Lucem demonstrat umbra - Der Fluch von Burg Lichtwacht

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ein paar Tage später...

Trautmanns Knie schmerzten und dennoch breitete sich in seinem Inneren ein wohliges Gefühl der Zuversicht und Stärke aus. Zu seiner Rechten tat es ihm der Krieger vom Orden des Bannstrahl Praios´ gleich, der dabei jedoch wieder und wieder Worte in Bosparano murmelte – wohl als Antwort auf jene Zeilen, die von Assunta vor ihnen gesprochen wurden. Es war eine Andacht, wie sie sie jeden Tag abhielten und von Mal zu Mal schien die Stimme aus dem Amulett in Trautmanns Kopf leiser zu werden.

Der Gugelforster blickte vor zur Sichlerin. Die Kapelle war von ihm und den tatkräftig helfenden Menschen der Burg wieder weitgehend in Schuss gebracht worden, doch würde, wenn die Sache mit diesem Geist erledigt war, jemand fehlen, der den Ort zu einer Heimstatt des Götterfürsten machen würde. Ob sie die Richtige dafür wäre?

Trautmanns Blick ging weiter und lag nun auf Greifhild. Die Trutzerin assistierte als Messdienerin. Für mehr, so meinte Assunta, sei die Lichtbringerin derzeit noch nicht geeignet und dennoch konnte der Junker auch in ihr bereits eine zarte Veränderung feststellen. Ihr schienen die täglichen Aufgaben für den Glauben und die Menschen wieder Sicherheit und Wohlbefinden zu schenken, auch wenn sie noch weit vom Idealbild einer Dienerin des Gleißenden entfernt sein mochte.

Wie jeden Tag beendeten sie die Morgenandacht mit dem Loblied des Herrn Praios. Trautmann war kein guter Sänger und trotzdem schmetterte er die Zeilen mit einem gewissen Selbstbewusstsein. Ein riesiger Unterschied zu seinem damaligen Besuch in Trallop und dem Versuch, mit dem dortigen jungen Geweihten Choräle anzustimmen.

Nach dieser Lobpreisung entfernte sich das anwesende Gesinde gemeinsam mit Greifhild und stieg die Stufen hoch in den Burghof. Zurück blieben bloß Assunta, der Bannstrahler und Trautmann. Die beiden Männer adjustierten sich und legten ihre Schwertgürtel an. Was nun folgen würde, war von der Gruppe die letzten Tage über geplant worden, doch niemand wusste, was genau sie erwartete. Es galt, jenes Artefakt zu bergen, das einst eine ganze Burgbesatzung in den Wahnsinn trieb.

Einmal noch atmete Trautmann tief durch, dann nickte er seinen Begleitern zu und machte sich auf in Richtung des Archivs. Wie sie inzwischen wussten, gab es im Giftschrank eine, in die Mauer eingelassene Verwahrungsmöglichkeit, die mittels Schlüssel und der Macht Praios´ geöffnet werden konnte.

Eben dort angekommen, nahm der Junker das Amulett ab und reichte es an Assunta weiter: „Seid vorsichtig, Euer Gnaden. Im Endeffekt machen wir jetzt genau das, was die Stimme wollte. Wir müssen auf alles vorbereitet sein.“

„Ich denke doch, um zu bewirken, was die ganze Zeit schon bewirkt werden soll, müssten wir diese Kammer mit dem Schlüssel und dem Artefakt verlassen – und zwar ungeschützt“, meinte Assunta. „Aber just das haben wir ja nicht vor!“

Sie sah zu dem Bannstrahler hinüber, der die schwere Truhe aus Anderath mit in die Giftkammer geschleppt hatte und sie nun vorsichtig auf dem Boden abstellte – ganz in der Nähe der geheimen Aussparung, die besagtes Artefakt enthielt. Jedenfalls nach allem, was sie wussten.

„Wir legen die orkische Insigne sofort dort hinein“, stellte Assunta klar. „Da ist sie so sicher wie hier in der Kammer. Den Schlüssel behalten wir bei uns, denn ich wage nicht vorherzusagen, was geschehen würde, wenn wir beides gemeinsam in der Kiste verstauten. Wohl oder übel wird einer von uns ihn tragen müssen, wenn wir uns auf den Weg nach Anderath machen. Aber vielleicht können wir uns ja abwechseln, um die Last für jeden Einzelnen auf ein Minimum zu reduzieren.“

Nachdem das gesagt war, richtete sie den Blick auf die verzierte Wand der Kaschbasalt-Kammer, musterte mit nachdenklicher Miene die Lade, die sie in den vergangenen Tagen ausgemacht hatten, und atmete dann tief durch.

„Nun denn. Beginnen wir“, sagte sie. „Oder gibt es noch irgendwelche Einwände?“

Als Zeichen der Zustimmung folgte von Trautmann lediglich ein stummes Nicken. Er war etwas angespannt und insgeheim froh, dass Greifhild nicht ebenfalls anwesend war. Der Junker hätte es für dumm gehalten, sie dabei zu haben und, Praios sei es gedankt, vertraten Assunta und der Bannstrahler die gleiche Ansicht. Wohl nicht zuletzt, weil die Trutzer Geweihte den Geist immer noch für einen Erzheiligen ihrer Kirche hielt. Sie war ein Unsicherheitsfaktor, so viel war klar, und ihre Anwesenheit würde daher alle in Gefahr bringen.  

Der Plan war ausformuliert und schien dem Laien Trautmann auch schlüssig. Was sollte schon passieren? Es würde ja nur ein paar Herzschläge dauern, bis das Artefakt von einer sicheren Verwahrung in die Nächste gehoben wurde. Noch dazu war die Stimme im Schlüssel seit der Ankunft des Bannstrahlers verstummt. Der Ritter nahm dies wohlwollend zur Kenntnis. Vielleicht hatte ... was auch immer seine Unterlegenheit eingesehen und sich mit seinem Schicksal abgefunden.

„Ich denke, wir sind bereit“, meinte er schließlich.

Daraufhin begab sich die schmale Sichlerin ans Werk. Sie hielten sich zwar in einer Kammer aus Koschbasalt auf, die jede Form der Magie – und damit nach allem, was Trautmann in den vergangenen Tagen gehört hatte, auch jede Form der Einflussnahme durch Geister – unterband, doch schien Assunta nichts für garantiert zu halten. Sie begann damit, die selbe Art Schutzkreis zu errichten wie schon damals, als sie den Thron das erste Mal genauer untersucht hatte.

Dann machte sie noch ein paar andere Dinge, die Trautmann nicht recht einordnen konnte, die aber sicher ihrem Schutz dienten – genau der Segen, den sie am vergangenen Morgen schon auf seine Waffe hinab beschworen hatte. Schließlich schien sie alles erledigt zu haben, was sie für unabdingbar hielt. Ihr Blick ging erst zu Trautmann hinüber und dann zu dem Bannstrahler, der ihr mit einem knappen Nicken bedeutete, dass auch er alles so weit hergerichtet hatte.

Dann trat sie an die Lade in der Wand heran. Ganz ohne zögern, steckte sie den Schlüssel in das Schloss, das erst sichtbar wurde, wenn man ein paar vergoldete Intarsien beiseitegeschoben hatte, und drehte ihn dann um. Es war deutlich zu hören, wie der alte Mechanismus in Bewegung geriet: ein Knirschen und Knarzen. Dann klackte es schließlich leise und Trautmann sah, wie eine Lade von vielleicht zwei Schritt Länge und 30 Halbfingern Höhe aus der Wand heraus sprang. Nicht weit. Einen Finger vielleicht. Der Rest würde wohl nicht automatisch geschehen, sondern ein beherztes Zugreifen der Geweihten erfordern. Und die zögerte auch diesmal nicht.


***


In Greifhild hatte auf dem Weg zurück in Richtung Wohnturm ein innerer Kampf getobt. Assunta hatte ihr aufgetragen, sich dorthin zurückzuziehen, bis die Sache vorüber war. Das gefiel ihr nicht, weshalb sie sich ein leises Seufzen nicht verkeifen konnte. Wer war diese Sichlerin schon, dass sie ihr die Anwesenheit verbieten konnte? Eine Lichtträgerin, genau wie Greifhild selbst. Und warum fiel der dann die Aufgabe zu, eine Gefahr aus eben dieser Burg zu bannen. Einen Trutzer Burg? Also einer aus ihrer, Greifhilds, Heimat?

Diese Anderather waren alle gleich! Hochmütig blickten sie seit Jahr und Tag auf sie herab, achteten sie nicht. Während ihre dortigen Brüder und Schwestern unter güldenen Kuppeln saßen, hielt sie hier am Rande des Finsterkamms eherne Wacht. Noch nie hatte sich Anderath für die Heldentrutz interessiert – warum also jetzt? Neidete man ihr ihre Stellung und Beziehung zum Götterfürsten? Dass sie es war, die dazu erwählt wurde, eine große Gefahr für die Menschen der Grafschaft zu bannen und eben nicht Hochwürden Heliopais?

Ja, das war es bestimmt. Greifhilds Wangen nahmen einen leichten Rotton an und erfüllt von aufkommendem Zorn machte sie kehrt, um sich schnurstracks zurück zur Kapelle und der Giftkammer zu begeben.


***


Derweil schien das Vorhaben einer jahrhundertealten Seele aufzugehen. Ganz anders als gedacht und dennoch einfacher als angenommen. Die Hybris und die Selbstüberschätzung dieser Glatthäute würden ihnen auch diesmal zum Verhängnis werden. Er würde nicht lange brauchen – ein, zwei Herzschläge ... wenn es denn ein schlagendes Herz in seiner Brust geb. Doch bald würde sie [die Seele] ein solches wieder fühlen – und dann wäre sie frei!


***


Wie zuvor vereinbart, war Trautmann unterdessen mit einem Stemmeisen an die Lade herangetreten und machte sich daran, sie zu öffnen. Wie erwartet, war dies kein leichtes Unterfangen. Erst als der Bannstrahler ihm zur Seite sprang, schafften sie es mit vereinten Kräften, sie nach Hunderten von Götterläufen erstmals wieder zu öffnen.

Man konnte die Spannung der Anwesenden förmlich spüren, als die Lade sich öffnete und ein rot-goldenes Tuch zum Vorschein kam. Als Trautmann sich neugierig zur Öffnung beugte, schien ihm der Staub der Äonen entgegen zu fliegen – und dies nicht nur sprichwörtlich. Es schien, als käme ein leichter, kaum vernehmbarer Luftzug aus der Kammer und es sollte der Bannstrahler neben dem Junker sein, der dieses Phänomen als seltsam genug einschätzte, um ihn an der Schulter zu packen und zurückzuziehen.

Trautmann wandte sich hilfesuchend zu Assunta um, doch dann nahm ein Poltern zwischen ihenen und der Eingangstür zur Giftkammer seine Aufmerksamkeit ein.

„Bei den Göttern“, entfleuchte es seiner Kehle, als er Greifhilds bewusstlosen Körper auf dem steinernen Boden erblickte. „Was tut sie denn hier?“

Der Geißler hingegen wahrte seine Fassung: Er griff nach dem eingeschlagenen Artefakt und legte es rasch in die Truhe.

Ehe sich einer der beiden Männer versah, war die Sichlerin auch schon heran und schloss die Truhe mit einem deutlich vernehmbaren Klacken. Sie hakte den Schließmechanismus sorgfältig ein und gestattete sich dann erst einen Blick auf ihre Glaubensschwester, die auf halbem Wege zu ihnen zusammengebrochen war und nun scheinbar ohnmächtig da lag. Assunta runzelte die Stirn, während ihr Blick vom Schlüssel in ihrer Hand zu der Lade und dann über die geschlossene Truhe hinüber zu Greifhild glitt.

Trautmann konnte förmlich sehen, dass es hinter der Stirn der Geweihten arbeitete. Sie schien sich einen Reim auf das seltsame Geschehen machen zu wollen – und dabei leidlich erfolgreich zu sein. Oder es jedenfalls zu meinen. Es dauerte jedenfalls kaum mehr als zwei Herzschläge, bis sie sich mit Grabesstimme an den Geißler wandte:

„Ergreift Ihre Gnaden und fesselt sie!“

„F ... fesseln?“ Trautmann sah verdutzt hinüber zur am Boden liegenden Geweihten. „W ... warum?“

Der Geißler gab ob des Zögerns des Junkers lediglich ein Schnauben von sich und kam der Anweisung der Lichtträgerin sofort nach. Als er Greifhilds reglosen Körper fesselte, war er nicht gerade zimperlich und fragte anschließend dienstbeflissen:

„Was machen wir jetzt mit ihr, Euer Gnaden?“

„Wir bringen sie in ihre Gemächer und lassen sie nicht aus den Augen. Sobald sie wieder zu sich kommt, will ich mit ihr sprechen.“

Nachdem das gesagt war, lud sich der Bannstrahler die ohnmächtige Geweihte auf die Arme. Auf einen Wink der Sichlerin hin trat er aus der Giftkammer und wartete geduldig, bis Trautmann diese wieder verschlossen hatte. Die Kiste mit dem Artefakt nahmen sie nicht mit, sondern ließen sie fürs Erste genau da, wo sie war. Dann bewegte sich das Grüppchen in Richtung Wohnturm. Unterwegs war Assunta endlich so freundlich, dem verwirrten Junker zu erklären, was es mit ihrem seltsamen Gebaren auf sich hatte.

„Sie hat sich im entscheidenden Moment nicht im Schutzkreis befunden und ihr Geist ist eh schon geschwächt ... zerrüttet“, sagte sie leise. „Es könnte sein, dass etwas aus dem Artefakt oder dem Schlüssel entwichen und in sie eingefahren ist. Ich möchte auf keinen Fall ein Risiko eingehen. Wenn sie besessen sein sollte, hätte die Entität, mit der wir es die ganze Zeit schon zu tun haben, jetzt einen deutlich größeren Spielraum als zuvor. Und es ist an uns dafür zu sorgen, dass ihr keine Vorteile daraus erwachsen.“

Doch es war der Bannstrahler, der ihr knapp zunickte. Er hatte verstanden und tat wie ihm aufgetragen wurde. Genauso wie es seine Pflicht war. Während er den Auftrag einer Geweihten ausführte, schien er sich nicht daran zu stören, eine andere wie einen Sack Mehl zu behandeln. „Soll ihre Gnaden gefesselt bleiben?“, fragte der Ordensmann kalt. „Ich werde selbst die Wache vor ihren Gemächern übernehmen und Euch Bescheid geben sobald sie zu sich kommt.“

„Denkt Ihr wirklich, dass das nötig ist?“, vergewisserte sich Trautmann mit einem Seitenblick auf Assunta. „Sie zu fesseln, meine ich.“

Die sah ihn daraufhin schwer irritiert an – mit gehobenen Brauen und einem leicht verkniffenen Mund. „Ich hätte es kaum angeordnet, wenn ich das nicht wirklich denken würde, oder was meint Ihr?“, entgegnete sie schlicht.

Dabei schien sie es belassen zu wollen, war offenbar der Meinung, dass Trautmanns Frage keine weiteren Worte verdiente, weil sich im Grunde eh alles von selbst erklärte. Letztlich ließ der verwirrte Blick des Junkers, sie aber doch einlenken:

„Streng genommen müsste ich Ihre Gnaden überdies knebeln lassen und dafür sorgen, dass sie nichts mehr sieht. Sie ist aller Wahrscheinlichkeit vom Geist eines zaubermächtigen Orkschamanen besessen. Wir haben keine Ahnung, was der vermag und welche Gefahren es für uns und die gesamte Burgbesatzung bedeutet, wenn er sein Potenzial entfaltet. Das, was Ihr hier seinerzeit vorgefunden habt, lässt jedoch gewisse Rückschlüsse zu. Also was denkt Ihr? Dass wir rücksichtsvoll mit ihr umgehen sollten, weil sie eine Dienerin des Gleißenden ist? Das könnte das letzte Mal sein, dass Ihr Euch den Luxus in dieser Sphäre erlaubt.“

Die Sichlerin schien deutlich verstimmter, als seine harmlose Frage dies eigentlich gerechtfertigt hätte. Deshalb setzte Trautmann zu einer Erwiderung an. Im letzten Moment entschied er sich jedoch dagegen – eine gute Entscheidung, wie sich nur Herzschläge später zeigen sollte. Da gab die Geweihte nämlich ein leises „Sie hätte einfach tun sollen, was ich ihr gesagt habe“ von sich und er begriff, dass er nicht der eigentliche Auslöser für den Ärger war. Das machte die Situation allerdings auch nicht gerade besser.

Der Gugelforster seufzte und ließ dann ein knappes Nicken folgen. Er hatte verstanden, auch wenn es auf ihn etwas befremdlich wirkte, Greifhild so zu behandeln. Er stammte aus einem Haus, in dem man den Götterdienern ein sehr hohes Maß an Respekt entgegenbrachte. Doch Assunta und der Geißler hatten ihre Gründe haben – vor allem wenn es stimmte und der Geist nun in die Geweihte eingefahren war.

„Verstanden Euer Gnaden“, die Stimme des Bannstrahlers, der immer noch Greifhilds bewusstlosen Körper über seine breite Schulter hängend trug, riss Trautmann aus seinen Gedanken. „Ich werde sie knebeln. Ihre Gnaden wird weder einen Mucks von sich geben können, noch wird sie ihre Schlafstatt verlassen.“ Mit diesen Worten wollte der Ordensmann in Richtung des Wohnturms davon stapfen, wurde von Assunta noch einmal aufgehalten.

„Ihr werdet nichts dergleichen tun“, meinte sie entschieden. „Ihr bringt sie einfach nur auf ihre Kammer und wartet dort auf mich. Ich werde mich zu ihr setzen und dort bleiben, bis sie wieder bei Bewusstsein ist. Kein Knebel, keine Binde für die Augen – verstanden?“

Erst nachdem der Geißler ihr das mit einem stummen Nicken bestätigt hatte, ließ sie ihn ziehen und wandte sich wieder Trautmann zu: „Wolltet Ihr noch etwas wissen?“

„Wie soll es denn jetzt weitergehen?“, fragte der Junker daraufhin sofort. „So können wir doch nicht nach Anderath aufbrechen.“ Dann zögerte er einen Moment und suchte nach den rechten Worten: „Habt Ihr Mittel und Wege, sie wieder ... von dem Geist zu befreien ... sollte er wirklich in ihr hausen?“

Nachdem er geendet hatte, blickte Assunta ihn einen Moment schweigend an. Ihre Miene verriet nicht viel darüber, was sie dachte. Allerdings war er ziemlich sicher, dass die Situation sie ebenfalls vor eine große Herausforderung stellte.

„Ich habe Mittel“, sagte sie schließlich leise. „Ich bin mir nur nicht sicher, ob sie die in ihrem momentanen Zustand überleben würde. Andererseits habt Ihr Recht: Sollte der Geist ihr Bewusstsein verdrängt und Kontrolle über den Leib ergriffen haben, können wir sie so kaum nach Anderath schaffen. Damit würden wir nicht nur uns einer Gefahr aussetzen. Also lautet meine Antwort auf Eure Frage: Ich weiß es im Moment auch nicht. Ich muss sie mir erst genauer ... ansehen. Und mit ihr reden. Danach bin ich hoffentlich etwas schlauer.“

Trautmann nickte der Geweihten zu. Ein kleiner Teil in ihm hoffte jedoch, dass alles nicht so schlimm war, Greifhild bloß wieder aus Erschöpfung zusammengebrochen war und sie sich bald erholte. „Soll ich Euch dann zu ihr begleiten?“, fragte der Junker etwas unsicher.

Assunta überlegte kurz und schüttelte dann zögernd den Kopf. „Nein, ich schätze, es ist besser, wenn Ihr nicht mit in den Raum kommt, Wohlgeboren. Allerdings wäre es wahrscheinlich nicht schlecht, Euch in der Nähe zu haben. Also wenn Ihr Euch … vielleicht vor der Tür postieren würdet?!“


***


Es dauerte kein Stundenglas, bis Assunta über das Erwachen ihrer Glaubensschwester in Kenntnis gesetzt wurde. Als sie dem Ruf nachkam und die Gemächer des Burgherrn betrat, in welche Greifhild gebracht worden war, empfing sie die Trutzer Geweihte aufrecht auf dem Bett sitzend und mit ihren Armen von sich gestreckt. Erst bei näherem Hinsehen bemerkte Assunta, dass die Lichtbringerin festgebunden war. Mit wachem Blick musterte sie die Sichlerin abschätzig und ein feines Lächeln lag auf ihren Lippen.

„Es ging nicht anders, Euer Gnaden“, warf der Geißler von der Seite ein und der Grund dafür zeigte sich in den tiefen Wunden auf seinem Gesicht. Es schien, als hätte jemand versucht dem Ordenskrieger die Augen auszukratzen. „Sie hat mich angegriffen.“

„Ich verstehe“, meinte Assunta, nachdem sie einen prüfenden Blick in das Gesicht des Mannes geworfen hatte, „und ich werde mich nachher darum kümmern. Fürs Erste …“ Sie sprach nicht zu Ende, sondern wandte sich zu ihrer Glaubensschwester um – oder vielmehr: zu dem, was einmal ihre Glaubensschwester gewesen war. Vom rechten Pfad war sie ja offenbar schon lange abgekommen, aber jetzt war es ziemlich offensichtlich ganz um sie geschehen.

Assunta ließ sich von dem stechenden Blick und dem geringschätzigen Lächeln nicht aus der Ruhe bringen, sondern zog einen Schemel an die Bettstatt heran und setzte sich daneben. Sie sie ließ sich eine ganze Weile Zeit, ihre Schwester zu mustern und erflehte dabei auch den Beistand ihres Herrn und seiner Schwester Hesinde, um einmal mehr einen Blick in Madas Welt zu werfen – sich davon zu überzeugen, dass da nun wirklich.

Am Ende war sie sich nicht sicher, was sie da sah. Eine Reststrahlung vielleicht ... passenderweise, denn es war ja eine Seele vom Artefakt in den Menschen übergesprungen und kein Zauber. Und da Greifhild in etwa so magisch war wie der Koschbasalt, der die den Orkschamanen seit Jahrhunderten an diesen Ort gebunden hatte, würde er ihren Leib kaum zum zaubern nutzen können. Fragte sich nur, was er selbst vermochte. Nachdem sie ihre Musterung beendet hatte, seufzte Assunta leise und straffte ihre Haltung.

„Und nun?“, fragte sie dann leise. „Wie geht es jetzt weiter?“

Während der gesamten Musterung folgte Assunta ein wachsamer Blick aus Greifhilds Augen. Es war ein Maß an Aufmerksamkeit und Geistesgegenwart darin zu erkennen, welche die Sichlerin von ihrer Glaubensschwester bislang nicht kannte. Sie wirkte für gewöhnlich etwas fahrig und eher abwesend.

„Binde mich los, Schlampe. Dann zeig ich es dir“, kam es grollend aus ihrer Kehle. Die Stimme war nur noch sehr schwer als die ihrer Glaubensschwester zu erkennen. „Wenn der Leib dieses verfluchten Weibes nicht so schwächlich wäre ... ich hätte den Glatthaut-Krieger schon zu eurem schwächlichen Sonnengötzen geschickt.“ Abermals legte sich ein feines Lächeln über Greifhilds Züge, welches die eben gesprochenen Worte ins Absurde verzerrte.

Als wieder Schweigen im Raum herrschte, blickte Assunta ihre Glaubensschwester – oder vielmehr: den Schamanen – nachdenklich an. Für einen Moment schien in ihren Augen Mitgefühl auf, sonst jedoch blieb die Miene vollkommen reglos. Nach einer kurzen Pause begann sie sacht zu nicken und hob schließlich gleichmütig die Schultern:

„Muss frustrierend für Ihn sein, über so wenig Macht zu verfügen, dass Er nur einen zerrütteten Geist überrumpeln und sich nichts als einen schwächlichen Leib Untertan machen kann. Das sagt allerdings weit weniger über meinen Herrn aus als über Seinen, würde ich denken. Wie bedauerlich für Ihn.“

Nun spannte sich Greifhilds Leib und sie zerrte an ihren Fesseln, doch war der ausgemergelte Leib bei weitem nicht stark genug, um sich zu befreien. Dennoch bemerkte Assunta, dass ihre Worte Wirkung zeigten: Das Lächeln auf den Lippen Greifhilds schwand und die zuvor noch wachen Augen waren vor Zorn geweitet. „Schweig, Weib! Das wirst du mir büßen. Ich werde dir deine Zunge rausschneiden und dich an deinem eigenen Blut ersticken lassen“, grollte die Trutzerin ihr entgegen.

„Sicher“, meinte Assunta trocken, erhob sich dann, ohne mit einer Wimper zu zucken und wandte sich in Richtung des Bannstrahlers: „Sie bleibt gefesselt und wir knebeln sie überdies, damit sich niemand den Unsinn anhören muss, der über ihre Lippen kommt. Und die Augen verbinden wir auch. Ich helfe dir dabei. Wenn das getan ist, sehe ich mir deine Wunden an. Dann spreche ich mit Wohlgeboren darüber, wie es weitergeht. Du hältst vor der Tür Wache, bis Ablösung kommt. Bis auf weiteres betritt niemand diesen Raum!“

Es geschah, wie die Sichlerin befohlen hatte. Der Geißler knebelte Greifhild und verband ihr dann auch noch die Augen. Die Ruhe war nun gänzlich aus ihrem besessenen Körper gewichen: Sie trat um sich und führte einen erfolglosen Kampf, um sich aus ihren Fesseln zu befreien. Der Geist des Schamanen musste sich eingestehen, dass er sich wohl verkalkuliert hatte. Der Übergang in den neuen Körper verlief problemlos, doch verfügte er nun über keine Zauberkraft mehr und ohne diese blieb ihm nur der ausgezehrte Leib eines dürren Weibs. Er hätte einen der beiden Krieger wählen sollen, doch hatte diese gelbhaarige Schlampe einen Bannkreis gezogen, der sie Männer schützte.

Nachdem Assunta die Wunden des Bannstrahlers versorgt hatte, trafen die beiden sich mit Trautmann in den Räumen, die die Sichler Geweihte bezogen hatte. Das Antlitz des Junkers war  sorgenvoll verzerrt. „Wie schlimm ist es?“, fragte er. Sein Blick auf die Wunden des Ordenskriegers schien ihm eine Antwort auf eben gestellte Frage zu geben, weshalb er gleich fortfuhr: „Könnt Ihr etwas für sie tun?“

„Ich könnte es versuchen, aber ich denke nicht, dass das eine gute Idee wäre. Nicht unter den gegebenen Umständen hier vor Ort“, erwiderte Assunta ohne Zögern. „Besser wäre es meiner Meinung nach, wir würden sobald wie möglich nach Anderath aufbrechen und dort schauen, was für sie getan werden kann.“

Trautmann zog skeptisch seine Stirn kraus. Das konnte Assunta deutlich sehen und es brauchte keine Worte, die diese Skepsis noch weiter unterstrichen. Dennoch wollte der Junker nicht schweigen:

„Denkt Ihr, dass wir Ihre Gnaden ... in ihrem gegenwärtigen Zustand ... durch das halbe Herzogtum karren können?“ Der Gugelforster empfand dies als Ding der Unmöglichkeit. „Wäre das nicht viel zu gefährlich? Nicht nur für uns und die Menschen, denen wir auf unserem Weg begegnen, sondern auch für Ihre Gnaden selbst. Was würde passieren, wenn der Geist in ihr sich weigert, Wasser zu sich zu nehmen um sich damit selbst zu entleiben ... das wäre doch denkbar, oder nicht?“ Er wartete keine Antwort ab. „Dann wäre er erst recht wieder frei. Gibt es denn keine Möglichkeit ihr hier und jetzt zu helfen?“

„Die gibt es, aber sie ist gefährlich. Vor allem für sie. Ihr Leib ist ohnehin geschwächt, der Geist nun quasi völlig verdrängt. Die Entität, die das Denken und Handeln übernommen hat, allem Anschein nach mächtig. Wollte ich den Geist austreiben, würde das auch für Ihre Gnaden eine große Anstrengung bedeuten und ich bin mir nicht sicher, ob sie die in ihrem aktuellen Zustand übersteht.“

Assunta seufzte leise: „Uns bleibt die Wahl zwischen zwei gefährlichen Alternativen. Die Chancen Ihrer Gnaden stehen nach meiner Einschätzung besser, wenn ich bei dem Unterfangen nicht allein stehe. Und die Gefahr, die momentan von Ihr ausgeht, ist ... wahrscheinlich nicht so groß, wie ich zuerst dachte. Der Schamane kann eben nur über das gebieten, was vorhanden ist, und Ihr wisst ja selbst, wie es darum bestellt ist. Sie darf nur nicht an die Keule herankommen, aber dafür werden wir wohl zu sorgen wissen.“

Die Praioranerin überlegte kurz und hob dann die Schultern: „Es wird dem Geist dieses irregeleiteten Schamanen sicher nicht gelingen, Greifhilds Leib verhungern zu lassen. Nicht in meiner Anwesenheit jedenfalls. Ich werde dafür sorgen, dass sie isst und trinkt. Wenn er versucht, ihr Leben anderweitig zu beenden, wir es nicht schaffen, das zu vereiteln, und der Herr Praios es geschehen lässt ... dann soll es wohl so sein.“

Der Blick des Junkers ging kurz hinüber zum Geißler, der ihn seinerseits jedoch bloß mit ausdruckslosem Blick musterte. Trautmann seufzte.

„Also verstehe ich Euch richtig, dass Ihr vorschlagt, sie an einem Karren festzubinden und nach Anderath zu reisen?“ Er würde sich diesem Wunsch fügen – das war die Sache der Götterdiener. Der Gugelforster würde sich hier nie anmaßen, die Situation besser bewerten zu können.

„Nein, Ihr versteht mich nicht richtig“, erwiderte Assunta knapp. „Wie ich das letzte Stück des Weges in Erinnerung habe, dürfte es so gut wie unmöglich sein, sie auf einem Karren zu befördern, ohne dass etwas zu Bruch geht. Ich habe ein Packpferd. Also werden wir sie auf dessen Rücken binden – aufrecht sitzend, wenn es geht. Wenn wir gangbarere Wege erreichen, schauen wir, ob wir eine Möglichkeit finden, sie unauffälliger zu befördern. In einer einfachen Kutsche, sollten wir eine erwerben können.“

„Verstehe“, Trautmann nickte. „Ich werde alle Vorbereitungen treffen lassen, damit wir morgen mit dem Aufgang des Praiosmals aufbrechen können und nicht länger zuwarten müssen.“ Gerade wollte der Junker auf seinen Hacken kehrtmachen und tun, was er soeben angekündigt hatte, als er noch einmal innehielt. Mit besorgtem Ausdruck auf dem Antlitz wandte er sich wieder Assunta zu: „Welche Chance gebt Ihr Greif ... ähm ... ihrer Gnaden, dass sie das Ganze halbwegs unbeschadet übersteht?“

„Sie ist schon jetzt nicht mehr unbeschadet“, meinte Assunta. „Fragt lieber danach, wie ihre Chancen stehen, das Ganze zu überleben. Da bin ich – wie bereits gesagt – der Meinung, dass es wichtig wäre, sie alsbald nach Anderath zu schaffen. Dort kann ich mich gemeinsam mit meinen Brüdern und Schwestern um ihre Rettung kümmern.“

Als Antwort folgte ein knappes Nicken. Trautmann hatte verstanden und er musste seine Frage auch nicht mehr adaptieren. Stattdessen verzog er sein Antlitz zu einer schwer zu deutenden Grimasse und entfernte sich. Es galt schließlich einen Haufen Vorkehrungen zu treffen. Nicht nur für die Reise, sondern auch für seine Abwesenheit.