. Zeitgenössischen erst. Dann solchen, die sich im Krieg gegen Borbarad hervorgetan hatten. Schließlich ging es um historische Helden und Heilige, bei deren Namen und Epochen einiges durcheinander geriet – aber niemand griff korrigierend ein. Vielleicht, weil keiner in dieser Reisegruppe auf dem Gebiet so firm war, dass er sich das hätte erlauben können?

In jedem Falle fielen die Namen Geron und Ardare, Yppolita und Waldemar, Raidri und Rondrian. Dass der Blauenburger sich nach dem Kaiserturnier zu Gareth aufs Altenteil zurückziehen wollte, fanden die beiden jungen Weidener ziemlich entsetzlich, da es in den Reihen der mittnächtlichen Ritter keinen adäquaten Ersatz gab – jedenfalls dem Urteil dieser angemaßten Fachmänner nach. Aardor brachte den Namen Lanzelund von Weiden-Harlburg und Streitzig ins Gespräch, den Widolf aber noch nie gehört hatte. Das ließ an der Qualifikation des Hollerheider Barons wenigstens ebenso große Zweifel aufkommen, wie die Tatsache, dass er im Tjost beim Kaiserturnier bereits in der ersten Runde ausgeschieden war.

Nach dieser ernüchternden Bilanz trat kurzes Schweigen ein und dann fingen die jungen Kerle doch tatsächlich zu tuscheln an. Wie Mädchen. Da sie am Ende des kleinen Grüppchens ritten und über ihr angeregtes Gespräch zusätzlich ein bisschen zurückgefallen waren, kamen an dieser Stelle selbst die spitzesten Ohren nicht mit. Das Ende vom Lied war jedenfalls ein einhelliges Räuspern. Dann drängte Aardor sein Pferd zu einer schnelleren Gangart, ließ es an Satijana und Branda vorbei traben und überholte auch Bärfried und Bärfang, um sich neben Widderich an die Spitze der Gruppe zu setzen. Von hinten war gut zu sehen, wie sich der Baron von Rotenforst seinem Vetter zuwandte und ihn verwundert ansah. Oder vielmehr: halb verwundert. Die andere Hälfte war unterschwellig Frucht vor dem, was jetzt zwangsläufig folgen musste. Von allen Mitgliedern der Reisegruppe war Widderich bisher noch derjenige gewesen, der sich Aardors Gesprächsversuchen am standhaftesten widersetzte.

„Noch mal wegen der Turney ...“, hob der Bärwaldener ansatzlos an.

„Sag bloß?“

„Du hast geschrieben, dass Gilda dabei sein wird und dass ich mich auch gern eingeladen fühlen darf. Von dir selbst war aber nicht die Rede. Bärfang meinte gestern, du hast nicht die Absicht teilzunehmen. Stimmt das etwa?“

„Ja.“

„Aber ... warum denn nicht?“

„Das ist nichts für mich.“

„Das ist eines der traditionsreichsten und ehrenvollsten Turniere im Neuen Reich“, beharrte Aardor. „Im Kosch noch dazu. Bei Leuten, die wie unsere Brüder sind. Im Geiste jedenfalls. Ich würde es von der Bedeutung und dem Ablauf her fast neben unser Herzogenturney stellen. Wie kann das nichts für dich sein? Du bist doch ein Weidener Ritter?“

„Ich spare meine Kräfte lieber für Kämpfe auf, in denen es um mehr als Prestige geht.“

„Was?“ Aardor warf seinem Vetter einen konsternierten Blick zu. „Meinst du das etwas ernst?“

„Schon mal auf so einer großen Veranstaltung gewesen?“, fragte Widderich leise. „Schon mal gesehen, was für Gecken sich da die Ehre geben? Und wie sie ihre Erfolge feiern, als hätten sie Haffax selbst besiegt und nicht einfach nur einen Gegner, der ihnen nicht nach dem Leben trachtete noch um sein eigenes fürchten musste?“

Aardor starrte weiter konsterniert. Er brauchte einen Moment, um sich zu sammeln und stotterte tatsächlich ein wenig, als er wieder anhob: „Und ... und ... äh ... wann bist du das letzte Mal auf so einer Veranstaltung gewesen, dass du das beurteilen kannst, hä? Zwischen 1022 und 1037  ja sicher nicht, hum? So wie die Dinge da standen ...“

„Doch“, meldete sich Bärfang unversehens zu Wort. „Einmal. 1029 in Hohenhain. Das war keine so gute Idee. Damals hat Borka Fälklin sein Pferd fast abgeschlachtet, weil er meinte, er könne den Lanzengang schneller beenden, indem er es aus Spiel nimmt. War ein spektakulärer Sturz und als unserem netten Herrn Widder der Helm vom Kopf flog, hat sich das Publikum vor Schreck fast eingenässt. Da ist uns klar geworden, dass wir so was künftig besser lassen. Außerdem haben wir hinterher Wochen gebraucht, um Borka zu dem Ehrenduell zu bewegen, das  uns versprochen worden war. Alles in allem eine ziemliche Scheiße, das Ganze.“

„Ja“, der Rotenforster wandte sich im Sattel um und maß seinen Bruder mit einem finsteren Blick. „Wäre es keine Turney gewesen, hätte der Drecksack den Tag nicht überlebt, an dem er seine Lanze gegen mein Ross richtete. So aber hat der Turniermarschall den Wettbewerb fortführen lassen als sei nichts gewesen und mich um meine Genugtuung gebracht.“ Er kniff die Augen zusammen, als er Aardor wieder ansah: „Was sagt uns das?“

„Dass die Hohenhainer keine Ahnung von rondrianischem Kräftemessen haben?“

„Oder dass Turniere im Grunde allein dem Vergnügen des Volks und einiger geltungsbedürftiger Ritter dienen, die um ihrer selbst willen nicht einmal dann einhalten, wenn sie merken, dass der hehre rondrianische Anspruch gerade unter die Räder gerät.“

„Aber ...“, begehrte Aardor auf und Empörung zeichnete hektische rote Flecken auf seine breiten Wangen. „Das ist doch ... das darf doch ... . Das stimmt so nicht!“, brach es schließlich aus ihm hervor. Er wandte sich nun ebenfalls um und sein Blick richtete sich zielsicher auf Bärfried, den dritten Ritter im Bunde. „Sagt doch auch mal was dazu, Herr Bärfried!“

Der Sunderhardter lächelte. Interessiert hatte er das kurze Gespräch zwischen Widderich und seinem Vetter verfolgt. In all den Tagen, die sie nun schon durch die Mittnacht ihrem gemeinsamen Ziel entgegen gezogen waren, hatte der Junker dem Baron noch nie so viele Worte am Stück entlocken können, wie nun der junge Aardor.

Gerade während der letzten Tage drängte sich deshalb mehr und mehr der Gedanke auf, ob das alles hier sinnlos war. Widderich sprach fast nicht und wenn er es tat, dann war es meist nur belangloses Zeug. Darüber hinaus fühlte er sich immer öfter unter Satijanas Beobachtung. Doch waren es nicht jene verträumten Blicke, die ihm junge Frauen für gewöhnlich zuwarfen – nein, vor diesem Weib galt es sich in Acht zu nehmen. Ob sie ihn bereits durchschaut hatten? Vielleicht hatte er die Wirkung der Rivalität Mirnhildes zu den Rauhenecks tatsächlich unterschätzt? Er verwarf die aufkommenden Gedanken gleich wieder.

Einzig den Bullen Bärfang durfte Bärfried als vorbehaltlos geselligen Menschen kennenlernen. Bereits vor einigen Tagen hatte Branda ihm, als sie gemeinsam „ausgetreten“ waren, geraten, sich eher an den geschwätzigen Bruder des Barons zu halten und genau so würde er es die nächsten Tage auch halten. Mal sehen, ob er an dieser Front Fortschritte erzielen konnte. Branda sollte derweil versuchen, Satijanas Aufmerksamkeit etwas von ihm abzulenken. Das nun aufkommende Gespräch zwischen Widderich und Aardor eröffnete Bärfried jedoch die Möglichkeit, mit dem Baron einmal in ein etwas tiefgründigeres Gespräch zu kommen.

„Der Baron hat recht ...“, merkte er immer noch lächelnd an, „... zum Teil jedenfalls.“ Der aufkommenden Verwirrung im Blick des jungen Rauheneck begegnete er mit einem leichten Kopfschütteln. „Es gibt sicherlich Ritter, die Turniere nur aus Großmannssucht betreiben, die sich dort mit schöner Rüstung und teurem Schwert brüsten und sich in einer wirklichen Schlacht von oben bis unten einnässen würden.“ Bärfried nickte bekräftigend. „Das sind die einen, doch gibt es auch Ritter, die den freundschaftlichen Wettstreit untereinander als Notwendigkeit  betrachten, um eben in Zeiten des Friedens im Saft zu bleiben.“

Der Junker machte eine kurze Pause. „Alle Teilnehmer als Gecken über einen Kamm zu scheren, wäre meiner Meinung nach nicht richtig. Ich für meinen Teil sehe es als Übung. Es täte gut, einmal mit einem ebenbürtigen Kämpfer oder einer Kämpferin die Klingen zu kreuzen. All die Rotpelze hängen mir beim Hals hinaus.“ Er spie verächtlich auf den Boden. „Und sollte mir am Kampfplatz einer dieser ... Gecken ... gegenüber stehen, dann werde ich ihm mit einem Lächeln auf den Lippen ein wenig von der rauen Realität unserer Heimat einbläuen.“

Bärfried löste sich von Aardor, um zu Widderich hinüber zu sehen. Er rechnete damit, auf den Hinterkopf des Barons zu starren, weil der es wieder einmal nicht für nötig hielt, sich wenigstens an die elementarsten Regeln der Höflichkeit zu halten. Doch es kam anders: Sehr zu seiner Überraschung sah der Sunderhardter direkt in die Augen des Rauheneck, als er den Blick nach vorn richtete. Der Mann hatte ihm offenbar aufmerksam zugehört. Zum ersten Mal?!

„Ich bin der Meinung, dass es einzig wichtig ist, was uns dazu treibt teilzunehmen; das kann die Suche nach Rondras Idealen im ehrenhaften Wettstreit sein, die Notwendigkeit der Übung oder sonst etwas.“ Nachdem das gesagt war, ging Bärfrieds Blick zurück zum jungen Bärwaldener Ritter. „Das ist egal. Niemand sagt uns, dass wir uns mit Dingen ... Menschen, die uns nicht interessieren, auseinandersetzen müssen. Wir können sie auch einfach links liegen lassen und weiter unsere Wege gehen ... neben diesen Ärgernissen und nicht gemeinsam mit ihnen.“

Nachdem Bärfried geendet hatte, herrschte einen Moment Stille im Rund. Allein der Hufschlag der Pferde auf der stellenweise erschreckend holprigen Reichsstraße war zu vernehmen. Aardor dachte angestrengt nach und verlieh der Anstrengung Ausdruck, indem er die Lippen schürzte und die Stirn runzelte. Schließlich nickte er – nicht zufrieden, aber doch wenigstens halbwegs besänftigt – und richtete den Blick auf seinen Vetter. Die Worte waren dennoch mehr an Bärfried gerichtet, als er wieder zu sprechen begann:

„Ich schätz mal nicht, dass er alle Teilnehmer als Gecken beschimpfen wollte. Ihm reichen wahrscheinlich ein paar von der Sorte, um schlechte Laune zu kriegen. Dinge, die ihn stören, kann er nicht gut links liegen lassen.“

„Ahnen, ja“, seufzte Bärfang der Seite des Sunderhardters und lachte leise. „Ein wahres Wort, gelassen ausgesprochen.“

„Wann habt Ihr zuletzt eine Turney gebraucht, um im Saft zu bleiben, Bärfried“, kam es dann unvermittelt aus Widderichs Richtung. „Mir war, als wäre das mehr ein Problem im Herzen des Reichs und nicht an seinen Rändern?“

„Hast du eine Ahnung!“, Bärfang nahm dem Sunderhardter das Antworten ab. „Du bist zu lange weg gewesen. Was denkst du denn, was wir gemacht haben, während du an den Fronten des Reichs zugange warst? Uns zur Übung jeweils fünf Tage im Mond mit hergelaufenen Suulak geschlagen? Natürlich nicht! Bis du heimgekehrt bist und den Krieg nach Rotenforst holtest, haben wir da bisweilen ein ziemlich beschauliches Leben geführt.“

„Ich habe den Krieg nicht ...“, hob Widderich an.

„Ich weiß. Ich weiß das!“, unterbrach Bärfang ihn sofort und machte eine entschuldigende Geste. „Das war dummes Gerede. Gleich wie: Nachdem Erzelhardt Geschichte ist und Haffax auch und die ganzen anderen Schwarzroten, wird es bei uns jetzt sicher wieder ruhiger. Du solltest dir überlegen, ob du nicht auch die eine oder andere Turney nutzen willst, um auf der Höhe zu bleiben. Bist ja nicht mehr der Jüngste, eh? Ein paar Jährchen ohne echte Herausforderung und du wirst eine Tonne kriegen wie Brandulf auf seine alten Tage.“

„Ich bitte dich!“, Widderich verzog die Lippen zu einem schiefen Grinsen, das jedoch eher bedrohlich als belustigt aussah.

„Guter Punkt“, schallte es da von weiter hinten. Satijana und Branda hatten die Diskussion offenbar auch verfolgt und die Erstere hielt es für angezeigt, ihre Meinung zum Besten zu geben. „Ich wünsche, dass mein Gemahl auch im Greisenalter voll im Saft steht. Alles andere wäre ein herber ... ein vielleicht nicht zu verkraftender Verlust für mich.“

Daraufhin wanderte der Blick des Barons von seinem Bruder weiter zu seiner Frau und das bedrohliche Lächeln wurde eine Spur breiter und schiefer, während sich ein beredtes Funkeln in seine Augen schlich. Kurz sah es so aus, als wolle er Satijanas Anwurf mit einer anzüglichen Bemerkung quittieren. Im letzten Moment schien er sich jedoch der Anwesenheit der Fremden bewusst zu werden und hob stattdessen nur herausfordernd das Kinn.

„Im Ernst jetzt mal“, meldete sich Aardor wieder zu Wort. Vorsichtig, aber mit der geballten Ladung Nervpotenzial, das er in den vergangenen Tagen schon unter Beweis gestellt hatte. „Ich würd gern sehen, wie du da im Kosch den einen oder anderen Gecken vermöbelst. Wär ja ganz schön, wenn die Leute nicht immer nur davon reden müssten, was für ein guter Streiter du bist, sondern es auch mal sehen könnten.“

„Ich bezweifle, dass sie im Kosch darüber reden, Aardor“, meinte Widderich schlicht. Dann fasste er Bärfried wieder ins Auge und hob die Schultern: „Bis vor wenigen Tagen war mir nicht mal bewusst, dass sie es hier tun.“

„Weißt du, was gut ist?“, schob Bärfang nach. „Im Kosch reden sie auch nicht über das andere. Da kennt dich keiner. Du könntest einfach einer unter vielen sein. Wäre das denn nichts?“

„Zu Übungszwecken, eh?“, murmelte der Rotenforster. Sein Blick ruhte noch immer auf dem Sunderhardter. Nachdenklich jetzt, aber weiter zweifelnd. „Ihr macht das zu Übungszwecken? Oder um der Donnernden zu huldigen?“

„Übungszwecke, aber“, Bärfrieds Lippen umspielte ein Lächeln, „auch wegen eines gehörigen Maßes an Neugier.“ Der Blick des Junkers löste sich vom Baron und schweifte in weite Ferne. „Es ist meine erste Reise in die zentralreichischen Provinzen.“ Er stockte. „Interessiert es Euch nicht, wie die Männer und Frauen dort unten kämpfen? Was die ... Gecken ... mit dem Stahl in der Hand können?“ Der Sunderhardter schmunzelte und machte dann eine wegwerfende Handbewegung. „Ich glaube ja, dass bei denen nicht viel dahinter ist, aber interessieren würde es mich trotzdem. Juckt es Euch nicht auch in den Fingern?“ Nach einigen Herzschlägen der Stille lag sein Blick abermals auf Widderich. „Einmal ein Kampf gegen einen unbekannten Gegner, ohne dass unser eigenes Leben, oder das unserer Lieben oder Schutzbefohlenen dabei auf dem Spiel steht.“

„Ja, das und Euer Bruder hat recht, Widderich“, griff Branda von hinten den Faden auf. „Vor allem ist es auch einmal schön, einer unter vielen zu sein und eben nicht ...“ Sie schluckte. „Auch wir sind in Weiden nicht unbedingt wohlgelitten. Mein Gemahl gilt immer noch als der Gespiele und Zögling einer unter Reichsacht stehenden Baronin, der am Sieben-Baronien-Weg Jungfrauen raubt und diese schändet und in seinen Turm sperrt ...“

„Branda, bitte ...“, Bärfried wandte sich zu seinem Weib um. Sein Antlitz war von aufkommender Zornesröte gezeichnet.

„... na ist doch wahr ...“, flüsterte sie daraufhin.

„Wir haben dich gehört, Liebste“, der Sunderhardter fuhr sich mit der Rechten durch sein schwarzes Haar. „Klar ist es schön, einmal einer unter vielen zu sein und sich keinen Kopf zu machen, aber auf die Meinung anderer habe ich erst selten einen Deut gegeben.“ Bei den letzten Worten reckte er stolz sein Kinn.

Der Blick des Rotenforsters war während des kleinen Schlagabtauschs zwischen Bärfried und seiner Gemahlin hin und her gehuscht. Am Ende ruhte er wieder auf dem Junker und als der verkündete, dass die Meinung der anderen ihn nicht scherte, schlich sich ein zugleich viel- und nichtssagendes Lächeln auf Widderichs Lippen.

„Ah“, meinte er leise und drehte sich endlich wieder nach vorn. Sein Kopf allerdings blieb zur Seite geneigt, sodass der Sunderhardter das scharfe Profil sehen konnte, als er noch einmal anhob: „Ich habe sie bereits kämpfen sehen, Bärfried. Und sterben. Bei mehr Gelegenheiten als mir lieb war.“ Er überlegte kurz. „Die Gecken mal beiseitegelassen: Seid vorsichtig mit Eurer Einschätzung. Kämpfen mag für die Streiter aus dem Herzen des Reichs nicht Leben bedeuten, wie bei uns in den Grenzlanden. Aber sie erheben den Kampf zur Kunst und widmen ihm bisweilen mehr Zeit als wir das können. Auf dem Turnierfeld herrschen eigene Regeln, da mag so etwas ausreichen, um mehr als nur einen von uns zu zäumen.“

Während sein Vetter das sagte, saß Aardor weiter völlig verquer im Sattel und starrte Bärfried an. Offenbar war ihm gerade zum ersten Mal zu Ohren gekommen, welche Schandtaten dem Hahnfelser zur Last gelegt wurden – und er wollte es einfach nicht glauben. Der junge Ritter war derart fassungslos, dass er in Schweigen verfiel. An dem hielt er auch fest, als er sich mit einiger Verzögerung ebenfalls nach vorn wandte. Wohl ganz und gar in seinen Gedanken gefangen. Mit dem Redefluss des Bärwaldeners erstarb auch das muntere Gespräch, das sich so unerwartet entsponnen hatte. Da war mit einem Mal nur noch Hufgeklapper.


Auf den Zahn gefühlt I
Etwas abseits der Reichstraße II, südlich der „Stadt“ Wehrheim, 25. Praios 1041 BF

Im nahen Gebüsch zwitscherte ein Vogel, was Bärfried von Sunderhardt dazu verleitete, seine Nase in die Höhe zu strecken. Nur wenige Herzschläge und einen prüfenden Blick später legte er sich jedoch wieder auf die Lauer. „Der Ruf des Finken kündigt für gewöhnlich den Regen an“, bemerkte er leise und mehr zu sich selbst als zur zweiten anwesenden Person. „Und wir wollen doch nicht nass werden.“

Der Junker lächelte schief und richtete er den Blick wieder auf die kleine Lichtung vor ihnen, nachdem sein Begleiter ihm mit einem stummen Nicken zu verstehen gegeben hatte, dass er den Spruch entweder kannte oder ebenfalls nicht nass werden wollte. So ganz sicher war er sich da nicht. In jedem Falle warteten sie hernach schweigend weiter ab. Wenn die Aussage des Wilderers aus dem Dorf Perz stimmte, war das hier ein Platz, der stets gute Jagdbeute versprach. Er hatte Branda und den anderen einen festlichen Braten versprochen und er ... sie würden nicht eher zu ihnen zurückkehren, als dieser erlegt war.

Es sollte nicht lange dauern, da ließ das Knacken eines nahen Zweiges nicht nur die beiden Lauernden aufhorchen, sondern verleitete auch den kleinen Finken dazu, in die Lüfte zu steigen. Auf der Lichtung erschien ein einzelner prächtiger Rehbock, der sich an einem Strauch Beeren gütlich tat. Bärfried nahm den Bogen in seine Hand, legte einen Pfeil auf die Sehne und hielt die Luft an. Innerlich fluchte er, war es doch der Kurzbogen seiner Frau, mit welchem er nur sehr leidlich umgehen konnte. Der Sunderhardter wusste aber in dem Moment, als der todbringende Pfeil die Sehne verließ, dass dies ein günstiger Schuss war. Bärfried lächelte, als der Bock wie vom Blitz getroffen umfiel.

„Genau in die Keule, hat ihm wahrscheinlich eine Ar...äh...Arterime ... ach,  was auch immer ... zerfetzt“, sprach Bärfried in Richtung seines immer noch undgewöhnlich stillen Begleiters, „Auch besser für das Tier. Ein Bauchschuss hätte es nur unnötig leiden lassen.“

Der Junker betrat aus seinem Versteck heraus die Waldlichtung, legte kurz seine Hand auf den Hals des toten Tieres und wuchtete die Jagdbeute dann über seine Schultern. Erst jetzt schälte sich die beeindruckende Gestalt Bärfangs von Rauheneck aus dem Unterholz. Der Hüne hielt einen Wurfspeer in der Rechten. Bärfried war sich nicht sicher, wie es um die waidmännischen Fähigkeiten des Rotenforsters bestellt war, aber irgendwie ahnte er, dass sein Begleiter bereit gestanden hätte, um das Leid des Bocks zu verkürzen – wenn sein Schuss denn nicht so perfekt gewesen wäre. Mit einem anerkennenden Nicken betrachtete Bärfang das erlegte Wild und trat dann vorsichtig näher, um dem Tier mit einer nahezu andächtigen Geste über die Flanke zu streichen – oder malte er dort irgendein imaginäres Zeichen ins Fell? Schwer zu sagen, wenn der Sunderhardter seinen Kopf nicht sehr auffällig verdrehen wollte. Statt das zu tun hob er den Blick in Richtung des Praiosmals und stellte fest:

„Ging doch schneller als erwartet. Was uns direkt Gelegenheit für ein weiteres Spezialgebiet meinerseits gibt.“

Unter dem fragenden Blick des Rotenforsters legte der Junker den eben hinauf gewuchteten Bock nahe einer großen Eiche ab und setzte sich neben ihrem Abendessen auf den Boden der Lichtung. „Muss eh noch ausbluten“, sagte er, als er bemerkte, dass Bärfangs Blick nachdenklich auf ihrer Jagdbeute ruhte. „Ich hoffe, du hast Durst, Bärfang?“

„Habe ich immer“, meinte der Hüne mit einem breiten Lächeln, trat ebenfalls an den Baum heran und ließ sich in dessen Schatten nieder, nachdem er die Spitze seines Speers in den weichen Waldboden gerammt hatte, sodass die Waffe griffbereit neben ihm aufragte. „Sag bloß, du hast etwas dabei, Kerle?!“

Bärfried nestelte da schon in seiner Tasche und kramte zwei flache Trinkgefäße hervor. „Ich habe immer ein ... zwei ... Fläschchen gegen das Heimweh dabei“, der Sunderhardter zwinkerte, dann warf er dem Rauheneck eines der Gefäße zu.

Als die beiden Krieger gemütlich beisammen saßen, bemerkte Bärfried, dass sein Plan allem Anschein im Aufgehen begriffen war. Er hatte es geschafft, den geselligsten und auch gesprächigsten seiner Mitreisenden vom Rest der Gruppe zu entfernen, brachte seinen Schnaps an den Mann und konnte es nun erstmals wagen, die eine oder andere Frage seinen Bruder betreffend zu stellen – weit ab von dieser seltsamen Satijana, die schon seit geraumer Zeit jeden seiner Schritte zu überwachen schien.

„Weißt du, Bärfang“, eröffnete er nach einem kurzen Moment der Stille, „wir in Hahnfels waren heilfroh, als wir davon hörten, dass Euer Bruder zum Baron erhoben wurde – dass Eure Familie sich endlich wieder das zurückholen konnte, was immer schon das Ihre war.“ Bärfried lächelte charmant. „Ja, das Wie ist etwas blöd gelaufen und führt zu einigen ... Irritationen ... innerhalb des Adels, doch haben wir nie etwas auf dieses nutzlose Gewäsch gegeben. Wichtig ist, was wir selbst sehen. Und Euer Bruder hat es sich unserer Meinung nach verdient, dass wir alle ihm vorurteilsfrei begegnen und ihn von nun an an seinen Taten messen. Wie ist es Euch die vergangenen Jahre drüben in Rotenforst ergangen? Haben die anderen Barone schon mal von sich hören lassen?“

„Wir haben ein paar böse Briefe gekriegt“, meinte Bärfang leichthin. „Für mehr hat es nicht gereicht, weil der Großteil des Sichler Adels wohl zu sehr damit beschäftigt ist, sich über Bunsenhold aufzuregen. Thûan ist alles andere als glücklich darüber, dass sein guter alter Freund Erzelhardt das Zeitliche gesegnet hat, der Zollhäuser hat uns darüber aufgeklärt, dass er sich nach einem dermaßen blutigen Machtwechsel nachgerade im Dunklen Zeitalter wähnt, es gab ein paar haltlose Beschimpfungen vom Fuchshager, der wohl auch ganz  gut mit Erzelhardt stand, und Sindaja ... du wirst es dir denken können. ‚Will keinen Mörder und Schänder zum Nachbarn‘, ‚Skandal‘, ‚was meiner armen Schwester da angetan wurde‘ ... blablabla. Wenn ich es recht verstanden habe, soll die Inthronisierung Widderichs auf ihr Betreiben vom Crongericht überprüft werden. Bis jetzt haben wir von dem aber nichts gehört.“

Der Hüne hob die Schultern und warf einen neugierigen Blick auf die Flasche in Bärfrieds Hand: „Also, was ist das denn, das du da so gegen das Heimweh mitnimmst?“ Dann wurden seine Augen ein wenig schmaler. Entweder, weil er auf eine Erklärung zu dem guten Schluck wartete, bevor er davon trank, oder im Zusammenhang mit der Anmerkung die auf die Frage folgte: „Von Mirnhilde haben wir bisher nichts gehört. Allerdings hätt ich auch nicht gedacht, dass sie sich über die Sache freut. Beste Freunde waren wir ja nie. Was genau macht euch an der Sache also glücklich, eh?“

„Schnaps vom Hochlandkriecherl“, Bärfried hob sein Trinkgefäß und prostete dem Rauheneck zu. „Selbstgebrannt. Eine meiner Leidenschaften.“ Der Junker setzte seine Lippen an den Flaschenhals und nahm einen kleinen Schluck, erst dann ging er auf die Frage Bärfangs ein. „All die Dinge, die zwischen Hahnfels und deiner Familie die letzten Jahre vorgefallen sein mögen, das ist vergangen und nichts im Vergleich zu dem, was uns von Etzelhardt getrennt hat.“ Bärfried stoppte und nahm erneut einen Schluck aus seinem Fläschchen. „Aaah sehr gut“, bemerkte er daraufhin zufrieden lächelnd. „Deswegen ja ... wir waren heilfroh ...“, der Sunderhardter unterstrich seine letzten Worte mit einem leichten Kopfnicken.

„Erzelhardt“, meinte Bärfang mit einem schiefen Grinsen. „Der Mann hat Erzelhardt geheißen.“ Dann schnupperte er interessiert an seinem Stumpen, trank aber noch nichts, sondern senkte ihn wieder, um etwas anzufügen. „Wenn du ‚wir‘ sagst, wen meinst du da? Sprichst du von Mirnhilde? Oder von Branda und dir?“ Er hob fragend die Brauen. „Mir wusste nicht, dass ihr Probleme mit Erzelhardt hattet. War er mit den Suulak und uns nicht genug beschäftigt? Hat er nebenher auch noch Streit mit deiner Herrin gesucht? Oder spielst du auf das übliche rechthaberische Rumgenöle an?“

Bärfried legte seinen Kopf schief und zog kurz skeptisch eine Augenbraue hoch. „Ja, ich spreche da schon von Mirnhilde und mir. Sie ist ja meine Baronin und Schwertmutter. Branda war vor zwei Götterläufen doch noch gar nicht bei mir, aber nach allem was dieser ... ERzelhardt ... mit ihrem Vetter hat machen lassen ... genauso wie mit ihren Glaubensbrüdern und -schwestern ... so meint sie zumindest immer ... . Du kannst dir sicher sein, dass der verblichene Baron nicht hoch in ihrer Gunst stand.“ Er hielt kurz inne. „Zu Kämpfen mit Erzelhardts Männern und Frauen kam es nie, der musste ja gegen seine eigenen Schutzbefohlenen Krieg führen und hatte auch nicht die Eier, bei uns aufzukreuzen. Aber das Verhältnis zwischen Mirnhilde und ihm war stets äußerst frostig und Gerüchten zufolge wollte er ihr sogar Land abnehmen.“

„Ja ... Nordolf“, murmelte Bärfang nach einer kurzen Denkpause. „Das war eine schlimme Sache. Damals haben sie uns kalt erwischt und es kostete einige von ... Brandas Glaubensgeschwistern das Leben. Ich kann verstehen, dass sie das nicht loslässt. Geht uns nicht anders. Umso besser, dass die ganzen Praiosdiener jetzt erst mal weg sind. Mit etwas Glück wird es in Rotenforst beizeiten wieder ruhiger.“

„Interessant übrigens, dass du Sindaja erwähnt hast“, setzte Bärfried nach einigen Momenten der Stille in recht beiläufigem Ton hinzu. „Habe ich doch erst vor Kurzem auf dem Sieben-Baronien-Weg gehört, dass ihr Gemahl, dieser Friggenhaupter, in Kontakt mit deinem Bruder steht.“

„Das stimmt. Der gute Mann war ein paarmal da und hat mit Widderich geredet“, meinte Bärfang frei heraus. „Es heißt, dass der Haussegen in Drachenstein deswegen ein bisschen schiefhängt. Offenbar sind sich Sindaja und Haldoran über die Marschroute für ihre Baronie nicht ganz einig.“

Ein schiefes Grinsen eroberte die Züge des Hünen, ehe er den Stumpen endlich an seine Lippen hob und sich einen Schluck von Bärfrieds Selbstgebranntem gönnte. Danach hielt er einen Moment inne und schien dem Geschmack auf seiner Zunge sowie dem Brennen in seinem Rachen gewissenhaft nachzuspüren.

„Da schau an“, meinte er schließlich. „Aus was machst du das? Hochlandkriecher? Nie gehört. Ist das eine Frucht, oder wie?“

„Ja Hochlandkriecherl sind eine Frucht – wir haben am Uhlengrund einige Sträucher stehen“, Bärfried lächelte und schwenkte dabei sein Trinkgefäß. „Vielleicht kennst du es als Haferpflaume? Ein edles Destillat wie ich meine, sehr fruchtig.“ Der Sunderhardter blickte einige Momente erwartungsvoll auf sein Gegenüber. Er musste sich eingestehen, dass ihm die Meinung eines Mannes, der guten Alkohol zu schätzen wusste, wichtig war.

„Ne, kenn ich auch nicht“, meinte der Rauheneck und schüttelte den Kopf. „Wächst bei uns in den Drachensteinen vermutlich nicht. Da ist der Boden ja doch ein bisschen anders als bei euch in der Sichel.“ Sprachs und schüttete den Rest des Selbstgebrannten in sich hinein, nur um sich auch den über die Zunge laufen zu lassen und schließlich anzumerken: „Schade, sonst würde ich die Früchte in Sturmrætzvallt weiterempfehlen. Mir schmeckt’s nämlich.“ Er nickte anerkennend und fasste Bärfried dann wieder ins Auge: „Wenn dein Interesse nicht nur Gebranntem, sondern auch Gebrautem gilt, solltest du mal bei uns vorbeikommen. Meine Schwägerin – Wolfherz’ Witwe – macht ein hervorragendes Grutbier. Ach ja ... und gute Jagdgründe haben wir auch. Kommt mir vor, als könnte man dich damit locken.“ Er machte eine vage Kopfbewegung in Richtung des Rehbocks.

Bärfried blickte kurz unschlüssig, obwohl er sich über das Lob des Rauheneckers freute. ‚War das eben eine Einladung? Und wenn ja, zu was?‘, dachte der Junker, als sich seine Lippen zu einem Lächeln verzogen. „Das wohl“, er nickte bekräftigend. „Aber nicht, dass du noch einen falschen Eindruck von mir bekommst. Ich tue schon auch was anderes als zu saufen und zu jagen.“ Der Sunderhardter lachte auf. „Aber gern würde ich das Bier deiner Schwägerin einmal kosten ... vielleicht ergibt sich ja demnächst eine Gelegenheit.“

„Hmhum“, Barfäng nickte zufrieden. Offenbar war er sich nicht im Klaren darüber, dass seine Worte durchaus eine Präzisierung hätten brauchen können. Für ihn schien das Thema erledigt zu sein und er hob den Stumpen noch einmal, um am Rest des „Kriechers“ zu schnüffeln.

Barfried nutzte die Gelegenheit, um auf sein eigentliches Thema zurückzukommen: „Schön zu sehen, dass der Friggenhaupter Zeit findet, die Länder zu bereisen, wo er doch in erster Linie einmal schauen sollte, dass im Lehen seiner hohen Frau Gemahlin aufgeräumt wird. Traurig, was dort abläuft.“ Bärfang konnte ein gehöriges Maß an Verachtung aus der Stimme des Sunderhardters heraushören, als er das sagte. „Ich weiß, dass er seit Jahr und Tag von einem Schwertzug gegen uns träumt, um irgendwelche Ansprüche durchzusetzen, die wahrscheinlich ein Hirngespinst sind.“ Der Junker schaubte verächtlich, nahm dann einen Schluck zu Beruhigung, bevor er ruhiger nachsetzte. „Er kann es gern versuchen, wir sind bereit!“

Bärfried seufzte, dann schüttelte er leicht den Kopf – und realisierte zu spät, dass sein Gesprächspartner eben zu einer Erwiderung hatte ansetzen wollen. „Vielleicht sollten wir dann zu den anderen zurückkehren“, kam er dem Rauheneck zuvor. Fürs Erste war er auch so mit der Ausbeute an Erkenntnissen zufrieden. Er wollte die Sympathien des Rauhenecks für ihn nicht zerstören, indem er zu früh zu viele Fragen stellte.

„Ja, sicher. Sorgen wir dafür, dass sie etwas zwischen die Zähne bekommen“, meinte Bärfang. Er drückte Bärfried den Stumpen wieder in die Hand, erhob sich rasch und griff nach seinem Wurfspeer. „Kochen wirst du sicher auch wieder, eh? Allmählich verstehe ich, warum dein Weib dich die ganze Zeit so liebestrunken anstarrt. Besorgst das Essen nicht nur, sondern bereitest es auch zu, trinkst Schnaps nicht nur, sondern brennst ihn auch selbst, sagst Gedichte nicht nur auf, sondern verfasst sie eigenständig ... wenn sich jetzt noch rausstellt, dass du nicht nur Schwerter schwingen, sondern auch Schneidern und Zöpfe flechten kannst, nehm ich mir nen Strick ...“


Auf den Zahn gefühlt II
Grambusch, an der Kreuzung zwischen den Reichsstraßen 2 und 6, Anfang Rondra 1041 BF

Sie hatten Gareth hinter sich gelassen und die meisten Mitglieder der Reisegruppe schienen darüber recht froh zu sein. Womöglich sogar alle, bis auf die Baronsgemahlin von Rotenforst. Die war in großen Städten augenscheinlich ganz in ihrem Element. Zum ersten Mal hatte sie sich nicht im Hintergrund gehalten, sondern bereitwillig die Führung übernommen. Und das war gut so – für Aardor, Bärfried, Widolf und Bärfang allzumal. Mit kleinen Abstrichen allerdings auch für Branda und Widderich, die sich in der Kapitale des Mittelreichs bei Weitem nicht so gut zurechtfanden wie in Salthel, Baliho oder Auen. Sie alle gerieten in dem wilden Durcheinander irgendwann an ihre Grenzen und schätzten sich glücklich, jemanden dabei zu haben, der seinen Weg durch die Straßenschluchten mit traumwandlerischer Sicherheit fand. Der noch dazu einen untrüglichen Instinkt für interessante Plätze und Veranstaltungen sowie für gute Gasthäuser und Tavernen bewies. Aus dem Grund war das Ganze nicht zu einer Katastrophe geraten, für die meisten von ihnen aber dennoch nervenaufreibend bis anstrengend gewesen.

Umso gelöster die Stimmung mit einem Tag Abstand in einer Grambuscher Herberge. Dort waren sie eingekehrt, hatten ein gutes, wenn auch nicht gerade preiswertes, Mahl zu sich genommen und sich anschließend mehr oder minder in alle Winde zerstreut. Gleich nach dem Essen waren Bärfang und Branda in den Stallungen verschwunden. Das Pferd von Bärfrieds Gemahlin hatte sich am späten Nachmittag einen Lauf vertreten und der Rauheneck wollte ihr Kräuter und einen Wickel zeigen, die dem Tier Linderung verschaffen konnten. Kurz darauf hatte Aardor es – nicht zuletzt zu seiner eigenen Verwunderung – geschafft, Widderich zu einer Übungsstunde breitzuschlagen, und nach einem fragenden Blick in Richtung seines Herrn schloss Widolf sich den beiden an.

Folglich saß Bärfried nun allein mit Satijana am Tisch. Dagegen sprach auch nichts, denn im letzten halben Wassermaß hatte er ohnehin ausschließlich mit der Frau des Rotenforsters geredet. Über Hahnfels zuerst. Und dann über Mirnhilde, die sie extrem interessant zu finden schien. Satijana stellte viele oberflächliche Fragen, die der Sunderhardter bereitwillig beantwortete, weil er sich keiner Gefahr versah. Der nachdenkliche Blick seines Gegenübers, machte schließlich auch ihn etwas nachdenklich. Er geriet jedoch nicht ernstlich ins Stutzen, denn mit einem Mal unterhielten sie sich über große Poeten aus den Born- und Weidenlanden. Im Nachhinein erinnerte Bärfried nicht, wie die Satijana diesen Themenwechsel vollzogen hatte, ohne dass es erzwungen wirkte – dafür kannte er Auszüge aus ein paar neuen Gedichten, die sich vor allem durch eine besondere Schwermut auszeichneten.

Die Verse klangen dem Junker noch im Ohr, als er den fragenden Blick seines Gegenübers bemerkte. Aus erstaunlich hellblauen Augen sah Satijana ihn über den Rand ihres Bechers hinweg an, während sie einen Schluck Wein trank.

„Mich treibt die ganze Zeit schon eine Frage um, Bärfried. Ich muss sie jetzt einfach stellen“, hob Satijana an, als das irdene Gefäß wieder vor ihr auf dem Tisch stand. Sie wirkte neugierig und ein freundliches Lächeln zierte ihre Lippen. Umso unerwarteter kam das, was auf die Ankündigung folgte: „Wie lange habt ihr drüben bei Tiefenfurt eigentlich am Sieben-Baronien-Weg gehockt und darauf gewartet, dass wir vorbeikommen?“

Bärfried verspürte die aufkommende Unruhe in sich nur sehr kurz. Im Endeffekt hatte er auf diese Worte aus Satijanas Mund bereits gewartet. So sehr er sich auch an ihrem Anblick erfreuen konnte, so bezaubernd ihr ständiges Lächeln auch sein mochte, er fühlte sich seit ihrer ersten Begegnung stets unter Beobachtung. Und nicht nur das: Regelmäßig stellten sich in ihrem Beisein seine Nackenhaare auf – etwas, das er seit dem Tod seiner Mutter nicht mehr gefühlt hatte. Er wusste das gefühlte Unwohlsein nicht richtig einzuordnen, es war ihm jedoch schon sehr bald klar gewesen, dass ein Gespräch dieser Art früher oder später folgen würde.

Es sollte nur ein Herzschlag vergehen, bis der Junker simultan sowohl seine linke Augenbraue als auch beide Mundwinkel nach oben zog, sodass der Ausdruck auf seinem Antlitz in diesem Moment als amüsiert zu bezeichnen war. Insgeheim spürte er sogar leichte Vorfreude in sich hochsteigen. Der Sunderhardter war noch nie ein Mann gewesen, der den Konflikt scheute – sei es nun mit Worten oder dem Stahl in der Hand. Dennoch beschränkte er sich vorerst darauf den Ahnungslosen zu mimen.

„Hm ...“, Bärfried kratzte sich theatralisch am Kinn, „... gar nicht mal so lang. Es war eine schöne Überraschung, euch alle dort anzutreffen. Was für ein angenehmer Zufall. Warum fragst du?“

„Hmhum“, machte Satijana, während sie das Gesicht des Junkers aufmerksam betrachtete. Gegen Ende der Musterung vertiefte sich ihr Lächeln und ein schwer definierbares Funkeln trat in ihre Augen. „Ein Zufall, was?“, sie hob die Brauen, was fast ein bisschen spöttisch anmutete. „Das kannst du Aardor und Bärfang erzählen, mit etwas Glück auch Widderich, aber sicher nicht mir.“ Dann neigte die Rotenforsterin den Kopf leicht zur Seite: „Oder ... vielleicht hättest du das sogar gekonnt, wenn die Mienen deiner Begleiter nicht eine andere Geschichte erzählen würden. Die des Jungen zuvörderst, dem Schauspielerei nicht wirklich zu liegen scheint.“

Nach einer kurzen Bedenkpause hob sie die Schultern: „Ich weiß, dass ihr dort gewartet habt. Und zwar nicht darauf, dass der Braten gar wird, sondern auf uns. Auf Widderich wohl?! Weil es Euer Ansinnen war, mit ihm gemeinsam zu reisen. Die Frage ist nur: Warum?“

„Schauspielerei ...“, langsam wiederholte Bärfried den Vorwurf seines Gegenübers. Dann legte er seinen Kopf schief und zog skeptisch eine Braue hoch. „Der Junge hat was? Geschauspielert? Wie kommst du zu dieser Einschätzung? Und warum sollte er?“ Der Junker nippte an seinem Weinbecher und Menschen, die ihn gut kannten, hätten in dieser einfachen, recht beiläufigen Geste einen Anflug von Nervosität erkennen können.

„Woher hätten wir denn wissen sollen, dass ihr in den Kosch aufbrecht?“, Bärfried stellte seinen Becher wieder auf den Tisch. Seine Stimme wurde nun etwas ernster und seine Augen blitzten herausfordernd auf. „Und woher hätten wir wissen sollen, wann ihr das tun würdet? Bei uns gibt es weder Schamanen, die das aus dem Gedärm eines Tieres lesen können, noch ...“, der Junker musterte sein Gegenüber genau, „... weise Weiber, die es hätten sehen können.“

Abermals führte der Sunderhardter seinen Becher zu den Lippen. „Selbst wenn wir dort gewartet hätten ... denkst du vielleicht, dass von uns irgendeine Gefahr ausgeht? Und auch sonst: Was würde man sich daraus erwarten können, wenn man gemeinsam reist?“ Der Hahnfelser tippte sich mit dem Zeigefinger seiner freien Linken gegen die Schläfe. „Sehr weit her geholt, findest du nicht? Der Junge ist einfach nur nervös, kommt erstmals aus der Sichelwacht raus.“

Nachdem das gesagt war, schwieg Satijana einen Moment. Vielleicht sann sie darüber nach, ob der Sunderhardter ihr gerade  einen Vogel gezeigt hatte. Und wenn ja, wie sie damit umgehen wollte. Letztlich entschied sie sich offenbar gegen diese negative Lesart, denn sie griff nach ihrem Becher, statt den Junker für seine vermeintliche Unverfrorenheit in den Senkel zu stellen. Die Rotenforsterin kredenzte sich einen Schluck Wein, ehe sie die Stimme wieder hob.

„In diesem Falle brauchtest du weder einen Schamanen noch eine Weise Frau, um zu sehen. Du hattest ja die Mutter deines Knappen, die offenbar in einem regen Briefkontakt mit ihm steht“, meinte sie leichthin. „Tu das jetzt bitte nicht auch noch als Hirngespinst ab. Ich würde derlei niemals unterstellen. Ich äußere es nur, wenn ich mir meiner Sache sicher bin.“ Ihre Augen wurden ein wenig schmaler, als sie ihr Gegenüber wieder aufs Korn nahm. Die Lippen zierte jedoch das altbekannte Lächeln. „Und ja: Der arme Junge hat versucht zu schauspielern. Möglicherweise habe ich ihn vorher aufs Glatteis geführt. Und als er die Situation retten wollte, ging das möglicherweise gar nicht mehr anders als durch eine Lüge, die als solche leicht erkennbar war.“

Satijana lehnte sich zurück und ließ die Fingerspitzen der rechten Hand am Rand ihres Bechers entlang gleiten, während sich ihr Blick intensivierte – bis Bärfrieds Nackenhaare wieder einmal in die verhasste Hab-Acht-Stellung gingen.

„Wärst du ein Weidener Ritter wie alle anderen, Bärfried von Sunderhardt, einer ohne Arg und Tadel, dann würde ich mir den Kopf nicht zerbrechen, sondern darauf vertrauen, dass deine Beweggründe lauter sind. Aber das bist du nun mal nicht, und folglich muss ich die Situation hinterfragen, wenn ich den Schutz der Meinen im Sinne habe.“ Sie überlegte kurz. „Ich weiß nicht, was du dir davon versprichst, Widderich nahe zu sein. Ob du Übles im Schilde führst oder einfach nur neugierig bist. Ob du im eigenen Interesse handelst oder im Auftrag deiner Herrin. Nach welcher Erkenntnis du trachtest. Das sind zu viele offene Fragen. Ein paar davon müssen beantwortet werden, bevor ich unbeschwert an deiner Seite reisen kann. Und ich schätze, das wäre letztlich in unser beider Interesse?!“

Bärfried schnaubte. Dabei erschloss es sich Satijana jedoch nicht, was genau der Auslöser dieser Unmutsbekundung war; war es die Tatsache, dass sein Knappe Widolf ihre Unternehmung gefährdete oder etwa die Aussage, dass sie ihn für einen Ritter mit unlauteren Motiven hielt. Es sollte ein ungelöstes Geheimnis bleiben, denn der Junker ließ diesen Gefühlsausbruch auch in weiterer Folge unkommentiert.

„Meine Motive sind stets lauterer Natur“, bemerkte er emotionslos. „Du solltest nicht vergessen, wie viel meine Familie mit der deinen gemein hat.“ Der Sunderhardter blickte sich um und dämpfte dann seine Stimme, sodass sie einen beinahe verschwörerischen Ton annahm. „Auch wir sind als beinahe aussätzig zu bezeichnen und du kannst mir glauben, dass ich nur das Beste für meine Familie im Sinn habe. Und ja, dazu zähle ich auch Mirnhilde.“

Bärfried nahm einen Schluck von seinem Becher und fast schien es, als wolle er damit nur Zeit kaufen, um die richtigen Worte zu finden. „Meinst du, es wäre eine gute Idee, es mir mit euch auch noch zu verscherzen? Warum sollte ich euch schaden wollen, wo doch die Belehnung deines Mannes mit Rotenforst eine Chance für uns darstellt, einen neuen Anfang mit unseren Nachbarn zu wagen?“

Nun stahl sich auch schmales Lächeln auf die Lippen des Junkers. „Wie du siehst, wäre es dumm wenn ich ... wir ... in irgendeiner Form Streit oder gar Krieg mit euch suchen würden. Deshalb kannst du auch beruhigt sein, was meine Motivationen angeht“, das schmale Lächeln steigerte sich zu einem breiten und herzlichen. „Gesetzt den Fall, dass du mit deiner Annahme recht hast und unser Treffen wirklich kein Zufall war, versteht sich.“

Die Augen der Rotenforsterin wurden noch ein wenig schmaler, als ihr Gegenüber seine Charmeoffensive startete. Sie traute dem Braten offensichtlich nicht. Für einen Moment schien es gar, als würde ihr Lächeln ins Bröckeln geraten. Doch der war schnell vorbei, und sie neigte das Haupt zur Seite, um Bärfried mit neu erwachtem Interesse zu mustern.

„Wenn deine Familie nur ein bisschen so ist wie meine, dürfte Lauterkeit kaum die bedeutsamste Triebfeder ihres Handelns sein“, meinte sie nüchtern. „Wer stets das Beste für seine Lieben im Sinn hat, muss lauteren Mitteln manches Mal Ade sagen, auch wenn es schmerzt. Damit erzähle ich dir bestimmt nichts Neues – und genau da liegt der Hund begraben.“ Kurz noch hielt Satijana ihren prüfenden Blick aufrecht, dann hob sie die Schultern.

„Ich sehe, dass du es mit Offenheit nicht so hast, mein Lieber, und das ist dein gutes Recht. Es gibt viele gute Gründe, nicht offen zu sein. Allzumal, wenn man ein ‚Aussätziger‘ ist und sein Gegenüber kaum kennt. Nur leider bringt uns das in dieser Situation keinen Schritt voran. Also mache ich jetzt einfach mal den Anfang und hoffe, dich damit in Zugzwang zu setzen.“ Plötzlich wirkte das Lächeln der Baronsgemahlin fast ironisch – selbstironisch vielleicht? Sie gönnte sich einen Schluck Wein, bevor sie erneut anhob:

„Ihr seid verfemt, wir sind verfemt. Insoweit stimme ich dir zu. Vermutlich ist Widderich momentan der einzige Baron in der Sichelwacht, der bei seinen Standesgenossen noch weniger Ansehen genießt als Mirnhilde. Rotenforst ist zwischen Hammer und Amboss geraten, und das ist wahrlich kein angenehmer Platz. Mag sein, dass uns das zu interessanten potenziellen Bündnispartnern für deine Herrin macht. Mag aber auch sein, dass wir dadurch eher zu interessanten potenziellen Opfern werden. Uns ist nicht entgangen, dass Hahnfels seit einiger Zeit danach trachtet, die Reichsacht loszuwerden. Uns ist auch nicht entgangen, dass sie für Unterstützung wirbt – auf ihre ganz eigene Art. So gesehen könnte es durchaus eine gute Idee sein, es sich mit uns zu verscherzen. Anderen Sichlern würde das gefallen, und wenn Mirnhilde einst vors Reichsgericht zieht, hätte sie vielleicht ein paar Leumundszeugen mehr.“

Satijana machte eine Pause, in der sie Bärfried mit fragend gehobenen Brauen ansah. Als der nicht sofort reagierte, fuhr sie leise seufzend fort: „Nicht dass du mich falsch verstehst: Das wäre eine nachvollziehbare Motivation. Vielleicht würden wir sogar ähnlich handeln. Es ändert aber nichts daran, dass ich dich keinen Moment länger in der Nähe ... meines Mannes dulden könnte.“ Sie äußerte das in einem neutralen Tonfall. Gleichwohl wirkte die Ansage irgendwie sehr ernst. „Ich sehe nicht tatenlos dabei zu, wie du meine Familie um den Finger wickelst und Eindrücke und Informationen sammelst, die irgendwann eingesetzt werden, um ihr einen Dolch in den Rücken zu rammen. Also noch mal: Warum suchst du unsere Nähe?“

„Gibt es für einen Mann eine edlere und reinere Triebfeder, als stets für seine Familie da zu sein?“, griff Bärfried erst noch einmal die Frage nach der Lauterkeit seiner Motive auf. Es schien seinem Gegenüber ganz so, als könne er den Vorwurf nicht so stehen lassen. „Meiner Meinung nach ist das Ansichtssache.“ Er hob die Schultern. „Und genau weil mir meine Familie über alles geht, würde ich der deinen niemals wehtun wollen.“

Der Sunderhardter dämpfte abermals die Stimme, während er Satijana fest in die Augen sah. „Schau dir doch einmal meine Begleiter an: ein zukünftiger Vasall deines Mannes und mein Eheweib. Beide aus einer Familie, die den Rauhenecks stets bedingungslos loyal war. Und nicht nur das, sie haben auch denselben Glauben.“ Er hob seine Brauen, wartete jedoch keine Antwort der Rotenforsterin ab. „Würde ich es zulassen oder aktiv herbeiführen wollen, dass deiner Familie etwas geschieht, würde auch die meine darunter leiden. Denkst du, ich möchte Branda oder Widolf auf dem Scheiterhaufen sehen?“ Dem Junker brach die Stimme. Er räusperte sich und er nahm einen Schluck aus seinem Holzbecher. „Nein, ich liebe meine Frau und man müsste sie mir schon aus meinen toten, kalten Fingern entreißen ...“

Bärfried machte eine kurze Pause, die er nutzte, um seine Gedanken etwas zu ordnen, während Satijana ihn weiter aufmerksam betrachtete. Das Mienenspiel der Rotenforsterin war ziemlich beredet – und zugleich sehr widersprüchlich. Er meinte Zweifel darin zu erkennen. Nach wie vor. Ein gerütteltes Maß. Es blitzte aber auch Neugier in ihren Augen. Gepaart mit etwas, das vielleicht ... Überraschung war? Anerkennung? Um die letzten Zweifel auszuräumen, griff der Junker das Thema von eben noch einmal auf:

„Warum sollten mich die beiden begleiten, wenn es darum ginge, deiner Familie Schaden zuzufügen? Oder meinst du gar, dass ich meinen Lieben gegenüber ein falsches Spiel spiele? Oder dass meine Frau aus lauter Hörigkeit mir gegenüber ihre Wurzeln vergisst und verrät?“ Bärfried schüttelte energisch den Kopf. „Nein, ich folge dir und deiner Familie als Freund und auch um Mirnhilde musst du dich nicht sorgen. Wir sind es nicht, die in der Sichelwacht ein doppeltes Spiel spielen. Wir sind es nicht, die deine Familie als Mittel zum Zweck für eigene Ziele sieht. Wir sind es nicht, vor denen ihr euch in Acht nehmen solltet.“ Die Stimme des Sunderhardters wurde ernst. „Sieh meine Anwesenheit als einen Akt der Freundschaft – als einen Versuch, erste zarte Bande zwischen Hahnfels und Rotenforst herzustellen.“ Fast schien es als hätte der Hahnfelser damit geendet, als er noch einmal nachsetzte: „Wenn du mir nicht glaubst, dann sieh einfach in mich hinein. Das könnt ihr Weisen Frauen doch, habe ich nicht recht?“

„Steile These“, Satijana zuckte nicht einmal mit der Wimper, als der Sunderhardter seinen Schuss ins Blaue abgab. Dafür wirkte das Funkeln in ihren Augen mit einem Mal irgendwie spöttisch. Auf milde Art, nicht hämisch. „Eine Weise Frau soll ich also sein? Warum? Weil ich nicht weiß, wo bei einem Schwert das scharfe Ende ist und es im Weidener Adel niemanden gibt, der weder über dieses Wissen noch über irgendwelche anderen verborgenen Talente verfügt?“ Sie hob die Brauen, winkte dann aber ab, um Bärfried zu verstehen zu geben, dass sie auf diese Frage keine Antwort erwartete. „Im Bornischen sind nutzlose Adelspersonen ganz alltäglich“, fügte sie an. „Das unterscheidet uns von euch. Das, und die Tatsache, dass wir mehrheitlich weniger zimperlich mit unseren Standesgenossen umspringen. Es fällt mir schwer nachzuvollziehen, warum all das unmöglich sein soll, was du da gerade aufgezählt hast. Es sei denn, du sprichst die Wahrheit und liebst deine Gemahlin wirklich mehr als deine Lehnsherrin. Das wäre dann in der Tat eine Neuigkeit, die die Überzeugungen vieler deiner Nachbarn in ihren Grundfesten erschüttern könnte ...“

Bärfried lauschte Satijanas Ausführungen mit regungsloser Miene. Einzig bei ihrem letzten Satz wanderten seine Mundwinkel nach oben. Dennoch beschloss er, vorerst nicht auf das eben Gesagte einzugehen.

Unterdessen erwiderte Satijana seinen Blick seelenruhig: „Ich soll euer Interesse an uns also rundum positiv bewerten? Das Ganze als einen ersten vorsichtigen Versuch verstehen, zarte freundschaftliche Bande zwischen Hahnfels und Rotenforst zu knüpfen? Und das ist wirklich alles? Mehr steckt nicht dahinter?“

„Scheint so als hätten wir wohl beide unsere Geheimnisse ...“, bemerkte der Junker, bevor er seinem Gegenüber eine Antwort lieferte, „... und wir beide meinen den jeweils anderen besser zu kennen als es der Fall ist.“ Sichtlich amüsiert griff Bärfried nach seinem Holzbecher. „Ich meine, du bist eine dieser Weisen Frauen, unter denen ich aufgewachsen bin. Du wiederum glaubst, ich sei ein meine Familie verratender Egoist ...“, der Sunderhardter lächelte spitzbübisch, „ ... der seiner Baronin mehr Liebe entgegenbringt als seinem Weib.“ Er machte eine wegwerfende Handbewegung, ließ Satijana jedoch nicht aus den Augen. Beinahe schien es ihr, als warte er auf etwas. „Und ich sage dir, dass nur einer von uns mit seiner Einschätzung nahe an der Wahrheit liegt. Aber gut, lassen wir das ...“

„Nein, das lassen wir nicht“, fiel Satijana ihm ins Wort und wirkte zum ersten Mal ansatzweise gnatschig. „Ich stelle fest, dass es dir nicht an Selbstvertrauen mangelt. Wobei ich es in diesem Falle fast Anmaßung nennen möchte.“ Sie hob die rechte Braue. Dadurch wirkte sie ein bisschen wie eine blasierte Schnepfe, und irgendwie kam Bärfried nicht umhin, darin eine Parodie seines eigenen Auftretens zu erkennen. „Zunächst einmal“, hob die Rotenforsterin an, „halte ich dich nicht für einen egoistischen Verräter. Ich will die Möglichkeit nur nicht ganz ausschließen. Nach dem, was Rotenforst in den vergangenen Jahren durchgemacht hat, erscheint mir Vorsicht besser als Nachsicht. Wenn du mir keinen Grund gibst, dir zu vertrauen, werde ich es nicht tun. Und wenn ich das nicht tue, wird Widderich es auch nicht. Verstehst du das?“

Die Antwort schien sie dem Sunderhardter von den Augen abzulesen, denn sie wartete nicht ab, bis er sich zu ihren Worten äußerte: „Und dann lass mich noch einmal betonen, dass ich aus einem anderen Stall komme als du. Ich bin nicht in der Wildnis aufgewachsen, sondern in einer großen Stadt. Ich musste mich selten mit Waffen meiner Feinde erwehren. Ich habe dazu immer meinen Kopf benutzt.“ Jetzt tippte sie sich an die Schläfe und grinste dabei nahezu unverschämt breit. „Ich habe gelernt, Menschen zu lesen. Hätte ich es nicht, würde ich längst nicht mehr leben. Dazu braucht es keine Magie, sondern einfach nur wache Sinne, einen klaren Verstand und ein gutes Einfühlungsvermögen. Du bist nicht so leicht zu durchschauen wie die meisten Weidener, die ich kenne ... aber es reicht gerade so. Bücher mit Siegeln sehen anders aus.“

Nachdem das gesagt war, holte Satijana tief Luft und nickte sacht. „Und jetzt – bitte! – antworte auf meine Frage. Ich will dir nicht misstrauen. Aber du lässt mir keine andere Wahl, wenn du dich weiter zierst.“

Bärfried lächelte vielsagend, dann nahm er einen Schluck vom Wein und entspannte sich sichtlich. „Da wir beide ja jetzt warm miteinander geworden sind, und ich schon etwas über dich erfahren durfte, sollst du auch etwas über mich erfahren...“, der Junker dämpfte seine Stimme. „Ja, es ist kein Zufall, dass ich hier bin. Und nein, es war nicht Mirnhildes Idee.“

Er ließ seine Worte etwas wirken, bevor er fortfuhr. „Es war die Neugier, die mich dazu verleitete, mich euch anzuschließen. Es war meiner Meinung nach an der Zeit auszuloten, wie dein Mann uns gesinnt ist. Und ja, ich war auch ehrlich an seiner Person interessiert, denn ...“, der Junker nahm erneut einen Schluck, dann zwinkerte er seinem Gegenüber verschwörerisch zu, „... Geschichten, wie sie deinen Mann umschweben, schrecken mich nicht ab, sondern regen mein Interesse an. Es sollte nicht lange dauern, bis Mirnhilde davon Wind bekam. Doch auch von ihr kam nicht die Order, euch in irgendeiner Art und Weise Schaden zuzufügen. Auch sie ist interessiert an der Person deines Mannes und möchte wissen, was an den Gerüchten dran ist und ob er sich vielleicht dazu herablässt, mit dem Friggenhaupter gemeinsame Sache zu machen.“ Er seufzte. „Von uns aus wird es keinen Krieg geben, das kann ich dir versichern.“

Bei der Erwähnung des Baroninnengemahls von Drachenstein entfuhr Satijana ein leises „Ah“ und Bärfried hatte den Eindruck, dass sie sich nun endlich auch ein wenig entspannen würde. Nicht dass sie zuvor sonderlich angespannt gewirkt hätte, aber mit einem Mal war da doch eine deutliche Veränderung spürbar. „Daher weht der Wind“, meinte sie leise, ehe sie abermals nickte und ihren Becher an die Lippen hob. Offenbar konnte sie mit diesem Gedanken weitaus mehr anfangen als mit dem an ein bloß freundschaftliches Interesse. „Verständlich“, murmelte sie dann und warf Bärfried einen fast erleichterten Blick zu. „Und ganz sicher nichts, wobei ich dir im Weg stehen werde.“

Bärfried nickte knapp. „Dann hätten wir diese Sache wohl endlich aus der Welt geräumt.“ Er richtete seinen Blick daraufhin in die Ferne, direkt an Satijana vorbei. „Wir wissen, dass der Friggenhaupter schon seit Jahr und Tag Krieg gegen uns plant, genauso wie wir wissen, dass er uns alleine nicht gewachsen ist. Wie groß seine Verzweiflung ist, zeigt die Tatsache, dass er sich über den von seinem Weib gegen deinen Mann gehegten Hass hinwegsetzt und den Kontakt zu euch sucht.“ Der Sunderhardter biss sich auf die Lippen, dann wandte er sich wieder der Rotenforsterin zu. Seine Blick war ernst und es war alles an Schalk aus seiner Stimme verschwunden. „Ich möchte meine Familie keinem Krieg aussetzen. Meine Absichten hier sind interessierter und freundschaftlicher Natur, das kannst du mir glauben. Aber kommt es zu einem Konflikt, ist es klar, auf welcher Seite ich stehen werde.“

„Selbstverfreilich ist es das“, meinte Satijana. „Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob der Friggenhaupter es wirklich auf einen Krieg abgesehen hat, oder ob er nicht eher auf ein Einknicken deiner Herrin hofft, wenn sie sieht, dass er nicht allein auf weiter Flur steht.“ Sie runzelte die Stirn und schien noch etwas anfügen zu wollen, entschied sich dann aber um. „Wenn du dazu Genaueres wissen willst, musst du mit Widderich sprechen. Er ist der Baron von Rotenforst, ich bin nur schmückendes Beiwerk.“ Sie lächelte, etwas breiter als es zuvor die ganze Zeit der Fall gewesen war. „Wozu er sich herablässt und wozu nicht und mit wem er seine Gedanken teilt, das entscheidet allein er.“

Bärfried runzelte skeptisch seine Stirn, dann schüttelte er leicht den Kopf. „Meinst du wirklich, dass Widderich darüber sprechen würde?“ Er kratzte sich sein Kinn. Satijana merkte, dass es im Kopf des Junkers arbeitete. „Wäre vielleicht wirklich gut, wenn ich ihm unsere Seite dazu erläutern könnte. Vor allem den Teil, dass Mirnhilde mit Sicherheit nicht kleinbeigeben wird. Die Frau stand immer schon unter Reichsacht und eckt überall und bei jedem an. Drohungen aus Drachenstein sind wir gewohnt, wenn nun auch Rotenforst dazu kommt ...“, der Sunderhardter zögerte ein paar Herzschläge lang, „... das wird zu wenig sein, was auch immer sich die beiden überhaupt von uns erwarten.“

Bärfried blickte noch einige Momente stumm vor sich hin, dann hellten sich seine Züge wieder sichtlich auf. „Aber gut lassen wir das. Dieses Thema soll uns den netten Abend nicht gänzlich vermiesen, habe ich nicht recht?“, sprach er und hob prostend seinen Weinbecher.

„Nein, das sollte es nicht“, erwiderte Satijana und hob ihren Becher ebenfalls. „Wir können gern zu den Dichtern zurückkehren. Lass mich vorher nur noch eine Anmerkung machen.“ Statt diese sofort anzuhängen, blickte sie den Sunderhardter nachdenklich an – und schien nicht ganz sicher zu sein, wie sie es anfangen sollte. „Wenn du Fragen an Widderich hast, dann rede mit ihm. Das ist meist gar nicht so schlimm, wie man annehmen würde. Der Eindruck täuscht. Ein bisschen jedenfalls ... .“ Ein schiefes Lächeln eroberte ihre Züge und sie schüttelte belustigt den Kopf. „Darauf den nächsten Schluck, würde ich sagen!“


Auf den Zahn gefühlt III
Im Hof einer Wegschenke nahe Ferdok, Anfang Rondra 1041 BF

Der schrill klirrende Stahl ließ die Luft erzittern. Unterbrochen wurde der Schrei der beiden aufeinandertreffenden Schwerter nur von vereinzelten, recht zornigen Zurufen und Anweisungen. Einander gegenüber standen zwei Kämpfer, die unterschiedlicher nicht hätten sein können: auf der einen Seite ein recht schmächtiger Jüngling mit roten Haaren und tiefblauen Augen, auf der anderen ein athletischer Krieger Anfang 30 mit dunklen Haaren und von Narben gezeichnetem Oberkörper. Beide Kombattanten verzichteten an diesem so drückend schwülen Abend darauf, ihre Körper mit Rüstzeug zu bedecken – der ältere der beiden bis auf Stiefel und Beinlinge sogar gänzlich darauf sich einzukleiden.

„Nein, nein ...“, stieß Bärfried schwer atmend aus. „Deckung hoch, verdammt nochmal!“ Der Kampf hatte für das geschulte Auge viel mit einem Schaukampf zu tun und ließ jeglichen Ernst vermissen. „Junge ... nein ...“, der Sunderhardter ließ sein Schwert sinken, einen Herzschlag später tat es ihm sein Knappe gleich. Widolf bleckte seine Zähne, dann rieb er sich an der Stelle den Oberarm, an welcher er gerade von der flachen Seite der Klinge seines Schwertvaters getroffen wurde. „In einer Schlacht wärst du jetzt deinen Arm los. Was ist denn heute los mit dir? Du lässt deine Deckung ja sonst nicht so schleifen.“

Bärfried bemerkte, dass es Widolf schwerfiel, seinen Blick zu halten, als dieser den Sermon über sich ergehen ließ. ‚Blickt der Bursche durch mich durch oder an mir vorbei?‘, dachte der Junker, bevor er sich stirnrunzelnd umwandte und den Urheber für die Unkonzentriertheiten seines Knappen erspähte. Nahe dem Brunnen stand eine junge Magd, die wohl gerade Wasser holen sollte und in ihrer Aufgabe ebenso pflichtvergessen war wie der junge Trencker. Der Eimer stand immer noch leer neben ihr, während sie Widolf mit geröteten Wangen offenbar schöne Augen machte. Als die junge Frau Bärfrieds Aufmerksamkeit gewahrte, senkte sie verlegen ihren Blick. Der Sunderhardter schnaubte. „Alles klar ...“, meinte er lächelnd.

Erst jetzt bemerkte er, dass auch Widderich von Rauheneck ihre Waffenübungen interessiert verfolgte. Mit verschränkten Armen lehnte der Baron von Rotenforst an einer nahen Mauer. Dankbar lächelte Bärfried ihm zu, dann streckte er kurz seine Arme von sich. „Wie sieht es aus, Widderich? Willst du dich etwas für das Turnier aufwärmen? Zeigen wir dem jungen Gemüse wie man kämpft? Und wer weiß, vielleicht kann ich dir ja noch den einen oder anderen Kniff beibringen.“ Der Hahnfelser lächelte frech.

Ein spöttisches Brauenzucken blieb zunächst die einzige Erwiderung des Rauheneck auf den kleinen Anwurf. Er machte keine Anstalten, sich von der Mauer abzustoßen, sondern bedachte erst die Magd, dann Widolf und schließlich auch Bärfried mit nachdenklichen Blicken. In erster Näherung wirkte das unhöflich bis herablassend. Der Sunderhardter aber hatte das Objekt seines Interesses mittlerweile ausgiebig genug studiert, um Erkenntnisse zu gewinnen. Nicht viele, denn die Sache gestaltete sich nach wie vor zäh. Gleich wie: Es reichte, um zu wissen, dass Widderich Dinge nicht gern vor Publikum tat. Egal welche. Was irgendwie schlecht war, da er in seinem neuen Amt naturgemäß öfter im Mittelpunkt stand. Allzumal bei den Gerüchten um seine Machtergreifung, die die Missgunst von mehr Leuten geweckt hatte, als für irgendjemanden gut sein konnte. Es fiel schwer zu sagen, woher das Unbehagen des Mannes im Umgang mit anderen Menschen rührte. Allerdings schien es nicht die Angst vor Blamagen zu sein. Dafür ging er zu gelassen mit Missgeschicken und den diesbezüglichen Spötteleien seiner Familie um ...

„Ich bin mir noch nicht sicher, ob ich mit von der Partie sein werde“, brummte der Rotenforster just als das Schweigen wirklich unhöflich zu werden drohte. „Aber ich bin immer bereit, ein paar neue Kniffe zu lernen.“ Nun endlich verließ er sein schattiges Plätzchen und kam näher. Dabei galt sein Interesse erst dem Schwert in Bärfrieds Hand und richtete sich dann auf dessen baren Oberkörper. „Ich schätze mal, dafür muss ich mich nicht auch frei machen, eh?!“

Der Junker blickte an sich herab. Für einen Moment schien es Widderich so, als huschte ein Ausdruck von Unverständnis über das Antlitz des Hahnfelsers, dann schien er jedoch zu verstehen und die fragende Miene wich einem breiten Lächeln. „Nein, musst du natürlich nicht.“ Er blickte sich um. Inzwischen waren ein paar mehr Schaulustige hinzu gekommen. „Aber wenn du möchtest, ziehe ich mir gern was über.“ Bärfried zuckte mit seinen Schultern. „Diese Hitze bringt mich um“, setzte er dann murmelnd hinzu.

Abermals ließ der Sunderhardter seinen Blick über die nun anwesenden Menschen schweifen. In ihren Gesichtern konnte er sowohl Abscheu und Unverständnis als auch Bewunderung und Begehren erkennen. Dass Branda recht haben könnte, wenn sie mahnte, dass er mit seinem ungebührlich freizügigem, beinahe schon hinterwäldlerischem Verhalten nicht zu viel Aufmerksamkeit auf sich selbst und ihre Gruppe ziehen sollte, kam ihm jedoch nicht in den Sinn. Bärfried hob seine Brauen und schüttelte leicht den Kopf, dann wandte er sich wieder Widderich zu. „Also was meinst du? Wenn du möchtest, kannst du dich auch in deine Rüstung schmeißen“, er bleckte seine Zähne. „Mir ist einfach danach, meine Muskeln etwas aufzulockern und einen Kampf auf Augenhöhe zu fechten.“

Der Rotenforster meinte erst mal gar nichts. Er war Bärfrieds Blick gefolgt, nahm wahr, dass das Publikum wuchs und runzelte darob unzufrieden die Stirn. „Habt ihr etwa alle nichts zu tun?!“, raunzte er unwirsch in die Runde. „Man sollte meinen, auch Koscher gehen einem Tagwerk nach, das irgendwann mal erledigt sein will.“

Er hielt sich nicht damit auf zu beobachten, welche Wirkung diese Worte zeigten, sondern richtete den Fokus wieder auf Bärfried und schüttelte gleichmütig den Kopf. „Bitte, wie es dir gefällt“, meinte er. „Wenn die Hitze dich umbringt, bleib wie du bist. Mich stört es nicht und ich will auch nicht schuld sein, wenn dich der Schlag trifft.“ Nachdem das gesagt war, begann er, sein Wams aufzuknüpfen und drückte es dem bass erstaunten Widolf in die Hand. Nur noch mit Hemd und Hosen bekleidet bezog der Baron gegenüber von Bärfried Stellung und musterte ihn aufmerksam. „Ich brauche keine Rüstung“, erklärte er derweil. „Nicht, wenn es nur darum geht, die Muskeln zu lockern und Kniffe zu lernen.“

Bärfried nickte dem Rotenforster zu, dann hob er sein Schwert und wartete, bis Widderich es ihm gleichtat. Hatte Letzterer ob der plötzlich anwachsenden Anzahl von Schaulustigen einige Herzschläge zuvor noch unsicher und unleidlich gewirkt, schienen diese Gefühle von ihm abzufallen, als er den Stahl seines Breitschwerts in der Hand hielt. Beide Kombattanten entblößten ihre Zähne gleichzeitig zu einem Lächeln, als sie Raubkatzen gleich lauernd im Kreis gingen. Schließlich war es der Rauheneck, der den ersten Streich führte – und fast schien es den Umstehenden, als habe  Bärfried zugewartet, um dem Baron diese Ehre nicht zu nehmen. Die Klingen der beiden sangen durchdringend, als eben jener Streich vom Sunderhardter pariert wurde. Das Lächeln auf seinen Lippen wurde daraufhin breiter.

Was folgte, war ein rascher Austausch von Hieben und Stichen, Blöcken und Paraden. Andächtige Stille legte sich über die Zuschauer und die scharfen Atemstöße der Kämpfer waren, neben dem Klirren der Waffen, die einzigen Geräusche, die vom Kampfplatz drangen. Mit weit aufgerissenen Augen verfolgten die Koscher das Aufeinandertreffen der Weidener, das für das ungeschulte Auge ernster wirkte, als es tatsächlich war. Dennoch schenkten sich die beiden nichts. Auch wenn sie ihr Treiben unisono als „Auflockern der Muskeln“ bezeichnet hatten, wollte sich keiner die Blöße geben, dem jeweils anderen eine Schwäche zu offenbaren.

„Halt, das reicht!“, rief schließlich jemand aus dem Zuschauerkreis. Es war eine Stimme, die Bärfried nur zu gut kannte. Als er seine Waffe sinken ließ und sich von seinem Gegner abwandte, blickte er in das verärgerte Gesicht seiner Frau. Ihre roten Locken hüpften, als sie sich den Weg zu den beiden Kämpfern bahnte. „Wie siehst du denn schon wieder aus?“, fragte sie im Gouvernantenton.

Erst jetzt bemerkte Bärfried, dass er aus kleinen Wunden an Oberarm und Brust leicht blutete. „Ach das.“, bemerkte er und hob immer noch schwer atmend die Schultern. „Wir üben an den Waffen.“ Bärfried sprach es aus, als wäre es das Normalste der Welt.

„Ja, so seht ihr aus ...“, ihr zorniger Blick streifte nun auch Widderich. „Und ihr beiden tut das hier im Hof einer Gaststätte, um die Bauern zu unterhalten?“

Der Rotenforster blinzelte irritiert, als die Frau seines Opponenten ihn so harsch anging. Es dauerte einen Moment, bis auch er aus seiner Kampfhaltung heraus gefunden und das Schwert gesenkt hatte. Er schien sich zunächst keiner Schuld bewusst, sah dann aber weisungsgemäß an sich hinab und musste feststellen, dass sich sein Hemd in einem ähnlich schlechten Zustand befand wie Bärfrieds Oberkörper. Anschließend ging sein Blick zur Schar der Zuschauer hinüber, die noch einmal größer geworden war, und er kam tatsächlich wieder im Hier und Jetzt an – mit gerunzelter Stirn und geblähten Nüstern.

„Das ist eine Nebenwirkung, nicht das eigentliche Ziel“, meinte er nach einem Moment des finsteren Starrens. Das war eine vollkommen überflüssige Erklärung, aber er gab sie dennoch ab, ohne mit einer Wimper zu zucken. „Keine Ahnung, wo die plötzlich alle herkommen. So groß kam mir das Kaff gar nicht vor; und wie du schon sagtest: Es ist der Hof einer Gaststätte. Nicht mal der zur Straße raus. Ich glaube nicht, dass die hier alle schaffen, also sollten sie eigentlich auch nicht da sein!“

Damit schien alles gesagt, was Widderich sagen wollte. Er hob die Brauen, neigte den Kopf leicht zur Seite und sah Bärfried an. Der glaubte ein unterdrücktes Feixen auf den Lippen seines Gegenübers zu erkennen und der Blick übermittelte eine Botschaft, die klar in Richtung „Dein Weib, den Problem“ ging.

Branda sah kurz gen Himmel, dann wieder in das Gesicht des Rotenforsters. Ihre Augen funkelten. „Es ist spät und die Menschen haben ihr Tagwerk wohl schon beendet. Nach getaner Arbeit sei es ihnen vergönnt, etwas zu trinken“, bemerkte sie pampig. Dann wandte sie sich wieder ihrem Gemahl zu, der damit beschäftigt war, dümmlich zu grinsen. „So war das nicht ausgemacht, Bärfried“, setzte sie an ihn gerichtet hinzu. „Haben wir nicht gesagt, dass du dich in Zurückhaltung üben solltest?“

„Zurückhaltung? Wozu?“, gab sich der Junker unwissend.

Es war wohl nicht die Antwort, die sein Eheweib sich erwünscht hatte. „Ach, dann mach doch, was du willst“, zornig machte sie auf der Hacke kehrt und stapfte von dannen.

Noch bevor Widderich auf die sich bietende, etwas seltsam anmutende Szenerie reagieren konnte, hob Bärfried seine Schultern und gab ein einfaches „Weiber!“ von sich. Dann säuberte er sich an einer bereitstehenden Lavoir notdürftig von Blut und Schweiß, bevor ein prüfender Blick  ihm verriet, dass die umstehenden Menschen dies allem Anschein nach als Beleg dafür sahen, dass die Waffenübungen der beiden Weidener beendet waren und sich nach und nach wieder aus dem Hof entfernten.

„Weiber, eh?“, hob Bärfried noch einmal an, als wieder etwas Ruhe rund um die beiden eingekehrt war. „Manchmal sind wir uns so ähnlich, dann scheint es wieder ganz so, als sprächen wir zwei verschiedene Sprachen.“ Er zuckte mit seinen Schultern. „Wichtig ist, dass man an einem Strang zieht, habe ich nicht recht?“ Der Junker legte eine kurze Pause ein, fuhr dann jedoch fort ohne eine Antwort abzuwarten. „Selbst wenn sie mich manchmal am liebsten erwürgen möchte: Ihr Gram hält nie für lange an. Ob das beim Baronspaar von Drachenstein auch so sein wird? Ich könnte mir vorstellen, dass Sindaja es dem Friggenhaupter übelnimmt, dass er Kontakt zu dir sucht.“

„Hum?“ Mehr als diesen brummeligen Ausdruck des Erstaunens brachte der Rotenforster vorerst nicht zuwege. Für den Moment wirkte er dermaßen konsterniert, dass Bärfried ein Verdacht kam: Hatte Satijana mit ihm über seine Absichten gesprochen, ihre Erkenntnisse dann aber nicht an ihren Gemahl weitergegeben? Weil sie nur für sich Gewissheit wollte? War das denkbar? Er drehte und wendete den Gedanken, während er vom Lavoir zurücktrat und beobachtete, wie auch Widderich sich notdürftig wusch. Der Rauheneck ließ sich viel Zeit und wirkte um einiges gefasster, als er seinen Blick einmal mehr auf Bärfried richtete.

„Es wird ihr sicher nicht gefallen“, meinte er dann. „Aber ich schätze, er hätte die Finger davon gelassen, wenn er fürchten müsste, dass sie ihm für immer Gram bleiben würde. Die zwei haben ihre Meinungsverschiedenheiten, sind jedoch ein Paar, weil sie es so wollten und nicht weil sie mussten. Ich nehme an, daran hat sich nichts geändert.“ Der Blick des Barons wirkte ungewohnt intensiv, als er das sagte. „Sie wird seinen Argumenten zähneknirschend nachgegeben haben. Um des lieben Friedens willen. Wie es einer von beiden tun muss, wenn in einer Ehe gerade verschiedene Sprachen gesprochen werden.“ Er machte eine vage Geste in die Richtung, in der Branda verschwunden war und lächelte schief.

Bärfried versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Weder die unstillbare Neugier, die gerade in ihm aufkam, noch die damit einhergehende Nervosität. Ihm brannte vor allem eine Frage auf der Zunge, doch beschloss er für sich, diese vorerst nicht zu stellen.

„Auch wenn es gänzlich gegen ihre Ansichten und Werte geht? Ließe sich der Ehefrieden dann noch aufrechterhalten, ohne dass einer der beiden sich selbst verrät?“, fragte der Junker stattdessen. „Sindaja ist dafür bekannt, stets den Frieden im Sinn zu haben, sogar den Rotpelz-Ratten gegenüber. Bei Haldoran verhält es sich ganz anders.“ Er lächelte schmal. „Wie sieht es dann aus?“

„Wie es dann aussieht? Das fragst du ausgerechnet mich?“, Widderich hielt einen Moment inne und warf einen gedankenverlorenen Blick in Richtung der Herberge, die sie für die Nacht bezogen hatten. „Angenommen, sie liebt ihren Mann tatsächlich“, meinte er nach einer längeren Pause bedächtig. „Wäre das nicht ein Grund, ihre Ansichten zu hinterfragen und gegebenenfalls neu zu bewerten? Verrät man sich tatsächlich selbst, wenn man seine Überzeugungen aus Zuneigung zu einem anderen Menschen vorübergehend zurückstellt? Weil einem Zweiterer wichtiger ist als die Ersteren?“ Der Rotenforster bedachte Bärfried mit einem fragenden Blick.

„Sindajas Stand ist so schon schwer genug“, fügte er hernach an. „Sie hat nicht nur mit dem Unmut benachbarter Standesgenossen zu kämpfen, sondern auch mit der Unzufriedenheit ihrer Vasallen. Die trauen sich seit dem letzten Goblinsturm und der Zerstörung der Drachensteiner Klöster augenscheinlich nicht mehr, außerhalb befestigter Ortschaften zu leben. Dennoch hält sie in der Sache gegen jeden Widerstand – auch den ihres Gemahls – an ihrem Standpunkt fest. Vielleicht ist ihr der ...“, der Rotenforster verzog die Lippen zu einem verächtlich schiefen Strich, „... Frieden mit den Suulak wichtiger als der mit deiner Herrin? Zumal die Drachenstein seinerzeit bis aufs Blut gereizt hat?!“

Bärfried zog skeptisch seine Stirn kraus. „Wegen Liebe ...“, wiederholte er und es fiel Widderich nicht schwer, das Amüsement aus seiner Stimme zu hören. „Hätte ich dir gar nicht zugetraut ... dieses Maß an Romantik.“

Er sah sofort, dass sich Widerspruch in seinem Gegenüber regte, machte jedoch rasche eine wegwerfende Handbewegung, um die Wortmeldung zu unterbinden. „Frieden mit den Suulak, na klar, der wird halten! Aber die Baronin war noch nie sonderlich gut darin, ihren Pflichten als Lehnsherrin nachzukommen. Mit diesen Tieren wird ... kann es keinen Frieden geben.“ Er schnaubte. „Wären wir damals bei Travias Großes Haus nicht eingeschritten, dann hätte es nicht nur das Kloster getroffen. Wenn man die Erfüllung einer Pflicht gegenüber den Menschen der Sichel als ‚bis aufs Blut reizen‘ betrachten will, dann sei es so.“

Bärfried schüttelte in leichtem Unverständnis den Kopf, kleidete sich darauf in seine ärmellose Weste und fluchte, als er merkte, dass eine Wunde an seinem Oberarm noch nachblutete. „Da hast du mich ja doch einmal erwischt“, bemerkte er lächelnd, bevor er seinen Blick wieder auf Widderich richtete. „Um noch einmal auf die Drachensteiner zurückzukommen: Du weißt wahrscheinlich, dass wir die vergangenen ... Jahre ... einige Meinungsverschiedenheiten hatten. Was wollte der Friggenhaupter denn von dir?“

Widderichs Blick folgte Bärfrieds erst auf die Wunde, die dessen Oberarm zierte. Dann machte er eine vage Geste in Richtung seines eigenen Rippenbogens. Dort war ein eigentlich schon verwässerter rosa Fleck auf dem Hemd eben dabei, wieder tiefrot zu werden. „So wie du mich“, meinte er leichthin und hob die Schultern.

Alles in allem stand Bärfried unter dem Eindruck, dass die Haltung seines Gegenübers in den letzten paar Augenblicken einen raschen Wandel durchlaufen hatte. Nicht wirklich sichtbar, eher spürbar. Ein bisschen so, als hätte der Mann nach ein paar kleinen Schritten auf ihn zu wieder einen großen zurück gemacht. Was immer der Auslöser dafür sein mochte: Der Hahnfelser fürchtete schon, dass sein Gesprächspartner nicht mehr auf seine Frage zu Drachenstein zurückkommen würde, als der doch noch einmal anhob.

„Ich weiß, dass es Meinungsverschiedenheiten gab. Ihr seid nicht die Einzigen, die welche hatten. Wir stehen auch nicht gut mit Drachenstein. Es wird uns nicht unbedingt positiv ausgelegt, dass wir Sindajas Schwager zu Fall gebracht und das Schicksal ihrer Schwester besiegelt haben.“ Er hielt einen Moment inne, um Bärfried mit einem wachsamen Blick zu bedenken. „Kam also auch für uns überraschend, als der Friggenhaupter auf dem Klagenfels auftauchte. Über Mirnhilde wollte er sprechen. Und über Hahnfels.“

„Soso über Mirnhilde und Hahnfels ...“, Bärfried zog seine Brauen hoch. „Da ich befürchte, dass es dabei nicht um Mirnhildes kaum vorhandene Kochkünste oder die Schönheit der Täler in Hahnfels ging, denke ich, dass die ehrenwerte Baronin wohl abgewogen hat und dass Haldorans Wille schwerer wiegt als ihre Schwester.“

Der Hahnfelser wartete keine Antwort des Barons ab, sondern fuhr gleich in vollem Tempo fort. „Ich meine, du sagtest, dass sie dir das Schicksal ihrer Schwester ankreidet. Dennoch erlaubt sie ihrem Mann euch als ... Verbündete ... anzuwerben. Wie groß muss die Verzweiflung sein? Da wären wir wieder beim Thema Selbstverrat. Sindaja ist nicht dazu bereit, für die Sicherheit der Menschen in ihrem Lehn zu sorgen, bereitet den Rotpelzen dort gar ein schönes Nest, und stellt dann ihren Mann über ihre Schwester und sucht den Konflikt mit Hahnfels? Nicht sehr glaubhaft.“ Der Junker schüttelte seinen Kopf. „Ich denke, dass Haldoran allein handelt und dich und deine Familie für seine Phantasien vor seinen Karren spannen möchte.“

„Und ich denke, dass du voreilige Schlüsse ziehst“, lautete die schlichte Erwiderung. Widderich runzelte die Stirn und wirkte für einen Moment, als wolle er es bei diesen spärlichen Worten belassen. Doch dann besann er sich eines Besseren. „Nachdem sie bei dir für Belustigung sorgt, lassen wir die Romantik mal weg. Mir schien, das sei die rechte Sprache für einen frisch vermählten Dichter, aber offenbar bist du doch mehr Ritter.“ Die Augen des Rauheneck funkelten mutwillig, als er den Sunderhardter musterte.

Dann hielt er einen Moment inne, sammelte sich und fuhr gleichmütig fort: „Sindaja verachtet mich, weil ich getan habe, was ich getan habe. Nicht aus Liebe zu ihrer Schwester, sondern weil ihre Erziehung das so vorgibt. Die Regeln, nach denen der Adel der Mittnacht lebt. Thargrin gab ihr eine Mitschuld am Tod ihres Sohns und hatte zuletzt nur noch Hass für sie übrig. Was glaubst du also, wie sehr das Herz der Drachensteinerin nun blutet?“ Er hob die Brauen. „Haldoran verachtet mich, weil ich bin, was ich bin. Nicht aus Überzeugung, sondern weil das Korsett, in das sich Ritter tagtäglich zwängen, genau das von ihm verlangt. Er war mir vor seinem Besuch auf dem Klagenfels nie begegnet, wusste aber dennoch genau, was von mir zu halten ist. Vom bloßen Hörensagen. Mirnhilde hingegen hat ihn vor den Augen und Ohren seiner Vasallen erniedrigt. Darum geht es. Und darum, dass sie anschließend einige Drachensteiner mit nach Hahnfels genommen hat. Nicht darum, dass sie sie ehedem vor dem Tod bewahrte. Sie hat den Mann und mit ihm seine Gemahlin auf ihrem eigenen Land wie Trottel aussehen lassen. Mag sein, dass sie das auch sind, aber wer bekommt so was schon gern in aller Öffentlichkeit gesagt? Und wer wäre danach nicht auf Vergeltung aus?“

Die Augen des Rauheneck wurden ein wenig schmaler: „Du unterschätzt, was Mirnhilde damals angerichtet hat. Nicht nur bei Haldoran, sondern auch bei Sindaja – und sei es dreimal in abgeschwächter Form. Es hat ihnen direkt geschadet, nicht indirekt, wie mein Tun. Und Sindaja ist ohnehin isoliert. Meinst du nicht, sie würde alles daran setzen, den Verlust ihres letzten Verbündeten zu verhindern? Allzumal sie drei Kinder von ihm hat? Was kostet es sie, den Mann machen zu lassen? Wo sie doch sieht, dass er in seinem verletzten Stolz kaum noch geradeaus denken kann? Meinst du nicht, es wäre auch für sie eine Erleichterung, wenn sein Kopf endlich wieder klarer würde?“

Bärfried verfolgte die Ausführungen des Rotenforsters interessiert – so weit es sein Verstand zuließ. Denn es war nicht seine Stärke, langen Reden zu lauschen und sich alle Fragen zu merken, die ihm während einer solchen gestellt wurden.

„Unsere niederen Triebe ...“, begann er kryptisch, als der Baron geendet hatte. „Selbst fromme Menschen, deren Glaube es ihnen eigentlich verbieten sollte, sind nicht davor gefeit, zu Knechten ihrer Eitelkeit zu werden.“ Ein vielsagendes Lächeln umspielte die Lippen des Sunderhardters. „Nichts anderes ist es anscheinend. Du sagtest, es ginge um Vergeltung und darum, vor den anderen Adeligen oder Vasallen nicht dumm dazustehen – und genau darin liegt das Problem.“

Bärfrieds Blick ging in weite Ferne. „Es geht eben nicht um jene Menschen, die wir damals aus Drachenstein gerettet haben. Die, die ohne unser Erscheinen den pelzigen Freunden der Baronin zum Opfer gefallen wären. Genauso wie damals geht es auch heute nicht um sie, sondern bloß darum, irgendwelche niederen Instinkte zu befriedigen. Die Frage ist, was sie sich in diesem Spiel von dir erwarten.“

Sein Blick lag nun wieder auf Widderich und es schien diesem, als spräche daraus eine Vielzahl von Gefühlen: Neugier, Interesse, Sorge ... . „Ich würde mich sogar als Unterhändler für Gespräche zur Verfügung stellen, wenn es denn wirklich um das Schicksal dieser Menschen ginge. Tut es aber nicht, habe ich nicht Recht? Der Friggenhaupter und sein Weib fühlen sich beschämt und wollen uns das anscheinend mit gleicher Münze zurückzahlen.“ Er schnaubte verächtlich. „Autorität ernten jene, die Schutz zu bieten wissen. Das lehrt uns die Kirche von Mutter Rondra und darauf sollte sich auch das Baronspaar von Drachenstein besinnen. Vielleicht kämen die beiden dann nicht mehr in die Verlegenheit, von ihren Nachbarn bloßgestellt zu werden. Meinst du nicht auch?“

Statt auf diese Frage zu antworten, betrachtete Widderich Bärfried einen Moment lang schweigend. Mit unbewegter Miene zwar, dennoch hatte der Sunderhardter das Gefühl, in seinen Augen freundliches Interesse aufblitzen zu sehen. Verständnis womöglich gar? Weil er tatsächlich genau das Gleiche meinte? In jedem Fall wirkte das Lächeln, zu dem sich der Rotenforster am Ende der Musterung durchrang, ungewohnt verbindlich.

„Wir wissen beide, dass Mirnhilde ihre niederen Triebe auch gern mal auslebt“, meinte er schließlich. Dabei klang seine Stimme allerdings nicht abwertend, sondern eher neutral. Ein bisschen amüsiert vielleicht. „Du hast Recht: Es geht nicht um das Schicksal der Menschen von damals. Es geht aber auch nicht darum, dass wir uns demnächst zwangsläufig gegenseitig die Schädel einschlagen müssen. Was die Drachensteiner von mir erwarten ... ?“ Widderich hielt kurz inne. „Darüber reden wir, wenn ich dich besser kenne, Bärfried. Und den Eindruck gewinne, dass uns das helfen könnte. Ich würde vorschlagen, wir fangen damit an, gemeinsam einen zu heben.“ Er machte eine einladende Geste in Richtung des Gasthauses. „Auf meine Rechnung.“

Bärfried selbst konnte sich bei Widderichs Bemerkung zu Mirnhilde ein schmales Grinsen nicht verkneifen. Wahrere Worte wurden an diesem Tag wohl nicht gesprochen. Dennoch war dieses aufheiternde Gefühl nur von kurzer Dauer. Es schien ganz so, als wäre Widderich nicht leicht etwas zu entlocken – ganz im Gegensatz zu seinem Bruder oder der am Ende dann doch sehr geschwätzigen Ehefrau. Vielleicht hätte er es noch einmal bei Bärfang versuchen sollen? Die Aussicht auf ein paar Bier mit dem Baron ließ ihn dann jedoch wieder lächeln.

„Hört hört, das ist ein Wort“, bemerkte er erfreut und folgte dem Rotenforster in Richtung des Schankraums.


Am Tag vor dem Ringstechen
Im Hof einer Wegschenke nahe Ferdok, Anfang Rondra 1041 BF

„Mach’s noch einmal, Gilda, sonst glauben wir, dass es Zufall war!“, rief Aardor über die Wiese und feixte sich einen.

Totaler Blödsinn, diese Aufforderung, denn das eine Mal hatte vollauf gereicht, um zu sehen, dass es kein Zufall gewesen war. Man musste schon blind oder blöd sein, um sich dieser Einsicht verschließen zu können. Dennoch wollte er einfach nicht glauben, dass seine jüngere Base, das dürre Elend, die Lanze tatsächlich so gut im Griff hatte. Das kam ihm fast ein bisschen ungerecht vor. Rossgilda bestand im Grunde nur aus Armen und Beinen und einem viel zu langen Hals. Wo sie auch ging und stand machte er sich Sorgen, dass sie über ihre eigenen Füße stolpern oder mit den Armen an irgendetwas hängenbleiben könnte. Sobald sie aber im Sattel saß ... das war eine ganz andere Geschichte. Und es kam ihm geradezu grotesk vor.

Er ließ seinen Blick nachdenklich über die kräftige braune Stute gleiten, die Graf Growin seiner Knappin geschenkt hatte. Ein Elenviner Vollblut. Vom Gestüt Mähnenhaupt. Wahrscheinlich das edelste Ross, auf dem je ein Rauheneck gesessen hatte. Für seinen Geschmack ein bisschen zu mickrig, aber das änderte nichts daran, dass er Kraft, Anmut und Feuer des Tiers bewunderte. Im Stillen zumindest. Seiner Base gegenüber würde er das sicher nicht tun. Die platzte ja so schon vor Stolz. Stolz auf ihr Ross. Stolz auf ihre Rüstung – auch wenn die neben dem typischen Streifenrock der Ferdoker Lanzerinnen vorerst nur aus einem ledernen Kürass bestand. Stolz darauf, dass sie von zwei vorzüglichen Streiterinnen am Ferdoker Hof ausgebildet wurde. Und nicht zuletzt Stolz darauf, dass sie ihren „Schwertvater“, Growin Sohn des Gorbosch, auf diesem Turnier vertreten durfte.

Aardor wandte sich von der Base ab, als sein vor Freude strahlender Vetter ihm kräftig auf die Schulter klopfte. Bärfang kam just von dem breiten Pfosten zurück, auf dem er nun zum zweiten Mal einen Helm platziert hatte. Für Zielübungen.

„Sind wir uns eigentlich sicher, dass Widderich nichts dagegen hat?“, fragte Aardor leise und deutete auf den herrlich verzierten Kopfschutz.

„Pffft“, machte Bärfang und hob die Schultern. „Ist ein Helm, oder? Noch dazu von den Händen meines Vaters. Wenn der ein paar Stöße mit der Lanze und Stürze nicht unbeschadet überstehen würde, wäre er eh nutzlos!“

Sie sahen einander grinsend an, waren sich im Stillen aber einig, dass sie den Helm später heimlich an seinen Platz zurückstellen würden. Und dass er besser keine Beulen davontrug.

„Echt jetzt? Ich soll noch mal?“, hallte Rossgildas Stimme derweil aus der Ferne herüber.

„Ja klar!“, rief Bärfang und untermalte die Aufforderung mit einer eindeutigen Geste. „Zeig es uns noch mal! Wir sind im Zweifel!“

„Na gut.“

Die Knappin zwang ihr Stütlein in eine enge Volte und ließ es zum Ende der Wiese zurück traben. Sah alles noch ganz harmlos und entspannt aus, bis sich das Tier herumwarf und in halsbrecherischem Tempo auf den Pfahl zuhielt. Wie gebannt hing Aardors Blick am schlacksigen Leib seiner Base, der mit einem mal gar nicht mehr so fürchterlich kraftlos und unkoordiniert wirkte. Sie fasste das Ziel fest ins Auge und hielt die Lanze schön senkrecht, bis sie genau den richtigen Abstand erreicht hatte. Dann senkte sie sie und – peng! Der Helm flog im hohen Bogen davon.

Während Aardor noch über die blitzsaubere Technik staunte, fing Bärfang neben ihm schon zu lachen an. Es war ein lautes und sehr gelöstes Lachen. Stolz vor allem. Ja, auch Bärfang war stolz. Auf das Töchterchen seines verstorbenen Zwillingsbruders, das nun kein Töchterchen mehr war, sondern eine Tochter. In den vergangenen fünf Götterläufen hatte Rossgilda nicht nur körperlich einen Sprung nach vorn gemacht. Das war ohnehin augenfällig, aber hiermit setzte sie dem Ganzen die Krone auf.

„Man sollte nicht meinen, dass ihr Schwertvater ein Zwerg ist“, murmelte Aardor. Es war ihm nicht recht, aber irgendwo verspürte er Neid. Ein kleines Quäntchen. Sicher, auch er hatte am Herzogenhof in Trallop eine gute Schule durchlaufen. Doch war er nur einer von vielen Knappen gewesen und kein einzelner Zögling, um den alle herum gluckten. Er hatte auch kein eigenes Pferd erhalten. Nicht mal ein Streifenröckchen war drin gewesen ...

„Und wir haben damals noch über meinen alten Herrn gespottet“, meinte Bärfang. „Wegen der Zwergensache. Haben ihm gesagt, dass Growins Begabung für das Schmiedehandwerk ihn nicht unbedingt zu einem guten Ausbilder für eine angehende Rittfrau macht. Weil Ritter nun mal von Reiten kommt.“

„Wozu ein bisschen Fachsimpelei über die Schmiedekunst und ein paar Bier zu viel so führen können“, Aardor schmunzelte. Der Anflug von Neid war schon wieder weg. Stattdessen freute er sich, dass seine Base so ein unsägliches Glück gehabt hatte. „Bleibt abzuwarten, ob das Ganze im Ernstfall genauso gut aussieht, oder ob die Nerven da mit ihr durchgehen.“


***


„Wie Ringe stechen?“, Bärfried von Sunderhardt blickte sein Eheweib fassungslos an. „Das Einzige, was der Bursche sticht, sollten Weib...“, der tadelnde Blick Brandas ließ ihn innehalten. Er seufzte. „Gut, was bitte ist Ringstechen?“, setzte er dann resignierend hinzu.

Der Sunderhardter war als ehemaliger Knappe einer unter Reichsacht stehenden Räuberbaronin, während seiner Ausbildung nie in den Genuss gekommen, bei einem Turnier mitzureiten. Auch hatte er selbst bisher noch keinen Knappen gehabt, den er auf ein solches hätte vorbereiten können.

„Widolf muss im Vorbeireiten mit seiner Lanze so viele Ringe aufsammeln wie möglich. Das erfordert einiges an Geschick“, erklärte sein Gemahlin ihm. Branda war im Gegensatz zu Bärfried nicht in einer von der Außenwelt abgeschnittenen Gebirgsbaronie aufgewachsen, sondern brachte lange Jahre ihres Lebens in Baliho und dann später am Grafenhof von Salthel zu.

Bärfried schnaubte verächtlich. „Was sollen die Knappen denn dadurch lernen? Zeitverschwendung, wenn du mich fragst.“ Er warf das Übungsschwert in seinen Händen beiseite. „Dabei hätte ich mich so gefreut, Widolf zu sehen, wie er ein paar Zentralreichern das Fell gerbt.“ Der Junker zuckte schmollend mit seinen Schultern.

„Ja, was weiß ich? Ist nun mal so.“

„Schön“, Bärfried suchte den Blick seines Knappen Widolf, „... und wie soll ich ihm nun in aller Schnelle den Lanzengang beibringen, sodass er mich ... uns ... nicht blamiert?“ Er seufzte. „Na los, Widolf, aufsitzen ...“

Einige Momente später saß Widolf von Trenck auf dem Rücken seines Zossen und blickte unsicher auf die Lanze, die ihm sein Schwertvater reichte. „Ja richtig, das Ende mit der Krone nach vorne ... und immer schön gerade halten ... dem Ziel entgegen“, wies Bärfried ihn daraufhin ein. Doch schien der Knappe immer noch unsicher. Wie schlimm konnte es werden?


Das Ringstechen
Brodilsgrund vor Angbar, 9. Rondra 1041 BF

„Das wird nichts!“

„Sei ruhig, alter Schwarzmaler! Wie kannst du so was nur sagen?“

„Weil ich es sehe.“

„Du hättest sie gestern sehen sollen. Dann würdest du jetzt nicht so einen Stuss von dir geben.“

„Stuss? Meinst du?“

„Sie kann das richtig gut!“

„Sagt wer?“

„Ich!“

„Und seit wann hast du Ahnung vom Lanzenreiten?“

„Aardor sagt das auch! Ist doch so?!“

Satijana lächelte amüsiert. Schweigend beobachtete sie, wie sich der Blick ihres Schwagers Bärfang vom Gesicht ihres Gatten löste und stattdessen auf das des jüngeren Vetters richtete. Oder was man halt so Vetter nannte, wenn man ein Rauheneck war. Sie wusste mittlerweile, dass der Bärwaldener keinesfalls in direkter Linie mit den Sichlern verwandt war. Aber Vetter welchen Grades sie darstellten – dahinter war sie noch nicht gekommen. Würde es vielleicht auch nie.

„Japp, ich sage das auch“, meinte Aardor und nickte.

„Im hintersten Winkel des Feldes, wo ihr niemand als die eigene Familie zusieht, mag das ja gelten. Aber das hier ist etwas anderes.“ Widderich ließ den Blick vielsagend über den Brodilsgrund gleiten, der jetzt schon aus allen Nähten zu platzen schien. Und das, wo es doch gerade einmal um den Vorentscheid im Ringstechen ging.

Satijana begriff sofort, worauf er hinaus wollte, und sah neugierig zu Rossgilda hinüber. Das Mädchen saß auf dem Rücken seines Pferdes wie ein Schluck Wasser in der Kurve und traute sich nicht, den Kopf zu heben, um wenigstens einen vagen Eindruck vom Platz und dem Publikum zu gewinnen. Sie wirkte blass, ängstlich ... irgendwie überfordert. Und Satijana bekam sofort Mitleid. Rossgilda war noch nie besonders extrovertiert gewesen. Sie hielt sich lieber im Hintergrund und bekam schon hektische rote Flecken im Gesicht, wenn sie vor größeren Gesellschaften etwas sagen sollte. Wie viel schlimmer musste das nun für sie sein?

„Das ist doch egal“, meinte Bärfang hingegen. Klar meinte er das, er hatte ja keine Ahnung, was es bedeutete, sich nicht in jeder Lebenslage als König der Welt zu fühlen. „Sie kann es im hintersten Winkel, warum sollte sie es nicht auch hier können?“

„Weil sie Angst hat“, entgegnete Widderich schlicht.

„Angst?“, Bärfang lachte auf. „Wovor denn bitte? Die Ringe schlagen doch nicht zurück.“

„Davor, ihren Schwertvater und ihre Ausbilderinnen zu enttäuschen und an ihrem eigenen Anspruch zu scheitern.“

„Ach Quatsch!“, Bärfang schüttelte den Kopf und wollte noch etwas ergänzen.

Doch just in dem Moment ließ Rossgilda ihre Stute antraben und dann in Galopp fallen. Satijana kannte sich mit alledem nicht gut aus. Weder war sie eine brauchbare Reiterin noch hatte sie je eine Lanze geführt. Aber selbst sie sah, wie die Spitze der Holzstange zitterte, weil Rossgildas Hand es eben tat. Sie sah auch, dass das Mädchen die Waffe zu früh senkte und sie deshalb zu weit nach unten rutschte, bevor der erste Ring erreicht war – den die junge Reiterin aber eh nicht im Blick hatte, weil der an irgendetwas im Publikum hängengeblieben war.

Schon rauschte die Lanze unter dem ersten Ring hindurch und dann, nach einer hektischen Korrektur, oben über den zweiten hinweg. An der Stelle wandte sich Satijana ab. Nach den ersten beiden Akten der Tragödie hatte das Gesicht der Knappin bereits so entsetzt gewirkt – mehr wollte sie nicht sehen. In diesem Falle reichte es ohnehin zu hören. Bärfangs ungläubiges Schnauben, das fast schon schmerzerfüllte Stöhnen Aardors und schließlich das leise Raunen, das durchs Publikum ging.

Als Satijana sich dem Geschehen auf dem Feld wieder zuwandte, saß Rossgilda zwar immer noch auf dem Pferd. Das war aber die einzige gute Nachricht: Ihre Schultern hingen, der Kopf war nun puterrot vor Scham statt blass vor Anspannung und die Lanze wurde von gerade einmal zwei Ringen geziert. Es war ein wirklich trauriges Bild des Scheiterns, das sich da bot. Und der Anblick schmerzte sie.

„Ich gehe zu ihr“, meinte Satijana, ohne zu überlegen. „Sie braucht Rückhalt!“

„Lass nur“, zur ihrer Überraschung war es ausgerechnet Widderich, der das sagte und seine Hand auf ihre Schulter legte, um sie zu stoppen. „Ich mache das. Ich schätze, ich weiß besser, wie sie sich jetzt fühlt. Und welche Worte es braucht, um sie wieder aufzubauen.“ Damit setzte er sich in Bewegung, bahnte sich seinen Weg durch das Publikum – und sie sah erstaunt hinterher.


***


„Na, so schlecht hat er sich doch gar nicht geschlagen. Findest du nicht auch?“

„Pffft“, schnaufte Bärfried seine Gemahlin an. „Drei lausige Ringe. Die anderen Ritter müssen denken, ich verstehe nichts von meinem Handwerk.“ Er seufzte. „Naja, wenigstens hat er die Lanze richtigherum gehalten und auf dem Pferd ist er auch richtig gesessen.“

„Du bist zu streng zu ihm.“, kam es zurück.

„Nein, ihm mache ich keinen Vorwurf“, Bärfried schüttelte seinen Kopf. „Wenn es darum ginge, Rotpelze zu jagen, oder wenigstens ... du weißt schon ... mit Waffen zu kämpfen, dann wäre er ganz vorn mit dabei gewesen.“

„Das denke ich auch“, stimmte Brande ihm zu.

„Und ob. Ich traue mich sogar zu behaupten, dass der Bursche mehr Kampferfahrung hat als mancher Turnierteilnehmer – und damit meine ich nicht die anderen Knappen.“

Als Antwort folgte ein freches Grinsen.



Vor dem Gestampfe
Brodilsgrund vor Angbar, 10. Rondra 1041 BF

Nachdem sich die meisten Streiter seiner Gruppe kurz vorgestellt hatten, hatte Nimmgalf schon einen guten ersten Eindruck über die Fähigkeiten und damit die Einsetzbarkeit der einzelnen Kämpen gewonnen. Als er sich vergewissert hatte, dass das nun Gesagte nicht an fremde Ohren gelangen könnte, verkündete er der versammelten Gruppe seine erste Einschätzung der Lage:

„Wackere Streiter unserer Gruppe, es gilt nun in Kürze ein Gestampfe auszufechten mit dem obersten Ziel, den Sieg für unsere Partei zu erringen! Dazu werden die Kämpfer in drei Untergruppen eingeteilt: die erste Gruppe ist für den Schutz des Banners verantwortlich. Ihre Aufgabe ist es, die gegnerischen Angreifer abzufangen und um jeden Preis zu verhindern, dass unser Bannerträger direkt angegriffen wird. Denn wenn das Banner fällt, ist die Schlacht verloren. Dementsprechend sollten die Verteidiger auch nicht ganz unerfahren sein. Als Bannerträger kann ich mir keine geeignetere Person vorstellen, als meine überaus geschätzte Junkerin Tsaiane von Talbach, die mir schon seit vielen Jahren treue Dienste leistet! Sie ist eine meisterliche Kämpferin mit dem Amazonensäbel – sowohl zu Pferde als auch zu Fuß - und wird das Banner gut zu verteidigen wissen.“

Tsaiane trat einen Schritt vor, bedankte sich bei Nimmgalf für die ehrenhafte Aufgabe und begrüßte die Umstehenden mit einem Winken. „Vielen Dank, Euer Hochgeboren! Ich werde das Banner bis zum letzten Atemzug verteidigen, bei meiner Ehre!“ Dabei lächelte sie ihm zu.

„Nichts anderes habe ich erwartet, meine Liebe!“, entgegnete Nimmgalf. Anschließend wandte er sich wieder an die Umstehenden: „Die Aufgabe der zweiten Gruppe wird es sein, den gegnerischen Bannerträger anzugreifen. Da zu erwarten ist, dass dieser ebenfalls gut verteidigt wird, sind dafür mehrere Streiter erforderlich. Diese Gruppe wird von mindestens einem, besser noch mehreren erfahrenen Kämpfer angeführt, doch auch viele jüngere Kämpfer werden sich dem Angriff anschließen, um die gegnerischen Verteidiger zu binden, und den starken Kämpfern den Durchbruch zu ermöglichen.

Zuletzt werde ich noch Streiter der dritten Gruppe benennen, deren Aufgabe es sein wird, die besten Kämpfer des Gegners in Einzelkämpfe zu verwickeln, damit diese unserem Banner nicht gefährlich werden können. Dabei ist es ausreichend, wenn sie ihre Gegner möglichst lange beschäftigen, damit die anderen beiden Gruppen ihre Aufgaben ungestört erfüllen können.

Als stärkste Kämpfer der gegnerischen Gruppe würde ich folgende Streiter einschätzen: Die Barone Anselm Hilberan von Hundsgrab-Bugenbühl, Ardo von Keilholtz und Hagen von Salmingen-Sturmfels, dazu noch meinen Bundesbruder Thorben Raul Baduar von Hammerschlag, Ritter Korormar und natürlich seine prinzliche Durchlaucht selbst.

Falls jemand noch weitere gegnerische Kämpfer als besonders stark einstufen würde, wäre ich für Ergänzungen dankbar.“

Nimmgalf blickte in die Runde und gab seinen Streitern nun die Gelegenheit, seine Liste zu ergänzen. Doch es gab keine Ergänzungen, sondern blieb bei den von ihm genannten Namen. Also fuhr er fort: „Nun gut, ich werde mich nun noch kurz mit Junkerin Tsaiane beraten, danach werde ich die Einteilung bekannt geben. Ich versuche, persönliche Präferenzen zu berücksichtigen, kann dies aber nicht in jedem Fall versprechen! Ich erwarte, dass jeder Streiter die ihm zugedachte Aufgabe gewissenhaft erfüllt, und somit seinen Beitrag zum Sieg leistet! Weggetreten, Herrschaften!“

Firian glaubte, sich verhört zu haben. „Weggetreten ... ?!? Kann es sein, dass Er sich gerade vertan hat und an einem anderen Ort vermutet, Bruder Hirschfurten? Mir war als hätte ich gehört, dass es das Wort an uns richtet, als ob wir welche von seinen gemeinen Kettenknechten wären! Niemand mag Ihm hier seine Erfahrung als Tjoster absprechen. Doch geht es nicht um einen Tjost, sondern um ein Gestampfe – zumal außergewöhnlicherweise zu Fuß. Da weiß Er, so will ich mal forsch behaupten, nicht wirklich viel von. Beim besten Willen kann ich mir auch nicht vorstellen, dass Seine Begleitung da sonderlich viel Ahnung hat. Will sagen: Bevor Er sich mit ihr berät, sollte Er vielleicht noch mal überlegen, wenigstens nachzufragen, ob einige seiner Standesgenossen als Ritter eben dies für ihn haben: einen Ratschlag!“

Firian trat einen Schritt zurück und klopfte dem Leufelser auf die Schulter: „Bruder Dergelquell hier zum Beispiel ... der hat manchmal Ideen ... da wackeln einem die Ohren von!“

Walthari von Leufels war innerlich noch bei der Unverschämtheit des Wegtreten-Befehls, als er die Aufforderung des Böcklin wahrnahm. Offenbar war er der gleichen Meinung wie er, was es eigentlich Wert gewesen wäre, von einem Chronisten festgehalten zu werden. Als der Baron von Dergelquell die Blicke der Versammelten auf sich ruhen sah, wurde er wie immer unruhig. Dennoch erhob er sich und richtete das Wort in die Runde. Allerdings nicht, ohne Firian einen missbilligenden Blick zuzuwerfen.

„Mein Name ist Walthari von Leufels. Die Dreiteilung der Aufgaben halte ich für unnötig. Bildet eine schlagkräftige Speerspitze aus Rittersleuten, die sich auf den Bannerträger des Gegners konzentrieren. Der Rest, einschließlich der Bannerträgerin, läuft in deren Deckung hinterher und übernimmt, falls Lücken auftreten. Damit durchbrechen wir die Formation des Gegners, überrumpeln ihn und der Bannerträger fällt. Nehmt für den Ansturm erfahrene Nahkämpfer mit echter Kampferfahrung.“ Er sah zu seiner Linken und Rechten. „Meine anwesenden Landsleute sind tapfere Heldentrutzer, wie ich selbst, sowie Sichelwachter. Ein jeder von uns hat mehr als genug ernsthafte Scharmützel ausgefochten und findet sich in solchen Situationen gut zurecht. Weiden wird gern die Speerspitze sein, welche die gegnerischen Linien aufbricht. Der Platz an der Spitze gebührt dabei natürlich Euch, als unserem bestimmten Anführer.“

„Hört, hört!“, brach es aus dem jüngeren der beiden Rauhenecks hervor, kaum dass Waltharis Ansprache beendet war. Der Blondschopf konnte seine Begeisterung über den Gegenvorschlag nicht verbergen. Er schien dem Trutzer Baron darob nicht einmal übelzunehmen, dass er ihn – einen von zwei anwesenden Bärwaldener Rittern – vergessen hatte. „Das ist mal ein Wort!“, ergänzte er und ließ seinen Schild zweimal geräuschvoll auf den Boden donnern, ehe er einen sichernden Blick zu seinem älteren Verwandten warf.

Der Anflug eines Lächelns auf den Zügen Widderichs von Rauheneck ließ erkennen, dass auch er Sympathie für Waltharis Vorschlag hegte. Er nickte dem Leufelser zu und warf dann ein an keine konkrete Person gerichtetes „Wenn das unser Plan sein soll, bin ich gern dabei!“ in die Runde.

Walthari enttäuschte dieses Mal nicht und Firian grinste zufrieden vor sich hin, als dieser den alternativen Plan vorschlug. Als nach und nach mehrere seiner Landsleute ihre Zustimmung zu dem Plan äußerten, stimmte auch Firian unterstützt von Adaque und Rauert mit ein. „Gut und wahr gesprochen und hört sich für mich sehr passend an!“

Von Hinn rieb sich das Kinn wärend er nachdachte. Dann warf er sich noch mal in die Debatte. „Von Leufels, entschuldigt. Eure Taktik hielt ich auch erst für die plausible Lösung. Jedoch geht sie nicht auf. Wir kämpfen ja ritterlich eins zu eins im Gestampfe. Alle Leute in den Angriff zu senden würde zu einem Stau am gegnerischen Wimpel führen. Es würden ja nur so viele kämpfen, wie Verteidiger da sind. Die anderen müssten auf Runde zwei warten. Ein einzelner Angreifer würde unser Banner angreifen und erobern können. Gehen wir es doch langsam an. Wir müssen unsere Mehrzahl nutzen und ausbauen. Lasst unsere stärksten Angreifer die benannten stärksten Gegner gezielt angreifen. Alle anderen verteidigen das Banner, nach Kampfstärke gegliedert, die stärksten zuerst. Unser schwächster Krieger hält das Banner. Wir sind einer mehr. Also können sie das Banner in der ersten Runde nicht erreichen, und er wird gar nicht kämpfen müssen. Unser stärksten Leute kommen alle zum kämpfen. Ihre Leute und darunter bestimmt auch ein paar ihrer Besten, bewachen sinnlos ihr Banner. Jeder Feldherr weiß, dass Reserven die Schlacht entscheiden. Bei uns kämen nur die Schwächsten nicht zum Zuge, wären aber zur Reserve da. Je nachdem wie viele uns angreifen und wie viele von uns gezielt gefordert werden. In Runde zwei stellen wir uns neu auf, wie wir es im Felde machen. Dann kennen wir ihre stärksten und schwächsten Krieger und haben hoffentlich ordentlich dezimiert, so dass wir weiter die Mehrheit haben und so im Vorteil sind. Wir täuschen also einfach nur einen Angriff unserer schwächsten Krieger über den Flügel an. Ziehen dann aber zurück und gehen alle auf die Verteidigung der Fahne und fordern nur gezielt ihre Elite. Wir entscheiden das Spiel dann in Runde zwei.“

Nimmgalf hörte sich die Vorschläge in Ruhe an. Beide schienen gewisse Vor- und Nachteile aufzuzeigen, so dass die endgültige Entscheidung nicht leicht fiel. „Interessante Vorschläge, hohe Herrschaften. Ich werde dies sorgfältig abwägen müssen. Gibt es noch weitere Meinungen?“, wandte sich Nimmgalf an die Umstehenden.

„Ja, gibt es“, meldete sich der ältere der Rauhenecks zu Wort, kaum dass Nimmgalf geendet hatte. „Es war eingangs davon die Rede, dass es drei Gruppen braucht: eine, die schützt, eine die angreift, und eine, die starke Kämpfer der Gegenseite bindet. Ich würde sagen: Kombiniert die bisherigen Vorschläge miteinander. Verteidigt und bindet, wie ihr wollt, und schickt die Mittnacht in den Sturm.“

Kurz ließ er seinen Blick über die anderen Weidener gleiten und lächelte spöttisch – wobei schwer zu sagen war, auf wen sich diese nun Regung eigentlich bezog: „Taktische Spielereien sind das unsere nicht, aber Breschen schlagen wir Euch gern.“ Er fasste Nimmgalf ins Auge und hob die Brauen: „Ihr wollt ein paar erfahrene Streiter? Die können wir bieten. Und junge auch. Uns darf zudem verstärken, wem immer es gefällt. Gleich wie: Eine der drei Gruppen wäre dadurch rasch gesetzt.“

Nachdem Nimmgalf noch ein paar letzte Worte mit Tsaiane gewechselt hatte, wandte er sich noch einmal an die Gruppe, um seine Entscheidung über die anzuwendende Strategie und die Zuteilung der Aufgaben bekannt zu geben.

„Ich bin zu der Ansicht gekommen, dass weder eine voll auf die Offensive noch auf reine Defensive ausgerichtete Strategie zum Ziel führen kann. Der Schlüssel liegt in der Ausgewogenheit. Daher komme ich auf den Vorschlag des Barons von ... ähm ...“, Tsaiane flüsterte ihm etwas ins Ohr, woraufhin er fortfuhr, „... natürlich, von Rauheneck zurück: Die Weidener Ritter werden den Angriff gegen das gegnerische Banner führen. Hochgeboren von Rauheneck, Euch gebührt die Ehre, den Angriff anzuführen. Ihr erhaltet weitere Unterstützung durch Baroness Brinessa von Garnelhain, die Wohlgeboren Brin von Eibenross und Landelin von Viererlen, die Ritter Korbrand Leuerich von Bösenbursch und Gilbert von Graulenwerl, sowie Hauptmann Antharax, Sohn des Angrox.

Das Banner verteidigen werden neben mir noch seine Hochgeboren von Hinn, die Wohlgeboren Dragowin Timerlain, Wolfhardt Isegrein von Dornhart, Thalionmel von Amselhag, Jolenta Lindwin von Galebfurten, Federun Lechmin von Weitenfeld und Alrike Steineich zu Moosgrund. Dazu noch die Ritter Praiobur von Gernebruch, Viridian von Albenbluth-Lichtenhof und Thalessia von Nadoret, sowie die Krieger Tiako von Rosenteich, Rahjeis von Lindholtz und Andrianus von Amselhag.

Hochgeboren Raulfried von Schwarztannen greift den gegnerischen Baron Ardo von Keilholtz direkt an. Dasgleiche tut die Ritterin Ailsa ni Sceard mit Ritter Koromar von Liobas Zell.
Ritter Horbald von Hundeberg greift hingegen Baron Hagen von Salmingen-Sturmfels an, während Wohlgeboren Erpho von Richtwald sich dem Greifenfurter  Baron Anselm Hilberan von Hundsgrab-Bugenbühl entgegen stellt.

Eine besondere Ehre gebührt Euch, Hochgeboren von Berg“, und damit wandte er sich der jungen Baronin zu Vellberg zu, „denn Ihr werdet seine prinzliche Durchlaucht selbst angreifen. Bei den namentlich Genannten handelt es sich ausnahmslos um hervorragende Kämpfer des Gegners. Das Ziel ist diese möglichst lange im Nahkampf zu binden und nicht sie auszuschalten, wobei letzteres natürlich optimal wäre.“

Dann blickte er noch einmal in die Runde. „Gibt es noch Fragen zur Einteilung?“

Der junge Weidener Ritter Brin von Gilbertholz konnte sich bei der Aussicht, zusammen mit seinen Landsleuten das gegnerische Banner zu erobern, ein freudiges „JA!“ nicht verkneifen. Der Graugenwerler nickte nur ruhig – in seinem Kopf aber stellte sich die Frage, wie wohl die Heldentrutzer reagieren würden, wenn sie seines Wappens gewahr werden würden.

Firian hörte vornehmlich zu. So wie er jetzt war, gefiel ihm der Plan halbwegs. Gut, dass ausgerechnet der Rauheneck und Baron von Rotenforst sie anführen sollte, war vielleicht nicht so gelungen. Schließlich war dieser erst vor Kurzem und unter sehr fragwürdigen Umständen – unter anderem den Tod des vorherigen Barons mit dem er in Fehde lag – zu diesen Ehren gekommen. Jedenfalls ließ ihn das etwas amüsiert zurück. Er selbst konnte damit noch halbwegs leben, war sein Bruder doch mit einer von Rauheneck verheiratet. Aber er hätte gern gewusst, was zum Beispiel gerade im ach so ehrenvollen Leufelser vorging. Er kam jedenfalls zu dem Entschluss, dass diese Tsaiane offenbar andere Qualitäten hatte. Die anwesenden Barone und ihre Baronien sollte man Firians Meinung nach schon kennen. Grade, wo Nimmgalf doch so viel Wert auf den Unterschied zwischen Baron und Ritter legte ...

Bärfried stand mit verschränkten Armen am Rande des Geschehens. Seine Körpersprache und das offen zur Schau gestellte Desinteresse wirkten auf die Wenigen, die seiner Anwesenheit überhaupt Beachtung schenkten, vor allem anmaßend und frech.

Was dieser Geck, den sie als ihren Anführer bestimmt hatten von sich gab, interessierte ihn nicht wirklich und er gab sich alle Mühe dieser Welt, diese Tatsache zum Ausdruck zu bringen. Einzig als er – Bärfried konnte sich seinen Namen partout nicht merken – ihre Bannerträgerin vorstellte, schien seine Aufmerksamkeit kurz zurückzukehren. Der Junker schnalzte bei ihrem Anblick anerkennend mit der Zunge. Er hatte einfach eine Schwäche für ältere Frauen mit aufregenden Mähnen. Als sie wenige Herzschläge danach jedoch versicherte, sie werde das Banner bis zum letzten Atemzug verteidigen, war es das auch schon wieder. Gleich dem Augrimmer, der das zarte Flämmchen einer Kerze auslöschte, erstarb sein Interesse an der blondhaarigen Frau.

Bis zum letzten Atemzug ... er rollte mit seinen Augen. Ob in Garetien und dem Kosch Turniere wohl wirklich tödlichen Ernst darstellen? Bärfried zuckte mit seinen Schultern. Kam wohl in diesen Breiten nicht oft vor, dass man einen Gegner vor das Schwert bekam, der einem wirklich ans Leder wollte.

Erst die Reden des Walthari von Leufels und Widderich von Rauheneck ließen ihn wieder aufhorchen und als dieser Anführer den Plänen seiner beiden Landsleute zum Teil zustimmte, war es endlich so weit: Bärfried folgte jener Diskussion, bei welcher er bisher nur körperlich anwesend war, nun auch mit seinem Verstand. Der Sunderhardter nutzte die Stille zwischen zweier Wortmeldungen, um sich selbst erstmals einzubringen. „An vorderster Front ... mit meinen Brüdern und Schwestern an meiner Seite ... das klingt nach Spaß.“

Immerhin hatte sein Einwand die Sache in die richtige Richtung getrieben, befand Walthari unterdessen. Als alles besprochen war, wunderte er sich zwar, dass der Anführer es offenbar vorzog, in den hinteren Reihen zu stehen, war mit seinen Gedanken aber schnell bei zwei anderen Punkten. Als er sich erhob, legte er seine Hand auf die Schulter des Barons von Rotenforst. „Ich folge Euch gern in das Getümmel. Bin schon gespannt, wie ihr Euch so anstellt. Wir werden sicher viel Spaß haben.“ Meinte er grinsend.

Beim Verlassen der Besprechung rempelte er „zufällig“ und recht grob den jungen Gilbert von Graugenwerl an. „Sieh du zu, dass du ja immer in meinem Sichtfeld bist. Einen Graugenwerl will ich nicht im Rücken haben“, knurrte er den jungen Ritter an und ließ ihn dann achtlos stehen.

Als Nimmgalf verkündete, dass der Rotenforster die Gruppe der Angreifer führen sollte, quittierte der das mit einem Brauenzucken. Keinem geringschätzigen, sondern vielmehr einem, das überrascht wirkte. Die Entscheidung erwischte ihn offenbar auf dem falschen Fuß. Gleichwohl nickte er dem Hirschfurtener zu, um seine Bereitschaft zu signalisieren.

Der junge Vetter des Sichler Barons hatte seine Züge nicht ansatzweise so gut unter Kontrolle. Er sah nahezu erschrocken aus und warf einen hektischen Blick auf Walthari von Leufels, von dem der Vorschlag mit der Großoffensive ursprünglich gekommen war.

Doch dessen Aufmerksamkeit galt Nimmgalf und als auch sonst niemand lautstark protestierte oder den Garetier vorsichtig darauf hinwies, dass andere Weidener diese Ehre mehr verdienten, entspannte sich Aardor. Er begann sogar zu lächeln. Zufrieden und ein bisschen stolz.

Kurz darauf gab Walthari dem Rotenforster Baron mit einer knappen Geste und wenigen Worten zu verstehen, dass er über den Dingen stand – und erntete dafür ein anerkennendes Lächeln. „Habt Dank, Walthari“, meinte Widderich. „Sorgen wir einfach alle gemeinsam dafür, dass wir auf unsere Kosten kommen, eh?!“


Das Gestampfe
Brodilsgrund vor Angbar, 10. Rondra 1041 BF

Nun ging es also gleich los. Firian zog noch einmal einen etwas losen Riemen an seiner Rüstung fest und rückte seinen Helm zurecht. Direkt neben ihm waren sein Erster Ritter Rauert Stelin von Runkel und seine Gemahlin Adaque von Mersingen. Auch die beiden prüften noch einmal, ob alles richtig saß.

Firian begann gerade, einen Gedanken, dass er noch gar nicht erfahren hatte, warum das Gestampfe hier im Kosch ungewöhnlicherweise per Pedes und nicht auf dem Rücken der Pferde stattfand. Bevor er diesen aber zu Ende denken konnte, ging es los. Alle drei Schneehager ließen den Schlachtruf der Böcklins hören:

„Wild und frei!“

und stürmten los. Die Taktik war vorher abgesprochen und ein gehöriger Teil der Truppe, die Nimmgalf von Hirschfurten als Anführer zugeteilt bekommen hatte, stürmte als aggressiver Keil direkt auf das gegnerische Banner zu. Alle Weidener und noch einige andere bildeten diesen Keil.
Firian nahm aus dem Augenwinkel gerade noch wahr, dass Adaque ein wenig zurückfiel. Er wusste, dass seine Gemahlin nicht gern kämpfte und noch weniger zum Spaß. Trotzdem nahm er sich vor, nach dem Ende des heutigen Tages im barönlichen Bett noch mal ein Wort darüber zu verlieren. Es war vereinbart, dass sie alle aggressiv losstürmten, da ging es nicht an, dass einige zögerten.

Wie auch immer: Sie erreichten die Gegner und Firian traf auf einem Mann, den er am Schild als Sindelsaum erkannte. Da, soweit er wusste, kein anderer Sindelsaum teilnahm, musste das der Erbe der gleichnamigen Baronie sein. Ein würdiger Gegner vom Stand her. Dass dieser etliche Jahre quasi als Söldnerhauptmann durch die Lande gezogen war, wusste Firian nicht.

Sowohl er als auch der Sindelsaum kreuzten das erste Mal die Klingen. Wie erwartet, bei einem Sturmangriff ja vollkommen normal, ging Firian nicht unbeschadet aus diesem ersten Schlagabtausch hervor. Er spürte aber deutlich, dass er seinen Gegner doppelt so schwer getroffen hatte. Freude stieg in ihm auf und die Erkenntnis wuchs wieder einmal, dass einem Sturmangriff Weidener Ritter, selbst wenn sie mal nicht auf ihren Schlachtrössern saßen, nichts widerstehen konnte.

Doch dann geschah etwas vollkommen Unerwartetes und Firian konnte es sich auch lange Zeit später nur damit erklären, dass die, besonders in Weiden so hoch verehrte, Sturmherrin ihnen die Gunst verweigerte: Beim nächsten Schlagabtausch mit seinem Gegner merkte er, dass dieser einiges an Kraft zurückgewonnen hatte.

In diesem Moment nahm Firian noch an, dass dies wohl nur bei ihm so sei. Es musste die Strafe dafür sein, dass er Rondra nur noch das gerade nötige Mindestmaß an Verehrung entgegenbrachte. Gerade genug, um nicht von seinen Weidener Mitadeligen geschnitten zu werden und gerade genug, um am Rhodenstein bei seinen sehr seltenen Besuchen dort noch eingelassen zu werden. Aber in seiner Verehrung, so brachte er es auch seinen Kindern bei und empfahl es seinen Vasallen und Untertanen in Schneehag, stand sie mitnichten an erster Stelle. Diese wurde bei ihm von Firun eingenommen! Der Alte vom Berg und seine Ideale und Lehren eigneten sich in Firians Augen viel besser für Kämpfe auf Leben und Tod. In der Heldentrutz am Rande des Finsterkamms ging es nun einmal meistens gegen den gnadenlosen Schwarzpelz. Mit ehrenhaftem Zweikampf brauchte man dem nicht zu kommen. Schonungslose Härte aber, wie Firun sie lehrte, die verstand er. Milde und Gnade würde in Schneehag und durch seine Hand niemals ein Schwarzpelz erfahren. Nur den Tod!

Wie auch immer: Nach Firun kamen in seinen Augen noch die Eidmutter, Ifirn, ja sogar Peraine und Boron, und erst dann galten seine Gedanken Rondra. Wenigstens, sagten einige, passte Firun gut zu Weiden. Schlimmer wäre es sicher gewesen, wenn Firian den Götterfürsten der Sturmleuin vorgezogen hätte, was ja in eigentlich allen anderen Provinzen beim Adel der Fall war.

Der Sindelsaumer drängte jedenfalls plötzlich mit gefühlt dreifacher Kraft und großer Siegessicherheit auf ihn ein. Firian dagegen schien fast geschlagen und wurde als Angreifer in die Defensive gedrängt. Er konzentrierte sich ganz darauf, so zu kämpfen, wie der Alte vom Berg es lehrte. Der Kampf gegen Übermacht war für ihn als Trutzer ebenfalls keine Seltenheit. Wo er eben noch den Schlachtruf der Familie auf den Lippen hatte und freudige Erwartung auf das Messen mit Standesgenossen im Herzen, kehrten nun Schweigen und Grimm ein. So kamen drei solide ausgeführte Angriffe des Sindelsaumers und Firian konnte sie alle abwehren, um dann im Gegenzug einen harten Schlag auszuteilen, der einen deutlichen Treffer hinterließ.

Nur wenig Zeit verging, bis der scheinbar immer noch siegesgewisse Sindelsaumer wieder angriff. Doch diese Attacken waren deutlich schwächer und zeigten, dass Firians Treffer eben doch schon Spuren hinterlassen hatte. Er hatte wohl damit gerechnet, dass der Böcklin einfach so zu Boden ging. Firians Angriff dagegen war zwar schwächer als eben, aber reichte erneut aus, um die Abwehr des Sindelsaumers zu durchbrechen, und so landete er einen weiteren Treffer.

Es blieb wieder kaum Zeit für große Gedanken oder um sich umzuschauen. Firian ging zum Angriff über, um seinem Gegner den Rest zu geben. Er führte eine weitere Attacke aus und hielt nur ein kleines bisschen des maximal Möglichen zurück. Es war am Ende ja immer noch nicht wirklich das Ziel, seinen Gegner zu töten. Die Verteidigung des Sindelsaumers war sehr ordentlich ... reichte aber nicht. Er ging zu Boden.

Jetzt endlich hatte Firian einen kurzen Moment, um sich umzuschauen. Sein Erster Ritter Rauert lag ein Stück hinter ihm, seine Gemahlin Adaque noch etwas weiter dahinter. Ihr Banner hielt noch. Respekt bei den dünnen Ärmchen der Bannerträgerin, ging es ihm durch den Kopf. Vom Angriffskeil sah er um sich herum nur noch Walthari von Leufels und diesen Bärkrieg aus der Sichelwacht.

Seine Gedanken, dass Rondra nur ihm die Gunst verweigert hatte, war wohl nicht ganz richtig. Es schien so, dass der gesamte Angriffskeil für seinen mutigen Sturmlauf nicht belohnt worden war. Vielmehr bestraft wurde, denn anders konnte Firian sich den Umschwung nach dem ersten Aufprall nicht erklären!

Bevor er aber noch weitere Gedanken fassen konnte, kam die nächste Welle. Er hatte schon gesehen, dass ein Vielfaches seiner Seite am Boden lag, und Firian merkte sofort, dass die neuen Gegner noch taufrisch waren. Seine Gegnerin, die wohl ganz am Anfang gleich den Vetter von Luchserta, der Frau seines Bruders Ewein, diesen Aador Rauheneck, weggefegt hatte, machte kurzen Prozess mit ihm. Bevor er wieder zu Atem kommen konnte – und auch mit allen Lehren Firuns im Kopf hatte er keine Chance. Unter einem Schlaggewitter mit dem Gefühl sechs Gegnern gegenüber zu stehen ging er zu Boden ...

 
Nach dem Gestampfe
Brodilsgrund vor Angbar, 10. Rondra 1041 BF

Irgendwie schaffte es Widderich es, sich einen Weg durch das Gedränge zu bahnen. Hin zu seinem Vetter, der am Rand des Feldes auf dem Rücken lag – alle Extremitäten weit von sich gestreckt. Hin zu seiner Nichte und seinem Bruder, die über dem armen Kerl hockten – Erstere wischte schwer besorgt mit einem blutigen Tuch in seinem Gesicht herum, während der Zweitere sich bemühte, die Halsberge zu öffnen. Und hin zu seiner Gemahlin, die an die Absperrung gelehnt stand – mit einem amüsierten Funkeln in den Augen. Das war einerseits gut, denn es verriet ihm, dass Aardor nicht im Begriff war abzukratzen. Andererseits war es schlecht, denn er ahnte jetzt schon, dass er gleich zum Ziel ihres Spotts werden würde.

„Was ist mit ihm?“, fragte der Rotenforster noch bevor er das kleine Grüppchen erreichte. Nicht zuletzt, um seiner Frau zuvorzukommen.

„Keine Sorge, er kommt schon wieder zu Bewusstsein“, meinte Satijana beschwichtigend. „Es wird! Das nächste Mal rennt er sicher nicht noch mal mit dem Kopf voran in die Waffe seines Gegners rein. Es sei denn, der Schlag da gerade war zu hart ...“

„Du hast gut reden!“

„Ja klar, immer doch“, sie blinzelte vergnügt. „Und wo ich schon dabei bin: Was war denn bitte bei dir los? Nach so einem gelungenen Auftakt derart glanzlos untergegangen? Ist dir auf halber Strecke die Puste weggeblieben, alter Mann?“

Widderich seufzte und griff nach dem Kinnriemen seines Helms, um ihn abzusetzen, bevor er seinem liebsten Quälgeist eine Antwort gab. Brachte ja nichts, sie mit Blicken erdolchen zu wollen, wenn seine Augen gar nicht sichtbar waren.

„Ich weiß es nicht“, brummte er, als die Tat vollbracht war. „Ich habe keine Ahnung, was bei mir los war. Nicht die geringste.“

„Na ja, was soll’s. Du bist unverletzt. Setz einen Haken drunter.“

„Einen Haken? Hast du gesehen, was da gerade passiert ist?“, fragte er unwirsch. „Unser Angriff ist an einer Mauer zerschellt – und ich war auch noch der erste erfahrenere Weidener, den es gerissen hat. Schönen Anführer gebe ich ab!“

„Na?! Jetzt aber!“

„Was? Willst du das etwa bestreiten?!“

„Nachdrücklich!“ Mit einer ebenso raschen wie unerwarteten Geste legte Satijana die Hände an seine Wangen, zog ihn näher an sich heran und zwang ihn, ihr in die Augen zu sehen. Da war kein Spott mehr in ihrem Blick. „Du bist ein hervorragender Anführer, Widderich! Wenn dem nicht so wäre, würde dein Haus heuer in Trümmern liegen. Überlege nur, durch was für eine schwierige Zeit du die Deinen manövriert hast und wo ihr heute steht. Das ist vor allem dein Verdienst, und es wäre dir niemals gelungen, wenn du so schlecht wärst, wie du dich machst. Lass endlich hinter dir, was war, und schau nach vorn! Du bist jetzt ein anderer, dir stehen alle Möglichkeiten offen.“

Widderich legte die freie Linke auf Satijanas rechte Hand und schüttelte den Kopf. Eigentlich nicht, um ihr zu widersprechen, sondern weil er sie davon abhalten wollte, diese Rede in aller Öffentlichkeit fortzuführen. Allein, sie verstand das offenbar miss.

„Doch! Genau so ist es!“, beharrte sie. „Als der Garetier dich zum Anführer bestimmte, hat niemand gemurrt, oder? Was sagt uns das, hum?“

„Dass die Gerüchte noch nicht bis in die Trutz vorgedrungen sind?!“

„Oder dass Bunsenholds Kabale nicht die von ihm erwünschten Früchte!“

„Glaube ich kaum!“

„Ach komm schon, alter Schwarzmaler! Es ist alles nicht so schlimm wie du denkst. Bunsenhold kriegt uns nicht klein und du bist ein guter Anführer. Stellst dich ohne Zögern in die erste Reihe, um mit gutem Beispiel voranzugehen und Schaden von deinen Leuten abzuwenden. Das scheint hier nicht unbedingt jeder zu tun. Außerdem stürmst du nicht blindlings voran ... naja ... jedenfalls im Ernstfall nicht, sondern wägst ab, und noch da...“

„Ja. Ja!“, unterbrach er sie leise. „Ich habe verstanden. Ich bin der Beste.“

„Ganz ohne Frage“, sie lachte, bevor sie ihm einen kurzen, aber nichtsdestotrotz innigen Kuss auf die Lippen gab. „Ich schlage vor, dass du es den anderen in den Einzeldisziplinen zeigst. Und wenn auch das misslingen sollte, komm zu mir, bevor dich der Gram ganz niederstreckt. Dann darfst du bei einer Privataudienz demonstrieren, in welchen Disziplinen du sonst noch so zu den Besten gehörst.“

„Ahnen!“, entfuhr es Widderich und er musste an sich halten, um nicht einen sichernden Blick in die Runde zu werfen. „Bist du des Wahnsinns, Weib?“

Jetzt grinste sie doch wieder und ihre Augen funkelten gefährlich.

„Ich habe meine Mitstreiter eben zu einem Absacker eingeladen“, vollzog der Rotenforster einen raschen Themenwechsel, ehe seine Gemahlin einen Ton von sich geben konnte. „Sind ja noch ein paar Stunden bis zum Bankett ...“

„Wie denn? Jetzt sofort? Zu uns ans Zelt?“

„Wusste nicht, wohin sonst.“

„Alle?“

„In erster Linie die Weidener, aber vielleicht kommt ja auch einer von den anderen? Es war eine offene Einladung ins Rund.“

„Aha. Und wer von uns beiden ist jetzt bitte des Wahnsinns?!“


***


Walthari von Leufels erhob sich etwas mühsam vom Boden und streckte den Rücken durch. Sorgsam achtete er dabei auf die verschiedenen Schmerzsignale seines Körpers. Er hatte ein paar kräftige Hiebe abbekommen. War aber zufrieden mit sich, da er – so glaubte er zumindest – mehr ausgeteilt als eingesteckt hatte. Ein kurzer Blick zurück bestätigte ihm, dass der Kampf vorbei und verloren war. „Wie erwartet“ murmelte er vor sich hin.

„Ihr habt gut gekämpft, Herr.“ Rutger von Uhlenhain, Waltharis Knappe, war inzwischen herbeigeeilt. „Kann ich Euch behilflich sein?“ Walthari nahm den Helm ab und wischte sich die schweißnassen braunen Haarsträhnen aus dem bärtigen Gesicht. „Hm. War das ein Kampf? Ich hatte eher den Eindruck eines Gemetzels hier vorn an der Sturmspitze. Irgendwie haben die anderen es geschafft, sämtliche Vorteile auf ihre Seite zu bringen. Da standen wir hier ganz schön auf verlorenem Posten.“

„Stimmt. Aber die Weidener haben fast bis zum Schluss noch gestanden. Das war schon sehr beeindruckend.“ Rutger grinste breit. Sein Schwertvater ließ nur die Augenbrauen hochzucken.

„Naja. In einer echten Schlacht wären wir halt jetzt alle tot. Wie gut, dass du dann alles gesehen hast und uns in deinen Liedern besingen könntest. Mehr kann man nicht mehr erwarten.“

Rutgers Grinsen verschwand aus dem Gesicht. Was wollte ihm der Baron damit sagen? Sollte er jetzt ein Lied singen? Die Minne gehörte zur gefälligen Ausbildung, war ihm aber ein Gräuel, da er völlig unmusikalisch war. Außerdem lag der Schwerpunkt seiner Ausbildung beim Baron von Dergelquell nicht gerade auf diesem Aspekt der Ritterschaft. Mitten im Finsterkamm waren andere Talente gefragt. Seit er sich dem Alter für den Ritterschlag näherte, immerhin würde er im nächsten Jahr seinen 21. Sommer erleben, war er ständig in Panik, dass seinem Schwertvater ein Grund einfallen würde, ihm diesen zu verwehren. Bei seiner Vorgängerin hatte sich der Ritterschlag auch verzögert, wie er wusste.

Seine Gedanken mussten ihm wohl im Gesicht gestanden haben, denn Walthari fuhr nach einer kurzen Pause fort. „Das mit deinem Ritterschlag muss ich mir wohl noch überlegen. Es gibt ganz offensichtlich grundlegende Dinge bezüglich der Ritterschaft, die du nicht verinnerlicht hast“ sagte er fast beiläufig und ließ bei Rutger fast augenblicklich den Schweiß ausbrechen.

„Was? Äh? Nein! Oder doch, Herr? Ich ...“, er schüttelte resigniert den Kopf. „Ich weiß nicht, was ihr meint, Herr“ sagte er schließlich kleinlaut.

„Na, dann erkläre ich dir das mal“ sagte Walthari mit einem leicht ermüdeten Unterton in der Stimme, legte seine schweren Pranken auf die Schultern des Jungen und blickte ihm ernst in die Augen. Dann gab er ihm einen nicht nur neckisch gemeinten Schlag auf den Hinterkopf und fuhr mit erhobener Stimme fort: „Ich hab mir die Seele aus dem Leib gekämpft und Dreck gefressen. Ich brauch was, um diesen Dreck und den Geschmack der Niederlage runterzuspülen. Wenn ich also das nächste Mal auf dem Boden liege und aufstehe, will ich dich mit einem großen Humpen mit Schaumkrone obenauf sehen. Und jetzt pack dich weg und hol mir was zum Saufen, Kerl!“

Einer fast schon unterbewussten Reaktion folgend, ertönte ein „Ja, Herr“ aus Rutgers Mund und er setzte schon zum Spurt an, als er jäh anhielt und sich noch einmal umdrehte. „Ähm. Widderich von Rauheneck hat alle Streiter zu einem Trunk in sein Zelt eingeladen, Herr.“

„Wer ist Widerlich von Rauheneck?“ fragte Walthari und wuselte verlegen in seinem Bart. „Nun, äh. Der Baron von Rotenforst. Der Anführer eures Sturms“ antwortete der Knappe.

„Ah.“ Waltharis Züge erhellten sich. „Der Rotenforster. Sag das doch gleich. In der Sichel muss man sich ja alle paar Monate an neue Namen gewöhnen hat man das Gefühl. Tja. Da hast du ja noch mal Glück gehabt. Dann mal los, ich hab Durst.“

Noch in Rüstung befindlich stapfte der Heldentrutzer in Richtung des Rotenforster Zeltes an seinem Knappen vorbei. Dabei zwinkerte er ihm zu und grummelte „Wird vielleicht doch noch was mit dem Ritterschlag im nächsten Jahr.“


***


Brin von Gilbertholz ließ es sich natürlich nicht nehmen, der Einladung des Barons von Rotenforst Folge zu leisten. Freibier klang immer gut. Er konnte nicht verstehen, warum der Winhaller Ritter, der auch am Sturm teilgenommen hatte nur „Lieber nicht“ geantwortet hatte, als Brin ihn freudig an die Einladung erinnert hatte. Gut, der war noch vor Brin gezäumt worden. Von Lanzelind vom Hochfeld. Das war doch keine Schande. Er selbst hatte sich gegen Geron von Bärenstieg nur wenig länger behaupten können.

Dennoch war Brin zufrieden. Er war auf seinem ersten Turnier. Ein Sieg wäre zwar schön gewesen, aber auch so war das Gestampfe gut verlaufen. Für einen Moment hatte er kurz an seinen Landsleuten gezweifelt. Ja, sie hatten kurz gewirkt, als hätten sie den Kampfeswillen verloren und würden mit dem Schicksal hadern. Dann aber hatten sie gezeigt, warum man vom „Schild des Reiches“ sprach, wenn man ihre Lande meinte. Sie hatten an der Seite Baron Nimmgalfs einen Kampf hingelegt, von dem die Barden gewiss noch in vielen Götterläufen singen würden. Und das würden sie nun feiern. Gemeinsam! Als Weidener!


***


Viridian von Albenbluth-Lichtenhof, ehemaliger Knappe des Fürsten und derzeit reisender Ritter, war trotz der Niederlage beim Buhurt in bester Stimmung. Dem Kressenburger Ritter Ingmar von Keilholtz hatte er Stand gehalten und ihn in der dritte Runde gezäumt. Es war ein guter Kampf gewesen, fand er. Aber dann, bevor er recht wusste, wie ihm geschah, war diese Padora wie ein Gewitter über ihn gekommen und das einzige, was er zu seiner Ehre vorzutragen hatte, war dass sie zu den wohl ruhmreichsten Streiterinnen dieses Buhurts gehört hatte. Rondra und Phex waren offensichtlich auf ihrer Seite gewesen. Er empfand es nicht als Schande, gegen sie verloren zu haben, auch wenn er es sich anders gewünscht hätte… Die Aufmerksamkeit des Fürsten hatte er so wohl sicher nicht erlangt.

Nun, wo er langsam wieder zur Ruhe kam, sah er sich suchend um. Bisher hatte er kaum vertraute Gesichter entdeckt, aber ihm war so, als hätte er Calerine unter den Zuschauern auf der Tribüne gesehen. Ob sie seinen Sieg über den Keilholtz bemerkt hatte? Er hatte gerade beschlossen, sie suchen zu gehen und sich zu erkundigen, wie es ihr seit dem Ritterschlag durch den Fürsten ergangen war, da vernahm er, dass der Rotenforster zu Bier geladen hatte. Was für ein verlockendes Angebot. Er war zwar nicht ganz sicher, ob das auch für ihn galt, aber er beschloss, der Sache nachzugehen.

Calerine würde er sich auch später noch antreffen ...


***


Bärfried von Sunderhardt war geladen. Auf dem kurzen Weg zwischen seinem Zelt und dem des Barons von Rotenforst hätte er beinahe zwei Knappen, eine Waffenmagd und eine Priesterin der Peraine über den Haufen gerannt. Wer von den vier Genannten eine Entschuldigung aus dem Mund des Junkers erwartete, wurde jedoch enttäuscht; außer einem unwilligen Murren oder Grunzen gab der Sunderhardter nichts von sich. Dennoch wagte es niemand ihn auf diesen Fauxpas hinzuweisen. Sein Antlitz war so sehr von Schmerz und Wut zerfressen, dass selbst ein Blinder mit zwei dieser seltsamen Glasaugen aus zwergischer Fertigung, die der Weidener während seiner kurzen Zeit in Angbar bereits kennenlernen durfte, es sehen konnte.

Sein Knappe Widolf sollte der erste sein, den der Zorn seines Herrn traf. Als er ihm aus seiner Rüstung half, hatte es der Jüngling doch tatsächlich gewagt, Bärfried zu seinem guten Kampf zu gratulieren – immerhin hatte dieser schnell zwei seiner Gegner gezäumt. Die Worte der Anerkennung waren dem jungen Trencker jedoch nicht gut bekommen, und erst das Erscheinen seines Eheweibs hatte den Sunderhardter wieder etwas beruhigen können. Es war klar: Bärfried musste raus aus seinem Zelt, an die frische Luft und just da kam ihm die Einladung Widderichs in den Sinn. Notdürftig und recht freizügig – bloß in eine ärmellose Weste, lederne Beinlinge und leichte Stiefel gewandet – machte er sich auf den Weg. Seine Brust und die Oberarme glänzten noch immer vom Schweiß und sein Atem ging schwer. Teils wegen des in ihm wütenden Ärgers, teils wegen der immer noch nicht lange zurückliegenden Anstrengung des Kampfes.

‚Was bei den zwölf Fürsten der Finsternis war das eben?‘, Bärfried konnte sich noch immer nicht erklären, wie es möglich war, dass ihr Ansturm so schnell an den Gegnern zerschellen konnte. Nachdem er seinen ersten Gegner mit dem ersten Streich zu Boden beförderte, ging ein Ruck durch seinen Leib. Es schien fast so, als bremse etwas seinen Waffenarm und sein zweiter Gegner, der ihn zuvor noch mit vor Schreck geweiteten Augen anstarrte, sollte sich ihm nur einen Herzschlag später als ebenbürtig gegenüberstellen. Zwar schaffte er es, auch diesen Gegner zu besiegen, doch war der dritte, der auf den Fuß folgte, dann einer zu viel.

Der Junker konnte sich das Einbrechen seiner Fähigkeiten nur mit finsterem Hexenwerk erklären. Bärfrieds Mutter war selbst eine dieser „weisen Frauen“ gewesen und immer noch erinnerte er sich mit Schaudern an eine Begegnung mit der Oberhexe von deren Schwesternschaft – Fastrade, ein altes Weib, das mehr tot als lebendig schien, aber dennoch von einer Aura der Macht umgeben war. Ja, er wusste, zu was diese Weiber imstande waren, und er würde seinen Verdacht an die Turnierleitung weitergeben.

Erst als Bärfried zu den Zelten der Rotenforster einbog, sollten seine düsteren Gedanken nach und nach verschwinden. Vielleicht brachten ihn nette Gesellschaft und etwas zu trinken tatsächlich auf andere Gedanken. Es war einen Versuch wert.


***


Firian Böcklin hatte nach dem langen Kampf nur gewartet, bis er nicht mehr pumpte wie ein Maikäfer. Anschließend hatte er ein, zwei Eimer frischen kühlen Wassers über sich gekippt und sich dann aufgemacht zum Rauheneck. Adaque und sein Erster Ritter Rauert leckten bei ihrem Zeltplatz noch ihre Wunden und würden höchstens nachkommen. Firian aber war sich bewusst: Nach dem Kampf heute würde er – wenn er auch erst einmal an und in seinem Zelt war und die Rüstung abgelegt – nirgendwo mehr hingehen. Deshalb kam er gerüstet und bewaffnet, so wie er zum Buhurt angetreten war, nur wesentlich nasser, bei den Zelten der Rauhenecks an.

„Ey da ... Bruder Rotenforst! Es wurde was Ordentliches zu trinken angeboten! Hier bin ich! Von außen bereits feucht genug, nun braucht die Kehle was Feuchtes nach diesem denkwürdigen Gestampfe!“

Als der Böcklin auf den Platz zwischen zwei Turnierzelten in den rauheneckschen Farben einlief, herrschte dort gähnende Leere. Er fürchtete fast, das Versprechen des Sichlers sei leer gewesen. Nachdem er lautstark auf sich aufmerksam gemacht hatte, dauerte es jedoch nur wenige Herzschläge, bis eine der Zeltplanen zurückgeschlagen wurde und der dunkle Schopf des Barons von Rotenforst im Eingang auftauchte. Firian hatte seinen Gastgeber wohl auf dem falschen Fuß erwischt, denn auch der trug seine Rüstung noch. Augenscheinlich war er gerade im Begriff gewesen, sich zumindest teilweise daraus zu befreien, begrub den Plan nun aber augenblicklich und schien sich nicht wirklich daran zu stören.

„Schneehag“, meinte er mit einem anerkennenden Nicken und trat auf Firian zu, um ihm die – immerhin bereits unbehandschuhte Rechte – zum Kriegergruß entgegenzustrecken. „Tapfer und sehr ausdauern gefochten. Nach allem, was ich von hinten-unten so sehen konnte. Gut, dass Dergelquell, Hahnfels und Ihr das Banner der Mittnacht hochgehalten habt, auch wenn es im Sturm etwas wilder zuging als erwartet.“ Ein ironisches Lächeln schlich sich auf die Lippen des Mannes. „So müssen wir uns nicht sinnlos besaufen, sondern können doch noch mit Stolz auf etwas anstoßen. Das Fass kommt jeden Moment. Habt Ihr ein Horn dabei?“

Firian ergriff den Arm und langte ordentlich zu. Dann sah er kurz über die Schulter des Rauheneck, ob vielleicht gleich noch eine Dame aus dem Zelt folgen würde.Da dem erst einmal nicht so war, ging er auf das Gesagte ein:

„Ich will meinen, die Sturmherrin war ganz sicher nicht auf unserer Seite heute und hat unseren Angriff ... zerschellen lassen. Zum Glück sind die meisten Südländer ziemlich weich und mit firungefälliger Zähigkeit konnte ich meinen Gegner am Ende besiegen. Ich versteh den Verlauf immer noch nicht so recht und hatte nach dem ersten Aufeinanderprallen, das zumindest bei mir ganz gut lief, plötzlich das Gefühl, etwas schlägt mich förmlich zurück und richtet den getroffenen Gegner wieder auf. Was war bei Euch los und konntet Ihr von ... hinten-unten mehr erkennen, wie es dazu kam?“

„Ein Horn? Öh ... nö ... meine Gemahlin kommt gleich noch nach ... die denkt bestimmt an so was... .“

„Wird nicht nötig sein“, erwiderte der Rauheneck und bedeutete seinem Gast mit einer knappen Geste, einen Blick über die Schulter zu werfen. In Firians Rücken näherten sich drei Gestalten, von denen die größte – ein bärtiger Glatzkopf – zwei Bänke geschultert hatte, der Kleinste – ein blonder Jüngling mit wirrem Blick – ein Fass schleppte, und die jüngste – ein schlacksiges Mädchen – eine Kiste, in der es verdächtig schepperte. Humpen wohl. „Ich hätte schwören können, dass kein Weidener ohne Horn hier auftaucht, aber wie es scheint kennt mein Weib meine Landsleute mittlerweile besser als ich.“

„Die Folgen einer garetischen Ehefrau: Bei uns auf der Burg gibt’s nur noch so schicke Silberpokale, wenn hohe Gäste da sind. Fürn Alltag – es hat seit zwei Wintern nen guten Böttcher in Steenbukken – hab ich so Holzhumpen. Sehen aus wie kleine Bierfässer mit Griff und Deckel. am Rand sogar mit nem Kupferring. Jedenfalls sacht sie immer, nen Horn ist furchtbar unpraktisch!"“

Widderich schüttelte den Kopf und machte eine wegwerfende Handbewegung, äußerte sich aber nicht zu dem Eingriff von Firians Frau in dessen Trinkgewohnheiten. Stattdessen griff er das eigentliche Gespräch wieder auf: „Was bei mir los war? Hum ... ich kann Eure Worte nur bestätigen. Ich dachte, ich hätte meinen Gegner so gut wie am Boden und auf einmal lag ich selbst im Dreck. Auch von da unten habe ich nichts gesehen, was es mir leichter machen würde, die Sache zu erklären. Am Ende haben wir halt einfach ... nicht gut genug gekämpft. Wobei der Leufelser nur zwei Atemzüge länger hätte ausharren müssen. Dann wäre er einer der Wenigen auf unserer Seite gewesen, die am Ende noch standen.“

„Pfftt ... der hätte uns auch nicht gerettet! Mir kam ja zuerst ein anderer Gedanke. Aber der hätte nur mich betroffen und wohl kaum alle Weidener“, meinte Firian.

„Was für ein Gedanke denn?“ hakte sein Gegenüber gleichwohl nach.

„Nun“, Firian zögerte etwas. „Das ist ein Gedanke, der mich schon etwas länger beschäftigt. Es hängt mit meiner Verehrung für die Sturmherrin zusammen ...“, er sah den Rauheneck an. Man sagte den Seinen ja durchaus nach, noch nicht einmal die Zwölf zu verehren. Er beschloss, nicht weiter darzulegen, was ihm so durch den Kopf ging, bevor er nicht selbst ein mpaar Fragen gestellt hatte. Also sagte er: „Wie haltet ihr es da? Wo steht die Sturmherrin bei Euch?“

Es war offenkundig, dass er Widderich damit auf dem falschen Fuß erwischte. Er starrte ihn einen Augenblick überrascht an, fasst sich dann aber schnell wieder und wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, als sich eine weibliche Stimme in den bisherigen Zweiklang mischte.

„Seid ihr immer noch am Räsonieren? Das nimmt ja gar kein Ende mehr!“ Von Firian unbemerkt war eine kleine blonde Frau aus dem Zelt hinter dem Rotenforster getreten, die nun freundlich lächelnd auf ihn zu kam. In der linken Hand hielt sie eine irdene Flasche, in der rechten drei Stumpen. „Seid doch einfach froh, dass es hier auf dem Turnier und nicht auf einem Schlachtfeld passiert ist. Sonst könnten wir jetzt nicht mehr anstoßen.“ Sie streckte dem Böcklin die Hand mit den Stumpen entgegen und machte eine einladende Geste: „Wird wohl noch einen Moment dauern, bis das Fass angestochen ist. Bis dahin vielleicht einen Meskinnes auf den Schreck?! Reinigt auch den Magen. Für den Fall, dass Ihr zu viel Staub geschluckt habt.“

„Aber ja doch!“ war die Antwort auf die Frage nach dem Meskinnes. „Niederlagen stimmen mich nie froh! Wenn man sich an sie gewöhnt, besteht die Gefahr beim nächsten echten Kampf auch zu denken, eine Niederlage wäre nicht so schlimm und man könne ja draus lernen. Das, was mich, und wie ich höre auch Bruder Rotenforst hier, umtreibt, ist der unerwartete Verlauf der ganzen Geschichte.“

„Meine bessere Hälfte“, fügte Widderich an, als Firian geendet hatte. Wohl um der Förmlichkeit Genüge zu tun. „Satijana von Rauheneck. Satijana, das ist Firian Böcklin von Buchsbart, Baron zu Schneehag in der Grafschaft Heldentrutz.“

Firian griff die inzwischen von Stumpen befreite Hand der Rotenforster Baronsgemahlin und gab ihr einen ordentlichen und kräftigen Kriegergruß als Begrüßung. „Ah, erfreut, Euch kennenzulernen, Hochgeboren. Da werde ich ja endlich die Botschaft los, die ich schon so lange mit mir rumtrage. Sie ist von Rowina Böcklin. Sie sagte, ihr kennt euch flüchtig. Jedenfalls lautet die Botschaft: ‚Interessante Lösung.‘“ Der Schneehager sah einen Moment reichlich neugierig drein. Er hatte offenbar keinen Schimmer, was Rowina damit meinte, war aber sehr interessiert daran, es zu erfahren.

Satijana lächelte den Trutzer Baron erst freundlich an, schien dann etwas überrascht, als er nach ihrem Unterarm griff, als sei sie eine Kriegerin und nicht etwa das zerbrechliche Pflänzlein, für das sie sonst immer gehalten wurde. Schließlich eroberte ein nachgerade verwirrter Ausdruck ihre Züge – nämlich als Firian die Botschaft seiner Verwandten überbrachte. Sie runzelte die Stirn, warf einen ratlosen Blick zu Widderich hinüber und schien dann gerade etwas sagen zu wollen, als sie von der Ankunft einer weiteren Ritters abgelenkt wurde.

Es gab keine Erklärung ob Firian sie als gleichwertig ansah, weil sie die Gemahlin eines Weidener Barons war, weil er davon ausging, dass sie ebenfalls Ritterin war, oder aber weil er vielleicht sogar wusste, was sie genau war und mit was gesegnet. Es schien jedenfalls, dass er sie trotz der geringen körperlichen Größe erst einmal für voll nahm. Als sie ihn so verwirrt ansah eroberte aber ein bisschen Enttäuschung seine Züge. Scheinbar gab es auch von dieser Seite keine Aufklärung für die nicht gerade üppige Botschaft. Naja, er hakte die Sache fürs Erste ab und ging davon aus, dass er heute nicht mehr erfahren würde, was gemeint war.

Da erklang auch schon ein vernehmliches Räuspern in Firians Rücken, auf das eine noch recht jung klingende Männerstimme folgte:

„Verzeiht die Störung, aber mich erreichte die Kunde, dass es hier eine Linderung in flüssiger Form für niedergeschlagene Recken geben soll. Ich hoffe das gilt auch für solche, in denen kein Weidener Blut fließt, zumindest nehme ich das an.“ Ein Grinsen schwang in der Stimme mit, als Viridian von Albenbluth-Lichtenhof langsam näher trat und fragend von Firian zu Widderich sah. Sonst sah er keinen der Streiter, was ihn einen Moment verunsicherte. Aber vielleicht nahmen sich alle anderen mehr Zeit, sich frisch zu machen. Er hatte nur alle Rüstteile von sich geschmissen und war direkt losmarschiert. Glücklicherweise schien der Böcklin sich nicht einmal dafür Zeit genommen zu haben und auch der Rotenfelser trug noch seine Rüstung.

Letzterer trat jetzt auf den Neuankömmling zu und streckte ihm die Hand zum Gruß entgegen. Derweil glitt sein Blick prüfend über dessen Wappenrock, wohl weil er versuchte, ihn irgendwie zuzuordnen.

Der junge Mann mit dem dunkelblonden Haar und den grün-braunen Augen ergriff den Unterarm des anderen und ihn gut gelaunt an. Dass Schweiß, Öl und Dreck eine kräftige Spur durch sein Gesicht gezogen hatten, war ihm entweder nicht bewusst oder egal. Der Wappenrock war in dunklem Grün gehalten. Das auf der Brust angebrachte Wappen zeigte einen diagonal geteilten Schild: rechts oben drei rote Bäume auf Schwarz, links unten zwei gekreuzte Schwerter auf Grün.

„Selbstverständlich gilt das auch für Ritter, in deren Adern kein Weidener Blut fließt“, meinte der Rotenforster, nachdem er seine Musterung beendet hatte. „Solange sie bei dem Gemetzel da eben auf der richtigen Seite standen. Und solange Ihr es ertragt, allein unter Weidenern zu sein. Wenn mich nicht alles täuscht, sind der Leufelser und der Hilbertholzer da nämlich gerade im Anmarsch.“

„Die sollen sich mal sputen. Verdammt trockene Luft hier!“, gab Firian seinen Kommentar zu den nahenden Kampfgenossen ab.

Viridian beantwortete derweil die ungestellte Frage, da er den Blick auf sein Wappen bemerkt hatte. Und da er sich nicht sicher war, ob die anderen überhaupt wussten, wer er war, begann er mit seinem Namen. Besser spät als nie: „Viridian von Albenbluth-Lichtenhof, gebürtiger Nordmärker und ehemaliger Knappe am Koscher Fürstenhof. Halb Fisch, halb Fleisch, sagen manche. Habt Dank für die Einladung!“ Er wollte noch eine Frage ergänzen, beschloss dann aber lieber, abzuwarten, wer sich noch dazu gesellte, bevor er womöglich in ein Wespennest stach.

Während die Ritter sich ausgetauscht hatten, errichteten Widderichs Verwandte zwischen den rauheneckschen Zelten ein kleines Rondell aus den Bänken und dem aufgebockten Bierfass – das dann von dem glatzköpfigen Hünen ohne großes Federlesen angestochen wurde. Und noch ehe Viridian antworten konnte, hielt er einen Humpen mit schäumendem Bier in der rechten – und einen kleinen Stumpen mit einer klaren Flüssigkeit in der Linken.

Glücklich betrachtete er die beiden Getränke und dachte sich, dass der Abend noch gut werden würde.

Firian befand unterdessen, dass es auf der einen Seite immer besser wurde. Nun in beiden Händen ein gutes Getränk zu haben, gefiel sehr wohl. Doch nützte es ja nix, wenn man es nicht trinken konnte. Genervt sah er sich um. Der Leufelser legte immer mehr Nordmärker Züge an den Tag, wie er fand. Wo blieb der Kerl nur!

„Ähm, Baron Böcklin von Schneehag, oder?“, Viridian hoffte, es richtig zusammenbekommen zu haben. Er zögerte zu trinken, weil der andere offenbar auf etwas wartete. Vielleicht auf den Trinkspruch des Gastgebers. Oder womöglich auf die zwei, die sich da näherten. Konnte nicht schaden, dann ebenfalls zu warten, obwohl sein Mund sich staubtrocken anfühlte und das Bier ihn so verlockend anstrahlte. Sein Kampf stand ihm regelrecht ins Gesicht geschrieben.

Das schien dem Gastgeber nicht zu entgehen, denn er schüttelte nun entschieden den Kopf und meinte: „Egal jetzt! Fangen wir einfach mit dem Meskinnes an. Davon haben wir eh nicht genug für alle. Bis die anderen da sind, haben wir den runter und können mit dem Bier weiter machen.“ Er hob den Stumpen und sah die beiden anderen Ritter an. „Herr Viridian aus den Nordmarken und dem Kosch, Herr Firian aus der Heldentrutz, mein Name dürfte bekannt sein – und ab dafür! Auf einen guten Kampf. Auch wenn es am Ende leider kein erfolgreicher war. Wir haben ja in den kommenden Tagen noch Zeit, die Scharte wieder auszuwetzen. Wohlschmecken!“  

„Zum Wohl und runter damit!“, erwiderte Firian und stürzte endlich Flüssiges seine Kehle runter. Dem Gastgeber nickte er noch bestätigend zu. Wenn das so weiterlief wie heute, würden sie jeden Abend saufen müssen!

Etwas schüchtern trat Brin von Gilbertholz zu den hohen Herrschaften. Er war wohlgemut aufgebrochen, doch je mehr er sich dem Lager des Barons von Rotenforst näherte desto mehr hatte er das Gefühl bekommen, nicht dazu zu gehören. Was war er denn schon? Der verarmte Spross eines in Ungnade gefallenen Geschlechtes. Gut, er war an der herzöglichen Knappenschule ausgebildet worden, doch eigentlich war er wohl nichts anderes als eine Friedgeisel gewesen. Das kleine Haus Gilbertholz hatte sich auf die Seite Baeromars gestellt. Das war ein Fehler gewesen ...

„Rondra zum Gruße, Hochgeboren!“, grüßte er, und man hörte, dass er einen Kloß im Hals hatte. Brin wünschte sich seinen Freund Angrist an die Seite. Der junge Blauenburger wusste stets, sich in höheren Kreisen gewandt zu bewegen. „Mein Name ist Brin von Gilbertholz. Und ich hörte, dass die Weidener des Sturmkeils heute eingeladen seinen, einen Trunk mit Euch zu nehmen, Herr von Rauheneck. Auch wenn ich mich nicht lange habe halten können, würde ich Euer Angebot gern in Anspruch nehmen.“ Verlegen drehte er sein Trinkhorn in den Händen.

Der Rotenforster warf dem jungen Mann einen interessierten Blick zu, der langsam vom Scheitel bis zu den nervösen Händen hinab glitt. Dann meinte er: „Ihr habt richtig gehört, Gilbertholz. Seid mir willkommen und tretet ein bisschen näher. Ich habe mich auch nicht viel länger gehalten als Ihr, das wird mich aber nicht davon abhalten, meinen Durst zu löschen. Ebenso wenig sollte es Euch abhalten. Immerhin seid ihr unverletzt aus der Sache herausgekommen. Das kann nicht jeder von sich behaupten.“

Er machte eine vage Geste in Richtung seines jüngeren Vetters, der verdächtig schief auf einer der Bänke saß und sich an seinem Trinkhorn festzuklammern schien. Offenbar hatte der Jungritter einen ordentlichen Schlag gegen den Kopf bekommen und nicht gerade wenig Blut verloren. Reste davon klebten noch in seinem hellen Haar und am Unterkiefer.

„Gebt Ihr mir Euer Horn? Dann fülle ich es für Euch.“ Ein schlacksiges Mädchen mit großen braunen Augen war auf Brin zugetreten und bedachte ihn mit einem freundlichen Lächeln, während es auf das leere Trinkgefäß deutete.

Firian grüßte den nächsten der zum Besäufnis kurz. Das Schnauben das ihm auf der Lippe lag bezüglich Rondra die ihm durch die Begrüßungsformel wieder in den Sinn kam, unterdrückte er mit einem weiteren Schluck. Anschließend ließ auch er sich nachschenken und sah sich um, wo denn sein Ritter und sein Weib blieben.



Einhandkämpfe
Brodilsgrund vor Angbar, 11. & 12. Rondra 1041 BF

Horald von Hundeberg war allein. Nicht nur auf der staubigen Straße sondern auch im Leben. Seine Frau Jolina – eine Tochter des Blauenburgers, wie sie stets stolz betonte – war vor Jahren verschollen, und Horald hatte es nach langer Suche aufgegeben, sie zu suchen. Er hatte einsehen müssen: Seine Frau war tot. Aventurien war ein gefährlicher Kontinent. Ihr gemeinsamer Sohn war bereits Knappe. Er diente einem Fahrenden Ritter, so wie Horald auch einer war. Einem gewissen Answin Welf von Hindenhag, oder „Ritter Welf“, wie er sich gern nannte. Horald selbst hatte keinen Knappen. Er hätte wohl auch keinen ernähren können. Die alte Rüstung, das Pferd, seine Waffen - das und eine gute Handvoll Goldmünzen war alles, was ihm sein Leben als Ritter in Nostria bisher eingebracht hatte.

Anders als seine Frau war er nie aus seinem Heimatland herausgekommen. Er hatte dem einen oder anderen Herren gedient. Ein echtes Heim, oder gar ein eigenes Lehen, hatte ihm dies aber nicht eingebracht. Nun, mit schon bald 50 Götterläufen, wollte, oder musste, er noch einmal ausziehen, denn sein letzter Dienstherr hatte Frieden geschlossen und keinen Bedarf mehr an Dienstrittern. Also zog er nun aus auf Abenteuer. Auf Aventiure, wie die romantischen Barden sagen. Horald war kein Romantiker. Und auch kein Abenteurer. Aber wer wusste schon, was die Götter einem alten Schlachtross wie ihm noch bereiten mochten. Er hatte gehört dass im Kosch ein Fürst zum Turnier geladen hatte. Nun ja, er war nie einer der besten Tjoster gewesen. Aber vielleicht konnte er bei dem Turnier einen Adligen aufmerksam machen.

„Wir werden das schon machen, was Brauner?“, liebevoll tätschelte Horald von Hundeberg den Hals seines Warunkers, der zustimmend schnaubte.


***


Adaque von Mersingen machte sich bereit für den nächsten Kampf. Mit Hilfe ihrer Knappin Hannafried von Schartenstein, die kurz vor der Schwertleite stand und schlecht gelaunt war, da sie nicht am Turnier teilnehmen durfte, war die Rüstung noch mal auf korrekten Sitz geprüft worden. Zum Schluss kam der Schaller, dessen Visier sie zunächst noch offen ließ. Hannafried reichte ihr Schwert und Schild.

Das Schwert war ein Geschenk ihres Schwertvaters, des Grafen von Eslamsgrund, gewesen und entsprechend gut gearbeitet. Der Schild dagegen war ein übliches Gebrauchsstück, welches das Wappen der Familie Mersingen zeigte, in dessen Herz das Wappen der Familie Böcklin stand. Da es die erste Runde relativ wenig zu verteidigen gab, war der Schild noch nahezu unberührt.
 
So gewappnet und gerüstet ging Adaque auf ihren Gegner zu. Sie grüßte den ihr unbekannten Ritter aus Nostria freundlich und ließ dann ein knappes „Bringen wie es hinter uns“ folgen. Ja, Adaque empfand beim Kämpfen keine große Freude. Ganz im Gegenteil genau genommen, auch wenn sie versuchte, dies zu verbergen. Wobei es bei ihr weniger, wie vielleicht bei ihrem älteren Gegenüber, an den vielen Kämpfen lag. Genau genommen hatte sie davon, besonders außerhalb von Turnieren, noch nicht wirklich viele erlebt. Ihr stand auch nicht der Sinn danach und die paar Begegnungen mit Schwarzpelzen, die sie gehabt hatte, seitdem sie in Weiden lebte, reichten ihr vollkommen. Nur das und der Wille, ihrem Stand zu entsprechen und ihre Familie zu schützen, sorgten dafür, dass sie sich überhaupt noch in den Kampffertigkeiten schulte. Sie war sich sicher, würde sie in ... Gareth leben ... würde sie keine Waffe mehr anfassen. Jedenfalls klappte sie nach der Begrüßung das Visier hinunter und ... beendete es schnell.

Sie war selber überrascht,  wie schnell und ... ja,  fast gnadenlos sie ihren Gegner niedermachte. Dieser verfügte zweifellos über größere Kampffähigkeiten, Erfahrung und Kraft. Vielleicht färbten die Predigten des Hofgeweihten, er war ein Mann Firuns, und dass ihr Mann diesen Lehren immer mehr abgewann, langsam auch auf sie ab. Doch schnell verdrängte sie diese Gedanken und ging zum am Boden liegenden Ritter hinüber. Sie reichte ihm die Hand, um ihm aufzuhelfen: „Wie geht es Euch? Ich hoffe, keine ernsthaften Verletzungen?“

„Nein, Eure Hochgeboren, den Zwölfen sei Dank hat Euer Schwertgewitter meinen alten Kettenmantel nicht durchdrungen. Aber bei der Leuin, Ihr seid wahrlich schnell!“

„Das ist gut“, kommentierte Adaque zunächst den ersten Teil, bevor sie, mit leichtem Kopfwiegen zum zweiten überging. „Ich fürchte, es lag eher an meiner persönlichen Einstellung, dem Kämpfen zum Spaß nicht viel abgewinnen zu können und an den Predigten des Hofgeweihten meines Gatten. Eben jener Geweihte ist ein Diener des Alten vom Berg.“

Tatsächlich hatte der alte Nostrier keine Chance gegen die 20 Jahre jüngere Mersingerin gehabt. Er war einfach zu langsam gewesen. Und vielleicht hatte er sie auch unterschätzt. Sich selbst für erfahrener gehalten. Immerhin hatte er in der ersten Runde seine Gegnerin – eine Sturmfels – wie auch seinen Gegner beim Gestampfe nach zähem Ringen besiegen. Dass diese junge Ritterin ihn nun dermaßen schnell bezwungen hatte, nagte an seinem Stolz – und an seinem Selbstvertrauen. War er etwa schon zu alt für das Waffenhandwerk? Er versuchte, die aufkommende Sorge mit einem Scherz zu verdrängen. Mit einem Blick auf Adaques noch immer makellosen Schild sagte er:

„Na, da hat der Bock die Hunde aber mal ordentlich auf die Hörner genommen. Habt Dank für diese Lektion! Und ich wünsche Euch Rondras Huld in den kommenden Kämpfen!“

Adaque schmunzelte über den Witz des Ritters. Irgendwie war ihr der Kämpe sympathisch. Er erinnerte sie ein wenig an ihren abgekämpften Vater, sie den wohl niemals im Kampf besiegen würde. Ein bisschen aber auch an einen einsamen Wolf mit leichtem Hinken. Das Leben schien recht hart zu dem Nostrier gewesen zu sein.

„Habt Dank für diese Wünsche. Ich werde Euch im Auge behalten, Rittersmann. Ihr nehmt doch noch an weiteren Disziplinen teil?“

„Am Tjost noch ... mal sehen, wie ich da abschneide ...“, antwortete dieser.

 
Zweihandkämpfe
Brodilsgrund vor Angbar, 13. & 14. Rondra 1041 BF

Rossgilda ließ den Blick ein letztes Mal prüfend über ihren Onkel gleiten und nickte dann knapp. Sie war jetzt endlich rundum zufrieden mit seiner Rüstung und dem Waffenrock. Na, so zufrieden, wie man mit dem altertümlichen Kram sein konnte. Mit Abstrichen eben! Ganz ohne Abstriche war sie mit seiner generellen Erscheinung zufrieden. Die hatte sich in den vergangenen Götterläufen sichtlich zum Positiven gewandelt. Rossgilda war sehr überrascht gewesen, als sie ihm 1039 mit einigen Jahren Abstand erstmals wieder begegnete. Damals fiel es ihr schwer, das, was sie sah, mit dem in Einklang zu bringen, was sie erinnerte. Als Kind hatte sie eine Heidenangst vor dem älteren Bruder ihres Vaters Wolfherz gehabt. Zu den wenigen Gelegenheiten, an denen sie ihn sah. Also wenn er sich nicht in der Fremde herumtrieb – „auf der Suche nach Erlösung“, wie ihre Mutter zu sagen pflegte.

Die Koscher Knappin betrachtete den Weidener Baron nachdenklich – gebogene Nase, starkes Kinn, dunkle Haare und Augen. Er war immer noch kein Sonnenscheinchen. Ein bisschen wirkte es, als hätten all die Jahre unter dem Bann einer rachsüchtigen Hexe einen Schatten auf sein Gemüt geworfen. Einen, den er nicht mehr so recht loswurde. Aber das machte nichts, denn er war gleichwohl weit entfernt von dem tobenden Nachtmahr, den sie dereinst erlebt hatte. Heute sah sie ihn gelegentlich lächeln, hatte ihn in den vergangen Tagen sogar ein oder zwei Mal herzhaft lachen hören. Ein gutes, kehliges Lachen, das ansteckte. Jetzt gerade wirkte er jedoch eher konzentriert und ein bisschen grantelig. Rossgilda ertappte sich dabei, mit den Fingern ihrer Linken hinterm Rücken das Zeichen gegen das Böse zu machen. Auf dass er sich ja nicht wieder zurück verwandle. Das wäre ganz schlecht gewesen.

Mit der Rechten reichte sie ihm unterdessen den Helm an. Wenn er den aufsetzte, war eh alles egal. Dann konnte er gucken wie ein Daimon und niemand bekam es mit. Widderich nahm das gute Stück entgegen, setzte es aber natürlich noch nicht auf. Das würde er erst kurz vor dem Kampf tun. Jetzt ... jetzt betrachtete er es stattdessen aufmerksam und sein Blick fing sich an einer Stelle, die er besser nicht so genau angesehen hätte.

„Sag mal ...“, kam es denn auch sogleich, „... habe ich beim Gestampfe etwa einen Schlag auf den Kopf bekommen? Ich kann mich nicht erinnern ...“

Rossgilda sah, wie er mit dem Daumen über eine frische Scharte fuhr und schluckte nervös. Die hatte sie da rein gehauen. Beim letzten von fünf Lanzengängen, zu denen Bärfang und Aardor sie überredeten. Bislang war sie noch guter Hoffnung gewesen, dass ihrem Onkel das entgehen würde. Aber jetzt ... jetzt musste sie sich schnell etwas einfallen lassen. Rossgilda räusperte sich und fing dann mit dem Erstbesten an, was ihr in den Kopf kam:

„Weißt du eigentlich, dass du in Rüstung und Waffen aussiehst, als hättest du dich im Jahrhundert geirrt.“

„Bitte?!“

„Schuppenpanzer, Widderich, so was trägt doch heute keiner mehr! Die Schmiede in Garetien und Almada können schon seit Jahrzehnten ganz and...“

„Das ist ein Panzer von der Hand deines Großvaters, Rossgilda. Niemals im Leben würde ich ihn gegen irgendeinen anderen tauschen. Er hat mir bisher gute Dienste geleistet und wird das auch weiterhin tun. Bis er dereinst auseinanderfällt oder ich erschlagen werde. Ich schließe aus deinen Worten, dass du ihn dann nicht haben willst?“

„Und das hier?“, Rossgilda reichte ihrem Onkel, der den Helm mittlerweile unter seinen linken Arm geklemmt hatte – Götter sei Dank! –, das Bastardschwert. Ein Stück mit herrlichen Ziselierungen, dessen Parierstangen den Hörnern eines Widders nachempfunden waren. Aber nichtsdestotrotz eine Waffe, wie es sie im Süden und im Herzen des Reiches kaum noch gab. Anderthalbhänder hatten dem Bastard längst den Rang abgelaufen. Aus Gründen!

„Ein Geschenk von Aardors Mutter. Sie hat es mir zu meiner Schwertleite überreicht. Wenige Wochen bevor sie in der Schlacht an der Trollpforte fiel – Ahnen haben sie selig!“

„Aber Bastardschwerter sind nicht so gut ausgewogen wie Anderthalbhänder. Man kann mit ihnen nicht so schnell fechten, wie ...“

„Nicht dieses! Es wurde von einer Meisterin geschmiedet“, Widderich ließ die Waffe einen silbrigen Halbkreis beschreiben, ehe er sie scheidete. „Mit etwas Glück stolpere ich gleich nicht über meine eigenen Füße und du kannst es selbst sehen.“

„Und was ist damit?“, Rossgilda machte einen Schritt zur Seite und deutete anklagend auf das uralte Breitschwert, das sich heute auf einem hölzernen Gestell einen lauen Lenz machen durfte. Es sah wirklich nach einem anderen Jahrhundert aus – und wenn sie nicht alles täuschte, war es zu allem Überfluss auch noch ein bisschen zu klein für ihren Onkel.

„Ist das dein Ernst?“, fragte Widderich und runzelte tadelnd die Stirn.

„Ääääh ...“, machte Rossgilda und überlegte kurz, ob sie seinen Blick wieder auf den Helm lenken sollte, um der Rüge zu entgehen, die unmittelbar bevorstand. Sie ahnte, dass sie ein wertvolles Erbstück aus der Hand ihrer Vorväter nicht erkannt hatte. Und in ihrer Familie gab es kaum etwas Schlimmeres als das.

„Das ist das Schwert von Krâwa, Rossgilda. Ich hoffe, der Name ist dir wenigstens ein Begriff?“ Widderich runzelte die Stirn. „Geister, vielleicht hätten wir sich doch nicht so weit weg schicken sollen. Da tun sich ja Abgründe auf!“

„Ich kann dir dafür die Namen aller zwergischen Hochkönige von de...“

„Wird das da drin noch mal was?“, drang Bärfangs Stimme mit einem Mal an ihre Ohren – und kurz darauf streckte er seinen kahlen Schädel ins Zelt. „Geschichte ist immer ne tolle Sache, und ich bin sicher der Letzte, der unsere Ahnen oder irgendwelche toten Zwerge schmähen will. Aber ganz ehrlich: Ich glaub, ein anderer Zeitpunkt würde sich dringend empfehlen. Die fangen da auf dem Feld der Ehre gleich an, und ich schätze, es würde irgendwie respektlos wirken, wenn wir uns verspäten. Deine Sache letztlich, Bruder, wär aber vielleicht mal ganz gut, wenn wir nicht unangenehm auffallen?!“

Rossgilda war alles andere als traurig über die Störung. Sie atmete erleichtert auf – allerdings ein bisschen zu früh, wie sich sogleich herausstellte.

„In Ordnung, gehen wir“, brummte Widderich, fasste sie dann jedoch noch einmal ins Auge. „Aber wir beide sprechen uns noch. Heute Abend. Ich habe den Eindruck, ich muss da ein paar Dinge zurechtrücken. Haben wir uns verstanden?“

Rossgilda nickte eifrig und wischte dann flugs an Bärfang vorbei aus dem Zelt. Deshalb sah sie dessen Gesicht nicht mehr, als der noch ein paar mahnende Worte an seinen Bruder richtete.

„Ilpetta von Hirschingen, Widderich“, sagte er. „Ein blutjunges Ding. Hat sich in den anderen Disziplinen sehr gut geschlagen, aber wie ich höre, ist der Kampf zu zwei Händen nicht unbedingt ihre Stärke. Geh bitte pfleglich mit ihr um! Erinner dich dran, wo wir hier sind.“

„Denkst du, das hätte ich vergessen?“, lautete die gereizte Erwiderung.

Daraufhin entstand eine kurze Pause – und Rossgilda ärgerte sich, dass sie vorangegangen war. Den Blickwechsel zwischen ihren beiden Onkels hätte sie zu gern gesehen.

„Beim Gestampfe dachte ich im ersten Moment, du hättest es – und ich verstehe das ja auch“, meinte Bärfang beschwichtigend. „Wir können alle nicht so leicht aus unserer Haut raus. Aber wenn du in das Mädchen so einsteigst, wie in deinen Gegner da, könnte es hässlich werden. Das ist alles, was ich sagen will. Nichts für ungut!“

„Verstanden.“

Nachdem das gesagt war, setzten sich endlich auch Bärfang und Widderich in Bewegung.


***


In der dritten Runde gegen einen mehr als würdigen Gegner zum ersten Mal ein paar klare Treffer einstecken? Gar nicht mal so übel! Aardor seufzte erleichtert. Er war just dabei, Frieden mit dem Oberhaupt seiner Familie zu schließen. Innerlich. Äußerlich war das gar nicht nötig, denn sie hatten sich ja nicht gestritten. Aber tief in Aardors Eingeweiden rumorte angesichts von Widderichs Abschneiden im Gestampfe der Zweifel. Aus erster Hand hatte er es zwar nicht mitbekommen, weil er .... nun ja ... vorübergehend bewusstlos im Dreck lag. Der junge Bärwaldener verzog unzufrieden das Gesicht. Nach allem, was man hörte, hatte sein Vetter sich jedoch nicht viel länger gehalten als er. Und das war arm für jemanden, dem der Ruf vorauseilte, ein versierter Streiter zu sein. Er hatte anderes erwartet. Sich da irgendwie mehr erhofft.

Aardor konnte nicht sagen, was genau das gewesen war, aber er wusste mit Bestimmtheit, dass er nichts davon im ersten Einzelkampf seines Verwandten sah. Widderich fertigte Ilpetta von Hirschingen derart glanzlos ab, dass hernach wahrlich nicht von einem mitreißenden Kräftemessen die Rede sein konnte. „Ein gutes Pferd springt immer nur so hoch, wie es muss“, mit diesen Worten hatte Aardors Tante Luchserta ihn in jungen Jahren oft zu mehr Zurückhaltung ermahnt. Was damit gemeint war, glaubte er beim Betrachten dieses Duells erstmals gänzlich zu erfassen.

Die zweite Runde dauerte nicht viel länger als die erste, gestaltete sich aber erfreulicherweise schon etwas spannender. Widderichs Gegnerin Thalessia von Nadoret schlug sich tapfer. Sie hielt gut dagegen, kam aber dennoch nicht zum Stich, sondern wurde mit raschen, präzisen Attacken quer durch den Ring getrieben und schließlich zu Fall gebracht. Da waren kaum mehr als ein paar Herzschläge vergangen. Alles in allem wirkte es, als sei Widderich in Eile. Vielleicht wollte er Kräfte sparen? Jedenfalls gab es diesmal mehr Applaus. Nicht aus Höflichkeit, sondern weil das Publikum den Streitern Respekt zollen wollte.

In der dritten Runde ging es dann gegen einen Zwerg. Anthrax Sohn des Ingrax oder so. Als die Kontrahenten zum ersten Mal aufeinandertrafen, wurde sofort klar, dass sie es ernst meinten: die Waffen kreischten, Funken stoben und am Ende schienen beide überrascht. Widderich wohl über die Geschwindigkeit seines Gegners, denn gemeinhin hieß es ja, dass Zwerge eher behäbig seien. Anthrax vermutlich davon, dass sein Gegner so gar keine Probleme mit dem erheblichen Größenunterschied hatte. Es folgte ein zähes Ringen, gegen dessen Ende Widderich einen krachenden Treffer am Helm des Zwergs landete. Ob nun absichtlich, oder weil der wieder einmal zu schnell gewesen war, ließ sich schwer sagen. Auf jeden Fall geriet Anthrax für einen Moment aus dem Tritt – und das war sein Ende.

Diesmal toste der Beifall und als die Kontrahenten sich die Hände reichten, gewahrte Aardor, dass sein Vetter einer von bloß sechs Streitern war, die die vierte Runde unter sich ausfechten würden. Voraussichtlich gemeinsam mit Ardo von Keilhotz und Welfert von Mersingen. Das versöhnte ihn mit der Bruchlandung aus dem Gestampfe. Er grinste Widderich zufrieden an, als der in den Schoß der Familie zurückkehrte, und streckte ihm den Wasserschlauch entgegen, kaum dass er seinen Helm abgenommen hatte.

„Einer noch“, murmelte der junge Bärwaldener leise. „Dann kannst du dich in der letzten Runde mit diesem beknackten Mersinger schlagen. Das würde ich mir zu gern ansehen.“

„Ich lieber nicht“, kam es von Satijana, die ein paar Schritte weiter stand und mit tadelnd gerunzelter Stirn auf die nunmehr deutlich ramponierte rechte Beinschiene ihres Mannes blickte. „Wirf dich in der nächsten Runde doch bitte einfach auf den Rücken und lass gut sein“, schlug sie vor. „Mute dir das auf deine alten Tage nicht zu, sondern lass den verqueren Totenvogel jemanden anders massakrieren ...“

„Vielen Dank für das Vertrauen“, stieß Widderich zwischen zwei raschen Atemzügen hervor, griff dann nach dem Tuch, das Rossgilda ihm hinhielt, und wischte sich den Schweiß aus dem Gesicht. „Das sind genau die erbaulichen Worte, die Mann sich von seinem Weib so erhofft.“

„Was Erbauliches von mir: Dein nächster Gegner ist ein Rondrageweihter“, meldete sich Bärfang zu Wort. Er war bis eben damit beschäftigt gewesen, die Münzen zu zählen, die er bei der letzten Wette auf seinen Bruder eingenommen hatte, schien jetzt aber so weit, sich wieder auf die wichtigen Dinge des Lebens konzentrieren zu können. Als er verkündete, dass ein Duell gegen einen Geweihten anstand, feixte der Sichler Hüne. Er fand das offenbar ausgesprochen witzig. „Rondradan vom Rhodenstein“, fügte er noch an. „Ich frag mich die ganze Zeit, ob das ein Weidener ist. Dann wäre die Hälfte der verbliebenen Streiter aus der Mittnacht.“

„Er ist Baronsgemahl von Greifenpass hier im Kosch“, sagte Rossgilda. „Aber das muss ja nichts heißen, oder? Satijana stammt schließlich auch nicht aus Weiden.“

„Bis jetzt war ihm seine Göttin hold“, stellte Bärfang unterdessen fest. „Der Mann hat sich gut geschlagen. Da waren ein paar spektakuläre Aktionen dabei. Ich würd dir empfehlen, auf der Hut zu sein. Vielleicht wenn du ...“

Er hielt inne, als ihm klar wurde, dass Widderich nicht zuhörte. Der Blick des Rotenforster Barons war suchend über die nähere Umgebung geglitten und kam schließlich auf der Gestalt des Gilbertholzers zur Ruhe, der ziemlich einsam am Rande des Turnierfelds stand. Der junge Weidener hatte es zur allgemeinen Verwunderung ebenfalls in die Runde der letzten sechs geschafft. Anders als Widderich war er aber ohne Begleitung angereist – und dessen schien der sich jetzt annehmen zu wollen.

„Bitte ihn zu uns rüber, Gilda“, meinte er schlicht. „Wir haben noch ein bisschen Zeit, und er sollte nicht allein sein. Ich schätze, ein paar aufmunternde Worte aus dem Mund meiner geliebten Frau wären jetzt genau das Richtige für ihn!“


***


Firian Böcklin hatte das Geschehen mitsamt seinem Gefolge die ganze Zeit mehr oder weniger reglos verfolgt. Einen gelegentlichen Kommentar hatte sein Temperament aber gegen seine firungefällige Erziehung durchgedrückt.

Das Auftreten des Welfert aus dem Haus Mersingen kam ihm langsam unheimlich vor. Dieser Mann war unfassbar gut ... mehr als einmal kam Firian der Verdacht, dass das alles wohl kaum mit rechten Dingen zugehen konnte. Dazu die Nähe seines Sitzes zu den Schwarzen Landen ... wie auch immer! Zu guter Letzt wurde er dann doch noch geschlagen – ausgerechnet vom Bruder Kressenburg. Firian wusste, dass der ein strenggläubiger Gefolgsmann des Götterfürsten war. Sehr passend, dass man seinen Gegner dann auf einer Bahre davontrug. Firian war gespannt, wie und in welcher Verfassung man den Mersinger beim Tjost sehen würde.

Der Keilholtzer hatte einen guten Tag. Der Alte vom Berg würde stolz auf ihn sein, so der Greifenfurter ihn denn in Ehren hielt. Gleich mehrere Gegner streckte er gnadenlos nieder. Sie würden auch noch im Tjost Spuren tragen. Ja, so steigerte man seine Siegchancen. Greifenfurt war zwar nicht Weiden, aber auch da wusste man offensichtlich, was der Sinn eines Turniers war.

Dem ständigen, nervigem Geheul irgendwo aus dem Publikum nach, schien man hierzulande aber anderer Auffassung zu sein. Der Kampf Widderichs von Rauheneck gegen diesen Koscher Rondrageweihten wurde von einem steten Wehklagen begleitet und als der Koscher obsiegte, begann seine Frau sogar haltlos zu weinen.

„Führt jemand diese Heulboje mal langsam in ein Haus der jungen Göttin! Ist ja nicht auszuhalten ...“, mit diesen Worten verließ Firian seinen Beobachtungsposten und begab sich zum Baron von Rotenforst, der just aus dem Reigen der Zweihandkämpfer ausgeschieden war.


***


Nicht schlecht gefochten und doch keinen Fuß an den Boden gekriegt. So konnte man das wohl nennen, was Widderich in seinem vorerst letzten Duell widerfuhr. Satijana verfolgte das Kräftemessen mit dem Rondrianer aufmerksam und kam bald zu dem Schluss, dass die Göttin leuengleich es eben einfach so wollte. Jedes Mal, wenn es der Sichel gelang, den Rhodenstein in Bedrängnis zu bringen, packte der wie aus dem Nichts einen schier unparierbaren Konter aus. Sie konnte die Frustration ihres werten Herrn Gemahls förmlich spüren. Und noch dazu sprach sie irgendwann aus jeder seiner Bewegungen. Fast trotzig versuchte er schließlich, sich den Weg ins Ziel mit roher Gewalt zu bahnen, und schaufelte sich damit sein eigenes Grab: Ein kurzes Handgemenge und das Schwert des Rondrianers lag auf seiner Schulter – nahe am Hals.

Zwei Herzschläge später hatte Widderich die eigene Waffe gestreckt und neigte das Haupt in Anerkennung seiner Niederlage. Er griff nach der ausgestreckten Hand des Rhodensteiners und wechselte ein paar Worte mit ihm, machte dann aber nicht viel Aufhebens, sondern auf der Hacke kehrt. Ein paar Augenblicke später stand er wieder bei ihnen, entledigte sich erst seiner Handschuhe, dann des Helms und seufzte tief. Ein Blick in sein Gesicht verriet Satijana jedoch, dass er der verpassten Chance nicht nachtrauerte. Es war ein hartes Stück Arbeit gewesen, ihn überhaupt zur Teilnahme an dieser Turney zu überreden – und wie es schien, wahrte er seine Distanz. Sein Herz hing nach wie vor nicht sonderlich an der Sache. Anderenfalls hätte er das belustigte Lächeln wohl kaum zuwege gebracht, mit dem er sie jetzt bedachte.

„Zufrieden?“, fragte er leise.

„Du bist unverletzt. Also ja“, erwiderte Satijana, schüttelte dann aber den Kopf. „Es tut mir leid. Ehrlich. Ich hätte dich gern im Finale gesehen, das weißt du doch, oder? Dieser Ausgang ist mir aber auch recht. So habe ich für den Rest des Tages mehr von dir.“ Sie griff nach seiner Hand, um ihn näher zu ziehen und etwas in sein Ohr zu raunen, doch Rossgilda grätschte dazwischen.

„Ich mache mir Sorgen um Frau von Boltansroden“, stellte Wolfherz’ Tochter unversehens fest und tatsächlich wirkte sie etwas angegriffen. „Sie weint schon wieder. Glaubt ihr, dass ihr Mann sie schlägt oder irgendsowas? Sie wirkt irgendwie überspannt. Das kann doch nicht norm...“

„Er ist ein Diener der Zwölf, die machen so was nicht!“, fiel Aardor ihr ins Wort.

„Wenn er sie schlagen würde, denkst du, dass sie ihm nach jedem Kampf in die Arme fiele, als bräuchte sie ihn, um aufrecht stehen zu können?“, fragte Bärfang ungerührt.

Ihrer aller Blicke ruhten nun auf der jungen Baronin, die reichlich aufgelöst wirkte und Tränen vergoss, als sei ihr Gemahl gerade mindestens zum Krüppel geschlagen worden und nicht siegreich aus einem Zweikampf hervorgegangen. Ein jeder rätselte für sich über die Gründe für das Verhalten der Frau und so kam es, dass keiner das Nahen der Schneehagers bemerkte.

Erst als der vor Widderich Halt machte und ihn angrinste, geriet er in den Mittelpunkt des rauheneckschen Interesses.

„Darf ich das als Antwort nehmen, wir Ihr es mit Rondra haltet?“, wollte der Trutzer wissen.

Widderich starrte ihn kurz konsterniert an – erneut – und gab dann ein wenig eloquentes „Äh“ von sich. „Was meint Ihr? Dass ich mich von einem ihrer Diener habe vermöbeln lassen? Das wollte ich eigentlich nicht als allgemeingültige Aussage verstanden wissen ...“

„Nun, bisher war das die einzige Antwort, die ich gehört oder gesehen habe. Aber gut, wenn es nur ein Ausrutscher war, muss ich wohl noch länger auf eine klärende Antwort warten.“

Just in dem Moment drang Firian ein Schluchzen ans Ohr und genervt stieß er aus: „Was hat das Weib bloß?“ Er sah fragend in die Runde. „Gibt es ein neues Gebot bei der Kirche der Sturmherrin, dass Eheweiber von gefallenen Geweihten hingerichtet werden? Das würde die Angst und Heulerei vor, während und nach jedem Kampf erklären ...“

Widderich beantwortete die Frage des Trutzers mit einem bloßen Achselzucken. Er hatte ja selbst nicht den blassesten Schimmer, woher die Tränenflut kam.

„Vielleicht ist sie auch schwanger“, mutmaßte Bärfang derweil. „Wolfherz hat immer erzählt, dass Glynnis unter den üblen Stimmungsschwankungen litt, wenn sie schwanger war. Und am schlimmsten soll es beim ersten Mal gewesen sein ...“ Er warf Rossgilda – dem ältesten Kind seines verblichenen Zwillings – einen herausfordernden Blick zu und lachte laut, als sie genervt mit den Augen rollte.

„Warum heulst du eigentlich nicht?“, kam es da auch schon in gespielter Entrüstung von Aardor. Sein Blick war auf Satijana gerichtet. „Ich mein ... du hättest wenigstens Grund dazu. War ja schon irgendwie ein Trauerspiel, was da gerade passiert ist. Für deinen Holden?!“

„Ich heule nur, wenn ich meinen Holden erpressen will“, meinte die Baronsgemahlin von Rotenforst und grinste dabei unverschämt breit. „Weil ich genau weiß, dass ihn dann Panik überkommt und er zu Wachs in meinen Händen wird.“ Sie hielt einen Moment inne und sah nachdenklich zu den beiden Koschern hinüber. „Vielleicht ist es das ja? Gefühlige Daumenschrauben? Sie macht ihm eine riesen Szene, weil sie hofft, dass er dann nie wieder bei einer Turney antritt? Aus Scham und Sorge?!“



Tjost/Runde 1
Brodilsgrund vor Angbar, 15. Rondra 1041 BF

Da sie beide keine Jungspunde mehr waren, hatten Dragowin Timerlain und Erpho von Richtwald gemeinsam überlegt, welchen Gegner sie jeweils als Reizer fordern sollten. Eine Wahl, die wohl durchdacht sein sollte, wie sie sich schnell einig geworden waren. Und so hatten Dragowin nachgedacht, während der Richtwalder mit seinen eigenen Überlegungen beschäftigt auf seiner Laute vor sich hin gespielt hatte.

Die sich wiederholenden Melodie hatte auch auf Dragowin eine entspannende Wirkung, sodass er erst einmal über den bisherigen Verlauf seines Besuchs nachgesonnen hatte. Das Gestampfe war ein Fiasko gewesen: Ihre Mannschaft war deutlich unterlegen gewesen. Er selbst hatte seinen ersten Kampf nicht gewinnen können, dass er sich dabei anständig geschlagen hatte, änderte nichts an seiner Niederlage. Der Kampf mit dem Schwert hingegen hatte ihm etwas Trost gespendet. Er hatte sich behauptet und mehrere Siege eingefahren, unter die Letzten – die besten Fünf – hatte er es aber leider nicht gebracht.

Irgendwie wurmte ihn das. Nicht weil er den anderen den Sieg nicht gönnte. Nein! Es ärgerte ihn, weil er doch selbst angereist war, um Siege zu erstreiten. Niederlagen bedeuteten in einer echten Schlacht meist den Tod und sterben wollte er eigentlich noch nicht. Boron konnte ihn gern holen, aber lieber wäre es ihm, wenn er bis dahin noch etwas Zeit mit seinen Kindern oder irgendwann mit deren Kindern verbringen konnte.

Der anstehende Tjost, hatte Dragowins Stimmung zudem nur mäßig gehoben. Auf dem Kaiserturnier hatte ihn der Lanzengang recht übel verletzt, sodass er heilkundig versorgt werden musste. Seine Verletzung war noch nicht gänzlich ausgeheilt, sodass er es nicht schaffte, seine Stöße richtig zu platzieren. Und als wäre dies nicht bereits schlimm genug, versteifte er sich auch noch unnötig und ermöglichte seinen Kontrahenten unnötig eine bessere Zielfläche.

Wählen würde er einen Weidner, weil er der Überzeugung war, dass in Weiden das echte Rittertum noch hochgehalten wurde. Dort bildete man eine berittene Elite aus und keine höfischen Schöngeister. Dort focht man ums Überleben. Das Problem mit herausfordernden Gegnern war jedoch immer das gleiche: Es bestand die Möglichkeit, besiegt zu werden. Einen unterlegenen Gegner aber konnte er auch nicht fordern, das war gegen sein Ehrgefühl.


***


Walthari betrachtete sich aufmerksam die Wappentafel für die Tjoste. Sein Knappe lugte über die Schulter und tat das ebenso.

„Habt Ihr schon eine Wahl getroffen, Herr?“, fragte er neugierig.

Ein unwirsches Brummen war die Antwort. „Im Kosch hat man sich offenbar der garethischen Unsitte angeschlossen, dass man jemanden gleichen Standes fordern sollte. Welchen Sinn hat das, he?“, blaffte sein Schwertvater ihn an. Die Antwort nicht abwartend fuhr der Dergelqueller Baron gleich fort. „Ein Turnier ist eine Vorbereitung für den Ernstfall. Im Herz des Reiches scheint man das wohl vergessen zu haben. Oder denkst du, ein Nimmgalf von Hirschfurten würde in einer echten Schlacht verächtlich schnaubend an dir vorbeireiten, weil ein einfacher Ritter seiner Lanze nicht würdig ist? Nein! Er würde sie dir ins Herz stoßen und dann zum nächsten weiterreiten und dort dasselbe tun. Egal, ob der ein Baronskrönchen trägt oder nicht.“ Wieder schüttelte der Heldentrutzer verständnislos den Kopf.

„Wollt Ihr etwa den Hirschfurter fordern?“, fragte Rutger erstaunt.

Walthari wedelte hektisch mit der rechten Hand: „Unsinn. Rutger. Der ist doch kein Ritter. Nur ein hochgelobter Soldat.“

„Ihr könntet doch den Böcklin fordern. Ich meine, so wie der immer über Euch redet“, schlug der eifrige Knappe vor.

Jetzt lachte der Dergelqueller. „Gegen Böcklins kann ich immer kämpfen, dafür muss ich nicht bis in den Kosch. Was ist denn mit dem hier?“, Walthari zeigt auf ein Wappen und kniff die Augen zusammen, als er den Namen zu lesen versuchte. „Praiosmar von Hinn“.

„Der ist Landvogt von Ingerimms Schlund. Der war auch mal irgendwie ein Marschall bei irgendeinem Feldzug.“

Walthari sah seinen Knappen erstaunt an und zog die Augenbrauen hoch.

„Knappen reden viel und prahlen gern mit ihren Schwertvätern und -müttern“, ergänzte Rutger freimütig.

„Ich weiß“ brummte Walthari. „War ja schließlich auch mal ein Knappe. In grauer Vorzeit. Naja. Genug gelabert. Der soll’s dann werden. Also mal her mit dem Hinn.“


***


„Ich bin Reizer! Bin Reizer! Reizer!“ Aardor kam ins Lager gesprungen wie ein übermütiges Fohlen, schnappte sich den Helm, der vor seinem Zelt auf einem Schemel thronte, und wollte sofort wieder davon spritzen, als ihm noch etwas einzufallen schien. „Du übrigens nicht“, fügte er an und bedachte Widderich mit einem nachgerade mitleidigen Blick.

„Schon recht“, erwiderte der. „Ich sitz hier gerade ganz gut. Habe nichts dagegen, noch ein bisschen zu bleiben.“ Er prostete seinem Vetter zu und wollte ihn eigentlich ziehen lassen, konnte sich eine Frage dann aber doch nicht verkneifen: „Warum so eilig?“

„Na, weil ich den Hirschfurtener fordern will“, entgegnete Aardor, derweil er seinen Helm aufsetzte. „Das ist doch der beste Mann, oder nicht? Dann werden ihn sicher alle fordern wollen und wer zu spät kommt, hat gelitten. Das soll mir auf keinen Fall passieren!“
„Ah ja“, meinte Widderich schlicht.

Er konnte sich ein schiefes Grinsen nicht verkneifen. Seine naive Bärwaldener Verwandtschaft hatte die grundlegenden Mechanismen der Veranstaltung offenbar immer noch nicht begriffen. Die Mehrheit der anwesenden Streiter würde einen Dämon tun, ausgerechnet den Hirschfurtener zu fordern. Schließlich waren sie hier nicht in Weiden, wo sich gern mal alle darum schlugen, als Erste im Dreck zu landen, sondern an einem Ort, an dem taktische Erwägungen durchaus eine Rolle spielten. Und taktisch war es nicht allzu klug, seine Gegner so zu wählen, dass man gleich in der ersten Runde aus dem Reigen flog.

Er hatte diesen Gedanken noch nicht zu Ende gedacht, geschweige denn irgendetwas davon zur Sprache gebracht, als Aardor ein paar Schritte weiter auch schon im Sattel seines Zossen saß.

„Wünsch mir Glück!“, rief der Bengel.

„Ja, sicher. Viel Glück!“, entgegnete Widderich und wünschte ihm insgeheim, dass doch jemand schneller sein würde als er.


***


Aardor starrte fassungslos auf den Mersinger, der wie aus dem Nichts aufgetaucht war und den Schild seines Wunschgegners angetippt hatte. Diese ... elende Nebelkrähe! Hatte sich angeschlichen, wie es nur ... Diener des Totengottes konnten, dem sie da drüben in der Rabenmark aus unerfindlichen Gründen so eifrig huldigten. Als ob sie nicht wüssten, dass sie damit Gefahr liefen, weit vor ihrer Zeit abzutreten. So eine Scheiße aber auch! Der empörte Blick des jungen Bärwaldeners bohrte sich förmlich in Welferts Rücken, während der unbeeindruckt von dannen zog. Aardor hätte vor Wut und Enttäuschung am liebsten laut aufgeschrien. Oder irgendetwas zertrümmert.

Weil das reichlich unangemessen gewesen wäre, ließ er den Blick stattdessen über die aufgereihten Schilde gleiten. Die meisten davon kannte er nicht. Was irgendwie auch blöd war. Und ärgerlich, denn er hatte immer sehr gut aufgepasst, wenn er in der Heraldik unterwiesen wurde. Nicht zuletzt, weil er sich davor fürchtete, bei jedem Fehltritt einen Satz heiße Ohren zu kassieren. Der Herold war kein großer Freund seiner Familie ... . Just in diesem Moment blieb der Blick des Rauheneck an einem Schild mit grünem Hund hängen. Das Wappen kannte er. Es war ein greifenfurtsches. Ein gutes also. Gehörte zum Baron von Hundsgrab, der gerüchteweise mit dem Hirschfurtener befreundet war. Dann also der!

Aardor ließ seinen Blick suchend auf und ab gleiten, um zu schauen, ob Anselm von Hundsgrab-Bugenbühl irgendwo in der Nähe war. Dann trieb er sein Pferd langsam an den Schild heran und ließ die Spitze seiner Lanze nahezu andächtig dagegen tippen. Da er irgendwo im direkten Umfeld einen Lakaien wähnte, der über die Forderungen Buch hielt, fügte er dem Ganzen noch ein paar klare Worte bei:

„Ich, Aardor von Rauheneck, Junker von Waldværre in der Baronie Moosgrund, Bärwalde, fordere Anselm von Hundsgrab-Bugenbühl, Baron von Hundsgrab in der ... dem ... äh ... aus dem Lichthag?!“


***


Anselm Hilberan von Hundsgrab-Bugenbühl hatte in den letzten Tagen etwas mehr Zeit, als er gehofft hatte. Der Haudegen Welfert von Mersingen hatte ihn gleich in der ersten Runde des Zweihandwaffenkampfes wahrlich aus dem Ring gefegt, als er ihn auf dem falschen Fuß erwischte. Anselm hatte über seine Fehler ziemlich geflucht, sich dann aber doch wieder gefasst.

Lisande hatte er die weitere Zeit genau wie Rondrik so verbringen lassen, wie sie wollten. Aber es resultierte schlicht darin, dass sie alle gespannt den Turnierverlauf von Ardo verfolgten, ihm Rondras und Praios’ beste Gunst wünschten und sich für ihn freuten. als er nach spannendem Kampf diese Disziplin für sich entscheiden konnte. Nun stand der Baron neben seinen beiden Knappen. „Das Wappen ich mir – schlicht – unbekannt“, gab er unverblümt zu. „Lediglich, dass es sich um einen Weidener handelt ist mir – irgendwie – bewusst. Tut euch mal um und versucht was über ihn herauszufinden“, sagte er zu den beiden.


***


Bärfried von Sunderhardt saß auf einem Schemel vor seinem Zelt und war damit beschäftigt, sein Schwert zu pflegen. Wie so oft an diesen heißen Sommertagen tat er dies, gleich einem Bauern bei der Feldarbeit, mit bloßem Oberkörper. Der Junker war so vertieft in seine Arbeit, dass ihm nicht nur die vielen pikierten Blicke der vorbeigehenden Turnierteilnehmer und Besucher, sondern auch das Herannahen seines Eheweibes Branda entgingen.

„Du hast es schon gehört?“, fragte sie.

„Dass ich einen Gegner für die Tjost wählen soll?“ Der Sunderhardter blickte nicht von seinem Schwert hoch. „Ja ...“

„Und?“, setzte sie neugierig nach.

„Warum sollte ich mich mit jemand anderem als den Besten messen wollen?“, warf er ein. „Dieser Wimbalf von Hirschfluten zum Beispiel oder dieser Rabenmärker Melfert, der öfter in die Sonne gehen sollte – sieht nämlich etwas kränklich aus, der Bursche. Auch dieser Hammerschlag wirkt ganz vernünftig. Soll sogar Heermeister sein.“

„Soso. Du weißt ... nein tust du offenbar nicht.“ Branda suchte nach den passenden Worten. „Hier gilt es als anrüchig, einen Streiter über deinem Stand zu fordern und die von dir genannten sind allesamt ...“

„... Puderquasten in protzigen Rüstungen?“, fuhr ihr Bärfried dazwischen und bedachte sie nun erstmals seit ihrem Erscheinen mit einem Blick. „Was schert es mich? Während sich diese feinen Herrschaften hinter ihren dicken Mauern die Hintern breit sitzen und ab und zu einmal mit stumpfen Waffen Krieg spielen, hat meine Familie in einer unwirtlichen Gegend die Jahrhunderte überdauert und das mit dem Feind vor der Nase. Also komm mir nicht damit.“

„Und dennoch möchtest du gegen sie antreten. Fordere doch einen Weidener oder Greifenfurter“, gab sie grinsend zu bedenken.

„Unsereins hat nicht so viel Zeit, sich in Spielereien mit stumpfen Lanzen zu üben. Du weißt schon ... wir sind damit beschäftigt, dem Land genug abzuringen, damit wir uns und unsere Lieben über den Winter bringen können, oder müssen zusehen, dass unsere Schutzbefohlenen nicht von Goblins, Drachen oder sonst was abgeschlachtet werden.“ Bärfried hob die Schultern, dann machte er eine wegwerfende Handbewegung. „Ein Ritter ist ein Ritter – das ist, was zählt und von den Gecken hier kann man, was dieses Turnierzeugs angeht, sicher einiges lernen. Den Spaß gönn ich mir!“

„Dann wirst du ein Problem bekommen“, kam es in amüsiertem Unterton zurück. „Der Mersinger ist ein Ritter, ja, aber leider ebenfalls Reizer und sowohl Nimmgalf als auch der Hammerschlag sind bloß Ritter ehrenhalber.“

„Soso ...“, es schien fast so, als amüsiere Bärfried die eben genannte Tatsache, „... und dann wundert man sich, warum es schlecht um das Reich steht.“

„Wie wäre es mit Ardo von Keilholtz?“ Nach einigen Momenten der Stille machte Branda einen erneuten Versuch.

„Hmmm ... naja, meine Schwester hat seinen Vetter Wilfred geheiratet. Ich weiß nicht so recht. Nicht, dass ich mir von der auch noch einen Satz heiße Ohren einfange, sollte was schiefgehen – gehört ja fast schon zur Familie.“ Bärfried lächelte schief. „Was meinst du? Gibt es sonst noch lohnende Gegner?“

Branda kratzte sich nachdenklich an der Schläfe. Ihr wollte partout kein Name mehr einfallen. „Nimm den Hammerschlag“, schlug sie daher.vor „Ist zwar kein Ritter, aber was man so hört hat der, im Gegensatz zum Hirschfurten, schon mal längere Zeit bei uns oben gekämpft. Darüber hinaus scheint es der einzige Name zu sein, den du dir bereit bist zu merken.“ Sie lächelte frech.

Bärfried schien sich damit zufrieden zu geben. Er nickte. „Gut, dann der Hammerschlag.“


***


Widderich nutzte den kurzen Moment in trauter Zweisamkeit, um seinem Ross mit der flachen Hand über die Brust zu streichen. Über die hässliche Narbe, die es seit einem alles andere als rondragefälligen Lanzengang vor vielen Jahren mit sich herumtrug. Seit dem ersten und letzten Turnier, das sie gemeinsam bestritten hatten. Bis auf dieses jetzt. Damals war das arme Tier fast verreckt, nachdem sein Gegner es niedergestochen hatte. Zum Glück hielt sich eine Weise Frau in der Nähe auf, sonst wäre Aladar sicher nicht wieder auf die Beine gekommen. Anschließend brauchte es lange Monde – viel Blut und Schweiß –, um dafür zu sorgen, dass der sonst so nervenstarke Wallach überhaupt wieder im Galopp auf einen Gegner zuhielt. Allzumal wenn eine lange Waffe im Spiel war.

„So viel Pech hat man nur einmal“, grummelte der Rauheneck, während er den Hals des Pferdes tätschelte – und wusste selbst nicht, ob er damit sich oder Aladar ermutigen wollte.

„Sitzt das jetzt alles richtig, oder was?“

Er wurde von Aardors Stimme aus den Gedanken gerissen. Der Junge kam gerade von einer Ehrenrunde zu seinem Zelt zurück. Gemeinsam mit Rossgilda, die Widderich ihm in einer spontanen Aufwallung von Ungeduld als Knappin zur Seite gestellt hatte. Weil schlichtweg unerträglich war, wie er aussah, wenn er versuchte, sich ohne Hilfe zu rüsten. Und weil davon auszugehen war, dass der Einsatz des Mädchens kurz bleiben würde. Aardor hatte zum Auftakt einen guten, starken Gegner gewählt. Aber auch einen, der eine Nummer zu groß für ihn war.

„Lass sehen!“, brummte der Rotenforster und trat auf seinen Vetter zu. Er musterte ihn prüfend, kickte halbherzig gegen die linke Beinschiene, zog einmal kräftig am Schwertgurt und rüttelte dann am Schultergeschübe, um herauszufinden, ob Rossgilda ausreichend nachjustiert hatte. „Scheint zu passen“, meinte er hernach und nahm sich einen Moment Zeit, um aufmerksam in Aardors funkelnde Augen zu sehen.

Der Junge war das reinste Nervenbündel. Vor Aufregung dermaßen angespannt und fahrig, dass er ihm zur Beruhigung am liebsten ein paar Schnäpse in den Rachen gekippt hätte. Da das als Gegenmaßnahme aus offensichtlichen Gründen nicht in Frage kam, legte er stattdessen die Hand in seinen Nacken und zerrte ihn näher, bis sie beinahe Stirn an Stirn standen.

„Komm runter“, knurrte er leise. „Debüt hin oder her: Du hast nichts zu verlieren und der Greifenfurter alles. Es gibt keinen Grund für Nervosität, solange du nicht ...“

„Meinst du, dass ich eine Chance habe? Vielleicht, wenn ich Herrn Anselm im ersten Durchgang mit einem alles-oder-nichts-Manöver auf dem falschen Fu...“

„SOLANGE DU NICHT wieder voranstürmst wie ein hirnloser Trottel!“, setzte Widderich seine Rede deutlich lauter fort. „Wenn ich sehe, dass du deine Wehr so vernachlässigst wie du es im Gestampfe getan hast, werd ich dich nach dem Tjost solange prügeln, bis du endlich begreifst, dass eine gute Verteidigung ebenso wichtig ist wie ein guter Angriff!“

Nachdem das gesagt war, herrschte einen Augenblick Stille. Widderich entließ den Vetter erst aus seinem Klammergriff, als der zustimmend nickte und zauste ihm dann mit einer versöhnlichen Geste das Haar: „Gut so! Lass dich nicht gleich im ersten Anritt aus dem Sattel stoßen, und die Ahnen werden am Ende des Tages voll Stolz auf dich hinab lächeln.“

Er sah schweigend dabei zu, wie Rossgilda Aardor in den Sattel seines altersschwachen Zossen half und richtete den Blick danach auf Bärfang. Einen unzufriedenen Bärgfang, der lieber in Ruhe am Rande der Tjostbahn gestanden und gewettet hätte, als Lanzen anzureichen – was er nun aber musste, da Rossgilda als Widderichs Handlangerin ausfiel. Dem Rotenforster Baron war es so ohnehin lieber. Da musste er nicht um die Reisekasse fürchten.

„Und?“, fragte er, ehe er sich wieder zu Aladar umwandte, um seinerseits in den Sattel zu steigen.

„Viel hab ich nicht herausgefunden“, meinte Bärfang. „Nordmärker Junker, etwa in deinem Alter. Wie ich höre, kämpft er am liebsten mit zwei Schwertern und ist ein vorzüglicher Koch. Ob er auch den Umgang mit Lanzen vorzüglich beherrscht, kann ich nicht sagen. Aber welchen Unterschied macht das schon, wo das doch deine allerallerliebste Disziplin ist, eh?“

Widderich war mittlerweile auf dem Rücken seines Wallachs angekommen und nutzte das, um tadelnd auf seinen eigentlich ein gutes Stück größeren kleinen Halbbruder hinabzublicken – der über den eigenen Scherz grinste wie ein Honigkuchenpferd.

„Sehr witzig“, brummte er unwirsch.

„Lass dich nicht gleich im ersten Anritt aus dem Sattel stoßen, und die Ahnen werden am Ende des Tages voll Stolz auf dich hinab lächeln“, neckte Bärfang weiter.

„Jajaja, schon gut!“

Widderich winkte ab, versicherte sich mit einem kurzen Blick, dass auch Aardor startklar war und setzte sein Ross dann in Bewegung. In Richtung der Turnierschranken, in denen sich bald zeigen würde, wem die Geister und Götter heute hold waren – und wem nicht.


***


Vom Lanzenreiten hatte Satijana noch weniger Ahnung als vom Zweihandkampf. Um beurteilen zu können, wie gut die Streiter sich schlugen, musste sie sich also auf ihre Intuition verlassen oder die Mienen ihrer Mitmenschen lesen. Die meiste Zeit waren das irgendwelche Fremden auf den Rängen gewesen. Dort hatte sie sich hingesetzt, um Kontakte zu knüpfen, dann aber schnell festgestellt, dass sich abendliche Bankette für so etwas doch deutlich besser eigneten. Denn während des Tjosts waren die einzigen Gespräche verwirrende Fachsimpeleien, mit denen sie so gar nichts anfangen konnte. Sonst wurde nur schweigend gestarrt. Mal abgesehen von gelegentlichen „Ahs“, „Ohs“ und „Auas“. Davon hatte sie irgendwann genug, erhob sich und scharwenzelte zur angeheirateten Verwandtschaft hinüber. Sie kam gerade rechtzeitig, um den Abgang ihres Gemahls zu bezeugen. In voller Montur sah er auch von hinten sehr manierlich aus, nahm sie zufrieden zur Kenntnis.

„Na, niemanden gefunden, der mit dir über die neueste Festumer Mode reden wollte?“, stichelte Aardor, kaum dass er sie sah.

Sie überlegte einen Moment, ob sie ihn dafür abstrafen sollte, schob das skandalöse Fehlverhalten dann aber auf seine Nervosität und lächelte nur milde.

„Dann schauen wir mal, was die Sichel in Sachen Lanzenreiten so drauf hat, eh?“, fuhr der junge Bärwaldener leutselig fort. „Was man so hört, katapultieren die Streiter aus dem Osten Weidens sich gern mal selbst vom Pferd?! Euren Ersten Ritter soll es bei seiner Rundreise dies Jahr ein paarmal völlig zerlegt haben ... .“

„Das war Zufall!“, konstatierte Rossgilda im Brustton der Überzeugung.

Satijana ließ sie in dem Irrglauben. Jeder in der Sichel wusste, dass die Stärken Gringolfs von Högelstein nicht im Kampf zu Pferde lagen. Aber Rossgilda war ja nun schon ein paar Jahre weg und sie wollte ihrer ungebrochenen Heimatliebe keinen Dämpfer versetzen.

So harrten sie ein Weilchen schweigend aus – Aardor auf seinem Zossen, Satijana und Rossgilda stehend zu seiner Rechten. Dann wurden Widderich und Dragowin Timerlain aufgerufen. Die beiden grüßten einander und fackelten danach nicht lange. Auf das Zeichen des Turnierherolds hin ließen sie ihre Rösser angaloppieren und trafen ein paar Herzschläge später lärmend aufeinander. Donnernd und splitternd. Wobei Satijana zur Kenntnis nahm, dass nur Widderichs Lanze brach. Die des Gegners glitt ohne große Wirkung an seinem Schild ab.

So war es beim ersten Durchgang und danach auch beim zweiten. Gut! Sie hatte wenig Ahnung. Aber nicht so wenig, dass ihr nicht klar war, was das bedeutete: Die Sichel lag in diesem Falle uneinholbar vorn. Allein ein Sturz ihres Mannes würde daran noch etwas ändern. Ganz so fernliegend schien ihr der allerdings nicht, denn der zweite Anritt des Nordmärkers hatte für ihre Laienaugen blitzsauber ausgesehen – und Widderich durchaus ins Wanken gebracht. Wie er es schaffte, die gegnerische Lanze dennoch wieder nicht brechen zu lassen, war ihr schleierhaft.

Nach Antworten suchte sie in den Gesichtern von Aardor und Rossgilda, doch die beiden waren wie weggetreten. Sie starrten hochkonzentriert auf das Geschehen in der Tjostbahn. Mit leuchtenden Augen. Wohl ein Indiz dafür, dass das, was sich dort abspielte, zu den besseren Darbietungen dieses Tages gehörte? Bevor Satijana danach fragen konnte, verriet Hufschlag in der Bahn, dass die dritte Runde eröffnet war. Es donnerte, krachte und schepperte wieder und dann lag der Nordmärker mit einem Mal im Staub. Satijana lächelte erleichtert und sah hernach zu Aardor auf, der soeben ein ungläubiges „Potzdonner!“ von sich gegeben hatte. „Was hat Widderich denn heute zum Frühstück gehabt?“

Satijana überlegte kurz und räusperte sich dann leise: „Nichts.“

„Wie nichts?“ Rossgilda starrte sie entsetzt an. „Man kann doch nicht ohne ein Frühstück in den Tag starten? Und schon gar nicht mit leerem Magen ins Gestech gehen?!“

„Kann man schon“, meinte Satijana, verkniff sich das breite Grinsen, das an ihren Mundwinkeln zupfte und hob stattdessen nur amüsiert die Brauen, „Es sei denn natürlich, man hat seine Zeit als Knappin an einem Koscher Hof verbracht. Dann ist so was völlig undenkbar.“

„Aber hieß es nicht, dass er drüben in Rotenforst kaum Gelegenheit zum Üben hat? Weil bei euch sonst keiner eine Lanze zu führen vermag?“, Aardors Stimme klang irgendwie vorwurfsvoll.

„Korrekt“, meinte Satijana lapidar.

„Was ist das dann gerade gewesen? Zwei perfekte Stöße und einer, der nahezu perfekt war? Wo hat er die denn hergezaubert?“

Sie  hob die Schultern: „Die gute Ausbildung am Sichelwachter Grafenhof vielleicht? Gelernt ist gelernt – und du weißt nun, was die Sichel drauf hat. Nur Gewinner heute, eh?“ Sei neigte sich zur Seite, um Rossgilda zuzuzwinkern, doch die war noch immer völlig entsetzt.

„Das geht gar nicht“, murmelte sie. „Einfach gar nicht!“ Mit diesen Worten drückte sie Satijana einen Stoß Lanzen in die Hand. „Halt das mal kurz. Ich geh’ und besorg ihm was zu essen. Ich mein, ich hätt da eben einen Hügelzweg mit nem Handwagen gesehen. Der hat bestimmt die allerleckersten Köstlichkeiten im Gepäck!“

Und weg war sie.


***


Adran tänzelte, stellte Anselm etwas verwundert fest, als er sich in der Ausgangsposition in der ersten Runde des Tjosts gegen den jungen Aardor positionierte. Leicht strich er über die Flanke des Märkischen Kaltbluts mit dem er schon durch so manche Schlacht und auch so manchen Tjost geritten war. Reiter und Ross vertrauten sich blind. So hob Anselm schließlich die Lanze zum Signal, dass er bereit war und schloss danach das Visier.

Auf der anderen Seite haderte Aardor damit, dass sein Pferd kaum ein Lebenszeichen von sich gab. Die Ohren der treuen Stute hingen auf halb acht und sie bedachte Ross und Reiter am anderen Ende der Tjostbahn mit einem eher gelangweilten Blick. Ein bisschen peinlich war das schon. Als junger, ehrgeiziger Ritter hätte er natürlich lieber auf einem feurigen Hengst gesessen, der ein bisschen was her machte. Immerhin: Aardor wusste, dass auf die alte Dietra Verlass war. Sie würde ihn ohne Murren ans Ziel bringen. Vielleicht nicht sonderlich schnell, aber dafür ganz bestimmt auf gerader Bahn – denn alles andere hätte ein paar überflüssige Schritte bedeutet.

Mit einem leisen Seufzen schloss der junge Bärwaldener das Visier seines Helms – und dann auch für einen Moment die Augen. Dies war sein erstes Turnier. Er war schon in den Krieg gezogen, gegen Haffax, und hatte auf dem Weg nach Mendena ein paarmal Gelegenheit gehabt, eine Lanze ins Ziel zu bringen. Aber das war etwas anderes gewesen. Etwas völlig anderes. Hier drohte zwar nicht der Tod, wenn er versagte. Er konnte sich jedoch sehr wohl zum Deppen machen. Vor den Augen sehr vieler Menschen. Darin würde kein Ruhm für ihn liegen und noch weniger für den Hundsgraber, der ein gestandener Ritter war und Besseres verdiente. Einen würdigen Kampf zuvörderst. Einen Moment lang drohte Aardor, an seinem eigenen Schneid zu zweifeln. Dann aber öffnete er die Augen wieder und konzentrierte sich auf sein Ziel.

Keine Experimente! Kein Alles oder Nichts! Einfach nur einen sauberen Treffer landen und gut auf die Wehr achten! So ermahnte er sich selbst. Schon, weil er sich den Zorn seines Vetters nicht zuziehen wollte, indem er dessen Rat missachtete. Aber auch, weil Widderich offenkundig mehr vom Tjosten verstand als bisher gedacht. Aardor nickte sacht und gab dann endlich das Signal, dass er fertig war.

Mächtig hob Anselms Streitross an und trug seinen Reiter seinem Gegner zu. Nur wenig musste Anselm dirigieren und konnte sich vollends darauf konzentrieren, die Lanze ins Ziel zu führen. Splitternd fand sie das Ziel. Er hatte gut getroffen, Aardor wankte schon. Doch auch dieser junge Ritter hatte sein Ziel getroffen und die Lanze gebrochen – Respekt!

Heilige Scheiße noch eins! Als Anselm ihn vor die Brust traf, geriet Aardor ordentlich ins Rudern. Es fühlte sich an, als hätte ihm jemand einen Vorschlaghammer vor den Latz geknallt. Kurz fürchtete er, dass die Lanze ihm entgleiten konnte, und sein Kampf um das Gleichgewicht sah sicher alles andere als souverän aus. Aber er obsiegte. Obsiegte wahrscheinlich auch, weil Dietra ihre Hufe selbst im Galopp nicht weiter hob als unbedingt nötig und daher eher über den Boden glitt als zu springen ...

In jedem Falle schaffte er es zurück in seine Ausgangsposition und wollte die Lanze schon wieder heben, als etwas an seinem Wappenrock zupfte. Aardor warf einen unwirschen Blick nach schräg unten und erspähte den blonden Schopf seiner Base. Rossgilda bot ihm eine neue Lanze dar. Einen Moment war er schwer irritiert. Warum machte sie das? Etwa weil ... sein Blick fiel auf die gesplitterte Spitze des alten Teils und er wollte es für einen Moment nicht glauben. Ein Blick zu seinem Gegner verriet ihm, dass der genauso erfolgreich gewesen war. Gleichstand? Gleichstand! Er hatte sich also nicht blamiert!

Anselm nahm die zweite Lanze entgegen und spürte es plötzlich. Etwas war nicht ganz richtig. War der Sattel möglicherweise falsch eingestellt? Waren es die Zügel oder die Steigeisen? Keine Zeit! Sein Gegner salutierte schon zum zweiten Anritt. Wieder trug Adran Anselm seinem Ziel entgegen. Doch diesmal wankte die Einheit. Anselm wollte sich gerade zum Stoß leicht aufrichten, als er aus dem rechten Steigeisen glitt. ‚WAS?‘, war der letzte Gedanke, der ihm durch den Kopf schoss, bevor er in seinem rechten Schulterblatt einen gewaltigen Schlag spürte und die Welt sich drehte. Der Aufprall auf dem Rücken raubte dem wackeren Ritter den letzten Atem und für einen Moment, er wusste nicht wie lange, tat er – nichts.

Etwas stimmte nicht! Aardor bemerkte das, kurz bevor sein Gegner und er aufeinander trafen. Eine seltsam unrunde Bewegung des Greifenfurters kündete vom drohenden Malheur, und dann sackte der Mann auch schon ab. Die erste Regung des Weidener Jungritters war: zurückziehen! Bloß niemanden angreifen, der gerade nicht in der Lage war, sich vernünftig zu wehren. Allein, Anselms Lanze würde gleich zum zweiten Mal auf seinen Panzer treffen – das war absehbar. Was, wenn er sie brach und Aardor seine nicht einmal ins Ziel brachte? Er würde in Rückstand geraten! Es blieb dem jungen Bärwaldener kaum mehr als ein Lidschlag, um zu reagieren. Nicht genug, um die Höhe seiner Lanze so weit zu korrigieren, dass sie wieder den Brustpanzer seines Gegners traf, statt des empfindlichen Schultergelenks. Und dann schepperte es auch schon.

Es war sicher noch nicht allzu viel Zeit verstrichen, als Anselm wieder einen klaren Blick erlangte. Er atmete einmal kurz durch. Alles gut. Den Schmerz konnte er ignorieren. So öffnete er das Visier und begann, aus eigener Kraft wieder aufzustehen. Die Garether Gestechrüstung war leicht und stabil genug, um dies zu erlauben.

Aus den Augenwinkeln sah er, wie das Entsetzen von den Antlitzen seiner Knappin und seines Knappen wich, die auf ihn zu liefen. Dasselbe galt für einen jungen Mann, der ebenfalls rasch näherkam, den er bisher aber erst einmal gesehen hatte. Es war der Weidener, dieser Aardor von Rauheneck. Die Angst, Anselm möglicherweise ernsthaft verletzt zu haben, stand ihm deutlich ins Gesicht geschrieben. Er hatte keine Ahnung, wie der junge Kerl so schnell aus dem Sattel gekommen war, aber er würde gleich bei ihm sein, so viel stand fest.

Der Greifenfurter warf einen raschen Blick in die Runde. Sein Ross stand am Ende der Tjostbahn und wirkte unruhig. Wer mochte es ihm verdenken, dachte er, als er sich innerlich selbst scholt. Der Fehler lag letzen Endes bei ihm selbst, der er dieses eine Mal zu wenig Sorgfalt in der letzten Kontrolle aufgebracht hatte. Sein Blick glitt über die Ränge; die Menschen schienen gelöst zu applaudieren. Sie beide mussten wohl einen spektakulären Tjost geliefert haben – immerhin!

Dann drang auch schon ein besorgtes „Geht es Euch gut, Herr Anselm?“ an seine Ohren. Der Weidener war etwa drei Schritt von ihm entfernt stehengeblieben und sah fast ein bisschen zerknirscht auf die veritable Delle, die die Wucht des letzten Stoßes in die kostbare Platte hinein getrieben hatte.

Sein Plättner würde etwas zu tun bekommen; genauso wie der Medicus, dachte Anselm bei sich, als er den Schmerz wieder spürte. Dennoch schritt er auf Aardor zu, um diesem zu gratulieren, während die Knappen sich um sein unruhiges Streitross kümmerten. Auf dem Weg betastete der Greifenfurter Ritter kurz die rechte Seite seiner Rüstung.

„Wacker gestritten, Aardor!“, sagte er. „Möge Rondra Euch weiterhin durch das Turnier führen!“

Der junge Mann schien zu begreifen, dass es nicht so schlimm um Anselm stand, wie es zunächst den Anschein gemacht hatte – und sein Kompliment brachte ihn zum Strahlen. Ehrliche Freude schien da auf, und der Rauheneck griff fast ein bisschen zu energisch nach dem Schwertarm, den Anselm ihm darbot.

„Vielen Dank, Hochgeboren“, sagte er und neigte das Haupt. „Für den Segenswunsch und den Tjost gleichermaßen. Es war mir eine ausgesprochene Ehre, die Lanze mit Euch ... äh ... kreuzen zu dürfen.“

 
Tjost/Runde 2
Brodilsgrund vor Angbar, 16. Rondra 1041 BF

„Und? Was siehst du?“

Aardor blickte nachdenklich zu seinem Vetter hoch, als der die Frage stellte. Sie standen ein bisschen abseits der Schilde, die aufgebaut worden waren, damit sich die Reizer ihre Gegner für die zweite Runde suchen konnten. Das Prozedere war schon eine Weile im Gange, aber Widderich hatte ihn zurückgehalten, als er schnurstracks zum Wappen des Hirschfurteners reiten wollte. Er hatte ihn gebeten, zu warten und zu beobachten. Jetzt harrten sie sicher schon ein Viertel Wassermaß in den Sätteln ihrer Pferde aus und sahen einfach nur zu. Anfangs war Aardor davon etwas genervt gewesen, aber mittlerweile verstand er.

„Ich sehe einen Haufen Scheiße“, stellte er fest. Halb staunend, halb angewidert. „Ich sehe, dass die Großen hier die Großen fordern und die Kleinen die Kleinen.“

„Hmhum“, ein feines Lächeln schlich sich auf Widderichs Lippen.

Aardor wusste nicht warum. Ob sein Verwandter mit seiner Auffassungsgabe zufrieden war, oder ob er sich über seine Wortwahl amüsierte. Oder möglicherweise beides?

„Warum machen die das?“, fragte der junge Bärwaldener. „Ich meine ... das ist doch nicht im Sinne Rondras, sich seine Gegner auf die Art auszusuchen.“

„Aber im Sinne des Herrn Praios – und anders als bei uns ist der nun mal in den meisten Teilen des Raulschen Reiches der Gott des Adels.“

„Das sind doch alles Ritter!“, begehrte Aardor auf. „Wie können die bei einem rondrianischen Kräftemessen Praios den Vorrang geben? Was hat das mit Ehre zu tun?“

„Das sind nicht alles Ritter“, meinte Widderich lakonisch. „Gleich wie: Hier gilt es als ehrenrührig, einen Gegner zu fordern, der weit über oder unter einem steht. Weniger, sich mit jemandem zu messen, dessen Fähigkeiten an die eigenen nicht heranreichen.“

„Wo bleibt da der Gedanke an die göttinnengefällige Herausforderung? Woran soll man da denn wachsen? Wie soll man Ruhm erringen?“

„Ich schätze, der Gedanke an die göttinnengefällige Herausforderung wird der Angst vor der Blamage geopfert“, brummte Widderich. „Wie soll ein Fürst oder Baron es verkraften, von einem einfachen Ritter in den Dreck geschickt zu werden?“

„Hä?“, Aardor warf seinem Vetter einen konsternierten Blick zu – und war sehr erleichtert, als er das geringschätzige Feixen auf seinen Lippen erspähte. „Aber Widderich ... im Ernst mal ... warum zeigst du mir das? Willst du etwa, dass ich mich dem beuge?“

„Ich will, dass du eines begreifst: Es läuft nicht überall so wie der Mittnacht. Andere Länder, andere Sitten. Wenn du als grünschnabeliger Junker hierzulande wie ein Wilder an den Stand wetzt, um deine Lanze im Schild eines Herrn Nimmgalf zu versenken, wird dir das keine anerkennenden Blicke einbringen, sondern es wird als Affront gewertet.“

„Humtja“, Aardor schniefte leise. „Das heißt, ich soll es lassen?!“

„Mitnichten! Tu es! Gern und oft, meinethalben. Aber sei dir darüber im Klaren, welche Folgen das haben wird.“

„In Ordnung“, der junge Bärwaldener nickte und spähte zum Schild des Hirschfurteners hinüber, für den er nun aber leider schon wieder zu spät war. Eben gerade hatte ein stattlicher Koscher Ritter den Garetier gefordert. So ein Ärger! Mit wem sollte er sich jetzt also messen? „Wen hast du dir ausgeguckt?“, fragte er seinen Vetter erst einmal.

„Holdwin vom Kargen Land“, erwiderte der ohne Zögern. „Der hat eine vorzügliche erste Runde hingelegt.“

„Ein einfacher Ritter, noch dazu ohne Land? Ist das nicht ein bisschen wenig für einen Baron?“, Aardor grinste seinen Vetter an und blinzelte amüsierte.

„Ich halte es in diesem Fall mit Rondra“, meinte der schlicht. „Was ist mit dir?“

„Ich hab mir ein paar Namen gemerkt“, murmelte Aardor. „Eibenroß. Amselhag. Liobas Zell. Lindholz. Treublatt. Galebfurten.“

„Du hast ein gutes Auge“, kam es von Widderich. Durchaus anerkennend. Ihm war also nicht entgangen, dass er die Namen einiger jener Streiter mit besonders glänzenden Anritten in der ersten Runde nannte. „Bis auf die Lindholz und den Treublatt sind das jedoch alles Reizer und Erstere ist bereits gefordert worden. An deiner Stelle würde ich mich also sputen.“

Das ließ sich Aardor nicht zweimal sagen. Mit einem leisen Schnalzen setzte er seinen Zossen in Bewegung.


***


„Amtlich!“, entfuhr es Bärfang, als Aardors erste Lanze am Schild Gisbruns von Treublatt zerbarst und der Koscher Ritter gefährlich ins Wanken geriet. Hinter dem Stoß steckte eine gewaltige Kraft, und gut platziert war er auch. Das konnte der Bruder des Barons von Rotenforst erkennen, obwohl er selbst noch nie eine solche Waffe geführt hatte. Den Ehrgeiz besaß er einfach nicht. Er war kein Ritter, also bestand keine Notwendigkeit dazu. Ab davon war er ohnehin der Meinung, dass man sich beim Kämpfen besser auf die eignen Beine verließ. Wozu sich auf den Rücken eines Zossen schwingen, auf den im Zweifel kein Verlass war? Allzumal man die Waffen, die Bärfang bevorzugte, von dort oben nicht führen konnte. Also die, die richtig „Bums“ machten. Wobei er ja gerade vor Augen geführt bekam, dass das mit Lanzen auch möglich war. Aber leider halt immer nur einmal – und das ging ja doch irgendwo deutlich am Sinn eines guten Kampfes vorbei.

„Sauber!“

Bärfang sah zu Widderich auf, als der den zweiten Anritt ihres Vetters kommentierte. Es klang völlig leidenschaftslos, aber das feine Lächeln auf seinen Lippen verriet, dass er Freude an dem Kräftemessen hatte. Wahrscheinlich nicht zuletzt deshalb, weil Aardor nun schon zwei Lanzen gebrochen hatte und sein Gegner noch keine. Wenn der Junge nicht die Nerven verlor, würde er auf seinem ersten Turnier auch die zweite Runde im Tjost zu sich nach Hause holten. Das war wirklich amtlich!

Sehr zu Bärfangs Verwunderung schien das Koscher Publikum die Entwicklung ebenfalls zu goutieren. Er konnte auf der Tribüne keine mitleidigen Gesichter erspähen. Eher schon Schadenfreude auf den Zügen des einen oder anderen. Offenbar hatte Aardor sich einen Gegner ausgeguckt, der in der eigenen Heimat nicht sonderlich beliebt war. Dann hatte der Mann sicher nichts Besseres verdient, als den Staub zu küssen.

Tat er letztlich aber nicht. Vielmehr gelang es ihm, im letzten Durchgang die erste eigene Lanze zu brechen, während Aardor Selbiges mit seiner dritten tat. Diesmal geriet keiner ins Wanken. Sie blieben beide im Sattel – und der Kampf war damit entschieden. Weiden obsiegte. Zum vierten Mal, denn auch der Leufelser und die beiden Schneehager hatten ihre Lanzengänge gewonnen. Fehlte nur noch Widderich, um den Triumph komplett zu machen.

Bärfrang sah erneut zu seinem Bruder auf, der bereits im Sattel saß und jetzt mit eherner Miene beobachtete, wie sich Aardor und sein Gegner voneinander verabschiedeten. Er hoffte, dass Widderich gewinnen würde, denn er hatte ein ordentliches Sümmchen auf ihn gesetzt ...


***


Kabumm!

Rossgilda nickte anerkennend, stieß zugleich aber ein mitfühlendes Zischen aus. Sie ahnte, was für Kräfte in der Bahn gerade wirkten. Viel mehr als das ging nicht. Ihr Onkel und Holdwin vom Kargen Land waren völlig ungebremst aufeinander getroffen. Jeder von ihnen hatte einen perfekten Treffer gelandet und doch brach keine Lanze. Das grenzte an ein Wunder – und zeugte von Kunstfertigkeit. Erstaunlich großer Kunstfertigkeit für einen, der im Vorfeld freimütig bekannt hatte, dass er am Tjost nur teilnahm, weil das nun mal die Königsklasse der Turney war und es sich daher für einen guten Ritter so gehörte.

Wieso Widderich dann ritt, als sei er von jeher im Lanzengang zu Hause, erschloss sich Rossgilda nicht. Vielleicht hatte es ja etwas damit zu tun, dass er ganz unverkrampft an die Sache heranging? Ihr kam er jedenfalls deutlich gelöster vor als noch beim Kampf zu zwei Händen. Womöglich, weil er in dieser letzten Disziplin keinerlei Ehrgeiz hegte? Weil er sich kein Ziel gesetzt hatte, daher kein Druck auf seinen Schultern lastete und er befreit auftrumpfen konnte? Ganz anders als sie eingangs der Turney im Ringstechen.

Bei der Erinnerung daran schloss Rossgilda die Augen und stöhnte leise. Es war schlimm gewesen. So schlimm! Zwei Treffer nur. Sie hatte keine Ahnung, wie sie das daheim erklären sollte. Nicht Graf Growin. Der würde bestimmt nur lachen und ihr versichern, dass der Kampf zu Pferde allgemein überschätzt wurde. Bei ihren Ausbilderinnen jedoch ... da lag die Sache anders. Ein Jahr vor der geplanten Schwertleite erwarteten die Besseres von ihr.

Rossgilda war fast erleichtert, als ein lautes Krachen sie aus ihren Gedanken riss. Zufrieden lächelnd nahm sie zur Kenntnis, dass ihr Onkel die erste Lanze gebrochen hatte, während seinem Gegner selbiges nicht gelungen war. Widderich schien weiterhin gut aufgelegt. Fragte sich nur, wie lange ihm das Glück noch hold bleiben würde.

Bis zur dritten Runde dieses Lanzengangs schon mal, das erwies sich wenig später, als beide Ritter ihre Lanzen brachen – und im Sattel blieben. Ein Sieg nach Punkten. Wie zuvor schon bei Aardor. Damit hatten Rossgildas Verwandte sich nicht so souverän geschlagen wie die anderen Weidener, die ihre Gegner jeweils aus dem Sattel stießen. Aber Sieg war Sieg. Und am Ende würde sicher niemand mehr danach fragen, wie die Streiter des heutigen Tages die dritte Runde erreicht hatten. Die der letzten 20. Darauf konnte man schon ein bisschen stolz sein, oder nicht? Stolzer jedenfalls als auf zwei Ringe ...


***


Adaque von Mersingen saß im Zeltlager der Schneehager vor dem Zelt und genoss einen kühlen Weißwein, den ihre Knappin ihr besorgt hatte. Normalerweise trank die Baronin von Schneehag nur sehr wenig Alkohol, genehmigte sich aber heute einen zur Feier des Tages. Der Erste Ritter der Baronie Schneehag, Rauert Stelin von Runkeln, saß dabei neben ihr und trank einen großen Humpen Bier.

Wieder einmal war sie eine Runde weitergekommen. Dazu auch wieder mal eine Runde weiter als ihr Gemahl. War schon irgendwie merkwürdig. Ihr lag überhaupt nichts am Tjosten ... strenggenommen war es ihr sogar zuwider. Sie tat es, so wie alle anderen Waffenübungen, nur deshalb, weil es in Weiden zum guten Ton gehörte. Natürlich auch, weil es in der Trutz jederzeit dazu kommen konnte, dass man auf Leben und Tod gegen den Ork kämpfen musste. Wie auch immer, sie, die gerade mal das Notwendige tat, um sich ihre Waffenfähigkeiten, die sie mühsam in der Zeit als Knappin erlernt hatte, und das, was sie in Weiden dazu gelernt hatte, zu erhalten. Sie war im Tjosten erfolgreicher als ihr Mann und viele andere, die es mit großer Begeisterung und vollem Elan ausübten. Firan dagegen nahm die Sache sehr ernst. Wieder und wieder übte er diese und andere Waffenfähigkeiten. Bei sich glaubte Adaque, dass dies der Grund dafür war, dass er beim Tjosten in den großen Turnieren des Reiches relativ erfolglos war.

Besonders in ihrer ehemaligen Heimat Garetien glaubten die meisten – und vor allem die sehr erfolgreichen Tjoster –, dass es das schlimmste war, sich dreckig zu machen oder gar auf der Bahn zu landen. Sie dachten, dass es ein Zeichen von wahrem Adel und Stand war, sich hinter seinem Schild zu verkriechen, sobald man eine Lanze gebrochen hatte. Sie sahen das Ganze als Spiel, als Zeitvertreib ... als Gelegenheit, sich aufzuplustern. Daher forderten sie auch rein nach Titel. Es galt geradezu als anstößig, wenn man als kleiner Ritter einen Hochadeligen forderte. Adaque hatte selbst erst lernen müssen, dass ihr Gemahl und auch die allermeisten anderen Weidener das vollkommen anders sahen.

Sie hatte es nicht nur gelernt, sondern – anders als ihre ehemaligen Landsleute – sogar verstanden. Die Weidener sahen das ritterliche Turnier als Übung für den Ernstfall. Sie probierten dort Dinge aus, um sie für den echten Kampf zu erlernen. Dinge, die natürlich oft schiefgingen und mit dem Wissen, dass man bei einem Tjost deshalb oft im Dreck landete. Aber auch mit dem Wissen, dass der Sieger in einem Tjost einem dann nicht den Rest gab. Dass man so Fähigkeiten erlernen und festigen konnte, die man dann später in einem echten Kampf auf Leben und Tod sicher einsetzen konnte.

So gut wie nie würde ein Weidener in einem Tjost defensiv reiten. Allein schon, weil er sich umgehend den Spott und sogar Verachtung aller anderen Weidener zuziehen würde. So sinnlos so ein Handeln bei einem „sportlichen“ Wettkampf auch war. Das Ganze war ein Dilemma, was, so jedenfalls Adaques Meinung, dazu führte, dass die Weidener Ritter in der Masse zwar besser waren als die der anderen Provinzen – wenn auch nur knapp vor denen aus Greifenfurt –, es aber im Tjosten in den meisten Provinzen in jedem Turnier nur ein halbes Dutzend Männer und Frauen gab, die in der Regel die letzten Paarungen bildeten. Eben weil sie das Turnier als eine Art Sport sahen und immer an den Turniersieg als Ganzes dachten und lieber 1:0 nach Lanzen gewannen und sich dafür halt zur Not hinter ihrem Schild versteckten.

Zu ihrer großen Erleichterung war Firian inzwischen ein erwachsener Mann und nicht mehr der ungestüme Jungspund von früher. Das Familientemperament und sein Wesen hätten ihn vor Jahren noch dazu gebracht, nach der Niederlage gegen diesen alten Mann aus dem Kosch einen epischen Wutanfall zu erleiden. Seine Erziehung durch einen sehr firungläubigen Vater, die Verantwortung als Baron, die Heirat, ihre gemeinsamen Kinder und auch der Firunhofgeweihte: Das alles hatte dazu geführt, dass er diese bittere und in den Augen mancher hochpeinliche Niederlage anders wegsteckte.

Es war eine zeitlang eher stilles Grübeln gewesen. Ein Grübeln, das Adaque gut nachvollziehen konnte. Dieser Ritter Falk war, nach allem, was man hörte, ein verwirrter alter Mann. Nach manchen Geschichten sogar schon halb wahnsinnig. Im Duell mit Firian hatte er dann aber ganz andere Werte gezeigt. Fähigkeiten, die zu einem sehr viel jüngeren Ritter gepasst hätten, der wesentlich besser war, als die Geschichten über ihn. Adaque traute den grundehrlichen Koschern jedoch allgemein keine List und Verschwörung zu – einigen ihrer ehemaligen garetischen Landsleuten vielleicht, aber nicht den guten Koschern. Zumal dieser Falk dann in der nächsten Runde auftrat, wie die Geschichten ihn darstellten. Es musste also etwas anderes gewesen sein und zu dieser Erkenntnis kam auch Firian schnell.

Manche hätten vielleicht allein auf Glück, respektive Pech, hingewiesen. Hätten es damit erklärt. Doch das reichte Firian nicht! Das Grübeln war also einer Erkenntnis gewichen. Der Erkenntnis, dass er sich hatte von den Geschichten beeinflussen lassen. Der Erkenntnis, dass er seinen Gegner unterschätzt hatte. Genau in diesem Moment, in dem Adaque und auch Rauert ihr Weiterkommen feierten, die Füße hochlegten und ihre mehr oder weniger schmerzenden Glieder ausruhten, war Firian mit den Knappen beschäftigt. Er erklärte ihnen anhand seiner Niederlage, wie gefährlich es war, seinen Gegner zu unterschätzen. Erklärte ihnen, dass es Zeichen gab, die man beachten sollte. Zeichen, wie dass ein 78 Jahre alter Manns der noch in der Lage wars auf einem Ross in Rüstung zu reiten und in einen Lanzenkampf zu ziehen, die Berechtigung, die Fähigkeiten und die Attribute haben musste, ein sehr gefährlicher Gegner zu sein!

 
Tjost/Runde 3
Brodilsgrund vor Angbar, 17. Rondra 1041 BF

Aardor schniefte unzufrieden, als er feststellte, dass er Nimmgalf von Hirschfurten auch in der dritten Runde des Tjosts nicht fordern konnte. Der Garetier war ebenfalls Reizer – und damit leider unerreichbar für ihn. Gleichwohl verrenkte sich der junge Bärwaldener den Hals, um wenigstens einen kurzen Blick auf das Subjekt seiner Begierde zu werfen. Er wurde nur leider nicht fündig. Im Geiste fluchte er daraufhin unflätig, nach außen hin war aber nur ein resigniertes Schulterzucken sichtbar.

Dann fasste er die Schilde der Trutzer ins Auge. Es wurde mit der Zeit nicht besser: Er kannte immer noch kaum eins der Wappenbilder. Die Weidener Schilde – ja klar, die kannte er. Die konnte er zuordnen und wusste sogar, was er von welchem dieser Gegner zu erwarten gehabt hätte. Aber es wäre ja schön blöd gewesen, die eigenen Leute zu fordern. Am besten noch aus der Familie. Aardor schüttelte den Kopf, während er zu Widderichs Schild hinüber sah. Zum Flammenschnitt, der auch sein eigenes Wappen zierte. Ausnehmend schön, wie Aardor fand.

Ganz ähnlich schien es einem hübschen Jüngling zu gehen, der just davor stand und es interessiert musterte. Der Rauheneck blickte leicht irritiert auf das seidig glänzende Haar und die femininen Züge des Kerlchens. Beides konnte er nicht so ganz mit der Rüstung in Einklang bringen und als der Fremde anzeigte, dass er Widderich fordern wollte, hätte sich Aardor am liebsten mit der flachen Hand vor die Stirn gehauen. Das konnte ja heiter werden. Er hoffte, dass der junge Ritter nicht so focht wie er aussah ...

Dann zog er weiter. Ritt die Schilde der Trutzer ab und brachte sein Pferd schließlich vor einem zum Stehen, das er sich eingeprägt hatte. Silber und Rot. Gold und Schwarz. Pferd und Stern. Rosshagen. Dies hier gehörte zum Knappen des Hirschfurteners.

Ein zufriedenes Blitzen stahl sich in Aardors Augen und fast hätte er laut „Ha!“ gerufen. Na, das war doch hervorragend. Wenn Nimmgalf selbst ihm Mal um Mal durch die Lappen ging, würde er sich eben langsam an ihn heranarbeiten. Gegen seinen ehemaligen Knappen anzutreten, war sicher keine schlechte Idee. Schließlich hatte der ja wohl alles, was er konnte, von ihm gelernt. Aardor suchte den Blick des Jungritters und lächelte ihn strahlend an.

„Wohlan, Rosshagen“, meinte er gutgelaunt. „Vortrefflich gestritten in der letzten Runde. Und gegen eine starke Gegnerin noch dazu. Es wird mir eine Freude sein.“ Damit stieß er die Spitze seiner Lanze gegen den Schild des anderen und verkündete: „Ich, Aardor von Rauheneck, Junker von Waldværre in der Baronie Moosgrund, Weiden, fordere Ritter Merowin von Rosshagen aus der Baronie Hirschfurten, Garetien.“


***


„Eins noch, bevor ihr geht!“

Widderich parierte Aladar durch, um einen fragenden Blick auf Satijana zu werfen. Sie lehnte an der Bande zur Tjostbahn, an der sie diesmal allein zurückbleiben würde, weil sowohl Rossgilda und Aardor als auch Bärfang und er kurz davor standen, in die Schranken einzuziehen. Der Turnierherold hatte sie für den zweiten und dritten Durchgang bestimmt. Für direkt aufeinander folgende Lanzengänge also, sodass diesmal keine Zeit blieb, einander von der Seitenlinie aus zu beobachten.

Das Privileg genoss allein Satijana, die davon mangels Expertise so gut wie gar nichts hatte. Ihrer sonnigen Laune tat das aber keinen Abbruch. Als sie sich vom hölzernen Geländer abstieß, um näher an Widderich heran zu treten, wirkte sie gelöst. Mit einer vagen Geste bedeutete sie ihm, sich ein bisschen von seinem hohen Ross hinab zu neigen. Er erwartete einen Kuss, doch stattdessen stellte sie sich auf die Zehenspitzen und raunte – so laut, dass es auch die anderen verstanden, wohlgemerkt – ein verschwörerisches:

„Wenn ihr beiden da fertig seid, du und dieser Nordmärker Schönling, und wenn ihr dann Euer Ritterding macht – du weißt schon: Handschlag, ein paar nette Worte darüber wechseln, wie verflucht gut ihr doch alle seid –, dann vergiss bitte nicht, ihn nach seinem Haar zu fragen! Das glänzt so schön. Frag ihn, was für eine Tinktur er drauf macht. Ich muss unbedingt auch was davon haben.“

„Uhum“, Widderich richtete sich nicht wieder auf, sondern blieb, wo er war, um Satijana einen prüfenden Blick zuzuwerfen. Er sah das mutwillige Funkeln in ihren Augen, dass die Mundwinkel kaum merklich zuckten und begriff sofort, wie die Aufforderung gemeint war: nicht ernst. Es handelte sich einfach nur um einen dummen Spruch. Einen von vielen, die sie in den vergangenen Tagen gemacht hatte – öfter auch auf Kosten seiner Gegner. Mittlerweile fand Widderich das gar nicht mehr so despektierlich, sondern konnte meist darüber schmunzeln. So wie jetzt. Er nickte und murmelte: „Ist klar!“

„Hat sie das gerade wirklich gesagt?“, tönte es unterdessen aus Aardors Richtung. Genau wie Rossgilda und Bärfang war ihm die eigentliche Botschaft entgangen – was dazu führte, dass sie nun alle drei leise murrten und ungläubig die Köpfe schüttelten.

„Viel wichtiger noch: Hat er das gerade etwa wirklich gesagt?!“, erkundigte sich Rossgilda.

Ihr Blick war auf Widderich gerichtet, doch er ignorierte das, feixte Satijana stattdessen kurz an und setzte sich hernach kommentarlos an die Spitze ihres Zugs. Bald darauf stand er mit Bärfang am Eingang des Turnierfelds, während sich Aardor ein Stück weiter vorn auf den Lanzengang vorbereitete. Wie gebannt starrte er auf seinen Gegner, weshalb es eine Weile dauerte, bis er bemerkte, dass Rossgilda ihm die erste Lanze anreichen wollte.

„Das wird nichts, oder?“, fragte Bärfang. „Er wirkt irgendwie nervös. Dabei ist es doch gar nicht der Hirschfurtener, sondern nur sein vermaledeiter Knappe.“

„Ehemaliger Knappe“, korrigierte Widderich, während er den Sitz seine Handschuhe prüfte, den Kopf in den Nacken legte, ihn von links nach rechts und wieder zurück rollen ließ. „Aber das scheint zu reichen. Gut, dass er es nicht geschafft hat, den Mann selbst zu fordern. Wer weiß, ob er nicht vor Aufregung vom Pferd gefallen wäre, bevor es überhaupt losgeht?“

„Wenn ich nicht auf das Bürschchen gesetzt hätte, würd ich dein Gerede deutlich lustiger finden, Bruder“, brummte Bärfang unwirsch.

„Ich habe dir gesagt, dass du es lassen sollst“, meinte Widderich noch. Dann verfielen sie beide in Schweigen, denn es ging los.

Von schräg hinten sah zumindest Aardors Anritt gut aus. Auch die Lanze senkte er im rechten Moment und im richtigen Winkel. Dabei geriet die Wehr allerdings ein wenig ins Hintertreffen – und genau das brach dem Jungen das Genick. Sein Gegner trug einen Angriff von geradezu unheimlicher Präzision vor, dem Aardor nichts entgegenzusetzen hatte. Mit voller Wucht traf die Lanze des Rosshageners auf seine Brustplatte und beförderte ihn im hohen Bogen aus dem Sattel. Einen Herzschlag später landete er scheppernd auf dem Boden.

Rossgilda stürzte sofort los, um nach ihrem Vetter zu sehen, doch der stand schon wieder, bevor sie ihn erreichte. Stand, öffnete das Visier seines Helms und lächelte dem Gegner, der ihn gerade gnadenlos zu Boden geschickt hatte, ganz ohne Arg entgegen. Widderich beobachtete, wie die beiden sich die Hand gaben und ein paar Worte wechselten. Er kam nicht umhin, den Kopf zu schütteln:

„Dem kann auch gar nichts die Laune verderben, eh?“

„Sieht ganz so aus“, meinte Bärfang. „Meine befindet sich allerdings gerade in einem recht wackeligen Zustand. Ich würd dir empfehlen, nicht auch noch zu verlieren. Sonst sind die ganzen schönen Gewinne dahin, die ich bis jetzt eingefahren habe.“

„Unverbesserlich!“, knurrte Widderich und trieb Aladar in die Bahn hinein.

Während Rossgilda noch auf Pferdejagd war, kam Aardor ihnen entgegen. Er lächelte weiterhin, allerdings nicht mehr ganz so breit wie eben noch.

„Scheißdreck da!“, fluchte er, als er Widderich erreichte. „Einen Moment nicht aufgepasst, und schon frisst man Staub. Das ist doch echt ein Ärger mit diesem Lanzengedöns!“

„Dennoch gut gefochten“, meinte der Rotenforster schlicht. „Es war deine erste Turney. Beim nächsten Mal bist du schlauer.“ Innerlich begann er über den Spruch zu lachen, kaum dass der ihm entwichen war. Angesichts der Tatsache, dass dies auch erst sein zweites Turnier war und er beim ersten grad mal gar nichts gelernt hatte, war die Ansage schon sehr vermessen. Gleichwohl wahrte Widderich seine eherne Miene, sodass Aardor ihm vielleicht sogar glaubte.

„Dir mehr Erfolg als mir“, erwiderte der Junge nickend und reichte ihm die Hand zum Gruß.

Ein paar Herzschläge später stand Widderich an der Ausgangsposition und spähte die Bahn hinab zu seinem bereits fertig gerüsteten Opponenten. Einer halben Portion, nach allem, was er so gehört hatte. Der Weidener wusste nicht, warum die Wahl des jungen Nordmärkers ausgerechnet auf ihn gefallen war. Er ging aber schwer davon aus, dass sein Name und sein Können nicht ursächlich waren. Gleich wie: Der Viererler war ein Gegner wie jeder andere und verdiente die gleiche Behandlung. Nicht weniger Respekt. Nicht mehr Schonung.

Widderich setzte seinen Helm auf, griff nach der Lanze, die Bärfang ihm hinhielt, und bedeutete dem Herold, dass er bereit war. Kurz darauf wurde das Zeichen zum Start gegeben – und es lief wie erstaunlich oft schon in diesem Tjost: am Schnürchen. Aladar sprang ohne Zögern an und lief ganz von allein auf genau der Spur, die sich Widderich im Vorfeld ausgeguckt hatte. Er selbst saß sicher, konnte sich daher von Anfang an ganz auf den Gegner konzentrieren und sah, dass da eine gute Attacke im Anmarsch war. Eine verdammt gute sogar. Wenn er von der nicht aus dem Sattel gerissen werden wollte, sollte er tunlichst schneller sein als sein Gegner.

Glücklicherweise machte der Nordmärker es ihm nicht allzu schwer. Er was so sehr darauf bedacht, die Lanze sicher ins Ziel zu bringen, dass sein Schild ein ganzes Stück zu tief hing. Fast der gesamte Oberkörper des jungen Mannes war entblößt, so dass Widderich quasi frei wählen konnte, wo er treffen wollte. Kurz dachte er an Aardor, der in seinem jugendlichen Leichtsinn oft genau den gleichen Fehler machte. Einen Fehler, der ihn im Ernstfall das Leben kosten konnte. Den Luxus, ihn zweimal zu begehen, gewährten einem im Grunde nur Turneyen. Waffenübungen unter Freunden.

Just im Moment dieser Erkenntnis fiel die Entscheidung des Rotenforsters. Durch Schmerz lernte man ja bekanntlich, also ließ er die Spitze seiner Waffe einen Lidschlag vor dem Aufeinandertreffen, leicht zur Seite zucken, sodass die Wucht nicht durch das Abgleiten am gewölbten Panzer des Nordmärkers gedämpft, sondern ihre ganze verheerende Kraft entfalten würde. Dann war es auch schon so weit. Er spürte einen gewaltigen Ruck im rechten Arm, als seine Lanze auf die Rüstung des Gegners traf. Und zugleich im linken, als dessen Lanze – ebenfalls mit großer Wucht – auf seinen Schild traf.

Der Schmerz währte jedoch nur kurz, denn die Gegenwehr des Viererlers war der Rede eigentlich kaum wert. Er wurde schlicht und ergreifend aus dem Sattel gefegt und landete nach einem spektakulären Sturz krachend im Staub der Tjostbahn.

Widderich zog an der Unglücksstelle vorbei, richtete die Lanze auf, als er das Ende der Bahn erreichte, und ließ Aladar auf der Hinterhand wenden. In gemächlichem Trab kehrte er hernach an die Seite seines gefallenen Gegners zurück und brachte sein Ross zum Stehen. Ein Quäntchen Erleichterung empfand der Rauheheck durchaus, als der junge Mann die Hand hob, um ihm zu bedeuten, dass alles beim Besten war. Kurz darauf wurde ihm auch schon auf die Beine geholfen und er öffnete das Visier, um ungehindert zu Widderich aufsehen zu können.

Der tat es ihm gleich und schalt sich selbst einen Narren, als er reflexartig zuerst auf das Haar des Jungen sah. Dessen unheimlich feine, ja, geradezu mädchenhaft weiche Züge nahm der Rotenforster nur am Rande wahr, während sich sein Blick geradezu an dem Stück Pony festsaugte, das unter dem Helm hervor lugte. Die Frisur schien wie geleckt zu sitzen. Als wäre nichts gewesen. Als würde nicht gerade Stahl darauf lasten und die Hitze eines besonders schwülen Sommertags das Übrige dazu tun, dass eigentlich jede noch so mühsam gestaltete Tolle innert weniger Herzschläge in sich zusammenfiel. Das war schon beachtlich. Trotzdem stellte der Weidener die sich aufdrängende Frage nach der Tinktur nicht, sondern lächelte nur schief und räusperte sich vernehmlich.

„Euer Angriff hat es in sich gehabt, Viererlen“, konstatierte er nüchtern. „Aber ihr müsst besser auf die Wehr achten, sonst macht Ihr es Euren Gegnern zu leicht.“

 
Tjost/Runde 4 (Die letzten Zehn)
Brodilsgrund vor Angbar, 18. Rondra 1041 BF

„Du bist Reizer!“

Widderich löste den Blick erleichtert von dem riesigen Frühstück, das Rossgilda aufgetischt hatte und das ihn schlichtweg überforderte. Stattdessen fasste er das Gesicht seines Vetters ins Auge und hob fragend die Brauen.

„Der Runkelritter auch“, fügte Aardor an, „und Adaque und Walthari sind Trutzer. Ich schätze mal, gegen die beiden wirst du nicht reiten wollen, also bleibt dir nur noch die Wahl zwischen drei Koschern, denn Nimmgalf und der Rondrianer sind leider auch unter den Reizern.“

„Hum“, Widderich legte die noch unbenutzte Gabel beiseite und sah Rossgilda an. Sie war zusammen mit Aardor bei der Auslosung gewesen, hatte die Namen der Reizer und Trutzer also auch vernommen und wusste ja vielleicht etwas zu den Koschern zu sagen. „Und was wissen wir über die Drei?“

„Farelius von Silberquell ist der Ritter, der Frau Padora in der letzten Runde im Fußkampf bezwungen hat. Davor hat er Herrn Koromar auch schon aus dem Wettbewerb geworfen – mit einem tadellosen Stoß! Mehr kann ich dir über den leider nicht sagen. Ich habe seinen Namen hier auf der Turney das erste Mal gehört.“

„Hum“, machte Widderich wieder und bedeutete seiner Nichte, weiterzusprechen.

„Angbart von Salzmarken-See hat unseren Heermeister in den Staub geschickt und gegen Frau Thalionmel einen perfekten Ritt gezeigt. Er ist Anführer der Ritter vom See, die Graf Wilbur schützen, und genießt entsprechend einen guten Ruf.“

„Klingt nach einem guten Gegner“, Widderich nickte. „Wer ist der Dritte?“

„Halmar von Sindelsaum. Im Turnier ist der mir bisher nicht aufgefallen“, meinte Rossgilda und legte die Stirn in Falten. „Ich weiß nur, dass er der Sohn des Barons von Sindelsaum und Bannerträger der Kompagnie Herzogin Efferdane ist.“

„Soweit ich das erinnere, hat er bisher einen mittelmäßigen Tjost geritten. Keine Ahnung, wie er es bis in diese Runde geschafft hat“, ergänzte Aardor. „Gibt eigentlich wenig Grund, ihn zu fordern. Viel Ruhm wirst du damit nicht an deinen Schild heften.“

„Herr Halmar hat die vergangenen sieben Götterläufe seines Lebens mehrheitlich an der Ostfront verbracht“, meldete sich Satijana unversehens zu Wort. „Zuletzt in Tobrien.“

Widderich wandte sich von Rossgilda ab und sah seine Gemahlin verwundert an. Sie saß auf einem Schemel ganz in seiner Nähe und zwang ihre blonde Haarpracht in einen dicken, geflochtenen Zopf. So ganz ohne Spiegel schien ihm das keine einfache Aufgabe. Deshalb war er davon ausgegangen, dass sie ihnen nicht zuhörte. Offenbar irrig.

„Ich schätze, er hat dort vieles gesehen, was dir auch zu Augen kam“, meinte sie, nachdem sie seinen Blick gefunden hatte. „Und vieles getan, was du genauso gern unterlassen hättest. Vermutlich hatte er derweilen nicht viel Zeit, sich im Turnierreiten zu üben. Aber es soll hier ja andere Ritter geben, denen es auch nicht viel anders ergangen ist. Ich mag kein Urteil über sie fällen, würde jedoch sagen, sie haben genauso viel Respekt verdient wie alle anderen. Und Gegner, die ihnen eben jenen zollen.“

„Hört, hört“, murmelte Widderich, während er Satijana zulächelte und sacht den Kopf schüttelte. Manchmal kam es ihr vor, als würde sie ihn mittlerweile zu gut kennen. Er fragte sich, wie lange sie schon wusste, was sie eben gesagt hatte – und dass der Sindelsaum sein nächster Gegner sein würde. „Wo hast du das alles erfahren?“

„Gestern bin ich der Frau von Herrn Halmar begegnet und habe mich ein bisschen mit ihr unterhalten. Ein ganz reizendes, grundanständiges Wesen. Na, jedenfalls dachte ich, es könnte dich interessieren.“

Widderich nickte: „In der Tat.“


***


Widderich lag auf dem Rücken und starrte verwundert in den Himmel auf. Knallblau war der. Kein Wölkchen zu sehen. Dafür wurde er von den Streben seines Visiers zerteilt. Störend! Das galt auch für etwas Hartes, überaus Spitzes, das sich gnadenlos in sein Kreuz bohrte. Er hoffte, dass es nicht der Eberfänger war, der sich auf mysteriöse Art von seinem Gürtel gelöst hatte, um ihn von hinten zu erdolchen. Etwa so wie die Ahnen, die sich auf der Zielgeraden abgewandt und ihm das letzte Quäntchen Glück versagt hatten. Treulose Dreckstotengeister!

Der Rotenforster stöhnte missgelaunt. So eine verfluchte Scheiße! Das war bescheiden gelaufen! Wirklich verdammt bescheiden! Es kotzte ihn an, um ehrlich zu sein. Und leider musste er sich den Fehler selbst ankreiden. Ein trockenes Lachen entrang sich seiner Kehle, als er erinnerte, wie er den Viererler nach dem letzten Durchgang ermahnt hatte, besser auf seine Wehr zu achten. Jaaaaa, das war immer ein guter Rat. Wirkte nur überzeugender, wenn derjenige, der ihn gab, sich auch selbst daran hielt.

Er schloss die Augen und nahm sich einen Moment, um nach Ursachen zu forschen. Er war nicht ganz bei der Sache gewesen. So viel stand fest. War in Gedanken an Orten herumgedriftet, die eigentlich hinter ihm lagen. Weit hinter ihm. Aber nicht so weit hinter dem Sindelsaumer. Ein Blick in dessen Augen hatte gereicht, um Erinnerungen zu wecken. Dumpfen Schmerz bloß in seinen Eingeweiden, der während eines kurzen Gesprächs aber noch sehr scharf aus der Stimme des Koschers herausklang. Gern hätte Widderich dem Kerl ein paar aufmunternde Worte mitgegeben, aber in solchen Dingen versagte er regelmäßig. Also schwieg er sich aus.

Schwieg sich aus, während er innerlich zu dem Schluss gelangte, dass der Sindelsaumer den Sieg hier und jetzt besser gebrauchen konnte als er. Ein törichter Gedanke. Eigentlich hätte er den ohne Mühe abschütteln können müssen. Dafür war er ja seit bald zwei Dekaden Ritter und Überlebender vieler Schlachten und Scharmützel. Allein, heute hatte es ihm an Disziplin gemangelt. An Konzentration. Und ... am letzten Willen? Konnte ja nicht sein, dass sein Arm schlagartig zu schwach geworden war, um einen vermaledeiten Schild zu heben?

Widderich bewegte die Finger der linken Hand, öffnete die Augen und erschrak fürchterlich, als er nicht in den Himmel, sondern in die Augen seines Gegners blickte.

„Geht es Euch gut, Hochgeboren?“, fragte der Baronet.

„Ja, Mann!“, brummte er unwirsch. „Alles bestens. Ich bin nur damit beschäftigt, mich selbst einen Trottel zu heißen. Im ersten Anritt ... so eine Schande!“

Der irritierte Blick des Koschers verriet ihm, dass er sich im Ton vergriffen hatte. Er machte eine beschwichtigende Geste, bevor er sich auf die Beine mühte. Als sie einander gegenüber standen, öffnete Widderich sein Visier, klopfte er dem Jüngeren auf die Schulter und seufzte.

„Tut mir leid, Halmar. Ich hätte dir gern einen guten Kampf geboten, aber wie es scheint, wollte die Herrin Sturmesgleich dir heute keinen ehrenvollen Sieg schenken.“ Es scherte ihn im Augenblick einen Scheißdreck, dass es im Kosch sicher nicht üblich war, andere Ritter ohne Ansehen von Stand und Dünkel rundheraus zu duzen. Er tat es einfach. Wie gewohnt. „Ich schlage vor, du holst den im Finale raus. Gegen die Besten der Besten sollte das ja irgendwie möglich sein. Und falls es dir stattdessen ergehen sollte wie mir gerade: Du weißt, wo du mich findest. Dann heben wir einen. Schätze, es gibt einiges zu erzählen.“

Halmar grinste. „Komm doch einfach heute Abend vor dem Bankett beim Sindelhof in der Stadt vorbei. Im Garten lässt es sich viel angenehmer plaudern, als im Zeltlager hier. Mein Waffenknecht kann dich abholen und dir den Weg zeigen, falls du möchtest. Ansonsten ist es aber nicht schwer zu finden. Die Angbarer werden dir sicher weiterhelfen. Unsere hügelzwergische Köchin wird sicher ein paar Leckereien vorbereitet haben, nicht dass wir die vor dem Bankett beim Fürsten bräuchten.“

Halmar lächelte schief. Der Lanzengang schien seinen Hunger hervorgerufen zu haben.

Angenehm plaudern? Hügelzwergische Köchin? Leckereien? Garten im Sindelhof? Besser als der Zeltplatz??? Widderich blickte den Koscher einen Moment schweigend an und hoffte, dass die Konsternation nicht allzu offensichtlich in seinen Augen blitzte. Das kam ... unerwartet! Er hatte sich einen Austausch unter ehemaligen Streitern von der Ostfront etwas anders vorgestellt, aber das hier war eine Einladung. Gastfreundschaft. Und so was schlug man nicht aus.

„In den ... Sindelhof“, echote er und überlegte kurz. „Bis zum nächsten Bankett hier am Platz wird das Essen Eurer Köchin schon verdaut sein. Also spricht ja nichts dagegen!“ Ein schiefes Lächeln schlich sich auf die Lippen des Rauheneck, als er dem Sindelsaumer zunickte. „Einen Waffenknecht müsst Ihr dafür nicht abstellen. Wir finden unseren Weg schon. Ich nehme doch an, die Einladung zum Bankett gilt nicht nur mir, sondern auch meiner Gemahlin?“

„Aber selbstverständlich“, erwiderte Halmar, reichte dem Weidener die Hand zum Kriegergruß und schritt dann langsam von der Tjostbahn.

 
Finale des Tjosts/Runde 5
Brodilsgrund vor Angbar, 19. Rondra 1041 BF

Adaque Silmariel Etiliana von Mersingen saß auf ihrem Dunkelfuchs aus Rappenfluher Zucht. Sie tätschelte Madaleth noch einmal kurz liebevoll den Hals und sandte ein kurzes Gebet an Tharvun. Dieser sollte dafür sorgen, dass ihr geliebtes Pferd auch dieses Duell ohne Verletzungen überstand. Ihr Gegner brauchte noch einen Moment, was Adaque die Gelegenheit gab, kurz über den bisherigen Verlauf des Turniers nachzudenken.

Ihr hatte Angbar ausnehmend gut gefallen und sie hatte fest vor, bei der nächsten Gelegenheit noch mehr Zeit in der Stadt zu verbringen. Vor allem aber auch mehr Geld mitzubringen. Am besten gleich noch einen weiteren Wagen. Was es hier an Handwerksstücken gab, suchte seinesgleichen. Auch der Besuch im Ingerimmtempel war besonders gewesen. Sie hatte sich dem Himmlischen Schmied noch nie so nah gefühlt. Die Gaststuben Aventuriens waren ebenfalls etwas, was sie in dieser Form noch nie gesehen hatte. Bei einem Besuch dort hatte sich sogar eine interessante Lösung für ihre Baduarsburg in Gareth gefunden.

Was ihr dagegen nicht so gut gefallen hatte war der Verlauf des Turniers. Jemandem, der sie kannte, würde das zunächst nicht ungewöhnlich vorkommen. Adaque war kein Freund vom Kämpfen zum Spaß ... ehrlich gesagt noch nicht einmal zu Übungszwecken. Würde sie nicht in der Heldentrutz leben, sondern in der sicheren Goldenen Au oder ähnlichen Gegenden, sie würde ihr hart in der Knappenzeit erlerntes Können im Waffenhandwerk umfassend vernachlässigen. So zwang sie sich, ihr Können zu bewahren, aber Freude empfand sie dabei nicht. Auch war ihr natürlich bewusst, was ihr Stand mit sich brachte – gerade in Weiden. So hatte sie ganz selbstverständlich bei dieser großen Rundreise, die sie mit ihrem Mann und ihrer Familie zusammen unternahm, an jedem Turnier teilgenommen. Die Götter hatten es gefügt, dass sie dabei fast jedes Mal weiter als ihr Gemahl gekommen war. Doch das war es nicht, was ihr an diesem Turnier nicht gefallen hatte.

Es fing bei dem Ausscheiden von Firian an. Sie wusste natürlich um den Ruf ihres Mannes und seiner, nun auch ihrer, Familie. Ebenso, dass nicht viele Standesgenossen seine guten Seiten kannten und sahen. Doch bei der Begegnung mit diesem Ritter Falk ... wenn sie es nicht besser wüsste, hätte sie an eine Verschwörung glauben können. Doch das traute sie den braven und grundehrlichen Koschern nicht zu. Der Gegner ihres Gemahls war, wie man hörte, ein uralter Mann von über 70 Wintern. Dazu mit zweifelhaftem Auftreten und nicht selten verwirrtem Geist und ebenso wirren Handlungen.

Firian war zwar streng nach den Lehren des Alten vom Berg erzogen aber natürlich dennoch  nicht gegen Hochmut gefeit, und er hatte die Strafe dafür sogleich bekommen. Siegessicher zog er in die Tjostbahn ein und war dann von einem alten Ritter, dessen Anritt absolut nicht zu der vorher genannten Beschreibung passte, kurzerhand aus dem Sattel gehauen worden. Adaque zwang sich, nicht länger über diesen Auftritt ihres Gemahls und vor allem seines Gegners nachzudenken. Tat sie es nämlich, kam sie immer wieder zu dem gleichen Ergebnis: Ein Mann von über 70 Wintern, der sich in einem angeblich derart verheerenden Zustand befand, konnte eigentlich unmöglich so kämpfen. Zumal er dann in dem anschließenden Kampf kläglichst ausschied.

Ebenso fingen einige an, Firian im Anschluss an den Kampf gegen Ritter Falk zu verhöhnen. Dafür, dass er gegen so einen alten Mann ausgeschieden war. Das war das erste Mal, dass Adaque Nimmgalf von Hirschfurten negativ auffiel. Sie hatte von jemandem mit seinem Ruf besseres erwartet. Vor allem, dass er dann auch noch versuchte Firian dadurch zu ärgern, dass er rumposaunte, dessen Frau könne ja besser kämpfen als er, stieß ihr übel auf. Wo lebte dieser Mann denn, dass das für ihn etwas war, für das man sich schämen musste? Firian jedenfalls ärgerte sich eine Weile verständlicherweise über sein erneut frühes Ausscheiden. Doch bald schon überstieg der Stolz auf Adaque den Ärger und er fieberte mit ihr mit.

Adaque fand ebenfalls, dass es richtig gut lief. Runde für Runde besiegte sie Gegner, die eigentlich besser als sie eingeschätzt wurden. Ebenso erfreulich war, dass sich der Erste Ritter der Baronie Schneehag, Rauert Stelin von Runkeln, ausgenommen gut schlug und Runde um Runde hinter sich brachte.

Nach ihrem Sieg über den hoch eingeschätzten Rondrageweihten Rondradan Zweiflamm vom Rhodenstein und Rauerts Sieg über Farelius Sansarius von Silberquell, suchten sie den Angbarer Rondratempel auf. Beide hauptsächlich, um sich für den Segen, den Rondra offensichtlich bisher auf sie hatte wirken lassen, zu bedanken. Schwertbruder Leodan Stahlsang von Tandosch, der der „Halle der Kämpfer zu Angbar“ vorstand, nahm ihre Opfergaben an und spendete ihnen seinen Segen. Doch bei den Worten schwang ein Unterton mit, der beiden Weidenern merkwürdig vorkam. Auf dem Weg zurück zum Turnierplatz wunderten sie sich noch – und bemerkten dabei, dass sie sich nicht erinnern konnten, den Geweihten schon auf der Turney gesehen zu haben. Am Turnierplatz angekommen stellten sie fest, dass das Finale schon beginnen sollte.

Doch es waren keineswegs die üblichen rondragefälligen Zweikämpfe vorgesehen, sondern eine Art Turnier im Turnier. Teilnehmen würden neben Adaque und Rauert erwartungsgemäß noch Nimmgalf von Hirschfurten und Halmar von Sindelsaum. Dazu kam als fünfter Kämpfer ein gewisser Angbart von Salzmarken-See. Ein Ritter, der im ganzen Turnier irgendwie blass und nichtssagend geblieben war. Adaque konnte sich überhaupt nur an ihn und an seine bisherige Teilnahme erinnern, als sein Name aufgerufen wurde. Obwohl er Koscher war, erhielt er vom größten Teil des Publikums eher Schmähungen als Jubel. Darüber hinaus hatte Adaque von ihm aber kein Wort gehört.

„Nun gut, andere Länder andere Sitten“, dachte sich Adaque, auch wenn sie insgeheim gern hören würde was ein Geweihter der Rondra zu diesem Modus sagen würde. Der Ablauf wurde erklärt: Es sollte ein jeder gegen jeden anderen Finalteilnehmer streiten und wer dann die meisten Siege hatte, der wäre der Sieger des Turniers. Das wars! Stirnrunzelnd und leicht kopfschüttelnd nahmen Adaque und Rauert den Ablauf hin und sagten sich mehr als einmal, dass es nun mal nicht ihr Haus war und deshalb der Hausherr die Regeln aufstellte. Das war definitiv gutes Recht!

Es begann schlecht für Adaque und Rauert. Sie beiden verloren ihre ersten Paarungen. Beide wurden zwar nicht aus dem Sattel gehoben, aber verloren nach Lanzen. Das anschließende Duell mussten sie gegeneinander reiten. Beide fühlten sich irgendwie befangen. Nicht weil hier Aftervasall gegen Lehnsherrin ritt, sondern weil beide eigentlich fanden, dass sie schon ausgeschieden sein müssten, in einem normalen Tjost jedenfalls. Das Duell endete mit einem Sieg von Adaque, auch wenn sie sich an den Verlauf nicht mehr wirklich erinnern konnte. Rauert stritt im Anschluss gegen diesen blassen Angbart von Salzmarken-See und holte seinen ersten Sieg. Dann war es so weit und Adaque kehrte aus ihrer Grübelei zurück ins Hier und Jetzt und blickte auf die andere Seite der Turnierbahn.

Da war er, die Legende Nimmgalf von Hirschfurten! Sie hatte lange Zeit Hochachtung vor seinem Ruf und seinen überlieferten Taten empfunden. Doch so, wie er sich hier in Angbar gebärdete, war dieses Gefühl gewichen und fast zu Scham geworden. Hochmütig sonnte er sich im Jubel des Publikums. Aber es waren vor allem seine Äußerungen, dass Frauen doch die  schlechteren Kämpfer sein müssten und die Versuche, Firian durch den Hinweis darauf, dass sie besser als er kämpfen konnte, in Rage zu bringen, die Adaque ernüchterten. Das war so absurd und schon fast ... novadisch. Adaque spürte so etwas wie Zorn und Freude in sich aufsteigen, bei dem Gedanken an das gleich Kommende. Das erste Mal in ihrem Leben, wenn es ums Tjosten ging! Sie wollte es diesem Kerl zeigen! Ihm zeigen, wozu eine Frau und dazu auch noch eine Viertelelfe in der Lage war. Sie sandte ein Stoßgebet und Rondra und ritt an.

Der erste Durchgang brachte ihr einen ordentlichen Treffer beim Hirschfurten ein. Viel hatte nicht gefehlt und er wäre aus dem Sattel gegangen. Später hörte Adaque von einem Zuschauer, dass Nimmgalf danach noch hochmütig ausrief, dass die Sonne ihn geblendet hätte. Der zweite Durchgang folgte und beide schafften es nicht, eine Lanze zu brechen. Adaque spürte mit jeder Faser die überlegenen Fähigkeiten ihres Gegners. Er war ihr Jahrzehnte an Übung und einigen echten Kämpfen überlegen. Der dritte Durchgang folgte und gerade noch rechtzeitig erkannte Adaque, dass ihr Gegner nun alles in seinen Angriff legte. Ihre eigene Lanze blieb knapp heile während die von Nimmgalf an ihrer Abwehr zerbrach. Aber sie blieb im Sattel!

Das hieß Zweikampf am Boden!

Als sie sich näherten, sah Adaque den Unglauben in Nimmgalfs Augen. Darüber, dass sein letzter Stoß sie nicht in den Staub geschickt hatte. War da vielleicht auch so etwas wie Furcht? Es blieb keine Zeit, um es genauer zu beobachten. Adaque bemerkte sofort, dass Nimmgalf mindestens doppelt so gut wie sie war. Wie er die Manöver ausführte, die Attacken und Paraden. Man erkannte, dass er fast zwei Jahrzehnte mehr als Adaque mit dem Waffenhandwerk verbracht hatte. Doch bei aller Überlegenheit: Es schien so, dass Rondra ihn für seinen Hochmut – allgemein und den gegenüber Frauen – bestrafen wollte. Adaque nutzte Lücken, die sie gar nicht gesehen hatte, und wehrte Attacken ab, die sie erst nach der Abwehr wahrnahm.

Nach dem ersten Schlagabtausch stieß der Hirschfurten aus, dass die „Halbelfe“ ihn doch verhext haben musste. Dies zeigte wieder einmal, wie viel Respekt Nimmgalf den meisten seiner Gegner entgegenbrachte. Weder Wappen noch Namen, ja, sogar Abstammung merkte er sich korrekt. Zorn wallte in ihr auf und der nächste Schlagabtausch folgte. Sie konnte sich nicht erinnern, wie sie ihn geführt hatte, aber am Ende lag Nimmgalf von Hirschfurten am Boden. Sie hatte den großen ... die Turnierlegende in den Staub geschickt!

Da von diesem mehrfach nur gutturale Laute, die sich am ehesten nach „ARRGH“ anhörten kamen, nickte Adaque ihrem Gegner kurz zu und verließ die Kampfbahn. Erst am Ende der Bahn nahm sie den Jubel in Teilen des Publikums war. Es waren hauptsächlich die Weidener. Der Rest war mehr in ungläubiges Schweigen gehüllt.


***


Das Turnier ging nach diesem Kampf, der für Adaque so was wie ein Finale gewesen war und für sie definitiv danach hätte enden können, weiter. Rauert hatte sein letztes Duell und schickte Halmar von Sindelsaum im ersten Anritt in den Sand der Turnierbahn. Damit hatte er insgesamt zwei Siege errungen. Einen gegen Angbart von Salzmarken-See und eben einen gegen Halmar von Sindelsaum. Adaque trat anschließend zum letzten Duell des Tjosts an. So nahm sie zu diesem Zeitpunkt jedenfalls an. Es ging gegen Angbart von Salzmarken-See, den sie zwar nicht aus dem Sattel heben konnte, aber mit 2 zu 0 Lanzen besiegte.

Es selbst noch nicht wahrhabend, brachten ihr erst der Jubel der Weidener und ihr heranstürmender Gemahl die Erkenntnis: Sie hatte gerade ihren dritten Sieg errungen. Einen gegen Rauert, einen gegen Nimmgalf von Hirschfurten und einen gegen Angbart. Zwar hatte Nimmgalf auch drei Siege, aber für jeden Weidener hier auf dem Platz war in diesem Moment glasklar, dass aufgrund des Sieges im direkten Duell – und das war ein Tjost ja: ein Duell zwischen zwei Kämpfern – Adaque als Turniersiegerin feststand. Der Jubel wurde noch größer, als man feststellte, dass Rauert nach dem Empfinden aller Dritter sein müsste. Da er zwar ebenso wie Halmar von Sindelsaum zwei Siege hatte, aber das Duell gegen eben diesen Halmar für sich entschieden hatte.

Die Weidener wollten schon beginnen, den Sieg und den dritten Platz zu feiern. Bierhumpen wurden verteilt und ein erstes Mal angestoßen. Die Knappen fingen an, die Rüstungen zu lockern. Als dann langsam eine Erkenntnis bei allen ankam. Der erste Bote wurde noch lachend mit einer Kopfnuss und einem Humpen Bier als Entschädigung weggeschickt. Doch ein zweiter und schließlich ein dritter, mit ultimativer Aufforderung, ließen den schlechten Witz zur Gewissheit werden. Die Turnierleitung war der Meinung, dass es weitere Duelle geben müsse, um den Sieger festzustellen. Scheinbar hatte niemand vorher damit gerechnet, dass es einen Gleichstand nach Siegen bei diesem merkwürdigen Modus geben könnte. Sowohl Adaque als auch Rauert wurden aufgefordert, sich bereitzumachen und jetzt gleich noch mal gegen Nimmgalf und Halmar in die Tjostbahn zu begeben.

Die Reaktionen der Weidener lagen irgendwo zwischen ungläubigen Staunen, verärgertem Kopfschütteln und Zorn. War der Finalmodus nach ihrer Meinung schon rondraungefällig, verließ man nun damit endgültig deren Pfade und näherte sich wohl am ehestens Phex an. Wie auch immer: Alle Argumente, in welcher Form sie auch immer, wurden ignoriert. Es blieb keine Wahl. Schweigend legten sowohl Adaque als auch Rauert ihre bereits abgelegten Rüstungsteile wieder an.


***


Die dann folgenden Duelle sind schnell erzählt: Rauert unterlag gegen Halmar, als dieser ihn im zweiten Anritt aus dem Sattel holte. Er hatte scheinbar eine Lücke in Rauerts an sich guter Deckung gefunden und setzte seine Lanze ganz knapp über Rauerts Schild. Bei aller Sattelfestigkeit holte das den Schneehager Dienstritter aus dem Sattel. Benommen blieb er zunächst liegen und stand dann doch auf. Den Gruß seines Gegners, erfolgt in Rondras Namen, konnte und wollte er nicht mehr auf gleiche Weise zurückgeben. Rondra hatte seiner festen Überzeugung nach diese Veranstaltung verlassen.

Danach folgte der Tjost zwischen Adaque und Nimmgalf. Adaque merkte sofort, dass aller Hochmut aus dem Hirschfurten gewichen war. Er empfand es offensichtlich als große Schande, im Staub gelandet zu sein. Adaque fühlte in sich hinein. Sie spürte weder Freude, wie vor dem ersten Duell, noch den Beistand durch die Sturmleuin. Da war einfach nichts ... Sie dachte kurz darüber nach, einfach aufzugeben. Nicht zu riskieren, dass ihr Pferd Schaden nahm. Doch nach einem Herzschlag verwarf sie diesen Gedanken. Das würde weder der Sturmleuin gefallen noch ihrem Gemahl. Es wäre Unrecht gegenüber ihrem Stand! Also ritt sie an. Nimmgalf ließ ihr keine Chance. Nach drei Durchgängen blieb ihr als einziger Trost, dass sie das ganze Turnier nicht aus dem Sattel gestoßen worden war. Während der Hirschfurten sich also in seinem Sieg sonnte, verließ sie die Kampfbahn und war nur dankbar, dass Madaleth unverletzt war.


***


Ein aufgeweckter Weidener wandte sich im Anschluss noch an die Turnierleitung und fragte nach, ob es denn jetzt ein weiteres Stechen geben würde. Denn nun hätten ja sowohl Nimmgalf als auch Adaque sich gegenseitig jeweils einmal besiegt. Die Anfrage wurde aber abgeschmettert. Bei der anschließenden Siegerehrung wahrte Adaque die Fassung und fühlte sich geehrt, noch einmal direkt mit dem schon sehr kränklich wirkenden Fürst Blasius vom Eberstamm, genannt „der Reichstreue“, sprechen zu können. Auch Firian ließ es sich nicht nehmen, bei dieser Gelegenheit dem Fürsten des Kosches noch einmal seine Aufwartung zu machen. Beide verspürten danach großen Dank für die Begegnung – auch wenn sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht wussten, dass dies das letzte Fürstenturnier von Fürst Blasius gewesen war.


***


Satijana tat es mittlerweile fast leid, den Namen Sindelsaum je erwähnt zu haben. Nicht etwa, weil dieser Halmar ein schlechter Kerl gewesen wäre. Oh nein. Er nicht und seine Frau nicht und die Kinder nicht und schon gar nicht die Köchin im Sindelhof, die ihr Handwerk trefflich beherrschte. Vielmehr dauerte es sie, dass das Aufeinandertreffen des Koschers mit Widderich für eben jenen einen so enttäuschenden Verlauf genommen hatte. Nachdem er sich in den Runden davor ausnehmend gut geschlagen hatte, verließ ihn Rondras Huld so kurz vor dem Finale. Ausgerechnet. Und zwar nicht nur ein kleines bisschen, sondern ganz. Im ersten Anritt war er gefallen. Knapp zwar – es hatte einen Moment ausgesehen, als würde er sich trotz des perfekten Treffers von Halmar im Sattel halten –, aber er war gefallen. Und das beeinträchtigte seine Laune nun nachhaltig.

Die krachende Niederlage im Buhurt? Vergessen. Das Ausscheiden kurz vor der Finalrunde im Zweihandkampf, seiner liebsten Disziplin? Geschenkt! Aber der Sturz im Tjost? Offenbar ein großes Problem. Dabei war das doch der Teil des Turniers, der ihn im Vorfeld am wenigsten interessiert hatte. Satijana brauchte Rossgildas Hilfe, um zu begreifen, woran es lag. Offenbar hatte der werte Herr Baron sich in seinem letzten Lanzengang nicht gerade mit Ruhm bekleckert. War in Sachen Deckung derart nachlässig gewesen, dass er es nicht besser verdiente, als im Staub zu landen. Kurzum: Er hatte seinen Ahnen keine Ehre gemacht, seinem Gegner keinen guten Kampf geboten und war sich selbst offenbar auch nicht gerecht geworden.

Das wurmte ihn. Er saß allenthalben schweigend und mit gerunzelter Stirn in der Gegend herum und ging die Situation im Kopf vermutlich immer und immer wieder durch. So einer war er nun mal leider. Jemand, der Fehler im Nachhinein sezierte und versuchte, seine Lehren daraus zu ziehen. Ganz anders als sie, die lieber rasch einen Haken hinter alles setzte, was irgendwie dumm gelaufen war. Das schien ihr der bessere Weg. Einfacher. Nicht so betrüblich. Doch schaffte sie es nicht, Widderich auch nur ein bisschen was von dieser Leichtigkeit zu vermitteln. Und sie schaffte es nicht, sein grüblerisches Gebaren zu ignorieren. Ihn kommentarlos in seinem selbst gewählten Elend schmoren zu lassen. Sie hatte es schön gefunden, hier im Kosch, daher kam es nicht in Frage, dass sie die Heimreise in derart gedrückter Stimmung antraten! Der Gedanke brachte Satijana schließlich ebenfalls ins Grübeln.

Sie hoffte, dass das Finale im Tjost die Stimmung des alten Griesgrams wieder aufhellen würde. Schließlich bestand mit zwei qualifizierten Streitern durchaus noch die Chance, das ruhmreiche Banner der Bärenlande aufrecht zu halten. Außerdem hatte sie während des gesamten Verlaufs der Turney den Eindruck gehabt, dass Widderich in Gegenwart der Kampfgefährten aus seiner Heimat erstaunlich rasch auftaute. Bei den Finalritten sah dann zunächst auch alles gut aus. Als die Streiter aus der Mittnacht sich am Rande der Tjostbahn sammelten – nicht auf der Tribüne, sondern auf der gegenüberliegenden Seite, vermutlich weil Trutzer und Sichler eine angeborene Scheu vor Tribünen hatten – war die Stimmung gelöst.

Die ersten Lanzengänge verfolgten die Herrschaften noch mit offensichtlichem Vergnügen und als es Adaque von Mersingen schließlich gelang, den haushohen Favoriten Nimmgalf von Hirschfurten im Fußkampf zu bezwingen, war der Jubel groß. Da wurden die ersten Stumpen mit Bärentod herumgereicht und Firian Böcklin sah aus, als wolle er vor Stolz auf seine Gemahlin platzen. So wie Satijana ihre Gefährten verstand, sicherte sich Adaque kurz darauf mit einem Sieg über Angbart von Salzmarken-See den ersten Platz im Tjost – und Rauert hatte kurz davor im Lanzengang gegen den Sindelsaum den dritten Platz erstritten. Es war das reinste Fest!

Danach ... passierte etwas, das sie nicht recht verstand. Als Adaque zu einem zweiten Duell gegen Nimmgalf aufgerufen wurde und Rauert zu einem zweiten gegen den Sindelsaum, hätte sie gern die eine oder andere Frage gestellt, aber niemand stand für Antworten zur Verfügung: Aardor blickte ebenso ratlos wie sie, der Schneehager war mit einem Mal von den Zehenspitzen bis zum Haaransatz lodernder Zorn, der Dergelqueller brummelte kopfschüttelnd irgendwelche Unverständlichkeiten in seinen Bart hinein und Widderich stand mit missbilligend gerunzelter Stirn und starrem Blick da. Einzig Bärfried hatte sich sein Lächeln bewahrt, aber es wirkte eher höhnisch als amüsiert und ermutigte nicht dazu, ihn anzusprechen.

Also folgte Satijana dem weiteren Geschehen schweigend und bezeugte in einer Mischung aus Widerwillen und Unglauben, wie Adaque und Rauert ihren bereits bezwungenen Gegnern im zweiten Durchlauf jeweils unterlagen. Offenbar rutschten sie damit in der Wertung beide einen Platz nach hinten – und die Stimmung der Weidener im gleichen Moment auf einen bisher ungekannten Tiefpunkt. Betroffen sah Satijana auf die Gesichter, die nun allesamt missvergnügt wirkten wie das ihres Mannes nach seiner gestrigen Niederlage. Das hier gerade ... das war ein riesen Debakel. Es war an Kontraproduktivität nicht zu überbieten und durfte keinesfalls so stehenbleiben! Es waren nicht „ihre“ Weidener, die da jetzt in fassungslosem Unmut bei einander standen. So hatte sie sie nicht kennen und schätzen gelernt und mit der aufrechten Haltung, die sie in den vergangenen Tagen stets gewahrt hatten, verdiente ihr Ausflug in den Kosch auch einen deutlich versöhnlicheren Schlusspunkt!

Nachdem es den Rittern nicht mehr vergönnt sein würde, die rechten Verhältnisse auf dem Feld der Ehre wiederherzustellen, fühlte sich Satijana für einen Moment ratlos und überfordert. Dann gelangte sie jedoch zu dem Schluss, dass es möglicherweise noch einen halbwegs wirksamen Stimmungsaufheller gab: ein Beisammensein in geschlossener Runde. Die Weidener hatten in den vergangenen Tagen ein paarmal mehr oder minder zufällig zusammengefunden und sich stets gut unterhalten. Warum ein solches Treffen nicht mal mutwillig herbeiführen? Und im Zweifel mit vorsichtig lenkender Hand für bessere Laune sorgen? Während um sie herum leise geflucht und geschimpft wurde, begann Satijana Gedanken zu jonglieren. Überlegte im Stillen, was mit den wenigen Mitteln, die ihr hier zu Gebote standen, möglich war und was nicht.

Eine lange Tafel und ein paar der berüchtigten Koscher Bierbänke konnte sie hier am Platz ausleihen. Geschirr und Besteck sicher auch. Kerzen und ein großes Leintuch in der Stadt zu erstehen, war kein Hexenwerk – zum Glück lagerten sie ja direkt vor ihren Toren. Was zu trinken?! Ferdoker. Einfach, damit das jeder mal probiert hatte. Den Vorrat von Bärfang vielleicht? Der kam ja eh noch mal in der Grafenstadt vorbei und konnte dort mit seinen Wettgewinnen wieder aufstocken. Aber das würde kaum reichen. Sie brauchte auch Brannt. Dringend. Schließlich waren es Weidener, mit denen sie hier zu tun hatte. Aus der Sichelwacht und der Heldentrutz noch dazu. Also aus den Gegenden, in denen man sich gern mit härterem Zeug effizienter und billiger besoff als im Herzen der Mittnacht. Was zu Essen ... ja ... woher am besten? Sie würde Rossgilda mit ins Boot holen müssen!

Satijana suchte den Blick der Knappin, doch im Moment blickte die peinlich berührt auf den Boden, weil Bärfang die Koscher und ihr Turnierwesen aufs Übelste schmähte – und dabei nicht mit Begriffen sparte, die alles andere als ziemlich waren. Satijana seufzte leise und spann ihren Plan weiter. Sie durfte nicht vergessen, die Gäste einzuladen und musste im Voraus wissen, wie viele es werden würden. Teils hatten die Ritter ihre Frauen dabei. Knappen ... und ... Satijana hielt inne. Sie brauchte etwas zum Schreiben, sonst würde das Vorhaben in die Binsen gehen, und das kam nicht in Frage. Jetzt, da es nicht mehr nur um Widderichs unnötige Selbstzerfleischung, sondern um etwas Größeres ging, gleich dreimal nicht!


Das Abschlussbankett
Brodilsgrund vor Angbar, 20. Rondra 1041 BF

Für die meisten Weidener, die Satijana kannte, waren große Bankette mit viel Firlefanz und etikettären Fallstricken nichts. Nun verhielt es sich so, dass sie vor allem mit den Angehörigen einer Familie vertraut war, die man besser nicht als beispielhaft bezeichnete. Gleichwohl, wenn sie hier auf dem Fest zum Abschluss der Koscher Fürstenturney in die Gesichter der Hahnfelser, Schneehager, Dergelqueller und des einen Moosgrunders blickte, konnte sie auch bei denen nicht allzu viel Vergnügen erkennen. Keine ungetrübte Freude, jedenfalls.

Das lag einerseits sicher daran, dass sich die Weidener auf dem tückischen Adelsparkett mehrheitlich unwohl fühlten. Andererseits lag es aber vermutlich auch daran, dass sie sich aus Rücksicht auf die Gastgeber nach Kräften bemühten, nicht das eine Thema zur Sprache zu bringen, das ihnen besonders heiß auf den Zungen brannte: den Modus, in dem das Finale des Tjosts ausgerichtet worden war. Dazu hatten sie längst nicht alles gesagt, was hätte gesagt werden können – aus der Sicht von Streitern, für die Rondras Wille oberstes Gebot war, allzumal. Aber wäre dies in der Öffentlichkeit besprochen worden, hätten viele Fremde es sicher nicht als theologischen oder gar philosophischen Disput, sondern vielmehr als das Krakeelen schlechter Verlierer verstanden. Also schien Schweigen der bessere Weg.

Natürlich blieben die Damen und Herren aus der Mittnacht dennoch nicht fern, wenn zum Essen und Trinken gerufen wurde, denn auch die Gebote der Eidmutter standen bei ihnen hoch im Kurs und Gastfreundschaft auszuschlagen, kam nicht in Frage. Aber zum Tanzen oder Parlieren hatte sich heute noch keiner von ihnen erhoben. Die aus Garetien stammende Adaque hatte es einmal versucht, indem sie ihren Ehemann Firian zum Tanz aufforderte. Gerade als der aufstehen wollte, hatte er in der Nähe der Tanzfläche aber wohl einen der Turniersieger erspäht und es sich anders überlegt. So blieben die Weidener an ihrem Eckchen einer der langen Tafeln sitzen und klammerten sich an ihren Humpen fest. Vorerst jedenfalls. Vielleicht mussten sie sich ja erst noch warmlaufen oder locker trinken, bevor sie sich in der Lage fühlten, das Tanzbein zu schwingen?! Ohne Frage aber war es um sie herum heute ruhiger als gewohnt.

Satijana nahm grinsend zur Kenntnis, dass Walthari von Leufels noch immer an einem Knochen nagte, der sich einfach nicht vom Fleisch trennen wollte. Neben ihm saß der Runkelritter und erdolchte den Turniermarschall gerade zum wohl wiederholten Mal – mit Blicken. Der Sunderhardter hätte wohl lieber oben ohne am Tisch gesessen, denn er nestelte in einem fort am Kragen seines Wappenrocks herum, und seine Gemahlin quittierte es mit einem belustigten Kopfschütteln. Immerhin: Der Böcklin unterhielt sich mit seiner Frau. Aber so leise, dass nichts zu verstehen war. Und Aardors Blick huschte von einer jungen Koscherin zur nächsten, ohne dass er dabei große Leidenschaft erkennen ließ. Nicht mal ein Lächeln erhellte sein Gesicht. Sie würde ihm die Tage mal das eine oder andere erklären müssen ...

Widderich schließlich saß an Satijanas Seite und starrte schweigend ins Nichts. Eine Übung, die er geradezu meisterlich beherrschte und von der sie wusste, dass er sie mühelos den ganzen Abend durchhalten konnte, wenn ihn nicht irgendwas aus der Bahn warf. Eine wirklich schöne Festgesellschaft war das hier. Sie hoffte, dass es morgen besser werden würde, sonst musste sie sich am Ende noch eine krachende Niederlage in ein Büchlein schreiben, in dem bisher nur glorreiche Siege verzeichnet waren. Eine wesentliche Voraussetzung für das Gelingen ihres Plans war natürlich, dass sie überhaupt mal jemanden einlud, sonst würde sie mit der Verwandtschaft allein auf einem Spanferkel, Töften, irgendwelchem Grünzeug, Süßspeisen und einem Berg von Alkohol sitzen bleiben. Was ... vielleicht auch nicht so schlecht gewesen wäre, aber irgendwie ja doch am Sinn der Sache vorbeiging.

Walthari knabberte derweil in Gedanken versunken an seinem Hühnerbein. Eigentlich war das Turnier ganz gut gelaufen. Und die Bewirtung war – wie zu erwarten im Kosch – hervorragend gewesen. Dennoch nagte ein Gefühl der Unzufriedenheit an ihm, wie er am Hühnerknochen. Die Tjostregeln waren ihm nicht verständlich. Adaque hätten den Hirschfurter im Fußkampf bezwungen und sich damit als die Bessere erwiesen. Noch dazu hatte sie am Ende ebenso viele Gegner besiegt wie dieser. Für den Dergelqueller war das eindeutig ein Sieg für die Schneehagerin. Andere Länder – andere Sitten. So sagte er es sich die ganze Zeit. Dennoch trübte es seine Stimmung. Auch war ihm nicht entgangen, dass die meisten anderen Weidener offenbar noch angefressener waren als er, was zusätzlich die Stimmung drückte.

„Also schön“, verkündete Satijana da mitten in die Gedanken des Leufelsers hinein, griff nach ihrem Pokal und hob ihn, als ob sie einen Trinkspruch ausbringen und anstoßen wollte. Dann hielt sie kurz inne, überlegte, neigte den Kopf zur Seite und ließ den Blick noch einmal prüfend über die Gesichter ihrer Tischnachbarn gleiten. Ihre Aufmerksamkeit hatte sie nun, so viel war klar. „Ich stelle fest: Es ist in den vergangenen Tagen vieles gut, aber nicht alles perfekt gelaufen. Ich stelle ferner fest: Das gilt auch für dieses Bankett. Vermutlich liegt es nicht zuletzt an den Unterschieden zwischen der Weidener Sicht auf die Welt und der ... des restlichen Mittelreichs. Die sind ja auf dieser Turney relativ offen zutage getreten?!“

Sie hob die Brauen und ihre Schultern, weil sie sich nicht ganz sicher war, ob stimmte, was sie da sagte. Es war ihr in den vergangenen Tagen jedenfalls so vorgekommen. Und ohnehin blieb ihr nach dieser Eröffnung ja nur ein Weg, um fortzufahren: immer wacker voran!

Firian und Adaque unterbrachen ihr Gespräch, welches sich eh im Kreis drehte, und sahen überrascht die kleine Stute an. So nannte sie Satijana – nach der Initiative von Rowina Böcklin, die diesen Kosenamen als Erste benutzt und erklärt hatte, dass die Rotenforsterin sie in Verhalten und Aussehen an Sulva und Tharvun und die Aspekte, für die diese standen, erinnerte –, wenn sie unter sich waren. Die Bezeichnung war allerdings keineswegs despektierlich gemeint. Obwohl sie keine Ritterin war, erhielt die Satijana von den Böcklins stets den gleichen Respekt wie eine solche. Auch wenn sie nie den wahren Grund dafür nannten. Das war auch jetzt wieder so: Bei der bisherigen Rede hatte Firian an der einen oder anderen Stelle ein Brummen von sich gegeben, aber er hörte weiterhin aufmerksam zu.

„Ich will Euch hiermit meine Anerkennung dafür aussprechen, dass ihr die blutigen Nasen im Buhurt, die Sticheleien einiger hochmütiger Kleingeister und dieses leidige Tjost-Debakel mit einem durchaus beachtlichen Maß an Würde genommen habt“, sie hob den Pokal noch etwas höher und nickte Adaque zu. „Ich möchte anregen, dass wir diesen Tag auch noch in Würde rumkriegen und für morgen ...“, Satijana warf einen Blick auf Widderich, der sie mit fragend gerunzelter Stirn ansah, „... lade ich Euch zu einem weidenschen Abend in unser Lager ein. Wir haben zu essen und zu trinken, sind eine garantiert geckenfreie Zone und erteilen die Erlaubnis, frei von der Leber weg zu reden.“ Sie schmunzelte: „Im Ernst: Ich denke, es wäre schön, wenn wir, die wir mehrheitlich aus großer Ferne angereist sind, dieses Ereignis gemeinsam ausklingen lassen würden. Unter Brüdern und Schwestern sozusagen. Ganz unbeschwert. Ihr wärt uns allesamt hochwillkommen. Was sagt ihr?!“

Firian sah kurz zu Adaque und beide nickten fast unsichtbar. „Schneehag ist dabei“, verkündete der Baron dann. „Es wird der Weiterreise gen Mantrash’Mor definitiv einen besseren Start bescheren“, fügte seine Gemahlin dann noch an.

Bärfried hatte dem Spruch Satijanas interessiert gelauscht, auch wenn es ihm bei ihrem Anblick immer noch nicht leicht fiel, sich auf Worte zu konzentrieren. Das galt wohl auch für sein Weib Branda neben ihm, die immer wieder begierig ihren Mund öffnete – kurz und subtil wie stets, aber er kannte sie. Es war ein Gebaren, das Bärfried lächeln ließ. Als Firian geendet hatte, bequemte sich auch der Junker dazu, sein Wort an die Runde zu richten.

„Niemand hier sollte sich schlecht fühlen müssen. Wenn es auf hart kommt, würde ich einen jeden hier einem Hi...Hirsch...“, Bärfried blickte kurz auf sein Eheweib, die den Wink offenbar verstanden hatte.

„Hirschfurten“, warf die Trenckerin beiläufig ein und konnte dabei ein begleitendes Augenrollen nicht unterdrücken.

„Ja ... eh ... wusste ich ... einem Hirschfurten vorziehen.“ Es schien fast so, als schloss damit auch die anwesenden Knappen ein. „War mein erstes Mal außerhalb von Weiden und wenn ich mir diesen jämmerlichen Auflauf an Gecken hier im Kosch ansehe, dann bleibt es wohl auch das einzige Mal. Es wird mir eine Ehre sein, mit euch allen zu feiern und zu trinken.“

Walthari bedachte den Sichelwachter mit einem strengen Blick: „Wahrt den Anstand, Mann. Wir sind hier in traviagefälliger Gastfreundschaft aufgenommen worden, und es sind viele vortreffliche und der Sturmherrin wohlgefällige Männer und Frauen da.“ Dabei deutete er mit dem abgenagten Hühnerbein auf Bärfried, so dass der nur noch lose im Gelenk hängende Unterteil hin und her wippte.

Überrascht zog der so Gescholtene eine Augenbraue hoch. Er wirkte in diesem Moment, als hätte nicht Walthari, sondern der Kerzenleuchter vor ihm das Wort an ihn gerichtet. Jedoch nur kurz, denn einen Herzschlag später zeigte sich ein schmales Lächeln auf seinen Lippen, das eine herausfordernde, abschätzige Note nicht verhehlen konnte.

Auch Firians rechter Mundwinkel zuckte für einen halben Herzschlag, ganz so als ob sich auch bei ihm ein Grinsen seinen Weg bahnen wollte. Sein anderes, jüngeres Ich hätte in der Situation vielleicht so etwas gesagt wie: „Typisch Schnewlin, immer mit allen gut Freund sein wollen!“

Doch Firian war mittlerweile reifer und ernster geworden und hielt es mehr mit Firun als mit der stürmischen Alveransleuin. Von daher war der kurz zuckende Mundwinkel die einzige Reaktion auf Waltharis Worte und jeder musste selbst darüber entscheiden, auf was sich dieses angedeutete Grinsen wohl bezogen haben mochte.

„Ab davon“, das Hühnerbein des Leufelsers schwenkte unterdessen in Satijanas Richtung und das Unterteil baumelte einer Morgensternkugel gleich wild herum, „ist das eine großartige Idee! Eine kleine Runde, gutes Koscher Essen und Bier. Ich steuere noch ein Fässchen Bärentod bei. Der war zwar eher als Wegzehrung für Mantrash’Mor gedacht, aber wo wäre dieses vorzügliches Tröpfchen Heimat besser angebracht als in einer Weidener Runde? So lasst uns Essen, Trinken und alte Helden besingen!“ Beim letzten Satz ließ der die Faust auf den Tisch knallen. Das Hühnerbein kapitulierte und flog in hohem Bogen von der Tafel.

Rauert Stelin von Runkel, Erster Ritter Schneehags, kehrte gerade mit zwei Humpen Bier an den Tisch zurück, als das Hühnerbein flog. Mit einem gekonnten Ausweichschritt, welcher jahrelange Erfahrung verriet, trat er aus der Flugbahn des Geschosses, verschüttete dabei jedoch keinen Tropfen Bier. Lediglich etwas von der formschönen Schaumkrone war auf seinem Handrücken gelandet. Den saugte er schnell weg und machte die letzten Schritte zur Weidener Versammlung. Irgendwas war im Gange und er wollte es nicht verpassen.

„Dass sie gastfreundlich sind, habe ich ihnen auch nicht abgesprochen, Leufels“, bemerkte Bärfried, nachdem Walthari geendet hatte. „Es sind eben götterfürchtige Gecken. Gecken sind und bleiben sie aber trotzdem“, setzte er dann trocken und begleitet von einem Schulterzucken in die Richtung des Leufelsers hinzu.

Walthari maß den Sichler mit leicht zusammengekniffenen Augen ab, während er den Rest Hühnchen mit einem Schluck Bier runter spülte. Dann ließ er seinen Blick über die Tafel schweifen. Naja, ein paar Gecken waren ja schon dabei ... aber trotzdem: „Ihr seid ja zum ersten Mal aus der Mittnacht herausgekommen. Deshalb erlaubt mir den Ratschlag, nicht alles über einen Kamm zu scheren. Euch würde es wohl auch nicht gefallen, wenn ich Euch als Raubbuben betiteln würde, nur weil ihr aus Hahnfels kommt.“

Der Sunderhardter konnte sich beim letzten Satz des Leufelsers ein vielsagendes Lächeln nicht verkneifen. Dennoch sagte er darauf nichts mehr. Walthari kannte ihn allem Anschein nach nicht, und das war für den weiteren Verlauf des Abends vielleicht gar nicht so schlecht.

Nach der letzten Bemerkung des Trutzer Barons schlich sich auch auf Widderichs Lippen ein schmales Lächeln – ein Stück weit wirkte es beipflichtend, ein Stück weit aber auch amüsiert. Der Blick des Rotenforsters ging zwischen Walthari und Bärfried hin und her, ehe er Anstalten machte, sich zu Wort zu melden. Satijana kam ihm allerdings mit einem völlig unbeeindruckt geschmetterten „Ha!“ zuvor. „Trefflich!“, fügte sie an und nickte dem Leufelser zu. „Bärentod wäre hervorragend, Hochgeboren. Der ist hier nämlich kaum zu kriegen und ein Gelage ohne Bärentod darf sich ja wohl schwerlich weidensch schimpfen, eh?!“

Sie schenkte dem Baron von Dergelquell ein strahlendes Lächeln – und dem Junker von Uhlengrund anschließend ebenfalls. „Dann ist es abgemacht, ja? Wir treffen uns morgen Abend zur ... siebten Stunde bei uns?! Herr Walthari bringt den Schnaps, alle anderen gute Laune und wir sorgen für den Rest.“ Nun hob sie den Pokal tatsächlich ganz und gab ein heiteres: „Auf morgen Abend ... und auf heute Abend irgendwie auch. Auf das Turnier, die Herrin Rondra, auf unsere Gastgeber, uns und natürlich auf die Mittnacht!“

Firian und Adaque sahen einander kurz an und hoben dann ebenfalls ihre Gefäße – zunächst direkt in Satijanas Richtung „Auf die Gastgeber“, anschließend in die Runde „Auf die Mittnacht!“

Der Dergelqueller hob den Humpen in die Luft und erweiterte den Trinkspruch um ein: „Und Rahjas Segen obendrein.“

Satijana wartete, bis auch die Hahnfelser und Widderich ihr zugeprostet hatten, bevor sie ein paar große Schlucke Wein trank, den Pokal ein energisch zurück auf den Tisch stellte und ihre Hand auffordernd in Aardors Richtung streckte.

„Äh ... was?“, stammelte der junge Ritter sichtlich verwirrt.

„Die große Schwarzhaarige da, in dem weinroten Kleid: Gefällt dir die?“

Aardor blinzelte, sah dann in die gewiesene Richtung und konnte sich ein dümmliches Feixen nicht verkneifen, als er zwischen den Tanzenden eine schlanke Grazie erspähte: „Ja, schon!“

„Dann komm mit und hampel hier nicht rum!“, Satijana machte eine unmissverständliche Geste und verzog das Gesicht in gespieltem Tadel. „Sperr Augen und Ohren auf und lerne, Bursche, mir will scheinen, du hast es dringend nötig.“

Zwei Herzschläge später machten sich die beiden in Richtung Tanzfläche auf, während Walthari an Widderich gewandt meinte: „Da habt Ihr Euch ein vortreffliches Weib geholt.“

„Das wohl ... was für ein Weib ...“, pflichtete ihm Bärfried zustimmend bei und kassierte dafür unter dem Tisch einen Tritt seines Eheweibs.

Es dauerte einen Moment, bis der Rauheneck den Blick von der Kehrseite seiner so unerwartet entschwindenden Gattin löste und ihn wieder auf den Leufelser richtete. Nun lächelte er nicht mehr schmal, sondern grinste breit und hob den Humpen erneut, als gedenke er, auf Satijana anzustoßen. Er brachte dann aber keinen Trinkspruch aus, sondern gab nur ein lakonisches „Es war ein hartes Stück Arbeit, aber die Mühe wert“ zum Besten.

Nachdem das gesagt war erhob sich Firian und forderte Adaque auf. „Na komm, einmal versuchen wir es noch”, sagte er und verschwand mit ihr ebenfalls Richtung Tanzfläche.


Die wirklich letzte Runde
Brodilsgrund vor Angbar, 21. Rondra 1041 BF

Langsam strich Rossgilda ein letztes Mal um die Tafel herum und überprüfte, ob alles seine Richtigkeit hatte. Es gab ein Musterbeispiel am Kopfende; an ihm war das gesamte Gedeck ausgerichtet worden. Eigentlich gar nicht so schwierig, aber sie wollte unbedingt, dass wirklich alles zu einhundert Prozent stimmte. Sie mochte die Frau ihres Onkels sehr und wusste, was die sich aufgeladen hatte, um diesen Abend auf die Schnelle zu ermöglichen. Dafür verdiente sie es, dass alles genau so lief, wie sie es sich vorstellte, fand Rossgilda.

Die junge Rauheneck drehte hier noch mal an hölzernen Tellern, Schalen und Brettchen, schob dort einen irdenen Becher oder ein Messer zurecht, zupfte vorsichtig an der Tischdecke, die eigentlich keine war, und trat schließlich mit ernster Miene von der Tafel zurück. Sie begutachtete das Werk aus ein paar Schritt Entfernung, ließ ihren Blick über das Gesamtkunstwerk gleiten, das von großen Platten und einigen Kerzenständern komplettiert wurde. Rustikal, das alles. Sie hatte anfangs befürchtet, Satijana würde versuchen, mitten auf der Turnierwiese mit bronnjarischem Protz aufzuwarten, aber das war zum Glück nicht der Fall.

Vielmehr hatte sich die Frau Baronsgemahlin darauf beschränkt, den Gastleuten vor Ort einen langen Biertisch, zwei Bänke und zwei Stühle aus den Rippen zu leiern – und einfaches Geschirr sowie Besteck. All das passte sehr gut hierher und wurde durch die Anordnung sowie das schmückende Beiwerk nur ein wenig veredelt. Rossgilda gefiel es und sie war zuversichtlich, dass kaum jemand realisieren würde, wie viel Arbeit dahinter steckte. Es sah nämlich nicht nach Arbeit aus. Das war wohl auch Sinn der Sache, wenn sie es richtig verstanden hatte.

„Sieht gut aus, Mädchen. Nun entspann dich mal!“

Rossgilda wandte sich um und schenkte Bärfang ein dankbares Lächeln. Er stand neben einem dicken Hügelzwerg in speckiger Schürze, der das Ferkel auf seinem „mobilen Grill“ gerade ein letztes Mal in Schwung brachte und dann ... irgendwas mit Kartoffeln machte. Rossgilda wusste nicht genau, was. Sie wusste nur, dass der Angroscho Satijana von der Köchin der Sindelsaumer empfohlen worden war – und dass er eine krankhaft enge Beziehung zu dem Ungetüm von einem Grill pflegte. Wohl nicht zuletzt, weil er der Erfinder des Geräts war. Wie ein Irrsinniger hatte er gezetert, als Satijana ihm eröffnete, dass Bärfang seinen Platz am Spieß einnehmen würde, bevor die Gäste kamen.

Dass der Zwerg am Ende nachgegeben hatte, konnte sich Rossgilda nach wie vor nicht erklären. Es musste wohl an Satijanas gewinnender Art liegen. Gleichwohl funkelten die Augen des Kochs feindselig, als er Bärfang zum wohl hundertsten Mal erklärte, wie das Gerät bedient werden musste. Die beiden waren so vertieft, dass sie die Rückkehr der Baronsgemahlin gar nicht bemerkten. Vor einem halben Wassermaß etwa war sie ins Zelt gegangen, um sich vorzeigbar zu machen, wie sie es nannte. Darunter hatte Rossgilda sich jedoch etwas anderes als das vorgestellt, was sie nun zu sehen bekam. Sie konnte kaum glauben, dass so wenig Zeit reichte, um einen derart radikalen Wandel zu vollziehen. Wahrscheinlich verriet das die wahre Könnerin?

Mit unverhohlener Neugier unterzog die Knappin ihr Gegenüber einer ebenso gründlichen Musterung wie kurz zuvor das Gedeck. Sie nahm zuerst das dunkelgrüne Kleid zur Kenntnis, das die kurvenreiche Figur seiner Trägerin ganz hervorragend betonte und trotz aller Schlichtheit irgendwie einen ... sehr raffinierten Eindruck machte. Vielleicht verhielt es sich bei ihm ja ähnlich wie bei der Festtafel? Dann kam es bestimmt von der Hand eines Schneidermeisters. Rossgilda ließ die Augen weiter wandern, über Satijanas langes rotblondes Haar, das zu einer recht lässig wirkenden Flechtfrisur aufgesteckt war, den lächelnden Lippen, die nun etwas roter schienen als zuvor, und schließlich zu ihren Augen, deren helles Blau von einem dunklen Lidstrich zum Strahlen gebracht wurde.

„Potzdonner!“, entfuhr es der jungen Rauheneck schließlich. „Was ist das denn? Warum hast du dich nicht gestern so zurechtgemacht? Da hätten aber einige blöd geguckt, das sage ich dir. Das hätte dir eine Menge Aufmerksamkeit eingebracht, so viel ist mal klar.“

„Gestern war ich Gast“, meinte Satijana und blinzelte Rossgilda zu. „Und für einen Gast geziemt es sich nicht, allzu viel Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Das ist das Vorrecht der Gastgeber. Eine Lektion, die frau nicht früh genug lernen kann.“

„Hum“, machte die junge Rauheneck und trat näher, um mit einer geradezu andächtigen Geste über den Ärmel des Kleides zu fahren. „Wo hast du das her?“

„Das ist aus Festum.“

„Nimmst du mich da auch mal mit hin?“

„Wenn du wieder bei uns bist und dir daran liegt: selbstverständlich.“

„Meinst du, da findet sich auch was für mich? Etwas, in dem ich gut aussehe?“

Rossgilda deutete unzufrieden auf ihren viel zu langen, viel zu dürren Leib, der in einer einfachen Tunika steckte. Als Satijana ihr tadelnd in die Wange kniff, schniefte sie leise.

„Hör auf, so einen Unsinn zu reden, Gilda!“, tadelte die Bornische sie. „Natürlich findet sich da etwas für dich. Und solange du es nur mit der rechten Haltung trägst, wirst du darin auch gut aussehen. Du bist groß und schlank, das wäre ich früher auch gern gewesen ...“

„Ich bin gespannt“, murmelte die Knappin, während sie sich mit der Rechten über die malträtierte Wange fuhr. „Und was ist mit Widderich? Hast du da für den auch etwas gefunden? Wird er es heute Abend tragen?“

„Ich den feinen Herrn zusammen mit Aardor ins Badehaus geschickt, nachdem sie nichts Besseres zu tun hatten, als sich bei einem Übungskampf die Schädel einzuschlagen“, Satijana krauste die Nase und hob die Schultern. „Sie sollten eigentlich längst wieder da sein. Haben sich wahrscheinlich entweder verlaufen oder sind in einer Taverne versumpft ... oder sonst was. Mir reicht es schon, wenn diese Stoffel am Ende überhaupt etwas anhaben!“

Rossgilda lachte leise und deutete auf die Tafel: „Ich bin fertig damit. Was machen wir jetzt?“

„Jetzt?“, Satijana sah zum Himmel auf. „Unsere Gäste dürften bald kommen. Also setzen wir uns und tun so, als würden wir schon seit Stunden in aller Seelenruhe auf ihre Ankunft warten.“


***


Firian und Adaque hatten den Vormittag in ihrem Feldlager verbracht und die weitere Reise geplant. Einige Botschaften aus der Trutz hatten beide erreicht. Dort verwaltete Firians Bruder Ewein mit der Hilfe der Altbaronin Schneehag, denn Baron und Baronin waren nun schon fast drei Götternamen nicht mehr zu Hause gewesen.

Zunächst waren sie im Rahja, noch im Jahr 1040 BF, gen Gareth aufgebrochen. Neben Baron und Baronin sowie einem angemessenen Gefolge, bestand ihr Zug da auch noch aus den Kindern des Baronspaars sowie seinem Bruder Ewein und dessen Frau Luchserta. Nach einem kleinen Umweg über Dornensee, wo sie Adaques Vater und Geschwister besucht hatten, ging es direkt in die Hauptstadt. In Gareth hatten Firian, Adaque und Ewein am Kaiserturnier teilgenommen. Mit unterschiedlichem Erfolg. Nach dem Ende des Kaiserturniers ging es etwas mehr als 150 Meilen bis nach Luringen. Dort fand das Grafenturnier der Grafschaft Reichsforst statt. Bei diesem setzte Adaque aus. Ewein und Luchserta schieden jeweils nach einigen Runden aus. Firian dagegen gelang es bis ins Finale vorzustoßen, wo er dann aber unterlag.

Bereits auf dem Kaiserturnier hatten sie eine Einladung für das Turnier in Kressenburg erhalten. Deshalb ging es nach dem Grafenturnier wieder nicht gen Heimat, sondern ins Greifenfurtsche. Neben Firian, nahmen erneut Ewein und Luchserta an diesem Turnier teil. Es brachte aber keinem Schneehager viel Erfolg und sie schieden alle recht früh aus.Nach dem Ende des Turnieres machten Ewein und Luchserta sich sowohl mit ihren eigenen als auch den Kindern von Firian und Adaque auf dem Heimweg. In der Zwischenzeit war der Erste Ritter Schneehags, Rauert Stelin von Runkel, in Kressenburg angekommen. In dessen Begleitung und mit frischem Gefolge ging es dann gen Angbar zum Fürstenturnier.

Über dessen Verlauf und vor allem Ende würde im Haus Böcklin wohl nicht so schnell wieder jemand sprechen. Einzig der Sieg von Adaque über Nimmgalf von Hirschfurten war erwähnenswert und wurde ausgekostet. Wobei mehr von Firian als von Adaque selbst, die nicht viel Gefallen am Tjosten fand und hoffte, dass diese Turniersaison nun endlich ein Ende finden würde. Die Botschaften, die sie aus Schneehag erreicht hatten, waren aber durchweg positiv. Gleichzeitig gab es mehrere Briefe, so zum Beispiel vom Gevatter Ailgrimm aus Trallop oder von Alara Paligan an Firian oder von einigen hohen Mitgliedern der Familie Mersingen für Adaque. Schnell wurde jedenfalls beiden klar, dass sie von Angbar aus den über 650 Meilen langen Weg bis nach Mantrash’Mor auf sich nehmen würden, um dort den endgültigen Friedensvertrag zwischen dem Horasreich und dem Reich auszuhandeln.

Sowohl Adaque als auch Firian waren nicht zum ersten Mal froh, dass sie einiges in die Reiseausstattung investiert hatten. Das Schlafzelt der beiden mit dem schnell zusammensteckbaren Bett war dabei nur eine Sache unter vielen. Da die Entscheidung gefallen war, verbrachten sie den Nachmittag dennoch damit, in Angbar noch einiges für die Weiterreise zu besorgen. Relativ früh ging es dann aber zu den Rauhenecks.

Firian trug einen recht neuen und leichten Gambeson. Dieser war weit weniger dafür geeignet als Unterzeug zu einer schweren Rüstung getragen zu werden, denn als rustikales schmückendes Kleidungsstück. Er hatte zum Beispiel einige eingenähte Verzierungen und auch verbrämte Schließen. Der Ledergürtel schien nagelneu, vielleicht sogar heute erst erstanden und geschwärzt. An ihm hingen neben Alltäglichen wie einer Geldkatze und einer kleinen Ledertasche zum einen ein Gürtelschild mit dem Böcklinwappen und zum anderen ein Eberfänger. Dessen Griff wies ebenfalls Verzierungen auf und war mit einem Lederriemen als Friedensband gesichert. An beiden Händen trug der Baron von Schneehag neben seinem Ehering, der eher elfisch wirkte, und einem schweren Siegelring ein paar weitere schwere Silberringe. Um den Hals trug er ein Amulett in der stilisierten Form eines Firunsmessers. Das Griffstück sah aus wie ein Bärenkopf, während die Klinge aus einer Kralle geschnitten war. Unter dem Gambeson trug er ein einfaches Leinenhemd, Beinlinge aus Hirschleder und Reitstiefel.

Adaque hatte, angesichts der Jahreszeit, ein recht leichtes Kleid gewählt. Grundlegend bestand es aus weißem Leinenstoff. Dieser war aber mit einer breiten Borte verziert. Am Oberkörper trug sie über dem Kleid ein schwarzes Brokatmieder. Adaque war um einiges schmaler als die Gastgeberin, durch das Mieder wurden ihre weiblichen Rundungen allerdings ebenso betont. Ihre Haare trug die Schneehagerin mehr oder weniger offen. Nur ein paar Klammern sorgten für Ordnung und hatten den Nebeneffekt, dass die Haare so die meiste Zeit die leicht spitzen Ohren verdeckten. Auch sie trug einen elfisch anmutenden Ehering und einen, wenn auch in einer wesentlich filigraneren Ausführung, Siegelring mit Böcklinwappen. Dazu keine weiteren Ringe und um den Hals an einer Silberkette ein Medaillon mit dem Wappen der Familie Mersingen. Der einzige Hinweis auf ihre Herkunft, den man auf den ersten Blick sehen konnte. Im Gegensatz zu denen der Rotenforsterin waren Adaques Lippen ungefärbt, sie trug aber wie Satijana einen fein geschwungenen Lidstrich.

Beide Schneehager betraten so, begleitet von einem Bediensteten, der etwas trug, was mit einem Leinentuch abgedeckt war, das Lager der Rauhenecks. Nachdem sie kurz einmal den Blick schweifen lassen hatten, sahen sie Satijana an, die sich bei ihrem Eintreffen von einer reich gedeckten Tafel erhoben hatte und ihnen mit einem freundlichen Lächeln entgegenkam. In ihrem Rücken trat Widderich von Rauheneck just aus einem der Zelte, war aber so sehr damit beschäftigt, die Schnüre einer ledernen Armschiene zu verknoten, dass er seine Gäste im ersten Moment gar nicht bemerkte.

Firian beließ es zunächst bei einem Nicken, während Adaque ein „Die Zwölfe zum Gruß, Schwester Rotenforst“ zu Gehör brachte. „Wir danken noch einmal für die Einladung und haben als Gastgeschenk eine Kleinigkeit mitgebracht.“

Adaque deutete kurz auf den Bediensteten, der einen Schritt nach vorn machte und das Tuch entfernte. Auf einem Holzbrett lag ein gut einem Spann durchmessender Weißschimmelkäselaib, der intensiven Duft verströmte.

„Aus bester Milch von Schneehager Ziegen. Außen mit einer festen Kräuterschicht hat er eine milde Schicht im Kern und dazwischen eine fast flüssige Schicht die eine ordentliche Schärfe haben sollte inzwischen“, pries Firian den Käse an. „Er wird am Ende vortrefflich den Magen schließen“, schob er noch hinterher.

„Seid willkommen, im Namen Travias“, meinte Satijana, als sie vor den Schneehagern stand. Sie reichte erst Adaque und dann Firian die Hand zum Gruß und deutete dabei sogar einen leichten Knicks an. „Es freut mich sehr, dass ihr unserer Einladung gefolgt seid und an unserer Tafel mit uns speisen wollt. Ich hoffe, wir können heute einen unbeschwerten Abend miteinander verbringen, bevor wir morgen alle weiterziehen.“

Firian griff ordentlich zu beim Handschlag und hatte bei dem Knicks eher skeptisch kurz eine Augenbraue gehoben. Adaque nahm den Handschlag natürlich ebenso an, fasste auch nicht kraftlos zu, aber um einiges sanfter als Firian, während sie sagte: „Das hoffen wir auch!“

Erst danach löste Satijana ihren Blick von den Gesichtern der Trutzer und nahm den Käse in Augnschein. „Ich habe schon davon gehört, dass es bei Euch seit einigen Götterläufen einen recht experimentierfreudigen Käser gibt und bin gespannt. Riechen tut er ja schon mal ...“, ihr Lächeln vertiefte sich, „... als ob er etwas kann.“ Mit einer beiläufigen Geste wies sie den Bediensteten der Böcklins an, sich ein freies Plätzchen auf der Tafel zu suchen.

Die beiden Schneehager schienen zufrieden damit, dass der Käse schon in einem größeren Umkreis bekannt war, sagten aber nichts dazu. Den Bediensteten dagegen weckte Satijanas Geste erst wieder – er war wohl für einen kurzen Moment an ihrer Figur hängengeblieben und in Gedanken abgeschweift. Mit knallrotem Kopf machte der junge Bursche sich dann aber rasch auf dem Weg.

Bis dahin hatte Widderich es auch endlich zu seinen Gästen geschafft. In einem kurzärmligen schwarzen Waffenrock über einer roten Tunika mit Stehkragen und ganz ohne Schmuck konnte er dem Schneehager Baron stilistisch nicht wirklich Paroli bieten. Allzumal die Farbwahl für einen aufrechten Mittelreicher gewöhnungsbedürftig war. Doch das Wappen der Rauhenecks hatten diese Farben schon geziert, bevor sie zu einem Symbol für das Böse wurden, und sie würden sich freiwillig bestimmt niemals davon trennen.

„Den Herrinnen Travia und Rondra zum Gruße“, meinte der Rotenforster und nickte knapp, ehe er den Schneehagern seinen Schwertarm zum Kriegergruß darbot. „Willkommen in unserer bescheidenen Heimstatt“, schob er dann schmunzelnd nach und machte eine einladende Geste in Richtung der Tafel. „Als zu, fühlt euch wie daheim!“

Beide Schneehager erwiderten den Kriegergruß ihres Gastgebers. Firian schien jedoch Probleme mit seiner Augenbraue zu haben, denn als Widderich sie im Namen der Sturmleuin und der Eidmutter begrüßte, zuckte diese wieder kurz nach oben. Er war sich im ersten Moment nicht sicher, ob der Rotenforster die minimale Bewegung registrierte, denn seine Miene blieb unbewegt. Dann aber glaubte Firian ein geradezu herausforderndes Blitzen in den Augen des Rauheneck zu erkennen – und so wie seine Braue sich nahezu unmerklich gehoben hatte, hob sich nun dessen rechter Mundwinkel. Bevor die beiden das Spielchen weiter treiben konnten, wurden sie allerdings von der Schneehager Baronsgemahlin unterbrochen.

„Sieht doch gut aus“, gab Adaque von sich, hakte sich bei Firian unter (?) und ging dann von ihm begleitet zur Tafel hinüber, um sich dort wie geheißen zu Hause zu fühlen.

Widderich wollte sich den beiden schon anschließen, wurde aber im letzten Augenblick von Satijana aufgehalten, die ihm mit einer knappen Geste zu verstehen gab, dass die nächsten Gäste schon im Anmarsch waren.


***


„Was?“, fragte Bärfried leicht gereizt, als er sich zum Gehen fertigmachte.

„Das weißt du ganz genau.“, kam es von Branda nicht minder genervt zurück. „Schämen muss man sich mit dir.“

„Pfft ... tu nicht so, als ob es dir nicht gefallen würde.“

Sie seufzte. „Darum geht es nicht, aber kannst du dich nicht einmal etwas feiner kleiden ? Du weißt schon ... damit du zu mir passt.“ Branda drehte sich kurz einmal um die eigene Achse. Sie war in ein schönes weinrotes Kleid aus Leinen gewandet. Ihre feuerroten Locken hüpften und die  Aufregung hatte ihr kindliche rote Flecken auf die Wangen gemalt. Ja, ab und zu war es schön, sich ansehnlich zu kleiden – auch für eine Hinterwäldlerin.

„Soso ...“, entgegnete Bärfried ihr lauernd, „... tue ich das jetzt etwa nicht?“

„Sieh dich doch mal an, Mann“, kam es verärgert zurück. „Kannst du nicht wenigstens ein Hemd unter dieser speckigen Lederweste anziehen? Wie sieht das denn aus?“

„Es ist nun mal ... heiß“, antwortete der Sunderhardter seinem Weib. Bärfried war in seine liebste Tracht gekleidet: leichte Stiefel, eine enge Lederhose und eine ärmellose Weste aus demselben Material. Alles in allem sah der Junker von Sunderhardt nicht besser aus als ein Tagedieb oder Landstreicher. Einzig das Langschwert an seiner Seite wies ihn als Edelmann aus.

„Ja klar ...“, funkelte Branda ihn an. Sie war es leid, aber ihr Mann war nun einmal ein unverbesserlicher Sturkopf. „... bei den Ahnen. Dann geh halt so – unser Ruf ist sowieso schon auf Generationen hin zerstört.“

So war die Stimmung zwischen dem Ehepaar Sunderhardt nicht die beste, als sie im Zeltlager der Rauhenecks ankamen. Das ging sogar so weit, dass Branda zornig zwei Schritt vor Bärfried stapfte und ihre Gesichtsfarbe der ihrer Haare bedrohlich nah kam, während der Junker selbst entspannt und mit einer gepfiffenen Melodie auf den Lippen dahin schlenderte. In seiner Hand hielt er eine Flasche seines Selbstgebrannten, den er auch schon Bärfang kredenzt hatte. Seine letzte und es war ihm ewig schade darum, doch wollte er nicht ohne ein Gastgeschenk auftauchen.

Die Rotenforster wechselten einen unauffälligen Blick miteinander, als sie die Hahnfelser nahen sahen – Satijana hatte die Stirn fragend in Falten gelgt und Widderich reagierte darauf mit einem kaum merklich Achselzucken, das seine Gemahlin nach kurzem Zögern spiegelte. Dann trat sie lächelnd auf die voran stapfende Trenckerin zu und gab ihr mit einem anerkennenden Blick zu verstehen, dass ihr deren Aufmachung gefiel.

„Willkommen, meine Liebe. Schön, dass du da bist“, meinte sie und fügte ein leises: „Du siehst sehr hübsch aus“ an. Ohne groß nachzudenken, hob sie die linke Hand und zupfte sacht an einer besonders vorwitzigen Locke ihres Gastes: „Ich kenne Frauen, die viele frustrierende Stunden ihres Lebens allein damit verbringen, ihr Haar in eine solche Form zu zwingen. Die Liebliche hat es gut mit dir gemeint.“ Satijana hielt kurz inne, um Bärfried mit einem prüfenden Blick zu bedenken und seiner Gemahlin dann ein verschwörerisches Lächeln zu schenken: „Zumindest, was dein Haar angeht.“ Das anschließende Blinzeln verriet, dass die Worte eher dazu gedacht waren, Branda aufzuheitern, als ihren Mann zu schmähen.

Branda lächelte und ihre Zornesröte wandelte sich in einen Ausdruck von Verlegenheit. Kurz wandte sie sich zu ihrem Gemahl um, der gerade die Richtung des Gastgebers ansteuerte. „Ja, manchmal ist es ... schwierig ...“ Sie hob ihre Schultern und rollte mit den Augen. Es war nur ein kurzes Mienenspiel, denn sogleich zeigte sich wieder ein freundliches Lächeln auf den roten Lippen der Trenckerin. „Danke, das Kompliment kann ich dir eigentlich nur zurück geben. Du siehst wunderschön aus – wie immer.“

„Schwierig deucht mir besser als langweilig, Branda“, erwiderte Satijana ohne Zögern. „Bei Zweiterem erstarrt eine Beziehung doch schneller als frau sich versieht und wird deutlich nachhaltiger zersetzt. Ich würde die Reibung dem Gleichmaß jederzeit vorziehen und schätze, letztlich verhält es sich bei dir nicht anders?!“ Sie zwinkerte der Hahnfelserin abermals zu und garnierte den Wink mit einem Feixen.  

An ihrer Seite hatte Widderich Bärfang unterdessen den Arm zum Kriegergruß dargeboten. Sollte er sich an der speckigen Lederweste oder der vielen nackten Haut stören, die sein Gast zur Schau stellte, ließ er sich das nicht anmerken. Stattdessen lächelte er breit und machte eine vage Geste in Richtung der Flasche, die der Sunderhartder umklammert hielt:

„Wie war das noch gleich? Hochlandkriecher? Über den habe ich nur Gutes gehört“, er nickte Bärfried zu, während er nach seinem Unterarm griff. „Wenn am Ende dieses Abends noch irgendjemand nüchtern ist, haben wir definitiv etwas falsch gemacht ...“

„Kriecherl ...“, korrigierte der Uhlengrunder lächelnd, als auch er fest, aber freundschaftlich zugriff. „Dein Bruder mochte ihn sehr. Wenn du willst, bringe ich euch einmal ein paar Kriechen-Setzlinge vorbei. Die sollten bei euch auch wachsen.“

„Kriechen-Setzlinge ...“, wiederholte der Rotenforster bedächtig und schien währenddessen schon zu überlegen, wo in seinem Lehen es ähnliche landschaftliche Bedinungen wie in Hahnfels geben mochte. Er war damit noch nicht fertig, als Satijana an die Herren der Schöpfung heran trat, um Bärfried ebenfalls willkommen zu heißen – mit einem Handschlag und im Namen Travias, wie gehabt.

„Schön, dass ihr da seid“, meinte sie, während sie den Blick erst über seine bloßen Arme und dann über die Flasche gleiten ließ. „Und dass ihr das Sortiment an Schnaps und Brannt noch einmal erweitert. Nach einem schweren Mahl ist so was bekanntlich die beste Medizin.“

Als sei dies sein Stichwort gewesen, tauchte just in diesem Moment auch Walthari von Leufels im Sichtfeld der versammelten Weidener auf.


***


Als er sich für den kommenden Abend ankleidete, wurde Walthari bewusst, dass er der Einzige unter den Feiernden war, der ohne sein Eheweib erscheinen würde. Diese Erkenntnis ließ die Sehnsucht nach Rovena in ihm aufsteigen. Zu oft war er fort von zu Hause und zu oft ließ er sie dort zurück. Aber sie bestand darauf, sich um die Kinder zu kümmern, obwohl das – nach Waltharis Meinung zumindest – genausogut die Kinderfrau machen konnte. Nun ja, bald würde sein Ältester seine Knappenzeit beginnen und die beiden anderen waren langsam aus dem Gröbsten raus. Aktuell sah es so aus, als ob Tsa ihnen drei gesunde Kinder zugestanden hatte und es dabei bleiben würde. Insofern war er zuversichtlich, alsbald wieder seine Liebste bei sich zu haben, wenn er auf Reisen ging.

„Sitzt alles?“ Walthari trat aus dem Zelt, wo bereits sein Knappe Rutger stand. Der junge Mann trug einen blauen Wappenrock mit dem Leufelser Löwen darauf, ein weißes Hemd darunter, schwarze Leinenhosen und einfache halbhohe Stiefel.

Der Baron selbst war in eine blaue langärmlige Tunika mit goldenen – naja, gelben – Stickereien an den Säumen gekleidet, die von einem braunen und schon speckigen Gürtel mit einer Messingschnalle in Form eines Löwenkopfs an der breiten Taille gehalten wurde. Darunter lugten eine Hose aus hellem und leichtem Leder sowie halbhohe Stiefel aus demselben Material hervor. Seinem Stand entsprechend hatte Walthari ein Langschwert an der Seite, um dessen Griff und Schwertscheide ein blau-gelbes Friedensband gewickelt war. Der Siegelring an der rechten Hand war der einzige Schmuck, den er trug.

Rutger besah sich seinen Schwertvater und ging einmal um ihn herum. Er zog am Rücken noch einam etwas an der Tunika und strich ein paar Flusen herunter, dann trat er wieder vor Walthari. „Ihr seht stattlich aus, Herr“. Ein bestätigendes Brummen war die Antwort. „Dann nimm das Fässchen und los geht’s. Mir knurrt der Magen.“ Rutger klemmte sich das kleine Holzfass mit dem Bärentod unter den Arm und folgte dem Baron ins Lager der Rauhenecks.

An dessen Eingang hatte sich ein kleiner Auflauf an Rotenforstern und Hahnfelsern versammelt. Widderich stand bei Bärfried und Branda und schien mit den beiden über die Vorzüge einer merkwürdig benamsten Frucht zu reden, während Satijana den Knappen Widolf bat, Rossgilda für den Abend beim Aufwarten unter die Arme zu greifen. Das gleiche Schicksal ereilte Rutger kurz darauf – wobei es an sich ein Ding der Selbstverständlichkeit war, dass Knappen solche Dienste verrichteten, wo es keine Pagen und sonstigen Bediensteten gab.

Walthari jedenfalls wurde vom Rotenforster Baron in Empfang genommen, der ihn mit Kriegergruß und im Namen der Herdmutter willkommen hieß. „Das alles hier war eine vortreffliche Idee Eurer Gemahlin“, stellte der Trutzer fest. „Das erste Aufeinandertreffen von Rotenforst und Dergelquell scheint unter einem guten Stern zu stehen.“

Widderich quittierte seine Worte mit einem knappen Nicken, derweil Satijana ebenfalls näher trat, um den Gast zu begrüßen. „Wunderbar, dass Ihr auch schon da seid, Hochgeboren“, meinte sie. „Nun fehlen nur noch Aardor und Herr Rauert. Ich bin zuversichtlich, dass wir alsbald tafeln können.“ Sie deutete mit einer vagen Geste auf den langen Tisch, zu dem Adaque und Firian bereits hinüber gegangen waren.

Das Schneehager Baronspaar hatte gerade begonnen, sich wie geheißen „zu Hause zu fühlen“, als nach Bärfried und Branda auch Walthari eintraf. Die beiden hatten sich einen kurzen Blick zugeworfen und kurz spitzbübisch gegrinst. Auch ihnen war die leichte Spannung zwischen den beiden Hahnfelsern nicht entgangen. Bei Waltharis Eintreffen verschwand zumindest von Firians Gesicht das Lächeln. Nichtsdestotrotz standen die Schneehager auf und gingen die paar Schritte auf die Gruppe zu. Adaque grüßte alle drei in ihrer eigenen, freundlichen Art. Walthari und Bärfried bekamen dazu noch den Unteram zum Kriegergruß, Branda einen normalen Handschlag. Firian grüßte Bärfried und Branda recht neutral aber mit jeweils passendem Handschlag. Walthari nickte er hingegen nur zu, verbunden mit einem knappen „Leufels“.

Walthari begrüsste alle Anwesenden mit einem freundlichen Lächeln und dem gebührenden Gruß. Als Firian ihm die Hand verweigerte, ignorierte er die Unverschämtheit mit einem missmutigen Brummen. Er fragte sich zunehmend, warum er sich die grundlosen Sticheleien und Provokationen dieses alten Bocks seit Jahren gefallen ließ, ihm sogar immer wieder friedlich entgegenkam. Vielleicht sollte er damit aufhören. Der Schneehager stand weder über ihm, noch brachte er ihm irgendeinen Nutzen. Dass er eines Tages das Stammlehen der Leufelser wieder bekommen würde ... die Hoffnung hatte er schon lange zu Grabe getragen. Aber heute war ja eine Feierstunde. Und Walthari hatte nicht vor, sich das Verderben zu lassen. Sollte der erfolgloseste unter den Wiedener Streitern ruhig motzig dreinschauen.

Die Rotenforster Baronsgemahlin schien den Hauch der Misstimmung sofort zu spüren, der das Aufeinandertreffen der beiden Trutzer umwehte, und handelte, ohne groß nachzudenken. Sie hakte sich kurzentschlossen bei Walthari unter, der ohne Begleitung gekommen war und daher einen freien Arm zur Verfügung hatte. Daran, dass ihr eigener Gemahl durch diesen Schachzug leer ausging, verschwendete sie keinen Gedanken, sondern plauderte locker drauf los, während sie den großen Trutzer in Richtung der Tafel dirigierte.

In ihrem Kielwasser folgten die anderen Gäste und schließlich auch der Gastgeber und nahmen kurz darauf an der Tafel platz. Nachdem alle saßen, ergriff Adaque das Wort: „Was zum Geier sind den Kriecherl, wie pflanzt man sie an und aus was von denen wird das offenbar begehrte Gesöff hergestellt?“ Wenn Adaque bisher eines mitbekommen hatte, dann dass der Bruder von Widderich Ahnung von Hochprozentigem hatte – und wenn der dem Schnaps seinen Segen gegeben hatte, wollte sie wissen, was das für Zeug war.

Firian fügte unterdessen in Satijanas Richtung gewandt ein „Mein Erster Ritter kommt später nach. Er hat noch was zu erledigen.“

Die Rotenforsterin nickte dem Schneehager zu, um ihm zu bedeuten, dass die Information angekommen war, richtete den Blick dann aber erst mal wieder auf Bärfried, der just zu einer Antwort auf Adaques Frage ansatzte.

Wer den Sunderhardter kannte, der wusste, dass er ein sehr eloquenter Mann sein konnte – wenn er denn wollte. Wenn eine ansehnliche Frau das Wort an ihn richtete, dann wandelte sich sein sonst so renitentes, großspuriges Gehabe gar oft zu einem nicht enden wollenden Quell an Charme. So auch dieses Mal. Der Junker setzte sein charmantestes Lächeln auf, als er sich der Baronsgemahlin zuwandte. „Das Kriecherl ist eine besondere Pflaumenart, die sich vor allem im Hochland findet. Aus der Frucht lässt sich ein ausgezeichneter Schnaps machen. Selbst mit meinen bescheidenen Kenntnissen.“ Kurz schenkte er nun auch Firian einen Seitenblick. „Gerne würde ich auch Euch einen Setzling anbieten, aber wer weiß schon, wann sich die nächste Gelegenheit bietet, einander wiederzusehen.“

Adaque erwiderte das Lächeln, schien aber sonst wenig beeindruckt. Um sie zu beeindrucken, musste der Sunderhardter schon etwas mehr als ein Lächeln aufbringen.

„Soso ... einen Setzling. Ich weiß nicht, ob ich dann noch sowas wie Kriecher trinke, wenn der das erste Mal Früchte trägt“, gab sie zurück. „Aber ich schlage vor, wir kosten den später und vielleicht lohnt sich ja, dass ich ein paar Setzlinge für meine Kinder nach Schneehag hole. Und wer weiß: Wenn er richtig gut ist, wäre ich vielleicht sogar daran interessiert, bis die Setzlinge Früchte tragen was in Flaschenform davon nach Schneehag zu holen. Was meinst du?“, wandte sie sich schließlich an Firian.

„Nen guten Schabau kann man immer gebrauchen. Der Rittersturz ist zwar nicht schlecht, aber Pflaume ist mir lieber als Schlehe ... . Vielleicht tauschen wir ja einfach mit dem Honig-Kräuter aus’m Alten Thal ...“

Bärfried neigte seinen Kopf in Richtung des Baronspaares von Schneehag. „Mit Verlaub, Teuerste ...“, näselte der Sunderhardter dann, was sein Eheweib dazu verleitete, theatralisch mit den Augen zu rollen, „... aber wenn man bedenkt, dass der Baum schon nach wenigen Sommern Früchte trägt, wenn auch nicht viele, dann denke ich doch, dass schon Ihr und Euer Gemahl in den Genuss seiner Gaben kommen mögt.“ Als das gesagt war, wandte sich der Hahnfelser dem Böcklin zu. „Ich bin gespannt auf Euer Urteil. Genauer gesagt auf das von allen Anwesenden.“

Adaque strahlte Bärfried an und sagte freundlich aber auch leicht ironisch. „Na, jetzt ist die Entscheidung definitiv gefallen und ich will unbedingt einige Setzlinge dieser Wunderpflanze haben. Vom Setzling bis zum Früchtetragen in nur wenigen Sommern und dann auch noch vollschmeckende Früchte, aus denen man guten Brand machen kann ... es ist doch ein Brand, oder nicht? Jedenfalls würde ich mich sehr freuen, wenn diese von der Gebenden gesegneten Pflanze ihren Weg nach Schneehag findet. Sagt, Bärfried, kommen zuweilen Norbarden bis zu Euch nach Hause?“

„Norbarden?“, Satijana hatte die ganze Zeit schweigend an der Tafel gesessen und mit einer Miene gelauscht, die verriet, dass sie an manchen Stellen nicht folgen konnte. Hier aber schien sie nun Anschluss zu finden und bedachte die Schneehagerin mit einem verwunderten Blick. „Hat es die hier etwa auch? So weit ich weiß, verlaufen deren Routen doch weiter im Norden?!“ Sie hob die Brauen und wandte sich Widderich zu: „Kommen die bei uns etwa durch?“

„Nein“, der Rotenforster schüttelte den Kopf und ergänzte nach einer kurzen Pause noch ein kopfwiegendes „Seltenst!“

„Müssten sie aber doch, wenn sie aus dem Bornischen kämen?! Das wüssten wir doch?“

„Korrekt.“ Der Rauheneck nickte. „Wenn es einer wissen müsste, dann wir.“ Er lächelte seiner Gemahlin zu und wandte sich dann an Adaque: „Kommen sie denn zu Euch nach Hause? Über das Nebelmoor, oder wie?“

Adaque schien etwas überrascht und hörte erst einmal zu, was die beiden Rotenforster sich erzählten. Danach wandte sie sich wieder direkt an Satijana:

„Ähm ... ja nun. Also ich kenne sie ja erst wirklich, seitdem Schneehag mein zu Hause und meine Heimat ist. In Garetien hieß es immer nur, die wären wie Zahoris mit weniger Haaren auf dem Kopf und mehr an der Kleidung. Aber es soll sie doch sogar im Land der Thorwaler geben? Nachdem ich sie nun jedenfalls kennengelernt habe, kann ich ganz und gar nicht bestätigen, dass sie diesem Zahoripack ähneln. Naja gut, außer das sie halt auch Fahrendes Volk sind. Aber um auf deine Frage zurück zu kommen ... oder noch besser ...“, Adaque wandte sich Firian zu, „... erzähl du mal besser!“

Firian räusperte sich, um anzuzeigen, dass er eigentlich noch was zu trinken haben wollte, bevor er richtig erzählte. Aber davon ausgehend, dass gleich was kam oder er sich, wenn nicht, selbst helfen würde, antwortete er:

„Über’s Nebelmoor direkt meine ich nicht. Ich kann mich erinnern, als ich noch nicht mal Page war, kamen drei verschiedene Sippen immer über den Finsterkamm. Es soll ein größeres Winterlager in Svellmia geben ... oder gegeben haben. Die Sippen kommen jedenfalls nicht mehr, seitdem der Schwarzpelz das Svelltland hat“, gerade so verkniff er sich das Ausspucken.

„Als ich Baron wurde, kam eine Zeitlang eine Sippe, die ihr Winterlager irgendwo am Kvill hat. Die waren aber mindestens sieben Wintern nicht mehr da. Alle paar Jahre kommt mal eine kleine Sippe vorbei. Die sind aber recht abgerissen und nach ihrem letzten Besuch will ich sie eigentlich nicht mehr dulden. Naja, und dann gibt es da noch die Shinjanin ... ein recht große Sippe, die ihr Winterlager auf der Hardorper Ebene hat. Die kommen seit 1039 einmal im Frühling und einmal im Herbst vorbei. Muss man natürlich auch gut aufpassen, dass die einem die Bauern nicht verrückt machen. Aber die Waren, die die dabei haben, und die Neuigkeiten, die sie bringen ... dafür lohnt es sich! Ich denke darüber nach, mit der Sippe zu verhandeln, dass sie jedes Jahr zum Fest der eingebrachten Früchte da sind und einen kleinen Markt veranstalten.“ Firian sah Satijana an und wusste ja von ihrer Herkunft. „Wie denkt Ihr über so eine Idee?“

„Allein mit den Waren der Norbarden?“, Satijana hob überrascht die Brauen. „Sind denn in Schneehag und Umgebung keine Händler ansässig, die Ihr damit vor den Kopf stoßen könntet?“ Derweil sie das sagte, winkte sie Rossgilda heran, die schon eine Weile vier große Humpen balancierend in der Nähe stand. Die letzten Schritte hatte sie noch nicht gewagt – vermutlich, weil sie die hohen Herrschaften nicht in ihrem Redefluss stören wollte. Jetzt trat sie aber doch an die Tafel und warf ein leises „Wer mag Ferdoker?“ in die Runde. „Wir haben außerdem Met und Apfelmost und etwas roten Wein.“

Firan nahm sich eines der Ferdoker, während Adaque einen Met orderte.

„Nein ... die Waren der Norbarden sollen mehr das Angebot vergrößern ... vielleicht etwas bringen, was sonst nicht da ist. In Schneehag selbst hat es nicht viele Händler. Ich denke mal, die, die es besser wissen, hat der Schwarzpelz beim letzten Sturm geholt und der Rest denkt, es lohnt sich nicht. Ich hab, was auswärtige Händler angeht, eigentlich nur den Durchgangsverkehr vom Alten Weg zwischen Altenfurten und Nordhag. Sonst kommen lediglich Händler aus Brachfelde und halt die Norbarden auch zum Handeln und nicht bloß zum durchfahren. Meine Idee ging aber noch weiter. Ich habe inzwischen ein paar Kontakte zu den Finsterkammzwergen und König Garbalon und hoffe auch auf eine Gruppe von dort. Dann wäre mit Norbarden, Zwergen und Händlern aus Brachfelde ja schon einiges geboten. Ich denke, wir werden es einfach mal versuchen. Ich bin es jedenfalls leid, dass anderorten Reibach mit den Erzeugnissen meines Landes gemacht wird! Die Abgaben der Bauern kommen ja etwa in einem Sack Walnüsse und nicht in Münzen. Wenn ich aber dann ein neues Schwert in Reichsend kaufe, will der Handwerker in Gold bezahlt werden. Ich muss also die Säcke Walnüsse nach Reichsend bringen und da dann günstig verkaufen ...“, brummte der Baron.

„Sicher. Wenn Ihr in Schneehag Marktrecht habt, dürfte ja kaum etwas dagegen sprechen, dass Ihr eine solche Veranstaltung ausrichtet“, meinte Satijana, nachdem sie den Böcklin einen Moment schweigend betrachtet hatte. Ihr Blick war schwer einzuordnen, immerhin aber lächelte sie, als sie fortfuhr: „Was die Fahrenden des Nordens betrifft, kann ich nur sagen, dass ich bisher mehrheitlich gute Erfahrungen gemacht habe. Sie neigen nicht dazu, ihre Handelspartner so gnadenlos über den Tisch zu ziehen, wie es der gemeine Festumer Händler gern mal tut. Ich glaube, das hat etwas mit ihrem Verständnis von Ehre zu tun. Goldgier gilt in ihren Kreisen wohl als Makel und nicht als Merkmal, das ein guter Händler von Haus aus mitbringen sollte.“

Die Rotenforsterin hielt kurz inne und wog dann nachdenklich den Kopf: „Natürlich heißt das noch lange nicht, dass sie Eure Bauern nicht verrückt machen werden. Nach meiner Erfahrung sind Weidener Neuem gegenüber nicht so aufgeschlossen, wie es etwa in meiner Heimat der Fall ist. Und bei den Norbarden gibt es Sitten und Gebräuche, die für Außenstehende schwer nachvollziehbar sind. Vielleicht wäre es besser, die einfachen Schneehager würden davon nicht allzu viel mitkriegen.“

„Na, das Erste hört sich doch sehr gut an!“ Firian sah sich sichtbar bestätigt in seinem Plan.

Adaque übernahm dann aber schnell eine Antwort auf den zweiten Teil von Satijanas Worten:
„Die Gefahr besteht natürlich. Aber mit dem Markt zum Erntefest hätte man den Besuch ja in eine Bahn gelenkt. Macht daraus zwar ein Erlebnis, aber nimmt es auch auf in Altbewährtes. Da wir ja zu mindest in Schneehag schon seit vielen Jahren Besuch von Norbarden haben, hat es, denke ich, auch schon viel vom Neu sein verloren. Das Neue wäre dann eher, dass zum Erntefest mehr geboten wird. Das Leben ist für die Bauern hart genug, ich würde mich freuen, wenn man zum Ereignis des Erntefests ein wenig Freude und Abwechslung in ihren harten Lebensalltag bringen könnte. Natürlich werde ich aber dafür sorgen, dass auch möglichst viele der Hirten der guten Götter da sein werden!“

Adaque sah zum anderen Sichelwachter Paar und zu Walthari rüber, die mittlerweile auch fast alle etwas zu trinken vor sich stehen hatten: „Wie ist es bei euch mit Norbarden?“

Walthari war gerade innerlich im Kampf mit der Entscheidung, ob er nun Ferdoker oder Met trinken wollte, als Adaque ihn ansprach. Er räusperte sich kurz, bevor er antwortete: „Norbarden hab ich noch nie bei uns gesehen. Ware in Münzen tauschen muss ich halt in Nordhag. Das ist aber auch nicht so nah, wie Ihr vielleicht denkt. Ab Herbst kann man kaum noch sicher über den Schattbachpass reisen. Ich überlege schon länger, ob man nicht einen direkten Weg nach Nordhag bauen sollte. Aber wer soll das bezahlen?“ Walthari hob die Schultern, fuhr dann jedoch fort, ohne eine Antwort abzuwarten. „Im Moment kann ich mich aber nicht beklagen. Der Greyffenstein muss versorgt werden und der Weg durch Dergelquell ist sicherer als der über den Nôrrnstieg. Das Wenige, was ich überhaupt zu Silber machen kann, kauft mir die Rondrakirche ab. Zumindest bis die sich da drüben selbst versorgen können.“

Sowohl Adaque als auch Firian hörten den Ausführungen von Walthari zu. Adaque entgegnete auf seine Worte zunächst nichts, sondern wartete, ob auch die beiden Hahnfelser noch etwas ergänzen würden.

Firian verfing sich zunächst in seinen Gedanken. Handel in Nordhag treiben kam für ihn nicht in Frage. Die Stadt war eh schon groß genug und zog alles an sich. Die wollte er nicht auch noch stärken. Nein, da würde er es mit den Norbarden versuchen und die Kontakte zu den Finsterkammzwergen vertiefen. Dadurch kam er vielleicht sogar noch in die Lage, unabhängig von den Waffenhandwerkern in Reichsend zu werden. Auch wenn die Preise der Zwerge noch mal um einiges über denen der menschlichen Handwerker lagen.

Die weiteren Worte des Leufelser ärgerten ihn erst für einen kurzen Moment. Natürlich war dieses verdammte Glück wieder mit dem Kerl und ausgerechnet der Pass in seiner Baronie versorgte den Greyfenstein. Dann aber, nach kurzem Nachdenken, kam ein merkwürdiger Gedanke in ihm auf: Er gönnte dem Leufelser diesen Handel. Mit Dergelquell hatte er es schon schwer genug. Auch das Ackerland in Schneehag war bis auf wenige Ausnahmen nicht das Beste, und es war harte Arbeit da einen Überschuss zu schaffen. Aber Schneehag hatte dazu wenigstens größere Weideflächen und Firian war sehr zufrieden mit der Entwicklung und dem Wachstum der Ziegenherden. Die letzten Jahre waren wirklich sehr fruchtbar gewesen.

Außerdem war er ein großer Freund von der Existenz des Greyffensteins in der Hand der Wahrer. Das Ding zog die jungen Krieger der Gharrachai an wie ein Scheißhaufen Fliegen. Der Druck und die Überfälle hatten seitdem er befreit wurde, stark nachgelassen. Noch eine Handvoll guter Jahre, da war er sich sicher, dann konnten sie endlich angreifen und die Schwäche der Gharrachai ausnutzen. Hoffentlich hielten die Wahrer solange durch. Schließlich sagte Firian zu Waltharis Worten:

„Sie sollten sich meiner Meinung nach weiter darauf konzentrieren, die Festung und diese Türme zu halten. Ich weiß nicht, wie es in Dergelquell ist, aber in Schneehag merke ich deutlich, dass sich die Gharrachai an den Dingern abarbeiten und kaum noch Zeit finden, auf unserer Seite des Kamms anzugreifen. Versorgen können wir sie dann ja!“

Walthari kraulte sich durch den Bart, wie so oft, wenn er über seine nächsten Worte nachdachte. „Hmm. Ja, mir ist auch aufgefallen, dass es auf unserer Seite des Finsterkamms etwas ruhiger geworden ist. Die Türme westlich des Kamms scheinen die Schwarzpelze im Moment mehr zu stören. Aber machen wir uns nichts vor: Wenn der Winter kommt, werden die Sippen, die im Gebirge bleiben, sich aus Weidener Herden bedienen und es werden wieder Berghöfe brennen. Da kommen die leichter dran als am Greifenstein. Und dort kämpfen auch Weidener Ritter, nicht nur Geweihte. Aber ich begrüße diesen Vorstoß ebenfalls und hoffe, dass er der erste Schritt zur Befreiung des Svelltlands ist. Der Ork als Nachbar geht mir nämlich gewaltig auf den Sack.“ Als ob es zur Untermalung seiner Worte nützlich wäre, nahm er einen Humpen Ferdoker vom gereichten Tablett und hielt ihn in Firians Richtung hoch.

Firian hob seinen Humpen daraufhin ebenfalls und sagte: „Auf die Wahrer und den Greyffenstein, mögen sie noch Ewigkeiten bestehen!“

Der Dergelqueller musste ein wenig überrascht blinzeln, ob der Begeisterung des Schneehagers für den Rondra-Orden, war doch allgemein bekannt, dass die Böcklin es eher mit Firum hielten und auf die Rondrianer meist eher zurückhaltend reagierten. Vielleicht kamen sie ja doch noch auf den rechten Weg. „Auf die Wahrer und die Helden vom Greyffenstein!“, stieg er daher ein und nahm einen tiefen Zug aus dem Humpen.

Firan trank einen kräftigen Schluck. Zum Glück konnte der Leufelser seine Gedanken nicht lesen. In diesen herrschte nämlich keineswegs Begeisterung für den Glauben an Rondra. Es war viel mehr Dankbarkeit, dass – seiner Meinung nach endlich – die Rondrakirche in Form des mächtigen Wahrerordens den Kampf gegen den Schwarzpelz wieder aufgenommen hatte. Viel zu lange hatten die sich vor allem auf den Osten konzentriert. Nun mochten sie sich seiner Meinung nach am Greyffenstein, Firian sprach den Namen der Feste stets mit älterem Zungenschlag aus als Walthari, verausgaben und bluten. Das war nur gerecht und das dort vergossene Blut half Weiden viel mehr. Auf den Einwand mit dem Winter entgegnete er:

„Ich weiß nicht wie sich Bruder Reichsend und Schwester Nordhag vorbereitet haben. Doch Schneehag wird sie dieses Mal mit der Härte des Weißen Jägers empfangen. Dieses Mal sind wir nicht erschöpft durch etliche Kämpfe und Scharmützel des Sommers. Dieses Mal werde ich Jagd auf sie machen. Im Namen Rajoks habe ich im Sommer Kundschafter losgeschickt, um die Verstecke der Schwarzpelze zu finden. In Gorfangs Namen werde ich über sie fahren! Der nächste Winter wird, so Firun will, mal für die Orks eine Zeit voller Leid und Tod sein!“

„Hört, hört! Große Pläne und grimme Entschlossenheit. Du solltest jetzt besser schweigen, sonst fang ich noch an, dich zu mögen.“ Walthari ließ seinen Worten ein schiefes Grinsen folgen. „Mitten im Finsterkamm Jagd auf den Schwarzpelz machen ist leider kaum möglich. Da sterben mir mehr Schwerter durch Lawinen und Spalten als durch den Kampf. Aber ein kleiner Schwertzug in den Finsterkamm im Frühjahr? Vielleicht eine gute Idee. Die Späher, die Halgan dafür ausbildet, leisten schon gute Arbeit beim Aufspüren der Schwarzpelze. Sind noch etwas wenig, um wirklich was zu bewegen. Aber ich glaube, da kommt was Gutes bei raus.“

Firians Stimmung war für einen kurzen Moment in düstere Gefilde abgerutscht und man spürte den tief sitzende Hass auf die Schwarzpelze, der alles andere übertraf. Da sie ja aber zum Feiern hier waren und keine Orks in der Nähe, hob seinen Humpen wieder und trank einen weiteren kräftigen Schluck: „Umso besser, wenn man dann hier noch mal erleben darf, wie gut es den meisten im Reich geht. Das sie aus einer Sache, die eigentlich dazu da ist, sich für den Kampf zu stählen, ein Spiel gemacht haben. Möge es auch uns irgendwann mal so gut gehen!“

„Da komme ich nicht umhin, dir zuzustimmen. Den einen oder anderen würde ich mal für ein paar Götternamen in den Kamm schicken wollen. Da würde er schon lernen, warum ein Turnier nicht nur ein eitles Spiel sein darf. Umso besser, dass wir hier sind und zeigen können, worauf es ankommt.“

„Der eine oder andere würde wohl nur schon beim Aufstieg verrecken ...“, Firian wollte erst gar nichts mehr sagen. Keinenfalls riskieren, dass der Leufels tatsächlich anfing, ihn zu mögen. Nicht auszudenken, wo das hinführen würde. Schnell fiel ihm ein, wie er dem wieder einen Riegel vorschieben konnte. „Ich brauch die Späher von Halgan nicht! Ich hab meine Valburnfûrn ... die kennen jede Menge geheime und sichere Pfade. Natürlich kann mein Angriff nicht in Platte und auf meinem Grafen sitzend erfolgen. Leichte Lederrüstungen und Waffen der Jagd sind gefragt ... daher würde ich es auch weniger einen Schwertzug nennen. Das, was ich vorhabe, ist vielmehr eine Hetzjagd auf gefährliche Beute!“

Gerne hätte Walthari Firian darauf hingewiesen, dass die Schneehager bezüglich des Orkproblems nur in der zweiten Reihe standen. Dort kamen nur die Schwarzpelze an, die in Reichsend und Nordhag nicht aufgehalten wurden oder nicht dort schon ausreichend Beute gemacht hatten. Und sich durch den „richtigen“ Finsterkamm zu bewegen und nicht durch das flache Vorgebirge in Schneehag, erforderte Kenntnisse, von denen seine Valburdingens – er hasste die in einigen TeilenWeidens verbreitete Vorliebe für möglichst unaussprechliche Bezeichnungen für einfache Dinge – wahrscheinlich nur träumen konnten. Aber man war hier zum Feiern und er konnte sich schon denken, dass der Böcklin seine Meinung an der Stelle wohl kaum teilen würde. Deshalb hob er noch einmal seinen Humpen in Richtung der Schneehager und schloss die Unterhaltung mit einem:

„Auf eine erfolgreiche Jagd“.

Firian hätte noch Stunden über dieses Thema reden können. Immer in der Hoffnung, dass sich mehr Weidener anschließen würden. Ach was, wäre nur zu erreichen gewesen wenn nur jeder zehnte Ritter Weidens für einen oder zwei Götternamen kommen würde. Jetzt wollte er das Thema aber fürs Erste bleiben lassen. Stattdessen sah er den Sunderhardt und seine Frau wieder direkt an. Sie schuldeten ihm – oder vielmehr Adaque – ja noch eine Antwort zum Thema Norbarden.

Bärfrieds Stirnrunzeln war während des Gesprächs zwischen den beiden Trutzern immer tiefer geworden. Irgendwann versuchte er gar nicht mehr, ihrem Gespräch zu folgen, sondern setzte sich innerlich mit dem auseinander, was gesagt worden war, bevor die beiden in Richtung Ork abdrifteten. Er wusste nicht, wer diese Leute waren, die die anderen Morbarden nannten. Wahrscheinlich irgendwelche Geschichtenerzähler und Musiker – sollte ja auch eine Schule für die geben, drüben in Trallop. Dass die durch die Lande zogen, hatte er nämlich schon gehört. Nur unter dem Handel mit diesen Männern und Frauen konnte er sich nichts vorstellen. Er wusste nicht einmal, womit sie überhaupt handelten. Instrumente vielleicht ... oder Pergament. Er hob seine Schultern.

„Morbarden, ja...“, begann der Sunderhardter schließlich loszuplaudern und griff damit noch einmal die Frage auf, die Firian auch an ihn gerichtet hatte, „... ich hatte mal so eine bei mir im Turm. Liebes Mädel. Blonde Locken – ihr Hintern hätte ein bisschen mehr Fleisch vertragen können. Sie hat mir immer auf ihrer Laute vorgespielt und von der weiten Welt erzählt. Wollte gar nicht mehr weg, die Kleine ...“ Ein Seufzer seiner Frau ließ ihn in seiner Plauderei stoppen. „Was?“, richtete Bärfried sein Wort an Branda.

„Norbarden, du Ochse ...“, antwortete sie gereizt, „... und es handelt sich dabei nicht um Barden, sondern um ein Volk ... vergiss es einfach.“

„Götter zum Gruße, Travia ihnen allen voran!“

In der Konzentration auf den Hahnfelser hatte der versammelte Adel gar nicht bemerkt, wie Aardor an den Tisch trat. Der junge Ritter trug Kleidung, die offenkundig niegelnagelnau war. Noch dazu ziemlich fein und an seinen muskulösen Schultern etwas zu eng – so dass es ein bisschen wirkte, als habe man einen tumben Bauern in einen viel zu teuren Zwirn gesteckt. Vielleicht hatte er deshalb so lange gebraucht, um sich anzukleiden und aus dem Zelt zu trauen? Er erschien jedenfalls mit Verspätung. Gleich wie: Sein strahlendes Lächeln sorgte dafür, dass sich die tadelnde gefurchte Stirn Satijanas sofort wieder glättete. Mit einer einladenden Geste bedeutete sie ihm, sich neben Walthari zu setzen.

„Zum Gruße“, murmelte Aardor noch einmal, als er der Aufforderung folgte und dem Dergelqueller zunickte. Dann richtete er den Blick jedoch sofort auf Bärfried: „Was muss ich da hören? Du hast eine Bardin bei dir zu Gast gehabt, die für dich gesungen und von der weiten Welt erzählt hat und dennoch klagst du darüber, dass sie nicht wieder gehen wollte? Das erscheint mir verrückt. Allzumal sie ja offenbar einen ziemlich dürren Arsch hatte, dir also nicht gerade die Haare vom Kopf gefressen haben dürfte?!“

Auch Firian schien bei der Geschichte aufmerksam geworden zu sein. „Ich hoffe, der Rest passte dann aber wenigestens. Oder waren Stimme und Lautenspiel auch eher dünn?“

Adaque lehnte sich derweil zu Satijana rüber und deutete mit einem Blick an wen sie meinte und mit leiser Stimme: „Habt Ihr noch was vor mit dem Jüngling oder ist er einer der wenigen Weidener, die sich gern mal in feinen Zwirn kleiden?“

„Er soll essen und trinken“, erwiderte Satijana ebenso leise. „Darüber hinaus habe ich heute eigentlich nichts mit ihm vor. Er trägt das auch nicht wegen mir. Ich hätte ihm zu etwas Anderem geraten, wäre ich bei seinem Einkauf dabei gewesen ... .“ Sie schmunzelte. „Widderich wiederum behauptet, der Wunsch nach etwas, das mehr in Richtung Kosch und Garetien geht, sei übermächtig gewesen. Er habe ihn nicht davon abbringen können.“

Während die beiden Damen sich austauschten, ging Bärfrieds Blick zwischen Aardor und Firian hin und her. Er hatte die Bardin damals ob ihrer feinen Kleidung und des Pferdes für ein Mädchen von Stand gehalten, das in Begleitung einiger Händler reiste. Nun, die Händler hatten nicht viel Interessantes und Verwertbares bei sich und sein ehemaliges Geschäftsmodell sah es nun einmal vor, schutzlose Adels- und Händlertöchterchen bei ihm auf dem Gut einzuquartieren, bis sie abgeholt werden wurden – und bis Vater oder Mutter ihm den Aufenthalt mit einigen Münzen abgegolten hatten. Dass nicht alle sich bereitwillig wieder auslösen ließen, rechnete der Junker seinem grenzenlosen Charme an. Genauso war es auch bei „Äuglein“ gewesen, nur dass sie eben keine Frau von Stand war. Es erschien dem Sunderhardter jedoch als nicht intelligent, die wahre Geschichte zu erzählen.

„Ähm ja ...“, antwortete er dann erst in die Richtung des Schneehagers. Nicht weil dieser als Baron einen höheren Stand hatte und ihm deshalb eine Antwort als erster zustünde, sondern weil er seine Frage einfacher beantworten konnte. „... sehr talentiert, soweit ich das beurteilen kann. Aber leider die Figur eines Jünglings. Ich habe da doch lieber was zum Anfassen bei mir liegen.“ Der Junker griff sich auf die Brust, und machte dabei eine Geste als würde er weibliche Brüste zurechtrücken wollen. Ein darauffolgender Seitenblick auf seine Frau rief ihn dann jedoch zur Vorsicht. Brandas Gesicht war gerötet, allerdings war hierbei nicht Scham, sondern eher aufkommender Zorn der Urheber. „Sie hatte schöne Augen. Eines blau, das andere grün. Ich nannte sie Äuglein“, ergänzte er.

Walthari konnte sich ein Lachen nicht verkneifen und schob ein knappes „Jetzt weiß ich wieder, warum es von Zeit zu Zeit notwendig ist, dass ein Mann mal ohne sein Weib auszieht“ ein.

„Sie musste dann weiter ziehen ...“, wandte sich Bärfried unterdessen an Aardor, der ihm ja ebenfalls eine Frage gestellt hatte, „... diese Barden sind ständig unterwegs. Wenn man sie einsperrt, werden sie irgendwann wohl doch unglücklich. So wie die Vögel.“ Er zuckte mit den Schultern. Ein besserer Vergleich war ihm auf die Schnelle nicht eingefallen. „Auch wenn man sie manchmal zu ihrem Glück zwingen muss.“

„Wie meinen?“, die Frage kam nicht von Aardor, sondern von Satijana, die es sich an ihrem Ende der Tafel bequem gemacht hatte und spitzbübisch lächelte. „Zu ihrem Glück zwingen? Was für ein Glück ist denn da gemeint, Bärfried? Das, bei einem Mann bleiben zu dürfen, der eine wegen des dürren Hinterns und der kleinen Brüste eigentlich gar nicht will und von dem frau auch nicht begreift, warum er sie an erster Stelle eingeladen hat?“ Sie hob die Brauen und schenkte dem Hahnfelser einen amüsierten Blick. Anders als die Trutzer hatte sie eine vage Ahnung davon, was der Bardin die Ehre eines Besuchs in Uhlengrund eingebracht hatte und schien das recht unterhaltsam zu finden. „Oder war es eher ein Glück für das Vöglein, wieder auf der Straße zu landen, weil es nicht mehr von dir losgekommen wäre, wenn es noch länger das Vergnügen deiner Gesellschaft genossen hätte?“

Firian war der festen Überzeugung, dass es auf die Brüste an sich ankam. Ob sie dann klein oder groß waren, war da vollkommen zweitrangig und beides hatte einen großen Reiz für ihn. Gespannt wartete er auf die Antwort des Hahnfelsers.

„Letzteres“, antwortete Bärfried knapp in Satjanas Richtung. „Ich weiß sehr wohl, wer und was ich bin und ja, in ihrem Fall musste ich sie dazu zwingen, mich wieder zu verlassen.“ Das seltsame Lächeln, das in diesem Moment die Lippen des Sunderhardters zierte, wollte nicht so recht zum Gesprochenen passen.

Satijana nahm die Worte des Junkers mit interessierter Miene auf und er sah, wie sich auch auf ihre Lippen die Ahnung eines Lächelns stahl. Dem seinen ganz ähnlich, wie er fand. Sie hob sogar dazu an, etwas zu erwidern, doch just in dem Moment trat Rutger mit einer riesigen Holzplatte, die über und über mit Fleisch beladen war, an die Tafel. Ein paar winzige Kartoffeln säumten den Berg, zu denen sich aber kurz darauf noch eine große Schüssel gleichen Inhalts gesellte. Widolf schleppte sie heran, und in seinem Kielwasser folgte Rossgilda mit ... Gemüse und Wurzeln? In jedem Fall luden die Knappen ihre Last in der Mitte des Tisches ab und sofort stieg der Festgesellschaft ein geradezu verboten leckerer Duft in die Nasen.

Den Duft in der Nase und dazu der Anblick weckte sicher nicht nur in Firian einen riesigen Kohldampf. Werkzeug war ja ausreichend vorhanden. Firian lud sich also eine große Portion gebratene Kartoffeln auf. Darauf wurde ordentlich was aus der Schüssel mit den Pilzen und Zwiebeln gegeben, beides wohl auch in einer Pfanne gebraten. Den Abschluss bildete ein mächtiges Stück vom Spanferkel und nicht zu vergessen ein: zwei Stücke von der krossen Schwarte.

Adaque griff ebenso beherzt zu und wählte, wenn auch in kleineren Mengen, fast die gleichen Speisen. Lediglich die Schwarte ließ sie weg. „Wohlsein!“

„Ja, so muss es sein.“ Der Dergelqueller schlug beherzt mit der flachen Hand auf den Tisch und begann dann mit zufriedenem Lächeln auf dem Gesicht, sich den Teller vollzuladen. Ein Blick nach links und rechts folgte, anschließend ein „Rutger! Hier sieht es arg trocken aus. Bring Bier!“

Wie es Tradition war, beugte sich Walthari zu Aardor und hielt seine Nase tief über dessen Teller. Mit der rechten Hand wedelte er sich den Duft zu ließ anschließend ein fröhliches „Wohlschmecken!“ hören.

Während Walthari dieses Ritual bei seinem anderen Sitznachbarn wiederholte, tat Aardor es ihm gleich. Kurz darauf brach am ganzen Tisch ein allgemeines Schnüffeln, Fächeln und Rufen aus. Im Wesentlichen aßen hier zwar alle das Gleiche, das hielt aber niemanden davon ab, die gute Tradition zu ihrem Rech kommen zu lassen.

Allein Satijana saß für den Moment etwas verstört an ihrem Ende der Tafel und betrachtete das Geschehen mit großen Augen. Es war sicher nicht das erste Mal, dass sie so etwas zu sehen bekam, aber vermutlich das erste Mal in so einer großen, illustren Runde außerhalb der Burg ihres Gemahls. Sie blinzelte einmal kurz, schniefte dann leise und konnte nicht hindern, dass sich ein breites Grinsen auf ihre Züge stahl.

„Fein“, meinte sie, als es am Tisch langsam wieder etwas leiser wurde. „Dann noch ein bisschen was bornisches zum weidenschen Brauchtum dazu.“ Mit einer huldvollen Geste winkte sie Rossgilda heran. Die Knappin verteilte ein paar kleine Stumpen, in denen sich bereits eine klare Flüssigkeit befand. Erst als jeder der Gäste bedient war, erhob die Rotenforsterin nicht nur die Stimme und ihren Stumpen, sondern auch sich selbst – wobei sie den anderen bedeutete, sitzen zu bleiben.

„Bei mir daheim wird nicht gefächert sondern gebechert. Und das nicht nur nach dem Essen, sondern auch davor, dazwischen und wenn es sein muss ganz ohne. Einzige Voraussetzung: Es muss einen Grund zum Trinken geben. Es wird niemals ohne Anlass und Trinkspruch ein Kurzer gestürzt. Das wäre zu billig.“ Sie ließ den Blick schmunzelnd über ihre Gäste gleiten. „Wobei ich nicht verhehlen will, dass ein guter Grund im Zweifel auch die tote Katze des Nachbarn sein kann ... oder die Tatsache, dass Wasser nass ist. In diesem Fall ...“, sie hielt kurz inne, „... trinke ich auf meine Gäste und auf einen schönen Abend, der uns alles vergessen lässt, was in den vergangenen Tagen nicht so war, wie wir es gewünscht hätten.“

Sie hob ihren Stumpen noch ein bisschen höher. „Ich für meinen Teil bin froh, mich für den Rest meines Lebens an einen Weidener gekettet zu haben und nicht an einen Koscher, Greifenfurter oder Rahja bewahre: Garetier. Ihr habt den höheren Unterhaltungswert, würde ich meinen. Allein schon dieses ... .“ Ein warnender Blick ihres Gemahl brachte Satijana kurz zum Schweigen und ließ ihr Grinsen noch breiter werden. „Na, jedenfalls ... in diesem Sinne, meine Lieben: Auf euch, auf eure Familien und Ahnen, eure Gesundheit, Schönheit und Kampfeskraft, eure Sturheit und den Stolz, die Sitten und Gebräuche, die Trinkfestigkeit, über die ihr hoffentlich verfügt, den Bärentod, das Hochlandkriecherl und ja ... alledas. Wohlschmecken!“

Sowohl Firian als auch Adaque schnüffelten und fächelten bei ihren Sitznachbarn. Bei Firian sah es allerdings etwas mehr nach einer vollkommen natürlichen und logischen Handlung aus.  Adaque hatte noch ein kleines Zögern gezeigt. Das Einschenken und der anschließende, sehr ausführliche Trinkspruch riefen unterschiedlichen Reaktionen hervor. Waren anfangs beide Schneehager noch gleich aufmerksam, setzte Firian mehrfach den Stumpen an, nur um ihn wieder zu senken, als er merkte, dass doch noch etwas folgte. Erst als endlich das erlösende „Wohlschmecken!“ kam stürzte er das Gesöff dann in einem Zug.

„Ahhh ...“,  ließ er anschließend lautstark sein Wohlgefallen hören und knallte den Stumpen auf den Tisch „Der prickt ordentlich! Recht so!“

Adaque dagegen war froh, dass ein etwas längerer Trinkspruch folgte. Zum einen, weil sie das Gesagte unterstützte, was auch zu sehen war – am mehrfachen Kopfnicken. Zum anderen deshalb, weil sie keine sonderlich „begabte“ Zecherin war und froh, dass die Schlagzahl noch nicht so hoch war. Vor allem vor der festen Nahrung. Als es dann aber so weit war, zog auch sie durch. Als der Schnaps durch den Mund und in Richtung Magen wanderte, konnte sie ein Lufteinziehen nicht verhindern. Mit noch leicht belegter Stimme folgte dann ein: „Ja, der ist wirklich sehr ordentlich ...“

„Wohlschmecken! Und wenn mir kein Grund zum Saufen mehr einfällt, dann bin ich ganz sicher tot“, mit einem schnellen Zug kippte Walthari den Brand runter und ließ das Brennen im Mund und die wohlige Wärme im Bauch kurz wirken. „Netter Brauch. So ein Kurzer schafft Raum fürs Essen. Aber wo wir schon mal bei Gebräuchen sind: Zu einer Weidener Tafel gehört vorab ein gutes Knoblauchbrot. Aber in der Kürze der Zeit habt Ihr hier wahrlich fürstlich auftischen lassen. Respekt!“

„Meskinnes“, Satijana lächelte Adaque zu, als sie deren Worte mit einer kurzen Erklärung quittierte. Sie fügte noch ein „Keine Sorge, Hochgeboren: Je länger der Abend desto kürzer die Trinksprüche“ in Firians Richtung an, ehe Waltharis Einlassung dafür sorgte, dass sie sich ihm zuwandte.

Für einen Moment verrutschte das Lächeln der Bornischen, als ihr verkündet wurde, dass sie genau das vergessen hatte, was eine Tafel zur Weidener Tafel qualifizierte. Ihr Blick huschte zu Widderich hinüber und sie hob tadelnd die Brauen, schien aber nicht ernstlich böse zu sein, sondern ihn eher mit gepielter Empörung strafen zu wollen. Dann murmelte sie ein leises, wenngleich deutlich vernehmbares „Göttinverdammich, das hätte mir ja echt mal einer sagen können, bevor die Gäste eintreffen!“ und kippte ihren Schnaps in einem Zug ab.
 
Unterdessen war schon eine Kartoffel auf Waltharis Messerspitze und auf dem Weg zum Mund. Er hielt jedoch noch einmal kurz inne: „Das Lob wäre auch ein guter Grund zum Trinken, he? Und auf einem Bein kann man bekanntlich nicht gut stehen. Also?“ Er stampfte den kleinen Stumpen dreimal auf den Tisch und warf Rossgilda einen auffordernden Blick zu.

Firian stimmt zu. „Recht so! Wenn schon kein Knoblauchbrot, dann machen wir es richtig bornisch. Also mach voll das Ding!“ Adaque hielt ihren Stumpen, merklich weniger begeistert, ebenfalls zum Nachfüllen hin. Vorher schob sie sich schnell noch ein Stück Fleisch in den Mund und aß dieses zügig.

Die Knappin kam sofort herbei gesprungen und füllte nach. Erst Walthari, dann Firian, Adaque und den anderen Gästen an der Festtafel – und schließlich auch Widderich und Satijana. Letztere war mittlerweile schon wieder am Grinsen. Ihr Blick ruhte auf den Trutzern und sie schien großes Vergnügen an deren überaus bestimmtem Auftreten zu haben. „Trinken wir darauf“, rief sie aus. „Selbstverfreilich. Diesmal wäre es dann an Euch, den Segensspruch auszubringen, Herr Walthari. Knapp meinetwegen, aber noch mal in förmlich. Lasst hören!“

Der so Angesprochene ließ sich das nicht zweimal sagen – was ihn ja nur länger vom Essen abgehalten hätte – und stand auf. Mit erhobenem Stumpen und Blick in die Runde sprach er: „Auf die wirklich hohen Künste: das Kochen, Backen und Brauen; auf die, die sie beherrschen, und die, die sie uns heute beschert haben.“ Beim letzten Teil prostete er Satijana und ihrem Gemahl zu.

Auch Bärfried und sein Eheweib haben sich bereitwillig an den Ritualen vor Speis und Trank beteiligt und dann interessiert beobachtet, wie die ersten Stumpen gierig geleert wurden. Bärfried war ein Liebhaber alkoholischer Getränke, doch war es ihm stets auch wichtig, einen klaren Kopf zu behalten. ‚Berufskrankheit‘ nannte er das immer verschmitzt. Wenn man andere Menschen übervorteilen wollte, bot es sich nicht unbedingt an, die Herrschaft über seine Sinne zu verlieren.

Anders hielt es Branda. Sie trank auch sehr gern und vor allem sehr viel – auf jedem Fall mehr als ihr gut tat. Die Trenckerin war nämliche nicht unbedingt das, was man als trinkfest bezeichnete. Eine Tatsache, die schon oft zu recht beschämenden Szenen geführt hatte, in welchen Bärfried die rote Lockenpracht seines Weibs halten musste, als es sich übergab. Auch heute rechnete der Junker damit, seine ihm Angetraute auf Händen ins Zelt tragen zu müssen.

„Hört, hört ...“, nachdem Walthari mit seinem Trinkspruch geendet hatte, hob auch der Hahnfelser zustimmend seinen Stumpen in Richtung der Gastgeber.

„Ihr lernt offenbar sehr schnell, Leufels.“ Satijana nahm mit einem Lachen zur Kenntnis, dass der Trutzer Baron eben doch ein paar mehr Worte investierte, als er unbedingt gemusst hätte, und den guten bornischen Brauch damit in Ehren hielt. „Auf die wirklich hohen Künste also und auf uns!“, sie hob den Stumpen und wandte sich ihrem Gemahl zu.

Widderich saß am anderen der Tafel und hatte das Schauspiel bisher in gewohnt zurückhaltender Manier verfolgt. Jetzt wuchs sich das feine Lächeln auf seinen Lippen erstmals zu einem Grinsen aus und er hob sein Becherchen ebenfalls.

„Ja, klar“, kam es dann knapp. „Auf uns. Und auf das Essen. Aus Respekt vor jenen, die die wirklich hohen Künste beherrschen und freundlicherweise für uns zur Anwendung gebracht haben, sollten wir es auf keinen Fall kalt werden lassen. Deshalb: Wohlschmecken, noch einmal. Und dann lasst uns eine Grundlage für weitere Trinksprüche schaffen, sonst wird das hier heute ein sehr kurzes Vergnügen.“

Nachdem das gesagt war, nickten die Rotenfroster einander zu und vernichteten den jeweils zweiten Kurzen ohne mit der Wimper zu zucken.

Der zweite Schnaps wanderte auch in die Mägen des Schneehager Baronspaars – Firian schien er wirklich zu schmecken: „Gefällt mir. Welcher Honig ist in diesem? Der schmeckt ganz anders als der Bergmeskinnes, den Thûan immer mitschleppt!“

„Das ist ein Original aus Meskinneskoje“, erwiderte Satijana nach kurzem Zögern. „Das liegt am Rande des Schnajenwalds und ich glaube, dass es in der Nähe auch Heideland gibt. Aber ich bin mir nicht ganz sicher.“

Adaque schloss beim Runterschlucken des Schnapses das rechte Auge und pustete danach kurz die Luft aus. Als der Bergmeskinnes des Schwarzensteiners zur Sprache kam, sah sie sich schnell um. Hoffentlich gab es den jetzt nicht auch noch?!

„Bergmeskinnes sagt mir nichts“, gab Satijana just in diesem Moment Entwarnung, ohne es zu wissen. Ihr Blick heftete sich an Widderich, als sie vorwurfsvoll die Brauen hob: „Warum sagt der mir nichts, geliebter Gatte?“

„Weil es schwer ist, da dran zu kommen, wenn der Hersteller einem am liebsten den Schädel einschlagen würde“, meinte der Rauheneck schmunzelnd, aber leidlich ungerührt. „Der Schwarzensteiner brennt den Bergmeskinnes, mein Herz“, fügte er dann noch an. „Das ist der Baron, der uns neulich erst wieder einen dieser netten Briefe geschrieben hat.“

„Oh ... hoppla“, machte Satijana und räusperte sich leise. „Ja gut ... äh ... dann, lasst uns doch endlich Essen fassen! Das wurde ja eben schon angeregt nund scheint mir nun wirklich höchste Zeit.“ Sie versuchte nicht einmal zu verhehlen, dass dieser Schwenk das Thema einfach nur so schnell wie möglich vom Tisch fegen sollte, sondern grinste breit in die Runde und griff nach der Schale mit den Kartoffeln. „Wohlschmecken, noch einmal!“

Da es ganz so aussah, als sollte fürs Erste keine weitere Schnapsrunde folgen, ließ Adaque sich noch etwas Wasser in ihren Met nachschenken, um den Alkoholgehalt in dem Getränk zu verringern. Dann wandte sich die ganze Gesellschaft dem Mahl zu und fürs Erste trat gefräßiges Schweigen ein. Bis die erste Portion in den Mägen der Weidener verschwunden war, galt deren ganze Aufmerksamkeit den aufgtischten Speisen und Getränken.

Anschließend eröffnete Firian die zweite Runde, indem er sich eine ähnlich große Portion wie die erste auf den Teller schaufelte. Adaque nahm zwar ebenfalls nach, beließ es aber bei ein paar wenigen Bratkartoffeln und einer Kelle Pilzen mit Zwiebeln. Die anderen taten es den Schneehagern gleich und nachdem der erste Hunger gestillt war, kamen wieder erste vorsichtige Gespräche auf. Belangsloses Geplauder erst, das nich allzu viel Konzentration erforderte und vor allem dazu diente, sich noch einmal zu beschnuppern. Schließlich kannten einige der Weidener sich erst seit wenigen Tagen und hatten noch keine Gelegenheit gehabt,  ganz in Ruhe und unter sich beisammen zu sitzen.

Nach dem Firian einen ordentlichen Teil der zweiten Portion gegessen und runtergespült hatte, richtete er das Wort erstmals wieder an die ganze Runde. „Was meint Ihr, wie lange macht es der Blauenburger noch als Erster Ritter und wer wird sein Nachfolger als Tjoster? Welche Kandidaten fallen Euch so ein?“

Aardor warf begeistert auf, als das Gespräch so unerwartet auf eines seiner liebsten Themen kam. Der junge Rauheneck war jedoch gut genug erzogen, um nicht sofort losplärren. Stattdessen musterte er die älteren, erfahreneren Ritter interessiert – und stellte nicht ganz ohne Enttäuschung fest, dass die gerade allesamt schwer beschäftigt schienen: Walthari mit Rippchen, Widderich mit Ferdoker und Bärfried mit seinem Weib, während Adaque nicht so aussah, als ob sie auf die Frage überhaupt antworten wollte.

„Unser Nachbar aus der Hollerheide ist ein vortrefflicher Tjoster“, stellte der Moosgrunder da fest. „Ich weiß zumindest von mehreren größeren Turnieren, bei denen Lanzelund von Weiden-Harlburg das Finale oder doch zumindest das Halbfinale erreicht hat. Letzthin war er wohl eher mit seiner Frau und den Kindern beschäftigt, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass er sich noch nicht zur Ruhe gesetzt hat. Als Nachwuchtalent kann er mit seinen 35 Wintern allerdings wohl auch nicht mehr bezeichnet werden ...“

„Es wird niemand aus der Sichelwacht sein“, meinte Widderich lakonisch. Er hatte seinen Humpen eben abgesetzt und überlegte nun kurz. „Unser Erster Ritter streitet lieber zu Fuß, der Schwarzensteiner ist zu alt, die Heermeisterin empfindet Turniere als müßigen Zeitvertreib ... bleibt an sich nur noch dieser ... Rossbergen aus Herzoglich Altentrallop. Also zählt nicht auf uns, wir bleiben in der zweiten Reihe.“

Adaque schien wirklich nichts zu dem Thema sagen zu wollen. Geschweige denn interessiert zuzuhören. Ganz im Gegensatz zu Firian. Lanzelund war auch sein Nachbar und natürlich wusste er von dessen Ansprüchen und Ambitionen.

„Nun, Aardor, der Hollerheider ist auch mein Nachbar und mir sind seine Ambitionen sicherlich bekannt. Würde es jetzt allein um das Tjosten gehen ... tja so denke ich, hätte er keine schlechten Chancen. Auch wenn die Teilnahme an mehreren Turnieren und das Erreichen von Finalen und Halbfinalen allein da nichts zählt. Nehmen wir dieses Jahr, so war so weit mir bekannt ist, Adaque hier diejenige die am erfolgreichsten gewesen ist!“

Die Angesprochene verschluckte sich fast an ihrem Met, von dem sie gerade einen Schluck trank: „Wie bitte?“

Firian machte eine beschwichtigende Geste: „Darauf wollte ich hinaus! Der Wille es zu werden ist ein wichtiger Bestandteil, der schon einige von vornrein ausschließt. Sei es wie bei meiner Gattin, die generell nur Pflicht im Tjosten findet und keine Berufung. Oder sei es so wie bei mir. Ich habe in den letzten Götternamen am Hochzeitsturnier von Leudane von Nordhag im Travia 1040 teilgenommen. Im Praios 1041 am Kaiserturnier in Gareth, am Grafenturnier in der Grafschaft Reichsfort und Ende Praios dann noch am Turnier in Kressenburg. Jetzt im Rondra am Fürstenturnier hier in Angbar. Davor war ich beim Reichstag in Beilunk und noch bevor ich nach Hause zurückkehre, werde ich mich nach Mantrash’Mor begeben. Ich weiß Schneehag bei meinem Bruder und meiner Mutter als gemeinsame Verwalter in guten Händen. Doch habe ich keinesfalls vor, öfter für so lange Zeit abwesend zu sein.“

Als die Firirans Liste immer länger und länger wurde, weiteten sich Aardors Augen ungläubig, während Satijana und Widderich über den Tisch hinweg einen unauffälligen Blick tauschten – die Eine mit fragend gehobenen Brauen, der Andere mit der Andeutung eines Schulterzuckens. Worte wechselten sie allerdings nicht, sondern konzentrierten sich lieber gleich wieder auf die Rede des Schneehagers, die noch nicht beendet war.

„Ich erzählte Euch vorhin, was meine Pläne für die Zukunft sind. Da bleibt einfach keine Zeit, Turniere außerhalb von Weiden öfter als alle paar Jahre zu besuchen. Mal ganz davon abgesehen, dass trotz aller Übung und Teilnahmen ganz offensichtlich die Sturmleuin verfügt hat, dass ich bei Turnieren lange nicht so siegreich bin, wie ich es gern hätte. Außer beim Grafenturnier in Reichsforst, wo ich mich erst dem Sieger geschlagen geben musste, endete doch jedes der genannten Turniere sehr früh. Darüber hinaus – und das ist wohl eine Tatsache, die sowohl mich als auch den Hollerheider ausschließen – braucht ein Erster Ritter meiner Meinung nach auch das Ansehen von so gut wie allen Weidener Rittern. Der Blauenburger wird so weit ich weiß von jedem als großer Ritter anerkannt und selbst die Heirat mit einer Zahori konnte seinem Glanz nichts anhaben. Ich mache mir nichts vor und schließe aus, dass mein Schild oder das irgendeines Böcklins jemals so ein Glanz anhaften wird.“

Firian trank einen Schluck. Die Sichelwachter hatten sich ja schon selbst rausgenommen. Fast jedenfalls. Bärfried hatte sich ja noch nicht geäußert. „Den Rosshagen habe ich schon mehrfach gesehen im Turnier. Wirklich außergewöhnliche Fähigkeiten im Tjost kann er vorweisen. Wie es mit dem Rest aussieht, will ich nicht beurteilen. Dafür kenne ich ihn zu wenig. Wie hat er sich auf dem Feldzug geschlagen?“

Aardor schien froh, als der Schneehager innehielt und ihm einen fragenden Blick zuwarf. Während der langen Rede des Barons hatte der Junker ein paarmal dazu angesetzt, selbst etwas zu sagen, es dann aber nicht getan, weil ihm jeweils klar wurde, dass Firian noch etwas anfügen wollte. Ein oder zwei Mal hatte der Rauheneck sogar zaghaft den Finger gehoben, wohl eine Unart, die ihm auf der Tralloper Knappenschule beigebracht worden war. Um sich zu disziplinieren, griff er schließlich nach seinem Humpen und trank ein paar große Schlucke. Als seine Meinung schließlich wieder gefrragt war, stellte er den Berscher schwungvoll ab und fuhr sich mit dem Ärmel über den Mund:

„Ich dachte, es geht Euch in erster Linie darum, wer den Blauenburger als besten Tjoster Weidens ablösen wird, Herr Firian“, meinte er mit einem leicht verlegenen Lächeln. „Dass er das Amt als Erster Ritter so schnell aufgeben wird, glaube ich nämlich nicht. Ein paar der Gründe dafür habt Ihr grad ja schon ganz gut erklärt.“

„Was Aardor sagt“, pflichtete Widderich seinem Vetter ohne Zögern bei. „Auch mir ging es vor allem ums Tjosten. Damit, ob jemand zum Ersten Ritter Weidens taugt oder nicht, hat das für mich nur bedingt zu tun. Nehmt Gringolf von Högelstein: Dessen Fähigkeiten als Reiter sind so bescheiden, dass niemand ihn je für einen Turniersieg auf dem Zettel hätte. Gleichwohl ist er ein guter Erster Ritter der Sichel, denn zu Fuß macht ihm niemand so schnell etwas vor, und er genießt hohes Ansehen bei seinen Standesgenossen.“

Adaque war einen Moment einfach nur überaus erleichtert gewesen, dass Firian nicht versuchte, sie bei diesem Thema irgendwie ins Spiel zu bringen. Nun beugte sie sich zum Leufelser rüber. „Was ist mit dir, Walthari? Wenn ich das so sagen darf, hörte es sich an, als ob du keine Pläne mit dem Schwarzpelz hast. Ambitionen, dem Blauenburger nachzufolgen?“

„Oh, ich hab viele Pläne. Und ich habe vor, mich vom Ork davon nicht abhalten zu lassen. Ich gebe auch zu, dass ich Turniere sehr schätze. Allerdings gibt es dieser Tage wohl keinen Weidener, der dem Blauenburger das Wasser reichen kann. Dieser Lanzelund nicht und ich schon mal gar nicht. Da werden wir wohl auf die nächste Generation hoffen müssen.“

Rutger war gerade an seinen Schwertvater herangetreten, um den Krug wieder aufzufüllen. Walthari schielte zu seinem Knappen rüber: „Na, Rutger? Bereit in die Fußstapfen des Blauenburgers zu treten?“

Dem Angesprochenen schoss eine leichte Röte in die Wangen als er versuchte, mit einem kurz angebundenen „Wohl kaum“ aus der Aufmerksamkeit der Tischrunde zu entfliehen. Doch Waltharis Hand umschloss seinen Unterarm wie eine Eisenfessel:

„Mal nicht so bescheiden, Junge. Rutger hier ist ein echt zäher Hund. Noch bevor er zu mir kam, hat er mit dem Alt-Baron der Hollerheide den Bogen des Weißen Jägers beschritten. Und meine Frau meint, er könne mit dem Bogen schon fast so gut umgehen wie sie selbst. Egal wie hart ich ihn auch rannehme, der Kerl bleibt aufrecht stehen.“ Es schwang durchaus Stolz auf seinen Knappen in den Worten des Dergelquellers mit. Dann wurde er etwas ernster und der nächste Satz klang eher nach einer Mahnung: „Wenn du in den Lanzengang ebenso viel Ehrgeiz wie in die Jagd stecken würdest, könntest du zu den Besten gehören.“

Nun war der Kopf des Knappen tatsächlich hochrot. Offenbar war er Lob von seinem Schwertvater nicht unbedingt gewohnt. „Ähm, habt Dank, Herr“, murmelte er. „Und ... äh, ich werde mich bemühen, auch mehr Ehrgeiz im Tjost zu zeigen.“ Mit einem kleinen Ruck befreite er sich aus der Umklammerung des Leufelsers und versuchte, wieder im Hintergrund zu verschwinden.

Firians Aufmerksamkeit, anfangs noch bei den Rauhenecks, schwenkte nun zum Leufels rüber. „Wenn er tatsächlich den Bogen des Weißen Jägers beschritten hat, und das gar in jungen Jahren, dann ist er einer der Besten! Längst nicht jeder überlebt dies und erhält die Gunst des Alten vom Berg!“ Firian wandte sich Rutger zu. „Du hast dich dem Herren der schneebedeckten Weiten als würdig erwiesen und er hat dich gesegnet Rutger. Vielleicht solltest du mal darüber nachdenken, ob es nicht eine andere Weihe als die Schwertleite, die ist die das Schicksal für dich vorgesehen hat.“ An Walthari gewandt sprach er weiter: „Hat er nach dem Pilgern mal mit einem Firungeweihten gesprochen?“

Walthari hob die Schultern. „Es hat ihn wohl nie danach verlangt. Und jetzt bring ihn nicht auf dumme Ideen. Ich hab Jahre meiner Zeit aufgewandt, und er wird ein anständiges Schwert gegen den Schwarzpelz abgeben. Und über die Pilgerei hat er oft genug mit Elfwid Schnewlin gesprochen. Die war ja auch Teil seiner Pilgerteuppe. Ebenso wie dein Vater, glaube ich.“

Firian runzelte die Stirn: „Es gibt wohl kaum ein besseres Schwert gegen die Schwarzpelze als jemanden, der die Lehren Firuns befolgt! Diejenigen, die seinen Segen oder gar seine Weihe haben, noch viel mehr! Der Alte vom Berg lehrt uns, wie man mit dem Schwarzpelz umzugehen hat! Ohne Gnade, Rücksicht und Mitleid. Ohne auf ...“

Adaque legte ihrem Mann die Hand auf den Unterarm, was diesen tatsächlich verstummen ließ. Mit einem milden Lächeln bedachte sie erst ihn, um sich dann mit dem gleichen Lächeln an Walthari zu wenden:

„Der Vater meines Gemahls ist, wie du vielleicht nicht weißt, nie von dieser Pilgerreise zurückgekehrt. Aber ich halte fest: Du selbst als auch alle anderen lebenden und schon tjostenden Weidener erreichen deiner Meinung nach nicht die Fähigkeiten des Blauenburgers? Du hast den Rossbergen also schon gesehen und hälst auch ihn nicht für gut genug?“

Als Firian begann sich zu ereifern, bereute Walthari bereits, überhaupt geantwortet zu haben. Es war ja allgemein bekannt, dass die Böcklins dem Herrn Firun etwas mehr Aufgaben zuschrieben, als es die meisten anderen taten. Walthari hatte da eine etwas traditionalistischere Vorstellung – und aus der gerunzelten Stirn des Rotenforsters am Kopfende des Tisches schloss er, dass der mit der Firians Ausführungen ebenfalls nicht viel anfangen konnte. Widderich hüllte sich aber weiter in Schweigen. Walthari tat es ihm gleich, denn er hatte auf eine Diskussion zum Einem keine Lust und zum Anderen auch schon ein paar Humpen zu viel getrunken. Deshalb griff er Adaques Frage gerne und eilig auf:

„Da habt Ihr mich etwas missverstanden, glaube ich. Mit der nächsten Generation meine ich die jungen Knaben und Maiden, die der Schwertleite noch entgegensehen oder sich zumindest noch dran erinnern können.“ Dabei lächelte er ein wenig melancholisch und schob in Richtung Satijana ein „Auf die guten alten Zeiten müssen wir auch noch dringend trinken“ ein.

Dann wandte er sich wieder Adaque zu: „Über diesen Rossbergen weiss ich nicht viel. Hab ihn nur einmal gesehen. Und ein Ifirnsstern macht noch keinen Winter. Wenn er was taugt, wünsch ich ihm viel Glück und werde ihn mir mal vorknöpfen beim nächsten Turnier.“ Der Dergelqueller brummte ein gemütliches Lachen in seinen Bart und nahm einen großen Schluck Ferdoker hinterher.

Bärfried war derweil etwas schmähstad geworden. Die Unterhaltung überforderte ihn – er war nun einmal ein Mann, der gerade das erste Mal in seinem Leben die Lande der Roten Sichel verlassen hatte. Viele der Namen sagten ihm einfach nichts, vor allem dieser Lanzesmund. Einzig den Blauenburger und den Högelsteiner schien der Junker ohne viel Nachdenken zuordnen zu können. Auch der Bogen des Weißen Jägers schien sein Interesse nicht zu heben und insgeheim zweifelte Bärfried daran, dass es klug war, sich hier nicht zu besaufen. So beschränkte sich der Sunderhardter darauf, sich dem vorzüglichen Essen vor ihm zu widmen.

Branda hingegen war bestrebt, Anschluss zu finden. An die Gastgeberin gewandt versuchte sie es mit einer Gesprächseröffnung. „Ach wie nett ...“, Wehmut sprach aus ihren Augen, „... was für ein nettes Beisammensein. Beinahe wie damals am Grafenhof. Immer umgeben von interessanten Menschen.“ Die Wehmut schwand und die Trenckerin lächelte schüchtern. „Macht ihr das öfter? Du und dein Mann? Empfangt ihr öfters Gäste in eurem Heim?“

„Auf dem Klagenfels, meinst du?“ Kurz blickte Satijana der Trenckerin nachdenklich in die Augen, und wandte sich dann einem bereits mundgerecht zerteilten Stück Fleisch auf ihrem Teller zu. Sie spießte es mit viel Elan auf, etwas zu viel Elan vielleicht. „Nein, tun wir nicht“, erwiderte sie hernach, verleibte sie die Gabelladung ein und schüttelte den Kopf während sie kaute. „Wir haben dort bisher kaum Gäste gehabt, geschweige denn Gesellschaften gegeben – außer für die Familie, aber die ist ja zum Glück ziemlich groß.“

Ein schiefes Lächeln schlich sich auf die Lippen der Rotenforsterin, als sie zu ihrem Mann hinüber linste, der allerdings gerade voll und ganz auf das Gespräch über die Tücken der Knappenausbildung konzentriert war, in das sich Firian und Walthari verstrickt hatten. Auf den Lippen des Barons glaubte Branda die gleiche Bitterkeit zu erkennen, die für einen Moment in den hellen Augen seiner Gemahlin aufgeblitzt war – doch jetzt strahlten die schon wieder und ihre Trübsal war spurlos verschwunden.

„Ich nehme an, du kennst die Gerüchte, die über Widderichs Machtergreifung kursieren?“, fragte Satijana so leise, dass es nur für die Trenckerin ohne Weiteres verständlich war, die ja immerhin aus einer Familie kam, zu der es enge Bande gab. „Nun, im Anbetracht dessen gibt es kaum jemanden, der unser Gast sein will. Abgesehen von unserem direkten Nachbarn im Westen, dem netten Herrn von Friggenhaupt“, ihr Blick glitt zu Bärfried hinüber und das Lächeln vertiefte sich, wurde sogar fast schelmisch, „seid ihr eigentlich die ersten Adelspersonen gewesen, die uns nicht entweder böse Briefe geschrieben oder mit wilden Beschimpfungen überzogen haben. Dies hier ist also auch für mich eine schöne Abwechslung.“

Kurz verzog Branda das Gesicht, dann nickte sie. „Ja, die kenne ich ...“, bestätigte die Trenckerin und ließ ein leises Seufzen folgen. Dabei war schwer zu erkennen, was genau der Grund für diese Unmutsbekundung war. Die Tatsache, dass Branda sich wünschte, öfter unter Menschen zu sein? Dass sie mit Satjana fühlte, waren sie doch beide Frauen, die die Gesellschaft von Standesgenossen gewohnt waren und nun wegen ihrer Männer darauf verzichteten? Oder war es vielleicht gar die Nennung des Namens des Friggenhaupters, der ja eigentlich der Hauptgrund war, dass sie und Bärfried durch das ganze Reich reisten? Schwer zu sagen.

„Ist ja bei uns nicht anders ...“, setzte Branda dann nach, „... nur haben wir noch keine große Familie.“ Dann schien es, als schösse ihr ein Gedanke ein. Wie vom Donner gerührt schob sie den Alkohol von sich. „Ich sollte vielleicht nichts mehr trinken.“

Satijana hatte gerade nach ihrem Becher gegriffen, um den letzten Bissen herunterzuspülen, hielt nun aber inne und warf der Trenckerin einen überraschten Blick zu. Ihre Brauen hoben sich und sie schien drauf und dran etwas zu sagen, als Firian ihr völlig unerwartet – und wohl auch unbeabsichtigt – ins Wort fiel.

Der Schneehager hatte ein Weilchen vor sich hin gebrütet, dabei sein Bier geleert, nachfüllen lassen und es schon wieder halb aus. Das war ausreichend Zeit gewesen, um sich wieder einzukriegen. Der Leufelser würde auch noch lernen, dass nur wer Firuns Weg folgte, eine Chance hatte, irgendwann siegreich gegen den Ork zu sein. Natürlich verehrte er die Sturmleuin als eine der Zwölf. Ebenso als die Göttin des Rittertums und wenn er nicht am Finsterkamm, sondern irgendwo im sichereren Baliho oder Garetien gelebt hätte ... . Ja, dann wäre seine Haltung vielleicht eine andere gewesen. Aber den allergrößten Teil seiner Kämpfe focht er nun mal mit dem Schwarzpelz und da brachten, da war er sich inzwischen sicher, Rondras Gebote am Ende die Niederlage.

Adaque drückte kurz seinen Unterarm und lächelte ihn an. Firian gab sich einen Ruck und erhob sich. Seinen Humpen hoch erhoben folgte ein recht lautes „Auf die guten alten Zeiten!“, womit er die Forderung des Leufelsers von kurz zuvor noch einmal aufgriff – und Zuspruch von allen Seiten erhielt. Sogar Walthari und Aardor, die das Gespräch über Knappen fortgeführt hatten und sich wohl nicht einig waren, ob nun Rupert oder Rossgilda in den ritterlichen Tugenden besser bewandert war, sahen kurz auf und hoben ihre Humpen.

„Ich habe mal ein Liedlein gehört, was gut zu dem Thema passt“, meinte Firian, fing an, mit dem Fuß und seinem Humpen den Takt klopfen und dann tatsächlich zu singen. Eher laut und deutlich als schön und melodisch, aber man merkte, dass er nicht das erste Mal sang:


„Als Reto einst unser Kaiser war
ging es Jast Gorsam wunderbar
war im Osten noch alles klar
als Reto einst unser Kaiser war.

Das Reich war stark, für Aufstand kein Ort
und Intrigen waren noch kein Sport
Da machten Tjosten noch richtig Spaß
Und im Boten stand wirklich was
da war Galotta noch oke
und der kleine Bruder machte Karriere in der Armee.

Als Reto einst unser Kaiser war
hieß Weidens Herzog noch Waldemar
war’n Alara und Hal noch ein Paar
als Reto einst unser Kaiser war ...“


Ob es nun daran lag, dass Firian der Einzige war, der dieses Lied aufgeschnappt hatte, oder daran, dass sich niemand getraute, in den doch recht stimmunggsvollen Vortrag hinein zu grätschen: Seine Stimme blieb fürs Erste die einzige, die durch das Lager der Rauhenecks tönte. Immerhin erstarben die Gespräche an der Tafel und die anderen lauschten aufmerksam. Satijana, Aardor, Branda und sogar Bärfried gingen irgendwann dazu über, den Takt mitzuklopfen. Erstere fing darüber hinaus einen fragenden Blick Rossgildas auf und gab ihr mit einem beiläufigen Wink zu verstehen, dass sie einverstanden war – mit was auch immer. Adaque, die wusste, wie sehr ihr Gemahl das Lied mochte, klopfte ebenso im Takt mit und wippte leicht vor und zurück, während Walthari leise mitbrummte


„Seitdem hat sich so manches getan“, sang Firian weiter,
„es gibt Rohaja und den Rondrigan
und in Albernia den Finnian
und Helden sind nicht mehr das, was sie war’n
Damals war Answin noch astrein
und bei Haffax wusste jeder: der kann nur reichstreu sein.

Das ist schon lange her
Prinz Brin, der lebt nicht mehr
Wir war’n so unbeschwert
Jetzt steht halb Wehrheim leer.
Als Reto einst unser Kaiser war
hieß Weidens Herzog noch Waldemar
war’n Dedlana und Arve ein Paar
als Reto einst unser Kaiser war.“
Damit beschloss der Schneehager sein Lied und erhielt zum Dank Handgeklapper, Klopfen auf der Tischplatte sowie des eine oder andere anerkennende „Hört, hört!“


„Das kannte ich gar nicht“, meinte Aador sogleich. „Habt Ihr das hier im Kosch aufgeschnappt, Herr Firian? In Weiden scheint es mir nicht so weit verbreitet?!“

„Ganz Recht! Das Lied kommt aus dem Kosch“, erwiderte der Schneehager gut gelaunt. „Ich glaube verfasst und die Melodie gleich dazu geliefert hat der berühmte Wolfhardt von der Wiesen. Soweit ich weiß, ist das das Koscher Gegenstück zu unserem Walthard von Löwenhaupt. Hierzulande ist das Lied allgemein bekannt und beliebt. Schon mal was von Wolfhardt von der Wiesen gehört?“

„Da ich ein ums andere mal schon im Kosch war, sind mir ein paar der Lieder von hier bekannt, zumindest die Melodien“, meinte Walthari. „Aber ob diese Lieder nun vom von der Wiese sind?“, der Leufelser zuckte mit den Schultern.

‚Wolfhardt von der Wiesen ...‘, dachte Bärfried, während er sich die Schläfe kratzte. Er hatte noch nicht von diesem Mann gehört, geschweige denn eines seiner Lieder vernommen. Und auf der Wiesen standen bei ihnen daheim in der Sichel auch nur Schafe und Ziegen.

Auch Aardor hatte den Blick nach innen gekehrt und schien angestrengt nachzudenken. Es dauerte einen Moment, aber schließlich leuchteten seine Augen auf. „Doch“, rief er leise. „Doch, ich meine, ich kenne den Namen. Ist das nicht der Mann, der uns die Zeilen zu ‚Der Bär von Weiden‘ und ‚Tränen des Weidenlands‘ lieferte? Beide Lieder habe ich auf der Knappenschule in Trallop gelernt und ... und ...“, er zögerte erst und verstummte dann ganz – den Blick fast ein bisschen erschrocken auf die Mienen der Rittersmänner um sich herum gerichtet, die mit einem Male ernst bis betroffen wirkten.

„Oh je ...“ seufzte der junge Bärwaldener, wurde aber just in diesem Moment von seinem Vetter erretet, der den Humpen hob und mit rauher Stimme ein „Auf Wolfhardt von der Wiesen und auf die Zeilen, die er für die Mittnacht gedichtet hat!“ in die Runde warf. Wie ein Mann hoben da auch alle anderen ihre Becher und nahmen den Trinkspruch des Rotenforsters auf.

Während die Ritter einander noch zuprosteten, den Koscher Barden und mit ihm indirekt den Bären von Weiden hochleben ließen, tauchte Rossgilda wieder an der Tafel auf. Freudig lächelnd gab sie eine sparsam, deshalb aber nicht minder kunstvoll verzierte Laute aus hellem Birkenholz an Satijana weiter, die ihr dankbar zunickte und die Hand einmal sacht über die Saiten gleiten ließ. Probeweise nur, um zu schauen, ob der Klang so weit stimmte. Sie blieb sitzen, bis sich der kleine Aufruhr an der Tafel wieder gelegt hatte, stand dann aber umso entschiedener auf und räusperte sich leise:

„Auf Wolfhart von der Wiesen, der seine Kunst so trefflich beherrscht“, meinte sie und ein sanftes Lächeln eroberte ihre Lippen. „Leider nur sind die beiden just erwähnten Lieder, wie so viele über die alten Zeiten, sehr wehmütig. Das ist einerseits gut, jedenfalls für meine Wenigkeit, denn wir Bornischen haben einen Hang zum Drama.“ Sie blinzelte Walthari zu. „Andererseits ist derlei denkbar schlecht geeignet, um die rechte Stimmung für ein fröhliches Gelage aufkommen zu lassen.“ Satijana hielt kurz inne und ließ die Finger abermals über die Saiten gleiten. Sacht und nur einmal, aber das reichte aus, um zumindest den musisch begabten Hahnfelser erkennen zu lassen, was folgen würde – und dass es kein bisschen dramatisch war.

Firian hatte unterdessen mehrfach zustimmend genickt und wollte wohl schon dazu ansetzen, ein neues, eventuell fröhlicheres Lied anzustimmen. Da schenkte Adaque seinen Krug jedoch wieder voll, was ihn für einen Moment davon abhielt, gleich wieder loszulegen.

„Freilich ist der Gast stets König und deshalb sollen es gern noch ein paar Lieder auf die alten Zeiten sein – später dann, zum Ausklang“, fuhr Satijana fort. „Gern auch die beiden des Herrn von der Wiesen, von denen ich weiß, dass sie selbst schwermütige Bornische wie mich in ehrfürchtiges Staunen versetzen.“ Sie schniefte leise. „Fürs Erste würde ich Euch aber lieber etwas Heiteres servieren, das wunderbar zum Anlass passt, wie ich finde. Noch eins: Als guter Weidener sollte man hierzu nicht schweigen.“ Sie grinste und hob mahnend den Zeigefinger. „Mag ja sein, dass Herr Firian Euch das gerade ohne Tadel hat durchgehen lassen, aber so billig kommt ihr mir nicht davon, Herr- und Damenschaften. Wer jetzt nicht singt, muss saufen. Das sei hiermit verfügt!“

Nun hielt sich Firian nicht mehr zurück, sondern hob seinen mittlerweile wieder vollen Krug. „Singen und zechen geht beides wunderbaaar zusammen!“ Tatsächlich schien die Zunge beim Baron von Schneehag schon etwas zu hängen. Es sei denn, er wollte den Rest ein wenig foppen.

„Hört! Hört!“, rief Walthari und schlug dabei den Krug zweimal auf dem Tisch auf, bevor ihn zum Mund führte und vollständig leerte.

Satijana bedeutete den Knappen, ihres Amtes zu walten, sollte jemand die Zähne nicht auseinander bekommen, und griff dann erneut in die Saiten. Zwei, drei Akkorde und jeder an der Tafel wusste, welche Stunde es geschlagen hatte: das Lied „Ritter sein“ stand auf dem Programm. Kaum dass die Erkenntnis angekommen war, hob die Rotenforsterin auch schon mit unerwartet tiefer, dafür aber unerwartet klarer Stimme zu singen an:


„Ritter sein, wenn der Herold lädt
zur großen Herzogen-Turney.
In rauhen Mengen fließt der Met
und lieblich klingen die Schalmei’n.
Ritter sein, wenn die grünen Schleier
von Trallops Mauern grüßend weh’n:
Das ist des Daseins schönste Feier!
Oh, lass sie nie zu Ende geh’n ...“


Firian erkannte das Lied sofort. Mit einem schnellen Schluck aus dem Krug ölte er seine Kehle noch mal und stimmte dann ein. Klar war seine Stimme weniger ... eher etwas ... brummig, kratzig. Aber dafür brachte sie Satijanas Gesang und Lautenspiel Masse. Adaque, noch immer nicht so sicher im Liedgut der Mittnacht, als das sie das Lied sofort hätte zuordnen können, überspielte ihre Wissenslücke, indem sie ebenfalls einen guten Zug ihres Mets trank.

Dann aber erkannte sie die Melodie, die auch auf Burg Firnhag bei fast jedem geselligen Abend von den Bewohnern oder anwesenden Barden zum Besten gegeben wurde. Entweder war sie jedoch nicht textsicher oder sang generell nicht viel. Jedenfalls stimmt die Baronin von Schneehag in der Form mit ein, dass sie aufstand, wenn es passte mitklatschte und sogar ein wenig im Takt die Hüfte schwang. Zum Ende hin deutete Adaque sogar noch an, dass sie scheinbar recht gut pfeifen konnte.

Auch dem Dergelqueller war das Stück bekannt, und er stimmte sofort ein. Dabei überraschte er die Anwesenden mit einer recht guten und – gemessen am Alkoholpegel – sicheren und lauten Gesangsstimme, welche der durch Firian beigesteuerten Masse auch noch ein wenig Klang hinzufügte.

Mit großen Augen verfolgte Branda unterdessen die Darbietung der Gastgeberin. „Was für eine liebliche Stimme ...“, bemerkte sie leise und stieß dabei, wohl Zustimmung erhaschend, ihren Gemahl in die Seite, der daraufhin beinahe das Bier aus seinem Krug verschüttete. Als Antwort kam deshalb lediglich ein Brummen.

„So lobe ich mir das!“, rief Satijana, nachdem der letzte Ton verklungen war – allerdings nicht ohne den Hahnfelsern und ihrem ebenfalls schweigenden Gemahl tadelnde Blick zuzuwerfen. „Darauf trinke ich dann gern auch noch ein Schlückchen!“ Sie griff nach ihrem Becher, hob ihn schwungvoll in die Höhe und nickte der Tischrunde anerkennend zu. „Auf die Weidener, die nicht nur kämpfen, sondern auch singen können!“

Tatsächlich trank sie einen gewaltigen Schluck – so sah es jedenfalls aus und es hätte schon eines klaren Kopfes und sehr großer Aufmerksamkeit bedurft, um zu bemerken, dass der Schein trog. Nachdem die Bornische ihren Humpen abgesetzt hatte, ließ sie den Blick unternehmungslustig durch die Runde gleiten:

„Was ich mich die ganze Zeit schon frage: Ist eigentlich irgendjemandem außer mir aufgefallen, dass es hier keinen einzigen Kampf unter Weidenern gab? Also, ich meine ... das ist sicher löblich, denn ihr seid ja nicht hergekommen, um Euch mit Leuten zu schlagen, mit denen Ihr das eh jederzeit tun könnt. Aber für jemanden wie mich, der erst seit Kurzem in der Mittnacht weilt und noch auf keinem einzigen Turnier war, ist das so gesehen keine erhellende Veranstaltung gewesen. Also berichtet mir: Wie oft habt Ihr schon miteinander gerungen? Gab es irgendwelche spektakulären Kämpfe, von denen ich wissen müsste? Und wer von euch ist eigentlich der beste Streiter? Mag ja sein, dass Ihr es alle nicht mit dem Blauenburger aufnehmen könnt. Aber untereinander ... wie steht es da, eh?!“

Der Schneehager wollte, wie wahrscheinlich von einigen erwartet, schon vorlegen. Doch hatte seine Frau, nachdem das Lied verstummt war, wohl noch etwas Bewegungsdrang. Jedenfalls legte sie ihren Kopf an seinen und schien irgendwas mit ihm zu besprechen oder gar zu planen. Was auch immer es war, es hielt den Baron von Schneehag davon ab, als Erster eine Duftmarke auf die gestellte Frage zu setzen.“

Walthari von Leufels dagegen polterte sofort los: „Ha! Bei allen Göttern! Satijana! Eine solche Frage könnt Ihr Weidener Rittern nicht stellen! Da wiederholt sich doch gleich die Geschichte.“ Er fing an zu kichern wie ein kleiner Junge und blickte schelmisch grinsend in die Runde. Ganz so, als müsste jeder wissen, was er meinte. Als er in Satijanas fragendes Gesicht blickte, schien seine Laune gar noch besser zu werde. Er riss die Augen erstaunt auf: „Ihr kennt die Geschichte nicht! Oh, großartig. Ich erzähle es Euch!“ Wieder schlug er mit der flachen Hand auf den Tisch, dass alles wackelte.

„Vor einigen Jahren, unser Prinz Arlan war noch ein Knappe, ritt dieser mit Rondrian von Blauenburg, Thûan von Schwarzenstein und einigen anderen namhaften Rittersleuten der Mittnacht zu einem Hoftag unserer Kaiserin. Ich weiss nicht mehr, wo genau es hin ging. Ich glaube Albernia, könnte aber auch in Garetien gewesen sein. Na, auf jeden Fall stellte sich dieser Gruppe ein Heckenritter in den Weg. Voll gerüstet mit Pferd und Lanze. Und er stellte dieselbe Frage, die Ihr gerade gestellt habt: ‚Wer ist der Beste von Euch?‘ Denn gegen denjenigen wollte er tjosten, um den Einsatz von Pferd und Rüstung.“ Walthari konnte sich ein Lachen nicht verkneifen und spülte es mit einem guten Schluck aus dem Humpen herunter.

„Daraufhin kam es zu einem Streit unter den Weidenern, denn natürlich wähnte sich jeder von ihnen als der Beste. Das Ganze mündete darin, dass die Ritter den Besten unter sich auskämpften. Mit Lanze und Pferd. Das dauerte bis zum Sonnenuntergang. Und nachdem der Blauenburger den Schwarzensteiner besiegte hatte, stand er als Bester fest.“ Walthari schüttelte den Kopf und konnte kaum weiterreden, so wackelte der ganze Kerl vor Gelächter. „Allein, der Heckenritter war gar nicht mehr da. Er war schon Stunden vor dem Ende seiner Wege gezogen. Natürlich nur, weil ihm die geballte Kampfkraft und Ritterlichkeit der Weidener so imponiert hatte, dass er sich bei einem Lanzengang blamiert hätte. Also: Seid vorsichtig mit solchen Fragen, denn sie können ungeahnte Folgen haben.“ Er zwinkerte der Rotenforsterin schelmisch zu, als er den Humpen erneut ansetzte.

Firian hatte aufmerksam zugehört. Er kannte die Geschichte, denn vor einiger Zeit erst hatte der Blauenburger selbst sie ihm nochmal erzählt.

„Nun bei meinem letzten Besuch in Wolfenbinge durfte ich mich nochmal mit dem Wolfenbinger messen“, gab er denn auch zum Besten. „Aber ansonsten hat er das Tjosten eingestellt. Der Schwarzensteiner kommt dieser Tage zu meinem großen Bedauern ja auch nicht mehr aus seiner Baronie raus. Wahrscheinlich bringt er seinen Kindern all das Wissen bei, was in ihm steckte. Wollen wir es hoffen auf das das alles von Fisch bis Liebchenmilch nie vergessen wird.“ Firian hob seinen Humpen „Auf den Blauenburger und den Schwarzensteiner mögen sie uns, wenn schon nicht in der Turnierbahn oder dem Schlachtfeld, doch noch in allen anderen Dingen zur Seite stehen!“

„Hoch!“, rief Walthari und hob den Humpen ebenfalls.

Der Schneehager leerte das Gefäß und stellte es unsanft auf den Tisch. Danach sah er Satijana an und kam auf ihre Frage zurück: „Was mich angeht, bin ich mir sicher, ich kann es mit jedem hier aufnehmen und würde an den meisten Tagen den Sieg davontragen. Aus jeder Niederlage lernt man, und ich habe in den letzten zehn Götterläufen einige Niederlagen auf dem Turnierfeld hinter mir. Ebenso bin ich die letzten Jahre viel rumgereist und habe, wann immer möglich, auf diesen Reisen andere Ritter gefordert.“ Für einen Moment ließ Firian das so stehen, bevor er dann noch anschloss: „Mit deinem Mann habe ich glaube ich noch nie gefochten. Leufels und ich sind uns schon mal begegnet, würde ich sagen.“

Waltharis Geschichte rang Bärfried ein Schmunzeln ab. Der Junker dachte kurz daran, dass er in Zukunft vielleicht doch öfter die Nähe der anderen Adeligen suchen sollte. Begegnungen wie die eben vom Leufelser wiedergegebene versprachen Spaß. Erst die Rede des Böcklins rief ihn wieder ins Hier und Jetzt zurück. War der nicht eben gegen einen alten Mann aus dem Turnier geflogen? Noch bevor Satjana oder Widderich antworten konnten, erhob der Sunderhardter in ruhigem Ton seine nun schon länger stumm gebliebene Stimme.

„Bei aller Wertschätzung, Herr Böcklin, aber die Person, mit der ich mich hier gern messen würde, ist jene, die die Farben Weidens bis zum Schluss hochgehalten hat.“ Der Junker prostete in Adaques Richtung, wohl wissend, dass die subtile Aufforderung des Barons nicht in seine Richtung ausgesprochen worden war.

„Dann hättest du dich zwar mit einer formidablen Streiterin gemessen, aber nicht mit einer Ritterin Weidens“, kam es daraufhin lakonisch aus Widderichs Richtung.

Nachdem der ebenfalls lange geschwiegen hatte, war ihm die Aufmerksamkeit aller gewiss – insbesondere die seiner Gattin, die ihm mit weit aufgerissenen Augen und einem kaum merklichen Kopfschütteln zu verstehen gab, dass seine kurze Ansprache nicht gerade eine diplomatische Meisterleistung gewesen war. Er begriff schnell, wandte sich Adaque zu und schenkte ihr ein Lächeln, das verstörenderweise geradezu charmant wirkte.

„Verzeiht“, schob er nach und prostete der gebürtigen Garetierin zu. „Das klingt härter als es gemeint war. Mir ist wohl bewusst, dass Ihr mittlerweile in Weiden angekommen seid und Euch bei uns vielleicht sogar wohler fühlt als sonst wo, Hochgeboren. Ich will damit nur sagen, dass Eure Wiege nicht in der Mittnacht stand und dass Ihr auch nicht bei uns zur Ritterin erzogen wurdet. Mithin sollten wir Euch unbehelligt lassen, wenn es gilt, den besten Weidener Ritter zu bestimmen. Wiewohl man das heuer vermutlich ohnhin nicht als Qualitätssigel betrachten kann, denn die Farben des Herzogtums wurden im Tjost ja am Ende von einer Garetierin und einem Donnerbacher hochgehalten.“

Nachdem das gesagt war, schniefte der Rotenforster unzufrieden und ließ den Blick zum Gemahl Adaques weiter wandern. Dabei wandelte sich sein Lächeln von charmant zu blasiert – oder vielmehr: herausfordernd. Und zwar deutlich. „Könnt es mit jedem von uns aufnehmen und an den meisten Tagen den Sieg davontragen, eh, Böcklin?“, brummte er. „Interessant. Sehr interessant. In welcher Disziplin noch gleich?“

Firian war gerade damit beschäftigt, mit seinem Messer noch ein Stückchen Fleisch aus dem Spanferkel zu fieseln. Das gab Adaque Zeit zum Reagieren. Sowohl in Richtung Bärfried als auch in Richtung Widderich sagte sie:

„Nichts für ungut, aber ich denke Bruder Rotenforst hat Recht. Ich bin inzwischen Weidenerin, aber das Verständnis des Ritterseins habe ich am Grafenhof zu Eslamsgrund gelernt. Ich kann Euch sagen: Das ist doch einiges vom Weidener Verständnis entfermt. Zweifellos ist die Weidener Sichtweise die bessere, das will ich gleich hinzufügen.“ Ihre Stimme gewann dann etwas an Schärfe, auch wenn sie weit davon entfernt war, verärgert zu sein. „Ich verspreche den Herren aber, ich werde jetzt hier als auch bei jeder folgenden Gelegenheit genau hinsehen, um das Weidener Rittersein noch besser zu verstehen und zu verinnerlichen.“

Anschließend beugte sie sich zu Satijana rüber und sagte – verbunden mit einer kleinen wedelnden Handbewegung – leise aber keineswegs geflüstert: „Außerdem bin ich froh, mich aus dem, was hier gleich folgt, raushalten zu können. Ich denke, dafür fehlt mir etwas, dessen Länge ganz sicher bemessen werden wird. Gern berichte ich dir aber mal, was so die Schwerpunkte der Ritterausbildung am Grafenhof zu Eslamsgrund sind.“

Bevor Satijana darauf irgendetwas erwidern konnte, prustete Walthari erneut lauthals – und schon deutlich angeheitert – los. Offenbar hatte er Adaques Anmerkungen mitbekommen und amüsierte sich bestens darüber. Nicht ganz ernst gemeint, wandte er sich daher an die beiden Frauen: „Ja, da habt Ihr wohl recht. Zu Zeiten Isegreins hätten wir jetzt die Viecher einfach ausgepackt und geguckt, wer den Längsten hat. Den Göttern sei Dank sind wir heute ziwil... zifier... einen Schritt weiter jedenfalls. Jetzt holt man dafür Lanzen. Die sind alle gleich lang und es kommt drauf an, wie man damit umgehen kann.“ Er grinste anzüglich in die Runde.

Kurz starrte Satijana den Leufelser an wie vom Donner gerührt. Sie schien schlicht nicht fassen zu können, was er gerade von sich gegeben hatte. Die Miene der Rotenforsterin hätte in diesem Moment ganz vortrefflich zu einer restlos schockierten Edeldame gepasst – wäre da nicht schon ein amüsiertes Funkeln in ihren Augen zu erkennen gewesen. Schließlich begannen ihre Mundwinkel zu zucken, statt die Lippen aber tadelnd zu verziehen, grinste sie gleich darauf mindestens ebenso anzüglich wie Walthari.

„Hört, hört! Ich weiß ehrlich nicht, was ich dazu sagen soll, Hochgeboren“, meinte sie schmunzelnd. „Außer vielleicht, dass bei ... Viechern meiner bescheidenen Erfahrung nach auch nicht allein die Länge zählt.“ Sie hielt inne, lachte dann leise in sich hinein und prostete Walthari zu. „Auf die Technik also, die bei jedem Werkzeug von allergrößter Bedeutung ist!“

Just in dem Augenblick meldete sich auch Firian sich wieder zu Wort – und der war gedanklich so sehr mit dem Ferkel und den vorangegangenen Worten seines Rotenforster Standesgenossen beschäftigt, dass er vom Intermezzo zwischen Walthari und seiner Gemahlin nicht viel mitbekommen hatte. Er grinste Widderich an und fixierte ihn mit dem Blick, wobei er sein linkes Auge halb schloss. „Na gut, ich glaub mitm Zweihänder gegen dich wohl nich ... aber sonst in jeder Disziplin, will ich meinen!“ Dann breitete er seine Arme aus. „Wir können es jederzeit austesten! Das Schlimmste, was passieren kann, is doch, dass man noch was dazulernt.“

Walthari hatte sich gerade ein Kartöffelchen in den Mund geworfen – und sogar getroffen –, nach den Worten des Schneehagers hämmerte er mit der Faust auf den Tisch und sprang auf:

„Dann sei es so. Messen wir uns, Männer. Rutger!“ Er brüllte den Namen seines Knappen so laut, als wähnte er diesen am anderen Ende Angbars. Der Gerufene stand aber nur einen Schritt hinter ihm und gab in normalen Tonfall zurück:

„Ja, Herr?“

Walthari zuckte zusammen und drehte sich abrupt um: „Blitz und Donner, Junge! Ich hab dir doch gesagt, du sollst dich nicht immer so von hinten an mich ranschleichen! Irgendwann trifft mich mal der Schlag. Los, hol Pferd, Rüstung, Lanze, Schwert. Und eil dich, bevor ich zu betrunken bin, um die Lanze gerade zu halten.“

Rutgar sah ein wenig fragend und durchaus hilflos wirkend in die Runde. Offenbar, um noch einen Einwurf zu hören, der ihn an der Ausführung des Befehls hindern würde – doch vergeblich: sein Herr war schneller als alle anderen Anwesenden. „Na. Hopp, hopp, Rutger. Wo kein Schnee liegt, darf gelaufen werden“, setzte Walthari ohne Zögern nach und machte eine wedelnde Handbewegung zur Verdeutlichung. Dann wandte er sich wieder zu den anderen, stütze die Hände in die Hüften und grinste breit: „Na, Böcklin? Bereit zu lernen?“

Auch Firian war überrascht davon, wie der Leufelser plötzlich seinen Knappen hergezaubert hatte. Ein breites Grinsen begleitete die folgenden Worte: „Beim Weißen Jäger! Der Junge kann pirschen Leufels ... denk nochmal drüber nach, ich hab Kontakte zu Gevatter Ailgrimm ... hab sogar schon mal mit ihm gesprochen ... ich könnte den Jungen vor die Eisigen Stelen führen!“ Die Frage von Walthari lenkte ihn dann aber wieder von diesem Thema ab. Er stand auf, man könnte denken leicht breitbeinig, und rief: „Leufels!!! Ihr wisst doch: Immer bereit!!!“

Er suchte den Bediensteten, der mit ihnen gekommen war und gab in sehr bestimmten Tonfall Anweisungen: „Los Scherge, lauf Er und sag er meinem Knappen Bescheid, dass er alles vorbereiten soll. Ich komm gleich nach.“ Mit wesentlich freundlicherer Stimme wandte er sich an seine Frau: „Würdest du dich um den Grafen kümmern?“

Fast schien es, als ob er sogleich aufbrechen wollte. Doch dann richtete er den Blick auf die beiden Sichelwachter und den Bärwaldener: „Was mit euch? Wieso sitzt ihr noch?“

Aardor hatte die unerwartete Entwicklung der Geschehnisse mit ebenso weit aufgerissenen Augen verfolgt, wie Satijana. Anders als die löste er sich nun aber aus seiner Starre und schoss einen raschen Blick zu Widderich hinüber, der gerade vollauf damit beschäftigt war, seinen Humpen zu leeren. Anschließend stellte er das Teil krachend auf dem Tisch ab, wischte sich den Bierschaum mit dem Ärmel seiner feinen Tunika vom Mund und holte einmal tief Luft.

„Verdammt, is ja gut!“, brummte er und fasste Walthari ins Auge. „Ich war eigentlich auf Feiern eigestellt, aber wenn Ihr denn unbedingt meint, wir sollten dem Hammel jetzt erstmal die Beine lang ziehen, soll’s mir recht sein.“ Darauf erhob er sich, was schon nicht sonderlich souverän wirkte, und warf einen suchenden Blick über die Schulter. Augenscheinlich ließ sich dieser unfassbar komplexe Bewegungsablauf nicht ganz problemlos mit seinem aktuellen Zustand vereeinbaren, denn er musste nach der Tischkante greifen, um nicht ins Schwanken zu geraten. Dennoch stieß er ein ziemlich bestimmtes „Bärfang!“ aus. „Wo steckt der Kerl denn jetzt schon wieder? Ich hab doch gesagt: Keine Wetten mehr!“

„Am Grill, Herzensallerliebster. Da, wo er sein soll“, flötete Satijana, die sich nun ebenfalls erhob. Sie ließ ihren Blick ungläubig über die strahlenden Recken gleiten, die nach und nach aufstanden, denn natürlich folgte Aardor dem Beispiel seines Familienoberhaupts. Wie von der Maraske gestochen sprang er auf und schien vor Begeisterung kaum mehr an sich halten zu können. Hektische rote Flecken zierten die Wangen des blonden Jünglings, während die Baronsgemahlin von Rotenforst reichlich zerknirscht wirkte – wohl weil sie das sich abzeichnende Drama überhaupt erst in Gang gebracht hatte.

„Ich ... äh ...“, hob sie zögernd an, „... möchte mal vorsichtig die Frage in den Raum werfen, wie sinnvoll so ein Kräftemessen bei schlechten Lichtverhältnissen und deutlicher Beschwippstheit eigentlich ist?! Ich meine ... wollt ihr jetzt wirklich mit Lanzen aufeinander losgehen? Da wäre mir die Variante mit den Viechern offen gesprochen lieber?!“ Zwar lächelte Satijana noch immer, aber es wirkte erstmals ein bisschen gezwungen. „Das ist meine Gesellschaft hier. Wenn ihr am Ende alle tot in eurem Blute liegt, will ich daran nicht schuld sein!“

„Ach was, was soll denn schon passieren?“, entgegnete Widderich und schüttelte den Kopf.

„Was ist denn das für eine Frage? Du kannst kaum noch stehen! Wenn du dem Herrn Firian ein Auge ausstichst oder Herr Walthari dir seine Lanze ...“

„Ah, stehen. Firlefanz! Tjosten tut man im Sitzen“, lautete die ungerührt Erwiderung.

Satijana öffnete den Mund, schloss ihn wieder, öffnete ihn erneut und hob dann die Schultern. Hilfesuchend ließ sie den Blick hernach über die Gesichter von Adaque und Branda gleiten und sah schließlich Bärfried an, der deutlich weniger getrunken hatte als die anderen Männer, daher vermutlich noch bei Trost war – und den sie genau aus dem Grund nun wohl als Vergleichgröße heranzuziehen gedachte.

Auf Bärfrieds Lippen zeigte sich jedoch erst mal nur ein Lächeln, das bei den Geschehnissen um ihn herum immer breiter geworden war. Bereitwillig erhob er sich von der Bank und bedeutete Widolf mit einer knappen Geste, die nötigen Vorbereitungen zu treffen. „Gut gesprochen, die Herren ...“, rief der Junker erfreut aus.

Neben ihm stieß Branda einen tiefen Seufzer aus. Es erschien ihr bedenklich, dass auch der Mann, der hier am Tisch am wenigsten getrunken hatte, mit von der Partie war. Eigentlich sollte gerade er die Stimme der Vernunft sein, die die anderen auf die Gefahren dieses Unterfangens hinwies. Die Trenckerin rollte mit ihren Augen. Es war sinnlos.

„Aber zieh dir wenigstens was Anständiges an!“, rief sie Bärfried dann noch zu, ohne jedoch eine Resonanz auf ihre Worte zu erhalten.

Satijana verfolgte das Gebahren der Hahnfelser mit ungläubig gerunzelter Stirn und hob zum Ende hin resigniert die Hände – auch wenn in ihren Augen noch ein recht deutliches „War das etwa schon alles?“ zu erkennen war, das wohl Branda galt. Dann richtete die Rotenforsterin den Blick auf ihre letzte potenzielle Verbündete an diesem Tisch der Wahnsinnigen: Adaque.

Derweil kam Bärfang hinüber schwarzenzelt, ein großes Trinkhorn in der einen und die Grillzange in der anderen Hand. Es sah die Herrschaften erstaunt an und fragte: „Wie jetzt? Wars das etwa schon? Aufbruch, oder was?“

„Wir schlagen uns“, erwiderte Widderich ohne mit der Wimper zu zucken. „Pack das Zeug da weg. Ich brauch dich im Zelt. Jemand muss mir ... beim Rüsten helfen.“

„Waahaaa... ?“ Bärfang stierte einen Moment, als würde er seinen Bruder für völlig irr halten. Dann besah er sich die anderen Ritter, die ebenfalls standen – alle mit ihren Knappen oder sostigen Gehilfen bei Fuß – und fing an schallend zu lachen. „Potzdonner!“ Der Hüne leerte sein Horn in einem Zug, bevor er es weisungsgemäß wegstellte. „So lobe ich mir das! Ist zwar ne schwachsinnige Idee, aber je schwachsinniger desto besser, eh? Ich guck lieber ein paar Weidenern dabei zu, wie sie besoffen über ihre eigenen Füße stolpern, als den Garetiern dabei, wie sie den Sitz der Frisur in ihren polierten Platten prüfen.“

Walthari stand unterdessen immer noch mit den Händen in den Hüften abgestützt da, schaute in die Runde und hörte zu. Dann hob er an und bemühte sich, den aufkommenden Tumult zu übertönen:

„Moment mal. Ich höre hier dauernd, dass wir alle zu besoffen sind und nicht kämpfen können. Ich sehe alle Herren aufrecht stehen und höre sie deutlich sprechen. Also kann das schon mal nicht sein. Außerdem: Wann kämpft es sich schon besser, als mit Rahjas Rausch im Kopf und Rondras Mut im Herzen?“ Er verschränkte die mächtigen Arme vor der Brust. „Aber: Satijana hat Recht. Es ist ihre Tafel, an der wir unter dem Segen der Herdmutter gemeinsam speisen, singen und trinken. Wenn sie es als Bruch der Gastfreundschaft ansieht, dass wir uns messen und vielleicht auch Blut in Ehren vergießen werden, müssen wir das respektieren.“ Er blickte ernst zu den Rotenforstern rüber. Seine Worte hätten fast schon etwas Feierliches gehabt, wenn ihm nicht just in diesem Moment ein kleiner Rülpser entwichen wäre.

Firian und Adaque waren kurz miteinander beschäftigt gewesen, sodass den beiden Schneehagern die meisten der eben gefallenen Worte entgangen waren. Firian hatte einmal kurz aufbegehrt: bei dem Hammel von Widderich. Ansonsten war Adaque aber nach der Aufforderung, sich um den Grafen zu kümmern, aufgestanden und in den Tanzbereich ihres Gatten eingedrungen, um ihm ein paar Dinge zu erzählen. Sie sprach recht leise, flüsterte aber nicht und legte keine Absicht an den Tag, niemanden hören zu lassen, was sie sagte:

„Mein Schatz, denk daran, dass das hier weder der Hof vor dem Palas von Burg Firnhag ist, noch dass deine Saufkumpane heute der Runkel und seine beiden Söhne sind. Ebenso weißt du selbst, dass der Graf einen langen Tag hatte und es besser wäre, ihm jetzt die Nacht zu lassen. Seitdem Firnfell sich auf dem Weg von Kressenburg hierher was in den Huf getreten hat und das schlecht heilt, musst du den Grafen die meiste Zeit als Reitpferd nutzen ...“

Firian fixierte seine Frau mit zusammengekniffenen Augen, während im Hintergrund schon wieder über Mode, rechtes Anziehen und schließlich sogar über garetische Frisuren gesprochen wurde. Da ergab er sich der Übermacht aus offenbar – anhand der besprochenen Themen kam ihm jedenfalls so vor – gebrochenem Kampfeswillen und den Worten seiner Frau. Er pflanzte sich wieder auf seinen Platz. Gerade in dem Moment, in dem der Leufelser seine Rede mit einem Rülpser krönte.

„Nee, das nich ... der Eidmutter ihren Segen sollte man sich nich verscherzen ... verschieben wir das auf morgen! Aber, wo wir jetzt ja schon mal so aufgeschlossen beisammen sitzen und fast gemeinsam geblutet hätten ... Widderich, alter Eisenschwinger ... jetzt erzähl ma: Wie lief das da mit dem Graufenbein ... und vor allem diesem Tobrier. Ich bin sicher, auch Leufels interessiert es, wie das abgelaufen ist und wer nu Recht hat bezüglich des Ablaufs deiner Übernahme von Rotenforst! Man hört ja so dies un das ...“

Als sich der Lauf der Dinge erneut wendete, brauchte Widderich einen Moment, um aufzuschließen. Danach setzt er sich aber nicht, sondern blieb stehen. Sein Blick wanderte irritiert zwischen Walthari und Firian hin und her. Unterschwelliger Vorwurf war darin zu erkennen, hatte er doch gerade noch versucht, sein störrisches Weib davon zu überzeugen, dass so ein bisschen Gestech mit leichtem Kopf überhaupt kein Problem darstellte. Dass sich die Herrn Barone nun umentschieden, kam ihm im Anbetracht dessen wie Verrat vor. Schließlich schloss er Satijana in seine Betrachtung ein und zog eine Miene wie ein störrisches Kind, dem man just das liebste Spielzeug genommen hatte.

„Im Ernst, eh?“, brummte er. Das schien den Trutzern zu gelten, auch wenn sein Blick an Satijana hängengeblieben war. „Du siehst es als Bruch der Gastfreundschaft an, wenn wir unseren Spaß haben?“, fuhr er dann fort. „Wir wollen ja nicht hier am Tisch streiten, sondern würden ein Stück da rüber gehen.“ Er deutete in eine beliebige Richtung.

Die Gemahlin des Rotenforsters war noch vollauf damit beschäftigt, Walthari dankbar anzulächeln, als Widderich ihre Aufmerksamkeit einforderte. „Ich will euch euren Spaß nicht verderben“, meinte sie da rasch. „Wenn ihr unbedingt meint, dass das jetzt sein muss, haltet es nur so. Ich lege auch ein gutes Wort bei Mütterchen Travia für euch ein, wenn es euch die Sache leichter macht. Aber ich schätze, die Herrin Rondra würde es lieber sehen, ihr holtet dieses Kräftemessen morgen mit klarem Kopf und größerer Ernsthaftigkeit nach?!“

Im Anbetracht dieser doch recht überzeugenden Argumentation schniefte Widderich leise und schien nun wirklich in Betracht zu ziehen, sich wieder zu setzen. Bevor er das tat, warf er Bärfried aber nocht einen fragenden Blick zu – genau wie Satijana es kurz zuvor getan hatte, nur mit entgegengesetzter Zielrichtung.

„Gute Frage, Böcklin“, kam es unterdessen von Bärfang, der dem Schneehager zunickte. „Ich finde es wirklich gut, dass das mal einer fragt. Meiner Meinung nach hätten wir dem Gerede über Mord und Verrat schon längst mal unsere Sicht der Dinge gegenüberstellen sollen. Es gibt Leute, die das nicht für wichtig halten“, bei diesen Worten warf er einen kurzen Seitenblick auf seinen Bruder, „aber ich tus! Also sagt an, Herr Firian: Was wollt Ihr wissen?“

„Jupp, das ist eine Scheiße, deren Geruch mir sehr bekannt vorkommt. Auch uns wird ständig was vorgeworfen. Aber gut, das ist vielleicht ein Thema für einen anderen Abend. Also, was will ich wissen ... . Na alles! Die ganze Geschichte. Angefangen damit, warum der Alte euch an den Kragen wollte, bis da hin, wie es dazu kam, dass der Graf euch den Reif gab. Ohne selbst, nun, Gerede reinbringen zu wollen: Der Herr der Sichelwacht ist nicht gerade für seine Nachsicht und Großzügigkeit bekannt. Oder dafür, jemanden was zu schenken!“ Firian stieg voll in das Gespräch ein und schien wirklich Wissensdurst in der Sache zu haben.

Bärfried folgte der Rede des Leufelsers mit offen stehendem Mund, und auch während der darauffolgenden Antwort des Schneehagers bewegte sich sein Kinn beständig nach unten. Sein Blick suchte den Widderichs.

„Korrigiert mich bitte, sollte ich falsch liegen ...“, die Stimme des Sunderhardters schnitt durch die laue Abendluft, „...aber ist es nicht so, dass wir mehr als eine Gastgeberin haben? Lassen wir das Wort des Herren von Rotenforst, dessen Weib Satijana ist, wirklich links liegen?“ Bärfried nahm einen Schluck aus seinem Humpen. In seinem Augenwinkel sah er Branda die Hände vor ihr Gesicht schlagen. „Satijana ist dagegen, Widderich dafür. Es ist gewagt, vom Bruch der Gastfreundschaft zu sprechen, wenn sich eine Partei dafür ausspricht.“ Er rülpste. „Wäre was anderes, wenn Leufels und Böcklin sich hier und jetzt gegen Euer beider Willen prügeln würden.“

Der Junker hob die Schultern. „Wenn du dich mit jemandem messen willst, Widderich, dann stehe ich dir zur Verfügung. Wir sind Ritter. Der Kampf ist unser Leben, genauso wie das Fressen und Saufen.“ Sein Blick streifte Satijana. „Und um den Einwand deiner Frau zu respektieren, werden wir es nicht hier zwischen den Tischen und Bänken tun.“

Nachdem das heraus war, herrschte für einen Moment Stille an der Tafel. Von den anderen schien keiner so recht zu wissen, was er sagen sollte – und auch Widderich schwieg fürs Erste. Er erwiderte den Blick des Sunderhardters, und der glaubte ein unternehmungslustiges Funkeln in seinen Augen erkennen zu können. Kurz meinte er, der Rauheneck würde sein Angebot tatsächlich annehmen, mit ihm von der Tafel fliehen und so auch gleich einem Gespräch entgehen, das er offenbar nicht führen wollte. Doch dann schienen seine Gedanken in eine andere Richtung umzuschwingen. Vielleicht, weil Bärfrieds letzte Worte ihm etwas in Erinnerung gerufen hatte?

In jedem Falle löste er sich vom Uhlengrunder und sah stattdessen zu Satijana hinüber. Die hatte es kommentarlos und scheinbar völlig ungerührt hingenommen, mal so ganz nebenbei das „Weib des Herrn von Rotenforst“ geheißen und damit quasi zu einem Anhängsel degradiert worden zu sein. Hier am Tisch kannte sie auch niemand gut genug, um ein kaum merkliches Zucken ihres rechten Mundwinkels wahrzunehmen. Niemand, außer Widderich, und der schenkte ihr gleich darauf ein beschwichtigenes Lächeln.

„Gut, dass du mich erinnerst, Bärfried“, meinte er, ohne die Augen von Satijana zu nehmen. „An der Tafel hier gibt es tatsächlich nur eine Gastgeberin. Jedenfalls wenn es danach geht, wer das Ganze auf die Beine gestellt und folglich die Arbeit damit hatte. Ich denke, es sollte heute kein Dafür und Dagegen geben, sondern bloß ein Miteinander, eh?! Und wenn wir uns jetzt im Kampf messen, geht uns der weibliche Teil der Belegschaft flöten. Wir würden die Damen zum Zuschauen verdonnern, weil sie entweder keine Ritterrinnen sind oder keine Lust auf Schwanzvergleiche haben.“

Widderich überlegte kurz, denn ein Teil von ihm, schien sich dieser Logik immer noch nicht beugen zu wollen. Also sah er am Ende doch wieder zu Bärfried hinüber und feixte ihn an, spitzbübisch fast: „Was nicht heißen soll, dass du aus dem Schneider bist, Sunderhardt. Wir holen das mit dem Kräftemessen entweder nach, wenn diese Leichtgewichte – er deutete nacheinander auf Satijana, Adaque, Branda und Aardor, der ein entrüstetes „Heeeee!“ ausstieß –, „gleich unter dem Tisch liegen, oder morgen in der Frühe als Allererstes.“

Firian hatte mit immer größerem Stirnrunzeln der Rede von Bärfried zugehört und auch Adaque runzelte gehörig die Stirn, sah aber mehr Branda an. Als Widderich danach zuerst das Wort ergriff, sahen die Schneehager einander an. Beide hatten einen Gesichtsausdruck, der aussagte: ‚Was faselt der Kerl da?‘

Widderich kam zum Schluss und beide ergriffen das Wort. Adaque meinte in Richtung Widderich: „Ich hätte dich für erfahrener gehalten, als zu glauben, dass die Kraft allein über den Ausgang eines Kräftemessen entscheidet. Da klingt mir doch ein wenig die Hirschfurtener Arroganz durch. Vielleicht mach ich morgen doch noch mit. Hat ja offensichtlich nicht gereicht, dass dieses Leichtgewicht hier wesentlich weiter als ihr schweren Lanzenträger gekommen ist.“ Danach prostete sie ihm mit ihrem Becher Met zu.

Firian dagegen wandte sich an Bärfried. „Du liegst falsch!“ Er hielt seine Hände zu Fäusten geballt hoch und schlug sie dann kurz ineinander. „Das sind Leufels und ich. Oder du und Widderich oder ein beliebiges Paar Fäuste! Das ist was anderes!“ Er schloss seine beiden Hände zu einer Faust zusammen und deutete einen mächtigen Schwinger an. „Das sind Mann und Frau, wenn sie sich zu einem Paar vereint haben. Sie sind noch zwei Fäuste und in der Lage sich zu trennen. Gemeinsam aber viel stärker und gleichberechtige Teile einer starken Gemeinschaft. Viel stärker als eine einzelne Faust. Solltest du dir merken! Macht dich stärker und nicht schwächer!“

Ob der Sichelwachter seinen Rat annahm oder nicht, war Firian recht egal. Seinen Standpunkt wollte er klarmachen und unterstrich diesen dann ebenfalls mit einem kräftigen Zug aus seinem Trinkgefäß.

Bärfried legte seine Stirn in Falten, als er sich die Schläfe kratzte. Er hatte Widderich wohl überschätzt und was der Böcklin von sich gab, wusste er gar nicht zu deuten. Beinahe schon hilfesuchend warf er seinen Kopf in den Nacken und blickte gen Himmel. Dorthin, wo der Herr Phex bereits seine Schätze an das schwarze Tuch der Nacht gehängt hatte. Vielleicht schaffte es der Herr der Nacht ja, ihn zu erleuchten.

„Ähm ja ...“, der Junker seufzte, „... Eure Entscheidung.“ Er zuckte mit seinen Schultern, dann schien ihm jedoch noch ein Gedanke zu kommen. „Eines muss ich jedoch noch klarstellen, da ich allem Anschein nach wieder einmal falsch verstanden wurde: In keiner Silbe habe ich erwähnt, dass ihr beiden ...“, sein in diesem Moment gelangweilt wirkender Blick streifte Satjana und Widderich, „... nicht gleichberechtigt seid. Im Gegenteil. Eben weil ihr das seid, sollte Widderichs Wort genauso schwer wiegen wie das seiner Frau.“ Der Sunderhardter wandte sich Firian zu. „Und nur weil einer der beiden etwas sagt und die beiden verheiratet sind, heißt das nicht, dass es auch für beide gilt.“ Bärfried hob eine Braue, sein Blick ging zwischen Firian und seinem Weib hin und her. „Ich bezweifle zwar, dass das möglich ist, aber schön, wenn man sich stets einig ist. Bei uns ist dem nicht so und wir ertragen eine andere Meinung unseres Partners.“

Branda rollte resignierend mit den Augen. Sie gab ein leises Brummen von sich, das Bärfried sogleich als Zustimmung wertete. „Schließlich sind wir doch alle erwachsen ...“, setzte er dann noch hinzu, „... ich hoffe, dass ich dieses ... Missverständnis ... nun aufklären konnte.“

Widderich und Satijana hatten die kuriosen Fingerübungen von Firian aufmerksam verfolgt – ebenfalls leicht verwirrt, darüber hinaus aber eher amüsiert als konsterniert. Am Ende wechselten die beiden einen kurzen Blick, der erkennen ließ, dass Meinungsverschiedenheiten bei ihnen keine Seltenheit waren und ganz sicher kein Grund zur Beunruhigung.

Doch bevor einer von ihnen etwas sagen konnte, legte Bärfried los – und wie er sagte, was er sagte, sorgte zumindest bei Satijana für einen raschen Stimmungsumschwung. Sie blickte in das gelangweilte Gesicht des Sunderhartders und schien schlagartig noch das letzte Fitzelchen Interesse an seinen Ausführungen zu verlieren. Mit einem entschuldigenden Lächeln in Brandas Richtung erhob sie sich mitten in die Rede von deren Gatten hinein und ging zu Bärfang hinüber, um ein paar leise Worte mit ihm zu wechseln.

Widderich hielt die Stellung jedoch, hörte dem Sunderhardter zu, bis dieser geendet hatte und gab dann ein neutrales „Alles gut“ von sich. „Soll es mit der Gleichberechtigung doch jeder halten, wie es ihm gefällt. Was uns betrifft, gab es diesbezüglich keine Missverständnisse.“ Er schien noch etwas anfügen zu wollen, geriet dann aber ins Stocken – und wurde einen Herzschlag später glücklicherweise von Firian errettet.

„Du wirs au noch verstehn was ich gmeint habe, sonst...“ brummte der. Einen Moment schien der den Lehrer geben und dem Sunderhardt etwas erklären zu wollen. Allerdings legte dann erst Adaque ihre Hand kurz auf seinen Unterarm und bedeutete ihm so, dass er es lieber bleiben lassen sollte. Ihrer Meinung nach war es generell schon recht fraglich und gerade jetzt nahezu unmöglich, dass sein Rat als solcher anerkannt werden würde. Zusätzlich aber fing der Leufelser jetzt wieder an zu sprechen.

Der Baron von Dergelquell stand immer noch mit den Händen in Hüften da und sein Blick huschte verwirrt hin und her, während er den Wortgefechten zu folgen versuchte. Innerlich ermahnte er sich, zum wiederholten Male in seinem Leben, seine Versuche, diplomatisch zu sein, einzustellen. Offenbar stiftete er damit nur Verwirrung ... auch bei sich selbst.

„Ja, ich seh schon: Morgen ist wohl doch der bessere Tag für eine ordentliche Keilerei unter Rittersleuten“, meldete er sich brummend zu Wort. „Da damit der züchtigen Travia genüge getan ist, sollten wir uns nun wieder ihrer schönen Schwester Rahja zuwenden.“ Er hob seinen Humpen in die Runde, sah aber in mehrheitlich eher angesäuerte Gesichter, un trank trotzdem einen guten Zug.

„Ja, nun denn. Ein Ritter muss Opfer bringen, um die Welt zu retten“, stellte er danach fest. Bedächtig stellte er seinen Krug zur Seite, stiegt ruhig über die Bank auf den Tisch und begann zu singen und zu stampfen. Er wählte dafür ein fröhliches und flottes Lied, das eher in den bäuerlichen Kreisen beliebt war, zu später Stunde aber auch an einer adligen Tafel gern gesungen wurde: Mach die Tür zu.


„Der Wind blies kalt um’s Bauernhaus
von Hogg und Gunelda
und der Bauer sprach zu seiner Frau:
‚Steh auf und schließ die Tür.‘

‚Lieber Hogg‘, sprach sie,
‚Du weißt genau
wie ich meine Knochen spür,
denn ich schufte hier den ganzen Tag,
darum schließ doch selbst die Tür.‘

‚Ich scher das Schaf und melk die Kuh‘,
sagte der Bauer da zu ihr,
‚und ich bin der Herr auf diesem Hof,
drum steh auf und schließ die Tür.‘

So saßen sie und dachten sich,
‚Wart’s ab, ich zeig es Dir.‘
Und der Wind blies kalt um’s Bauernhaus
in das Zimmer durch die Tür.

Dann beschlossen sie, wir schweigen jetzt
in diesem Zimmer hier,
aber wer das erste Wort verliert,
der steht auf und schließt die Tür.

Drei Räuber schlichen um das Haus,
dachten sich: ‚Hier bleiben wir.‘
Denn das Licht schien in die Dunkelheit durch den Spalt der offenen Tür.

Sie stürmten in das Bauernhaus,
riefen: ‚Her mit Wein und Bier.‘
Doch der Bauer und die Bäuerin blickten wortlos auf die Tür.

Ein Räuber schrie:
‚Wir machen jetzt aus allem Kleinholz hier.‘
Aber Hogg und seine Gunelda blickten stur nur auf die Tür.

‚Kommt, wir ziehen an seinem langen Bart.
Soll er brüllen, wie ein Stier‘,
rief der zweite Räuber.
Aber Hogg, der schaute still und stumm zur Tür.

‚Also küsse ich seine junge Frau.
So ein Weib, das wünscht ich mir‘,
rief der Räuberhauptmann, aber Gunelda
sah nur schweigend auf die Tür.

Da rief der Bauer,
rot vor Zorn: ‚Genug, jetzt reicht es mir.
Meine Bauernfaust sollt ihr nun spüren
und ich werf Euch raus zur Tür.‘

‚Na endlich‘, sprach die Bauersfrau.
‚Lieber Hogg, ich danke Dir.
Nun hast Du das erste Wort gesagt.
Drum steh auf und schließ die Tür.‘


Natürlich vergaß er nicht, bei den Räubern ein finsteres Gesicht zu machen und mit verstellter Stimme zu singen. Und selbstverständlich schüttelte er am Ende kräftig die Fäuste in die Luft, als der Bauer die Räuber im Lied vertrieb. Ansonsten klatschte und stampfte er kräftig im Takt auf dem Tisch, dass alles bebte und die Humpen hüpften.

Der Tisch wippte mächtig mit und Firian entschied schnell, das dies eine gute Art war, um den Abend weiter zu genießen. Er stand also ebenfalls wieder auf, stampfte und sang laut und intensiv mit – und befand sich damit in bester Gesellschaft, denn auch Aardor und Bärfang stimmten bald ein. Zwar stieg keiner von beiden auf den Tisch, denn das hätte der vermutlich nicht überlebt. Aber sie stampften kräftig im Takt, was im Vergleich zum Klatschen den unschätzbaren Vorteil hatte, dass sie ihre Humpen in der Hand behalten konnten. Adaque musste sich erst noch mit einem halben Becher Met überreden, stieg dann aber ebenfalls ein, während Widderich es vorerst beim bloßen Stehen, Mitwippen und Grinsen beließ.

Derweil schien Satijana das Lied nicht zu kennen. Sie näherte sich dem Tisch zwar neugierig, klatschte auch mit und hatte offenkundig einen Heidenspaß an der schauspielerischen Darbietung des Leufelsers. Allerdings sah sie sich außerstande mitzusingen. Immerhin hatte die – wie soeben festgestellt – alleinige Gastgeberin des Abends kein Mitleid mit den umherfliegenden Essensresten und dem hüpfenden Geschirr, sondern lachte völlig unbekümmert und schaffte es gegen Ende sogar irgendwie, ihren maulfaulen Gatten zum Mitsingen zu verleiten. So leistete sie ihren Beitrag zum Gelingen von Waltharis ebenso mutigen wie selbstlosen Vorstoß.

Kurz noch linste Bärfried lauernd hinüber zum Böcklin, als Walthari das dem Hahnfelser unbekannte Lied anstimmte. Von einem auf den anderen Herzschlag zauberten die vorgetragenen Verse ein Lächeln auf die Lippen des Junkers. Ob es am Inhalt lag, oder vielleicht doch an der mutigen Darbietung, vermochte jedoch niemand zu sagen. Auch Branda neben ihm lächelte breit. Ja, wahrlich, am Leufelser war ein Barde verlorengegangen.

Nach dem Weidener Turnier, später Abend des 21. Rondra, 1041 BF

Wiederholtes Poltern, begleitet von Flüchen zerriss die herrschende Stille im Zelt der Familie Sunderhardt. „Verdammt Widolf … konzentriere dich! Ist ja nicht das erste Mal, dass du mir mit der Rüstung hilfst.“ Bärfried war ungeduldig, das konnte auch der Knappe fühlen. Immer wieder ging sein Blick hin zu den aufgehängten Fellen, die das Zelt teilten und hinter welchen sich das Lager des Junkers und seiner Frau befand. Der junge Trencker Knappe musste, oder besser durfte, im Eingangsbereich nächtigen … hier war es zwar eng und er musste auf einem einfachen Sack schlafen, doch war ihm das auch lieber. Nach alldem was er die letzten Wochen auf engem Raum von seinem Schwertvater und dessen Gemahlin anhören- und auch ansehen musste … bei den Festen im Grawinsgart würde es nicht schlimmer zugehen, da war er sich sicher.

„Ja, Herr Bärfried … ich tue ja schon …“, der junge Mann musste sich in der Tat auf seine Aufgabe konzentrieren. Widolf war müde und der lange, aufregende Tag zollte seinen Tribut. Darüber hinaus zappelte auch sein Herr herum und erschwerte damit seine Aufgabe.

„Wie wäre es denn mit einem Spaziergang an der frischen Luft?“, fragte Bärfried seinen Knappen, als die Rüstungsteile wenig später in ihrer Gesamtheit auf der Holzattrappe lagen und der Junker aus seinen Unterkleidern schlüpfte.

Innerlich seufzte der Trencker. Er wusste natürlich was das zu bedeuten hatte und auch, dass sein Schwertvater ihn bei besagtem nächtlichem Austritt nicht begleiten würde. Dabei wollte Widolf sich einfach bloß auf seine bescheidene Schlafstatt legen und die müden Augen schließen. Dennoch nickte er dem Sunderhardter schicksalsergeben zu, der ihm daraufhin zufrieden auf die Schulter klopfte.


***


Branda saß aufrecht auf der einfachen Pritsche, die dem Junkerpaar als Schlafstatt diente. Sie trug ein langes Leinenhemd und kämmte ihre langen roten Locken, die vom Waschen feucht glänzten. Das Erscheinen ihres Gemahls kommentierte sie mit einem leisen Grunzen.

„Ich habe den Knappen an die frische Luft geschickt …“, warf Bärfried vorfreudig lächelnd ein, als er sich neben seine Frau auf die Pritsche setzte und sanft, aber bestimmt ihren Kopf zu sich drehte, „… was für eine Rahja du bist, Liebes.“

Nach einem zärtlichen Kuss wand sich Branda jedoch aus seinem Griff. „Komm mir nicht so, Bärfried!“ Mit anklagendem Blick erhob die Trenckerin sich und brachte ein paar Schritte Abstand zwischen sie und ihren Mann.

„Was hast du denn?“, fragte der Sunderhardter. „Bist ja sonst nicht so.“

„Ja …“, sie nickte in einer Intensität, die ihre rote Lockenpracht hüpfen ließ, „… aber du hast mich heute blamiert, Bärfried. Es war so ein netter Abend. Satjana war so eine tolle Gastgeberin und du …“, sie brach ab. Ihre Backen hatten inzwischen einen gefährlichen Rotton angenommen.

„Jaaaa?“ Der Ton war lauernd und der Junker hob seine Augenbrauen.

„Du hast dich nicht einmal anständig angezogen. Diese ranzige Lederweste werfe ich demnächst ins Herdfeuer.“

Der Sunderhardter schien nicht zu verstehen was das Problem seiner Frau war und zuckte mit den Schultern. „Mir war halt …“

„… heiß, ja ich weiß“, fuhr sie ihm erregt dazwischen. „Es ist der Unsinn, den du immer rauslässt, wenn dein Kleidungsstil zur Sprache kommt. Du bist ein Mann von Stand, Bärfried. Ein Junker Weidens und kein Bauer, Stallbursche oder Landstreicher.“

Bärfried ließ darauf ein verächtliches Schnauben folgen. „Ich weiß, die Zeit am Grafenhof hat in dir den Gedanken geweckt, dass sich ein Adeliger so zu kleiden hatte wie diese Sesselpfurzer und Hofschranzen in Salthel, die dir nachgestellt haben.“ Er machte eine wegwerfende Handbewegung.

„Lass den Unsinn …“, fuhr ihn Branda daraufhin an, „… der Fetzen kommt weg …“, die Farbe ihrer Backen glich nun tatsächlich jener ihrer Haare, „… und dann das Bankett erst. Hast ja kaum den Mund aufgemacht!“

Es folgte ein Schulterzucken. „Was hätte ich denn viel sagen sollen? Ich bin das erste Mal in meinem Leben aus der Sichelwacht heraus.“ Nun umspielte ein schmales Lächeln die Lippen des Sunderhardters und es wirkte, als würde er die Worte seiner Frau nicht wirklich ernst nehmen. Branda hasste das. „Als die Norbaden Thema waren … was hätte ich sagen sollen?“ Er verstellte theatralisch seine Stimme zu einem blasierten Näseln. „Oh ja, euer Hochgeboren, habe schon einmal eine Gruppe dieser Rumtreiber überfallen. Waren brav und haben keinen Widerstand geleistet … ja und für die Weiber haben sie dann sogar noch ein schönes Lösegeld bezahlt …“ Der Ritter stoppte seine Ausführungen und blickte herausfordernd zu seiner Frau. Als keine Reaktion kam, fuhr er fort. „In Ordnung, fürs nächste Mal merke ich es mir.“

Die Kiefer der Trenckerin malten und ihre Fingernägel gruben sich in ihre Handflächen. Erst wollte die sonst so unerschütterliche Frau losbrüllen, dann jedoch begannen ihre Schultern zu beben und sie musste herzhaft lachen. Genau diese Reaktion vermochte bei ihr wohl nur Bärfried hervorzurufen … er schaffte es, ihr mit seiner Art jeden Wind aus den Segeln zu nehmen. Genau deshalb wusste sie, dass ihr Bund ein guter sein würde und wie es schien hatten die Götter und Geister sie bereits mit Nachwuchs gesegnet.

Der Junker war inzwischen aufgestanden und nahm seine deutlich kleinere Frau in seine Arme.

„Weißt du, ich will ja nur, dass die anderen auch sehen was für ein Mann du sein kannst … was für ein interessanter und begehrenswerter Kerl hinter dem optisch tumben Hinterwäldler steckt“, neckte sie ihn.

„Tumber Hinterwäldler … na hör mal …“, begehrte Bärfried gespielt auf, „… ich bin ein gestandener Ritter und großer Krieger.“ Er spannte prahlerisch, aber nicht ganz ernst gemeint seine Muskeln an.

„Jaja … ich schmelze dahin …“, nun hatte auch die Trenckerin den Schalck in ihren Augen, „… tolles Turnier von euch fünf übrigens. Gratuliere zu deinem Turniersieg im Fußkampf. Ich bin mir sicher, dass viele der Koscher das gerne auf dem Turnierplatz gesehen hätten. War ja mitunter unterhaltsamer als das Fürstenturnier. Vor allem wenn ich an deinen Fußkampf gegen Widderich denke.“

Bärfried entgegnete ihr ein stolzes Nicken. „Das war hart. Sicherlich der beste Kämpfer, dem ich je gegenübergestanden bin. Da hat es geholfen, dass wir bei der Anreise des Öfteren an den Waffen geübt haben. So konnte ich ihn ganz gut einschätzen. Wäre ich ihm heute das erste Mal begegnet … ich hätte wohl keine Chance gehabt.“

„Dafür bist du im Tjost gegen beide Rauhenecks vom Pferd geflogen …“, sie kicherte.

Und erntete dafür einen säuerlichen Gesichtsausdruck ihres Gemahls. „Habe aber dafür den Böcklin, der sonst im Lanzengang ungeschlagen blieb und unsere kleine Turnei in dieser Disziplin gewann, und den Leufelser, der immerhin der dekorierteste Turnierkämpfer in unserer Gruppe war, bezwungen. Dass ich gerade gegen die beiden verliere, die am Ehesten meine Kragenweite waren, ist wohl Pech gewesen.“

„Du Ärmster …“, Branda schürzte gespielt ihre Lippen.

„Aber es war ein Spaß. Habe mich schon lange nicht mehr so sehr amüsiert. Ein ehrliches Kräftemessen unter Weidenern.“ Als seine Frau ihn kräftiger umarmte, zuckte er kurz vor Schmerz zusammen. Ganz ohne die ein oder andere Blessur ließ sich kein Turnier bestreiten.

„Oh …“, die Trenckerin lächelte und ihre tiefblauen Augen funkelten, „… tat das dem … großen Krieger … sehr weh?“

Ihr Mann schüttelte wortlos sein Haupt, wusste aber was nun folgen würde. Mit einem Stoß beförderte Branda ihn in die Waagerechte der Pritsche. „Dann halte dich fest … denn jetzt wird es das.“ Mit diesen Worten ließ sie ihr zu großes Hemd von ihrem Körper gleiten und kam über ihn …


Auf den Zahn gefühlt IV
Junkergut Waltværre, Mitte Travia 1041 BF

Bärfried konnte sich nicht ganz erklären, wie es geschehen war, aber irgendwann spät am Abend saß er plötzlich allein mit Widderich hinter dem Gutshaus von dessen Neffen im schönen Bärwalde. Auf einer kleinen, windgeschützten Veranda, von der aus man die herbstlich gefärbten Kronen der umgebenden Bäume trefflich betrachten konnten. Wenn es hell war jedenfalls und nicht – wie jetzt – die Nacht bereits hereingebrochen. Die einzige Lichtquelle stellte eine Sturmlaterne dar, die mitten auf dem Tisch thronte, neben einem großen Krug Bier und ihren beiden Humpen. Die anderen Trinkgefäße waren nach und nach verschwunden. Gemeinsam mit den Personen, zu denen sie gehörten.

Zumindest bei Satijana und Branda war der Uhlengrunder davon ausgegangen, dass sie alsbald zurückkehren würden, denn sie wollten eigentlich nur „was zum Überwerfen“ aus dem Haus holen. Es war nicht davon die Rede gewesen, dass das heitere Beisammensein schon beendet werden sollte. Naja ... heiter. Manchmal fiel es ihm schwer zu beurteilen, wie die Stimmung eigentlich gerade war. Er hatte das Gefühl, zwischenzeitlich schon einmal besser mit Widderich und vor allem Satijana gestanden zu haben. Leider konnte er nicht mit Gewissheit sagen, woran das lag. Ihm fiel aber sehr wohl auf, dass das Verhältnis zwischen seiner Herzdame und der des Rotenforsters vollkommen ungetrübt zu sein schien. Es wurde augenscheinlich sogar immer besser. Irgendwie verstanden sich die beiden einfach gut – obwohl sie doch im Grunde ziemlich verschieden waren.

Bei Widderich und ihm hingegen ließ sich sagen, dass sie einander ähnelten. Stark sogar. Auf gewisse Weise. Das gleiche herzliche Verhältnis wie zwischen ihren Frauen wollte bei ihnen aber nicht aufkommen. Womöglich lag das nicht zuletzt daran, dass sie Männer waren. Beide oft mürrsich und nicht geneigt, schnell Vertrauen zu fassen. Allzumal da ja noch immer etwas zwischen ihnen stand. Etwas, das im weitesten Sinne den Namen Friggenhaupt trug. Oder auch Silkenau. Oder Drachenstein. Wie man es nahm. In all der Zeit, die sie seit ihrem letzten ernsthaften Gespräch darüber gemeinsam unterwegs waren, hatte Widderich sich nicht dazu herabgelassen, ihm genauer zu erklären, was da zwischen Drachnstein und Rotenforst eigentlich lief. Und welche Rolle die beiden Hahnfels in ihrem Spielchen zugedacht hatten. Würde er vielleicht jetzt ... ?

„Kommen wir auf deine Frage nach dem Friggenhaupter zurück“, sprach der Rotenforster da völlig unvermittelt in seine Gedanken hinein. Als hätten sie eben erst darüber geredet, dabei war seither mehr als ein Mond ins Land gezogen. Hatte Bärfrieds Miene vielleicht mehr verraten, als ihm lieb war? „Deine Herrin denkt, dass er mich zu einem Kriegszug nach Hahnfels überredet hat, verstehe ich das richtig?“

Bärfried hatte lange damit gerungen, ob er das Thema von sich aus noch einmal auf den Tisch bringen sollte, doch zögerte er. Auch waren die Möglichkeiten, mit Widderich unter vier Augen zu sprechen, äußerst rar gesät gewesen. Beinahe schon dankbar lächelte er den Rotenforster Baron deshalb jetzt an.

„Hat er das etwa nicht?“, fragte der Sunderhardter einige Herzschläge nachdem der Rauheneck geendet hatte. „Ich meine, es liegt doch nahe. Mirnhilde und ich wissen, dass der Friggenhaupter uns die Sache von damals übel nimmt. Er würde uns gern am Boden sehen.“ Bärfrieds Lippen verzogen sich zu einem schmalen Grinsen.

„Wenn du von ‚Überreden‘ sprichst, dann umfasst das auch meine Zustimmungm, eh?! Das ist schließlich die Bedeutung des Wortes: Jemanden anders zu einer Sache breitschlagen. Von einem bloßen Versuch gehen Mirnhilde und du ja offenbar nicht aus, ihr unterstellt die Vollendung.“ Widderich maß Bärfried mit einem aufmerksamen Blick, ehe er den Humpen an seine Lippen hob und einen großen Schluck Bier trank. „Warum wohl hätte ich mich vom Friggenhaupter überreden lassen sollen, wenn es allein darum ginge, Hahnfels am Boden zu sehen? Was spränge dabei für mich heraus?“

Bärfried schüttelte leicht den Kopf. „Nein, nein. Vollzug unterstellen wir dir und dem Friggenhaupter nicht.“ Er machte eine kurze Pause und nahm ebenfalls einen Schluck. „Im Gegenteil, es gibt zurzeit keine Anzeichen dafür.“ Abermals erschien das Widderich bereits so bekannte Lächeln auf den Zügen des Sunderhardters. „Ich hoffe, du nimmst es mir nicht übel, wenn ich nun offen spreche und Spekulation meinerseits in den Raum stelle.“

Der Rauheneck schüttelte den Kopf und machte eine einladende Geste, dennoch stoppte der Junker seine Ausführungen und es schien ganz so, als wäge er jene Worte, die jetzt folgen würden, besonders genau ab. Vorausschauend und beinahe vorsichtig – ganz anders, als der Rotenforster Bärfried bis jetzt kennenlernen durfte.

„Was er dir für deine Hilfe versprochen haben könnte? Land vielleicht? Oder Anerkennung unter den anderen Hochadeligen? Einen Verbündeten? Es würde dir sicher nicht schlecht zu Gesicht stehen, eine Geächtete und Dorn im Fleisch der Weidener Adelsschaft aus dem Weg zu räumen.“ Abermals nahm Bärfried einen Zug aus seinem Humpen. „Wäre ich an deiner Stelle, würde ich wohl mit dem Gedanken spielen“, log er abschließend.

„Ist das so?“, fragte Widderich, nachdem Bärfried den letzten Satz vollendet hatte. Seine Augen wurden ein Stück schmaler, als er den Hahnfelser prüfend musterte. „Dann habe ich dich falsch eingeschätzt.“ Nachdem das gesagt war, lehnte sich der Rotenforster zurück. Er nahm den Blick nicht von Bärfried, gönnte sich aber einen Moment des Schweigens. Vielleicht, um sich eine Antwort zurechtzulegen, vielleicht auch, weil er dessen Rede im Geiste noch einmal gewissenhaft durchging. Es war schwer zu sagen.

„Die Anerkennung anderer Hochadeliger erringe ich entweder aus eigener Kraft oder scheitere beim Versuch. Wenn ich mich dazu der Hilfe eines mickrigen Fürsprechers versichern müsste, den ich ebenso wenig respektiere, wie deine Herrin es tut, hätte ich sie nicht verdient“, hob Widderich schließlich an. Der Ton war nüchtern und stand damit in starkem Kontrast zum Inhalt seiner Worte. „Auch schert es mich nicht, dass Mirnhilde ein Dorn im Fleisch des Weidener Adels ist. Wen der Zustand quält, der möge ihn beheben. Das ist deren Problem, nicht meins. Zu meinem wird es erst, wenn Hahnfels Rotenforsts Kreise stört.“

Widderich machte eine kurze Pause, in der sein Blick weiter auf Bärfrieds Gesicht ruhte. Er hob die Brauen und lächelte spöttisch: „Was nun meine Verbündeten anbelangt, bin ich offenbar wählerischer als du. Weder lege ich Wert darauf, in die Nähe einer Goblinfreundin gerückt zu werden. Noch schmiede ich Allianzen mit einem, der mich eigentlich verachtet. Wie du schon sagtest: dem wohnt Verzweiflung inne. Die wird aus Schwäche geboren. Und aus dem Umstand, dass er sonst keine Unterstützer hat.“

Der leise Spott des Rotenforsters war während seiner Rede zu kaum verhohlener Geringschätzung geworden. Jetzt hob er die Schultern und schniefte leise. „Land schließlich ... Land kann Haldoran von  Friggenhaupt mir keines bieten. Aber Mirnhilde sitzt auf welchem, das von altersher mein sein sollte – und das sorgt dafür, dass ich in einem Boot mit Drachenstein sitze, ob es mir nun gefällt oder nicht.“

Bärfrieds Laune änderte sich von einem Herzschlag auf den anderen. Das Lächeln schwand und wich einem ernsten, harten Gesichtsausdruck.

„Soso ...“, er schob seine Augenbrauen zusammen, „... haben die Geier die Beute schon untereinander aufgeteilt, bevor der Bär überhaupt erlegt ist. Ach, es sind immer die niedersten Beweggründe ...“ Er seufzte und nahm einen Schluck. „Alles andere hätte ich ja noch verstehen können, aber irgendein alter Anspruch.“ Die Lippen des Junkers verzogen sich nun wieder zu einem Lächeln. „Wenn man nur tief genug in den Archiven gräbt, findet wohl jeder von uns einen Anspruch auf das Land des anderen, deshalb glaube ich dir schon, dass etwas Fleisch am Knochen ist.“ Bärfried hob gleichgültig seine Schultern. „Dafür einen Krieg anzudenken ... naja, ich hoffe, du hast es für dich selbst gründlich abgewogen. Es wird dir hoffentlich klar sein, auf welcher Seite ich stehe.“

„Willst du mit mir reden, oder mich beleidigen, Uhlengrund?“ Widderich hatte Bärfrieds Worte mit unbewegter Miene aufgenommen. Da war bloß auf einmal die Ahnung eines Glosenes in seinen Augen – und gemahnte den Sunderhardter zur Vorsicht. „Wenn Zweiteres der Fall ist, nur zu! Sollte es später tatsächlich zum Krieg kommen“, das vorletzte Wort betonte er auf eine Art, die glasklar werden ließ, dass er darunter etwas anderes verstand als Grenzstreitigkeiten zwischen ein paar unbedeutenden Baronien am Rande des Raulschen Reiches, „wird auch an deinen Händen Blut kleben. Für jemandem, dem die Familie und das einfache Volk vorgeblich so viel bedeuten, dürfte das eine ziemlich schwere Bürde sein.“

Damit setzte sich der Rauheneck wieder auf, löste sich also aus seiner bequemen Position, um Haltung anzunehmen und den folgenden Worten mehr Gewicht zu verleihen:

„Wenn Ersteres der Fall ist, solltest du darüber nachdenken, ob du es dir nicht zu einfach machst. Mag sein, dass Mirnhilde und die Ihren sich die Welt und die Fakten darin zurechtzubiegen müssen, um weiter unbeschwert auf ihrem Pfad wandeln zu können. Das enthebt dich als Ritter Weidens aber nicht von der Pflicht, dir eine eigene Meinung zu bilden. Was ist nieder? Wenn jemand Anspruch auf Land erhebt, das seine Ahnen über Jahrhunderte gehalten haben. Oder wenn jemand Seuchen und Kriegswirren, Not und Elend nutzt, um seinen Herrschaftsbereich gewaltsam auszuweiten?“

Bärfried hob seine Augenbrauen. „Wie ich schon sagte, ich glaube dir, dass du einen Anspruch darauf besitzt.“ Er lächelte schmal. „Was meine Meinung dazu ist und warum ich der Meinung bin, die Beweggründe seien nieder? Lass es mich einmal so sagen ...“, er stoppte und nahm einen Schluck Bier, „... wenn wir alle jenen Gedanken nachgäben, die wir selbst für ‚gerecht‘ ansehen und diese dann notfalls mit Gewalt durchzusetzten – das Dererund würde in Blut und Chaos versinken. Ich stehe dazu, was ich vorhin sagte.“

„Interessant, das von jemandem zu hören, der Mirnhildes Schar angehört“, sprach Widderich in die Atempause seines Gegenübers hinein. Dieses eine Mal hatte er offenbar nicht die Geduld, Bärfried ausreden zu lassen. Stattdessen fuhr er ohne Zögern fort:

„Was nun meine Schar anbelangt, gibt es eine einfache Wahrheit. So lax unsere Haltung sonst auch sein mag, in zwei Punkten verstehen wir keinen Spaß: unsere Familie und unser Land. Da kennen wir uns aus, dafür geben wir unser Blut gern, scheiß auf das Chaos! Ich weiß, dass Hahnfels sein Herrschaftsgebiet seit der Machtergreifung der Graufenbeiner ausgedehnt hat. Die Grenze wurde Berg für Berg, Tal für Tal nach Süden verschoben. Zuletzt im Borbaradkrieg, als die Lande um Hahnfels herum entblößt waren. Nur Mirnhildes Vater ist mit seinen Leuten daheim geblieben und hat sich in der Nachbarschaft schadlos gehalten.“

Der Rauheneck hielt kurz inne, um Bärfried nachdenklich anzusehen. „Du bist zu jung, um das zu wissen, schätze ich. Frag Mirnhilde, wenn du mir nicht glaubst.“

Der Junker nickte und blickte sich um – ganz so als wolle er sicher gehen, dass niemand anders seinen Worten lauschte.

„Wenn du meinst, dass ein Schulterschluss mit einem Mann, der dich verachtet, der richtige Weg ist, dann bitte. Dass du noch keinen Kontakt zu Mirnhilde gesucht hast, zeigt mir, dass, was ihr auch ausheckt, die Sache wohl nicht friedlich lösen werdet, was schade ist.“ Abermals nahm Bärfried einen Schluck aus seinem Krug und Widderich meinte zu erkennen, dass er die Pause dazu nutzte, sich seine nächsten Worte zurechtzulegen.

„Du hättest nämlich jetzt die Möglichkeit dazu. Du hast jemandem vor dir sitzen, der in ihrem engsten Kreis verkehrt. Mirnhilde ist nicht dumm, aber stolz – sie würde einer Drohung niemals nachgeben. Ich kann versuchen mit ihr zu reden, aber ...“, der Uhlengrunder hob seinen Zeigefinger, „... ich kann nichts versprechen und übers Ohr hauen oder verraten werde ich sie auch nicht.“ Bärfried zog seine Stirn kraus und schob den Humpen von sich. „Deine Entscheidung. Einen Versuch wäre es wert, aber ohne die Drachensteiner.“

Nachdem Bärfried geendet hatte, sah Widderich ihn schweigend an. Eine ganze Weile, die er unter anderem dazu nutzte, sich einen weiteren Schluck Bier zu gönnen. Dann verzog er die Lippen zu einem schiefen Lächeln:

„Ich beabsichtige nicht, deine Loyalität auf die Probe zu stellen, Bärfried. Was hätte ich auch von einem Verbündeten, dessen  ich mir niemals sicher sein könnte? Allzumal mir scheint, dass du zu haltlosen Unterstellungen neigst. Eine davon will ich richtigstellen. Dass ich bislang nicht das Gespräch mit Hahnfels gesucht habe, zeigt nur eins: Ich war noch nicht so weit. Ich kenne meine Pflichten als Lehnsherr. Dazu gehört, wie du seinerzeit ganz richtig anmerktest, zuvörderst der Schutz. Nicht, das Blut der Meinen ohne Not zu vergießen.“

Der Baron hielt inne, sein Blick aber verriet, dass er noch etwas zu sagen gedachte – und die Worte, die davor gefallen waren, legten den Schluss nahe, dass es nicht ganz unwichtig sein würde. „Ich sitze überhaupt nur hier und rede mit dir, weil du zu Mirnhildes engstem Kreis gehörst. Ich gehe davon aus, dass du ihr berichten wirst, was hier gesagt wurde. Dann teile ihr auch mit, dass Rotenforst Gesprächsbedarf hat. Wir wollen verhandeln. Aber direkt und nicht über einen Mittelsmann, dem wir in der Sache nicht trauen können.“

Bärfried rümpfte kurz seine Nase und legte die Stirn skeptisch in Falten. Allem Anschein nach wurde er hier bloß als Botenjunge angesehen. „Wenn es darum ginge, Gesprächsbedarf anzumelden, hätte es da nicht auch ein Bote getan?“, fragte er deshalb in ruhigem Ton.

Es wollte dem Sunderhardter auch nicht einleuchten, warum sich der Rauheneck nicht gleich an sie, sondern erst an die Drachensteiner gewandt hatte, wenn es nur darum ging, zwischen Hahnfels und Rotenforst zu verhandeln. War es um den Druck zu erhöhen? Irgendetwas gefiel ihm an der Sache nicht.

„Mirnhilde ist nicht dumm. Sie hätte dich auf jeden Fall angehört, wenn es darum ginge zu verhandeln“, setzte der Junker dann nach. „Und was hat der Drachensteiner damit zu schaffen, wenn es eine Sache zwischen Rotenforst und Hahnfels ist?“

„Hätte sie? Das mag für dich eine Selbstverständlichkeit sein, für mich ist es keine. Nach allem, was ich weiß, ist die Frau launisch und herrschsüchtig und nicht eben entgegenkommend. Da wäre es durchaus möglich, dass sie nicht interessiert, was ich zu sagen habe. Und was den Boten betrifft ...“, der Rauheneck musterte Bärfried.

„Versteh mich nicht falsch, aber: Rede ich nicht gerade mit einem? Du hast dich uns in ihrem Auftrag angeschlossen, oder nicht? Um Erkenntnisse zu sammeln und dann davon zu künden. Du musst kein stummer Beobachter sein, sondern darfst reden – mit uns, aber gewiss nicht für sie?!“ Widderich hob die Brauen. „Was bleibt mir da, als ihr eine Botschaft zu übermitteln?“

Dabei wollte er es offenbar belassen, dann schien ihm aber etwas in den Sinn zu kommen und er schob ein knappes „Der Vollständigkeit halber: Wir hatten vor dieser Reise noch keinen Gesprächbedarf“ nach.

Bärfried grinste schmal. „Beim Graufenbeiner hättest du recht gehabt. Den und seine Bagage hätte sie nicht angehört, aber dich ...“, sein Grinsen schwand und wurde zu einem Lächeln, „... sie ist neugierig. Sie weiß dich nicht einzuschätzen. Meine Anwesenheit sollte dir ganz deutlich zeigen, dass sie zumindest interessiert ist.“

„Ist angekommen“, meinte Widderich, ohne mit der Wimper zu zucken.
 
Bärfried nahm einen Schluck aus dem Krug, während er das Mienenspiel seines Gegenübers beobachtete, das gerade nur leider nicht sehr ergiebig war. „Ich kann nicht für sie sprechen, das ist richtig“, meinte er dann, „aber ich weiß, dass es mit Drachenstein wahrscheinlich keine gemeinsame Gesprächsbasis geben wird. Da wurde zuviel Porzellan zerschlagen. Du jedoch bist ein neues Gesicht auf dem Thron einer Nachbarbaronie und noch dazu eines, das sich bisher noch nicht offen gegen uns positioniert hat.“ Bärfried runzelte seine Stirn. „Ich werde deine Nachricht überbringen, wenn es nur das ist.“

„Es ist nur das“, erwiderte Widderich, trank ebenfalls einen Schluck Bier und lächelte dann doch wieder. „Ich würde nicht wollen, dass sich Mirnhilde an meine Gefolgsleute ranwanzt und ebenso halte ich es bei ihren. Ihr habt in den vergangenen Wochen eure Eindrücke gesammelt, wir die unseren. Nun schauen wir, was daraus erwächst.“

Während er das sagte, ertönte aus dem Inneren des Gutshauses ein amüsiertes Lachen, das Bärfried sofort als das seiner Gemahlin erkannte. Offenbar befanden sie und Satijana sich auf dem Weg zurück zur Veranda. Damit war die Unterrredung vermutlich beendet.


Endlich wieder daheim
Burg Tatzelschund, Baronie Hahnfels, Ende Travia 1041 BF

Bärfried von Sunderhardt blickte gen Himmel. Er kannte den Geruch und er fühlte das Knistern, das hier oben in den Bergen stets mit aufkommendem Schneefall einherging. Innerlich richtete er schon seit Tagen Gebete an den grimmigen Firun, dass dieser seine weiße Pracht doch noch so lange zurück halten möge, bis sie ihre heimatlichen Gefilde erreicht hatten. Natürlich wäre es auch möglich gewesen, den Winter abzuwarten, doch wollte sich Bärfried von seiner Lehnsherrin nicht nachsagen lassen, dass er sie noch weitere Monde im Unklaren lließ. So blieb ihm nichts anderes übrig, als zu hoffen, dass sie nicht den Winter über auf Tatzelschlund festsaßen.

Der Blick des Junkers ging vom Himmel weg hin zu seiner Gemahlin. Branda ritt, fest in einen mit Pelz verbrämten Mantel eingehüllt, neben ihm. Die herrschende Kälte und der scharfe Wind hatten dazu geführt, dass ihre Wangen die Farbe ihrer Haare annahmen. Schon recht bald nach ihrem Aufbruch aus Waltværre hatte er mit dem Gedanken gespielt, Branda und Widolf in Uhlengrund abzusetzen und allein weiter zu ziehen, doch hätte die Verzögerung wohl mit Sicherheit dazu geführt, dass er den Winter über am Hof der Baronin verbringen musste – und das wollte er seinem Weib erst recht nicht antun. Branda wusste selbstverständlich um seine Vergangenheit mit der Lehnsherrin und dass diesem Techtelmechtel auch Nachwuchs entsprungen war. Die Trenckerin hat sich, bis auf ein paar Häkeleien, nie darüber beklagt oder ihm Vorwürfe gemacht. Doch ihr nun zunehmendes Schweigen in der Nähe des Tatzelschlunds zeigte Bärfried ganz deutlich, dass es in ihr arbeitete. Auch jetzt quitierte sie seinen Blick bloß mit einem leichten Seufzen.

„Es ist nicht mehr weit ...“, der Junker wies auf den Berg vor ihnen und just in diesem Moment begannen die ersten Schneeflocken vor ihnen in der Luft zu tanzen.


***


Mirnhilde war so nett gewesen, ihnen die Nacht zu lassen, sodass sie sich nicht nur frisch machen, sondern auch ruhen konnten. Am Morgen aber – was auf dem Tatzelschlund so viel wie gegen Mittag hieß – hatten sie anzutanzen. Alle drei und nicht nur Bärfried. Er vermutete, dass es der Hahnfelserin unter anderem darum ging, sich ein Bild von seiner Gemahlin zu machen. Schließlich hatte sie die bisher noch nie zu Gesicht bekommen und brannte sicher darauf, künftig fundiertere Spitzen setzen zu können. Bisher hatte sie ja, sehr zu ihrem Unwillen, immer nur ins Blaue feuern können.

Sie begaben sich also gemeinsam in den Thronsaal, der eigentlich nur ein besserer Rittersaal war, denn der Tatzelschlund hatte ja nie als Baronsburg dienen sollen. Er war die letzte Bastion der Hahnfelser. Ein Ort, an den sie sich von jeher zurückzogen, wenn der Feind übermächtig wurde. Nur dass sie nun schon seit vielen Jahren unter Reichacht standen und ihnen im Grunde nichts blieb, als hier zu hausen. Jedenfalls, solange weiter draußen in der Baronie – in den Regionen, die leichter zugänglich waren – immer die Gefahr drohte, dass irgendwelche Häscher auftaucheten, die Unfug trieben. Nachdem Bridlin, Mirnhildes älteste Tochter, vor vielen Jahren einmal in die Hände eines gräflichen Stoßtrupps geraten war, ging sie kein Risiko mehr ein. Die „Baronin“ blieb, wo sie war. Und würde das vermutlich tun bis ... ja, bis wann eigentlich?

Bärfried war noch mit diesem Gedanken befasst, als ihnen die Türen aufgetan wurden. Ohne zu überlegen, trat er ein und bog nach links ab. Dort, am Ende des Raums, befand sich der behelfsmäßige Thron. Um den zu erreichen, musste man an der Hälfte der großen Tafel vorbei, an der Mirnhildes Schar seit vielen Jahren ihre Gelage feierte. Ihm selbst war das keinen Blick wert. Er registrierte jedoch, dass Branda und Widolf an seiner Seite ins Zögern gerieten. Sie musterten den riesigen, in den Fels getriebenen Saal und alles, was sich in ihm befand, fasziniert, während er schon die Herrin des Hauses ins Auge fasste.

Tatsächlich saß Mirnhilde auf ihrem Thron. Der war ebenso mühevoll aus dem Fels herausgearbeitet worden, wie der ganze Raum. Reliefs und kunstfertige Gravuren zierten ihn. Viele Motive hatten mit Hähnen und Lindwürmern zu tun. Aber auch das alles kannte Bärfried schon zur Genüge – und studierte lieber die Miene seiner Herrin, um sich ein Bild davon zu machen, wie ihre Laune heute wohl sein mochte. Er bemerkte sofort, dass sie erstaunlich herrschaftlich aussah. Mit einer feinen Tunika samt verziertem Kragen über der unvermeidlichen Platte, das Haar ordentlich geflochten, das Kinn gebieterisch gehoben. Allein die tiefen Schatten unter ihren Augen verrieten, dass sie nicht viel Schlaf bekommen hatte. Gezecht vermutlich. Das legte auch das Konterbier nahe. Der Krug ruhte auf der rechten Armlehne, umschlossen von ihrer Schwerthand.

Als sie vor sie traten, musterte Mirndhilde erst Bärfried, dann Widolf und schließlich Branda. Allesamt ziemlich eingehend. Zum Ende hin begann sie zu lächeln. Es war wie so oft ein Lächeln, das weder besonders heiter noch allzu maliziös wirkte. Verwirrend bestenfalls. Und ein bisschen überheblich vielleicht. Als sei sie kurzerhand zu dem Schluss gelangt, dass Bärfrieds Weib nicht in ihrer Gewichstklasse kämpfte. Zum Abschluss nickte sie knapp, fast gönnerhaft, ehe sie sich einen Schluck Bier genehmigte.

„Travia zum Gruße“, meinte sie dann unerwartet höflich. „Willkommen in meiner bescheidenen Halle. Ich hoffe, ihr hattet eine angenehme Reise und ... blablabla!“ Sie machte eine gelangweilte Geste und schnaufte vernehmlich. „Lassen wir das. Also, getreuer Knappe von einst? Wie sieht es aus? Wie viele Trophäen bringst du, um sie mir zu Füßen zu legen? Wie viele Disziplinen hast du da drüben im Land von Milch und Honig errungen, um unseren Ruhm zu mehren, hä? Es werden ja wohl hoffentlich einige gewesen sein?“

Bärfried erkannte in dieser Frage sofort eine von Mirnhildes Spitzen gegen sich. Er fuhr sich lächelnd durch sein Haar – eine Geste, die man gut und gern der Verlegenheit zuordnen konnte – und räusperte sich dann kaum vernehmlich. „Trophäen? Bis auf einen verfluchten Spitznamen keine.“ Es war eine Tatsache, die ihn selbst sehr wurmte. „Ein Haufen verweichlichter Gecken dort, die das Turnier als Spiel und nicht Notwendigkeit betrachten.“ Der Junker schnaubte verächtlich ...“

„Und dennoch haben sie dich deiner Schilderung zufolge nach Strich und Faden vermöbelt“, erwiderte Mirnhilde lakonisch.
 
„Mein Mann hat Euch keine Schande bereitet ...“, nun trat Branda neben Bärfried und erhob höflich, aber ungefragt das Wort. Ihr Blick hielt dem Mirnhildes stand und sie legte demonstrativ ihre Hand in jene ihres Gemahls.

Die Hahnfelserin beobachtete die Geste zunächst ungerührt, hob dann fragend die Brauen und begann schließlich belustigt zu lächeln. Sie unterbrach Branda jedoch nicht, sondetn ließ sie einfach weiterreden. Noch entspannter nun – und ein bisschen so, als würde sie ein vorzügliches Schauspiel beobachten.

„Beim Buhurt war er einer der herausragendsten Kämpfer“, fuhr die Trenckerin fort, „im Kampf mit dem Schwert musste er sich dem späteren Sieger beugen und in der Tjost maß er sich mit dem Koscher Heermeister. Es hat schon seine Berechtigung, dass er im Kosch nun als BärKRIEG bekannt ist ...“
 
Bärfried lächelte Branda dankbar zu. Dann wandte er sich wieder an seine Lehensherrin. „Ich darf dir übrigens meine Frau vorstellen? Branda von Trenck“, der Junker machte eine Pause und gab seinem Weib dadurch die Möglichkeit Mirnhilde zu grüßen, was diese mit einem leichten Kopfnicken auch tat. „Doch war das Turnier ja nicht der eigentliche Grund meiner Reise. Ich komme mit Informationen und einer Botschaft Widderichs von Rauheneck.“

„Hoch erfreut! Dann erzähl doch gleich mal: Wie ist es mit dir?“ Mirnhilde reagierte gar nicht auf Bärfrieds letzte Worte. Ihr Blick war an Branda hängengeblieben und sie wahrte die freundliche Miene, als sie weitersprach: „Was für einen Ehrennamen hast du mitgebracht, Branda von Trenck? Bist doch eine Kriegerin, oder etwa nicht? Baliho, hum? Da wirst du dir den Spaß wohl nicht nehmen lassen, sondern auch ein paar von den Sesselfurzern aus dem Herzen des Reichs das Fürchten gelehrt haben?“

Wieder hob sie die Brauen, schien die Antwort jedoch von Brandas verdatterter Miene ablesen zu können und wartete daher nicht auf eine Wortmeldung. Vielmehr schüttlete sie den Kopf, machte leise „Tststs!“ und wandte sich endlich doch wieder ihrem Vasallen zu:

„Die Botschaft des Rauheneck interessiert mich erst mal nicht. Erzähl mir den Rest. Was gibt es Spektakuläres über den werten Herrn Nachbarn zu berichten?“

Kurz blickten Branda und Bärfried einander fragend an. Beide waren sich unschlüssig, von wem denn nun eine Antwort erwartet wurde. Kurz nur, denn schon einige Herzschläge später wurde dem Junker und seiner Gemahlin klar, dass die Information über den Nachbarn wohl schwerer wog als die Vorstellung Brandas.

„Widderich ist in Ordnung“, eröffnete Bärfried banal. „Die Gerüchte, die ihn umgeben, sind erwartungsgemäß Goblindreck. Aber gut, das kennen wir, ist ja bei uns auch nicht anders.“ Ein Lächeln stahl sich auf seine Züge. „Er ist wohl ein Mann, der seine Familie über Anderes stellt – was zu einem Problem werden könnte. Hier wäre er auch verwundbar, aber dazu später mehr.“ Bärfried machte eine fuchtelnde Handbewegung, ohne Mirnhilde dabei aus den Augen zu lassen.

„Ich denke, dass sein Wort einiges an Wert hat und er, trotz seines Rufs und der Sippschaft, der er entsprang, ein gewissen Maß an Ehrgefühl besitzt, doch ...“, der Sunderhardter zog seine Augenbrauen hoch und hob einen Zeigefinger, „... sollten wir uns vor seinem Weib in Acht nehmen. Sie hat diesen Blick, den ich sonst immer nur bei Mutter sah. Sie hat mich wohl gleich durchschaut.“ Er hob seine Schultern. Allein der Gedanke daran rief Gänsehaut hervor.

„Ja, sei es wie es sei, ich denke, die Zeit für den Aufbau an Beziehungen zu Rotenforst könnte nicht besser sein. Noch sind die Rauhenecks isoliert, selbst vom Friggenhaupter wissen sie, dass er sie verachtet.“ Bärfried zögerte kurz. „Aber das ist deine Entscheidung. Sieh es nur als meine persönliche Meinung und als keinen Ratschlag an.“

Die Baronin hatte Bärfrieds Ausführungen aufmerksam gelauscht, auf halber Strecke jedoch begonnen, skeptisch die Stirn zu runzeln. Jetzt wurden ihre Augen zudem schmal und sie deutete ein ungläubiges Kopfschütteln an.

„Willst du damit sagen, dass die Frau eine Hexe ist?“, fragte sie. Auf Bärfrieds Nicken hin schürzte Mirnhilde die Lippen, schwieg einen Moment und schien angestrengt nachzudenken. „Hexen heiraten nicht“, meinte sie schließlich. „Ich weiß zufällig, dass der Entschluss, sich an deinen Vater zu binden, deine Mutter damals einiges an Ansehen gekostet hat – in ihren Kreisen. Mir war, als hätte ich gehört, dass ein paar Schwestern sie danach nicht mal mehr mit dem Arsch angeguckt haben. Für gewöhnlich liegt die Loyalität dieser Weiber woanders. Und mit Abweichlerinnen gehen sie nicht gerade zimperlich um.“

Die Hahnfelserin schniefte leise und neigte den Kopf zur Seite. „Ich hab schon ein paar Gerüchte über die Rotenforsterin gehört, aber das war nicht dabei. Also frag ich dich: Wie sicher bist du dir? Hast du sie hexen sehen oder hat sie dich nur schräg angeguckt?“

Bärfried presste kurz die Lippen aufeinander. „Naja, sicher wissen tu ich es nicht. Aber als Sohn einer Hexe ...“, er lächelte und hob seine Schultern. „Ich hab da eher nur so ein Gefühl. Und was ihre Ehe angeht ... sie ist ja aus dem Bornischen – keine Ahnung, wie die Weiber das dort regeln. Vielleicht sind die offener, oder sie befindet sich in keiner Schwesternschaft. Oder ihre Ehe ist einfach bloß ein Teil ihrer Tarnung und in Wirklichkeit gilt ihre Loyalität den Schwestern.“ Kurz hallten Mirnhildes Worte über seine Mutter in ihm nach. Viel zu früh hatten sie sie verloren und es war ihm bisher auch nie so wirklich bewusst gewesen, was sie alles hatte aufgeben müssen, um für ihre Familie da sein zu können.

„Nur so ein Gefühl, hum ...“, wiederholte Mirnhilde. Zur Abwechslung klang das aber nicht spöttisch, sondern ziemlich nachdenklich. Sie ging noch einmal in sich und nach ein paar Herzschlägen meinte Bärfang in ihren Augen etwas aufblitzen zu sehen. Etwas, von dem er sehr froh war, dass es sich nicht gegen ihn und die Seinen, sondern gegen die Rauhenecks richtete. „Wenn es so sein sollte, kann das diesem Sturmrætzvallter Heiden gewaltig auf die Füße fallen, würd ich denken. Mit seinen seltsamen Ansichten hat der schließlich eh schon gelitten“, stellte sie fest und lächelte fein. „Weise Frau hin, Weise Frau her ... die Wahrheit ist doch, dass die meisten von uns diese Weiber lieber in sicherer Entfernung wissen. In der Nähe eines Baronsthrons haben sie jedenfalls nichts zu suchen.“

Die Hahnfelserin genehmigte sich einen Schluck Bier und nickte Bärfried zu, als der Krug wieder auf der Armlehne stand. „Das ist doch schon mal was“, brummte sie gönnerhaft. „Deine persönliche Meinung ist mir aber noch ein bisschen dünn. Ich versteh das jetzt mal so, dass du das Gespräch mit den Rotenforstern suchen würdest. Also haben sie  euch anständig behandelt? Nicht von oben herab? Und Widderich? Ist der eher so wie wir oder wie die anderen Langweiler? Der Friggenhaupter am Ende gar, von dem er sich hofieren lässt?“

„Langweiler ...“, wiederholte Bärfried das von Mirnhilde gewählte Wort, „... nein, das würde ich so nicht sagen.“ Der Junker schüttelte leicht seinen Kopf. „Widderich hat uns sehr korrekt und auf Augenhöhe behandelt. Ich kann dahingehend nichts Negatives berichten.“ Kurz wandte er sich zu Widolf und seinem Weib um, lächelte und fuhr dann fort. „Ob das jedoch nur daran lag, dass ich mit zwei Trenckern reiste – einer davon wird ja mal ein Lehnsnehmer des Rauheneck sein – weiß ich nicht. Ich habe aber nicht das Gefühl, dass es nur daran lag.“

Für einen Moment schien es Mirnhilde, als hätte er damit geendet, doch dann erhob der Sunderhardter noch einmal seine Stimme. „Den Friggenhaupter sieht er wohl nur als Mittel zum Zweck, genauso wie der Friggenhaupter Widderich nur als solches betrachtet. Meiner Empfindung nach und laut den Worten des Barons selbst verachten die sich gegenseitig.“ Bärfried legte seine Stirn in Falten und zögerte kurz. „Gemeinsame ... Ziele ... verbinden anscheinend auch Menschen, die nicht vom selben Schlag sind. Umso wichtiger wäre jetzt, dass wir im nächsten Schritt auf die Rotenforster zugehen.“

„Verstanden“, meinte Mirnhilde knapp. „Dennoch hast du vorhin erwähnt, dass ich wohl über die Familie gehen müsste, wenn ich Widderichs wunden Punkt treffen will. Also gehst du davon aus, dass der Versuch, mit ihm zu verhandeln, auch scheitern könnte? Da stellen sich mir zwei Fragen: Was wolltest du mir später noch zu dem Problem mit seinem Familiensinn sagen? Und was sind die gemeinsamen Ziele von Drachenstein und Rotenforst?“

„Land ...“, antwortete Bärfried knapp und fast schien es Mirnhilde als wäre er der Meining, dass es keiner weiteren Erklärung bedürfe. „Zumindest beim Rotenforster. Er ist der Meinung, dass du Land dein Eigen nennst, das eigentlich ihm gehört.“ Der Junker verzog kurz sein Gesicht. „Und ich denke, dass der Drachensteiner es ihm gleichtut.“

Bärfried machte eine kurze Pause, dann seufzte er, reckte sein Kinn und fuhr fort. „Es ist deine Entscheidung, wie du mit diesen Forderungen umgehst. Ich werde dich auf jeden Fall unterstützen. Genau deshalb wollte ich dir auch vermeintliche Schwächen aufzeigen. Ja, ich denke, dass seine Familie Widderich angreifbar macht.“

„Oh, wie schön“, meinte Mirnhilde und grinste breit. „Das heißt also, wenn ich demnächst einen Streifzug nach Rotenforst mache und mir einen von den Rauhenecks schnappe, um dem Unhold vom Klagenfels meinen Willen aufzuzwingen, bist du mit von der Partie? Vortrefflich! Das klingt nach Spaß. Wir haben schon viel zu lange niemanden mehr erpresst!“

Bei jedem anderen hätte die Heiterkeit Bärfried angesteckt. Bei Mirnhilde verhielt es sich jedoch leider so, dass sich Spaß manches Mal schwer von Ernst unterscheiden ließ. Und sie war definitiv verrückt genug, eine solche Mission in Angriff zu nehmen. War es zumindest bis vor Kurzem stets gewesen. Bis sie zu dem Schluss gelangte, nicht für den Rest ihres Lebens unter Reichsacht stehen zu wollen. Allzumal sie den Makel nicht an ihre Erbin weitergeben wollte.

„Nur interessehalber“, fügte die Hahnfelserin an, nachdem sie sich einen Moment lang an den unglüklichen Mienen Brandas und Widolfs gewaidet hatte. „Was für eine Botschaft ist das, die du mir vom Rotenforster überbingen sollst?“

Bärfried ließ sich von Mirnhildes Kommentar nicht aus der Ruhe bringen, sondern blieb konzentriert. „Widderich möchte, dass ich dir ein Treffen vorschlage.“ Er hob seine Schultern. „Um was es dann genau gehen wird, hat mich nicht zu interessieren – wird aber wohl die Sache mit dem Land sein. Wenn du willst, werde ich dich begleiten, immerhin haben wir ...“, der Sunderhardter wies um sich, „... schon einen recht guten Draht zu den Rotenforstern. Und Branda könnte derweil sein unheimliches Weib ablenken“,  schloss der Junker mit einem verschwörerischen Lächeln.

„Unheimlich?! Sag mal, macht diese Zauberin dir eigentlich eher Angst, oder hat sie es dir angetan?“, wollte Mirnhilde wissen. „Rote Haare, hum? Wie es sich für eine Hexe gehört? Deucht mir in deinem Fall doch stets gefährlich.“ Der Blick der Hahnfelserin glitt über Brandas Haarpracht, ehe sie nach ihrem eigenen Zopf griff und ihn spielerisch um ihren Finger wand. Derweil schien sie in Gedanken schon wieder ganz woanders. Eine Antwort erwartete sie jedenfalls nicht, das konnte Bärfried ihr von der Nasenspitze ablesen.

„Was heißt hier überhaupt, du begleitest mich zum Rotenforster, hum?“, fragte sie schließlich. „Der Kerl will doch was von mir, also hat er hierher zu kommen und nicht umgekehrt.“

Mirnhilde machte eine kurze Pause, in der der Sunderhardter gerade zu einer Erklärung ansetzten wollte, als sie auch schon wieder mit einer beiläufigen Geste abwinkte.

„Schon gut“, murmelte sie. „Belassen wir es fürs Erste dabei und wenden uns wichtigeren Dingen zu.“

Die Herrin von Hahnfels krauste die Nase, gönnte sich noch einen Schluck Bier und musterte ihre Gäste nacheinander. Mit wachem Blick und so etwas wie einem verbindlichen Lächeln auf den Lippen. „Ihr bestimmt heute das Abendprogramm hier auf der Burg, klar? Muss mich ja irgednwie erkenntlich zeigen, für die Dienste, die ihr mir geleistet habt. Also tut mir den Gefallen und lasst Euch was Gutes einfallen, ja?!“

Das war ihre Art, „Danke“ zu sagen. Viel mehr konnte man nicht erwarten. Bärfried wusste das, Branda und Widolf hingegen wirkten leicht verstört, als sie ihn fragend ansahen.

Der Sunderhardter nickte seiner Baronin dankend zu. „Ich weiß ja nicht, was meine Frau und mein Knappe dazu meinen, aber mir würde schon ein gemeinsames Essen und geselliges Beisammensein mit allen anderen genügen ...“, er wandte sich zu Branda und Widolf um, wohl um deren Zustimmung zu bekommen. Doch sollten ihm nur Brandas Gleichgültigkeit und Widolfs Überforderung entgegen schlagen.

„Ist schon lange her ...“, fuhr er deshalb ganz ohne Bestätigung fort. „Wäre schön, die ganze Bande mal wieder versammelt zu sehen.“

„Dann sei es so“, erwiderte Mirnhilde ohne Zögern. „Ich denke, du bist nicht der Einzige, der daran seinen Spaß haben wird. Und wenn ich nicht ganz falsch liege, dürftest du auf deiner Reise in den Kosch ein paar Dinge erlebt haben, die die anderen auch brennend gern hören würden. Also treffen wir uns zur achten Stunde wieder hier. Zum Essen und Feiern.“

-Fin-