Lucem demonstrat umbra - Ein Lokalaugenschein

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Burg Lichtwacht
am frühen Morgen des nächsten Tages

Die Nacht war stürmisch gewesen und das beständige Pfeifen des Augrimmers sorgte dafür, dass sich kein wirkliches Erholungsgefühl einstellen sollte. Darüber hinaus war es im Turm kalt gewesen – es zog wie in einem Vogelhaus und auch wenn die Gaststätten und Wegschenken oft nur ein einfaches Strohlager angeboten hatten, wünschte sich Trautmann für einen Moment in eben jene zurück. Sein Blick fiel auf den erkalteten Kamin und er seufzte, denn seine Gedanken waren in diesem Moment ein Stockwerk tiefer. Wie hatte die Geweihte wohl ihre erste Nacht auf seiner Burg verbracht? Ihre Kammer war im Gegensatz zu seinem Zimmer nicht geheizt und die Scharten ebenso nicht verschlossen.

Am Vorabend hatten sie sich nach dem Abendessen lange unterhalten und der Junker hatte ihr noch einmal alles erzählt, was er über diesen Ort herausfinden konnte. Es war nicht viel und seine mangelnden Kenntnisse der alten Sprachen taten ihr Übriges dazu, dass er kaum etwas zu berichten hatte. Die Lichtbringerin wirkte im Angesicht dessen tatsächlich etwas enttäuscht.

Die Glieder des Burgherrn waren noch reichlich schwer, als er die Treppe hinunter in das Erdgeschoss stieg, wo bereits das Morgenmahl für ihn und Assunta vorbereitet wurde. Trautmann jedoch grüßte bloß freundlich und bewegte sich weiter zielstrebig in Richtung Burghof. Dort wurde er mit dichtem Nebel konfrontiert, der es ihm – gepaart mit den diesigen Lichtverhältnissen – nicht einmal möglich machte, die Felswand am anderen Ende des Hofs zu erkennen, obwohl diese bloß 30 Schritt entfernt war. In diesen Höhen war das kein seltenes Phänomen und nicht zum ersten Mal fragte sich der Gugelforster, was seine Wacht wert wäre, wenn sich gerade in so einem Moment eine Horde Orks an ihnen vorbei schlich.

Der Grund für seinen morgendlichen Spaziergang war eine Abmachung mit Assunta. Am Vorabend hatten sie besprochen, dass er ihr „gleich nach dem Morgengebet“ die Kapelle und die Katakomben der Burg zeigen sollte. Entsprechend war der Ritter angetreten – wenn auch bloß in Leinenhemd, Lederweste, Lederhose und leichte Stiefel gewandet und nicht in der Aufmachung eines Kriegers. Vielleicht ein Zeichen dafür, dass der Burgherr die Gefahr an diesem Ort bereits als entschärft, oder gar gebannt betrachtete? Er kniff seine Lider zusammen und versuchte auszumachen, ob seine Begleiterin es ebenfalls bereits geschafft hatte.

Es war keine Überraschung, dass es sich genau so verhielt. Irgendwo hinter all dem Nebel  und der diesigen Luft war das Praisomal schließlich bereits aufgegangen. Das bedeutete, dass sich Assunta einen Ort gesucht hatte, den sie für angemessen hielt, um es zu begrüßen. Welcher genau das war, konnte Trautmann nicht sagen, denn die Praioranerin tauchte irgendwann recht unvermittelt schräg vor ihm auf. Zu seiner Verwunderung wirkte sie recht ausgeschlafen und entspannt.

So wie Trautmann nicht gerüstet war, hatte Assunta sich in keinen allzu auffälligen Ornat gekleidet. Auf den ersten Blick fiel ihm vor allem ein gestrickter Schal auf. Er war grobmaschig, dick, und tiefrot. Sie hatte ihn um ihre Schultern gewunden und er reichte bis zur Hüfte hinab. Darunter sah der Gugelforster eine weiße Tunika hervorblitzen – die obligatorische Filzkappe fehlte allerdings. Offenbar hielt Assunta die nicht für nötig, wenn sie nicht in der Öffentlichkeit wandelte.

„Praios zum Gruße, Trautmann“, meinte die Geweihte, als sie ein paar Schritt von ihm entfernt stehenblieb und ihn mit einem aufmerksamen Blick musterte. „Ich hoffe, Ihr hattet eine angenehme Nacht und seid für eine weitere Führung gewappnet?“

Trautmann nickte ihr knapp zu. „Angenehm, aber ungewohnt – nach all der Zeit in besseren Betten“, er lächelte. „Und Ihr? War Euch nicht zu kalt? Hat man Euch warme Steine in die Schlafstatt gelegt?“

Bevor die Geweihte Antworten konnte, tauchten zwei Knechte auf. Beide hielten brennende Fackeln in ihren Händen. Der Junker schien sie erwartet zu haben, wandte sich kurz von Assunta ab und nickte ihnen zu. „Na, dann können wir ja los.“ Nach einem aufmunternden Lächeln des Gugelforsters öffneten die beiden den Zugang zum Pavillon und die kleine Gruppe bewegte sich die Stiegen hinunter.

Eben jenes Pavillon-artige Gebäude stellte sich in weiterer Folge als oberer Teil einer Kapelle heraus, die zu mehr als der Hälfte in den Berg getrieben worden war. Damit der Raum bis in den untersten Winkel mit dem Licht der Praiosscheibe erhellt werden konnte, war ein interessanter Mechanismus aus inzwischen blinden Spiegeln konstruiert worden.

Die Treppe vom Einstieg bis hinunter auf den heiligen Boden verlief im Halbkreis an der Außenwand der Kapelle entlang. „Die Sankt-Gilborns-Kapelle“, führte der Junker auf ihrem Weg hinunter nicht ganz ohne Stolz aus und die Geweihte konnte deutlich sehen, dass bereits einige Arbeit investiert worden war, um die Räumlichkeiten wieder instandzusetzen.
 
Assunta stand auf der Treppe und war noch lange nicht damit fertig, sich ein Bild von der Bauweise der Kapelle zu machen, als sie zum ersten Mal Beklommenheit in sich aufsteigen fühlte. Es war hier definitiv anders als in anderen Tempeln ihres Herrn, doch konnte sie noch nicht genau sagen, woran das lag, oder ob von diesem Ort gar eine Gefahr ausging. Statt sich an dem Gedanken festzubeißen, nahm sie die Verfolgung der kleinen Gruppe auf, die sich eben anschickte, den Rundgang fortzusetzen.

Unter Lichtwacht befand sich neben einigen Kerkerzellen, weiteren Unterkünften und den Koschbasaltkammern auch ein Kapitelsaal, der, wie genau wie die Kapelle, mittels Spiegeln durch Tageslicht beleuchtet war.

Alles in allem erschien der Lichtbringerin dieser Ort wie ein Festung innerhalb der Burg. Auf die Frage, wer diese Anlage erbaut hatte, meinte Trautmann nur, dass man bei Aufräumarbeiten die eine oder andere zwergisch anmutende Rune gefunden hatte und dass die Kapelle hier ob ihrer Lage im Finsterkamm wohl einst auch eine Funktion als Wehrgebäude und vielleicht gar als Fluchtburg hatte.

Immer wieder streute Trautmann während ihrer Besichtigung Geschichten über den Befreiungskampf ein, die die in diesen Räumen geführt hatten. Er berichtete, wie ein untoter Feldherr auf einer Art Thron inmitten seiner untoten Schergen im Kapitelsaal auf sie gewartet hatte, dass er sie bedrohte und dass sie im Dunkeln ein Rückzugsgefecht hatten fechten müssen, nur um das unheilige Treiben schlussendlich mit Praios‘ Macht und durch das Licht der Spiegel zu vernichten.

Der Junker gab seinen Bericht mit leuchtenden Augen und einer merkwürdigen Begeisterung ab – und ließe dabei irgendwie ein Bewusstsein dafür vermissen, wie ernst die Situation damals wirklich gewesen war, vielleicht ja sogar auch noch immer. Und zwar nicht nur für seinen Leib und sein Leben, sondern auch für sein Seelenheil.

Wieder zurück in der Kapelle wurde der Rundgang vorerst beendet. Trautmanns Blick lag fragend auf der Lichtbringerin. „Und wie ist Euer Eindruck?“ Der Junker hatte schon einmal gehört, dass einige Geweihte unheilige Präsenzen fühlen konnte, weswegen er Assuntas Meinung mit Spannung erwartete.

Wie so oft ließ die sich jedoch Zeit mit ihrer Antwort. Sie sah ihn erst prüfend an, ließ den Blick dann nachdenklich durch die merkwürdige Kapelle gleiten und richtete ihn schließlich nach oben, zu der gebogenen Kuppel hin.

„Ich kann spüren, dass hier etwas ist“, meinte sie nach einer ausgiebigen Bedenkpause. „Das heißt, dass dieser ... Fluch entweder sehr mächtig war, oder dass Reste davon im Gemäuer verblieben sind.“ Sie überlegte kurz und neigte den Kopf leicht zur Seite. „Das ist nicht weiter verwunderlich, denn nach allem, was wir wissen, haben sich der Feldherr und seine Schergen 600 Götterläufe lang hier aufgehalten. Vermutlich hat also auch 600 Götterläufe lang irgendeine Art von Magie gewirkt – oder etwas anderes. Derlei versiegt selten auf einen Schlag, ohne irgendwelche Spuren zu hinterlassen. Mir gibt zu denken, dass dieser Untote mit Euch gesprochen hat. Das legt den Schluss nahe …“

An dieser Stelle hielt sie inne, löste den Blick vom Dach der Kapelle und richtete ihn erst auf die beiden Knechte, anschließend auf den Herrn des Hauses.

„Gleich wie: Das sind jetzt nur Gefühle, Vermutungen. Um sicherzugehen, müsste ich meinen Herrn um Beistand bitten. Die Frage ist, ob ich das jetzt gleich tun soll, oder später am Tag? Und auch, ob ich wirklich hier anfangen sollte oder nicht eher im Kapitelsaal, wo der Feldherr und die Seinen offenbar ausgeharrt haben.“ Sie krauste die Nase und räusperte sich leise. „Das Zweitere werde ich wohl allein entscheiden, zu Ersterem müsstet Ihr mir etwas sagen. Wie eilig ist es?“

Trautmann überging ihre letzten beiden Fragen und hakte stattdessen bei der Aussage über den untoten Anführer nach, der ihm in den Katakomben begegnet war. „Welchen Schluss lässt dies zu?“, fragte er und seine Stimme war geprägt von leichter Sorge. „Meint Ihr, dass wir hier nicht sicher sind? Dass dieser Feldherr immer noch ... hier ... ist?“

Der Gugelforster fasste sich jedoch schnell und blickte sich dann in der Kapelle um. „Ich denke, es wäre gut, wenn Ihr so bald wie möglich damit beginnt. Wir vertrauen Euch. Solltet Ihr irgendetwas benötigen, gebt mir Bescheid.“

Assunta hatte nahezu unmittelbar angehoben, um Trautmanns Fragen zu beantworten, war aber dennoch nicht schnell genug, um ihren Wortbeitrag zwischen seine Beiden zu schieben. Nachdem der Gugelforster geendet hatte, herrschte einen Moment Stille, dann sah die Praiosgeweihte noch einmal zu den beiden Knechten hinüber und runzelte die Stirn.

„Lasst und das unter vier Augen besprechen, ja?“, meinte sie.  „Ich schlage vor, dass wir unser Frühstück drüben im Wohnturm einnehmen. Ich schildere Euch, was es aus meiner Sicht zu schildern gibt, und danach kehren wir beide – nur wir – hierher zurück, damit ich mir den Ort noch einmal genauer anschauen kann. Ich werde tatsächlich Hilfe brauchen. Aber nicht viel. Eine Person reicht als Unterstützung.“

Trautmann konnte die fragenden Blicke seiner Knechte förmlich spüren, deshalb wandte er sich kurz zu den beiden jungen Männern um und nickte ihnen, Assuntas Worte bestätigend, zu. „In Ordnung“, bestätigte der Junker dann der Geweihten und gemeinsam verließen sie die Kapelle über die Stiegen hinauf, dem nun durch den Nebel brechenden Licht des Praiosmals entgegen.


***


Wenig später saßen sie in dem großen Gemeinschaftsraum, der Trautmann selten so leer und leise vorgekommen war wie jetzt. Jeder hatte eine Schüssel Haferbrei vor sich auf dem Tisch stehen, sie hatten einander „Wohlschmecken!“ gewünscht und er die ersten Bissen bereits verzehrt, während Assunta noch nachdenklich ins Leere starrte. Als würde sie überlegen, wo oder wie sie am besten anfangen sollte.

„Einiges von dem, was ich Euch jetzt erzählen werde, ist nicht wirklich für die Ohren Uneingeweihter bestimmt, aber ich denke, dass ich es Euch nicht vorenthalten kann, wenn Ihr begreift sollt, warum Ihre Hochwürden und ich uns nahezu von Beginn Eurer Schilderungen an Sorgen über die Situation hier auf der Burg gemacht haben.“ Sie hielt kurz inne, richtete den Blick dann auf ihren Brei und rührte ein paarmal lustlos darin herum. „Ich verstehe nicht, warum dieser Hesindianer und Ihre Gnaden Greifhild ...“

Statt den Satz zu beenden seufzte die Lichtbringerin leise, atmete anschließend einmal tief ein uns straffte ihre Haltung. Nachdem das vollbracht war, hob sie auch den Kopf wieder und suchte den Blick ihres Gastgebers.

„Was wisst Ihr über untote Kreaturen, Trautmann?“, fragte sie ganz unvermittelt. „Seid Ihr vor denen hier auf Lichtwacht schon mal welchen begegnet? Habt Ihr Geschichten über sie gehört? Wisst ihr, wie Unleben entsteht?!“

Als die Fragen ausgesprochen waren, zeigte sich ein interessantes Mienenspiel auf den Zügen des Junkers. Er schwieg vorerst, doch verrieten sein zuckender Mundwinkel, gefolgt vom Kauen auf seiner Unterlippe, und die beständig wandernden Augenbrauen, dass der Gedanke an Dinge wie Unleben und Untote in ihm gehöriges Unwohlsein hervorrief. Trautmann war den Kampf gegen die Orks gewöhnt, vielleicht auch einmal den Kampf gegen Goblins, Banditen oder die kreischenden Harpyienweiber. Aber Untote? Nein, damit wollte er auch gar nichts zu tun haben.

„Nein“, meinte er deshalb knapp. „Vor meiner Begegnung hier in Lichtwacht habe ich noch nie mit diesem ... äh ... Problem ... zu tun gehabt.“ Kurz überlegte der Gugelforster. „Geschichten habe ich schon ein paar gehört. Dass man ihnen am besten mit stumpfen Waffen begegnet und dass sie das Licht des Herrn Praios nicht mögen zum Beispiel. Deshalb nahmen wir ja damals auch diese Spiegel zur Hilfe.“

Trautmann hob die Schultern, legte seinen Löffel beiseite und musterte sein Gegenüber mit starrem Blick. Innerlich hatte er sich schon einen Reim darauf gemacht, warum die Lichtbringerin allein mit ihm reden wollte und ihr Gesicht, dem sonst nicht viel Regung entnommen werden konnte, sorgenvolle Züge trug. „Meint Ihr, es ist sehr schlimm?“

Assunta wiegte nachdenklich den Kopf. „Was ich Euch jetzt sage, tragt Ihr nicht weiter, sind wir uns da einig?“, fragte sie dann und wartete, bis der Gugelforster mit einem Nicken seine Zustimmung signalisiert hatte. Erst danach legte sie ihren Löffel weg und hielt ein letztes Mal kurz inne, um sich zu sammeln.

„Untote werden von Zauberern erhoben. Sie sind gemeinhin nicht zu einem geordneten Denken fähig und sehr kurz ... nun ja ... lebig. Spätestens der nächste Sonnenaufgang setzt ihrem Dasein ein Ende“, fing sie schließlich an. „Fähigere Magier können auch Wesen erschaffen, die solange wandeln, bis sie zur Strecke gebracht werden. Die sind jedoch ebenfalls bloße Werkzeuge ihrer Herren. Stumpfsinnig, ohne einen eigenen Willen. Das hat damit zu tun, dass sie kein Bewusstsein ... keine Seele besitzen. Denn die ist ja bereits in die göttlichen Paradiese eingegangen und kann den Alveraniern durch menschliches Wirken nicht einfach wieder entrissen werden.“

Assunta machte eine kurze Pause und fuhr sich dabei mit fast verlegen wirkender Geste über die Stirn. „Eine Kreatur, die 600 Jahre an einem Ort ausharrt, über andere Untote befiehlt und noch dazu sprechen kann, fällt in keine dieser Kategorien. Dabei muss es sich um etwas anderes handeln. Tatsächlich gibt es weitere Gründe, aus denen sich tote Körper wieder erheben: zum Beispiel, wenn ein Dämonen in sie einfährt.“

Offenbar bemerkte sie sofort, dass sich Trautmanns Augen bei dieser Nachricht vor Schreck weiteten, denn sie hob rasch die rechte Hand.

„Ich glaube nicht, dass das hier der Fall war“, meinte sie leise. „Allerdings, so viel Ehrlichkeit muss sein, macht es das nicht unbedingt besser. Es würde bedeuten, dass die Seele des Hauptmanns entweder in seinem toten Körper verblieben ist, oder eine andere Seele an ihn gebunden wurde. Nur so kann ein denkender, sprechender Untoter mit eigenem Willen und eigenen Zielen entstehen. Gründe dafür könnten sein, dass ...“

Assunta hielt erneut inne, diesmal um ihren Gastgeber mit einem langen, nachdenklichen Blick zu messen. Es wirkte ein bisschen so, als würde sie sich fragen, ob sie weiter sprechen, oder ihm den Rest besser ersparen sollte. „Ich will der Sache auf den Grund gehen. Es kann sein, dass ich damit an Dinge rühre, die im Augenblick schlummern. Daher ist es besser, ich ziehe andere ins Vertrauen. Für den Fall, dass mir etwas Unvorhergesehenes wiederfährt, muss jemand in meinem Sinne handeln können – und da bleibt nur Ihr“, erklärte sie mit einem entschuldigenden Lächeln.

„Anderenfalls müsste ich den Inquisitor doch gleich hinzu rufen. Das ist in diesem Stadium eigentlich verfrüht. Aber wenn Euch damit wohler wäre, tu ich es natürlich.“

Trautmanns Blick lag für einige Momente auf der Geweihten, nur um anschließend an ihr vorbei oder durch sie hindurch zu gehen. Begleitet wurde dieses Gebaren von einem leichten Kopfnicken, das sie nicht wirklich zuordnen konnte. War es ein Zeichen der Zustimmung? Und wenn ja, zu welcher Frage? Der Ritter nahm sich seine Zeit, bis er dann doch noch klare Worte fand.

„Ich werde Euch unterstützen, wo ich nur kann“, kam es mit gedämpfter, aber fester Stimme. „Doch möchte ich nicht, dass Ihr Euch unnötig in Gefahr begebt. Ich habe Hochwürden Heliopais versprochen, dass Euch nichts geschehen wird und würde es mir nicht nur deswegen niemals verzeihen.“ Der Junker wog seinen Kopf und ließ Assunta dabei nicht aus seinen Augen. „Ihr könnt auf mich zählen, doch wenn Ihr auch nur die geringsten Zweifel daran habt, dass Ihr das Ganze ohne Schaden an Leib und Leben überstehen werdet, wäre es vielleicht besser, wir würden Ehrwürden Patras hinzu ziehen.“

„Ich vertraue Euch und ich zähle auf Euch“, Assunta erwiderte den Blick des Gugelforsters mit einem Lächeln, das für ihre Verhältnisse ziemlich verbindlich wirkte, und nickte dann ebenfalls. „Ich verspreche Euch überdies, dass ich nichts tun werde – nicht wissentlich jedenfalls –, was die Einhaltung Eures Versprechens an Hochwürden gefährden könnte. Fürs Erste möchte ich nur herausfinden, womit wir es zu tun haben, und ich glaube nicht, dass ich dadurch einen Schaden an Leib oder Leben auf mich herab beschwören kann. Eher schon fürchte ich den Zustand der Entrückung, in dem ...“

Sie hielt inne und runzelte die Stirn. „Ihr seid der Sohn einer Hochgeweihten der Eidmutter, Ihr wisst was ich meine, nicht wahr?“, hakte die Lichtbringerin nach. Als Trautmann nickte, wurde ihr Lächeln eine Spur breiter: „Mit ‚Ihr müsst in meinem Sinne handeln, wenn ich das selbst nicht mehr kann‘ meine ich unter anderem, dass Ihr auf mich einwirken solltet, wenn Ihr das Gefühl bekommt, dass die Nähe zum Gleißenden mein Selbstvertrauen zu sehr stärkt und ich anfange, Dinge zu tun, die eventuell doch gefährlich sein könnten. Sollte ich mich  anschicken, etwas anderes zu tun als nach Spuren von Magie in den Katakomben oder nach Unterlagen des Heerführers im Scriptorium zu suchen, ist Vorsicht angezeigt.“

Trautmann nickte pflichtbewusst und glaubte, ein amüsiertes Funkeln in den Augen der gebürtigen Sichlerin zu erkennen, war sich seiner Sache aber nicht ganz sicher. Bevor er zu einem Schluss kommen konnte, fuhr sie schon in geschäftsmäßigem Ton fort:

„Soll ich Euch sagen, welcher Ursprung für Euren Untoten meiner Meinung nach übrig bleibt? Oder wollt Ihr es lieber gar nicht wissen?“
 
Trautmann rang ein paar Herzschläge mit sich. Wollte er es wirklich wissen? Schlussendlich obsiegte die Neugier – eine Eigenschaft, von der er geglaubt hatte, sie aus seinem Wesen verbannt zu haben. Wie schlimm konnten die Worte der Geweihten denn schon werden? Der Junker nickte Assunta zu und versuchte einen mutigen oder wenigstens nahe an der Gleichgültigkeit liegenden Gesichtsausdruck zu wahren. „Untote ... Dämonen ... Geister sind nicht mein Steckenpferd“, hob er dann bescheiden lächelnd an. „Aber ich bin bereit, zu lernen. Ich denke, dass ich mich als Herr dieser Burg auch mit diesen Dingen befassen sollte. Zu lange schon habe ich mich den hier herrschenden Umständen verschlossen.“

Der Gugelforster seufzte leicht. „Was meint Ihr, welchen Ursprung dieser untote Feldherr hier hatte?“

Assunta bedachte ihn mit einem prüfenden Blick, ehe sie wieder anhob. „Ich fasse mich kurz, oder versuche es zumindest“, meinte sie. „Wenn alle bisher angesprochenen Varianten ausscheiden, bleiben vor allem noch zwei: Der Feldherr könnte seine Seele zu Lebzeiten an Wesenheiten verkauft haben, die dafür sorgten, dass sie dem Zugriff der Götter in seinem Tode entzogen war. Dann müssten wir uns fragen, welches Ziel er in den vergangenen 600 Jahren verfolgt hat. Oder der Ort an sich ist von finsterer Magie durchdrungen und hat dafür gesorgt, dass seine Seele an derische Gefilde gebunden blieb, obwohl sie nach seinem Tod gen Alveran hätte aufsteigen müssen. In dem Fall ... gälte es herauszufinden, welchem ... Zweck das gedient hat?!“

Die Lichtbringerin krauste die Nase und hob die Schultern. „Das sind die Dinge, die mir noch einfallen. Sollte es etwas ganz anderes sein, würde das meinen Horizont aller Voraussicht nach weit übersteigen.“ Sie schniefte leise und warf einen nachdenklich Blick auf ihre Grütze. „Sollen wir gleich anfangen“, erkundigte sie sich nach einem kurzen Zögern. „Oder habt Ihr noch  Appetit?“

Der Junker hatte der Praiosgeweihten aufmerksam zugehört, während sich seine Augen beständig weiteten. Als Antwort folgten vorerst bloß ein knappes Nicken und ein vielsagender Blick, der zwischen dem angerichteten Morgenmahl und dem Gesicht der Lichtbringerin hin und her ging.

Im Kopf des Adeligen ratterte es unterdessen. Er war ein einfacher Mann aus frommer Familie. Sein Leben war ausgerichtet auf sein unerschütterliches Vertrauen in die Gnade und Unfehlbarkeit der Götter. Nie konnte er nachvollziehen, warum es Menschen gab, die dem Bösen anheimfielen oder vielmehr: das Böse selbst mit offenen Armen aufnahmen. Trautmanns Mutter hatte ihm unzählige Male vom Wert der unsterblichen Seele gepredigt – wie wichtig es war, ein guter Mensch zu sein und sich keine Schuld aufzuladen.

Der Gugelforster schluckte. „Ich denke wir können gleich damit beginnen. Ich werde mich jedoch noch umkleiden.“ Unsicher lächelnd blickte der Junker an sich herab. Nach diesem Gespräch fühlte er sich ohne Metall am Körper nicht mehr gewappnet. „Wenn Ihr möchtet, könnt Ihr hier auf mich warten, oder Ihr geht schon einmal vor und ich komme nach.“

Nachdem er angekündigt hatte, dass er sich erst noch umziehen wollte, warf Assunta dem Gugelforster einen überraschten Blick zu, kommentierte das aber nicht, sondern schüttelte nur den Kopf. „Ich werde noch ein paar Dinge aus meinem Zimmer holen und dann warte ich hier unten auf Euch, würde ich sagen. Ich nehme an, es dauert nicht allzu lange?“


***


Es dauerte dann aber doch etwas länger, bis der Ritter wieder in den Gemeinschaftsraum hinab gestiegen kam – und Assunta endlich verstand, warum er sich fürs Umziehen seinen Knappen heran zitiert hatte. Als Trautmann zurück in den kleinen Saal kam, in dem sie das Frühstück eingenommen hatten, klärten sich alle Fragen auf einen Schlag auf: Der Junker hatte sich tatsächlich gerüstet.

Wie oft war er wohl schon im Leinenhemd und Hose hinunter in die Kapelle gegangen? Und jetzt das! Es schien, als hätte das vorangegangene Gespräch eine starke Wirkung hinterlassen. Nun stand Trautmann in Kettenrüstung und mit Langschwert gegürtet vor der Geweihten. „Ich bin bereit...“, verlautbarte er selbstbewusst.

Assunta nahm es mit einem Lächeln zur Kenntnis und ließ sich hernach noch einen Moment Zeit, um ihn in seiner neuen Aufmachung genau zu mustern. Dem Funkeln in ihrer Augen nach zu urteilen, war die Situation für sie nicht ganz frei von … Komik. Sie verzog aber keine Miene, sondern nickte nur anerkennend.

„Sehr stattlich“, meinte sie und erhob sich vom Tisch, an dem sie gewartet hatte. Sie griff nach einer Tasche, deren langen Tragegurt sie sich mit einer beiläufigen Geste über die Schulter streifte und deutete dann auf eine Sturmlaterne, die – bereits entzündet – neben dem Ofen stand. Das Stück war kunstvoll verarbeitet und Trautmann fiel sofort die praioranische Symbolik ins Auge. „Würdet Ihr die bitte nehmen?“, fragte Assunta. „Dann könnten wir aufbrechen.“

Trautmann war das Amüsement der Geweihten nicht entgangen, doch ließ er es unkommentiert. Der Ritter fühlte sich in gefährlicher Umgebung einfach sicherer, wenn er Metall am Körper fühlte. Er nickte Assunta zu, dann griff er nach der Laterne. „Gehen wir.“

Als die beiden vor dem Eingang angekommen waren, wandte sich der Burgherr noch einmal zur Lichtbringerin um. „Diese Laterne ...“, er hob sie leicht an, „... eine schöne Arbeit. Aber ich nehme an sie ist mehr als das, wonach sie aussieht?“

„Ich bin zuversichtlich, dass sie nicht erlöschen wird. Wir müssen uns also keine Sorgen machen, plötzlich ungewollt im Dunkeln zu stehen“, meinte Assunta, während sie sich daran machte, die Treppen hinab in den Tempel ein zweites Mal an diesem Tag in Angriff zu nehmen. Sie bedeutete Trautmann, ihr zu folgen und meinte dann im Gehen: „Außerdem kann sie uns Schutz spenden, wenn irgendetwas Unvorhergesehenes passieren sollte. Ein bisschen jedenfalls. Es ist also in der Tat keine ganz gewöhnliche Laterne.“

Nachdem das geklärt war, gingen sie gemeinsam in den Raum, in dem Trautmann und seine Begleiter dereinst zum ersten Mal auf den Untoten getroffen waren, der der Kirche des Lichts so viel Kopfzerbrechen bereitete. Hier war eigentlich alles noch so, wie der Gugelforster es vorgefunden hatte, denn die Keller des Tempelgewölbes gehörten nicht zu den vordringlichsten Aufgaben, die es auf Lichtwacht zu erfüllen galt.

Er hatte Assunta schon bei ihrem ersten Aufenthalt vorhin genau erklärt, was in diesem Raum wie und wo passiert war – und vor allem, wo der Untote gehockt hatte, als sie zum ersten Mal auf ihn gestoßen waren. Es handelte sich tatsächlich um eine Art Thron oder steinernen Lehnstuhl. Genau auf den deutete die Lichtbringerin nun, ehe sie sich zu ihm umwandte und fragend die Brauen hob:

„Dort, nicht wahr? Und hier hockten auch seine ganzen Lakaien? Ihr hattet den Eindruck, dies hier sei der gewöhnliche Aufenthaltsort, habe ich das richtig verstanden?“

Trautmann schritt noch einmal den Raum ab. „Das ist richtig“, bestätigte er dann. „Der ... äh, Feldherr ... saß in sich zusammen gesackt auf diesem Thron. Wir dachten erst, es wären bloß die sterblichen Überreste eines Bannstrahlers, die nie jemand ordnungsgemäß bestattet hat.“ Der Junker setzte seinen Weg fort. „Ist leider nicht ungewöhnlich hier in den Hängen des Finsterkamms, dass ... äh ... Menschen unbestattet bleiben.“

Kurz überlegte der Gugelforster, ob er Assunta die Geschichten von verlassenen Höfen und Geistererscheinungen erzählen sollte, die in der Trutz vielerorts kursierten. Der Ork kam in seiner Zerstörungswut öfter über das Land und nicht alle Seelen der Ermordeten hatten den Flug über das Nirgendmeer angetreten.

„Als wir den Raum betraten, erwachte er zum Leben. Verhöhnte und bedrohte uns. Dann erhoben sich seine Diener.“ Trautmann hatte seine Runde beendet. Es schien der Lichtbringerin so, als habe er sich mit seinem Rundgang noch einmal in die Lage versetzen wollen, in der sie sich damals beim Kampf gegen die unheilige Brut befanden. „Was denkt Ihr, welche Schuld sich die Burgbesatzung aufgeladen hat, um so zu enden?“, fragte er dann betroffen. „Und war es gar die gesamte Besatzung der Burg, die den Fluch auf sich geladen hat? Oder reicht es, wenn es deren Anführer war?“

Nachdem die Frage gestellt war, schwieg Assunta eine ganze Weile. Sie wirkte irgendwie abwesend – ein bisschen so, als wäre ihr inneres Auge weiter auf das Szenario gerichtet, das Trautmann in ihren Gedanken heraufbeschworen hatte. Er war sich schon gar nicht mehr sicher, ob die Lichtbringerin seine letzten Worte überhaupt gehört hatte, als sie sich schließlich räusperte und anhob.

„Da sind verschiedene Varianten denkbar“, meinte sie bedächtig. „Sollte dies ein wahrlich böser Ort sein, müssen die armen Leute gar keine Schuld auf sich geladen haben, dann wäre es ihnen einfach wiederfahren. Allerdings würde sich die Frage stellen, warum er seine Seele behalten hat, während sie alle gewöhnliche Untote waren.“ Sie hielt kurz inne und hob die Brauen: „Hätte er seine Seele gegen Macht eingetauscht, könnte eine der Gegenleistungen die Fähigkeit gewesen sein, Untote zu erheben, ohne dabei bewusst Magie wirken oder sonstiges Wissen haben zu müssen. Wurde die Seele eines anderen Wesens im bereits toten Körper des Bannstrahlers verankert, hätte die Person oder Kreatur, die diese Tat vollbrachte, zugleich auch dafür sorgen können, dass sein Hofstaat im Unleben verharrt. Es ist so schwer zu sagen. Ich wü...“

Abermals hielt die Geweihte inne – diesmal deutlich länger. Es schien, als würde sie endlich wieder ganz aus ihrer Gedankenwelt auftauchen: Sie runzelte die Stirn, blinzelte und warf dem Gugelforster einen nahezu überraschten Blick zu. Als sei sie sich jetzt erst wieder bewusst geworden, wer er eigentlich war, und bedauere, ihn abermals mit Wissen belastet zu haben, nach dem er in der Detailtiefe wohl niemals strebte.

„Verzeih...t“, murmelte sie denn auch. „Wir sind ja hier, weil wir nicht länger spekulieren wollen, richtig?“ Kaum dass das gesagt war, stellte sie ihre Tasche neben der Türöffnung ab und kramte etwas daraus hervor. Trautmann erkannte erst, dass es sich um eine reich verzierte Stola handelte, als sie den Schal ablegte und sich das gute Stück stattdessen über die schmalen Schultern legte. Hernach griff sie nach einem länglichen, Gold glänzenden Gegenstand, dessen Form er nicht auf Anhieb erkennen konnte und richtete sich auf, um ihm einen fragenden Blick zuzuwerfen:

„Ich werde einen Kreis ziehen, der uns im Notfall Schutz bietet und dann werde ich den Herrn Praios und seine Schwester Hesinde bitten, mir einen ... genaueren Blick auf diesen Raum zu gestatten. Ist Euch daran gelegen, alles zu verstehen, was hier geschieht und was ich sage? Oder soll ich einfach wirken, wie ich es gemeinhin tun würde, und Ihr stellt mir hinterher Fragen, wenn es welche gibt?“

Trautmann hatte ihr aufmerksam zugehört. Er wollte es verstehen, doch konnte er das nicht. Vielleicht war es auch besser so – die Götter stellten einen jeden Menschen seinen Platz und wiesen ihm die damit verbundene Aufgabe auf dem Dererund zu. Der Bauer hatte auf dem Feld zu stehen, der Schmied an der Esse. Ein Ritter hatte sich um den Schutz seiner ihm Anbefohlenen zu kümmern, auch wenn das bedeutete, dass er sich bei Dingen, die seinen Horizont überstiegen, an andere Autoritäten musste. Wie auch jetzt. Er war froh, dass Assunta hier bei ihm war. Er konnte sehen, dass sie einen ganz anderen – viel professionelleren und pflichtbewussteren – Zugang hatte als Ihre Gnaden Greifhild.

„Ich möchte Euch nicht von Eurer Aufgabe abhalten“, beantwortete der Junker dann die Frage. „Ich bin hier, solltet Ihr mich brauchen. Ich werde auf Euch und Euren Zustand Acht geben, wie wir besprochen haben.“ Kurz folgte ein schmales Lächeln. „Ich denke also, dass es vollkommen ausreicht, wenn Ihr mir danach erzählt, was Ihr herausgefunden habt.“

„Fein“, Assunta nickte bestätigend. Dann deutete sie einladend in Richtung des steinernen Sessels, auf dem der Anführer der Untoten dereinst gethront hatte. „Dort hinüber, bitte“, meinte sie, schritt ohne Zögern voran und wies Trautmann einen Platz vielleicht vier, fünf Schritt von der Stelle entfernt – ziemlich mittig im Raum. „Ihr bleibt einfach bei mir ... genau dort stehen“, entschied sie, ehe sie sich daran machte, einen Kreis von etwa zwei Schritt Durchmesser um den Junker herum auf den staubigen Boden zu zeichnen. Mit besagtem schmalem Gegenstand, bei dem es sich offenbar um eine goldene Feder handelte. Oder eine Feder aus Gold. Genau konnte Trautmann das nach wie vor nicht sagen.

Assunta malte also einen ziemlich perfekten Kreis und prüfte ihr Werk mit kritischem Blick, ehe sie zu Trautmann in das Rund stieg und die Feder sorgfältig unter ihren breiten Gürtel schob. „Alsdann, fangen wir an“, meinte sie und schenkte ihrem Gastgeber ein Lächeln von der zurückhaltenden Sorte, die er mittlerweile nur zu gut kannte.

Anschließend wandte sie ihm kurzerhand den Rücken zu. Stellte sich zwischen ihn und den Thron, hielt inne, um tief einzuatmen und hob beide Hände in einer Geste, die halb fordernd, halb beschwörend wirkte – jedenfalls soweit Trautmann das von hinten beurteilen konnte. Er sah, dass die Handflächen geöffnet und nach oben gewandt waren, etwa auf Höhe ihrer Hüfte. Es kam ihm außerdem vor, als würde die schmale Geweihte von einem Moment auf den nächsten ein gutes Stück wachsen, aber das lag wohl nur daran, dass sie ihre Haltung straffte und das Kinn leicht anhob. So harrte sie eine ganze Weile aus.

Und dann noch ein bisschen länger. Bis sich Trautmann fragte, ob „wie ich es gemeinhin tun würde“ bei dieser Priesterin bedeutete, dass sie einfach stumme Zwiesprache mit ihrem Gott hielt – und er im Grunde gar nichts von dem mitbekommen würde, was um ihn herum geschah. Just in dem Moment hob Assunta die Stimme und er musste an sich halten, um nicht überrascht zusammenzuzucken, denn diesmal murmelte sie nicht, sprach nicht leise und zögernd, sondern donnerte die Worte in den Saal hinaus: laut, befehlsgewohnt und in jener Sprache, die er bereits seit Anderath für Bosparano hielt.

Trautmann meinte den Namen Praios und seiner Schwester Rondra zu hören, mehr Reim konnte er sich auf das Ganze nicht machen. Dann war es auch schon wieder vorbei. Auf die herrischen Worte der Geweihten folgte ein Moment der Stille, in dem der Gugelforster Licht in den eigentliche gebrochenen Spiegeln um sich herum aufleuchten sah – und auch das Feuerchen in seiner Laterne schien für einen Moment heller zu strahlen.

Obwohl sich der Junker geschworen hatte, still zu sein und Ruhe zu wahren, konnte er einen kurzen Laut des Staunens und der Überraschung diesmal nicht unterdrücken. Er war schon öfter im Tempel bei Liturgien zugegen gewesen. Den Rondratempel zu Reichsend hatte er täglich besucht und im Tempel der Travia zu Weidenhag gar seine Kindheit verbracht. Mit Praios und seinen Liturgien hingegen hatte er noch keine Berührungspunkte gehabt, aber er begegnete dem Götterfürsten und seinen Dienern mit angemessener Demut und dem nötigen Respekt.

Kurz weilte sein Blick auf der Laterne, von welcher in diesem Moment auch eine angenehme Wärme auszugehen schien. Auf den Lippen des Junkers zeigte sich ein schmales Lächeln, dann wandte er sich wieder dem Rücken Assuntas zu. Er hatte eine Aufgabe, so banal sie auch schien, aber er würde sie so gut es ging erfüllen.

Er nahm wahr, wie die Praioranerin ihre Hände vor der Brust zusammenführte. In einer Geste, die nun eindeutig nach Gebet aussah. Dann hielt sie wieder einen Moment inne, bevor sie erneut zu sprechen begann – nicht ganz so laut und herrisch wie gerade eben, aber doch mit sehr klarer Stimme, die deutlich tiefer und voller klang, als Trautmann es von ihr gewohnt war. Das Gebet dauerte länger als das, was Assunta vorher getan hatte. Was auch immer es gewesen sein mochte. Schließlich verstummte die Lichtbringerin jedoch, öffnete im gleichen Moment die Hände und kehrte die Handflächen einmal mehr nach oben.

Aus seiner Position in zweiter Reihe nahm Trautmann wahr, dass sie den eben noch leicht geneigten Kopf wieder hob, wohl um sich im Raum umzuschauen. Er selbst sah in erster Linie, dass abermals Licht in den Spiegeln aufblitzte und wie die Flamme in seiner Laterne hell aufloderte. Assunta aber schien nebenher noch andere Dinge wahrzunehmen. Das schloss er daraus, wie sich ihre Haltung versteifte. Er stand nahe genug, um zu spüren, dass ein Ruck durch den schmalen Leib der Geweihten ging, während sie den Thron fixierte. Einen Moment starrte sie das Teil schweigend an, dann neigte sie den Kopf leicht zur Seite und machte einen zögerlichen Schritt auf es zu.

Das war ein Ablauf von Bewegungen, der Trautmann zur Vorsicht gemahnte. So spannte sich auch der Ritter und ging der Geweihten einen Schritt nach, um den vorher gewählten Abstand zu ihr einzuhalten. Kurz wanderte gar seine Rechte zum Griff des Schwerts, doch brach er eben jene Bewegung gleich wieder ab. Es war klar, dass Assunta etwas sah, das er nicht sehen konnte und er wusste nicht ob es ein Geist war, oder sonst etwas, von dem Gefahr ausgehen könnte. Dennoch unterbrach Trautmann sie nicht – bloß seine Wachsamkeit war nun noch größer.

Er fürchtete einen Moment, dass die Priesterin den selbst gezeichneten Schutzkreis ganz verlassen würde, doch dann blieb sie stehen und ließ den Blick noch einmal nachdenklich schweifen. Letztlich schien aber nichts im Raum so interessant zu sein wie der Thron, denn auf den richtete sie ihr Augenmerk alsbald wieder. Der Gugelforster sah, wie Assunta die rechte Hand hob – als wolle sie nach dem steinernen Sessel greifen, dabei stand der doch ersichtlich ein gutes Stück zu weit entfernt. Irgendetwas Unverständliches murmelte sie auch und wandte sich erst danach halb zu ihm um, maß ihn mit einem fragen Blick sowie irritiert gerunzelter Stirn.

„Habt Ihr irgendetwas mit diesem Ding gemacht, Trautmann?“, fragte sie auf Garethi. „Euch näher damit befasst? Ihn gereinigt, oder so? Hat Ihre Gnaden Greifhild ihn analysiert und Euch etwas über ihre Erkenntnisse erzählt? Wurde er in letzter Zeit vielleicht beschädigt oder ... bewegt?“

Trautmann beobachtete das Gebaren der Lichtbringerin mit besorgtem Gesichtsausdruck. Als sie ihre Frage zu Ende formuliert hatte, hob er eine seiner Brauen. „Meint Ihr, diesen Stuhl ... äh ... Thron da?“ Der Junker wirkte etwas unsicher. „Gereinigt ...“, er hatte im Gefühl, dass sie keine Reinigung von Staub und Schmutz meinte. „Ich weiß es nicht. Ich habe nichts dergleichen gemacht. Er wurde weder verschoben noch beschädigt, aber was Ihre Gnaden alles damit gemacht hat, weiß ich nicht. Sie hat mich jedenfalls nicht darüber in Kenntnis gesetzt.“

„Hum ...“, Assunta nickte und wandte sich dann wieder von ihm ab, um den Thron noch einmal genauer zu betrachten. Diesmal verließ sie den Schutzkreis tatsächlich, oder schickte sich zumindest dazu an. Irgendwie schien sie zu wissen, dass das nicht ganz in Trautmanns Sinn war – ob sie nun spürte, dass sich sein Leib spannte, oder ob sein Gesichtsausdruck ihr verraten haben mochte, wie beklommen der Gugelforster war. Jedenfalls hob sie beschwichtigend die rechte Hand und meinte:

„Ich schätze ... hier in diesem Raum ist nichts mehr, wovor wir Angst haben müssten, Trautmann. Etwas war hier, ohne Zweifel, aber jetzt ist es weg. Schwer zu sagen, ob das, was ich sehe, noch Überbleibsel Eures Untoten sind. Ich habe allerdings Zweifel daran. Dessen Spuren müssten erstens längst verblichen sein und sich zweitens eher auf dem Sessel befinden als darunter. Irgendetwas ist ... muss ... länger hier gewesen sein. Bis vor Kurzem, würde ich meinen.“

Trautmann war immer noch nicht ganz wohl dabei, Assunta aus dem Schutzkreis treten zu lassen. Auch ihre beruhigenden Worte änderten daran nichts. Als mahnenden Nachhall hatte er immer noch die Worte der Lichtbringerin im Kopf, er möge alles daran setzen, sie im Zustand der Entrückung – auch vor sich selbst – zu behüten. Dennoch gab er ihr mit einem leichten Nicken zu verstehen, dass es für ihn in Ordnung war. Er würde eben versuchen ganz besonders wachsam und vorsichtig zu sein.

„Ihr meint, dass irgendjemand etwas ... von hier aus dem Raum ... entwendet hat?“ Der Junker ging ein paar Schritte auf und ab. In seinem Oberstübchen arbeitete es. „Doch wer? Meint Ihr der Gegenstand befindet sich noch hier in der Burg?“ Kurz dachte der Gugelforster an Greifhild Fälklin. Es würde zu ihrem merkwürdig schnellen Verschwinden passen.

„Entwendet oder aus Versehen ... mitgenommen. Es kann auch sein, dass es sich nach und nach von selbst verflüchtigt hat. Sozusagen in Wohlgefallen aufgelöst.“ Assunta sprach mehr zu sich selbst als zu ihrem Gastgeber, während sie an den Thron heran trat, ihn sich aus der Nähe besah und dann sogar die Hand ausstreckte, um ihre Finger über den kalten Stein gleiten zu lassen – die Armlehne, die Sitzfläche, Verzierungen am Sockel. „Oder es wurde zerstört. Absichtlich oder unbeabsichtigt. Ich weiß ja nicht einmal, was es war ... oder ist. Ein Ding, ein Wesen ...“ Sie hielt inne, starrte einen Moment schweigend auf den Stuhl und hob dann die Schultern. „Nachdem es nicht mehr hier ist und untersucht werden kann, stehe ich vor einer nahezu unüberwindbaren Herausforderung.“

Nachdem das gesagt war, drehte sich die Priesterin ganz zu Trautmann um. Sie trat in den Lichtkreis seiner Laterne und ermöglichte ihm damit einen Blick in strahlende graue Augen, in denen er jetzt zum ersten Mal einen hellbraunen, fast gelben Kranz um die Pupillen herum bemerkte. Überhaupt fiel dem Junker das eine oder andere Detail auf, das ihm bisher entgangen war – was vielleicht nicht zuletzt an der ungewöhnlichen Lichtquelle lag. Er gewahrte, dass das nunmehr stolz gehobene Kinn recht eigensinnig wirkte und die Mundwinkel am äußersten Ende nach oben geneigt waren – ohne dass sie tatsächlich lächelte, gab das Assuntas Miene den Anschein verhaltener Heiterkeit.

Viel auffälliger aber noch war die veränderte Haltung der schmalen Frau. Bislang hatte der Gugelforster sie die meiste über Zeit als zurückhaltend bis schüchtern wahrgenommen, jetzt wirkte sie mit einem Mal sehr selbstsicher, beinahe ehrfurchtsgebietend, auf jeden Fall aber respekteinflößend. Das war wohl die Kraft des Gleißenden, die besonders stark durch ihren Leib und ihre Seele pulste. Ähnliches kannte Trautmann von seiner Mutter. Das änderte aber nichts daran, dass er Assunta neugierig musterte.

Die wiederum schien das gar nicht zu bemerken, sondern begann nun in der Tat zu lächeln – ungewohnt gelöst. „Mit der Betonung auf nahezu“, knüpfte sie an etwas an, das er fast schon wieder vergessen hatte. „Wir haben ja zum Glück noch das Scriptorium und ich hoffe, dass wir dort etwas finden werden, was uns beim Lösen des Rätsels hilft.“

Trautmann legte den Kopf schief und betrachtete weiter die wundersame Veränderung im Wesen der Geweihten. Er wusste um den veränderten Zustand der Priester, wenn die Macht ihres Gottes durch sie floss. Oft schon hatte er sich gefragt, wie es sich wohl anfühlte. Wenn das Gefühl der sonst so reservierten Lichtbringerin ein Lächeln auf die Lippen zeichnete, konnte es ja an sich nur ein angenehmes sein.

So sollte es ein paar Herzschläge dauern, bis er auf das eben Gesagte einging. „Das Scriptorium ...“, kam es zögerlich aus seinem Mund. „Wie lange habt Ihr Zeit?“ Es war der Versuch eines Scherzes und er gelang: Assuntas Lächeln wurde noch eine Spur breiter. Sie machte eine wegwerfende Handbewegung, ehe sie ihm mit einem Nicken bedeutete, die Führung zu übernehmen und sich ihm ohne Zögern bei seinem Weg durch den „Thronsaal“ anschloss.

Der Gugelforster hatte die wenigen Schriftrollen, Pergamente und alten Hefte, die von ihrer Gnaden Greifhild aus dem Archiv geholt und zur Seite gelegt wurden, bereits im ersten Rundgang gezeigt. Es war klar, dass diesen Folianten von ihrer Vorgängerin eine größere Bedeutung beigemessen wurde als der Unmenge an Schriften, die sonst noch im Archiv schlummerten – und die er Assunta ebenfalls bereits gezeigt hatte.

Während die Sichlerin ihn aufmerksam ansah, kratzte sich Trautmann an der Schläfe. Dann schoss ihm ein Gedanke in den Kopf. „Ah ... Ihre Gnaden Greifhild hat mir einmal ein Inventarbuch vorgelegt. Ich konnte das Meiste darin nicht lesen.“ Ein Lächeln stahl sich auf die Züge des Junkers, dann huschte er etwas hektisch durch den Raum. „Es muss hier irgendwo ...“, insgeheim hoffte Trautmann, dass Assuntas Glaubensschwester das Buch nicht mitgenommen oder wieder ins Archiv zurückgebracht hatte. „Aaah jaaaa!“, der Gugelforster zog einen staubigen Folianten aus einem nahen Regal und legte ihn auf den Steintisch. „Ich hoffe, dass das hilft.“

„Sieh an“, murmelte Assunta leise und trat an den Tisch heran, um sich den Folianthen näher zu besehen. Erst von außen, dann schlug sie ihn auf, begann zu blättern, ließ ihre Finger an einigen willkürlichen Stellen Zeile für Zeile über die aufgelisteten Posten gleiten und hielt dann inne – wohl um an das heillose Durcheinander in den Regalen und Spinden des Archivs zu denken, in denen beim besten Willen keine Struktur zu erkennen war.

„Das ist schon mal ganz gut, um einen Überblick darüber zu gewinnen, was es hier gibt. Es ist aber leider nicht verzeichnet, was wo steht – daher ist die Frage nach meiner Zeit durchaus angemessen gewesen.“ Sie lächelte dem Junker zu, während sie den Folianthen vorsichtig schloss. „Da die Lage immer noch etwas ... unklar ist, scheint es mir nicht gerade ratsam, mich für einige Wochen oder Monate hierher zurückzuziehen, um mich durch die Schriften zu kämpfen. Ich würde den Vorgang gern etwas beschleunigen, indem ich den Gleißenden noch einmal um Hilfe bitte. Wenn er meint, dass mein Anliegen es wert ist, wird er mich noch einmal unterstützen.“

Trautmann nickte ihr eifrig zu. Der Ritter hatte verstanden. Er übernahm abermals die Führung und begleitete die Lichtbringerin ins Archiv – vorbei an der Koschbasaltkammer, die er sich auf Anraten Greifhilds noch nicht zu öffnen getraut hatte und hin zu den vielen Regalen und Spinden, in welchen das blanke Chaos herrschte.

Assunta hielt auf der Schwelle hielt inne und legte die Stirn kraus. Obwohl sie noch immer dieses zufriedene Lächeln auf den Lippen trug und auch sonst total mit sich und der Welt im Reinen schien, begriff Trautmann sofort, dass sie ihr Vorhaben hinterfragte. In ihrem Kopf schien sie eine Diskussion mit sich selbst auszufechten – darüber, ob es angemessen war, ihren Gott erneut um Hilfe zu bitten, oder ob sie es nicht erst einmal auf eigene Faust versuchen sollte. Nach einem abschließenden Blick auf das Inventarbuch unter ihrem Arm und das Chaos im Archiv hob sie die Schultern.

„Ich denke, das wird das Beste sein. Im Anbetracht der Umstände“, fügte sie dann an. Der Gugelforster war sich nicht sicher, ob diese Worte nun ihm gelten sollten oder ob sie sie zu sich selbst gesprochen hatte. Allein, es war niemand anders da. Und nachdem sie sie ausgesprochen hatte, verfiel die Priesterin in Schweigen.

Kurz öffnete sich der Mund des Junkers, denn eine Frage brannte ihm auf der Zunge. Doch dann entschied er sich zu schweigen und Assunta lediglich zu assistieren. So beschränkte er sich darauf, der Geweihten mit der Laterne den Weg und die Regale auszuleuchten – und nahm an, dass sie wieder Zwiesprache mit ihrem Gott halten würde.

Doch das passierte nicht, wie er nach einer Weile bemerkte. Als Trautmann anhielt, um die Priesterin fragend anzusehen – stellte er fest, dass ihr Blick auf ihm ruhte, statt auf die Pergamente und Folianthen oder nach innen gerichtet zu sein. Sie machte keine Anstalten, irgendwelche Wunder zu wirken, sondern blieb ebenfalls stehen und legte das Inventarbuch ganz nebensächlich auf einem nahen Schreibpult ab. Genau wie Trautmann hatte sie die Brauen fragend gehoben und nickte auffordernd, als sie seines Blicks gewahr wurde:

„Ihr hattet eine Frage, nicht wahr? Wie wäre es, wenn ihr die erst einmal stellen würdet?“

Der Junker kam nicht umhin, das Verhalten der Hochgeweihten ein Stück weit unheimlich zu finden. Las sie in seinen Gedanken? Konnten die Diener des Götterfürsten das? Oder war es so offensichtlich, dass ihm eine Frage auf der Zunge brannte?

„Ja Euer Gnaden“, seine Stimme war in diesem Moment bloß ein Flüstern. „Ich wollte Euch fragen, ob Ihr Hilfe benötigt und ich ein paar der Burgbewohner abstellen soll, die Euch hier unterstützen.“ Beinahe hatte es ihn damals amüsiert, als er das erste Mal das Archiv betrat. Die Kirche des Götterfürsten war normal der Inbegriff der Ordnung – hier jedoch regierte das Chaos. „Wenn Ihr die Menschen anweist, wären sie vielleicht eine Hilfe.“

„Können sie denn lesen?“, fragte Assunta ohne zu zögern und lächelte mild, als Trautmann ein Kopfschütteln andeutete. „Dachte ich mir“, murmelte sie. „Deshalb verlasse ich mich in diesem Fall lieber auf die Hilfe Urischars – und auf Eure.“ Die Priesterin ließ ihren Blick ebenso nachdenklich wie unbeeindruckt über das wilde Durcheinander im Archiv gleiten und ihre Augen funkelten unternehmungslustig, als sie zum Abschluss einmal entschieden in die Hände klatschte.

„Alsdann, fangen wir an!“ Sie konzentrierte sich wieder ganz auf den Gugelforster, als sie eine kurze Ergänzung anfügte: „Ich werde den Diener des Gleißenden bitten, uns seinen ordnenden Blick zu schenken. Am besten stellt ihr die Laterne irgendwo ab, damit ihr beide Hände frei habt. So Praios will, werden uns die Schriftstücke gewiesen, deren Inhalt helfen kann, das Mysterium aufzuklären. Ich werde sie dann immer noch studieren müssen und das braucht seine Zeit ... aber den Prozess des Suchens können wir auf diese Weise hoffentlich verkürzen.“

Sie schien diese Erklärung für erschöpfend zu halten, denn sie wandte sich von Trautmann ab, ohne auf eine mögliche Erwiderung zu warten. Ehe er sich versah, straffte die klein gewachsene Lichtbringerin ihre Haltung auch schon wieder – hielt kurz inne, um sich zu sammeln – und ließ dann jene ungewohnt feste Stimme erklingen, die er heute zum ersten Mal vernommen hatte. Diesmal rief sie Urischar an, soviel bekam der Junker mit. Den Rest ihrer Worte verstand er nicht, begriff aber, dass ihre Arbeit vollbracht war, als sie mit Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand eine Sonnenscheibe in die Luft zeichnete.

Hier im Archiv gab es keine Spiegel, die hätten aufleuchten können. Dafür schien das Feuer in der Laterne umso heller zu lodern und ließ den ganzen Raum in einem warmen, goldenen Glanz erstrahlen. Der schien sich hernach gar nicht wieder zurückziehen zu wollen, sondern wich der Dunkelheit nur widerwillig. Trautmann nahm es mit Interesse zur Kenntnis – und bemerkte just in dem Moment einen kleinen, hellen Fleck in einer gemauerten Nische an der fernen Wand, der nicht verglühte. Er blieb einfach wie er war, als hätte er sich am goldenen Licht der Laterne entzündet und brenne nun aus eigener Kraft.

Das Interesse des Junkers wandelte sich in Staunen und er konnte einen Laut der Überraschung nicht unterdrücken. Trautmann kniff die Augen zusammen, ganz so als wolle er von seinem jetzigen Standpunkt ausmachen, welcher Foliant auf diese Art und Weise markiert wurde – was in dem schwach ausgeleuchteten Raum selbstverständlich unmöglich war.  Praios selbst wies ihnen den Weg und beinahe wäre der Ritter angesichts dieser Tatsache auf die Knie gefallen. Der Götterfürst hatte diesen Ort allem Anschein nach noch nicht aufgegeben.

Dementsprechend enthusiastisch fiel die Reaktion des Hausherrn auch aus. „Da ist es ...“, etwas lauter als angedacht kam es aus seinem Mund. „Ich wusste nicht, dass ...“, er brach ab und lächelte schmal. Dies war nicht der Moment um lauthals loszuplappern. Interessiert verfolgte er stattdessen die Bewegungen der Lichtbringerin, in der Erwartung, dass sie sich sofort zum gekennzeichneten Ort aufmachte, doch das tat sie nicht.

Stattdessen wies Assunta mit einer feierlichen Geste auf zwei weitere, goldglänzende Schriftstücke, die Trautmann bisher noch nicht aufgefallen waren. „Und dort und dort ...“, ergänzte sie seine Worte lächelnd. „Dann holt Ihr Euren Fund und ich die meinen, würde ich sagen. Schauen wir uns an, auf was der Herre Praios und sein Diener uns aufmerksam machen wollen.“

Trautmann nickte ihr eifrig zu und nur wenige Momente später hatten sie die drei Werke zusammen getragen. Der Junker selbst konnte mit keinem davon etwas anfangen, waren doch alle drei Schriftstücke in ihm fremden Zungen verfasst. Erwartungsvoll schaute er zur Lichtbringerin, die bereits voll und ganz in die Betrachtung ihrer Funde versunken war.

Er sah, wie ihr Blick über die Einbände der drei verschieden großen Bücher und Hefte glitt, wie ihre Lippen Worte formten, ohne dass sie einen Ton von sich gab, und wie sich ihre Stirn schließlich wölbte. Es hätte vermutlich skeptisch bis tadelnd gewirkt, wäre da nicht das immer noch glückselige Leuchten in ihren Augen gewesen. Er konnte sich nicht helfen, aber irgendwie wirkte die Priesterin wie ... berauscht ... oder vielleicht in Trance, als sie auf das größte der drei Werke deutete.

„Eine wissenschaftliche Abhandlung über Orkgötzen und die ... nun ja ...  Kultur der Schwarzpelze“, hob sie an, nur um dann ein rasches „So steht es da, das sind nicht meine Worte. Noch bin ich der Meinung, dass über so etwas je verfügt hätten“ anzufügen.

Bevor Trautmann dazu etwas sagen konnte, griff sie nach dem mittelgroßen Band und wog nachdenklich den Kopf. „Sieht aus wie eine Sammlung von Sagen, Legenden und anderen alten Geschichten aus der Region. Geht wohl auch wieder irgendwie in Richtung Religion, Kultisches und allerlei Irrglauben, denn hier im Titel ist die Rede von Götterwirken und Magie.“ Sie seufzte leise und legte das Buch zur Seite.

Einen Augenblick später hielt sie das kleinste Heft in der Hand, das reichlich zerfleddert aussah. „Octavo“, murmelte sie. „Vielleicht ein Diarium oder ... Vademecum. Könnte sein, dass ...“

Assunta hielt mitten im Satz inne und hob den speckigen Buchdeckel an, um einen neugierigen Blick auf die ersten Seiten zu werfen. Trautmann erkannte eine gestochen scharfe Handschrift, die Buchstaben ergaben für ihn aber keinen Sinn, weshalb er sich lieber wieder auf das Gesicht der Lichbringerin konzentrierte und daher sah, wie sie die Nase krauste. Kaum fertig damit, schloss sie das Büchlein mit einer raschen Bewegung wieder und räusperte sich.

Während ihr ein nachdenkliches „Faszinierend“ entfleuchte, versuchte Trautmann sich einen Reim darauf zu machen, was dieser Fund für sie bedeutete. Assunta hatte Urischar gebeten, ihr die Schriften zu weisen, die bei der Lösung des Mysteriums von Lichtwacht helfen würden. Und dann fanden sie Werke über Orkgötzen und Magie sowie ein Tagebuch des gefallenen Bannstrahlers, der Jahrhundertelang ein untotes Dasein in den Katakomben des Gemäuers gefristet hatte?
Trautmann hatte die knappen Kommentare der Lichtbringerin skeptisch verfolgt. Er legte seine Stirn in Falten. „Orks ... Kultur ...“, wiederholte der Junker einige der vernommenen Schlagwörter, „... seit wann haben Tiere eine Kultur?“ Er rieb sich die Stirn und blickte auf die drei Werke. „Und dann auch noch diese Dämonen, die die Schwarzpelze als ihre Götzen verehren ... wie soll uns das helfen?“

Der Gugelforster hielt inne und von einem auf den anderen Herzschlag schoss es ihm ein, was ihn wiederum ein Wellenbad der Gefühle durchleben ließ. Erst das Hochgefühl und die Freude darüber, dass er in seinem Oberstübchen einen logischen Schluss herstellen konnte, dann Sorge und Beklemmung weil es ihm kam, dass, sollte er mit seiner Annahme recht haben, dies alles andere als beruhigend wäre.

Er fixierte Assunta, die immer noch über das Diarium gebeugt stand und rang innerlich einige Momente damit, ob er nun das Wort ergreifen sollte. „Meint Ihr ...“, kam es ihm dann zögerlich über seine Lippen, „... dass es ein orkischer Fluch war, der sich den Bannstrahlern auf der Burg bemächtigt hat? Nur, was wurde dann aus dem anderen Raum entwendet? Ein unheiliges Artefakt?“

Die Lichtbringerin reagierte zunächst gar nicht, sondern starrte mit einem Blick, der einerseits sehr intensiv, andererseits aber auch ziemlich abwesend wirkte, auf das kleinste der drei Bücher. Sie schien mit ihren Gedanken ganz woanders zu sein und er zweifelte schon daran, dass sie seine Worte überhaupt vernommen hatte, als sie den Kopf hob, um ihn nachdenklich anzusehen.

„Nun ... der Boden hier ist offensichtlich schon sehr lange entweiht. Es gibt also nichts mehr, was einen Orkschamanen davon abhalten könnte, seine faulen Zauber zu wirken oder irgendein unheiliges Ritual zu vollziehen ... außer vielleicht dem, was in der Giftkammer ruht, sollte etwas dabei sein, das die Kreise von Zauberern stört ... wiewohl das nicht nach außen wirken dürfte, solange sie verschlossen ist ... und das ist sie ja nun mal und einen Schlüssel gibt es nicht – oder habe ich da vorhin etwas falsch verstanden?“

Trautmann kaute für einen Moment an seiner Unterlippe. „Ich fürchte das habt Ihr falsch verstanden, Euer Gnaden", meinte er dann und wies vage nach rechts. „Die Koschbasaltkammer ist unverschlossen, wir betreten sie jedoch nicht ...“, kurz schien es als würde der Junker seinen Kopf hängen lassen wollen, „Anordnung ihrer Gnaden Greifhild.“ Er ließ ein Schulterzucken folgen. „Möchtet Ihr die Kammer sehen?“

„Wie unverschlossen? Ihr meint, dass jeder nach eigenem Gutdünken in diese Kammer hinein und wieder aus ihr heraus spazieren kann?“, sie blinzelte irritiert und maß den Junker danach mit einem Blick, in dem Unglauben und Ärger einander die Hand reichten – bei Letzterem handelte es sich allerdings nur um einen Hauch. Eine Ahnung. Die Lichtbringerin schien nach wie vor in einer extrem aufgeräumten Stimmung. So gelöst, dass nicht mal eine derart skandalöse Eröffnung ihr ernsthaft die Laune verhageln konnte.

Das änderte jedoch nichts daran, dass das schlechte Gewissen des Gugelforsters noch größer wurde und er abermals schuldbewusst Schultern und Kopf hängen ließ. Schien, als hätte er in dieser Sache wirklich auf ganzer Linie versagt. Er suchte nach Worten, die er zu seiner Verteidigung oder doch wenigstens Entschuldigung vorbringen konnte, und starrte derweil blicklos auf den Boden. Deshalb kam es überraschend, als er eine vorsichtige Berührung an seiner Schulter spürte.

„Seht mich an, Trautmann“, erklang die Stimme der Priesterin einen Herzschlag später. Er folgte der Aufforderung pflichtschuldig und sah in ein paar strahlendhelle Augen, in denen nun überhaupt kein Vorwurf mehr lag, sondern eher so etwas wie ... Mitgefühl? „Es ist wirklich wichtig, dass Ihr eines versteht und auch für Euch annehmt: Es ist nicht Eure Schuld und nicht Euer Fehler. Ihr habt Euch damals unverzüglich an eine Dienerin des Herrn Praios gewandt und damit alles richtig gemacht. Ihr konntet nicht wissen, dass sie die falsche Ansprechpartnerin war. Es wäre ihre Pflicht gewesen, Euch darüber zu informieren und weitere Schritte einzuleiten.“

Assunta hielt kurz inne und warf ihrem Gastgeber einen prüfenden Blick zu – ganz so, als wolle sie durch die Augen hindurch in seinen Gedanken blicken. Er hatte keine Ahnung, ob ihr das gelang. Falls sie etwas sah, konnte das aber nichts Schlechtes sein, denn sie lächelte aufmunternd, als sie fortfuhr: „Ebenso ist es nicht Euer Fehler, dass die Kammer bislang unverschlossen ist. Wir sollten das aber dringend beheben. So schnell wie möglich!“  

Der Junker verspürte bei der Rede der Geweihten eine immer größere Bedrücktheit. Er selbst war nur wenige Male in dieser Kammer gewesen und die Menschen hier auf der Burg mieden die Räumlichkeiten generell. Nicht mal die Kapelle wollten sie ohne ausdrückliche Anordnung betreten. Deshalb hatte Trautmann kein Sicherheitsrisiko darin gesehen, die Kammer unverschlossen zu lassen. Ja, selbst wenn er sie hätte verschließen wollen: Er hätte keine Ahnung gehabt wie. Assuntas aufmunterndes Lächeln tat ihm jedoch gut und verlieh ihm wieder etwas mehr Zuversicht.

„Mehr als die Kirche des Götterfürsten um Hilfe bitten konnte ich nicht tun ...  ich konnte nicht wissen, dass Ihre Gnaden vielleicht nicht die beste Wahl war. Ich habe ihr vertraut. Leider gibt es in der Trutz nicht so viele Geweihte des Praios“, murmelte er langsam – zumindest Teile von Assuntas Rede wiederholend. Er blickte sich um und es schien der Lichtbringerin in diesem Moment, als würde alle Bedrücktheit von ihm abfallen. „Deswegen war es ja auch mein Anliegen, ihm hier wieder ein Heim zu schaffen. Hier inmitten des Finsterkamms ...“ Der Gugelforster brach ab und bedeutete der Lichtbringerin, ihm zu folgen.

Sie war gerade dabei gewesen, ihn mit einem seligen Lächeln anzustrahlen, wohl weil die momentan derart von der Kraft ihres Gottes durchwirkten Ohren die Kunde von einem neuen Heim für ihn gern hörten – auch wenn es bei weitem nicht das erste Mal war, dass Trautmann das erwähnte. Als er ihr klarmachte, dass er das Archiv verlassen wollte, schien sie jedoch leicht aus dem Tritt zu geraten. Sie schürzte die Lippen und einen Moment sah es aus, als wolle sie fragen, warum er denn mit einem Mal so ungemütlich war. Stattdessen erkundigte sie sich dann aber nur nach dem Zielort.

„Zur Koschbasaltkammer“, erwiderte er darauf, und neigte das Haupt noch einmal in die Richtung, in die er zu gehen gedachte.

Assunta runzelte die Stirn, ließ den Blick noch einmal über das Chaos in den Regalen gleiten und hob dann gleichmütig die Schultern. Während Trautmann nach der Laterne griff, lud sie sich die drei von Urischar ausgedeuteten Bücher auf und folgte ihm dann gehorsam durch den Gang. Zurück zum „Thronsaal“ waren es nur wenige Schritte. Der Ritter blieb vor einer schwer beschlagenen Tür stehen und hob die Laterne, um sie anzuleuchten. „Hier wären wir“, meldete er zögerlich und machte vorerst keine Anstalten, die Tür zu öffnen.

Für Assunta galt das Gleiche. Sie stand einfach nur da, die Bücher fest an ihre Brust gepresst und starrte aus diesen riesigen, leuchtenden Augen auf die Tür. Trautmann hatte das Gefühl, dass sie im Geiste schon wieder nicht ganz zugegen war, sondern sich mit sonst etwas verweilte. Und irgendwie fragte er sich, ob das wohl der richtige Zustand war, um sie in einen Raum zu führen, der potenziell gefährlich war. Bevor er eine halbwegs befriedigende Antwort darauf gefunden hatte, fuhr sie ihm jedoch ins Gewerk.

„Und Ihr wart da schon drin, ja?“, wollte sie wissen. „Gemeinsam mit Ihrer Gnaden? Hat sie irgendetwas über den Raum gesagt? Oder darüber, was sich dort drin befindet? Ist sie denn öfter hinein gegangen? Oder hat sie ihn eher gemieden?“

Es wurde schon recht bald offensichtlich, dass die Stimmung des Junkers wohl oder übel mit genau diesem Ort zusammenhing. Trautmann war ein einfacher Mann voll Göttervertrauen und wenn die Priester des Praios Artefakte wegsperrten, dann würde das wohl nicht ohne guten Grund geschehen. Er mochte die Kammer nicht. Anfangs war er gar versucht gewesen, den Koschbasalt abzutragen um das wertvolle Material zu versilbern, um damit den Wiederaufbau der Burg zu finanzieren. Doch klärte ihn Greifhild Fälklin dann über die Natur und Wichtigkeit dieser Kammer und der darin befindlichen Gegenstände auf.

Er war ein Narr gewesen – töricht –, denn es war ihm damals nicht bewusst, was genau hier weggesperrt wurde. Deshalb mied er diesen Raum seit der erfolgten Aufklärung durch Greifhild auch ausnahmslos. „Ihre Gnaden war hier öfter drinnen ...“, erklärte der Gugelforster. „Sie meinte auch, dass sie die Gegenstände darin katalogisieren will, weil sie die gefundenen Aufzeichnungen von vor hunderten von Jahren als unzureichend und unvollständig empfand.“

Trautmann löste seinen Blick von Assunta und wandte sich zur Tür um. „Ich kann Euch nicht sagen, was genau sich da drin befindet. Ich habe lediglich gefragt, ob nach Einschätzung Ihrer Gnaden eine Gefahr für die Menschen hier besteht.“ Er seufzte leicht: „Sie hat es verneint. Soll ich die Kammer öffnen? Die Tür klemmt etwas.“

„Katalogisieren? Hört, hört. Mit einem Mal dann doch so pflichtbewusst und gründlich“, die Stimme der Lichtbringerin hörte sich ein wenig spöttisch an, als sie das sagte. Da die Worte eine Glaubensschwester betrafen, kam es Trautmann ungewöhnlich vor, dass sie derlei vor einem Außenstehenden sagte. Aber so ganz zurechnungsfähig schien sie ja gerade nicht zu sein. Vielleicht war ihr nicht richtig bewusst, was sie von sich gegeben hatte und in wessen Gegenwart?

„Nun denn ...“, meinte die Praioranerin schließlich leise. „Eigentlich wäre es meine Aufgabe, jemanden wie Euch von einer Giftkammer der Kirche des Götterfürsten fernzuhalten. Weit fernzuhalten. Versteht ihr? Aber ich denke, dafür ist es jetzt eh schon zu spät. Also ja ... warum öffnet ihr sie nicht einfach?!“ Sie schichtete ihre Bücher um und nahm Trautmann die Laterne ab, damit der beide Hände frei hatte, um sich mit der widerspenstigen Tür zu befassen.

Nachdem er das Hindernis beseitigt hatte, schritt sie – ohne auch nur einen Lidschlag zu zögern – an ihm vorbei und überreichte ihm die Laterne im Zuge dessen mit einer huldvollen Geste. Er hatte das Gefühl, Assunta wollte um jeden Preis verhindern, dass er zuerst eintrat, aus welchem Grund auch immer. Sie war jedoch so klug, jenseits des Sturzes auf ihn zu warten und sich nicht einfach direkt in die Dunkelheit des dahinter liegenden Raums hinein zu wagen.

Im flackernden Licht der Laterne konnte der Gugelforster erkennen, wie sich der Blick der Geweihten fokussierte und etwas ... klarer wurde, als sie sich umsah. In der Giftkammer herrschte kein Chaos wie im Archiv, was nicht zuletzt daran lag, dass hier bei weitem nicht so viel Zeug angehäuft worden war. Ein schwacher Trost für den Burgherren, aber immerhin: Die Kammer war recht klein und beherbergte nicht viele Gegenstände, die von den Bannstrahlern für so gefährlich erachtet worden waren, dass sie sie weggesperrt hatten.

Assunta macht ein paar zögerliche Schritte nach vorn, während ihr Blick von rechts nach links und von oben nach unten glitt – und Trautmann folgte ihr auf dem Fuß, um für ausreichend Licht zu sorgen.

„Schwer zu beurteilen, für jemanden der noch nie hier war“, meinte sie nach einem ausgedehnten Moment des Schweigens und Betrachtens. „Aber mir scheint doch, als würde hier nichts fehlen, oder was sagt Ihr?“ Trautmann war noch vollauf damit beschäftigt, sich selbst prüfend im Raum umzugucken, als die Praioranerin ihre Stimme erneut hob: „Wisst Ihr denn, ob Ihre Gnaden Greifhild bereits mit der Katalogisierung begonnen hat? Sollte das der Fall sein, könnten wir ja ...“

Assunta hielt einen Moment inne und als Trautmann sich zu ihr umwandte, um zu schauen, was ihre Gedanken jetzt schon wieder vom Kern der Dinge ablenkte, musste er feststellen, dass diesmal gar nichts Bestimmtes ansah. Vielmehr schien es, als würde sich ihr Blick komplett im Nichts verlieren. Er wirkte seltsam leer und fern.

„In dem Fall könnten wir viell...“, hob sie nach einem Moment des Zögerns gleichwohl erneut an – es klang aber verdächtig nach schwerer Zunge. Hernach stand kurz wie vom Donner gerührt und kniff die Augen zusammen, als kämpfe sie um eine bessere Sicht, nur um dann von einem Atemzug auf den nächsten ins Taumeln zu geraten.

Trautmann setzte mehrere Male zu einer Antwort an, nur um immer wieder vom Stammeln der Geweihten unterbrochen zu werden. Er konnte beim besten Willen nicht sagen, ob  etwas fehlte. Der Junker war nach jedem Aufenthalt in diesem Raum froh, wenn er ihn wieder verlassen konnte. Als Assunta endlich Ruhe gab und er sich doch noch hätte äußern können, erkannte Trautmann jedoch geistesgegenwärtig, dass etwas nicht stimmte: Er war schnell zur Stelle, als ihr Zustand offenbar wurde und  wollte seine Hilfe anbieten.

„Euer Gnaden“, kam es im besorgten Ton über seine Lippen. „Ist ... ist alles in Ordnung?“ Der Junker hatte sich der Geweihten angenähert. „Nehmt meinen Arm ... nicht, dass Ihr mir hier umkippt“, meinte er und bot ihr die Hand – musste jedoch erkennen, dass es dafür wohl schon zu spät war.

Er hatte das Wort „umkippt“ kaum ausgesprochen, als die Bücher, die Assunta bis eben noch in einem beachtlichen Klammergriff hielt, geräuschvoll zu Boden gingen. Da wurde ihm klar, dass er nicht darauf zu warten brauchte, dass sie nach seinem Arm griff, und packte lieber selbst zu, ehe sie sich zu dem Papierkram gesellen konnte.

Trautmann schnappte sich erst ihren Oberarm und entledigte sich dann der Laterne, um auch den Unterarm zu umfassen. So konnte er Assunta Halt geben, bis er das Gefühl hatte, dass sie wieder ein bisschen sicherer auf den Beinen war. Der Blick der schmalen Lichtbringerin wirkte da zwar noch umwölkt, aber ihm reichte der Fortschritt, um sie zu einem steinernen Schemel ... nun ja ... halb zu schieben, halb zu ziehen. „Setzt Euch“, der Gugelforster sprach mit sanfter und fürsorglicher Stimme, die jedoch keine Widerrede duldete – und ausnahmsweise gehorchte sein Gast. Wobei er nicht sicher war, ob sie das bewusst tat, oder ob sie gar nicht mitbekam, was er gerade mit ihr veranstaltete. Die Augen der Priesterin wurden nämlich nur langsam wieder klarer.

„Wir sollten eine Pause machen, was meint Ihr?“, fragte Trautmann, als er glaubte, dass Assunta wieder halbwegs beieinander war. Mit einem schmalen, aufmunternden Lächeln bot er ihr seinen Wasserschlauch an: „Vielleicht trinkt Ihr einen Schluck.“

Daraufhin starrte sie ihn einen Moment schweigend und mit fragend gehobenen Brauen an. So als müsse sich erst mal wieder erinnern, wer er überhaupt war und wo sie sich hier eigentlich aufhielt. Dann aber hob sie abwehrend die Hand, was er freimütig als Indiz dafür nahm, dass sie schon wieder auf einem guten Weg war, ganz die Alte zu werden.

„Nein danke“, murmelte sie schließlich, nicht mehr mit schwerer Zunge, dafür aber mit auffallend leiser Stimme. „Es geht schon. Ich habe nur ...“ Sie hielt inne, stierte ihn kurz ratlos an, ließ den Blick dann – immer noch ratlos – durch den Raum gleiten und seufzte schwer. Trautmann dachte, dass sie hernach zu einer Erklärung ansetzen würde, stattdessen hob sie aber nur beide Hände an den Kopf, um ihre Schläfe zu massieren.

Für den Moment sah es aus, als würde die Praioranerin einen inneren Kampf ausfechten – auf einem merkwürdig schiefen Grat irgendwo zwischen Beunruhigung und Begeisterung. Dass sie dabei nicht allein im Raum war, schien ihr spontan entfallen zu sein. Und so machte sie sich augenscheinlich auch keine Sorgen darüber, dass  ihre Miene ziemlich leicht zu lesen war.

Der Junker beobachtete das Mienenspiel der Geweihten interessiert und es rief in ihm ein leichtes Gefühl von Unwohlsein hervor. Einige Zeit sah er besorgt in ihre Augen. „Ihr habt ... nur ... was?“, fragte er dann zögerlich.

Kurz erwiderte sein seinen Blick, dann hörte sie mit dem Massieren auf und schloss stattdessen für einen Moment die Augen. „Ich fürchte, die Frage kann ich nicht zufriedenstellend beantworten“, meinte sie und hob die Schultern. „Den Eindruck gewonnen, dass etwas mitgenommen wurde, aber nicht aus diesem Raum hier. Das würde vielleicht im Ansatz erklären, was ich ... habe.“ Assunta runzelte die Stirn und warf dem Gugelforster einen entschuldigenden Blick zu.

„Tut mir leid, Trautmann“, hob sie nach einer kurzen Pause an und kämpfte sich umständlich von dem Schemel hoch, auf den er sie gerade erst gesetzt hatte. „Ich habe etwas gesehen ... könnte man sagen. Ein paar ... Gedankenbilder?“ Sie schob sich vorsichtig an ihm vorbei und fußelte zu den Büchern hinüber, die achtlos im Staub lagen – auf dem grob behauenen Kleinstein, mit dem der Boden gepflastert war. „Ich hoffe, dass es ein Fingerzeig des Gleißenden war und nicht irgendein Trugbild von ... wem auch immer, der sich ... irgendwelche makaberen Späße mit mir erlaubt. Ich werde darüber nachdenken müssen.“

Ohne sich noch einmal zum Junker umzuwenden, ging die Priesterin in die Hocke und klaubte die Bücher auf. „Ich schätze ... hoffe, das hier hilft mir dabei. Was denkt Ihr? Kann ich diese Schriftstücke mit in den Wohnturm nehmen? Oder mache ich Euer Gesinde damit nervös?“ Nachdem die Frage heraus war, wandte sie sich doch wieder zu Trautmann um und warf aus der Hocke heraus einen fragenden Blick zu ihm auf.

Trautmann sann der artikulierten Vermutung der Lichtbringerin, jemand habe etwas aus den einst verfluchten Räumlichkeiten entwendet, noch einige Momente lang nach. War es wirklich so? Oder vielleicht doch nur ein Trugbild? Hatte Greifhild Fälklin etwas damit zu tun und war das womöglich mit ein Grund dafür, dass sie die Burg beim letzten Mal so rasch verlassen hatte? Immerhin stammte sie ja von einem in dieser Hinsicht  vorbelasteten Geschlecht ab. Ihr Bruder Borka war es gewesen, der über lange Zeit weite Teile der Grafschaft als Raubritter tyrannisierte und ihrem Vetter Erek sagte man nach, den Orkgötzen zu huldigen und für den Tod der ehemaligen Dergelqueller Baronin verantwortlich zu sein. Trotzdem war sie eine Geweihte des Götterfürsten und als solche zu respektieren.

Nur langsam verließ der Junker seine Gedankenwelt und erst als Assunta das Gefühl beschlich, dass der Mann ihr wohl nicht zugehört hatte, ging er in Form eines Nickens auf ihre zuletzt gestellte Frage ein. „Nehmt sie mit. Ich bezweifle, dass es jemandem auffallen wird.“ Der Gugelforster nickte ihr aufmunternd zu. „Ich vertraue Euch und bin gewillt alles zu tun, um Licht ins Dunkel dieser Sache zu bekommen.“ Er wies auf die Bücher und ging dann ebenfalls in die Hocke. „Lasst mich Euch aber damit helfen.“

Assunta schien Trautmann schon davon abhalten zu wollen, dass er sich hinhockte, und schickte sich an, abwehrend die Hand zu heben, als er ihr seine Hilfe anbot. Dann hielt sie jedoch inne und schüttelte den Kopf – über sich selbst, wie es schien. Statt sein Angebot auszuschlagen, schenkte sie ihm ein dankbares Lächeln und überließ ihm das Feld ganz ohne Gegenwehr.

„Also gut“, meinte sie. „Ihr die Bücher, ich die Laterne?“

Trautmann nickte ihr lächelnd zu, dann erhob er sich und ließ der Geweihten den Vortritt. Nachdem der Junker die schwere Tür hinter ihnen geschlossen hatte, lichtete sich der Schatten auf seinem Gemüt wieder. Er war froh, diese staubige Kammer hinter sich zu lassen. Und als sie aus dem Tempel hinaus in die frische Luft traten, löste das in ihm ein regelrechtes Hochgefühl aus. Der Nebel war verschwunden und das Praiosmal segnete sie mit seinen warmen Strahlen. So sehr das nun liebliche Wetter auch dazu einlud, sich auf eine Bank zu setzen und zu verweilen, sie mussten sich sputen. Es war wichtig, nicht unnötig viel Aufmerksamkeit bei den anderen Bewohnern der Burg zu erregen. Nur die Götter mochten wissen, wie seine Schutzbefohlenen reagieren würden, wenn sie mitbekämen, dass Bücher aus einem, in ihren Augen, verfluchten Ort hinauf gebracht wurden.


***

In Assuntas Zimmer angekommen, legte der Gugelforster die Bücher auf dem Tisch ab und wich dann ein paar Schritte davon zurück. „Fassen wir zusammen“, hob er nach einigen Herzschlägen der Stille an. „Ihr denkt, dass ein Gegenstand aus der Burg entwendet worden ist und dass eben jener Gegenstand auch der Grund für den Fluch auf der Burgbesatzung sein ... könnte ...  .“ Trautmann kaute auf seiner Unterlippe. „Wie lange werdet Ihr für Ergebnisse brauchen?“, fragte er, nur um Momente später mit seinen Armen eine abwehrende Geste zu formen. „Es liegt mir fern, Euch Druck zu machen, aber ich habe überlegt, ob ich nicht nach Ihrer Gnaden Greifhild suchen sollte, während Ihr Euch der Recherche widmet.“

„Nach ... Ihrer Gnaden?“, Assunta sah ihn an und ihre Miene verriet eindeutig, dass sie auf diesen Gedanken niemals von selbst gekommen wäre. Sie wirkte irritiert und dazu passte auch die Frage, die sie als nächstes stellte: „Aber warum das denn?“

Trautmann ließ sich nicht aus der Ruhe bringen, sondern nickte. „Wenn sich Euer Verdacht bestätigt,  werden wir sie über kurz oder lang wohl sowieso finden müssen ... nicht auszudenken, wäre der Grund für den Fluch außerhalb der schützenden Mauern durch die Heldentrutz unterwegs.“ Er hob seine Schultern und kurz schien es Assunta, als warte er auf ein Zeichen ihrer Zustimmung. „Es wird nur nicht leicht, sie zu finden“, der Junker verzog seine Lippen. „Ich weiß, dass sie oft in der Nähe von Radbruch residiert. Dort würde ich meine Suche beginnen.“

„Moment, Moment, Moment“, Assunta machte eine Geste, als wolle sie einen anstürmenden Bären davon abhalten, ihr an die Gurgel zu gehen. „Was Ihr da redet, ergibt doch überhaupt keinen Sinn“, meinte sie dann und warf Trautmann einen ratlosen Blick zu. Sie schien sich redlich zu bemühen, aus seinen Worten schlau zu werden, doch es dauerte einen Moment, bis Erkenntnis in ihren Augen aufleuchtete. „Es sei denn ...“, murmelte sie hernach und die Ratlosigkeit auf ihren Zügen wich einer unguten Mischung aus Entrüstung und Entsetzen. „Unterstellt Ihr etwa, Ihre Gnaden hätte ohne Euer Wissen ... hätte heimlich etwas aus Lichtwacht mitgehen lassen?“

Der Gugelforster kam nicht dazu, etwas auf diese Frage zu erwidern. Seine Augen schienen ausreichend klar zu verraten, was er dachte, und die Praioranerin reagierte einfach direkt darauf, statt auf seine Worte zu warten.

„Das ist undenkbar!“, stieß sie mit unverrückbarer Entschiedenheit in der Stimme hervor. „Eine Geweihte des himmlischen Richters, die sich zu einem derart unaufrichtigen Verhalten hinreißen lässt, das ist ... das wäre unwürdig.“ Assunta zog die Brauen zusammen und schüttelte energisch den Kopf. „Unmöglich!“, wiederholte sie dann noch einmal und sah Trautmann prüfend an. „Wie kommt Ihr denn nur auf so etwas? Hat sie Euch Anlass dafür gegeben?“

Der Junker hätte zu lachen begonnen, wäre dies nicht vollends unangebracht und wohl auch beleidigend gewesen. Ein kurzes Schmunzeln konnte er sich jedoch nicht verkneifen. „Keineswegs, Euer Gnaden“, er hob seine Hände zu einer abwehrenden Geste. „Der Inhalt der Kammer und des Archivs sind Eigentum der Kirche des Götterfürsten und nicht von mir.“ Der Gugelforster legte seine Stirn in Falten. „Demnach kann sie auch nichts daraus ... entwenden. Es stand ihrer Gnaden frei, mit dem Inhalt der Räumlichkeiten zu tun, was sie für richtig hält. Ich habe ihr dahingehend vertraut, genauso wie ich Euch vertraue."

Trautmann musterte die Züge der Lichtbringerin. „Ich hatte Euch so verstanden, dass etwas fehlt und da ich und ihre Gnaden Greifhild die Einzigen waren, die diese Räume regelmäßig betreten haben ... nun ja ... ich habe nichts daraus an mich genommen.“

„Entwenden ... ist aber der Begriff, den Ihr benutzt habt ...“, meinte Assunta langsam und bedächtig, während sich ihr Blick förmlich am Gesicht des Junkers festsaugte. Das Schmunzeln war ihr nicht entgangen und man musste kein Menschenkenner sein, um zu begreifen, dass es sie überforderte. Sie konnte die plötzliche Heiterkeit des Gugelforsters offenbar nicht einordnen und wirkte erst einmal schwer verwirrt.

Was auch immer sonst noch zum Zustand des Entrücktseins gehören mochte – bei just dieser Priesterin führte er offenbar dazu, dass sie mit ihren Regungen nicht mehr gut haushalten oder sie doch zumindest nicht mehr so gut vor ihren Mitmenschen verbergen konnte.

„Selbst wenn Ihr es auf Euch bezogen verneinen wollt ...“, hob sie schließlich stockend an, „... wäre es doch zumindest eine Mitnahme zulasten der Kirche des Lichts. Greifhild wäre gut beraten gewesen, Ihre Hochwürden darüber in Kenntnis zu setzen, was sie ganz offensichtlich nicht tat. Und das ... ich kann mir einfach nicht vorstellen. Das wäre ...“

Assunta räusperte sich und brach dann ganz ab. Einen Moment schwieg sie und Trautmann fürchtete schon, sie würde einmal mehr so tief in ihre Gedankenwelt abgleiten, dass er sie mit einer Frage zurück ins Hier und Jetzt holen musste. Doch dann verstetigte sich ihr Blick von selbst wieder und sie sah ihrem Gastgeber direkt in die Augen.

„Mal unterstellt – und wirklich nur unterstellt, denn ich glaube nicht daran – Schwester Greifhild hätte den Gegenstand, der fehlt, tatsächlich an sich an sich genommen. Und nur mal unterstellt, er wäre tatsächlich verflucht. Eine Gefahr für die Allgemeinheit“, die Stimme der Sichlerin gewann nun auch wieder an Präsenz. „Dann wäre es alles andere als klug, Ihr würdet Euch allein auf die Suche nach ihr machen. Denn damit würdet Ihr Euch einer potenziellen Gefahr aussetzen, deren Ausmaß wir im Moment noch nicht ansatzweise einschätzen können.“

Die Lichtbringerin runzelte die Stirn und hob die Schultern: „Es habt nicht nur Ihr gelobt, auf mich aufzupassen, sondern auch ich, dass ich auf Euch achte. Ich würde diese Aufgabe sehr nachlässig handhaben, wenn ich Euch in der Sache allein ziehen ließe. Ihr die Eure im Übrigen auch, würde ich meinen, denn es kann ja sein, dass die Gefahr nach wie vor hier lauert. Und wir wissen nicht, welche Form sie hat. Sollte es also einen körperlichen Angriff geben, wer schützt mich dann?“ Assunta hob fragend die Brauen.

Die Geweihte merkte, dass ihre Worte eine gewisse Wirkung nicht verfehlten. Allem Anschein nach hatte der Junker daran nicht gedacht. „Ähm ... naja ... ich dachte, in der Burg wird Euch schon nichts geschehen. Es sind Menschen hier, die Euch verteidigen würden. Und was ihre Gnaden Greifhild angeht ... entwendet war vielleicht das falsche Wort, da habt Ihr recht. Ich hatte es so aufgefasst, als wäre etwas aus der Halle entfernt worden, wollte aber einer Geweihten des Praios nichts Böses unterstellen. Wie gesagt: Selbst wenn dem so wäre und ihre Gnaden hätte etwas an sich genommen, würde ich es keinesfalls als Übertretung ihrer Befugnisse werten.“

Trautmann hielt Assuntas Blick stand. „Es obliegt mir nicht, dies kirchenrechtlich zu beurteilen. Ich kann nur sagen, dass ich Ihrer Gnaden genauso freie Hand bei ihrer Tätigkeit hier gegeben habe wie nun Euch. Wenn Ihr eines der Artefakte an Euch nehmen wollt, würde ich wohl nur fragen, ob davon eine Gefahr für meine Schutzbefohlenen ausgeht.“ Seine Augenbrauen wanderten leicht nach oben und er ließ eine wegwerfende Geste folgen. „Aber gut, wahrscheinlich habt Ihr recht. Ich werde hier bleiben und mit den nächsten Schritten auf Eure Erkenntnisse warten.“ Der Gugelforster verbeugte sich leicht. „Ich lasse nach Euch schicken wenn das Essen fertig ist.“

Assunta hatte den Zeigefinger der rechten Hand bereits ein wenig gehoben und den Mund halb geöffnet – vermutlich, weil sie etwas womöglich nicht ganz Unwichtiges zu Trautmanns Rede zu sagen hatte –, doch dann kam er ihr mit seinem unerwarteten Rückzug zuvor. Da stand sie einen Moment wie vom Donner gerührt, mitten in der Bewegung eingefroren, und starrte ihn ungläubig an. Kurz schien sie sich noch mit sich zu ringen. Ernsthaft darüber nachzudenken, ob sie sich den Vorstellungen ihres Gastgebers widersetzen und ihm ein paar wichtige Dinge erklären sollte. Über den Unterschied zwischen Kirchenrecht, Anstand, Loyalität und Ordnung zum Beispiel. Dann aber ließ sie die Hand sinken und schloss den Mund unverrichteter Dinge wieder.

Auf ihren Zügen spiegelte sich erst Enttäuschung, danach ein Hauch von Verzweiflung und schließlich riss Resignation das Ruder an sich. Sie biss die Lippen zusammen, nickte ergeben und schloss die Augen. Nur für einen Moment, in dem sie einmal tief durchatmete und in ihrem Inneren nach der Ruhe und Zufriedenheit fischte, von der sie bis eben noch erfüllt gewesen war. Sie schien beides recht schnell zu finden, denn ihre Miene hellte sich schon wieder auf, ehe sie die Augen öffnete und Trautmann mit einem Lächeln bedachte. Das wirkte zwar irgendwie ein bisschen gezwungen, zugleich aber doch recht freundlich.

„Es ist bald Mittag“, meinte sie schlicht. „Ich gehe raus, um zu beten und meine Andacht zu halten. Danach esse ich einen Happen und ziehe mich hierher zurück, um ... Erkenntnisse zu finden.“ Sie nickte dem Gugelforster zu, warf noch einen kurzen Blick auf die Bücher und sich dann den roten Schal über die Schultern, den sie am Morgen schon getragen hatte. „Bis später“, meinte sie noch, ehe sie sich an Trautmann vorbei aus dem Raum schob.

Der Junker bemerkte den inneren Kampf, den die Lichtbringerin mit sich ausfocht und auch wenn sie schlussendlich lächelte, schien ihm Vorsicht geboten. Versöhnlich lächelte er daher. „Hättet Ihr etwas dagegen, wenn ich mich Euch bei Eurer Andacht anschließe?“

Assunta hielt noch einmal inne, warf dem Junker einen prüfenden Blick aus leicht verengten Augen zu und meinte dann leichthin: „Selbstverständlich nicht. Ganz im Gegenteil.“