Lucem demonstrat umbra - Die Gefallene

Beitragsseiten


Trautmann hatte sich beeilt. Als er in das Speisezimmer im ersten Geschoss seines Wohnturmes trat, konnte er Greifhild sogleich ausmachen – sie saß mit dem Rücken zu ihm am Tisch. Allem Anschein nach hatte er es auch geschafft, vor Assunta einzutreffen, was ihn erleichterte und in der gegenwärtigen Situation wohl ein Vorteil war. Mit etwas mehr Abstand als sonst, aber einem neugierigen Lächeln auf den Lippen, umrundete er den Tisch und näherte sich seinem Gast dann von vorn. Greifhilds Ornat war staubig und es wirkte ganz so, als wäre sie längere Zeit unterwegs gewesen. Auch das sonst eher ansehnliche Gesicht der Geweihten wirkte ausgezehrt, die Wangen eingefallen und dunkle Ringe zeigten sich unter ihren blauen Augen. Greifhilds Auffassungsgabe war durch ihren gegenwärtigen Zustand offenbar  beschränkt, schien sie ihn doch gar nicht zu bemerken und bloß durch ihn hindurch zu starren.

„Euer Gnaden, was für eine freudige Überraschung“, grüßte Trautmann sie vorsichtig. „Habt Ihr meine Nachricht bekommen?“

Von einem auf den anderen Herzschlag schien alle Lethargie von der Geweihten abzufallen. „Trautmann ...“, sagte sie mit belegter Stimme, räusperte sich und fuhr dann klar und kraftvoll fort, „Praios zum Gruße! Nachricht? Nein, habe ich nicht. Die ... Pflicht ... führt mich her.“

Bevor der Gugelforster fragen konnte, was genau Greifhild damit meinte, erschien Assunta hinter ihr in der Tür. Er bemerkte es, seine lange herbeigesehnte Besucherin aber nicht, denn sie saß ja mit dem Rücken zum Eingang. So hatte Trautmann den Vorteil, einen kurzen Blick mit der zweiten Geweihten wechseln zu können und zu bemerken, dass ihre Miene recht angespannt wirkte. Sie betrachtete die Aufmachung ihrer Glaubensschwester genauso aufmerksam wie er kurz zuvor, schien sich anders als er aber nicht dazu durchringen zu können, den Raum zu betreten und sich ins Sichtfeld Greifhilds zu begeben.

Erst als Trautmann ihr mit einer auffordernden Geste bedeutete, an seine Seite zu kommen, setzte sich die Sichlerin in Bewegung. Sie machte allerdings keine Anstalten, zu grüßen oder sich vorzustellen, sondern nickte Greifhild  nur freundlich lächelnd zu und wartete darauf, dass der Gastgeber diese Aufgabe übernahm.

Beinahe versäumte der Junker seinen Einsatz, versuchte er doch aus dem Mienenspiel Greifhilds eine Reaktion auf das Erscheinen Assuntas hinaus zu lesen. So sollte es einen kleinen Moment lang dauern, bis er den Wink verstand und der Etikette genüge tat. „Greifhild, ich darf Euch Ihre Gnaden Assunta von Auraleth vorstellen“, Trautmann wartete eine Reaktion der Trutzerin ab, die sich in einem sichtlich gequälten Lächeln und einem reservierten Kopfnicken manifestierte, bevor er dann fortfuhr. „Sie wurde mir von Hochwürden Heliopais von Anderath zur Seite gestellt und hilft ... uns ... von nun an hier bei der Säuberung der Kapelle und sonstiger Räumlichkeiten."

Greifhild versuchte äußerlich die Ruhe zu bewahren, doch fiel es ihr schwer, ihre gegenwärtige Verunsicherung zu verhehlen. Die Trutzer Geweihte musterte Assunta einige Augenblicke lang, während sie nervös an der Kordel ihres Ornats spielte. „Praios zum Gruße, Schwester“, grüßte sie dann verlegen.

Assunta erwiderte den Blick ihrer Glaubensschwester, ohne mit einer Wimper zu zucken, allerdings wirkte sie dabei nicht unfreundlich, sondern vielmehr vorsichtig interessiert. Als Greifhild sie schließlich grüßte, lächelte die Sichlerin sogar und machte einen Schritt auf sie zu, um ihr die Hand zu Gruß zu reichen. Darüber, dass die Trutzerin einen Augenblick zögerte, bevor sie zugriff, ging die jüngere der beiden völlig ungerührt hinweg und legte die linke Hand auf Greifhilds rechte, nachdem sie zugegriffen hatte. „Es freut mich, Euch kennenzulernen“, meinte sie dann in durchaus verbindlichem Tonfall.

„Wir waren uns schon nicht mehr sicher, ob Ihr noch einmal hierher kommt. Herr Trautmann sagt,  Ihr habt ihn länger ohne Nachricht gelassen, als er es gewohnt ist. Umso mehr erleichtert es ihn vermutlich, Euch jetzt hier zu sehen.“ Assunta machte eine kurze Pause, in der sie Greifhilds Hand wieder frei gab und einen Schritt zurück trat. Dann blickte sie Trautmann kurz an und fuhr ungerührt fort: „Ihr sagt, die Pflicht ruft Euch hierher?! Gibt es eine konkrete Aufgabe, um die Ihr Euch kümmern wollt und mit der ich Euch vielleicht helfen kann? Oder meint Ihr ganz abstrakt den Zustand dieses ... Gemäuers?“

Greifhild war alarmiert. Sie hatte in den letzten Jahren nicht viel Kontakt zu ihren Brüdern und Schwestern in der Gemeinschaft des Lichts gehabt. Und das bisschen Kontakt, das sie hatte, war nie besonders angenehm oder gar auf Augenhöhe gewesen. Herablassend wurde sie stets behandelt, aus Gründen, die für sie nicht nachvollziehbar waren. Deshalb würde sie nun einen Gehörnten tun und sich ihrem Gegenüber gänzlich öffnen. Der Blick der älteren der beiden Geweihten ging hinüber zum Junker. Trautmann nickte ihr aufmunternd zu, dann fixierte sie wieder Assunta.

„Genauso ist es. Diese Gemäuer brauchen die kundige Hand einer Dienerin des Götterfürsten ...“, Greifhild schob ihre Augenbrauen zusammen. Sie versuchte abzutasten, was ihre Glaubensschwester wusste und ob sie für ihr Vorhaben eine Gefahr darstellen würde. „Ich konnte nicht wissen, dass Seine Wohlgeboren Euch hinzugezogen hat. Wie lange seid Ihr denn schon auf der Burg? Habt Ihr Euch mit der Geschichte und dem Problem dieser Gemäuer auseinandergesetzt? Vielleicht können wir uns gegenseitig auf den letzten Stand bringen.“

„Sicher, das sollten wir: einander auf den letzten Stand bringen“, meinte Assunta – weiterhin freundlich lächelnd. Sie nahm die Schroffheit ihrer Glaubensschwester klaglos hin und warf Trautmann dann ebenfalls einen fragenden Blick zu. Erst auf dessen Nicken hin trat sie gemeinsam mit ihm an die Tafel heran und sie nahmen gegenüber von Greifhild Platz.

„Ich bin noch keinen ganzen Mond hier“, hob sie hernach ohne Umschweife an. „Mir ist also noch nicht so viel Zeit mit diesem Gemäuer vergönnt gewesen wie Euch. Daher würde ich vorschlagen, dass Ihr den Anfang macht – und ich anschließend ergänze, falls es überhaupt etwas zu ergänzen geben sollte. Was könnt Ihr mir über die Geschichte und das ... Problem sagen?“

„Nun denn ...“, Greifhild wartete, bis Assunta sich gesetzt hatte. „Seine Wohlgeboren wurde vor einigen Götterläufen, ich glaube es war Ende 1039 nach Bosparans Fall ...“, sie stoppte, blickte auf Trautmann und fuhr nach dessen bestätigenden Nicken fort, „... mit dieser Burg hier belehnt. Wie Ihr wahrscheinlich schon wisst, war dies einst eine Bastion des Ordens vom Bannstrahl und wurde während der Zeit der Herzogenwahrer als ‚Giftschrank‘ genutzt. Der letzte Burgherr war ein gewisser Praiodan von Kuslik, der allem Anschein nach einen Fluch auf sich geladen hatte, denn als seine Wohlgeboren und seine Begleiter die Gemäuer betraten stellte sich eben jener Burgherr ihnen entgegen.“

Die Trutzerin blickte sich einige Momente lang um, als würde sie etwas suchen, fixierte dann aber wieder ihr Gegenüber und fuhr schmal lächelnd fort. „Die Frage, die mich beinahe ein Jahr lang beschäftigt hat war: warum? Wie konnte ein hoher Würdenträger unseres Herrn zum untoten Wächter über diese Gemäuer werden?“ Greifhild hob ihre Augenbrauen, wartete jedoch keine Antwort ab. „Ich bin mir nach wie vor nicht sicher, wie es passieren konnte, aber ich denke, er hat gefrevelt, eben irgendeine Schuld auf sich geladen und ist dann dem Bösen anheimgefallen.“ Die Geweihte sah, dass Assunta etwas erwidern wollte, doch winkte sie ab: „Der Boden der Kapelle war jedenfalls, das könnt Ihr ja bestimmt auch fühlen, entweiht.“

Greifhilds Blick ging für einige Herzschläge zwischen Trautmann und der Sichlerin hin und her, ehe sie fortfuhr: „Bleibt die Frage, warum die Bannstrahler nach dem Fall des Priesterkaiserreichs überhaupt noch hier waren. Der Orden wurde damals ja aufgelöst. Nun, ich würde sagen, er war mit dieser Entscheidung nicht einverstanden und ist einfach auf Lichtwacht geblieben, um seinen Dienst weiter zu versehen, statt die Burg aufzugeben oder in die Obhut nicht ordensangehöriger Praioraner zu übergeben. Ich denke, einer der Gründe dafür muss etwas  innerhalb dieser Mauern gewesen sein. Deshalb begann ich auch damit, die hier verwahrten Artefakte und Schriften zu katalogisieren.“

Nachdem das gesagt war, wartete Assunta noch einen Moment – als sei sich nicht sicher, ob dies nun das Ende der Rede ihrer Glaubensschwester darstellen sollte, oder ob noch etwas folgen würde. „Das deckt sich weitgehend mit meinen Beobachtungen“, meinte sie dann. „Allerdings nehme ich an, dass Ihr bei der Frage, nach was genau wir eigentlich suchen müssen, schon wesentlich weiter seid als ich? Schließlich habt Ihr etwa einen Götterlauf Vorsprung?!“

Sie hob fragend die Brauen und machte direkt noch ein neues Fass auf, als Greifhild nicht sofort antwortete: „Etwa ein Götterlauf ist in diesem Fall übrigens auch ein gutes Stichwort für mich, Schwester. Ich frage mich – und noch viel mehr als ich fragt sich Hochwürden Heliopais –, wie es sein kann, dass Ihr Anderath in all der Zeit nicht über die Existenz dieser Burg unterrichtet habt. Und darüber, welche Erkenntnisse Ihr seit Beginn Eurer Nachforschungen hier gewonnen habt. Sicher gibt es dafür eine nachvollziehbare Erklärung?“

Kurz schien es Assunta, als huschte ein Anflug an Empörung über das Antlitz der Trutzerin, doch schaffte diese es schnell, ihre entgleisten Gesichtszüge wieder unter Kontrolle zu bringen. „Mit Verlaub, Euer Gnaden“, hob sie dann in ruhigem Ton an, „aber ich habe diese Gemäuer mitnichten in jenem Zustand vorgefunden, der sich Euch vor einem Mond geboten hat.“ Sie schüttelte leicht den Kopf. „Nein, einen guten Teil meiner Zeit auf Lichtwacht habe ich damit zugebracht, mir einen Überblick zu verschaffen und wenigstens ein bisschen Ordnung und Struktur hier herein zu bringen.“

Greifhild griff nach ihrem Holzbecher, doch sollte sie diesen nicht an ihre Lippen führen. Vielmehr schien es ihrem Gegenüber, als benötigte sie gegenwärtig lediglich etwas, woran sie sich festhalten konnte. „Aber um auf Eure Fragen zurückzukommen: Ich weiß, dass aus diesen Mauern keine direkte Gefahr für die Menschen hier hervorgeht und ich weiß, dass der Ursprung des ... hm ... der Geschehnisse rund um die vormalige Burgbesatzung immer noch hier in der Koschbasaltkammer sein muss. Womöglich ist er orkischen Ursprungs, was hier in Weiden ja auch nichts Außergewöhnliches wäre.“ Nun nahm die Lichtbringerin erstmals einen Schluck aus dem Becher, wohl auch, um Zeit zu gewinnen sich die kommenden Worte zurechtzulegen.

„Die Existenz der Burg war Trallop bekannt. Dass dies sich nicht nach Anderath herumgesprochen hat, war nicht mein Versäumnis. Und was meine Meldung angeht: Die wäre dann hinausgegangen, wenn ich die Situation zur Gänze richtig einschätzen hätte können. Wichtig war im ersten Schritt, dass für die Menschen hier keine Gefahr besteht und das konnte ich sehr schnell ausschließen.“

„Die Existenz der Burg, Euer Gnaden, die Existenz und mehr nicht“, meinte Assunta. Im Gegensatz zu ihrer Glaubensschwester wirkte sie nach wie vor gelassen – fast zu gelassen, wenn man bedachte, dass diese die Geschehnisse der vergangenen Götterläufe gerade auf sehr eigenwillige Art auslegte und so etwas eigentlich überhaupt nicht im Sinne des Herrn der Wahrheit war. „Die Kunde, dass die Burg von Untoten bewacht wurde, dass es hier in der Vergangenheit offenbar einen schweren Frevel gab und einige potenziell gefährliche Artefakte in der Giftkammer ruhen, weil  sie nach der Priesterkaiserzeit nicht in Sicherheit gebracht wurden, hat weder Trallop noch Anderath erreicht. Ich denke, wir müssen keine Diskussion darüber führen, ob es Eure Pflicht gewesen wäre, die Gemeinschaft des Licht darüber zu informieren?!“

Die Sichlerin hob die Brauen, derweil sich ihr mit einem Mal erstaunlich scharfer Blick in den Greifhilds bohrte. „Gleich wie: Dafür müsst Ihr Euch nicht vor mir verantworten, sondern vor Hochwürden. Begreift Euch hiermit als zum Gespräch einbestellt. Frau Heliopais erwartet, dass Ihr nach Anderath aufbrecht, sobald die Situation hier in Lichtwacht aufgelöst ist.“ Nachdem das gesagt war, hielt Assunta kurz inne und ihr Blick wurde wieder etwas freundlicher. „Nach allem, was Ihr gerade gesagt habt, scheint Ihr der Meinung zu sein, dass Ihr das ganz allein schafft? Die Situation bereinigen, meine ich. Oder sie doch zumindest so weit zu erforschen, dass Ihr denjenigen, die das vermögen, qualifizierte Ratschläge erteilen könnt? Dann empfindet Ihr meine Anwesenheit wohl eher als störend denn als hilfreich?“

Greifhild war derlei Übergriffigkeiten gewöhnt, vor allem von ihren Brüdern und Schwestern aus der Gemeinschaft des Lichts. Warum sollte es sich bei dieser Assunta anders verhalten? Dennoch beschloss sie ruhig zu bleiben.

„Ich weiß nicht genau wo Ihr Euren Heimattempel habt. Ihr wurdet wohl zu Auraleth ausgebildet, oder Anderath ... wir sind hier in der Heldentrutz. Hier gibt es keinen Tempel, der örtliche Adel und sonstige Würdenträger kennen unsere Gemeinschaft wohl nur vom Hörensagen, ja, nicht einmal Angehörige der Gemeinschaft des Lichts werdet Ihr hier finden.“ Die Trutzerin lehnte sich überraschend entspannt in ihrem Stuhl zurück. Allem Anschein nach begab sie sich nun auf Terrain, das ihr lag.

„Anderath hat über Jahre keinerlei Interesse an meinen Aufgaben hier oder der Grafschaft im Allgemeinen gezeigt ... ja, vielmehr wurde ich behandelt wie eine Aussätzige und die Trutz wie verlorenes Land. Bevor also über meine Person als einzige Dienerin unseres Herrn in diesen Landen gerichtet wird, sollte man vielleicht auch die Rolle unserer Kirche in diesen Breiten überdenken. Gerade wenn man bedenkt, dass nur wenige Meilen gen Praios die Mark Greifenfurt liegt, wo dem Herrn jener Respekt und jene Anerkennung angediehen wird, die er verdient.“

Die unverhohlene Kritik an der Hochgeweihten von Anderath im Speziellen und der Weidener Kirche des Götterfürsten im Allgemeinen, beschwor bei Assuntas zum ersten Mal eine deutliche Reaktion herauf: Trautmann sah, wie sich ihre Augen ungläubig weiteten – nicht zuletzt, weil sie sich ihm zuwandte, um ihn mit einem raschen, irgendwie besorgten Blick zu bedenken. Er hatte das Gefühl, sie wünschte, dass er sich just in diesem Moment nicht im Gemeinschaftsraum seines Wohnturms aufhalten würde.  Oder vielmehr: Dass er nicht mitbekommen hätte, was da gerade gesagt worden war. Dann wandte sie sich auch schon wieder von ihm ab und hob zu einer Antwort an, doch Greifhild kam ihr zuvor.

Die Trutzerin machte eine wegwerfende Handbewegung, um dieses Thema vom Tisch zu vertreiben. „Dennoch kenne ich meine Pflichten und wie ich es Euch gerade gesagt habe, wäre ich diesen nachgekommen, sobald es mir möglich gewesen wäre. Ich bin hier nicht in der Situation, jemand anderen schicken zu können. Auch meine jetzige Abwesenheit war nur deshalb möglich, weil ich die Situation richtig einschätzen konnte. Und was Eure Anwesenheit hier betrifft – zwei Diener des Praios können mehr erreichen als eine.“

„Mit Verlaub, Euer Gnaden“, wiederholte Assunta die Worte, die Ihre Glaubensschwester vor wenigen Momenten erst sehr gönnerhaft zu ihr gesagt hatte, und klang dabei schon wieder sehr gefasst. „Denkt Ihr wirklich, dass Ihr in der Lage seid, die Situation richtig einzuschätzen? Meint Ihr, dass Ihr als einfache Dienerin des Götterfürsten, die keine höheren Weihen empfangen hat und der das tiefere Wissen daher fehlt, zutreffend beurteilen könnt, womit wir es hier zu tun haben? Wie man am besten damit umgehen sollte? Ich persönliche wäre nicht so vermessen, mir das zuzutrauen. Mir wäre am Rat gescheiterer Priester gelegen. Aber vielleicht schätze ich Eure Fähigkeiten ja falsch ein? Oder es mangelt mir schlicht an Erfahrung?“

Die Sichlerin sah, dass sich Widerspruch in ihrem Gegenüber regte, ließ sich davon aber nicht  beeindrucken, sondern kopierte sie einfach noch mal, indem sie eine wegwerfende Handbewegung machte, als wolle sie dieses Thema vom Tisch vertreiben.

„Ihr braucht mich nicht darüber zu belehren, wie es ist, in einer Gegend zu leben, in der der Glaube an unseren Herrn schwach ist und in der es weit und breit niemanden gibt, der von seinen Lehren hören will“, meinte sie dann und musterte ihr Gegenüber aufmerksam, aber nicht feindselig. „Ich weiß das aus eigener Erfahrung. Ich weiß, wie bitter man darüber werden kann. Allerdings sollte das nicht als Vorwand genutzt werden, die Hierarchie in unserer Kirche zu vergessen. Zu vergessen, wem man Gehorsam und Treue schuldet. Wie jeder von uns seid Ihr einem Tempel zugeordnet, Greifhild. Ich kenne dessen Vorsteherin und weiß daher, dass das, was Ihr behauptet, nicht der Wahrheit entspricht. Hochwürden Heliopais hat die Heldentrutz nie verloren gegeben. Allerdings hat sie in Euch keine gute Mitstreiterin für ihre Sache gefunden, denn Ihr bevorzugt es, Euch der Gemeinschaft des Lichts zu entziehen und Eure eigenen Wege zu gehen.“

Assunta hielt inne, um abermals einen zweifelnden Blick auf Trautmann zu werfen. Er kannte sie mittlerweile gut genug, um zu begreifen, dass sie sich mit der Situation nicht wohl fühlte. Ein derart brisantes Gespräch hätte sie lieber vertraulich geführt, aber nachdem Greifhild vor seinen Augen und Ohren auf Anderath gefeuert hatte, wollte sie es wohl auch vor ihm verteidigen.

„Niemand möchte Euch wie eine Aussätzige behandeln, Euer Gnaden, aber wenn Ihr Eure eigenen Regeln macht und danach lebt, bleibt Anderath nichts anderes übrig, als Euch zur Ordnung zu rufen“, sagte sie schließlich mit verbindlicher Stimme. „Diese Sache hier ... Lichtwacht, der Fluch, die Giftkammer – das ist ein mustergültiges Beispiel dafür, wo Ihr fehlzugehen neigt, weil Ihr Euch lieber außerhalb der Gemeinschaft haltet und ihre Konventionen nicht respektiert. Es wäre Eure Pflicht gewesen, Rücksprache zu halten. Ihr habt es nicht getan und die Bewohner dieses Fleckens damit nicht nur in Verlegenheit, sondern auch in Gefahr gebracht. Punctum!“

Das letzte Wort betonte Assunta auf eine Art und Weise, die keine Widerrede duldete. Ob sich das nur auf das Gespräch in Trautmanns Gegenwart bezog oder generell gelten sollte, blieb offen. Sie atmete tief durch und schüttelte den Kopf nahezu unmerklich, bevor sie das Wort noch einmal erhob: „Ihr seid zurückgekehrt, Euer Gnaden. Also nehme ich an, dass Ihr einen Plan habt, den Ihr umzusetzen gedenkt. Vielleicht weiht Ihr uns ein, damit wir Euch assistieren können?!“

Greifhild ließ die Rede ihrer Glaubensschwester stoisch über sich ergehen. Konnte man zuvor noch die eine oder andere Regung aus ihrem Gesicht lesen, so wirkte sie nun einer Statue gleich. Einzig ihre Rechte ging hoch zu ihrer Halskette und nestelte dort an einem schönen Anhänger herum, den Assunta erst jetzt bemerkte. Währenddessen ging der Blick des Junkers zwischen den beiden Lichtbringerinnen hin und her. Die Situation war ihm im höchsten Maßen unangenehm und er fiel sich fast schon dazu genötigt, beruhigende Worte auszusprechen, um die Spannung vom Tisch zu nehmen, doch sollte ihm die Trutzer Geweihte zuvor kommen.

„Ich kenne meine Pflichten als Priesterin und als Mitglied in der Gemeinschaft des Lichts, Euer Gnaden“, ihre Stimme klang ungerührt. „Ich bin aber auch den Menschen verpflichtet und wollte die Burg hier nicht für Monde verlassen, bevor ich sicher war, dass die Menschen nicht in Gefahr sind.“ Ihr Blick ging zu Trautmann, lag einige Momente auf ihm und schweifte dann zurück auf Assunta. „Wie hättet Ihr gehandelt? Die Alternative wäre gewesen, alle Menschen von hier fort zu schaffen und den Aufbau, den sie gerade dabei waren zu beginnen, wieder zu Grabe zu tragen. Die Burg hätte von der hiesigen Baronin nie neu vergeben werden dürfen.“

Greifhild hob fragend ihre Augenbrauen, doch als sie den Blick Assuntas suchte, fand sie ihn nicht, denn die hatte sich erneut Trautmann zugewandt. Es stand eine Frage in ihren Augen, die sie allerdings nicht aussprechen konnte, wenn sie ihre Glaubensschwester nicht tödlich beleidigen wollte. Der Gugelforster konnte sich schon denken, worauf sie abzielte: Darauf, dass er ihr erzählt hatte, dass Greifhild die Burg in den vergangenen zwei Jahren immer wieder für lange Zeit – Wochen, manchmal auch Monde – verließ und später erst gänzlich unangekündigt wieder auftauchte. Das passte nicht zu dem, was sie jetzt behauptete. Er war sich aber nicht sicher, ob er darauf wirklich hinweisen sollte, oder ob das die Situation nicht noch schlimmer gemacht hätte. Glücklicherweise nahm Greifhild ihm die Entscheidung ab, indem sie die Stimme wieder erhob.

„Ob ich der Meinung bin, dass ich in der Lage wäre oder ob ich meine Kompetenzen überschritten habe? Das ist möglich, aber ich war die beste Wahl, die die Menschen hier auf die Schnelle hatten. Dafür trage ich auch gerne die Verantwortung.“ Sie nahm einen Schluck aus ihrem Becher und machte eine wedelnde Handbewegung. „Was meine gegenwärtige Rückkehr angeht – ja, ich denke, ich bin dem Urheber des Fluchs auf der Spur.“ Wieder führte sie ihre Hand an den Anhänger der Kette. „Nennt es einen Fingerzeig des Herrn, aber ich denke, ich weiß wie wir an das Übel herankommen.“

Assunta verfolgte die Geste der Trutzerin zwar aufmerksam, ließ sich aber dazu nicht aus, sondern konzentrierte sich erst einmal auf die Frage, die an sie gerichtet worden war. „Wenn mir das Mittel der Göttlichen Verständigung nicht zur Verfügung gestanden hätte, Schwester“, hob sie an, „dann hätte ich Herrn Trautmann oder einen seiner verlässlichsten Diener nach Anderath geschickt, um die Bitte nach Unterstützung zu überbringen. Und ich bin sicher, dass ich welche erhalten hätte. Innerhalb kürzester Zeit. Auf keinen Fall hätte ich die Menschen hier auf der Burg allein gelassen, aber das hätte mich nicht davon abgehalten, die Gemeinschaft des Lichts zu informieren.“

Nachdem das gesagt war, hielt sie einen Moment inne und musterte Greifhild stumm. Ihr Blick glitt über das ausgezehrte Gesicht der älteren Frau, deren schwielige Hand und schließlich über das Amulett, von dem sie nicht lassen konnte. „Wie?“, meinte sie dann leise. „Wie kommen wir an das Übel heran und um was für ein Übel handelt es sich überhaupt?“

Greifhild überging die Aussagen ihres Gegenübers hinsichtlich ihrer Versäumnisse und beantwortete stattdessen lediglich die zuletzt gestellte Frage. Ein seltsamer Glanz bemächtigte sich der Augen der Trutzer Lichtbringerin und es schien, als spräche mit einem Mal ein gewisses Maß an Vorfreude und Begeisterung aus ihr:

„Wie bereits gesagt hat die Quelle wohl einen orkischen Ursprung und ich habe durch eine Eingebung erfahren, dass der Burgherr sie so verwahrt hat, dass nur ein Geweihter des Götterfürsten Zugriff dazu haben kann.“ Ihr aufgeregter Blick ging hinüber zu Trautmann. „Es dürfte gewissermaßen mit einem karmalen Schlüssel versperrt worden sein. Das ist ein Anhaltspunkt, mit dem ich ... wir ... arbeiten können. Das schließt meiner Meinung nach schon so einiges aus.“

Dass Greifhild sich von ihr abgewandt hatte und stattdessen zu Trautmann sprach, schien Assunta für eine deutliche Botschaft zu halten: Sie war fürs Erste abgemeldet. Statt sich wieder in das Gespräch hinein zu drängen, legte sie die Hände demonstrativ in den Schoß und lehnte sich ein wenig zurück. Sie lauschte den Worten ihrer Glaubensschwester zwar und beobachtete deren Mienenspiel, machte jedoch keine Anstalten, etwas zu sagen.

Auch der Junker bemerkte das Verhalten der Trutzerin, hielt sich in diesem Zusammenhang aber für die falsche Ansprechperson. Deshalb löste er seinen Blick von Greifhild und sah hinüber zu Assunta. „Was haltet Ihr davon, Euer Gnaden?“ Die Lichtbringerin schien sich nicht daran zu stören und wandte sich ebenso mit fragendem Gesichtsausdruck ihrer Glaubensschwester zu.

Assunta hob die Brauen, als sich die Blicke beider Trutzer an sie hefteten und deutete dann ein Schulterzucken an. „Wie sehen denn die nächsten Schritte aus, Euer Gnaden? Wie gedenkt Ihr an das Artefakt zu gelangen? Habt ihr einen konkreten Plan?“

Greifhild leckte sich über die Lippen. „Da ich nicht genau weiß, was es ist, bleiben uns nur das Ausschlussverfahren in Form vom Durchackern der dürftigen Bestandslisten und die Suche im Giftschrank. Allzu viele karmal eingeschlossene orkische Exponate wird es hoffentlich nicht geben.“ Ihr Blick ging ein paar Momente zwischen Trautmann und Assunta hin und her. „Mit vereinten Kräften werden wir es bald herausgefunden haben, meine ich.“

„Ich habe die Bestandsliste bereits durchgeackert und mit den Artefakten in der Giftkammer abgeglichen, Schwester. Dasjenige, nach dem ihr sucht, scheint mir nicht dabei gewesen zu sein. Denn nichts war noch einmal extra verschlossen, aber genau das ist es ja, wonach wir suchen, nicht wahr? Einen Gegenstand, der so gefährlich war, dass er vom Bannstrahl besonders gesichert wurde“, meinte Assunta. „Ich habe auch das Diarium von Herrn Praiodan gelesen und was darin steht, empfinde ich als überaus besorgniserregend. Er nennt das Übel nicht beim Namen und ich denke wir wissen beide, was der Grund dafür ist. Dennoch will mit scheinen, dass es sein Herz über die Jahre mit Furcht erfüllt oder ihn doch zumindest beunruhigt hat ... und seinen Geist zerrüttet. Auch deshalb frage ich mich, ob wir die Richtigen sind, um den Gegenstand zu sichern? Aber Ihr scheint da keine Bedenken zu haben?“

Der Blick der Sichlerin ruhte auf dem Antlitz ihrer Glaubensschwester, das zwar nachdenklich aber immer noch sehr entschlossen wirkte. Greifhilds Hand ging einmal mehr zu dem Schmuckstück, das sie um den Hals trug – und diesmal stellte Assunta die Frage, die sie wohl schon länger umtrieb: „Was ist das für ein Amulett, das Ihr da habt, Euer Gnaden?“

Einem inneren Instinkt folgend, bedeckte Greifhild das Schmuckstück an ihrem Hals mit ihrer Rechten. „Der Herr ist mit mir“, antwortete sie dann mit fester Stimme. „Ich habe Respekt vor der Situation, aber ich bin nicht beunruhigt.“ Es huschte ein Lächeln über ihre Lippen und ihre Augen nahmen einen seltsamen Glanz an. „Dieses Amulett war ein Fundstück, das mir zur Verwahrung überantwortet wurde“, dem fragenden Blick Assuntas begegnete sie mit einer abwehrenden Handbewegung. „Es wird ein Teil dessen sein, was wir benötigen, um an unser Ziel zu gelangen. So deute ich zumindest die Vision, die sich mir in den letzten Monden wiederholt offenbart hat.“

„Ich verstehe“, murmelte Assunta und schwieg danach einen Moment. Von der Seite konnte Trautmann sehen, wie ihre Kiefermuskeln arbeiteten, wohl weil sie die Zähne fest zusammenbiss, um nicht das zu sagen, was Ihr dazu als Erstes einfiel.

„Ich verstehe, was Ihr damit sagen wollt“, meinte sie dann. „Aber Ihr werdet sicher auch verstehen, dass ich es dabei nicht belassen kann, Schwester. Ich muss die Situation halbwegs sicher einschätzen können und bloße Andeutungen von Euch versetzen mich nicht in die Lage dazu. Daher sagt mir bitte: Wo habt Ihr dieses Stück gefunden? Wer hat es Euch überantwortet? Welche Rolle soll es spielen? Und: Was für eine Vision ist das, von der Ihr da sprecht?“

Greifhild schob kurz ihre Augenbrauen zusammen, wodurch ein säuerlicher, beinahe ärgerlich zu nennender Gesichtsausdruck entstand. „Sankt Gilborn“, stellte sie knapp in den Raum, „Er sprach zu mir und wies mich an, das Amulett an mich zu nehmen.“ Die Geweihte blickte an ihrer Brust herab und strich mit ihrer Rechten über die fein gearbeiteten Züge des Anhängers. „Seit ich es trage, höre ich seine Stimme. Es ist ein erhebendes Gefühl, Schwester.“ Der Ausdruck des Ärgers wich einem seltsamen fiebrigen Glanz in ihren Augen. „Der Herr ist auf meiner Seite, Ihr braucht nicht zu zweifeln.“

„Wann hat Sankt Gilborn das erste Mal zu Euch gesprochen und was sagt er?“, hakte Assunta nach, ohne eine Miene zu verziehen.“

„Das erste Mal ...“, wiederholte Greifhild sinnend, „... als ich diesen Anhänger gefunden hatte. Ich war gerade dabei, die Exponate zu katalogisieren und saß dafür unter dem Abbild des Heiligen in der Kapelle.“ Abermals strich sie über das kunstvolle Objekt, das um ihren schmalen Hals hing. „Er meinte, dass ich keine Furcht haben sollte, in diesen Mauern jedoch etwas sei, das entfernt gehöre um Praios Macht über diesen Ort wieder in vollem Glanz erstrahlen zu lassen. Seitdem sprach er öfters zu mir. Inzwischen weiß ich, dass es ein orkisches Artefakt sein soll, das noch einmal zusätzlich mit Praios Macht verschlossen, aber vor sehr langer Zeit vergessen wurde. Es muss vernichtet werden, meint Sankt Gilborn. Ich wollte es bergen und dem Orden des Bannstrahls übergeben. Zu Greifenfurt oder Anderath.“

„Hum.“ Das war erst einmal alles, was Assunta zu den Worten ihrer Glaubensschwester sagte. Danach starrte sie eine Weile nachdenklich ins Leere. Sie schien einige schwere Gedanken zu wälzen, denn auf ihre Stirn bildeten sich tiefe Falten und die Kiefermuskeln spielten verräterisch. „Das klingt vernünftig“, meinte sie schließlich leise und verfiel gleich wieder für ein paar Atemzüge in Schweigen, bevor sie ganz ins Hier und Jetzt zurückkehrte und Greifhild aufmerksam ins Auge fasste. „Ist das das erste Mal, dass ein Heiliger zu Euch spricht? Oder kam das in der Vergangenheit schon öfter vor?“

Die  Angesprochene schüttelte knapp ihren Kopf. „Nein, Schwester ... zuvor nie. Es war das erste Mal und es war ein schönes, erhebendes Gefühl.“ Der Blick Greifhilds nahm abermals etwas Fiebriges und Rastloses an, als er zwischen Trautmann und Assunta hin und her ging. „Also, wie gehen wir weiter vor? Das besagte Stück muss immer noch hier sein“, versuchte die Geweihte dann einen Wechsel weg vom Amulett und der Stimme des Heiligen hin zu ihrem eigentlichen Anliegen.

„Aber es war nicht der Heilige, der Euch geraten hat, Euch allein um diese Sache zu kümmern, oder?“ fragte Assunta, bevor sie auf den zweiten Teil von Greifhilds Rede einging. „Das habt ihr selbst und gänzlich unabhängig entschieden, nehme ich an?“

„Nun ... äh ...“, Greifhild blickte ihre Schwester im Glauben konsterniert an. „So genau hat Sankt Gilborn das nicht gesagt. Er meinte nicht, dass ich eine meine Brüder und Schwestern hinzuziehen soll. Es war immer von mir die Rede, also ...", ihr Blick klarte etwas auf, "... ja, ich denke, dass ich mich allein darum kümmern sollte. Aber wie gesagt, ich wollte die Gefahr bergen und dann dem Orden übergeben", setzte sie schnell hinzu.

„Ich verstehe“, meinte Assunta, während sie Greifhild einmal mehr nachdenklich musterte. Ihr Blick blieb an dem Amulett hängen, was die andere Geweihte so sehr zu irritieren schien, dass sie es schließlich mit einer raschen Bewegung unter ihr Hemd gleiten ließ.

„Ich würde vorschlagen, dass Ihr den Rest des Tages nutzt, um Euch auszuruhen, Schwester. Ihr seht sehr müde aus“, schlug Assunta daraufhin vor. „Morgen früh können wir dann zusammen beten und uns anschließend umsehen. Vielleicht erklärt Ihr mir, wo Ihr schon überall gesucht und was ihr sonst noch unternommen habt, um das verschollene Artefakt zu finden.“

Der auf diese Worte folgende innere Kampf der Geweihten war offensichtlich und so sollte es einige Momente des Schweigens dauern, bis sie sich zu einer Regung hinreißen ließ. Ein knappes Nicken folgte und vor allem Trautmann war überrascht darüber, dass sie so bereitwillig nachgab. Wortlos verabschiedete sich Greifhild und ließ die anderen beiden alleine am Tisch zurück.

Als sie außer Hörweite war, sah der Junker skeptisch zu Assunta. „Was meint Ihr? Sie wirkt ziemlich durch den Wind.“

„Mein Problem ist, dass ich sie nicht kenne“, meinte Assunta, während sie noch nachdenklich auf die Tür starrte, durch die ihre Glaubensschwester soeben verschwunden war. „Ich kann also keine Vergleiche ziehen. Da müsst Ihr mir helfen. Ist sie schon immer so ... .“ Sie überlegte kurz, krauste die Nase und hob dann ergeben sie Schultern: „Hat Ihre Gnaden Greifhild schon immer so fahrig und ungepflegt gewirkt? Oder ist das neu?“

Der Angesprochene kratzte sich am Kinn. „Als ich sie das erste Mal um Hilfe gebeten habe, war sie nicht so. Das kam dann erst mit der Zeit hier.“ Trautmann hob seine Schultern. „Ich hatte es eigentlich auf den Stress geschoben, dem sie sich hier ausgesetzt sah. Immerhin ...“, er wog seinen Kopf hin und her, „... nun ja, Ihr kennt ja die Masse an Arbeit hier in der Burg.“ Dass auch Assuntas Verhalten auf ihn befremdlich gewirkt hatte, als sie total unterkühlt und steif auf ihrem Zimmer saß, ließ er dabei unausgesprochen. „So schlimm wie heute war es aber noch nie.“

„Und sie war schon lange nicht mehr hier“, vollendete Assunta die Überlegung des Junkers. „Sollte sich also im Grunde eher erholt als noch weiter abgebaut haben.“ Sie machte eine kurze Pause, in der sie ihre Handballen fest auf die Augen drückte – was so gar nicht hochherrschaftlich wirkte – und ein paar leise Worte auf Bosparano murmelte. Dann seufzte sie tief.

„Ich weiß nicht, was ich sonst noch sagen soll“, murmelte die Lichtbringerin. „Sie hat den Schlüssel, ich denke, da sind wir uns einig. Und sie behauptet, dass sie ihr Wissen vom Heiligen Gilborn eingegeben bekommt. Das kann ich nicht widerlegen ... also ... jedenfalls nicht, ohne abermals um die Hilfe von Praios und Hesinde zu bitten ...“

Assunta hielt erneut inne und warf Trautmann einen fragenden Blick inne. „Ich könnte versuchen, herauszufinden, ob der Schlüssel magisch ist. Vermuten tu ich das ja schon seit einiger Zeit, aber belegen konnte ich es bis jetzt nicht. Und ich könnte prüfen, ob der Wille meiner Schwester magisch beeinflusst wurde. Vielleicht sind es ja keine Offenbarungen, sondern Einflüsterungen, die sie wahrnimmt. Die Frage ist nur: Was sollen wir mit dem Wissen dann anfangen?“

Assunta konnte deutlich fühlen, dass der Junker mit ihren Gedankengängen etwas überfordert war. ‚Einflüsterungen‘, wiederholte er in Gedanken.  „Meint Ihr, dass sie von irgendetwas Übelwollendem beeinflusst sein könnte?“, fragte Trautmann dann laut, wartete aber keine Antwort ab, sondern fuhr gleich fort. „Dann wäre es schon gut, das zu wissen, meint Ihr nicht?“ Sein Blick wurde unruhig. „Sollten wir sie denn überhaupt allein lassen? Ich meine, was passiert wenn sie die Burg verlässt ... oder gar, womöglich magisch beeinflusst, ihren Schlüssel einsetzt und was auch immer mit sich nimmt?“ Der Gugelforster wirkte nun ehrlich besorgt. „Vielleicht sollte ich eine Magd beauftragen in ihrer Nähe zu bleiben, was meint Ihr?“

„Was? Ihr meint, sie könnte ...“ Assunta starrte ihren Gastgeber einen Moment aus großen, ungläubigen Augen an, schien das Gesagte derweil aber gedanklich noch einmal durchzugehen und zu dem Schluss zu kommen, dass die Befürchtung gar nicht so abwegig war, wie sie ihr zunächst erschien. „Ich hätte es mir gleich angucken müssen.“, meinte sie dann leise und mehr an sich selbst als an den Junker gewandt. „Es ist nur so ...“, sie runzelte die Stirn, verzog die Lippen zu einem unzufriedenen, schiefen Strich und schien noch etwas anfügen zu wollen, überlegte es sich dann aber auf den letzten Drücker anders.

„Ihr habt wahrscheinlich recht“, hob die Lichtbringerin nach einer kurzen Pause neu an und straffte ihre Haltung. „Mit Eurer Vorsicht, meine ich. Ich habe keine Ahnung, wie groß die Gefahr tatsächlich ist, schließlich hat sie den Schlüssel schon länger in ihrem Besitz, beim letzten Aufenthalt hier aber offensichtlich nicht gefunden, wonach sie sucht. Wir sollten dennoch kein Risiko eingehen. Deshalb schlage ich auch vor, dass ich selbst auf Ihre Gnaden aufpasse und Ihr nicht eine Magd mit dieser ... undankbaren Aufgabe betraut.“

Dass seine Anmerkung eben jene Resonanz hervorrief, trug nicht unbedingt zur Beruhigung des Junkers bei. Nein, vielmehr rotierten die Gedanken in seinem Kopf. Viel zu schnell hatte sich Greifhild damit abgefunden diesen Tisch zu verlassen und nach einem Zimmer hatte sie auch nicht gefragt. Auch ihre plötzliche Rückkehr war eher ein Indikator dafür gewesen, dass sie ihre Aufgabe hier noch nicht als abgeschlossen ansah. Was wenn der  „Heilige“ sie wieder hierher zurückgeschickt hatte – dieses Mal womöglich mit einer genaueren Ortsangabe ...

Trautmann erhob sich von seinem Stuhl. „Wir sollten sie suchen und da es pressiert, uns dabei vielleicht aufteilen.“ Nur die Götter wussten, wo sie sich gegenwärtig rumtrieb. Im besten Fall lag sie erschöpft in einem Bett, im schlimmsten fand man sie in der Giftkammer, oder gar nicht mehr, weil sie die Burg schon wieder verlassen hatte. „Ich sehe in den Gemächern nach dem Rechten und Ihr in der Kapelle und den Archiven?“

Einen Moment sah es ganz aus, als wolle Assunta diesem Vorschlag wiedersprechen. Vermutlich, um Trautmann erneut daran zu erinnern, dass es das Beste war, zusammen zu bleiben. Aus irgendeinem Grund tat sie das dann aber nicht, sondern hob bloß die schmalen Schultern – resigniert irgendwie. „Meinethalben“, murmelte sie schließlich. „Halten wir es so.“ Danach fackelte sie nicht lange, sondern machte auf der Hacke kehrt und verließ den Gemeinschaftsraum ohne ein weiteres Wort.

Die Kapelle war schnell erreicht und schon als Assunta auf deren Treppen stand, konnte sie aufgeregte Worte aus den Archiven vernehmen. „Nein, nein ... da ist es nicht, Sanctitas. Adiuvate me!“ Kurz darauf folgte ein Poltern. „Aaaah ... jaaaa ... hm ... das ist es, Sanctitas? Ein alter Knochen?“

Assunta wusste nicht, ob sie wirklich sehen wollte, was es zu sehen gab, wenn sie das Archiv betrat. Aber immerhin handelte es sich um den Aufbewahrungsort für die Bücher des verlassenen Tempels und nicht um seine Giftkammer – also musste sie wohl nicht das Schlimmste befürchten. Daher zögerte sie auch nicht lange, sondern ging zur Tür hinüber.

Sie kündigte sich allerdings nicht sofort an, wie es sich für eine Frau ihres Standes und ihres Glaubens gehört hätte, sondern näherte sich auf vergleichsweise leisen Sohlen und verhielt im Sturz, um erst einmal einen Blick ins Archiv zu werfen – und sich ein grobes Bild davon zu verschaffen, was in seinem Inneren eigentlich los war.

Doch hatte sie sich wohl etwas zu viel Zeit gelassen. Denn außer, dass Greifhild aufstand und ihre Robe entstaubte, konnte sie nichts mehr vernehmen. „Oh äh, Schwester ...“, stammelte sie, als sie die Ankunft der Sichlerin bemerkte, „... wie lange steht Ihr denn schon hier?“

Dann schien sie von einen auf den anderen Moment ihre Taktik zu ändern und war plötzlich etwas offener und zugänglicher. "Ich weiß jetzt wonach wir suchen.“

„Tatsächlich?!“ Assunta bedachte Greifhild mit einem kühlen Blick und lächelte dabei freudlos. „Woher?“, fragte sie dann schlicht.

Die Augen der Trutzerin nahmen einen fiebrigen Glanz an. „Sankt Gilborn hat es mir gesagt ...“, dann klarte sich ihr Blick wieder etwas auf und sie erhob ihren Zeigefinger zu einer beinahe als tadelnd zu verstehenden Geste, „... was tut Ihr denn überhaupt hier? Solltet Ihr nicht … ? Ach wisst Ihr was, wenn Ihr schon hier seid, könnt Ihr mir ja helfen, das Artefakt zu bergen.“

„Nein, das werde ich ganz bestimmt nicht tun, Schwester“, erwiderte Assunta und da war auf einmal eine Schärfe in ihrer Stimme, die Greifhild bisher nicht kannte. „Stattdessen gebe ich die Frage an Euch zurück: Was tut Ihr überhaupt hier? Hatten wir nicht gerade vereinbart, dass Ihr Euch auf Euer Zimmer begebt und ruht? Damit wir Eure Nachforschungen morgen alle gemeinsam fortführen können? Stattdessen habt Ihr Euch allein hierher geschlichen wie ein nichtswürdiger Dieb. Das steht einer Frau Eures Standes nun wahrlich nicht gut zu Gesicht. Also sagt mir: Was macht Ihr hier? Und was denkt Ihr Euch dabei?“

Kurz huschte, ob der Standpauke ihrer Glaubensschwester, ein Ausdruck des Ärgers über Greifhilds Züge. „Ja das haben wir, Schwester ...“, doch sollte der angeschlagene Ton den optischen Eindruck nicht bestätigen, stattdessen lag ein flehentlicher Unterton in ihrer Stimme, „... und ich war auch schon auf dem Weg, aber dann hörte ich Sankt Gilborn.“ Die ältere Geweihte bewegte sich auf Assunta zu. Ihre rechte Hand lag auf dem Anhänger ihrer Kette. „Würdet Ihr Euch dem Wort eines Heiligen verweigern?“

Assunta maß Greifhild mit einem Blick, der schwer zu deuten war, am ehesten aber noch nach einer Mischung aus Widerwillen und Mitleid aussah. Sie überlegte kurz, schüttelte dann kaum merklich den Kopf und stellte abermals eine Gegenfrage, statt zu antworten:

„Was hat Euch davon abgehalten, mich über diese Entwicklung zu informieren, Schwester? Und mich hierher mitzunehmen? Darauf hatten wir uns doch geeinigt. Dass wir gemeinsam weiter suchen?! Selbst wenn es unabdingbar sein sollte, dem Rat des ... Heiligen zu folgen, habt Ihr gegen unsere Absprache verstoßen und mein Vertrauen dadurch missbraucht. Erwartet Ihr dafür nun etwa wirklich Verständnis von mir?“

Greifhild blinzelte irritiert. „Ihr meint, ich hätte den Heiligen ignorieren sollen und erst Euch konsultieren bevor ich seiner Aufgabe nachkomme?“ Sie blickte für einige Momente an der Sichlerin vorbei ins Leere. „Ich handelte doch im Auftrag des Heiligen, also in praiosgefälligem Auftrag und die Worte Sankt Gilborns waren unmissverständlich. Er meinte, dass es keine Zeit zu verlieren gilt. Das Artefakt muss aus der Burg. Besser heute noch als morgen.“

„Nein, das meine ich nicht und das habe ich auch nicht gesagt. Ich sagte, Ihr hättet mich mitnehmen sollen. Das hätte Euch kaum mehr als ein paar Herzschläge gekostet – ja, sogar auf dem Weg gelegen. Deshalb weise ich die Behauptung, Ihr hättet dadurch den Willen des ... Heiligen ignoriert, auch weit von mir“, erwiderte Assunta. Diesmal zögerte sie nicht, bevor sie die Stimme hob, aber der Blick, mit dem sie Ihre Glaubensschwester maß, blieb kritisch und die folgende Anmerkung passte dazu: „Ich frage mich, ob Ihr mir absichtlich ständig das Wort im Mund verdreht, oder ob Ihr mich tatsächlich nicht versteht. Der Vorwurf, ich würde mich unklar ausdrücken, wurde bisher allerdings noch nie an mich herangetragen, also ... .“ Sie ließ den letzten Satz unvollendet.

Die Trutzerin empfand es in der Tat als schwierig, Ihrer Glaubensschwester zu folgen – zumindest in ihrem gegenwärtigen Zustand. In ihr riet eine Stimme zur Vorsicht. Vielleicht war ja auch Assunta eine von den Gefahren, aufgrund derer der Heilige sie zur Eile antrieb.

„Wie dem auch sei“, fuhr eben jene unterdessen fort. „Das Artefakt ruht schon seit sehr langer Zeit hier. Dass es mit einem Mal so dringend sein soll, es aus seinem Versteck zu holen, klingt für mich nicht logisch. Und dass Ihr sowohl an Gestalt als auch an Geist zerrüttet wirkt, weckt in mir Sorge und Zweifel. Darf ich das Amulett einmal näher betrachten, Schwester?“

Schützend legte Greifhild nun beide Hände auf das Amulett. „W ... wieso? W ... was wollt Ihr  denn damit?“

„Ich will es mir einfach nur genauer ansehen, Greifhild“, meinte Assunta. Dabei klang ihre Stimme zwar geduldig, der Blick wirkte jedoch sehr wachsam, als sie ihn auf den Klammergriff der anderen richtete. „Wollt Ihr es mir nicht aushändigen? Wenigstens für einen Moment? Obwohl ich eine Glaubensschwester bin?“

Nun begann ein innerer Kampf in der Trutzer Praiosdienerin, das konnte Assunta deutlich spüren. Greifhild kaute an ihrer Unterlippe und ihr Griff um das Amulett schien noch fester zu werden. Sogar in der herrschenden Diesigkeit des Archivs konnte die Sichlerin die weiß hervor tretenden Knöchel ihrer Hände sehen. Doch dann schien ein Ruck durch ihren Körper zu gehen. Für einen Moment wirkte ihr Blick gefestigter und klarer und aus dem Häufchen Elend vor Assunta wurde eine Frau, die von ihrer Haltung und dem Ausdruck her – mit etwas Fantasie – wirklich eine Dienerin des Götterfürsten hätte darstellen können.

Langsam nickend nahm sie das Amulett ab und reichte es ihrer Glaubensschwester, nur um wenige Herzschläge später wieder erwartungsvoll die Hand danach auszustrecken. „So jetzt habt Ihr es gesehen. Kann ich es nun wieder haben?“

Assunta beobachtete das stumme Ringen der Trutzerin mit unbewegter Miene, aber nach wie vor sehr aufmerksamem Blick. Sie schien nicht damit zu rechnen, dass die Schwester ihrer Bitte nachkommen würde und wirkte erleichtert, als es schließlich doch geschah. Sofort hellten sich ihre Züge auf und es schlich sich ein Lächeln auf ihre Lippen, das fast ein bisschen stolz wirkte.

„Danke Schwester“, sagte sie und nickte der Anderen anerkennend zu. „Ich nehme an, das hat Euch einiges an Kraft gekostet, also danke!“ Sie nahm das Amulett entgegen, drehte und wendete es in ihren Händen und besah es sich mit skeptisch gerunzelter Stirn von allen Seiten. „Was denkt Ihr, das es ist? Einfach nur ein Schmuckstück? Oder hat es darüber hinaus noch einen speziellen Zweck?“, murmelte sie alldieweil.

Statt zu antworten, streckte Greifhild jedoch nach zwei Herzschlägen schon wieder die Hände aus und wollte das Amulett zurück.

Das veranlasste Assunta, den Kopf zu heben und sie prüfend zu mustern. „Gibt es Euch eigentlich zu denken, Schwester?“, fragte sie dann leise. „Dass es Euch so viel Kraft kostet, dieses kleine Teil für einen Moment aus Eurer Kontrolle zu entlassen? Und dass sich Euer Zustand augenscheinlich verschlechtert hat, seit Ihr es mit Euch herumtragt?“

Greifhild wurde etwas unruhig. Der Kampf in ihr tobte nun stärker denn je. Sie fühlte den anwachsenden Drang, wieder an ihr Schmuckstück zugelangen, und musste stark an sich halten, um es sich nicht gewaltsam zurückzuholen, nachdem Assunta ihrer Bitte nicht sofort nachgekommen war. Die Fragen ihrer Glaubensschwester taten ihr übriges dazu.

„Ich ... ich weiß nicht“, gab sie kleinlaut zu, ohne das Schmuckstück aus den Augen zu lassen. „Es ...  es ...“, die Trutzer Praiosdienerin zögerte, wandte ihren Blick ab und sah für einige Herzschläge in die Finsternis, „... es ist dieser Drang in mir. Dieses Wissen, dass es an mir ist, dieses Amulett zu schützen, obwohl mich niemand dazu aufgefordert hat. Es ist, als ob es zu mir gehört ... und ich zu ihm. Versteht Ihr das?“ Greifhild wartete keine Antwort ab. „Wie gesagt, es soll mir bei der Erreichung meines Zieles helfen – das habe ich zumindest aus den Worten des Heiligen heraushören können. Er meinte auch, dass ich es an mich nehmen soll.“

„Im Moment scheint es mir eher, als würdet Ihr zum Amulett gehören und nicht umgekehrt, Greifhild“, meinte Assunta mit sanfter Stimme. Sie warf ihrer ziemlich derangiert wirkenden Schwester im Glauben einen sorgenvollen Blick zu, ehe sie fortfuhr: „Ihr wirkt wie eine Getriebene ... jemand, der nicht mehr Herr seiner Selbst ist und vielleicht auch deshalb gegen Regeln verstößt, die er längstens verinnerlicht haben sollte und niemals missachten dürfte. Das gibt mir zu denken. So sollte es nicht sein, wenn Eure Eingebungen tatsächlich von einer guten Macht kämen – einer der Herrn Praios gar, dem Chaos und Ungehorsam zuwider sind wie niemandem sonst.“

Die Aufmerksamkeit der Sichlerin ruhte weiter auf Greifhild, derweil sie die rechte Hand hob und mit ihr das Amulett, sodass es in ihrer beider Blickfeld geriet. „Ich bin mir nicht sicher, womit wir es zu tun haben. Deshalb möchte ich den Herrn Praios und seine Schwester Hesinde bitten, meinen Blick zu schärfen, um tiefere Erkenntnisse zu erlangen. Ich nehme an, dagegen habt Ihr nichts einzuwenden?“

„Womit sollen wir es zu tun haben, Schwester?“, fragte Greifhild mit belegter Stimme. In ihren Gedanken hallten die Worte Assuntas nach. ‚Nicht von einer guten Macht?‘ War ihre Glaubensschwester bloß eifersüchtig und gönnte es ihr nicht, dass der Heilige sie auserwählt hatte? Sie, eine Geweihte, über die der Rest der Gemeinschaft des Lichts bloß die Nase rümpfte? Warum sollte es die Sichlerin anders halten? Diese Gedanken führten dazu, dass sie wieder in ihr trotziges Verhalten fiel. „Tut was Ihr nicht lassen könnt“, brummte sie ...

... und runzelte irritiert die Stirn, als Assunta ihr das Schmuckstück daraufhin ohne Umschweife wieder in die Hände drückte. „Haltet das so, dass ich es sehen kann, bitte!“, meinte sie leise. Danach schloss sie sehr zu Greifhilds Verwunderung auch noch die Augen.

Ehe die Trutzerin etwas dazu sagen konnte, begann ihr Gegenüber zu beten. Auf Bosparano, wie es manche Brüder und Schwester taten, die sich für besonders clever hielten – obwohl es von der Kirche an sich nicht unbedingt erwünscht war, weil das einfache Volk verstehen sollte, was gesagt und damit auch was bewirkt wurde. Greifhild kannte die Liturgie, die Assunta da gerade wirkte, auch wenn sie sie selbst nicht beherrschte. Sie wusste, worauf ihre Schwester abzielte und war sich nicht ganz sicher, ob sie das gut oder schlecht finden sollte.

Im Grunde drohte ihr ja keine Gefahr. Sie wusste, dass es der Heilige war, der ihr seit Wochen und Monden eingab, was sie zu tun hatte. Allein, wenn das dürre Weib aus Anderath nicht wusste, was es tat, und daher irgendetwas anderes sah ... was dann?

Just als Greifhilds Gedanken diesen Punkt erreichten, öffnete Assunta die Augen wieder. Sie starrte einen Moment schweigend auf das Amulett. Die Miene blieb undbewegt aber da war mit einem Mal so ein Funkeln in ihren Augen, das Greifhild nicht richtig zuordnen konnte. Und dann sah Assunta ihr ins Gesicht, blickte ihr direkt in die Augen und hob dabei überrascht die Brauen. Das konnte wohl kaum etwas Gutes bedeuten?

Die Trutzerin maß sie mit einem Blick, der eine Mischung aus Irritation und Neugier in sich trug. Als die Sichlerin von sich aus nichts sagte, fragte Greifhild vorsichtig nach. Sie war sich sicher, dass nun nichts folgen würde was sie nicht sowieso schon wusste. „Und was habt Ihr gesehen?“

„Ich sehe Magie, Schwester“, erwiderte Assunta leise, aber ohne zu zögern. „Das Amulett trägt Magie in sich und Fäden davon haben nach Eurem Geist gegriffen. Ihn eingewoben, will mir scheinen. In  Ein dünnes Gespinst.“

Greifhilds Kiefer klappte hinunter, dann begann sie hysterisch aufzulachen, doch nur einen Herzschlag später erstarb dieser Gefühlsausbruch wieder und ihr so schon bleiches Antlitz wurde weiß wie eine Wand. Entsetzen lag auf ihren Zügen, als sie ihre Glaubensschwester fassungslos ansah. „Ihr müsst Euch irren ...“, sie wurde lauter, „... nein, nein! Ihr irrt Euch, das weiß ich.“

„Ihr habt ein Artefakt aus einem entweihten Tempel an Euch genommen, das im Thron eines untoten Bannstrahlers versteckt war, Greifhild“, erwiderte Assunta ruhig. „Ihr tragt es seit Monden mit Euch herum und ungefähr genauso lange meint Ihr, die Stimme des Heiligen Gilborn zu vernehmen, die in Eurem Kopf und dem Herzen allerdings Wirrnis statt Ordnung stiftet.“

Nachdem das gesagt war, hielt sie einen Moment inne und musterte ihre Glaubensschwester nachdenklich. „Ich habe Praios und Hesinde gebeten, meinen Blick für Dinge zu schärfen, die das menschliche Auge allein nicht wahrnehmen kann“, meinte sie dann. „Ihr wart dabei und könnt es bezeugen. Glaubt Ihr also wirklich, dass ich mich irre? Liegt es nicht näher, dass Ihr einem Irrtum aufsitzt? Oder vielmehr: einer Täuschung anheimgefallen seid?“

Die Trutzerin taumelte, die fahl beleuchtete Welt um sie herum drehte sich und sie begann schnapphaft zu atmen. Das konnte und durfte nicht sein! Nein! „Ich ... ich ...“, stammelte sie, dann wurde ihr schwarz vor Augen und sie kippte langsam nach hinten.

Assunta sprang vor, um nach der Glaubensschwester zu greifen. Schnell genug war sie auch, aber nicht stark genug: Sie bekam Greifhilds speckiges Ornat zu fassen und gab ihr Möglichstes, um den Sturz abzumildern. Mit mäßigem Erfolg allerdings. Als der Körper der Trutzerin auf dem Boden aufschlug, tat er das mit einem äußerst unangenehmen Geräusch. Das helle Klirren, das erklang, als das Amulett aus ihrer Hand fiel und ein paar Schritt davon schlitterte, machte es auch nicht unbedingt besser.

Bestürzt starrte Assunta auf die Bescherung – ließ den Blick von der Geweihten zum Artefakt und wieder zurück huschen und überlegte gerade, wie weiter zu verfahren sei, als gehetzte, schwere Stiefelschritte sie aus ihren Gedanken rissen.

Deren Urheber erreichte den Eingang zum Archiv kurz darauf und hob sofort die Stimme. „Hier seid I…“, Trautmann brach ab, als er die Bescherung sah. Sorgenvoll ging sein Blick von der am Boden liegenden Greifhild hin zur darüber stehenden Assunta. „Was ist hier geschehen? Bei der Gütigen!“ Der Junker stürzte zur bewusstlosen Geweihten und kniete sich neben sie.

Assunta beobachtete ihn dabei, als hätte sie mit der ganzen Sache nichts zu tun. Sie wartete, bis Trautmann mit einer kurzen Untersuchung Greifhilds fertig war und fragend zu ihr aufblickte. Dann erst räusperte sie sich leise und hob die Schultern:

„Sie ist zusammengebrochen, als ihr klar wurde, dass ... nun ja ... der Heilige, den sie die ganze Zeit zu hören meinte, gar kein Heiliger ist.“

Trautmann, der immer noch neben der Trutzerin kniete, runzelte skeptisch seine Stirn. „Wie, kein Heiliger? Seid Ihr Euch sicher? Was könnte es denn sonst sein, das ihr diese Stimmen gesandt hat?“

Assunta blickte den Ritter kurz schweigend an und schien verschärft darüber nachzudenken, ob sie ihm wirklich eröffnen sollte, was sie dachte. Sie schien auf die Schnelle zu keinem rechten Schluss zu finden. Statt also etwas zu sagen, wandte sie den Blick von ihm ab und richtete ihn auf das Amulett, das ein paar Schritt von Greifhild entfernt auf dem steinernen Boden lag. Sie machte sich noch die Mühe, mit der Hand darauf zu deuten. Dabei blieb es jedoch fürs Erste.

Eine Geste, die den Ritter irritierte.

„Das ist Greifhilds Kette ...“, bemerkte er aufmerksam, „... warum liegt die denn auf dem Boden?“

Es fehlte Trautmann schlicht und einfach die Erfahrung, um hier richtig zu kombinieren. Er schien auf Assuntas Schweigen hin auch recht schnell aufzugeben, stand dann auf und hob den ausgemergelten Leib der Praiosdienerin vom Boden auf seine Arme.

„Sie atmet und scheint nur das Bewusstsein verloren zu haben. Ich denke aber, dass sie hier nicht so liegen sollte und werde sie in ein Bett legen. Eine Magd soll sich um sie kümmern.“ Kurz schien es, als würde dem Gugelforster noch eine Frage auf der Zunge brennen, doch sprach er diese nicht mehr aus und wartete stattdessen auf die Zustimmung der Sichlerin.

Die antwortete ihm allerdings erst einmal nicht, sondern starrte nach wie vor auf das Amulett. Hinter ihrer Stirn schien ein Sturm zu toben und irgendwie vermittelte ihre Miene den Eindruck, dass sie sich gerade alles andere als wohl fühlte. Schließlich huschte ihr Blick von dem Schmuckstück zu Trautmann hinüber. Als er noch unterwegs war, schien sie schon das Wort erheben zu wollen. Holte tief Luft – bemerkte dann aber, dass der Junker ihre Glaubensschwester auf den Armen trug und schloss den Mund unverrichteter Dinge wieder.

Ein großes Fragezeichen stand in ihr Gesicht geschrieben und Trautmann musste sein Begehr wiederholen, ehe er endlich ihre Zustimmung bekam.

„Ja sicher“, meinte sie dann lahm. „Ich begleite Euch.“ Daraufhin glitt ihr Blick noch einmal vom Gugelforster zu dem Amulett und sie schien abermals mit sich zu ringen. Schließlich aber überbrückte sie die paar Schritte zu dem Schmuckstück und nahm es in die Hand. Sehr vorsichtig, wie es Trautmann schien. Und mit zweifelnder Miene. „Also schön. Lasst uns aufbrechen.“

Etwas später lag Greifhild im Bett des Junkers. Es gab nicht viele standesgemäße Schlafkammern im Wohnturm von Burg Lichtwacht. Assunta hatte die zwei Gästezimmer bezogen und dann waren da nur noch die Kammern des Gesindes, in welche Trautmann eine Dienerin des Götterfürsten jedoch nicht einquartieren wollte. Sie brauchte allem Anschein nach Ruhe. Eine Magd hatte den Aufmarsch ihres Herrn mit der bewusstloser Geweihten im Arm bemerkt und war ihm pflichtbewusst gefolgt.

Mit knappen Anweisungen befahl der Gugelforster ihr, sich um Greifhild zu kümmern, dann wollte er sich zu Assunta umdrehen und musste überrascht feststellen, dass sie gar nicht da war. An irgendeiner Stelle in seinem Wohnturm musste sie abgebogen sein – und er konnte sich schon halb denken, wo. Wenig später stand er in den Gästezimmern und ganz wie vermutet hielt die zweite Prioranerin in seinem Haus sich dort aus.

Im abendlichen Dämmerlicht hatte sie ein paar Kerzen entzündet, um besser sehen zu können und als Trautmann eintrat, blätterte sie gerade mit fiebriger eile in einem der dicken Schinken herum, die sie aus dem Archiv hierher gebracht hatten. Der Junker entdeckte auch das Amulett. Assunta hatte es nicht bei sich behalten, sondern es an den äußersten Rand ihres Zimmers verbannt – auf eine Kommode in der Nähe der Tür. Es wirkte, als wollte sie einen möglichst Abstand dazu halten.

„Was ist in meiner Abwesenheit geschehen?“, Trautmann machte sich nicht die Mühe, ein Wort des Grußes zu richten, die nicht einmal den Kopf hob, als er den Raum betrat, sondern fiel einfach direkt mit der Tür ins Haus. Die Frage nach Greifhilds Zustand hatte ihn noch nicht losgelassen und er startete einen neuen Versuch zu verstehen, was vorgefallen war. „Was hat zu ihrer Gnaden gesprochen wenn es nicht Sankt Gilborn war? Sind wir in Gefahr?“

„Ein Geist ...“, murmelte Assunta, noch immer ohne aufzusehen. „Fauler Zauber ... das Bruchstück einer Seele ... wer kann das schon sagen?“ Sie blätterte weiter und schien auf etwas zu stoßen, das sie gesucht hatte. Ihre Augen wurden schmaler und sie neigte sich vor, um ein paar Zeilen zu überfliegen. Derweil sprach sie weiter, als sei nichts dabei, gleichzeitig zu lesen und Unterhaltungen zu führen. „Ich schätze schon, dass es eine Gefahr gibt. Aber ich kann zum gegenwärtigen Zeitpunkt leider noch nicht genau sagen, für wen ...“

Trautmann fiel es schwer, wenigstens äußerlich Ruhe zu bewahren. „Ein Geist oder Bruchstücke einer Seele ...“, wiederholte er, „... die es schaffen, eine Dienerin Praios zu verwirren und gewissermaßen zu lenken? Das hört sich für mich nach einer großen Gefahr an. Egal für wen.“ Der Ritter kaute für einige Herzschläge an seiner Unterlippe. „Ist sie deshalb so?“, fragte er dann mit leiser Stimme. „So verwirrt  ... meine ich.“ Der Gugelforster suchte nach den richtigen Worten. „Ihre Gnaden Greifhild, meine ich.“

„Ich nehme an, dass es daran liegt, ja“, murmelte Assunta, während ihr Zeigefinger über eine der Seiten huschte. „Die Magie des Schlüssels ist in ihren Geist gesickert und hat ihn ... beeinflusst.“ Sie hielt kurz inne und ihre Augen leuchteten triumphierend auf.

Dann endlich hob sie den Kopf, um Trautmann anzusehen: „Was die Gefahr betrifft ... ich gehe nicht davon aus, dass sich das, was von Ihrer Gnaden Besitz ergriffen hat, für Menschen interessiert, die nicht dem Götterfürsten geweiht sind. Es will an das verborgene Artefakt gelangen, nicht wahr? Dann braucht es jemanden, der IHM zugehörig ist, denn anders lässt sich das Schloss nicht überwinden. Ich kann mich natürlich täuschen, aber ich halte diese Folgerung für ziemlich logisch.“

Der Junker runzelte seine Stirn. „Das heißt, Ihr könntet dieses Schloss öffnen. Wir könnten das Artefakt bergen und der Kirche übergeben?“ Er ging ein paar Schritt auf und ab. Unruhig. „Nur was passiert, wenn wir dieses Etwas tatsächlich aus den schützenden Mauern der Burg bringen? Haben wir dann nicht genau das getan was der Schlüssel von ihrer Gnaden Greifhild will? Wer sagt uns, dass wir uns dann nicht in noch größere Gefahr begeben?“

Trautmanns Gedanken rotierten, doch ließ er die Praiosdienerin vorerst nicht zum Antworten kommen: „Soll ich nach den Bannstrahlern in Greifenfurt schicken lassen? Es würde jedoch bestimmt einige Wochen dauern bis jemand von dort kommt.“

„Sollt Ihr nicht“, erwiderte Assunta und schüttelte entschieden den Kopf. „Wenn Ihr nach jemandem schicken wollt, seid Ihr bei unserem Inquisitor an der richtigen Stelle, nicht bei den Geißlern aus Greifenfurt.“ Sie wirkte sehr entschieden, als sie das sagte. Für Trautmann kam das ein wenig überraschend schließlich war sie in Auraleth ausgebildet worden, da schienen ihm Vorbehalte gegen den Bannstrahl ein wenig ungewöhnlich. Allerdings ließ sie ihm keine Zeit, sich mit dem Gedanken näher zu befassen.

„Das hier ist Weiden und wir benötigen keine Hilfe von unseren Nachbarn, um uns dieser Sache anzunehmen“, meinte Assunta. „Ohnehin wäre der Orden für eine diffizile Angelegenheit wie diese nicht der erste Ansprechpartner und wenn Ihr ihn dennoch hier haben wolltet, wärt Ihr gut beraten, Euch nach Anderath zu wenden, statt über die Grenze hinweg zu gehen. Aber Herr Patras ist für diese Aufgabe weitaus besser geeignet.“

Sie überlegte kurz, warf einen schiefen Blick auf das Amulett, das in der Nähe der Tür völlig ungestört auf seiner Kommode ruhte und seufzte dann leise: „Allerdings kann es dann wiederum Wochen dauern, bis er hier erscheint, denn er ist oft unterwegs und Trallop liegt ja auch nicht gerade in der Nachbarschaft.“ Mit gerunzelter Stirn wandte sie sich schließlich wieder an Trautmann: „Wir müssen eine Entscheidung fällen. Wollen wir nach Hilfe rufen und warten bis jemand kommt oder versuchen wir, das Amulett selbst zu bergen und schaffen es dann so schnell wie möglich weg von hier, damit auf Lichtwacht niemand mehr in Gefahr gerät ...“

„Ihr braucht keinen Boten nach Trallop zu schicken“, meinte Assunta. „Ich übernehme das. Ich unterrichte Hochwürden Heliopais noch heute über die neuesten Entwicklungen und bitte sie, alles an Herrn Patras weiterzugeben. Das geht schneller.“

Nachdem sich der Junker darüber klar geworden war, wie er mit der Situation umgehen wollte, schien sie keine Veranlassung für weitere Diskussionen zu sehen, sondern nahm seine Entscheidung einfach hin.

„Wenn Ihr das Artefakt belassen wollt, wo es jetzt ist, solltet Ihr den Schlüssel vielleicht an Euch nehmen“, ergänzte sie, nachdem sie eben jenen einen Moment lang nachdenklich betrachtet hatte. „Ich lege meine Hand nicht für Ihre Gnaden Greifhild ins Feuer.“ Sie überlegte kurz, dann verzog sie die Lippen zu einem schiefen Strich und runzelte die Stirn: „Ich wüsste allerdings zu gern, ob er auch zu mir spricht. Also wenn es für Euch in Ordnung wäre, dass ich dieser Frage nachgehe ...“

Der Junker nickte ihr zu und deutete auf den Schlüssel. „Natürlich, doch sollten wir vielleicht Vorsichtsmaßnahmen treffen.“ Er dämpfte seine Stimme. „Wenn ich daran denke, was der Einfluss dieses Stücks mit ihrer Gnaden gemacht hat ... ich will nicht, dass Euch dasselbe wiederfährt ...“, Trautmann brach ab und runzelte die Stirn. „Ich gebe Euch zwei Tage, dann werde ich den Schlüssel wieder zurück verlangen und bis zur Ankunft Seiner Ehrwürden verwahren. Solange Ihr dieses Ding bei Euch tragt, bitte ich Euch den Wohnturm nicht zu verlassen. Wenn Ihr irgendetwas braucht, oder Euch etwas fehlt, stehe ich jederzeit gerne bereit. Ist das in Eurem Sinne?“

„Ja, das ist ganz in meinem Sinne. Wir werden sehen, ob sich daraus neue Erkenntnisse ziehen lassen, die uns in der Sache voranbringen“, meinte Assunta leise und nickte Trautmann schließlich bedächtig zu. „Wie geht es Ihrer Gnaden?“, fragte sie dann. „Und … was machen wir jetzt mit Ihr?“

Eine Frage, die er sich selbst schon gestellt, dann jedoch wieder verdrängt hatte. „Sie schläft“, sagte er. „Eine Magd passt auf sie auf und gibt mir Bescheid, sollte sie aufwachen.“ Trautmann seufzte. „Ich weiß nicht, was wir mit ihr tun sollen. Ich kann sie ja schlecht hier auf meinem Zimmer einsperren bis Seine Ehrwürden kommt. Könntet Ihr Ihre Hochwürden vielleicht auch danach fragen?“ Der Junker wirkte ratlos. „Oder wird sie nun, da sie diese Kette los ist, wieder normal?“

„Das weiß ich nicht“, gab Assunta umgehend zurück. „Sie scheint unter den Einfluss geraten zu sein, bevor der Schlüssel überhaupt in ihrem Besitz war, denn wie hätte sie ihn sonst finden sollen? Dass heißt, dass er auch jetzt nicht gebannt ist. Was auch immer es ist: Es könnte jederzeit wieder Besitz von ihr ergreifen, fürchte ich. Ich verfüge nicht über die Fähigkeiten, die es bräuchte, um daran etwas zu ändern. Ich kann ihr ein wenig Linderung verschaffen, aber ihren Geist nicht wirklich dauerhaft abschirmen und schon gar nicht ganz befreien.“

Besorgt nickte der Gugelforster ihr zu. Er verstand. „Ich habe Euch vor einigen Tagen schon erzählt, dass mir von Ihrer Gnaden abgeraten wurde. Sie hatte wohl auch zuvor schon einen sehr ... fragwürdigen Ruf ... doch ich mache mir immer gern erst ein persönliches Bild und gebe nicht viel auf derlei Gewäsch. Immerhin hat der Herr Praios sie ja als seine Dienerin akzeptiert.“ Der Junker seufzte. „Vielleicht war Greifhild jedoch wirklich besonders empfänglich für diese ... Einflüsterungen und es hat ihren Zustand verschlimmert. Ich habe über die Zeit schon gemerkt, dass der Aufenthalt in den Archiven sie verändert hat. Ich hatte es auf den Stress geschoben.  Meint Ihr, dass seine Ehrwürden ihr helfen kann? Oder vielleicht Hochwürden Heliopais in Anderath?“ Der Ritter sah auf das Amulett und schob seine Brauen zusammen. „Wenn Ihr mich dann nicht mehr braucht, werde ich nach ihrer Gnaden sehen.“

Assunta schien überrascht davon, dass der Gugelforster ausnahmsweise so viele Worte machte. Sie hatte mehrfach dazu angesetzt, etwas anzumerken oder seine Fragen zu beantworten. Doch er kam ihr immer wieder zuvor, indem er einfach weiter redete.  Schließlich wollte Trautmann wissen, ob sie ihn noch brauchte, oder ob er gehen konnte --- und sie starrte ihn einen Moment völlig ratlos an.

„Äh ... ja“, murmelte sie verdattert. „Ihr könnt natürlich gehen, wenn Ihr das wollt. Vielleicht sagt Ihr mir Bescheid, wenn sich am Zustand Ihrer Gnaden etwas ändert? Ich schätze, ich sollte noch einmal mit ihr reden, wenn sie wieder bei Bewusstsein ist ...“

Der Junker nickte ihr wortlos zu und verließ dann die Kammer.

Es sollte allerdings nicht lange dauern, bis sich die Tür wieder öffnete und er erneut eintrat. Er wirkte noch immer besorgt. „Euer Gnaden ... sie ist wach“, meinte er knapp. Dann setzte er erklärend hinzu: „Ihr solltet mitkommen. Sie verlangt nach Euch, aber erschreckt Euch nicht ...“, Trautmann kaute an seiner Unterlippe, „... sie wirkt ... nun ... nicht ganz auf der Höhe. Vielleicht weiß ja Ihre Hochwürden eine Antwort, wie wir Ihr helfen können", griff er eine zuvor gestellte Frage wieder auf.

„Die Art der Verständigung, nach der ich trachte, lässt nicht zu, dass ich mich lange mit Ehrwürden unterhalte. Es ist nur ein kurzer Austausch möglich“, meinte Assunta und hob die Schultern. „Ich werde sie mir ansehen. Vielleicht fällt mir ja selbst etwas dazu ein.“ Mit diesen Worten nickte sie Trautmann zu, um ihm zu bedeuten, dass er die Führung übernehmen sollte.

Kurz darauf erreichten sie seine Kammer, die warm geheizt und nur schwach beleuchtet war. Dennoch erkannte die Sichlerin ihre Glaubensschwester sogleich. Sie saß aufrecht im Bett. Ihre Haare waren gekämmt und man hatte sie allem Anschein nach auch umgekleidet. Greifhild trug ein schmuckloses Gewand in Grau und ihr Antlitz wirkte, als wäre sie die vergangenen Stundengläser um Jahre gealtert. Das Amulett war fort von ihr und damit auch der Antrieb der letzten Monde und es setzte jene bleierne Müdigkeit ein, die ihr bloßer Wille über lange Zeit zurückzuhalten vermochte.

Als sie Assunta und Trautmann bemerkte, hob sie ihren Arm. Auch diese Bewegung schien gegenwärtig eine große Kraftanstrengung zu erfordern. „Ah, Schwester ...“, kam es ihr mehr als Flüstern über ihre Lippen, „... wo ist das ... A ... Amulett?“

Assunta bedachte ihre Glaubensschwester mit einem nachdenklichen Blick, ehe sie näher an das Bett herantrat und grüßend nickte. „Praios zum Gruße, Schwester“, meinte sie leise. „Ich werde das Amulett genauer untersuchen und dann zusehen, dass ich es sicher verwahre. Ich denke, es wird das Beste sein, wenn Ihr fürs Erste nicht mehr in seine Nähe gelangt.“ Sie runzelte die Stirn und fragte: „Wie geht es Euch?“

Es fiel Greifhild schwer den Blick ihrer Glaubensschwester zu halten und stattdessen blickte sie an sich herab. „Ich bin müde“, gab die Trutzerin knapp zu verstehen. „Und doch kann ich nicht schlafen.“ Dunkle Augenringe zeigten sich auf ihrem eingefallenen Antlitz, als sie schließlich doch wieder Assuntas Blick suchte. „Und wenn Ihr fertig seid mit dem Amulett ... dann ... dann bekomme ich es doch wieder? Bei mir ist es doch sicher.“ Erwartungsvoll blickte sie zu Assunta.

„Ich werde dafür sorgen, dass Ihr schlafen könnt, Greifhild“, versprach die und lächelte ihrer Glaubensschwester verbindlich zu. „Sagt mir nur vorher: Gibt es noch irgendetwas, das die Stimme in Eurem Kopf gesagt hat und das Ihr für wichtig haltet? Irgendetwas, das ich wissen sollte, wenn ich Eure Suche fortführe?“

Es wirkte für einige Momente so als hätte Greifhild die Frage der Sichlerin nicht gehört. Starren Blickes sah sie zu Assunta hoch und doch meinte diese zu erkennen, dass er abwesend war – als würde sie in diesem Moment durch sie hindurchsehen.

„Mmmh ...“, kam es zögerlich über die Lippen der Trutzerin, „... Sankt Gilborn meinte, dass nur die Macht Praios’ in Verbindung mit dem Schlüssel Zugang zur Quelle des Übels verschaffen könne. Deshalb war es so wichtig, dass ich diese Aufgabe übernehme, aber Ihr seid ja auch ...“, Greifhild brach ab und musterte die Glaubensschwester, „... dazu geeignet. Deshalb wird er sicher auch zu Euch sprechen. Die Aufgabe ist viel zu wichtig.“

„Ich verstehe“, Assunta nickte und trat dann näher an das Bett heran. „Wenn Ihr erlaubt, werde ich nun dafür sorgen, dass Euer Körper und der Geist ein bisschen Ruhe finden? Ich hielte es für das Beste, wenn wir den Gleißenden und seine göttlichen Geschwister dafür anrufen würden. Mit ihrem Segen wird Euer Schlaf behütet sein. Was denkt Ihr?“

Die Angesprochene rang noch für einige Momente mit sich selbst. Welchen Kampf genau sie mit sich auszufechten hatte, konnte niemand der Umstehenden sagen, doch war es dieses Mal lediglich ein kurzes Ringen. Schon nach wenigen Herzschlägen entspannte sie sich und bettete ihr Haupt auf das weiche Polster. Sie ließ ein sanftes Nicken folgen und schloss ihre Augen.

„Nun denn“, Assunta lächelte, als sie den Blick auf Trautmann und seine Zone warf. „Dürfte ich Euch bitten, mich mit meiner Schwester im Glauben allein zu lassen? Wenigstens vorübergehend. Bis wir unsere Zwiesprache mit dem Gleißenden beendet haben? Danach sollte es ihr wesentlich besser gehen und sicher kann sie auch etwas Schlaf finden.“

Trautmann nickte der Sichlerin zu. „Selbstverständlich.“ Sein sorgenvoller Blick streifte Greifhild, dann verließ er die Kammer.

rund eine Woche später...

Trautmann von Gugelforst stand auf einem Stück instandgesetzter Burgmauer und blickte hinunter auf den schmalen Steig, der hoch zur Burg Lichtwacht führte. In seinem Rücken verschwand soeben das Mal des Herrn Praios hinter der düsteren Zackenreihe des bedrohlichen Finsterkamms und es zog unangenehme Kälte auf. Dem Junker war in den vergangenen Tagen die Situation hier auf seinem Gut entglitten. Dunkle Ringe unter seinen Augen zeugten von der entbehrungsreichen Zeit.

Wie vereinbart hatte er das Amulett nach zwei Praiosläufen wieder an sich genommen. Assunta schilderte ihm, dass sie die Stimmen durchaus auch vernahm und spürte, dass jemand versuchte, ihren Willen zu beeinflussen. Sie schien mehr zu wissen als das, ihm aber nicht schildern zu wollen, was es war. Vielleicht  weil sie sah, dass er ohnehin schon in Aufruhr war und ihren Zustand nicht verschlimmern wollte? In jedem Fall berichtete sie ihm, dass es ihr unerwartet leicht fiel, den Einflüsterungen zu widerstehen und dass sie das Schmuckstück gern länger bei sich behalten könne.

Als sie den zweifelnden Blick Trautmanns bemerkte, zog sie das Angebot sofort wieder zurück – vielleicht wiederum, weil sie ihn nicht beunruhigen wollte. Oder weil sie ihm von der Nasenspitze ablesen konnte, dass er fürchtete, sie könne schon viel mehr unter Einfluss stehen, als sie selbst bemerkte. Schließlich war es ja bei Greifhild genauso gewesen. In jedem Falle übergab Trautmann das Amulett nicht, ohne ihn dazu aufzufordern, sie in die Giftkammer zu begleiten – mit dem Schmuckstück im Gepäck. Er verstand nicht ganz, was sie damit bezweckte, ließ sich letztlich aber auf das Wagnis ein.

Viel geschah dann nicht. Er beobachtete die Geweihte dabei, wie sie mit dem Schmuckstück in der Hand durch die Giftkammer wandelte. Mal hier anhielt, mal dort anhielt, in sich hinein zu lauschen schien … offenbar Schlüsse zog, die sie jedoch nicht an ihn weitergab. Am Ende dieser Episode zierte ein Lächeln ihre Lippen, das irgendwie zufrieden wirkte. Trautmann fragte aber nicht nach dem Grund für ihre gute Laune. Er wollte einfach nur aus der Giftkammer raus und das Amulett möglichst weit weg bringen – nicht dass am Ende noch irgendwas geschah, was sie beide bereuen würden.

Wenig später erfuhr der Gugelforster dann am eigenen Leib, was es bedeutet das Schmuckstück um den Hals zu tragen. Was auch immer es war – ob nun ein Geist oder der Heilige Gilborn – es drang auch auf ihn ein. Erst verführerisch säuselnd, dann ungeduldiger ... fordernder ... und am Ende gar drohend. Das begriff er auch ohne, dass er irgendwas von dem verstand, was dort gewispert wurde. Es waren mehr Emotionen als Worte, die auf ihn einwirkten. Gedankenbilder und Gefühlsschwankungen.

 Wiewohl dem Junker dem Etwas nicht direkt von Nutzen sein konnte, so zumindest die Annahme Assuntas, zeigte sich die Stimme auch ihm gegenüber unnachgiebig. Was genau sie damit zu erreichen versuchte, eröffnete sich ihm nicht. Und so waren die Nächte lang ... immer wieder suchte er das Gespräch mit der Sichler Geweihten, um nicht den Verstand zu verlieren. Ihr den Schlüssel auszuhändigen war jedoch keine Option für den Ritter, obwohl sie mehrfach anbot, ihm die Bürde abzunehmen. Er wollte sie einfach nicht in Gefahr bringen.

Der Schlüssel war bei ihm schon in den richtigen Händen, wie er befand, und Hilfe war ja auf dem Weg ... hoffte er zumindest. Der siebte Praioslauf seit sie die Brieftaube gen Anderath sandten, ging soeben zu Ende. An diesem Tage würde es jedoch offenbar nichts mehr werden. Trautmann stieg mit gesenktem Kopf von der Mauer und machte sich auf zum Abendessen im Wohnturm. Kurz wollte er noch nach Greifhild sehen, die – befreit vom Einfluss der Stimme – wieder auf dem Weg der Besserung war und unter Anleitung Assuntas sogar erste einfach Aufgaben in der Kapelle übernahm.

Kurz bevor er das Tor zum Wohnturm erreichte, erklang jedoch das Signalhorn am Tor in die Vorburg. Der Junker wandte sich um und ging schnellen Schrittes zum Urheber des Signals. Am Tor angekommen war ein einzelner Reiter im weißen Ornat der Bannstrahler, der gerade von einem Knecht durchgelassen wurde. Sofort verzog sich der Mund des Gugelforsters zu einem strahlenden Lächeln.

„Praios zum Gruße“, rief er dem Krieger des Götterfürsten schon von weiten zu, wofür er einen irritierten Blick des Neuankömmlings erntete. Angehörige der Geißler wurden selten auf diese freudige Art und Weise begrüßt, vor allem hier in Weiden nicht.

Der Mann nickte ihm erst zu und schob dann ein „Praios zum Gruße, Wohlgeboren“, hinterher. „Ich komme aus Anderath mit Kunde für Ihre Ganden und Euch“, meinte er noch, ehe er den Blick wachsam über das ihn umgebende Gemäuer gleiten ließ, als wolle er sich erst einmal ein Bild davon machen, wie wehrhaft die Anlage war.

Ein Ausdruck der Erleichterung huschte über das müde, von Entbehrungen gezeichnete Antlitz des Junkers. „Wir haben schon sehnlichst auf eine Kunde Anderaths gewartet, hoher Herr. “ In einer einladenden Geste wies er in Richtung des Wohnturmes, während ein Knecht heran war und dem Bannstrahler mit seinem Pferd half. „Ihr müsst hungrig sein, ich lasse sogleich etwas auftragen und schicke nach ihrer Gnaden. “


***


Kurze Zeit später saßen Trautmann, Assunta, der Bannstrahler und in zweiter Reihe Greifhild am Tisch des Speiseraums im Wohnturm. Gerade trug die Magd dampfende Suppe auf. Erwartungsvoll blickte der Hausherr dabei zwischen Assunta und dem Geißler hin und her, wusste er doch nicht, wie der Kenntnisstand des Neuankömmlings war.

Letztlich war es aber nicht die Geweihte, die zu irgendwelchen Erklärungen anhob, sondern der Ordensmann.

„Ihre Hochwürden lässt Euch die besten Grüße übermitteln, Euer Gnaden“, schnarrte er, würdigte Assunta dabei keines Blickes, sondern starrte mit höchster Konzentration auf die Suppe und schnupperte leise. Offenbar handelte es sich um einen Weidener, was Trautmann ziemlich bemerkenswert fand. Denn welcher Weidener entschied sich schon für eine Laufbahn als Bannstrahler?

„Ich habe hier einen Brief für Euch“, fuhr der Mann unterdessen fort. „Und ich soll Euch noch mal extra dazu sagen, dass Ihre Hochwürden höchstes Vertrauen in Eure Fähigkeiten hat. Deshalb wird Herr Patras auch nicht herkommen, um das Artefakt zu bergen. Die Aufgabe fällt Euch zu. Ihr sollt es nach Anderath bringen. Dort sehen wir dann weiter. Ich bin nur hier, um die Truhe zu bringen, in der dieses Ding sicher transportiert werden kann.“

Er hielt kurz inne, löste seinen Blick dann von der Suppe und sah stattdessen Greifhild an:

„Außerdem soll ich dafür sorgen, dass Eure Schwester im Glauben Euch nach Anderath begleitet. Sie wird dort ebenso wie Ihr erwartet.“

Nach diesen Worten nestelte er einen Brief aus seiner Gürteltasche und überreichte ihn ohne ein weiteres Wort an Assunta – als sei nun wirklich alles gesagt.

Sie Sichlerin griff nach dem Schreiben. Mit leerer Miene, wohlgemerkt. Gedanklich schien sie ganz woanders. Vielleicht war das auch der Grund dafür, dass sie den Brief in Anwesenheit aller öffnete und zu lesen begann, als sei niemand da. Rasch wirkte sie so vertieft, dass Trautmann nicht damit rechnete, so bald wieder etwas von ihr zu hören. Er war mit Greifhild und dem Geißler also fürs Erste auf sich gestellt.

Und das war weniger als der Junker erwartet hatte. War dies wirklich die richtige Entscheidung? Ohne die nähere Natur dieses Artefakts zu kennen? Trautmann hatte Ihre Hochwürden vor einigen Wochen selbst kennenlernen dürfen und höchsten Respekt vor ihrer Person. In diesem Fall jedoch war er sich unschlüssig, ob sie es nicht vielleicht doch auf die leichte Schulter nahm.

„Habt Dank, Euer Ehren“, noch während Assunta auf das Schreiben starrte, wandte sich der Gugelforster an den Bannstrahler. „Werdet Ihr uns mit dem Artefakt nach Anderath begleiten? Ich werde mich selbstverständlich ebenfalls persönlich dafür zur Verfügung stellen, um für eine sichere Überführung des Stücks zu sorgen.“

„Ja, ich werde Euch auf dem Weg dorthin begleiten“, meinte der Bannstrahler leichthin. „Und bei der Bergung des Artefakts stehe ich Euch auch zur Seite. Sollte irgendein orkischer Geist der Meinung sein, er müsste hier in Erscheinung treten, wird das sicher ein kurzes Gastspiel. Wir lehren ihn schon Mores.“

Trautmann war sich nicht sicher, ob der Mann die Situation einfach falsch einschätzte, oder ob er tatsächlich irgendetwas an der Hand hatte, womit man Geister bekämpfen konnte, wenn sie denn ... in Erscheinung traten. In jedem Fall strahlte er eine große Zuversicht aus, was an sich schon mal etwas Ermutigendes hatte. An seiner Haltung änderte auch das irritierte Gesicht Assuntas nichts, als sie den Brief der der Hochgeweihten von Anderath beiseitelegte. Stattdessen grinste er nur unbeirrt und hob fragend die Brauen:

„Alles klar?“

Die Geweihte nickte, während sie den Brief faltete.

„Dann können wir ja jetzt vielleicht was essen?“, schlug der Bannstrahler vor und sah Trautmann fragend an.

Doch bereits nach dem zweiten Löffel brach der Junker das durch die Einnahme der Suppe entstandene Schweigen am Tisch wieder. In seinem Kopf kreisten die Bilder jenes Tages, da sie die Ruine hier von den Untoten befreit hatten. Es wäre seiner Meinung nach fatal gewesen, die Situation hier zu unterschätzen.

„Was auch immer es ist, Euer Ehren, ich habe gesehen, was es mit einer ganzen Burgbesatzung Bannstrahler gemacht hat. Wir sollten die Situation nicht unterschätzen.“

„Was auch immer das gewesen ist, habt Ihr ja gemeinsam mit Euren Kameraden ausgetrieben, oder nicht?“, erwiderte der Ordensmann mit halbvollem Mund. „Wenn ich Ihre Hochwürden richtig verstanden habe, spukt ja jetzt nur noch das in diesen Mauern herum, was die Bannstrahler einst eingekerkert haben und auf keinen Fall entweichen lassen wollten? So stand es im Brief Ihrer Gnaden“, er sah kurz zu Assunta hinüber und fasste Trautmann dann wieder ins Auge. „Das heißt, wir haben die halbe Miete schon, oder seht Ihr das etwa anders?“

Kurz huschte der Blick des Junkers hinüber zu Assunta. „Es spukt herum?“ Es war nicht ganz klar, wem der Anwesenden diese Frage nun galt. „Wir haben ein Amulett gefunden, von dem wir annehmen, dass es uns zu eben jener ... Quelle ... führen wird.“ Trautmann beobachtete den Ritter für einige Herzschläge beim Löffeln seiner Suppe. „Es spricht auch zu uns. Aber soweit wir bisher erkannt haben, wohl nur zu demjenigen, der dieses Schmuckstück trägt.“

Abermals wartete der Hausherr für einige Momente, bevor er fortfuhr: „Wie sollen wir es angehen? Hat Ihre Hochwürden Euch dahingehend Anweisungen mitgegeben?“ Nachdem das gefragt war,  griff er nach seinem Löffel und nickte dem Ordenskrieger knapp zu: „Wohlschmecken!“

„Wohlschmeckern“, erwiderte der Geißler und gönnte sich dann noch ein paar Löffel, ehe er wieder zu Assunta hinüber sah. „Wie es jetzt hier weitergeht, entscheidet Ihre Gnaden. Hochwürden schien nicht der Meinung zu sein, dass sie da noch weitere Anweisungen braucht. Es sei denn natürlich, da stand etwas in dem Brief. Weiß ja nicht, was Frau Heliopais da alles rein geschrieben hat.“

Die Geweihte schien erst gar nicht zu bemerken, dass ihr Typ gefragt war. Schließlich aber spürte sie wohl den Blick, der auf ihr ruhte – sah erst zum Bannstrahler, dann zu Trautmann hinüber und meinte: „Ich denke, ich weiß schon, wie wir es angehen können. Ich brauche noch ein paar Details. Aber es sollte nicht allzu lange dauern, bis ich die zusammengekratzt habe. Ein paar Tage noch, dann können wir dieses ... Artefakt hoffentlich in die Truhe legen, die Hochwürden uns zu just dem Zweck her geschickt hat.“

Währenddessen blickte Greifhild still vor sich hin. In ihrem Kopf hallten immer noch die Worte des Geißlers nach, dass sie sich in Anderath einzufinden hatte. Es war ein Gefühl der Angst, das sie bemächtigte. Sorge und Angst. Noch nie hatte man ihr innerhalb der Gemeinschaft des Lichts Aufmerksamkeit zukommen lassen. Warum also jetzt? Wollte man sie von hier wegholen? Sie, die einzige Geweihte des Götterfürsten in der Grafschaft? Oder wollte man ihr gar den Kopf waschen und sie wegsperren, weil man ihr die enge Verbindung zum Götterfürsten neidete? Wollte man sie vielleicht gerade deswegen anhören und ihr endlich jene Würden angedeihen lassen, die sie verdiente? Die Furcht schwand und ein selbstsicheres Lächeln erschien auf ihren Lippen. Ja, das musste es sein.