Lucem demonstrat umbra - Lichtwacht

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Das Wetter war deutlich besser als am Tag zuvor. Als sie nach einem kurzen Morgenmahl noch im Dämmerlicht aufbrachen, konnten sie zumindest die Regenmäntel vom Vorabend in den Satteltaschen verstauen. Auch kamen sie am Morgen und dem Vormittag gut voran. Assunta hatte schon recht früh erkannt, welch rauhes Land die Heldentrutz war. Überall fanden sich Spuren vom ständig tobenden Kampf zwischen Mensch und Ork.

Bereits kurz nachdem sie aus dem Stadttor geritten waren, kamen sie an den Ruinen des Ritterguts Finsterkamm vorbei – dem zerstörten Stammsitz der Baronsfamilie. Noch niemand hatte die Muße gefunden, dieses Gut wieder aufzubauen. Auch der eine oder andere niedergebrannte Hof lag auf ihrem Weg in Richtung des Finsterkamm. Doch nicht nur der Ork verlangte den Menschen hier alles ab: Just wie in der Sichelwacht führte der teils sehr kärgliche Boden dazu, dass die Gürtel über den Winter enger geschnallt werden mussten.

Auf schmalen Pfaden ritten der Gugelforster und seine Begleiterin in Richtung Dunkelforst, bei dessen Betreten die Gespräche zwischen ihnen erstarben. Nun wirkte Trautmann noch aufmerksamer als sonst. Vor ein paar Tagen erst hatte er der Assunta erzählt, wie gefährlich der Wald war, der große Teile der Hänge des Finsterkamms, der efferdwärtigen Grafschaft und damit auch der Baronie Nordhag bedeckte. Hier konnte der Tod überall lauern, wobei Orks nur eine von vielen Möglichkeiten waren, durch die einen das vorzeitige Ende ereilen konnte.

Kurz überlegte Assunta, ob es nicht vielleicht ein bisschen sehr gewagt war, an dieser Stelle ohne zusätzliche Bedeckung zu reisen. Zu zweit boten sie – aller Kampfkraft ihres ritterlichen Begleiters und womöglich auch allem guten Willen des Götterfürsten zum Trotz – ein leichtes Ziel. Für das Gelichter, das im Tannicht untergeschlüpft sein mochte. Sie nahm die Gefahr zwar wahr und konnte nicht hindern, dass leichte Beklommenheit von ihr Besitz ergriff. Wirklich schrecken konnte die unheimliche Umgebung sie jedoch nicht. Sie vertraute vollkommen darauf, dass ihr ein anderes Schicksal zugedacht war, als in einem dunklen Trutzer Wald von irgendwelchen Orks gemeuchelt zu werden.

Nüchtern betrachtet bereitete ihr die Aussicht, am heutigen Tage noch auf Trautmanns Gesinde zu treffen, deutlich größeres Kopfzerbrechen als der Weg durch den Dunkelforst. Für andere hätte es womöglich wahnwitzig geklungen, aber für sie stellte es sich nun mal so dar: Bei Orks wusste man wenigstens, woran man war. Das Verhältnis zu denen war klar und damit unkompliziert. Man musste nicht darauf achten, sich stets seinem Amt entsprechend zu verhalten, um der Kirche keine Schande zu bereiten oder allgemein einen unmöglichen Eindruck zu hinterlassen. Es gab auch kein tägliches Miteinander, in dem eine ungeahnte Vielzahl potenzieller Fallstricke lauerte.

Menschen waren schwierig. Komplizierte Wesen mit viel zu vielen verborgenen Gedanken und zunächst noch unwägbaren Befindlichkeiten. Schwer einzuschätzen und zu ... kontrollieren, wenn man sie nicht kannte. Der Umgang mit ihnen war in diesem Stadium ein beständiger Eiertanz. Es gab kaum etwas, was Assunta anstrengender fand, als die Bekanntschaft fremder Personen zu machen. Je mehr desto schlimmer. Nicht dass sie sich ihren Mitmenschen nicht verbunden gefühlt hätte. Im Gegenteil: Sie hielt sich gern in Gesellschaft auf. Am liebsten aber als schweigende Randfigur, von der niemand groß Notiz nahm. Was bei Dienern der Gleißenden eher selten vorkam. Vielleicht hätte sie sich besser dem Unausweichlichen zuwenden sollen ...

In dem Moment, als ihr klar wurde, was sie da gerade gedacht hatte, warf Assunta einen schuldbewussten Blick gen Himmel – der ob des dichten Dachs aus Blättern und Nadeln allerdings nicht zu sehen war – und leistete im Geiste dreimal Abbitte. Es würde schon alles werden. Sie sah zum Gugelforster hinüber. Wenn seine Leute so unkompliziert und aufgeschlossen waren wie er, würde sie vielleicht gar keine Probleme haben. Wenn das Gesinde sich nicht hasste, ablehnte ... oder wie so mancher Weidener lieber einen großen Bogen um Praiosdiener machte, würde sie vermutlich einen guten Zugang finden und die Zeit am Ende sogar genießen. Spannend genug waren die Aussichten ja.

Assunta tauchte aus ihren Gedanken auf, als Trautmann seinen Wallach parierte und auf einen Fluss deutete, der vor ihnen durch den Wald gurgelte. Das musste das Kaltwasser sein, das er am Morgen erwähnt hatte. Und offenbar wollte er an just diesem eine Pause einlegen. Ihr war es nur recht. Sie ließ sich ein wenig umständlich aus dem Sattel gleiten und stakselte steifbeinig auf der Stelle, sobald der Ritter ihr den Rücken zugewandt hatte und es nicht mehr sah.

Trautmann führte die Tiere zum Wasser, dann setzte er sich auf einen Findling. Müde lächelnd wandte er sich ihr zu. „Wir kommen gut voran“, meinte er knapp, aber offenkundig zufriedenen. „Über den Fluss und dann ist es nicht mehr weit. Der Aufstieg wird noch eine Herausforderung.“ Er wies zu den trinkenden Tieren. „Deshalb sollten wir ihnen und uns eine Pause gönnen.“

„Sicher“, Assunta nickte. Sie überlegte erst, sich ebenfalls einen Findling zu suchen. Angesichts ihrer schmerzenden Beine entschied sie dann aber, stehenzubleiben. Einen Moment sahen sie den saufenden Vierbeinern schweigend zu und die Praioranerin erfreute sich an der Erkenntnis, dass ihre Stute in den vergangenen Tagen deutlich ruhiger geworden war. Dann nahm sie sich ein Herz und sah zu ihrem einzigen menschlichen Reisegefährten hinüber: „Es hört sich an, als wärt Ihr ganz zuversichtlich, was den Rest des Weges anbelangt. Also gehe ich davon aus, dass wir Lichtwacht heute Abend wirklich erreichen. Vielleicht erzählt Ihr mir vorher noch etwas über die Menschen, die dort leben? Wie viele sind es? Und wo kommen sie her? Hat die Baronin sie Euch zur Seite gestellt? Das Gut war ja bisher verlassen ...“

„In etwa drei Dutzend“, griff der Junker willkürlich eine der Fragen der Lichtbringerin heraus. „Alles brave Menschen, die mir meine Base geschickt hat.“ Trautmann fuhr sich mit der Rechten durch den Schopf und legte sich so seine Haare zurecht. Dass er saß und die Geweihte stand, rief in ihm leichtes Unwohlsein hervor. „Sie und Leudane haben sich darüber verständigt und inwiefern Gwidûhenna für die Menschen und die Tiere, die sie mir zum Geschenk gemacht hat, kompensiert wurde, weiß ich nicht.“ Er zuckte mit den Schultern. „Sie hat es den Leuten freigestellt zu gehen, um sich auf Lichtwacht etwas Neues aufzubauen. Und sie hat verhindert, dass ich auf einer zugigen alten Burg alsbald den Hungertod sterben muss.“

Seine letzten Worte ließen den Junker über sich selbst lachen. „Nun, es lebt sich ganz gut. Die Menschen sind fleißig und geschickt. Sie wohnen in selbst errichteten Holzhäusern in der Vorburg, sind aber nur schwer davon zu überzeugen, die Kapelle oder die Katakomben zu betreten.“ Trautmann lächelte schmal. „Ich bin gespannt, was Ihr dazu sagt. Auch die Signalanlage haben wir inzwischen wieder instandgesetzt, um unseren Platz in der Finsterwacht einnehmen zu können.“

Nach langem Ringen entschied sich der Gugelforster, wieder aufzustehen. Sein Blick ging einen Moment lang prüfend gen Himmel. „Wir sollten es heute noch schaffen“, bemerkte er, begleitet von einem aufmunternden Lächeln. „Auch wenn es knapp werden kann. Wenn das Wetter hält, bin ich zuversichtlich.“

Beinahe wirkte diese Aussage wie eine Aufforderung zum Aufbruch, doch machte der Ritter noch keine Anstalten, zu den Reittieren hinüber zu gehen – und derer hätte es bedurft, damit Assunta begriff, was er vorhatte. Ihre Gedanken waren abgeschweift, als Trautmann von „drei Dutzend“ Menschen sprach. Das war eine Zahl, mit der sie nicht gerechnet hatte. Es klang in ihren Ohren eher nach einem halben Dorf als nach der Besatzung einer Burgruine. Zudem realisierte sie just, dass die Bediensteten bislang mitnichten in dem gesegneten Wohnturm genächtigt und sich ganz sicher auch nicht die meiste Zeit über in eben jenem aufgehalten hatten.

Assunta war noch vollauf damit beschäftigt, die Information zu verarbeiten, als der Gugelforster sich erhob, und sah ihn daher für einen Moment irritiert an. „Ich ... ja ... bin auch gespannt ...“, murmelte sie abwesend, rief sich jedoch gleich darauf zur Ordnung und richtete den Blick wieder auf Trautmanns Gesicht – das ihrem Eindruck nach irgendwie unentschieden wirkte, was sie sich erst gar nicht und dann nur auf eine Art erklären konnte.

„Ich bin nicht stehengeblieben, weil ich Euch zur Eile ermahnen will“, schob sie da rasch hinterher. „Ich wollte mich nur nicht setzen, weil ... ich das den ganzen Tag schon getan habe. Wir können gern noch ein bisschen verweilen, wenn Ihr es für angemessen haltet. Ich wähne mich in guten Händen und sehe dem Rest der Reise daher gelassen entgegen, wie auch immer er verlaufen wird.“

Trautmanns Blick ging kurz hinüber zu den Pferden, dann wieder zurück auf Assunta, wo er einige Momente lang liegen blieb. „Wir sollten nicht länger zuwarten“, bemerkte er dann. „Wenn Ihr möchtet, können wir wieder weiter. Je schneller wir weg kommen, desto schneller erreichen wir unser Ziel.“

Bereitwillig kam die Lichtbringerin seinem Vorschlag nach und half ihm dabei, die Tiere auf den Aufbruch vorzubereiten. Die kleine Gruppe kam weiter gut voran und es sollte nur noch ein knappes Stundenglas dauern, bis sie sich an den Aufstieg zur Burg wagten. Dort ging es die ersten Meilen noch gemächlich bergan. Erst als die Vegetation des Schattenforsts lichter wurde, wurde auch der Steg schmaler und die beiden Reisenden mussten von ihren Reittieren absteigen.

An den Zügeln führten sie Pferde und Maultier das letzte Stück zur Burg – wiewohl „Stück“ in diesem Zusammenhang etwas irreführend war. Der Abschnitt nahm nämlich einige Stundengläser und einiges an Konzentration in Anspruch. Die Burg selbst konnte Assunta erst auf der letzten Meile erkennen, schmiegte sich das Gemäuer doch an den efferdwärtigen Hang eines Ausläufers des Finsterkamms und war durch das Gestein vor ihren Blicken geschützt.

Von der Ferne machte das einst stolze Gemäuer einen mitgenommenen, aber dennoch rüstigen Eindruck. Der Zahn der Zeit hatte an ihm genagt, es jedoch nicht gänzlich gebrochen. Hie und da mussten Löcher der Mauer mit Holzpalisaden gestopft werden, aber sonst waren auf Anhieb keine größeren Schäden zu sehen. Die letzten 50 Schritt hoch zum Tor der Burg säumten Sanddornsträucher, deren zu lange Äste an der Kleidung der beiden Reisenden zogen.

„Unkraut“, bemerkte der vorn gehende Ritter, ohne sich zu Assunta umzuwenden. „Egal wie oft wir es zurückschneiden, es wächst immer und immer wieder nach.“ Allem Anschein nach hatten die Gäste, die vor der Lichtbringerin hierhergekommen waren, deutlich durchscheinen lassen, was sie von den Pflanzen hielten – und er wollte dem Eindruck, sich nicht um eine Eindämmung gekümmert zu haben, vorbeugen.

Die Sichlerin aber lächelte nur und gab ein leises „Gut für Säfte und Kuchen sowie gegen Erkältungen“ zum Besten.

Bald darauf erreichten sie das Tor zur alten Wehranlage, das offen stand. Schon beim Eintreten konnte Assunta fast alle Bewohner der Burg erspähen, denn ihr Herannahen war selbstverständlich nicht unbemerkt geblieben. Ehrfürchtig zogen sich die Männer ihre Kopfbedeckungen vom Haupt und die Frauen machten einen Knicks zum Gruß. In der Vorburg der kleinen Wehanlage befanden sich neben dem wartenden Gesinde auch die provisorisch, doch liebevoll errichteten Barracken und Häuschen aus Holz, sowie die Stallungen, das Waschhaus und die Gesindebehausungen aus Bruchstein an der Außenmauer.

Besonders stolz war der Junker auch auf den wieder instandgesetzten Brunnen, der die Burganlage mit klarem Wasser aus dem Berg versorgte. Nachdem die Vorburg durchschritten war, betraten sie durch ein weiteres Tor, kleines Tor zu ihrer Linken die eigentliche Burg. Hier angekommen wurden sie sofort von einem jungen Stallknecht begrüßt, der ihnen mit den Tieren behilflich war. Die Hauptburg bestand aus dem Wohnturm und einem noch nicht wiedererrichteten Gutshaus. Der runde Wehrturm mit der Signalanlage war das einzige Gebäude, dass bei seiner Übernahme der damaligen Ruine intakt war und befand sich an der Talseite der Vorburg. Der Gugelforster hatte seiner Begleiterin schon auf dem Weg nach Nordhag lang und breit erklärt, wie wichtig diese Aufgabe sei und wie stolz er war, ein Wachtritter zu sein.

Nach drei Seiten ging die Burg in einen kaum zu überwindenden Abhang über. Inmitten der kleinen Hauptburg befand sich ein geschlossenes pavillonartiges Gebäude. Hierunter, so erklärte es der Junker, befand sich der Abgang zur Kapelle und den Katakomben, die einst als Giftschrank gedient hatten.

Assunta war ihrem Gastgeber bis hierher gefolgt, ohne eine Miene zu verziehen – mal abgesehen von einem zurückhaltenden Lächeln in Richtung der neugierigen Bewohner in der Vorburg. Außer ein paar knappen Worten zu eben jenen und der Bemerkung über den Sanddorn hatte sie auch keinen Ton von sich gegeben. Gleichwohl verrieten ihre Augen Interesse – und dass sie sich ein genaues Bild von der Burganlage machte, während sie sie in Trautmann Fußstapfen durchschritt.

Als eben jener ihr den Zweck des Pavillons erläuterte, nickte sie nachdenklich und hielt inne, um das Bauwerk gründlich zu begutachten. Er wusste nicht genau, wonach sie suchte. Verzierungen vielleicht, die verrieten, wer auf dieser Burg einmal geherrscht hatte? Schließlich aber löste die Lichtbringerin sich von dem Gebäude und sah Trautmann fragend an:

„Ich schätze, da gehen wir jetzt noch nicht rein, sondern rüber in den Wohnturm?“

Trautmanns Gesicht klarte sich bei der Frage erstmals seit längerem wieder auf. „Das überlasse ich Euch“, meinte er dann. „Gern zeige ich Euch zuerst den Wohnturm.“ Der Junker führte seinen Gast daraufhin zum Portal des kleineren der beiden Türme. Was Assunta schon beim Eintreten bemerken konnte, war, dass der Abgang im Eingangsbereich allem Anschein nach zugemauert wurde.

„Haben wir geschlossen“, meinte der Gugelforster beiläufig, als er den fragenden Blick der Geweihten bemerkte. Der Turm hatte einen Grundriss von etwa sechs mal sechs Schritt und besaß insgesamt vier Stockwerke – wobei sich das Gemach des Junkers im obersten befand. In den beiden Stockwerken darunter lagen die Räumlichkeiten für die gegenwärtig kaum vorhandene Burgbesatzung, während der erste Stock so etwas wie einen Gemeinschaftsraum darstellte.

„Wir nehmen an, dass die Ritter des Ordens einst diesen Turm bewohnten, während die Knappen und anderen Ordensdiener im Wehrturm nächtigten“, erklärte Trautmann, als sie sich auf dem Rückweg von der obersten Etage in die unterste befanden. Der Aufenthaltsraum war durch einen Kamin geheizt, aber – wie der Rest des Gemäuers – nur schwach beleuchtet. „Die beiden Türme sind inzwischen wieder weitestgehend nutzbar“, führte der Burgherr derweil weiter aus. „Für das Haupthaus gilt das jedoch nicht.“

Als Haupthaus bezeichnete der Gugelforster jenes Gebäude, das zwischen den Türmen lag und diese miteinander verband. Hierin befanden sich einst das Refektorium, der Kapitelsaal und auch die Bibliothek – jedoch nicht zu verwechseln mit dem Giftschrank in den Katakomben. Eben dieses Gebäude stand gegenwärtig noch ohne Dach und Türen wie ein Skelett zwischen den beiden trutzigen Türmen.

„Wie wir besprochen haben, werde ich Eure Sachen in mein Gemach bringen lassen. Dort könnt Ihr Euch gerne ausbreiten und seid ungestört. Ich nächtige im Stock darunter. Platz ist ja genug.“ Der Junker machte in diesem Moment einen Gesichtsausdruck, der Assunta signalisierte, dass er in dieser Sache keinen Widerspruch duldete.

Sie nahm es zur Kenntnis, ließ sich davon jedoch nicht im Geringsten beeindrucken. Zunächst schien sich die Praioranerin noch in Sicherheit zu wähnen, denn ihre Haltung wirkte ungewohnt entspannt, die Miene aufgeräumt. Als Trautmann jedoch auf die Pläne bezüglich seines Gemachs zu sprechen kam, schwand das Lächeln schlagartig von ihren Lippen und sie schüttelte den Kopf – bedächtig, deshalb aber nicht minder bestimmt. Assunta warf einen sichernden Blick in die Runde und hob ihre Stimme erst, als sie davon überzeugt war, dass sich außer ihnen niemand im Raum aufhielt.

„Das war so keineswegs besprochen“, meinte sie dann. „Ich habe Euch in Anderath schon gesagt, dass es für mich nicht in Ordnung geht, wenn der Herr der Burg seine Gemächer für eine einfache Geweihte räumt. Ihr seid kein Bauer, sondern ein Adeliger. Dies ist Eure Burg und das da oben ist Euer privater Rückzugsort. Keine zehn Pferde werden mich dazu bewegen, dort einzuziehen, während Ihr in die Räume der Bediensteten ausweicht. Zumal das unnötig ist, weil es in den Etagen darunter – wie Ihr schon sagt – ausreichend freie Räume gibt. Und sie alle genügen meinen Ansprüchen.“

Assunta neigte den Kopf leicht zur Seite und lächelte höflich, schaffte es zugleich aber mit spielerischer Leichtigkeit, ebenso vernagelt wie ihr Gastgeber zu wirken. „Ich sehe das Problem auch gar nicht, Trautmann. Ich werde eine Etage weiter unten mehr als genug Platz haben, auf dem ich mich ausbreiten kann. Wenn mir der Sinn danach steht, kann ich mir sogar eine Schlafkammer und eine fürs Studium meiner Schriften einrichten – und dann noch einen Andachtsraum gestalten. Das wäre mir in Eurem Gemach doch gar nicht möglich.“

Trautmann zog die Augenbrauen zusammen und ließ seinen Blick skeptisch auf der Geweihten ruhen. Kurz nur, dann folgte ein leichtes Nicken. „Wie Ihr wisst, komme ich aus einem sehr traviagefälligen Haus. Nicht nur, weil meine Mutter eine ihrer Hochgeweihten ist, sondern auch durch unsere Geschichte. Die Gütige gilt seit jeher als Schutzpatronin unserer Familie. Gastfreundschaft steht deshalb an erster Stelle.“

Innerlich bewunderte er die Hartnäckigkeit Assuntas, was seine Mundwinkel bei den kommenden Worten nach oben wandern ließ: „Nie würde ich Euch als einfache Geweihte sehen: Ihr seid mein Gast.“ Der Junker hob seine Schultern und seufzte leicht. „Aber ich sehe schon, Ihr werdet Euch nicht umstimmen lassen. Das dritte Geschoss soll Euch gehören. Ich werde veranlassen, dass Eure Sachen hinaufgebracht werden. Richtet Euch ein und nehmt Euch Zeit. Das Abendmahl gibt es dann unten. Den Tempel und Rest der Burg können wir morgen begutachten. Heute ist es dafür wohl schon zu spät.“

„Trefflich“, das Wort hätte schnippisch wirken können, wäre es nicht mit überraschend sanfter Stimme ausgesprochen worden und Assuntas Erleichterung offensichtlich gewesen. Es schien ganz so, als wäre es ihr nicht leicht gefallen, ihrem Gastgeber zu widersprechen. Umso befreiter wirkte das Lächeln, mit dem sie ihn bedachte, als sie noch ein „Seid vielmals bedankt“ hinterher schob. „Dann gehe ich mich mal einrichten.“ Auf die Ankündigung ließ die Praioranerin umgehend Taten folgen. Ein bisschen so, als wolle sie sich nicht noch mehr Widerstand gegen den guten Willen des Gugelforsters zuschulden kommen lassen. Sie nickte ihm zu, drehte ab und begab sich anstandslos zu der Wendeltreppe hinüber, die sie gerade erst hinab gestiegen waren – nachdem sie sie schon einmal erklommen hatten.

***

Assunta brauchte nicht lange, um sich einzurichten. Das lag zum einen daran, dass sie in den vergangenen Götterläufen viel gereist war und dabei eine gewisse Routine beim Packen und Auspacken entwickelt hatte. Zum anderen aber auch daran, dass sie nicht den Ehrgeiz besaß, es sich sofort wohnlich zu machen. Sie inspizierte die Pritsche, einen wackeligen Stuhl unter dem Fenster, die schmale Kommode neben der Tür – mehr gab es in der  Kammer eigentlich nicht zu sehen. Sie war so klein, dass das von Heliopais für unerlässlich erachtete Gepäck nicht zur Gänze hinein passte. So kam es, dass die Kisten, Koffer und Truhen tatsächlich auf zwei Räume verteilt wurden, und zwar genau so, wie Assunta es veranlasste.

Hernach entließ sie die Bediensteten mit einem freundlichen Lächeln. Sie brauchte nichts weiter. Es war davon auszugehen, dass eine der Mägde das Bett zurechtmachen würde, während sie aß und beim Umkleiden war nun wahrlich keine Hilfe vonnöten. Auch darin hatte sie mittlerweile große Routine entwickelt, sodass sie sich frisch gewaschen und mit ihrem Ornat angetan an das schmale Fensterchen ihres Kämmerleins stellen und hinaus auf die Berge blicken konnte, um die Zeit bis zum Essen zu überbrücken.

Ein bisschen fühlte es sich an, als sei sie heim gekommen. Sie war ein Kind der Berge. So schön Anderath und die umgebende Landschaft mit glitzernden Wasserläufen und fetten Weiden auch sein mochte: Schroffe Felsen und dunkle Wälder lagen ihr mehr am Herzen. So mancher mochte auf sie blicken und nichts als die Entbehrungen sehen, die das Leben in ihnen bedeutete. Aber bei ihr war das nie so gewesen. Abgesehen davon, dass Entbehrungen nichts ausmachten, fühlte sie sich im kargen Berg- und Waldland irgendwie geborgen. Sie hatte das selbst in Rotenforst getan. Zu den schlimmsten Zeiten. Wenn um sie herum das reinste Chaos herrschte, brauchte sie den Blick nur auf ewige Felsen und wankende Baumkronen zu richten, damit ihr die Ordnung und Beständigkeit in allen Dingen wieder gewahr wurde.

Stundenlang konnte sie sich damit verweilen – und hätte es auch heute wieder getan, wäre da nicht irgendwann ein Klopfen an ihrer Tür gewesen. Eine Magd bat sie zum Essen. Gespannt darauf, was wohl aufgetischt werden würde und was ihr Gastgeber heute noch über sein Heim erzählen würde, folgte Assunta der Frau hinab in die gute Stube.