Lucem demonstrat umbra - Die Wurzel des Übels

Beitragsseiten


Burg Lichtwacht
noch einen Tag später, wieder am frühen Morgen

Trautmann wandte den Kopf irritiert in Richtung Tür, als es klopfte. Erstens, weil es noch so früh am Morgen war, dass er nicht mit einer Störung gerechnet hatte. Nicht einmal fertig anziehen können hatte er sich in Ruhe – war gerade erst dabei, seinen Waffenrock zuzuknöpfen und Gürtel und Schwert ruhten noch auf dem Schemel, auf dem er sie am Abend abgelegt hatte. Zweitens war das Geräusch so leise gewesen, dass er es fast überhört hätte. Es klang zaghaft. Ganz so, als sei sich jemand vollauf im Klaren darüber, dass es eigentlich noch zu früh war und als sei es ihm daher im Grunde unangenehm zu stören.

Logischerdings ließ das nur einen Schluss zu: Es gab einen wichtigen Grund. Und wenn er weiter in diese Richtung dachte, drängte sich die Vermutung auf, dass es Assunta war, die an seiner Tür klopfte. Vermutlich, weil sie über Nacht irgendetwas Spannendes in den Büchern aus dem Archiv gefunden hatte. Von denen war sie am Abend schon kaum noch loszueisen gewesen. Er hatte ihr ein bisschen Brot und Milch aufs Zimmer bringen lassen, nachdem die Magd, die sie eigentlich zum Essen holen sollte, erklärte, dass sie nicht sicher war, ob Ihre Gnaden überhaupt bemerkt hatte, dass jemand sie mit in den Gemeinschaftsraum nehmen wollte.

Trautmann hatte die vage Vermutung, dass die Nacht für die Priesterin sehr kurz gewesen war, weil sie in ihrem Eifer das Schlafen vergaß. Aber wenn das Erkenntnisse zutage gefördert hatte, die ihnen bei der Lösung des Rätsels rund um den Fluch halfen, konnte ihm das an sich ja nur recht sein. Und wer war er auch, spät in der Nacht noch einmal in ihre Gemächer hinab zu steigen, um sie zu ermahnen, dass sie Schluss machen sollte? Durfte man so was bei einem Praioraner überhaupt? Vermutlich nicht.

Ein neuerliches Klopfen – ein bisschen lauter diesmal – riss den Junker aus seinen Gedanken. Er prüfte den Sitz seiner Tunika und ließ Gürtel und Schwert erst mal, wo sie waren. Stattdessen ging er zur Tür hinüber, um aufzutun und starrte einen Moment später nicht etwas in das Gesicht von Assunta, sondern in das der jungen Magd Birsel. Sie sah mit reichlich zerknirschter Mine zu ihm auf und da sei eigentlich ein recht sonniges Gemüt hatte, wunderte ihn das ein wenig. Also versuchte Trautmann, sie mit einem Lächeln aufzuheitern.

„Guten Morgen, Birsel“, meinte er und nickte ihr zu. „Was gibt es denn?“

„Guten Morgen“, erwiderte die junge Frau und bedachte ihn mit einem etwas unbeholfenen Knicks. „Es ist wegen Ihrer Gnaden, Wohlgeboren.“

„Was ist mit Ihrer Gnaden? Lässt sie nach mir schicken?“

„Äh ja ... nein. Nicht wirklich. Also ich meine: Nein, das tut sie ganz sicher nicht, Wohlgeboren.“

„Was soll das heißen?“, hakte Trautmann nach.

„Das heißt ... ich war gerade in ihrer Kammer. Sie hat mir gestern gesagt, dass sie immer schon vor dem Sonnenaufgang aufsteht, weil sie den neuen Tag im Angesicht des Herrn Praios begrüßen möchte. Deshalb bin ich noch mal früher als sonst aufgestanden, um ihr zur Hand zu gehen und so. Aber na ja, also irgendwie ...“ Das Mädchen stockte und räusperte sich leise.

Diesmal hob Trautmann einfach nur die Brauen. Er fragte sich, wohin die lange Vorrede führen sollte und warum Birsel nicht endlich zum Punkt kam.

„Die Sache ist ... sie hockt da so komisch in ihrem Raum, in dem es echt arschkalt ist.“ Als Trautmann Brauen noch weiter in die Höhe schnellten, machte die Magd eine entschuldigende Geste: „Wir haben ihr gestern noch Material zum Verfeuern hoch gebracht. Für Steine und eine Kohleschale. Aber ich fürchte, sie hat das irgendwie aus den Augen verloren. Und jetzt hockt sie da eben, als wär sie festgefroren. Sie hat nicht geantwortet, als ich sie angesprochen habe. Und ich hab mich nicht getraut, sie anzufassen, weil ich dachte, dann fällt vielleicht irgendwas ab. Ich weiß nicht, was ich machen soll, deshalb bin ich hier rauf zu Euch gekommen. Ihr müsst es mir sagen!“

Trautmanns Antlitz zeigte in den darauffolgenden Herzschlägen eine Vielzahl von Emotionen: Unglauben, Skepsis, Sorge und zu guter Letzt auch ein Anflug von Belustigung. „Birsel, Mädchen. Was erzählst du da?“, fragte er. Die Brauen des Junkers wanderten wieder nach unten und er ließ ein Stirnrunzeln folgen. „Ich muss es mir ansehen, bevor ich über das weitere Vorgehen entscheide. Ich bezweifle, dass sie eingefroren ist. Es ist zwar kalt, aber so kalt nun auch wieder nicht.“

Kurz dachte der Gugelforster daran, ob ihr Zustand wohl mit einem bösen Zauber in Verbindung mit den Büchern, die sie letzten Abend studiert hatte, zusammenhing. Doch zwang er sich dazu, diesen Gedankengang wieder zu verwerfen. Einige Momente später standen Birsel und er in jener Kammer, die von Assunta bezogen worden war und blickten auf das seltsame Bild, das sich ihnen dort bot.

Ein ziemliches Chaos, in erster Linie. Zuerst fiel Trautmann eine Unzahl von Büchern ins Auge, die überall im Raum verstreut lagen – in kleinen Grüppchen und größtenteils aufgeschlagen. Dazwischen stand die eine oder andere Stumpenkerze und brannte friedlich vor sich hin. Richtiges Licht ging aber eigentlich nur von der Laterne aus, die er bereits kannte. Und auf dem Bett, dem unbenutzten – also genauer: auf der zugeschlagenen Bettdecke – hockte Assunta nicht etwa, sondern saß. Im Schneidersitz, die Hände lässig auf die Knie gelegt. Ihre Augen waren geschlossen, ein kaum merkliches Lächeln zierte die Lippen und es machte nicht den Anschein, als würde sie irgendetwas von dem mitbekommen, was um sie herum geschah.

„Sehr Ihr?“, kam es nach einem Moment der stillen Betrachtung zögerlich aus dem Mund der Magd.

Trautmann schürzte die Lippen und verschränkte seine Arme: „Hm, in der Tat.“ Er richtete den Blick auf die Brust der Geweihten und starrte so eindringlich, dass es ihr sicher unziemlich erschienen wäre, hätte sie etwas davon mitbekommen. Dann ließ der Gugelforster ein leichtes Nicken folgen und stellte fest: „Sie atmet.“

Die Magd seufzte erleichtert. „Aber was machen wir jetzt?“

Trautmann wandte sich Birsel zu, runzelte die Stirn und wog ratlos seinen Kopf. „Bring ihr eine Tasse Kräutertee, ich hole etwas Glut für die Kohleschale. Wir müssen versuchen, ihre Lebensgeister zu wecken. Denn auch wenn die Kälte nicht der Grund für ihren Zustand sein mag ... sollte sie erwachen, müssen wir versuchen, sie zu wärmen.“

Birsel warf ihm einen zweifelnden Blick zu, hob dann aber ergeben die Schultern. „Ich hole beides“, meinte sie. „Muss dafür ja eh jeweils in die Küche und irgendwie fühle ich mich nicht wohl damit, sie hier so ganz allein sitzen zu lassen. Ich mein ...“, die Magd rümpfte die Nase und schniefte. „Wenn Ihr denkt, dass da nichts kaputtgehen kann, solltet Ihr vielleicht versuchen, sie zu wecken? Das kann doch nicht gesund sein, dass sie reglos und viel zu leicht bekleidet rumhockt, bei diesen Temperaturen!“ Damit wandte sie sich auch schon um und hastete davon. Die Treppe in den Gemeinschaftsraum hinab.

Unterdessen machte sich Trautmann ein genaueres Bild von der Situation in Assuntas Raum. Dass es darin kalt war, stand außer Frage. Dass die Praioranerin sich Erfrierungen zugezogen hatte, konnte er sich aber beim besten Willen nicht vorstellen. Erstens war es dafür nicht kalt genug und zweitens fehlten die charakteristischen Verfärbungen, die ihre Haut hätten zieren müssen. Dass sie sich unterkühlt hatte hingegen ... Trautmann wiegte den Kopf, während er sich ihre Kleidung besah. Eine schlichte weiße Tunika und darüber der dicke rote Schal, den er schon kannte. Allerdings war der auf einer Seite des Körpers von seinem eigentlichen Bestimmungsort gerutscht und gab eine schmale Schulter frei. Ein gutes Anzeichen für Unterkühlungen, das wusste Trautmann, wäre Zittern gewesen. Wenigstens ein leichtes.  Gerade konnte er etwas Derartiges aber nicht feststellen.

Er entschied sich, ein paar Schritte näher zu gehen, stieß aber sofort mit dem linken Fuß gegen eines der Bücher, die die Geweihte auf dem Boden ausgebreitet hatte. Bei seinem halb irritierten, halb amüsierten Blick nach unten stellte er fest, dass auf den aufgeschlagenen Seiten kleine Pergamentschnipsel lagen, die mit Notizen versehen waren. In einer gestochen scharfen Schrift. Der der Lichtbringerin, nahm er an. Sie war also gestern wirklich noch fleißig gewesen. Fragte sich nur, was sie dazu verleitet hatte ... naja, warum sie da jetzt halt so saß. Völlig weggetreten. Oder schlief sie vielleicht einfach nur? Im Sitzen?

Trautmann verzog seine Lippen. Er konnte den Zustand, in welchen sich Assunta gegenwärtig befand, einfach nicht einschätzen. Ja, als Sohn einer Geweihten wusste er, dass Götterdiener sich manchmal seltsam benahmen, wenn sie mit ihrem göttlichen Herrn oder der göttlichen Herrin in Kontakt standen – was die Lichtbringerin am Vortag zur Genüge getan hatte. Doch wusste er auch, dass man in diesen Zuständen vorsichtig mit ihnen umzugehen hatte. Der Junker konnte beim besten Willen nicht vorhersagen, wie die Geweihte auf eine Störung reagieren würde.

„Euer Gnaden ...“, der Gugelforster versuchte es erst einmal damit, sie anzusprechen. Doch darauf folgte keine Reaktion. „Euer ... Euer Gnaden ...“, kam es dieses Mal etwas lauter über seine Lippen.

Abermals reagierte sie nicht.

„Hmmm ...“, Trautmann brummte und biss sich auf die Unterlippe, dann streckte er die Hand nach der Geweihten aus, berührte ihre Schulter und versuchte abermals mit Worten, sie ins Hier und Jetzt zurück zu holen. „Euer Gnaden … ?“

Tatsächlich gelang ihm mit der Berührung etwas, woran er mit bloßen Worten gescheitert war: Der Junker beschwor eine Reaktion herauf. Eine nahezu unmerkliche zwar, aber er beobachtete die Geweihte gerade dermaßen aufmerksam, dass ihm quasi nichts entgehen konnte. Also auch nicht, wie sich die Augen hinter den geschlossenen Lidern bewegten, kurz nachdem er die Schulter angefasst hatte. Es sah ein bisschen aus, als ob die Lichthüterin träumen würde. Oder mit geschlossenen Augen nach etwas suchen – was schwerlich zum Erfolg führen konnte.

Derart ermutigt streckte er die Hand erneut aus und packte diesmal weniger zaghaft zu als beim ersten Versuch. Er wiederholte auch das „Euer Gnaden!“ und war recht zufrieden mit sich, als tatsächlich Bewegung in den Leib der Praioranerin kam. Sehr sparsame Bewegung, aber immerhin.

Sie atmete einmal tief ein, schob die Brauen dann zusammen und hob sie zugleich ein bisschen, was einen extrem skeptischen Eindruck erweckte. Danach dauerte es noch drei, vier Herzschläge, bis sie die Lider hob und derer sechs oder sieben, bis der Blick nicht mehr unstet durch den Raum wanderte, sondern sich erst auf die Laterne und anschließend auf Trautmann richtete.

„Guten Morgen, Euer Wohlgeboren“, meinte sie, nachdem sie ihn einen Moment schweigend angesehen hatte – mit heiserer, leicht belegter Stimme, aber sie sprach. Und sie schien auch zu begreifen, wo sie war. Wer er war. Alles halb so schlimm also. So schien es jedenfalls.

„Guten Morgen, Euer Gnaden“, erwiderte der Junker den Gruß. Kurz überlegte er, was jetzt wohl die richtigen Worte wären. Sollte er Assuntas seltsames Gebaren ansprechen? Dass sie hier sitzend ... schlief ... in der Kälte? Sie musste ja vollkommen durchgefroren sein. Noch während Trautmann seinen Gedanken nachhing und die Geweihte vor sich wortlos musterte, kam die Magd wieder zur Tür hinein.

„Ah, Birsel, sehr gut“, sichtlich erfreut winkte er sie zu sich, „Ihre Gnaden ist inzwischen aufgewacht und ...“, der Blick des Gugelforsters schweifte zurück zu Assunta, „... Euch muss ja wahnsinnig kalt sein. Ich habe Euch Tee bringen lassen, Euer Gnaden, und Kohle für die Pfanne um Euch wieder aufzuwärmen.“ Während die Magd pflichtbewusst das heiße Wasser in eine Tasse füllte, palaverte der Hausherr weiter auf die Lichtbringerin ein. „Konntet Ihr denn gestern Abend noch etwas herausfinden?“

Assunta blickte ihn schweigend an und wirkte dabei, als hätte sie sich am liebsten verdattert am Kopf gekratzt. Trautmann konnte förmlich sehen, wie sie sich der Situation nach und nach immer bewusster wurde. Des Durcheinanders in der Kammer, kostbarer Büchern, die aufgeschlagen auf dem Boden herumlagen, Kerzen, die dazwischen aufgestellt worden waren, ihrer nicht gerade besonders angemessenen Kleidung – und schließlich der Tatsache, dass sie auf ihrem Bett saß. Vor allem Letzteres schien sie schwer zu treffen, denn ihre Augen weiteten sich kaum merklich, als sie die verkrumpelte Decke unter ihrem Allerwertesten bemerkte.

Es dauerte kaum einen Herzschlag, bis sie sich aus dem Schneidersitz löste und in Richtung Bettkante neigte, wohl weil sie sich möglichst schnell dorthin begeben und dann in eine aufrechte Haltung befördern wollte. Allerdings wirkten ihre Bewegungen seltsam unrund, was sicher mit der Kälte zu tun hatte. Damit, dass ihre Glieder über die letzten Stunden so steif und taub geworden waren, dass sie nicht mehr gehorchen wollten, wie die Priesterin es gewohnt war. Der Gugelforster sah Verwunderung und Unwillen in den Augen seines Gastes aufleuchten – und ein gehöriges Maß Sturheit, das erahnen ließ: Sie wollte sich nicht geschlagen geben.

Er fürchtete schon, in der Sache irgendwie tätig werden zu müssen, doch Birsel kam ihm dankenswerterweise zuvor. Mit einem raschen Schritt trat sie an das Bett heran und meinte erstaunlich entschieden: „Ich denke, ihr bleibt besser erst mal da sitzen, Euer Ganden. Nicht, dass Euch am Ende noch die Beine wegknicken und Ihr hier vor Herrn Trautmann auf die Nase fallt.“ Die Worte waren an sich ziemlich frech, doch lächelte sie dabei so entwaffnend, dass Assunta das gar nicht zu bemerken schien. Stattdessen hob sie folgsam die Hände, als Birsel ihr den Becher hinhielt und ein gutgelauntes „Trinkt doch erst mal einen Schluck“ von sich gab.

Die Magd trat zwischen Trautmann und die Geweihte, sodass er für einen Moment nicht sehen konnte, was geschah. Er sah nur Birsels Rücken. Dass es ein bisschen Hin und Her gab. Und dass die Magd die Tasse noch in der Hand hielt, als sie sich wieder aufrichtete.

„Gut“, meinte sie leichthin. „Dann eben erst mal die Kohlen!“ Damit wandte sie sich zu dem Gugelforster um und raunte im Vorbeihasten eine leises „Ich sag doch, dass sie steifgefroren ist, sie kann nicht richtig zugreifen, Wohlgeboren“.

Anschließend machte sie sich an den Kohlen und der Pfanne zu schaffen und gab den Blick auf Assunta wieder frei, die immer noch auf ihrem Bett saß, die rechte Hand gehoben hatte und wie hypnotisiert auf ihre Finger starrte – die aussahen wie immer, sich aber offenbar nicht so anfühlten. Statt ängstlich oder zornig zu wirken, sah die Priesterin jedoch einfach nur neugierig aus und gab dazu passend ein reichlich abwesendes „Interessant!“ von sich.

Trautmann blinzelte verwundert und räusperte sich. Eigentlich nicht, weil er sie an seine Frage von vorhin erinnern wollte, sondern vielmehr, weil er nicht wusste, was er zu dieser merkwürdigen Situation sagen sollte. Assunta schien das jedoch anders zu verstehen – und antwortete, ohne ihren Blick von der Hand zu lösen.

„Ich habe nicht geschlafen“, meinte sie leise. „Ich habe meditiert. Musste ein bisschen Ordnung in meine Gedanken bringen. Es gibt so viel zu verarbeiten.“

Das war nicht die Antwort auf die Frage, die er ausgesprochen hatte, sondern auf die, die er sich nur im Geiste zu stellen wagte. Trautmann begriff das sofort und es ließ seine Verwunderung weiter wachsen. Glücklicherweise schien Assunta keine Erwiderung zu erwarten, denn sie redete einfach weiter. Den Blick nunmehr hochkonzentriert auf beide Hände gerichtet, die sie mit den Rücken nach oben und gespreizten Fingern vor sich ausgestreckt hatte – so dass auch der Gugelforster wahrnahm, wie sie nun doch zu zittern begannen.

„Ich habe gestern noch etwas rausgefunden, ja“, sagte sie und nickte. „Mehr als ich gedacht hätte, um genau zu sein. So viel, dass ich mir jetzt sicher bin: Wir müssen noch mal in den ... Thronsaal zurück, wir haben dort etwas übersehen.“ Nachdem das gesagt war, richtete sie ihr Augenmerk endlich wieder auf Trautmann, lächelte ihm zu und machte eine auffordernde Geste in Richtung der Tür: „So schnell wie möglich am besten.“

Neben dem Gugelforster richtete sich Birsel just auf, die mit Kohlen gefüllt Pfanne in den Händen und einen ungläubigen Ausdruck auf den Zügen. „Heißt das, dass Ihr überhaupt nicht geschlafen habt, Euer Gnaden?“, fragte sie.

„Geschlafen? Wer wird denn an Schlaf denken, wenn es hier ein Mysterium gibt, von dessen Auflösung und ... Beseitigung das Wohl und Wehe der ganzen Burgbesatzung abhängen könnte?“

Trautmann sah, wie die Gesichtszüge seiner Magd entglitten, sie schaffte es aber, die Kohlenpfanne festzuhalten und statt irgendetwas zu sagen, das in dieser Situation sicher nicht wirklich hilfreich gewesen wäre, warf sie ihm einfach nur einen sorgenvollen Blick zu.

Der Junker hob jedoch bloß seine Schultern. Er kannte es, wenn Geweihte im Zwiegespräch mit ihrer Gottheit waren und meditierten. Dennoch setzte er der Magd gegenüber zu keiner zusätzlichen Erklärung an. Stattdessen wandte er sich wieder Assunta zu. Kurz huschte ihm dabei  ein Lächeln über die Lippen. „Das werden wir ...“, griff Trautmann die letzte Aussage der Lichtbringerin auf, „... aber erst werdet Ihr Euch etwas aufwärmen. Ich habe Ihrer Hochwürden versprochen, auf Euren Leib achtzugeben. Dazu gehört auch, dass Ihr Euch hier in der Kälte nicht den Tod holt.“

Die Stimme des Hausherrn nahm einen fast väterlichen Tonfall an, als er sagte: „Bleibt hier sitzen.“ Er nahm Birsel die Teeschale aus der Hand und setzte sich neben die Geweihte – in beinahe schon unangebracht anmutender Nähe. Ein Gebaren, das nun auch Birsel eine Braue heben ließ. „Ihr trinkt mir erst die Schale Tee aus und wärmt Euch ein wenig“, stellte er fest, hob die Tasse ohne eine Geste der Zustimmung abzuwarten und wollte sie an Assuntas Lippen setzen.

Die hatte sich an seinem Vorstoß in ihre unmittelbare Wohlfühlzone offenbar nicht im Geringsten gestört. Als sie jedoch begriff, wohin er mit der Tasse wollte, schien sich ihr Körper noch mehr zu versteifen und Trautmann ahnte da schon, dass das Manöver unerwartet kompliziert werden würde. Als er sah, wie die Lippen der Priesterin schmaler wurden, weil sie sie störrisch aufeinander presste, hatte er seine Gewissheit. Sie erwiderte nichts auf seine Worte, sondern starrte ihn erst einen Moment ungläubig an und schickte dann einen ziemlich beredten Blick zu Birsel hinüber, die die Kohlenpfanne eben zum Fußende des Bettes trug.

Leider war besagter Blick in der Quintessenz zwar eindeutig, im Detail aber ziemlich schwammig. Nach dem, was bei Trautmann ankam, hielt er es für wahrscheinlich, dass die Praioranerin eine Botschaft wie „Bitte entwürdige mich nicht, indem du mich vor den Augen und Ohren dieser einfachen Magd fütterst wie ein kleines Kind“ aussenden wollte. Genauso gut konnte es aber sein, dass sie eher so etwas wie „Bitte entwürdige dich nicht, indem du diese niedere Aufgabe übernimmst, die eigentlich in die Hände einer einfachen Magd gehören würde“ meinte. Als Dritte Variante wäre noch ein simples „Bist du wahnsinnig, hör auf damit!“ in Frage gekommen. Aber danach sah es ihm eigentlich nicht aus.

Auch Trautmanns Blick fiel nun auf Birsel, die pflichtbewusst die Kohleschale abgestellt und sich dann wieder ein paar Schritte vom Bett entfernt hatte.

„Danke Birsel ...“, lächelte er ihr zu, „... lässt du uns jetzt bitte kurz alleine?“

Die Magd reagierte mit einem Nicken auf die Aufforderung ihres Herrn, konnte jedoch dabei einen leicht skeptischen Gesichtsausdruck nicht verhehlen. „Ja, Herr“, piepste sie dann und verließ das Zimmer.

Der Junker hatte die Tasse nach Assuntas Unmutsäußerung wieder sinken lassen und bot sie ihr nun dar, indem er das Gefäß vor sie hielt. „Versucht es wenigstens“, meinte er dann leise brummend, „Und während Ihr die Kälte aus Euren Gliedern vertreibt, könnt Ihr mich instruieren, was Ihr genau herausgefunden habt."

Die Lichtbringerin warf einen zweifelnden Blick auf das irdene Gefäß und rang sich zu einem etwas nuscheligen „Ich schätze, wir können damit nicht warten, bis ich meine Finger wieder spüre?“ durch. Den halb tadelnden, halb amüsierten Blick des Gugelforsters nahm sie mit gefasster Miene hin und meinte lakonisch: „Na gut, ich habe es wohl auch nicht besser verdient.“

Statt ihm die Kontrolle aber ganz zu überlassen, griff sie vorsichtig nach seinem Unterarm, um wenigstens eine indirekte Verbindung zur Tasse zu haben – was auch immer sie sich davon versprechen mochte. Sie trank erst ein paar kleine, dann ein paar größere Schlucke. Letztlich doch genau solange, wie Trautmann es für gut befand. Viel hätte sie ihm momentan eh nicht entgegenzusetzen gehabt. Sie lächelte ihm dankbar zu, als er die Tasse zurück zog und ließ seinen Arm sofort wieder los. Überlegte danach einen Moment, schlang den Schal enger um ihre Schultern, krümmte sich ein wenig zusammen und setzte sich kurzentschlossen auf ihre Hände. Wohl in der Hoffnung, dass sie dadurch schneller wieder warm werden würden.

„Meine Erkenntnisse“, murmelte Assunta schließlich. „Die habe ich fürs Erste vor allem aus dem Diarium gezogen.“ Sie deutete mit dem Kinn in Richtung des kleinen Büchleins, neben dem ein deutlich größeres lag. Beide waren aufgeschlagen und mit Pergamentnotizen versehen, wie  Trautmann sie schon beim Eintreten in den Raum bemerkt hatte. „Es war gar nicht so einfach, da mein Aureliani ein wenig ... es scheint etwas eingerostet zu sein.“ Sie legte die Stirn unzufrieden in Falten, nachdem sie das gesagt hatte, hob dann aber gleichmütig die Schultern.

„Die Annahme, dass Euer untoter Anführer frevelte, scheint mir nun gesichert. Wenn ich seine Aufzeichnungen richtig verstanden habe, hat er wirklich nach ewigem ... nun ja ... Leben gestrebt. Man könnte sagen, dass das gründlich misslungen ist, denn es war am Ende ja eher ein Unleben. Aber …“ Assunta hielt inne und überlegte einen Moment. „Er tat es nicht aus Selbstzweck, sondern weil er meinte, dass ihm eine Aufgabe übertragen worden sei, für die eine menschliche Lebensspanne nicht ausreichen würde. Er wollte etwas bewachen. Ein orkisches Artefakt, würde ich meinen, wobei er darüber nicht viel geschrieben hat. Vermutlich aus Sicherheitsgründen.“

Einen Moment blickte sie nachdenklich auf das Buch und sah dann zu Trautmann auf. „Wohin er das Artefakt gebracht hat, steht auch nicht drin. Vermutlich aus den gleichen Gründen. Aber es gibt Andeutungen. Ich glaube, um an es heranzukommen, braucht man so etwas wie einen Schlüssel, den er eigens anfertigen ließ  und danach immer in seiner Nähe hatte. Deshalb wird er sich wohl ... bis vor Kurzem in dem Saal befunden hat, in dem er all die Zeit saß. Wahrscheinlich ist ... oder war ... er irgendwie in den ... Thron eingelassen und ich habe gestern die Reste seiner Aura gesehen ...“

„Ewiges Leben ...“, sann Trautmann einem Ausspruch der Geweihten nach.  Der Junker hatte ihr aufmerksam zugehört, doch war er in seinem Denken wohl zu beschränkt, um die Erkenntnisse in ihrer Gesamtheit zu erfassen. „Und es soll um ein Artefakt gehen und einen Schlüssel ... hm ...“, er kratzte sich sein Kinn. „Und meint Ihr, das Artefakt ist noch hier in der Burg? Dass der Schlüssel nicht mehr dort ist wo er laut dem Buch sein sollte, habe ich verstanden.“ Prüfend ruhte der Blick des Gugelforster auf der Lichtbringerin neben sich. Allem Anschein nach schien er es jetzt doch etwas eiliger zu haben als noch vor wenigen Momenten. „Wenn Ihr wollt, können wir los.“

Assunta erwiderte seinen Blick einen Moment lang mit gerunzelter Stirn. Sie schien zu überlegen, ob sie erneut ansetzen sollte, um an der einen oder anderen Stelle nachzubessern, dem Ritter zu erklären, was genau sie eigentlich meinte. Aber dann hob sie nur die Schultern und nickte sacht: „Genau. Ich glaube, dass der Schlüssel all die Jahre hier in Lichtwacht war, aber kürzlich von seinem Platz entfernt wurde. Das gälte es nun eben zu überprüfen.“

Schon während sie sprach, zog sie die Hände wieder unter ihrem Hintern hervor und wandte sich der Bettkante abermals zu – um die Beine darüber hinweg zu schwingen und ihre bestrumpften Füße vorsichtig auf den Boden zu stellen. Sonderlich souverän wirkte das alles noch immer nicht und Trautmann entging auch nicht, dass der schmale Leib der Priesterin von gelegentlichem Frösteln erfasst wurde. Sie selbst schien das aber entweder nicht zu bemerken, oder sich nicht daran zu stören. In jedem Fall tapste sie zielstrebig auf ihre Stiefel zu und stieg in sie hinein, während sie ein eigentlich vollkommen überflüssiges „Sicher, wir können los!“ zum Besten gab.

Der Junker runzelte bei ihrem Anblick die Stirn. „Wartet noch einen Moment“, meinte er und musterte ihren schmalen, sichtlich geschwächten Leib abermals. Trautmann streifte sich seinen Umhang von den Schultern und legte ihn auf die der Lichtbringerin. Es war eine ungefragte Berührung, die für Assunta wohl auch überraschend kam – wenn sie sie denn in ihrem gegenwärtigen Zustand überhaupt bemerkte.

Der Gugelforster wusste jedoch aus Erfahrung, dass es sinnlos wäre, sie einzusperren und zu zwingen, abzuwarten, bis ihr Zustand sich gebessert hatte. Deshalb versuchte er, das Beste daraus zu machen und nahm sich vor, sie besonders genau im Auge zu behalten. Er bot der Priesterin den Arm dar, musste sich aber fürs Erste damit abfinden, dass die gar keine Augen für ihn hatte. Tatsächlich schien sie seine fürsorgliche Geste und die damit einhergehende Berührung nur ganz am Rande bemerkt zu haben. Er sah aber, dass sich ein Lächeln auf ihre Züge schlich, als sie die Wärme spürte, die von dem Umhang ausging – oder vielmehr: eigentlich von seinem Körper und nur mittelbar von dem dicken Stoff.

Statt hernach aber zuzugreifen, drehte sie sich einmal um die eigene Achse und ließ den Blick suchend über die Bücher gleiten, die auf dem Boden verstreut lagen. Es dauerte nicht lange, bis sie fand, was sie suchte und danach griff. Es war das Diarium, das erkannte der Trutzer auf den ersten Blick, dazu hätte es ihrer Worte gar nicht bedurft: „Er hat keine Skizze gezeichnet, wohl weil jeder hätte verstehen können. Aber es gibt ... wie gesagt, ein paar Andeutungen. Wir nehmen es einfach mit. Vielleicht hilft es ja.“

Nachdem das gesagt war, schien Assuntas Blick eher zufällig auf Trautmanns Arm zu fallen, der mittlerweile ein bisschen unentschieden in der Luft hing. Irritierenderweise griff sie danach aber immer noch nicht zu, sondern fuhr sich stattdessen mit der freien rechten Hand ordnend über das Haar. Das saß zwar nicht mehr ganz so perfekt, wie es das normalerweise tat, aber immer noch akkurater als bei den meisten anderen Frauen. Vermutlich erinnerte die galante Geste sie noch einmal mit Nachdruck daran, wo sie war, wer sie war und wie sie an diesem Ort eigentlich hätte auftreten sollen. Also hielt sie kurz inne, sah an sich hinab, strich die schwere Tunika glatt, richtete ihren Schal und zog Trautmanns Umhang schließlich enger um ihre Schultern. Danach erst legte sie ihre – eiskalte – Hand auf seine, bedeutete ihm noch, die Laterne mitzunehmen und gab ein leises „Alsdann!“ von sich.

Trautmann wartete, bis sie sich bei ihm eingehakt hatte und meinte dann: „Gehen wir, aber vorsichtig! Und wenn ich das Gefühl bekomme, dass es Euch schlechter geht, werde ich das sofort abbrechen und wir machen morgen weiter.“

Daraufhin warf Assunta ihm einen Blick zu, der halb trotzig, halb herausfordernd wirkte, nickte aber artig und ließ sich anstandslos von ihm zum „Thronsaal“ bringen. Er merkte wohl, dass sie seinen Arm heute etwas besser gebrauchen konnte, als bei der letzten Gelegenheit, bei der er ihr angeboten worden war. Vor allem auf den Treppen stützte sie sich eher darauf, als dass sie sich geleiten ließ. Sobald sie ihr Ziel erreicht hatten, ließ die Lichtbringerin den Junker jedoch los, und schlug das Buch auf. Begann darin zu blättern, während sie leise murmelte:

„Ich bin mir wie gesagt sehr sicher, dass dieser Schlüssel irgendwo in seinem ... nun ja ... Sitzmöbel versteckt gewesen ist. Demnach müsste es irgendeinen Mechanismus geben, um ihn zu öffnen ... oder so. Wenn er kürzlich bewegt wurde, können wir vielleicht irgendwelche Spuren im Staub sehen? Oder vielleicht ist der Boden an einigen Stellen abgewetzt. Vielleicht schauen wir zuerst nach solchen Hinweisen? Dann könnten wir von dort aus weiter sehen.“

Der Junker nickte ihr knapp zu, dann fiel sein Blick auf den massiven steinernen "Thron". Beim Anblick dessen regten sich erstmals leichte Zweifel in ihm. ‚Wie solle man denn hier etwas verstecken?‘, fragte er sich, ging dann jedoch pflichtbewusst dazu über, nach einem Hinweis zu suchen. Trautmann ging um das Möbel herum, dann auf die Knie und suchte den Boden ab. Erst kurz bevor er sich wieder erheben wollte, um sich anderen Bereichen zuzuwenden, bemerkte der Ritter kaum wahrnehmbare Kratzer rechtseitig des steinernen Stuhls. Der Gugelforster ließ seine Finger über die Male im Steinboden gleiten, dann nahm er die Laterne zur Hand und stellte sie neben sich.

„Seht, Euer Gnaden“, etwas lauter als in der herrschenden Stille angebracht gewesen wäre, wies er Assunta auf seinen Fund hin. „Scheint als könne man diesen ... äh ... Thron zur Seite bewegen.“

Die Lichtbringerin trat näher und warf einen prüfenden Blick auf die Stelle, die der Junker ihr wies. Dann sah sie wieder auf das Büchlein in ihren Händen, begann darin zu blättern und ließ ihre Finger über ein paar der Zeilen gleiten, während sie die Augen zusammenkniff und sich ihre Stirn skeptisch wölbte. Schließlich begann sie leise vor sich hinzumurmeln – wieder in fremden Zungen, aber diesmal war die Sprachmelodie eine andere als sonst.

„Ein bisschen mehr Ordnung und Klarheit wären schön gewesen“, meinte sie schließlich leicht genervt. Dann hob sie den Kopf, um ihren Blick suchend über die Decke des Gewölbes gleiten zu lassen, bevor sie ihn wieder auf das richtete, was sie beide der Einfachheit halber „Thron“ nannten.

„Könnt Ihr da irgendwelche praioranischen Ornamente erkennen, Trautmann? Im Sockel vielleicht?“, fragte sie nach einer Weile des angestrengten Nachdenkens.

Da der Gugelforster nun eh schon kniete, kostete es ihn keinen große Mühe die rechte Hand auszustrecken und vorsichtig über den steinernen Sockel zu wischen, um die Ziselierungen freizulegen, über denen gefühlt tausend Schichten Staub lagen. Darunter kamen Intarsien zum Vorschein, die vielleicht einmal golden geglänzt hatten, jetzt aber stumpf und fast schwarz wirkten. Dennoch konnte er unter anderem ein Sonnensymbol erkennen.

„Ja, hier ist etwas“, ließ er Assunta wissen.

„Etwas, das wie ein Greif aussieht vielleicht?“

Nicht an der Stelle, auf die er blickte. Trautmann arbeitete sich weiter und stieß nach der Sonne auf einen Drachen, ehe ihm ein Gedanke kam. Statt weiter zu wischen, griff er nach der Laterne und ging um den Thron herum. Tatsächlich entdeckte er eine Stelle, an der sich der Staub bereit gelichtet hatte – und ein Greif zu sehen war. Sie befand sich an der von der Eingangstür abgewandten Seite. Bei ihren Untersuchungen gestern hatten sie der leider überhaupt keine Beachtung geschenkt.

„Euer Gnaden ... seht ...“, der Junker bedeutete der Lichtbringerin, näher an ihn heran zu treten. „Ein Greif. Und es scheint so, als wäre der Staub hier auch vor Kurzem entfernt worden.“ Kurz hing er seinen Gedanken nach. „Vielleicht von Ihrer Gnaden Greifhild?“

Er maß die Lichtbringerin mit einem interessierten Blick und ließ die Frage salopp im Raum stehen. Trautmann konnte sich nicht vorstellen, dass einer der anderen Burgbewohner sich hier herunter geschlichen hatte, um Steinmöbel zu entstauben. Nein, höchstwahrscheinlich ging die andere Geweihte derselben Spur nach wie nun er und Assunta, was ja naheliegend gewesen wäre.

Während er all das so bei sich dachte, beobachtete der Trutzer das Mienenspiel der kleinen Sichlerin. Sie sah sich das Ganze erst nachdenklich aus der Ferne an. Dann klappte sie das Büchlein zusammen und presste es an ihre Brust, während sie sich leicht vorneigte und die Augen zusammenkniff, um den Greifen genauer zu betrachten.

„Sie hat das Diarium niemals in ihren Händen gehalten, Trautmann“, meinte Assunta schließlich mit zweifelndem Blick. „Woher hätte sie denn wissen sollen, dass es hier etwas zu finden gibt? Und wo sie danach suchen muss?“

Trautmanns wirkte kurz etwas irritiert. Er runzelte die Stirn, dann schüttelte er leicht den Kopf. „Vielleicht gab es noch andere Hinweise?“ Der Junker ließ die Frage offen im Raum stehen und fuhr dann fort. „Sie brachte hier unten sehr viel Zeit zu, ein Vielfaches mehr als ich, und ich denke auch nicht, dass die Dienerschaft oder andere Burgbewohner, die man sonst nur unter Strafandrohung in diese Räumlichkeiten bringt, den Stuhl ... äh ... Thron untersucht haben.“ Der Gugelforster hob ratlos seine Schultern. „Das könnte ja die Spur sein, die wir verfolgen möchten. Vielleicht können wir den Thron zur Seite bewegen?“

„Andere Hinweise … ?“ Assunta griff die Worte des Junkers auf und entglitt ihm dann gedanklich einmal mehr. Ihr Blick ging ins Leere, während sie angestrengt nachzudenken schien. Irgendwann hatte er den Eindruck, dass ihr Zweifel sich in Sorge verwandeln würde, denn die Falten auf ihrer Stirn vertieften sich und  sie hob die linke Hand, um sich mit einer nahezu hilflos wirkenden Geste über die Schläfe zu streichen. Trautmann hatte den Eindruck, dass sie soeben von einer Vermutung beschlichen worden war, die ihr so gar nicht gefiel. Aber sie sagte nichts, sondern seufzte nur leise und trat dann näher an den „Thron“ heran.

Vorsichtig bedeutete sie dem Gugelforster, ihr ein wenig Platz zu machen und ging dann vor dem Sockel in die Knie. „Er hat vom Auge des Greifen geschrieben ...“, murmelte sie, während ihre Fingerspitzen suchend über die Intarsien glitten. „Ich glaube auch nicht, dass es einer von Euren Leuten war, Trautmann“, meinte sie dann vollkommen ansatzlos. „Eher schon hatte ich befürchtet, dass sich jemand unerkannt unter sie gemischt haben könnte. Ein Fremder mit bösen Absichten. Die Vorstellung, eine Schwester im Glauben könnte sich hier bedient haben, ohne Euch in Kenntnis zu setzen oder ihren Fund doch wenigstens bei uns zu melden ...“

Sie ließ das Ende des Satzes offen. Satt weiterzusprechen, legte sie das Diarium beiseite, um auch die rechte Hand frei zu haben und mit Zeige- und Mittelfinger auf besagtes Auge zu drücken. Sie versuchte es drei, vier Mal und erhob sich dann, um Trautmann Platz zu machen. „Ich bin nicht stark genug“, meinte sie dann. „Es sollte sich bewegen lassen. Warum versucht ihr es nicht einmal?“

Er tat wie ihm geheißen und vollbrachte schon im zweiten Anlauf, was sie nicht vermocht hatte: drückte das Auge des Greifen ein, woraufhin der Rest seines Leibes mit einem leisen „Tschack“ aus dem Sockel hervor schnellte. Nur ein paar Finger, aber doch so, dass man ihn greifen konnte. Die Figur hatte den Durchmesser eines etwas zu groß geratenen Handtellers und war mit einer eisernen Lasche im Sockel verankert. Trautmann blickte einen kurz schweigend darauf und griff dann zu. Das Ganze erinnerte ihn an ein Rad und Räder drehte man gemeinhin, also tat er genau das.

Es fiel ihm vergleichswiese leicht, den Greifen in Rotation zu bringen. Kurz darauf knarrte es im inneren des „Throns“ und dann glitt er samt Sockel zur Seite. Nicht sehr weit, nur vielleicht 50 Halbfinger. Gerade so, dass eine Vertiefung im Fundament sichtbar wurde. In der hatte vermutlich geruht, wonach sie suchten. Doch nun war es fort und ihnen gähnte Leere entgegen.

Der Junker konnte seine kindliche Begeisterung für den Mechanismus nicht verhehlen. Es war selten, dass ein Trutzer solcherlei handwerkliche Finesse zu sehen bekam. „Na bitte ...“, kommentierte er die Bewegung des Steinmöbels und wollte damit wohl auch sichergehen, dass die Aufmerksamkeit der Geweihten auf ihm lag. Dennoch sah er sich nach einem ersten Hochgefühl mit einem neuerlichen Problem konfrontiert. „Es ist ... leer ...“, presste er enttäuscht hervor und kurz dachte er daran, was hier wohl zu finden gewesen wäre. „Was auch immer hier verwahrt wurde, es ist nicht mehr da.“ Trautmann wandte sich zu Assunta um und hob ahnungslos die Schultern.

„Nun ja ...“ hob die Lichtbringerin an, vollendete den Satz jedoch fürs Erste nicht, sondern schob sich ebenfalls näher an den „Thron“ heran, um einen neugierigen Blick auf das zu werfen, was in seinem Inneren enthüllt worden war. „Ich nehme an, dass hier der ... Schlüssel verwahrt wurde, von dem Euer Untoter schrieb, als er noch lebte. Welche Form der hat, weiß ich leider auch nicht.“ Sie hielt abermals inne und neigte sich vor, um ihre Fingerspitzen vorsichtig über die Mulde gleiten zu lassen, die in den Sockel eingelassen war. „Ich frage mich, ob ... wer auch immer diesen Schlüssel an sich genommen hat, wirklich so viel besser informiert gewesen sein kann als ich? Ich meine ... was macht er ... oder sie denn jetzt damit?“

Assunta richtete sich auf, wandte sich zu Trautmann um und warf ihm einen Blick zu, der irgendwie anklagend wirkte. „Weiß er, was sich hinter der Tür verbirgt, die mit dem Schlüssel geöffnet werden kann? Wofür es gut ist? Und wenn ja, woher denn, wenn nicht aus den Büchern, die vollkommen unangetastet in Eurem Archiv lagen?“ Sie hob das Diarium, das sie mittlerweile wieder in der linken Hand hielt. „Wohin ist er nach seinem Fund gegangen? Und warum ist er überhaupt gegangen, statt hier nach dem Schloss zu suchen, zu dem dieser Schlüssel gehört? Wusste er ... oder sie, dass ein geweihter Bannstrahler das Artefakt um den Preis seiner Seele weggeschlossen hat – dass es also ziemlich sicher sehr gefährlich ist?“

Trautmann biss sich auf seine Unterlippe. Sein erster Gedanke ging in Richtung Greifhild, doch wollte er Assuntas Glaubensschwester, ihr gegenüber nicht noch einmal verdächtigen. „Es ist für mich schwer vorstellbar, dass es einer von den Menschen in der Burg war“, hob er dann an. „Niemand ist in den letzten Monden verschwunden oder neu dazu gekommen – bei der Anzahl der hier Lebenden ist es auch schwer für Auswärtige, sich unbemerkt einzuschleusen. Ich kenne ja meine Leute. Darüber hinaus bekommen wir nur selten Besuch.“ Der Junker runzelte die Stirn. „Noch dazu wollte niemand von ihnen freiwillig hier herunter kommen. Aber wer weiß ...“, seufzte er, „... vielleicht war es ein zufälliger Fund. Vielleicht wird der Schlüssel nun als Schmuckstück getragen. Wir wissen ja, wie Ihr sagtet, nicht, um was genau es sich dabei handelt. Es könnte wohl alles sein."

Der Gugelforster ging ein paar Schritte auf und ab. Schlussendlich verlor er den Kampf mit sich selbst und sprach das an, worüber er eigentlich schweigen wollte. „Vielleicht hat ihn auch ihre Gnaden gefunden. Vielleicht wusste sie um die Gefahr und hat den Schlüssel aus der Burg gebracht.“

„Ein zufälliger Fund?“, Assunta hatte Trautmann geduldig dabei beobachtet, wie er im Saal auf und ab tigerte, und deutete jetzt mit einer ziemlich beredten Geste auf die kleine Mulde, die sich von außen völlig unsichtbar in einem schweren steinernen Sockel befand, der bis vor wenigen Augenblicken noch massiv und vor allem sehr schwer ausgesehen hatte. So schwer, dass er mit der reinen Muskelkraft eines einzelnen Menschen niemals hätte bewegt werden können. Und der Mechanismus, mit dem er doch geöffnet werden konnte, war gut verborgen. Sehr gut. Ungewöhnlich für eine Ordensburg der Bannstrahler, die mit Heimlichkeit und Versteckspielen gemeinhin bekanntlich nicht viel am Hut hatten. „Das würde ich gern glauben“, meinte die kleine Lichtbringerin, nachdem sie den Anblick einen Moment schweigend auf ihren Gastgeber hatte wirken lassen, „aber ich kann es leider beim besten Willen nicht!“

Als das gesagt war hob sie die Schultern und seufzte leise: „Ich habe verstanden und das ja auch bereits zu erkennen gegeben: Von Euren Leuten war es Eurer Ansicht nach keiner. Ich habe keinen Grund, an dieser Einschätzung zu zweifeln. Und wenn Ihr sagt, dass es hier bis auf Ihre Gnaden keine Gäste gab und dass sich niemand ungesehen hätte einschleusen können ...“, nach den letzte Worten machte sie eine Pause und zog gedanklich von hinnen. Einmal mehr. Trautmann konnte beobachten, wie ihr Mienenspiel einen raschen Wandel durchlief. Sie schien etwas zu erinnern, was alles andere als angenehm war.

Schließlich schüttelte sie unwillig den Kopf und machte eine wegwerfende Handbewegung: „Die einfachste Erklärung ist meist die beste. Mir ist wohl bewusst, welche in diesem Fall die einfachste ist. Und wenn ich sage, dass ich es mir nicht vorstellen will, heißt das nicht, dass ich es nicht kann. Oder dass ich es nicht in Betracht ziehen würde, wenn mir keine bessere Erklärung einfällt. Also sagt mir ... was soll ich mit Eurer Vermutung jetzt anfangen? Wenn Ihre Gnaden diejenige ist, die den Schlüssel an sich genommen hat, was gedenkt Ihr dann zu tun? Welche Schritte wollt Ihr als Nächstes unternehmen?“

Insgeheim war der Junker froh, dass es die Lichtbringerin war, die seinen Gedanken zu Ende gesponnen hatte. Er wollte einer Angehörigen der Gemeinschaft des Lichts schließlich nichts unterstellen – nicht, nachdem er Assunta schon einmal dahingehend irritiert hatte. „Die Frage, die sich mir in diesem Fall stellen würde, wäre, ob sie nur den Schlüssel an sich genommen hat, oder auch das, was dieser Schlüssel versperren sollte.“

Er rieb sich das Kinn und blickte noch einmal in die leere Mulde. „Ich bin mir sicher, dass ihre Gnaden ganz und gar im Sinne ihrer Aufgaben als Priesterin und nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt hat, aber ich sorge mich um ihr Wohlergehen.“ Trautmann hatte gesehen zu was der Bannstrahler geworden war und er wollte sich nicht ausmalen, dass es Greifhild zukünftig genauso erging. „Entweder wir suchen nach ihr, oder wir verlassen uns darauf, dass sie hierher zurück kommt. Mehr Möglichkeiten haben wir nicht.“

„Nun ... Ihr kennt sie persönlich, ich nicht“, stellte Assunta nüchtern fest. „Wenn sie sich Euch gegenüber korrekt verhalten hat und Ihr unter dem Eindruck steht, dass sie ihren Pflichten als Priesterin in aufrechtem Ansinnen nachgekommen ist, werte ich das als gutes Zeichen. Dann stimmt es vielleicht ... hoffentlich, was Ihr sagt, und sie hat den Schlüssel nur an sich genommen, weil sie es für das Beste hielt, um eine Gefahr von Euch und den Euren fernzuhalten.“ Die Miene der Geweihten verriet allerdings Zweifel an dem, was sie gerade sagte. Als befürchte sie, dass die Absichten ihrer Schwester im Glauben eben nicht lauter gewesen sei.

„Allerdings bleibt für mich nach wie vor die Frage offen, warum sie Euch nicht über die Umstände aufgeklärt hat“, meinte Assunta denn auch. „Oder wenigstens Hochwürden darüber in Kenntnis gesetzt hat, dass er hier einen potenziell gefährlichen Gegenstand gibt, der die Aufmerksamkeit der Kirche erfordert. Versteht Ihr, was ich meine? Es dienen Geweihte in Anderath, die für diese Aufgabe deutlich besser geeigneten wären als Greifhild und darüber hinaus besteht die Pflicht, solche Vorfälle zu melden, allzumal wenn das Wohl Unbescholtener in Gefahr sein könnte.“

Die Sichlerin runzelte die Stirn, hob die Schultern und seufzte schließlich leise. „Was nun Eure Frage betrifft: Seit meiner ... Eingebung gestern bin ich überzeugt davon, dass das, was hier weggesperrt wurde, noch da ist. Es ist nur der Schlüssel verlorengegangen und der allein dürfte wenig ... nun ja ... ich weiß nicht ... .“ Sie richtete den Blick einmal mehr auf den „Thron“. „Ihr denkt, wir sollten davon ausgehen, dass Ihre Gnaden zurückkommt, um das Artefakt zu holen? Dazu müsste sie wissen, dass es überhaupt existiert ... wobei sie ... wenn sie es überhaupt ist ... ja irgendwie auch schon vom Schlüssel erfahren zu haben scheint, also liegt das vielleicht nicht so fern ...“

Nachdem sie diesen leicht verworrenen Bandwurmsatz über die Lippen gebracht hatte, wandte sich Assunta wieder zu Trautmann um und sah ihn fragend an: „Angenommen sie taucht in den kommenden Tagen wirklich wieder hier auf ... wie sieht Euer Plan dann aus? Wollt Ihr sie etwa direkt auf den Schlüssel ansprechen?“

Trautmann sann kurz über die Frage der Geweihten nach. So genau hatte er sich das noch nicht überlegt. Er würde wohl, wie so oft, improvisieren. „Ähm ... ja. Das würde ich wohl so tun. Ich denke, wir sollten unsere Bedenken und Erkenntnisse offen kommunizieren. Sollte ihre Gnaden den Schlüssel nicht verwahrt haben, hat sie vielleicht auch Erkenntnisse gewonnen. Sollte sie keine erworben haben, kann sie uns aber bestimmt mit Rat und Tat zur Seite stehen.“

Der Junker schob seine Augenbrauen zusammen und obwohl es für kurze Zeit so schien, als würde er eine Stellungnahme seines Gegenübers abwarten, fuhr dann doch fort: „Also was meint Ihr? Soll ich mich auf die Suche nach ihr machen, oder möchtet Ihr zuwarten?“

„Ich dachte, wir wären uns mittlerweile einig, dass wir sie entweder beide suchen gehen oder beide hier bleiben. Gemeinsam“, entgegnete  Assunta ungewohnt rasch und warf ihrem Gastgeber einen prüfenden Blick zu.

„Darüber hinaus bin ich leider ... auch nicht schlauer als Ihr. Es gibt so viele Variablen, so viele Dinge die unklar sind, dass ich die Situation nicht einschätzen kann. Sollte meine Eingebung von gestern ein Trugbild gewesen sein, liegt das eigentliche Artefakt vielleicht doch anderswo und sie ist gerade auf dem Weg da hin? Sollte sie nicht wissen, dass es ein Artefakt gibt, wollte sie vielleicht einfach nur den Schlüssel und trägt ihn jetzt in ihrem Unwissen ... wie sagtet Ihr? Als Schmuckstück? Sollte das Artefakt hier irgendwo verborgen sein und sie weiß es nicht, gibt es keine Garantie, dass sie je zurückkehrt. Weis sie es hingegen, ergibt sich die Frage: Warum ist sie nicht längst wieder hier? Ist sie vielleicht doch noch nach Anderath gegangen? Oder gleich nach Trallop? Wir wissen nicht, was sie weiß und können ihr Handeln daher nicht vorhersagen.“

Nachdem das gesagt war, starrte die Lichtbringerin einen Moment schweigend ins Leere und hob schließlich sacht die Schultern. „Ich könnte den Herrn Praios um einen Fingerzeig bitten. Oder eine Taube nach Anderath schicken und um Rat von Ihrer Hochwürden bitten. Oder wir lassen uns von unserer Intuition leiten ... was normalerweise nicht meine Art ist ... aber Eure ja vielleicht?“

„Hum ...“, der Junker kratzte sich am Kinn. In seinem Kopf arbeitete es sichtlich. Ja, die Geweihte hatte recht. Es war vereinbart gewesen, dass sie gemeinsam nach Greifhild suchen würden, wenn sie sich überhaupt dazu entschieden. Doch was würde geschehen, wenn sie unterwegs wären und Greifhild währenddessen auf Lichtwacht eintraf? Es gab auf der Burg niemanden, den Trautmann mit der Aufgabe betrauen konnte, in dieser Sache für ihn und Assunta mit ihrer Gnaden zu sprechen. Nein, niemand hier sollte überhaupt eingeweiht werden. Es würde wohl bloß in Chaos enden. Und auch wenn sie nun mit ihrer Suche begannen – wer sagte ihnen, dass Greifhild wirklich dort anzutreffen war, wo er sonst immer Kontakt mit ihr aufgenommen hatte? Vielleicht war sie  wirklich nach Trallop aufgebrochen oder nach Anderath ... Es würde ihnen wohl nichts anderes übrig bleiben, als hier auszuharren und zu warten.

„Ihr habt recht“, der Gugelforster nickte Assunta zu. „Das hatten wir vereinbart und daran werden wir uns auch halten. Da die Gefahr, dass ihre Gnaden gerade in unserer Abwesenheit hier eintrifft groß ist und wir nicht wirklich sagen können, wo genau sie sich gegenwärtig aufhält, werden wir wohl oder übel hier warten müssen.“ Trautmann wandte sich um und blickte sinnsuchend auf einen dünnen Lichtstrahl, der von oben in den Raum fiel. „Ich vertraue darauf, dass ihre Gnaden hierher zurückkommt und auch das versperrte Artefakt in Sicherheit bringen wird. Ich möchte nicht daran glauben, dass sie den Schlüssel an sich genommen hat, um ihn sich als Schmuckstück um den Hals zu hängen. Sie muss gewusst haben, dass es damit mehr auf sich hat.“ Der Burgherr wandte sich vom Lichtschein ab und fixierte die zierliche Lichtbringerin wieder. „Sie wird wohl bloß Hilfe holen ...“, es war Wunschdenken, dem war er sich bewusst, „... und wenn sie innerhalb eines Mondes nicht zurückkehrt, werden wir nach ihr suchen. Ich werde heute auch einen Boten zu unserem üblichen Treffpunkt schicken, vielleicht haben wir ja Glück.“

„Hmhum“, Assunta sah Trautmann nach seinen Worten einen Moment zweifelnd an. Wahrscheinlich hätte ihre Berufung ihr jetzt geboten, das Wunschdenken zurechtzurücken und ihm eine etwas kritischere Interpretation der Lage gegenüberzustellen. Aber das ließ sie dankenswerterweise bleiben und nickte nach kurzem Zögern einfach nur ergeben. „Es wird sich alles fügen“, meinte sie dann. Daran wiederum schien sie nicht den geringsten Zweifel zu haben.

einen knappen Mond später

Trautmann schritt langsam durch die St. Gilborns-Kapelle von Burg Lichtwacht. Die hier über Jahrhunderte herrschende Stille wurde dieser Tage durch den Klang vereinzelter Hammerschläge und sonstiges geschäftiges Treiben zerrissen. Der Junker nickte anerkennend. Schon recht bald nachdem Assunta die Kapelle als ungefährlich freigegeben hatte, begannen sie damit, diesen Ort in altem Glanz erstrahlen zu lassen. Er konnte die durch die Anwesenheit der Lichtbringerin entstandene Aufbruchsstimmung und Erleichterung bei den Menschen der Burg förmlich spüren. Es war ein Gefühl der Sicherheit, das Greifhild nie unter sie bringen konnte. Die Lichtwachter waren davon überzeugt, dass sich ihre Seelen in guten Händen befanden und wenn ihre Gnaden meinte, dass ihnen hier in der Kapelle nichts geschehen konnte, würde dies wohl auch so stimmen.

Der Gugelforster schritt an einem Seitenaltar vorbei. Hier stand die beschädigte Statue des Hochheiligen Sankt Gilborn von Punin, dem Ordensheiligen der Bannstrahler und Schutzpatron wider dunkle Magie. Er würde einen kundigen Steinmetz beauftragen müssen und selbst dann war es unsicher, ob dieses einstige Kunstwerk gerettet werden konnte. Trautmann wollte sich gar nicht ausmalen, warum die Statue des Namensgebers dieses einst heiligen Ortes so verunstaltet worden war, doch hing es wahrscheinlich mit dem Fluch zusammen, der auf dieser Burg lag ... oder besser: gelegen hatte.

Der Burgherr war noch in Gedanken versunken, als sein Knappe Bogumil an ihn herantrat. „Herr Trautmann, Ihre Gnaden Greifhild ist eingetroffen. Sie möchte Dich sprechen“, kam es in leisem Ton über dessen Lippen.

Der Junker musste an sich halten, damit ihm die Gesichtszüge nicht entgleisten. Er hatte nicht mehr damit gerechnet, dass die Geweihte vor dem Ablauf der Mondesfrist hierher zurückkam und sah sich schon die sprichwörtliche Nadel im Heuhaufen suchen. Ja, anfangs war er noch zuversichtlich gewesen, doch als sein Bote mit leeren Händen zurückkam, da ihm bei Greifhilds sonstigem Aufenthaltsort versichert worden war, dass sie sich dort nun schon länger nicht hatte blicken lassen, schwand seine Hoffnung auf ein Widersehen mehr und mehr. Trautmanns Nachricht wurde einer Vertrauensperson vor Ort übergeben, doch wusste der Ritter nicht, ob und wann das Schriftstück Greifhild erreichen würde.

„Begrüße sie in meinem Namen, gib ihr zu essen und zu trinken. Ich stoße gleich zu ihr“, wies er seinen Knappen nach einem Momenten des Schweigens an. „Ach ja, und schicke nach Ihrer Gnaden Assunta. Sie soll dabei sein.“ In der Nachricht, die sein Bote bei sich trug, hatte Trautmann nicht erwähnt, dass mit der Sichelwachterin hier nun eine weitere Geweihte zugegen war. Seine „Intuition“ riet ihm, dies zu lassen. Demnach dürfte die Reaktion der Trutzerin auf ihre Glaubensschwester schon einiges über ihre Absichten verraten.