Lucem demonstrat umbra - Im Nordhager Hof

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Stadt Nordhag, Baronie Nordhag
drei Tage darauf

Es war spät geworden und sie mussten sich eilen, um die Stadt Nordhag noch vor Einbruch der Nacht zu erreichen. Grund für ihre Verzögerung war jener Segen in Form stetig andauernden Regens gewesen, mit dem der launische Efferd die Lande der Heldentrutz an diesem Tag bedachte. Kurz diskutierten Assunta und Trautmann, ob sie den Tag nicht in der Gaststätte zu Altenfurten zubringen sollten, um besseres Wetter abzuwarten. Doch entschieden sie sich dafür, ihren Weg fortzusetzen. Nicht nur, weil sie die Gastfreundschaft der Böcklins nicht länger als unbedingt nötig in Anspruch nehmen wollten, sondern auch, weil sie Lichtwacht und dessen möglichen „Fluch“ nicht länger warten lassen wollten.

So ritten an diesem Abend zwei in lange Mäntel gehüllte Gestalten durch das Norretor und Richtung des Viertels Oberhag. Trautmann hatte für die Nacht – hoffentlich die letzte, bevor sie auf Lichtwacht ankamen – den Oberhager Hof für ihre Rast auserkoren. Vor jenem Gasthof angekommen, streifte der Junker seine Kapuze zurück und zog sich die Handschuhe aus. Dann schwang er sich elegant aus dem Sattel, schritt hinüber zu Assunta und bot ihr galant seine Hand an, um ihr vom Pferd zu helfen. Die Praiosdienerin schien einen Moment zu überlegen, lächelten dann jedoch dankbar, griff mit klammen Fingern bereitwillig zu und ließ sich aus dem Sattel in die Arme ihres Begleiters gleiten. Dieser hielt sie anschließend etwas länger, als es vielleicht ziemlich gewesen wäre.

„Die hoffentlich letzte Herberge auf unserem Weg“, meinte der Gugelforster lächelnd, die schmale Lichtbringerin immer noch in seinen starken Armen, „aber mit Sicherheit die beste bisher. Ich freue mich schon auf ein warmes Bad, eine gute Mahlzeit und ein weiches Bett.“ Erst dann wurde er sich der unschicklichen Situation bewusst – wohl nicht zuletzt, weil Assunta mit fragend gehobenen Brauen zu ihm aufsah – und ließ sie wieder frei.  „Entschuldigt“, murmelte Trautmann, dann wandte er sich den Pferden zu.

In seinem Rücken stand die Lichtbringerin einen Moment unschlüssig im Regen und druckste ergebnislos herum. Ihre Miene verriet, dass sie irgendetwas Freundliches sagen wollte. In Richtung „Ist doch nicht nötig!“ wohl. Aber die sah der Trutzer ja nicht und da ihr am Ende keine passenden Worte einfielen, ging die Erkenntnis ganz an ihm vorbei. Stattdessen trat Assunta nach einem Augenblick des Zögerns wieder näher und fragte:

„Kann ich mich irgendwie nützlich machen? Soll ich reingehen und nach dem Stallburschen fragen? Jemandem, der sich um das Gepäck kümmert? Ich nehme doch an, dass sie hier am Platz Bedienstete für diese Verrichtungen haben?“

Der Junker sollte sich zu dieser Reihe von Fragen einen Moment lang  nicht äußern. Stattdessen nestelte er, Assunta den Rücken  zuwendend, am Sattelgurt und dem Zaumzeug seines Rosses herum. Innerlich stand er immer noch etwas neben der Spur und hoffte, dass die Lichtbringerin die letzten Momente nicht als einen plumpen Versuch der körperlichen Annäherung wertete. Ja, die Berührung, auch wenn viele Lagen Gewand, eine Kettenrüstung und ein Regenmantel dazwischen lag, tat ihm gut. Ihr Schweigen zu seiner Entschuldigung jedoch nicht. Es war ihr wohl unangenehm und er schämte sich für seinen Fehltritt.

„Ja, das wäre nett.“ Eine gefühlte Ewigkeit später wandte er sich mit einem gezwungenen Lächeln um und nickte leicht.

Trautmann sah sich einem zunächst fragenden bis prüfenden Blick ausgesetzt. Wohl nicht zuletzt, weil die Praioranerin begriffen hatte, dass etwas im Argen lag, als sich der Moment, in dem er ihr den Rücken zukehrte, um – im Wesentlichen – Nichts zu tun, immer weiter in die Länge zog. Auf seinen Zügen schien sie etwas zu sehen, was ihre Frage auch ganz ohne Worte beantwortete, denn die Stirn glättete sich rasch wieder und ein sanftes Lächeln eroberte ihre Lippen.

„Gut, dann schaue ich, wen ich finden kann“, meinte Assunta schlicht. Trautmann ging davon aus, dass das alles war, und wollte sich schon wieder zu seinem Pferd umwenden, als sich ihre Hand auf seinen Unterarm legte. Mit sanftem Nachdruck hielt die Geweihte ihn davon ab, sie erneut aus seiner Wahrnehmung zu verbannen, und suchte seinen Blick. Erst als sie den gefunden hatte, hob sie ihre Stimme noch einmal.

„Ich danke Euch vielmals dafür, dass Ihr mir nach einem langen und beschwerlichen Tag im Sattel vom Pferd geholfen habt, Trautmann. Ich weiß das zu schätzen und es gibt wahrlich keinen Grund für Entschuldigungen“, sagte sie. „Im Übrigen verspreche ich, Euch Bescheid zu geben, wenn Ihr mir zu nahe tretet. Ich weiß, dass der Umgang mit Geweihten, allzumal mit jenen des Fürsten der Götter, vielen nicht leicht von der Hand geht. Ich werde mich bemühen, es Euch so einfach wie möglich zu machen.“

Nachdem das gesagt war, vertiefte sich ihr Lächeln noch eine Spur. Und dann war sie es, die sich abwandte, um zum Eingang des Oberhager Hofs hinüber zu gehen.

Auch auf dem Gesicht des Junkers machte sich nun wieder ein ehrliches Lächeln breit. Ein regelrechter Gefühlsausbruch, den Assunta jedoch nicht mehr sehen konnte, weil sie schon auf halbe, Weg zum Gasthof war. Als Geweihte hatte Trautmann seine Begleitung die letzten Tage eigentlich immer weniger gesehen – und genau darin lag das Problem. Wirkte sie bei ihrem Kennenlernen noch unantastbar und unnahbar, so sah er sie nun immer mehr als Frau. Oftmals, wenn er sich unbeobachtet fühlte, sah er ihr einfach nur zu: beim Reiten, wenn sie sich mit ihren Tieren abmühte und dennoch versuchte, die Fassung zu behalten. Oder wenn sie ihre Haare richtete. Wie gern hätte er Assunta einmal mit offenen Haaren bewundert. Der Gedanke daran ließ sein Lächeln noch breiter werden. Dennoch würde der Gugelforster die Frage, ob er die  Lichtbringerin denn als Frau interessant fände, konsequent verneinen.  Nicht, weil dem nicht so war, sondern weil es sich eben nicht ziemte und demnach nicht sein durfte. Erst das Erscheinen des Rossknechts riss Trautmann aus seinen Gedanken und holte ihn wieder ins Hier und Jetzt zurück.


***


Es sollte nicht lange dauern, da waren die Pferde versorgt, das Gepäck  wurde ihnen abgenommen und Trautmann und Assunta fanden sich im warmen  Schankraum wieder. Es war nicht allzu viel Volk  anwesend und den meisten sah man an, dass sie wohl aus der besseren Schicht stammten. Vor allem reisende Händler schienen hier zu dieser  Tageszeit zugegen zu sein.

„Euer Gnaden, was für eine seltene Ehre für mein bescheidenes Haus, eine Dienerin des Götterfürsten begrüßen zu dürfen“, bereits kurz nachdem sie eingetreten waren, wurden die beiden vom allem Anschein nach eigens herbei geholten Eigentümer des Hauses begrüßt. Einige Momente später nahm der kleingewachsene Wirt seine braunen Augen von der Geweihten und  begrüßte auch Trautmann mit einer leichten Verbeugung und indem er ein „Hoher Herr“ hinterher schob.

Der Junker hatte der Geweihten derweil aufmerksam aus ihrem Mantel geholfen und war drauf und dran, sich zu setzen. Doch da hob der Hausherr abermals – und diesmal begleitet von eifrigem Armfuchteln – zu sprechen an. „Nein, nein ... hoher Herr“, lächelte er, „doch nicht hier. Ich werde nicht zulassen, dass solch hochgestellter Besuch im Luftzug sitzt.“ Der charmante Wirt bedeutete ihnen mit einer einfachen Handbewegung, ihm  zu folgen und platzierte seine Gäste unter schmeichelnden Worten neben einem großen Kamin. „Hier ist es besser ... und wärmer. Das wird Euch die Kälte aus den Gliedern treiben.“

Assunta hatte bis hierhin geschwiegen und sich offenbar sehr wohl damit gefühlt, ihrem Begleiter den Vortritt zu lassen. Als der Wirt ein solches Aufheben um ihre Person machte, schien sie das zwar mit leichtem Unbehagen zu erfüllen, sie lächelte jedoch verbindlich und wirkte alles andere als unglücklich, als er ihnen einen Tisch direkt am Kamin zuwies.

„Besten Dank, guter Mann“, meinte die Priesterin leise, bevor sie sich direkt neben der Feuerstelle niederließ, sich endlich von den Handschuhen und dann auch von der traditionellen Filzkappe ihres Standes trennte. Trautmann war nicht sicher, ob sich das gehörte, aber er sah, dass sich das Teil über den langen Ritt mit Feuchtigkeit vollgesogen hatte. Es war vermutlich nicht angenehm zu tragen.

Der Wirt wartete, bis sein zweiter Gast sich auch niedergelassen hatte und legte seine Stirn dann fragend in Falten. „Was darf ich Euch beiden sonst fürs leibliche Wohl bringen lassen?“

„Ich schätze, heißer Met wäre nicht schlecht“, sah sich Assunta zu sagen gezwungen, denn der Mann blickte erneut sie und nicht Trautmann an. „Und darüber hinaus ... habt Ihr Eintopf?“

Der Wirt zählte gleich mehrere Eintöpfe auf und hängte dann noch eine Liste weiterer Speisen an. Vielleicht, weil es ihm unangemessen schien, dass eine Praios-Geweihte und ihr offensichtlich adeliger Begleiter mit dem simpelsten Gericht Vorlieb nehmen wollten, das es bei ihm gab. Nachdem er geendet hatte, sah er Assunta fragend an und die gab die Frage an Trautmann weiter, indem sie ihren Blick auf ihn richtete.

„Beim Met schließe ich mich ihrer Gnaden gerne an“, handelte dieser die Frage nach den Getränken ab. „Was den Eintopf angeht. Der Fischeintopf hört sich gut an.“

„Eine ausgezeichnete Wahl, Hoher Herr. Zweimal Fischeintopf aus frischen Fischen direkt aus dem nahen Vierlehensee.“ Mit einem breiten Lächeln und einer angedeuteten Verbeugung entfernte sich der Wirt dann wieder von ihrem Tisch.

Trautmann blickte dem klein gewachsenen Mann noch einen Moment lang nach, dann wandte er sich wieder der Geweihten zu. „Ein netter Kerl“, bemerkte er schmal lächelnd. „Ist auch mein erstes Mal hier in diesem Haus. Weiter oben ...", der Gugelforster wies vage gen Firun, „... befindet sich die Baronsburg. Nordhag ist mit Sicherheit das schlagende Herz der Grafschaft und untersteht seit einigen Jahren direkt dem Grafen.“

Einige Herzschläge lang blickte er Assunta aus großen Augen an und sie konnte fühlen, dass ihm eine Frage auf der Zunge brannte. Der Junker focht innerlich einen Kampf gegen seine Neugier, den er schließlich verlieren sollte. „Ihr habt mir in Anderath erzählt, dass Eure Wiege in Drachenstein stand. Ich hoffe Ihr vergebt mir meine Frage, aber wurdet Ihr gemein geboren oder seid Ihr von adeliger Abstammung?“

Assunta hatte den inneren Kampf des Junkers mit Interesse verfolgt, ohne ihn vorzeitig zu beenden, indem sie selbst das Wort ergriff. Stattdessen war sie dazu übergegangen, ihre offenbar noch immer klammen Finger zu massieren und sah ihn geduldig an. Nachdem der Gugelforster seine Frage ausgesprochen hatte, schien es für einen Moment, als würde sie diese Entscheidung bereuen. Der Zweifel verflog jedoch rasch wieder und wich der vorbehaltlos freundlichen Miene, die sie vorher schon gezeigt hatte. Vielleicht wollte sie ihm nicht noch einmal vor den Kopf stoßen. Vielleicht hatte sie auch einfach nur entschieden, dass es im Grunde keinen Anlass für Zweifel gab.

„Ich vergebe Euch die Frage“, meinte die Geweihte leichthin und nickte sacht, ehe sie ein schlichtes „Ich bin von Adel“ ergänzte. Erst machte es den Anschein, als wolle sie es nicht dabei belassen, sondern die Sache noch ein bisschen weiter ausführen. Doch dann entschied sie sich um, neigte nur den Kopf leicht zur Seite und sah Trautmann aufmerksam an. Offenbar wollte sie ihm die Entscheidung überlassen, wie tief dieses Gespräch ins Detail gehen sollte.

Es gab jedoch auf die Schnelle keine weitere Vertiefung. Der Junker schien immer noch etwas verunsichert ob der Fettnäpfchen, in welche er vor einigen Tagen in Anderath getreten war. Deshalb beließ er es bei einem lächelnden Nicken und nahm sich vor, das Thema zu wechseln. Als letzte Rettung, also bevor sein Schweigen unangenehm lang werden konnte, kam eine der Schankmägde mit dem georderten Met an ihren Tisch. Als die beiden Tonkrüge abgestellt waren, griff Trautmann nach dem seinen und hob ihn prostend in die Höhe.

„Auf die Götter, Praios und Travia ihnen voran“, hob er an. „Und auf unsere zukünftigen Aufgaben.“ Assunta hob ihren Krug ebenfalls und nickte bestätigend, als der Trinkspruch fertig ausgebracht war. „So sei es“, meinte sie, ehe sie das Gefäß an ihre Lippen führte.

Auch der Gugelforster nahm einen Schluck – zu großzügig, denn er verbrannte sich die Zunge, ließ sich aber davon äußerlich nichts anmerken. Innerlich schalt und ermahnte er sich, mit dieser unmöglichen Narretei aufzuhören. Immerhin fürchtete er sich inzwischen schon davor, im Ansehen der Geweihten zu sinken. Die Pannen und unüberlegten Äußerungen in ihrem Beisein wurden mehr  und es wurde seiner Meinung nach zu einem Problem. Dazu kamen immer öfter aufkeimende und unangebrachte Gedanken – so auch der Nachhall auf ihre Aussage, sie sei von Adel.

Ein Teil von Trautmann wollte die Geweihe sofort mit einer Vielzahl von weiteren Fragen löchern, ein wiederum anderer – wohl die Stimme der Vernunft – mahnte, dies sein zu lassen. So war es abermals ein Kampf, der in ihm tobte, und den er für dieses Mal beiseiteschieben konnte, ohne dass sein Gemüt oder seine Ausstrahlung Schaden nahmen.

„Die hiesige Baronin ...“, nahm er dann im bereits bekannten Plauderton einen vergangenen Faden wieder auf, „... Hochwürden Heliopais meinte ja,  dass Gesprächsbedarf zwischen der Kirche und Leud ... äh ... Ihrer Hochgeboren besteht. Sie hätte eine ehemalige Ordensburg nicht ohne Rücksprache mit der Gemeinschaft des Lichts vergeben dürfen.“ Kurz schien es Assunta, als spräche Sorge aus ihm. „Gilt das auch, wenn die Burg in Vergessenheit geraten war, man sie nicht einmal mehr in Trallop kannte und sie durch Gefolgsleute der Baronin befreit wurde?“

„Dass niemand mehr von der Burg wusste, bedeutet nicht zwingend, dass es seinerzeit eine Dereliktion gab“, meinte Assunta, nachdem sie Trautmann einen Augenblick lang überrascht angesehen hatte. Ihr war offenbar nicht bekannt gewesen, dass Heliopais dieses Problem ihm gegenüber bereits erwähnt hatte. „Eher legt es den Schluss nahe, dass die Eigentumsverhältnisse ungeklärt waren – und weiter sind, denn es hat sich ja bisher niemand die Mühe gemacht, Nachforschungen in diese Richtung anzustellen. Stattdessen wurde Lichtwacht unverzüglich als Junkergut vergeben, obwohl Ihre Hochgeboren zum Zeitpunkt der Belehnung bereits wusste, dass es sich um einen alten Standort des Bannstrahl-Ordens handelt. Möglicherweise wurde das Land jedoch von einem ihrer Vorgänger dauerhaft der Kirche gestiftet und sie hat sich mit ihrem Handeln nun in Widerspruch zu altem Recht gesetzt.“

Assunta runzelte die Stirn und nippte an ihrem Met, bevor sie Trautmann prüfend musterte. Sie schien abermals Anhaltspunkte für Sorge zu erkennen und versuchte daher, den folgenden Worten ein bisschen was von ihrer Schärfe zu nehmen, indem sie freundlich lächelte: „Ob sie das Lehn auf keinen Fall ohne Rücksprache mit der Gemeinschaft des Lichts hätte vergeben dürfen, vermag ich aus dem Stegreif nicht zu beurteilen. Dazu weiß ich noch zu wenig. Ich kann aber mit Gewissheit sagen, dass es ihr gut zu Gesicht gestanden hätte, das Gespräch zu suchen. So wie die Dinge jetzt liegen, wirkt es, als sei ihr die Haltung der Kirche zu dieser Sache egal. Und als sei sie der Meinung, keine Rücksicht auf etwaige juristische Probleme nehmen zu müssen.“

Während sie sprach, hatte die Praioranerin ihren Krug wieder auf den Tisch gestellt und beide Hände fest darum gelegt. Wohl um von der Wärme zu profitieren, die er ausstrahlte. „Man könnte sagen, dass sie die Kirche des Götterfürsten brüskiert hat. So was führt gemeinhin nicht zu erhöhter Gesprächsbereitschaft und auch nicht zu einem bereitwilligeren Entgegenkommen, wenn verhandelt oder nachgebessert werden muss.“

Der Junker hatte die Worte der Geweihten zuletzt regungslos zur Kenntnis genommen. Er bedachte sein Gegenüber mit einem milden Blick, nur um einige Herzschläge später seine Stirn zu runzeln. „Möglicherweise wurde es der Gemeinschaft des Lichts dauerhaft gestiftet“, Trautmann hob seine Schultern. Seine Stimme klang ruhig und beherrscht. „Das wissen wir zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht und ließ sich aus den Unterlagen, die geprüft wurden, nicht erschließen. Wir wissen auch nicht, wer die Burg wann errichtet hat.“

Der Gugelforster machte eine bedeutungsschwere Pause, nahm einen Schluck aus seinem Krug und fuhr dann fort. „Es könnte der Orden vom Bannstrahl gewesen sein, ja, sie könnte aber auch von jemand anderen errichtet worden sein. Was wir jedoch wissen ist, dass die Anlage 600 Jahre leer stand und in Vergessenheit geriet.“ Trautmann stellte seinen Krug auf den Tisch und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. „Es wäre interessant, wie Ihr das als Rechtskundige auslegt. Ab wann verliert man das Recht an einer Sache? Ab wann ... ersitzt ... ein anderer das Recht an etwas Vergessenem?“ Er lächelte und machte eine abwehrende Handbewegung. „Ich bin kein Gelehrter oder Ordensmann. Ich weiß nur, dass nicht nur Leudane, sondern auch der Rentgraf sich dieser Sache damals angenommen haben, und ich kann mir nicht vorstellen, dass man die Kirche des Götterfürsten schädigen oder umgehen wollte. Mehr weiß ich dazu leider nicht.“

„Nun, das hängt unter anderem davon ab, ob es sich bei dem in Vergessenheit geratenen Etwas um eine bewegliche Sache oder um ein Stück Land – sei es nun bebaut oder unbebaut – handelt. Und davon, was in den Codices und Urbarien von weltlichen Herrschern wie Kirche verzeichnet ist. Sollten Letztere nicht vorhanden sein, wird es kompliziert“, meinte Assunta, ohne groß zu überlegen. „Ihr habt Euren Finger da auf einen interessanten Punkt gelegt: 600 Jahre lang hat niemand so recht von der Burg Notiz genommen: weder die Nordhager Barone noch die Gemeinschaft des Lichts. Es war also faktisch niemand da, um das Land zu ersitzen. Außer Euch in den letzten Monden – und diesbezüglich kann ich Euch sagen, dass ein, zwei Götterläufe dafür bei weitem nicht ...“

Assunta stockte, überlegte kurz und sah Trautmann dann nahezu erschrocken an. Schwer zu sagen, ob irgendein Zucken in seinem Gesicht ihr Anhaltspunkte dafür geliefert hatte, dass er die Sache vielleicht doch nicht auf die ganz so leichte Schulter nahm, oder ob sie von allein darauf gekommen war, dass es hier ja um sein Gut und damit letztlich auch um seine Zukunft ging. In jedem Falle starrte sie einen Moment mit leerem Blick und stieß dann auf jener bereits in Anderath vernommenen Sprache – Bosparano war es wohl – etwas aus, das von der Betonung her verdächtig nach Fluch klang. Schließlich schloss sie kurz die Augen und holte tief Luft.

„Bitte entschuldigt, Trautmann! Ich habe nicht nachgedacht. Ihr habt mir eine ... Fachfrage gestellt und auf so was reagiere ich gern mit dem ungeprüften Abspulen einstudierten Wissens. Lasst mich eines geraderücken: Ich habe zwar den Auftrag, mit Ihrer Hochgeboren zu reden, aber ich soll kein Land von ihr fordern, sondern ihr lediglich klarmachen, dass die Kirche des Götterfürsten es nicht schätzt, in dieser Frage übergangen worden zu sein. Es wäre der rechte Weg gewesen, uns zumindest in Kenntnis zu setzen. Gleich, was daraus erwächst. Letzen Endes wäre dadurch mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zumindest ausgeschlossen worden, dass Ihr und Eure Diener über Monde hinweg einer potenziellen Gefahr ausgesetzt seid.“

Sie räusperte sich leise, umfasste ihren Krug noch ein bisschen fester und mühte sich an einem Lächeln ab: „Die Gemeinschaft des Lichts hat in Weiden keinen leichten Stand, das wisst Ihr. Wir nehmen hier vieles hin, was in anderen Provinzen des Mittelreichs als undenkbarer Affront gewertet würde. Aber wir können uns nicht alles gefallen lassen – ohne wenigstens einen vernehmbaren Protest zu formulieren. Sonst würden wir ganz in der Bedeutungslosigkeit versinken und letztlich wohl von niemandem mehr ernst genommen werden. Ich unterstelle nicht, dass Ihre Hochgeboren oder der Rentgraf die Praios-Kirche schädigen oder umgehen wollten. Vermutlich haben sie einfach nicht an uns gedacht. Allein, macht es das wirklich besser?“

Trautmann hatte seinen skeptischen Gesichtsausdruck immer noch nicht gänzlich abgelegt. Insgeheim hatte er noch eine ganze Reihe an Fragen.  Das Vergessen der Burg in etwa – nur weil auch die Barone von Nordhag sich nicht darum gekümmert hatten hieß das doch nicht, dass sie keinen  Anspruch auf ein Gemäuer auf ihrem Land hatten, nur weil es vor über 600 Jahren eine Schenkung gab. Der Junker wollte nicht, dass Leudane und ihr Vater deswegen nun in Erklärungsnotstand gerieten. Er war der festen Überzeugung, dass Leudane und ihr Vater das Lehen nicht vergeben hätten,  bestünden irgendwelche Zweifel daran, dass sie dazu befugt waren.
 
„Da Ihr sowieso mit der Baronin sprechen wollt, solltet Ihr Eure Bedenken Leudane gegenüber ansprechen.“ Er hob seine Schultern. „Ich denke nicht, dass es mir zusteht, hier in ihrem Namen zu sprechen.“

Nachdem das gesagt war, warf Assunta Trautmann einen irritierten Blick zu. Sie schien mit seinen Worten erst gar nichts anfangen zu können und schüttelte dann den Kopf. Sacht, aber doch mit Nachdruck. Im Nu hatten sich auch auf ihrer Stirn Falten gebildet und sie biss die Zähne fest zusammen, sodass es erst aussah, als wolle sie sich gar nicht äußern. Schließlich meinte sie jedoch in einem deutlich nüchterneren Tonfall als zuvor: „Darum habe ich auch nicht gebeten, Trautmann, und das aus gutem Grund. Ich habe Euch erst eine Frage beantwortet und dann versucht, einen falschen Eindruck aus der Welt zu schaffen, den ich offenbar erweckt hatte.“ Sie überlegte kurz und fügte dann gleichmütig an: „Den letzten Teil der Rede hätte ich mir sparen können, ohne Zweifel. So was denkt man und spricht es nicht aus. Beim nächsten Mal halte ich es so. Das sei gelobt.“

Trautmann zögerte kurz, bevor er die Stimme wieder hob, und fast schien es der Lichtbringerin, als wolle er seine kommenden Worte besonders genau abwägen. „Ich für mich möchte nicht, dass die Gemeinschaft des Lichts hier in der Bedeutungslosigkeit versinkt. Ich mag zwar nur Junker der Burg sein, die früher einmal vom Orden des Bannstrahls gehörte, und eben kein Ordensmitglied, aber es war mir vom ersten Moment an klar, dass ich Burg und Kapelle wieder aufbauen möchte, um dem Götterfürsten hier wieder eine Heimat zu geben. Sein Licht soll den gebeutelten  Menschen im Schatten des Finsterkamms Trost und Kraft spenden.“ Auch  wenn der Gugelforster bis jetzt wenig bis gar keine Erfahrungen mit der Kirche des Praios gemacht hatte, konnte Assunta ganz klar erkennen, dass  er seine Worte ernst meinte.

Dennoch wirkte ihr Blick irgendwie kritisch, als sie Trautmann nach Beendigung seiner Rede musterte. Ohne ein Wort zu sagen, wohlgemerkt. Als sei sie zu beschäftigt damit, seine Gedanken erraten zu wollen. Das Schweigen drohte abermals unangenehm zu werden – und abermals war es die Schankmagd, die die Situation rettete, indem sie an ihren Tisch herantrat. Diesmal, um zwei dampfende Teller Eintopf und ein Körbchen Brot vor ihnen abzustellen. Mit einem gutgelaunten „Wohlschmecken!“ nickte sie ihnen hernach zu und war dann auch schon wieder verschwunden. Assunta fackelte nicht lange, sondern zog ihren Teller zu sich heran, sog den Duft des guten Essens ein und gab ebenfalls ein „Wohlschmecken!“ von sich, ehe sie zum Löffel griff.

Das Schweigen danach war nicht ganz so unangenehm, schließlich aßen sie und waren damit hinreichend beschäftigt. Das diente als tragfähiger Vorwand, bis vom Eintopf so gut wie nichts mehr übrig war und Assunta begann, die Reste ihres Essens mit Brot aus dem Teller zu kratzen. Ihr Blick ging dabei erst in weite Ferne – und richtete sich endlich wieder auf Trautmann.

„Ich will unseren Aufenthalt hier nutzen und Frau Leudane um ein Gespräch ersuchen“, meinte sie  ansatzlos. „Ich will sie aber nicht überfallen, sondern ihr Zeit geben, sich vorzubereiten. Ich habe mich gefragt, wie ich es am besten anstelle. Mir scheint, als würde sich ein Brief empfehlen und in Gareth oder Rommilys hätte ich damit auch nicht gezögert ...“ Sie hielt inne und zog die Brauen zusammen, schien gedanklich in aller Kürze irgendein Problem zu erörtern, bevor sie noch einmal anhob: „Ihr kennt die Baronin besser als ich. Also sagt mir: Ist das ein gangbarer Weg, oder würdet Ihr etwas anderes empfehlen?“

„Den direkten“, antwortete der Junker knapp. Von seinen Zügen war nun alle Skepsis verschwunden und es zeigte sich ein schmales Lächeln, welches jedoch weniger seinem Gegenüber und mehr dem leeren Teller vor ihm galt. Der Ritter hatte selten einen so guten Eintopf gegessen. „Leudane schätzt das direkte Wort. Ich würde vorschlagen, dass wir – wenn wir schon in der Stadt sind und angenommen sie ist zugegen – das gleich morgen abhandeln.“ Daraufhin richtete Trautmann seinen sanften Blick wieder auf die Lichtbringerin. „Wenn Ihr möchtet, stelle ich den Kontakt her. Ich möchte sie sowieso über die Fortschritte auf Lichtwacht in Kenntnis setzen.“

Abermals verfiel er in ein grüblerisches Schweigen. Er sorgte sich über das anstehende Gespräch zwischen Leudane und Assunta. Nicht nur, weil er im Gefühl hatte, dass hier so einiges an Konfliktpotenzial zwischen der Gemeinschaft des Lichts und der Baronin von Nordhag lag, sondern auch, weil er sich über kurz oder lang für seine eigenen Fehler würde verantworten müssen. Viel früher hätte er einen Tempel des Götterfürsten konsultieren müssen, hätte sich nicht auf ihre Gnaden Greifhild verlassen dürfen und seine Schutzbefohlenen nicht auf der Burg leben lassen dürfen, von der vielleicht immer noch einiges an Gefahr ausging.

Neben dem Trutzer war die gebürtige Sichlerin ebenfalls in Schweigen versunken. Auch ihre Miene wirkte grüblerisch – verriet sogar leichtes Unbehagen, das aber an ihrem Begleiter vorbei ging, weil er just keine Augen für sie hatte. Assunta legte die Hände wieder um den Metkrug und starrte nachdenklich auf dessen zur Neige gegangenen Inhalt.

„Ich dachte mir schon, dass Ihr so was sagen werdet“, meinte sie nach einer ganzen Weile. „Ich denke außerdem, es wäre besser, ich würde mir erst einmal ein Bild von Lichtwacht machen. Beides lässt sich schwerlich miteinander vereinbaren, also muss ich mich auf Euer Urteil verlassen.“ Sie sah weiter in den Krug, während sie sprach. „Wie stehen die Chancen, dass Frau Leudane uns empfängt, wenn wir ganz ohne Vorankündigung bei Ihr auftauchen? Und: Ist das hier so üblich? Es erscheint mir unziemlich. Ich würde es als Gebot der Höflichkeit und der Etikette begreifen, ein förmliches Ersuchen vorauszuschicken.“

Trautmann verstand die Frage nicht und blinzelte irritiert. Er hatte Leudane als einen sehr unkomplizierten Menschen kennengelernt. Lange Jahre war die Baronin eine einfache Ritterin im Dienste der Herzogin gewesen. Sie wuchs nicht in der Gewissheit auf, einmal herrschen zu müssen- Ihre Erhebung in den Hochadel kam für die Finsterkammerin unverhofft und es war vor allem ihr Vater, der Rentgraf Arwulf von Finsterkamm, gewesen, der ihre Ansprüche auf den damals vakanten Thron zu Nordhag durchsetzen wollte. Leudane war standesbewusst,  aber sie stellte sich selbst nicht über die Dinge. Sie war eine rondragläubige Frau, die ihren Aufgaben stets auch mit firungefälligem Ernst wahrnahm und sich der Wichtigkeit und Dringlichkeit betreffend Lichtwacht wohl bewusst sein würde. Noch dazu konnten sie einander gut leiden.

„So sie auf ihrer Burg weilt und etwas Zeit entbehren kann, wird sie uns empfangen“, bemerkte der Junker. Vor dem Essen hatte er noch Probleme damit gehabt, Ansagen im Namen seiner Baronin zu machen – in diesem Fall schien ihm das jedoch leicht von der Hand zu gehen. „Aber wenn Ihr Euch erst  auf der Burg umsehen möchtet, dann verstehe ich das.“ Der Gugelforster lächelte freundlich. „Ich richte mich da ganz nach Euch.“

„Ein Tagesritt bis nach Lichtwacht habt Ihr gesagt, nicht wahr?“, Assunta löste den Blick schließlich doch wieder vom Metkrug, um Trautmann fragend anzusehen. „Und Ihr würdet keine Eurer Pflichten als Vasall verletzen, wenn Ihr jetzt sofort nach Hause reitet, statt Eurer Herrin erst einmal darüber zu berichten, was sich in den vergangenen Monden auf der Burg zugetragen hat? Oder darüber, was Ihr für die kommenden erwartet?“

Der Junker legte den Kopf erst schief und schüttelte ihn dann leicht. „Nein, ich gebe Ihr regelmäßig Bescheid, aber nicht ständig. Wäre dem so, hätte sie sich ja selbst um die Burg kümmern können und sie nicht an einen Gefolgsmann vergeben müssen. Ich denke, dass mir die Baronin so weit vertraut.“ Trautmann griff nach seinem Krug und nahm einen Schluck vom Met. „Es war mit ihr abgesprochen, dass ich den Tempel zu Trallop konsultiere, von wo man mich ja dann unter anderem an den Euren Heimattempel verwiesen hat.“ Der Gugelforster stellte den Krug vor sich auf den Tisch und fuhr sich dann durch seinen inzwischen trockenen Haarschopf. Eine Geste, die zum gegenwärtigen Zeitpunkt fast wie ein Ausdruck der Verlegenheit wirkte.  Irgendetwas bereitete ihm allem Anschein nach Unbehagen.

„Es ist ein Tagesritt“, wechselte er dann jedoch elegant das Thema. „Wobei ‚Ritt‘ vielleicht etwas irreführend ist. Wir werden das letzte Stück zu Fuß bestreiten müssen, mit den Pferden am Strick. Gerade jetzt, wo der Boden nass und tief ist, wird uns das noch zusätzlich etwas Zeit kosten.“

„Ja, ich weiß. Das hattet Ihr bereits erwähnt“, antwortete Assunta auf den letzten Teil von Trautmann Rede. Sie hatte ihm also zugehört, auch verstanden, was er sagte, und schien nach wie vor keine Angst vor dem Fußmarsch zu haben. Es war jedoch ziemlich offensichtlich, dass der Part mit dem Reiseweg sie nicht so sehr interessierte wie das, was davor gesagt worden – oder vielmehr: passiert – war. Die verlegene Geste des Trutzers hatte sie aufmerksam verfolgt und ihn danach nicht mehr aus den Augen gelassen. Offenbar war sie nicht so leicht in die Irre zu führen, und mochte das Ablenkungsmanöver noch so elegant sein.

„Stimmt etwas nicht, Trautmann?“, fragte sie denn schließlich auch, satt sich weiter mit dem bevorstehenden letzten Wegstück zu befassen.

Der Gugelforster spielte mit dem Gedanken, sich mit einem ausweichenden Kommentar gegen die Frage zu wehren, entschied jedoch schon nach einem kurzen Augenblick, stattdessen mit offenen Karten zu spielen. Es wäre sinnlos gewesen, der Lichtbringerin, die nun für einige Zeit auf seiner Burg leben und ihm mit deren Reinigung behilflich sein würde, unaufrichtig zu begegnen.

„Ich habe seit ich auf Lichtwacht eingezogen bin einige Fehler gemacht“, eröffnete Trautmann mit etwas leiserer Stimme als gewohnt. „Ich habe Menschen ... Schutzbefohlene ... zu mir auf die Burg geholt, ohne vorher sichergegangen zu sein, dass von den Gemäuern keine Gefahr mehr ausgeht. Auch habe ich mich zu spät an die Gemeinschaft des Lichts gewandt und als ich es tat, konsultierte ich in Greifhild Fälklin nicht die kompetente Hilfe, die es gebraucht hatte.“

Er hatte dies bereits alles der Anderather Hochgeweihten Heliopais erzählt, doch sollte auch Assunta von seinen Verfehlungen wissen. Verfehlungen, die für ihn ja erst bei dem Gespräch im Tempel als solche erkennbar geworden waren. Davor war der Junker der Meinung gewesen, sich stets richtig verhalten zu haben.

„Ich habe deshalb die Sorge, dass ich meinen Pflichten als Lehnsnehmer nicht nachgekommen bin“, schloss er nach einigen Momenten des Grübelns.

„Eurer Baronin gegenüber, meint Ihr? Nach weltlichen Maßstäben?“, Assunta hielt inne, bis Trautmann ihr mit einem Nicken zu verstehen gegeben hatte, dass er genau das meinte. Dann spiegelte sie sein Nicken und ging kurz in sich. Nach allem, was der Trutzer schon über seine Begleiterin gelernt hatte, vermutete er, dass sie darüber nachdachte, was auf seine Worte am besten zu erwidern sei. Rasche Urteile oder Ratschläge waren das ihre nicht. Für eine Dienerin des Götterfürsten erschien ihm das eher ungewöhnlich. Allerdings kannte er sich mit denen ja auch nicht aus. Also mochte es sein, dass er bisher einem weit verbreiteten Trugschluss aufgesessen war.

„Ihr habt Euch an eine Geweihte des Himmelkönigs gewandt und um Rat gebeten. Es mag spät gewesen sein, aber Ihr habt es getan“, meinte sie schließlich bedächtig. „Es war die einzige Euch bekannte Lichtbringerin in der Heldentrutz und die Wahl somit naheliegend. Dass die Kunde von Lichtwacht und den schwierigen Verhältnissen dort nie bis nach Anderath vorgedrungen ist, war nicht Euer Versagen, sondern das meiner Schwester im Glauben und somit letztlich meiner Kirche. Über die fragwürdige Rolle des Hesindianders, der Euch offenbar ohne genaue Anweisungen hinsichtlich des weiteren Vorgehens zurückgelassen hat, mag ich gar nicht reden. Fakt ist, dass Ihr Euch in dieser Hinsicht nichts vorzuwerfen habt.“

Assunta schenkte Trautmann ein ermutigendes Lächeln, gönnte sich einen Schluck Met und fuhr danach ohne Zögern fort: „Was die Gefährlichkeit der Situation betrifft, der Ihr Eure Bediensteten ausgesetzt habt, so ist diese noch nicht beurteilt. Hochwürden und ich können bislang allenfalls vermuten, dass etwas von dem Fluch, der – soweit es uns bekannt ist –  600 Jahre lang auf dem Gemäuer lag, nachklingt. Es ist eine Möglichkeit und nicht unwahrscheinlich, aber es kann sich auch ganz anders verhalten. Insofern sind Selbstvorwürfe zwar verständlich, aber übertreibt es damit nicht. Wartet ab, bis ich Euch sagen kann, welche Schwere angemessen wäre.“

Trautmann war sich nicht sicher, ob die letzte Bemerkung so etwas wie ein Witz sein sollte. Der Humor von Geweihten war bisweilen etwas gewöhnungsbedürftig, das kannte er von seiner Mutter. Aber Assunta war ihm einfach zu fremd, um das beurteilen zu können. Es war noch damit beschäftigt, die kleinen Fältchen rund um ihre Augen zu studieren und daraus schlau werden zu wollen, als sie ihre Stimme wieder hob:

„Auch aus dem Grund würde ich vorschlagen, dass wir zunächst nach Lichtwacht gehen und danach erst zu Eurer Baronin. Wenn ich einen Blick auf die Sache geworfen und tiefere Erkenntnisse gewonnen habe, können wir Frau Leudane beide ein runderes Bild vermitteln.“ Die Lichtbringerin hielt noch einmal inne und schien ihre eigenen Worte gedanklich zu überprüfen. Schließlich nickte sie abermals und sah Trautmann fragend an: „Was meint Ihr?“

Kurz ließ der Junker noch seine Schultern hängen, dann zeigte sich ein dankbares Lächeln auf seinen Lippen. „Wisst Ihr, ich habe den Wohnturm von Geweihten der Eidmutter segnen lassen. Ich dachte, dass dies die Gefahr für die Bewohner aufhebt. Nur meinte Hochwürden, dass dies wohl eine falsche Annahme war ...“

„Die Angelegenheit ist diffizil“, diesmal dachte Assunta nur kurz nach, ehe sie zu einer Antwort ansetzte. „Selbstverständlich kann der Segen eines Traviageweihten einem Heim und seinen Bewohnern Schutz bieten – vor vielen verschiedenen Gefahren, aber leider nicht vor allen zugleich und insbesondere nicht bis in alle Ewigkeit. Soweit ich es verstanden habe, war bisher niemand da, um die Segnung zu erneuern? Also ist es wahrscheinlich, dass ihr mittlerweile ohne den speziellen Schutz der Eidmutter dasteht. Und wenn es ihn doch noch geben sollte, bezieht er sich vermutlich auf einen einzelnen Raum, allerhöchstens aber auf den gesamten Wohnturm, was bedeuten würde, dass die Bewohner ungeschützt sind, sobald sie diesen verlassen.“

Die Praioranerin überlegte und hob dann die Schultern: „Bis jetzt scheint euch ja nichts widerfahren zu sein, also stellt sich die Lage vielleicht nicht so dramatisch dar, wie wir zunächst befürchtet hatten. Gleich wie: Auch ich kann für einen begrenzte Zeitraum Schutz erbitten – vom Gleißenden. Wenn sich erweisen sollte, dass dieser länger nötig ist, werde ich ihn beizeiten erneuern. Wenn nicht: umso besser. Wir werden es demnächst hoffentlich wissen.“    

Trautmann hob die Schultern und machte dann eine leichte, wegwerfende Handbewegung – ganz so, als wolle er damit das Thema vom Tisch vertreiben. „Ich denke, dass Ihr recht habt. Wir sollten morgen früh aufbrechen, damit wir es bis Sonnenuntergang zu Burg schaffen.“ Trotz der wohlig warmen Temperatur im Schankraum lief ihm bei dem Gedanken ein kalter Schauer über den Rücken. „Ich hoffe nur, dass das Wetter uns morgen gewogen ist", ergänzte er.

Der Gugelforster wusste, dass ein neuerlicher regnerischer Tag ihre Ankunft morgen gefährden würde und es von hier bis nach Lichtwacht nicht viele Möglichkeiten für sichere Übernachtungen gab. Am ehesten noch den Rabenfelsen, doch wusste der Ritter gar nicht, ob dieser zurzeit besetzt war. Auch lag der alte Wehrturm näher an Nordhag denn an Lichtwacht – es müsste sich deshalb schon recht früh abzeichnen, dass sie nicht schnell genug vorankamen. In der Wildnis würde Trautmann nicht wirklich übernachten wollen.

Das abermalige Erscheinen der Schankmaid, gepaart mit den Gedanken an Wanderungen im Regen, ließen in ihm noch einmal den Wunsch nach einem Bad hochkommen. Mit knappen Worten bestellte er einen Holzzuber mit warmem Wasser, nur um dann fragend seinen Blick auf Assunta zu richten. „Ich würde Euch natürlich den Vortritt lassen, wenn Euch der Sinn nach einem Bad steht?“

„Ja“, die Lichtbringerin nickte, als Trautmann Interesse abfragte. „Das Angebot nehme ich gern an. Ich bin ziemlich durchgefroren und denke, das würde helfen, die Kälte aus meinen Gliedern zu vertreiben sowie für die nötige Bettschwere zu sorgen. Für das letzte Stück des Weges sollten wir gut ausgeschlafen sein, nehme ich an?“

Trautmann nickte ihr knapp zu und seine Lippen umspielte ein schmales Lächeln. „Ja, das sollten wir. Und ich muss Euch leider sagen, dass Ihr die nächste Zeit auch nicht so bequem schlafen werdet wie hier. Genießt es.“ Der Blick des Junkers ging zu jener Tür, durch welcher die Schankmaid verschwunden war, die nun das Bad bereiten ließ. „Ich bezahle Essen und Bad und kümmere mich derweil um die Zimmer. Wir sehen uns morgen früh zur Hesindestunde. Ruht wohl.“

Trautmann verabschiedete sich mit einer einfachen Verbeugung für die Nacht, beglich die Zeche am Tresen und ging dann noch etwas ins Freie. Der Regen hatte inzwischen aufgehört und hinterließ angenehme kühle und klare Luft. Der Junker ließ sich noch einmal die vergangenen Tage durch den Kopf gehen – seine Sorge, er sei ein schlechter Lehnsnehmer, die Angst um seine Schutzbefohlenen nahe einem womöglich verfluchten Ort, das Interesse an der Person Assuntas.

Jene Gedanken ablösend sann er auch über das nach, was nun kommen würde. An die alte zugige Burg am Hang eines Ausläufers des Finsterkamms, an den Fluch, die Kapelle, die Koschbasaltkammer, den Kerker ... er hatte kurz mit dem Gedanken gespielt, den wertvollen Basalt zu versilbern, um so den Wiederaufbau des Guts finanzieren zu können. Ihre Gnaden Greifhild sprach sich jedoch dagegen aus und der Gugelforster überlegte kurz, was wohl Assunta wohl dazu sagen würde. Es wäre ihm nämlich im höchsten Maße unangenehm gewesen, als Bittsteller Klinken putzen zu gehen.

Leudane gewährte ihm nicht viel Hilfe und er hätte es auch als peinlich empfunden, sie danach zu fragen. Ein Lehnsnehmer, der den Lehnsgeber stets um Gold oder anderes Unterstützung bitten musste, gab seiner Meinung nach einfach kein gutes Bild ab. Seine Base Gwidûhenna gab ihm schon zu viel. Ohne sie wäre ein Leben auf Lichtwacht wohl nicht möglich gewesen. Schon recht bald wollte sie ihm nach Absprache mit Leudane gut drei Dutzend Menschen aus Weidenhag senden, die freiwillig den Weg in den Schatten des Finsterkamms antraten, um sich dort etwas aufzubauen. Auch gab sie ihm die selbe Anzahl Milchschafe mit, um eine Versorgung eben jener Menschen sicherzustellen.

So verflog die Zeit, bis die Magd Trautmann in die Waschkammer bat. Dort ließ er sich in das bereits etwas abgekühlte Wasser des Zubers sinken und musste schon einen Kampf mit der Schwere seiner Augenlider fechten. Eine Auseinandersetzung, die er schon recht bald verlieren sollte.

am nächsten Morgen ...

Trautmann war früh aufgestanden und kümmerte sich bereits weit vor dem Aufgang des Praiosauges darum, die Pferde auf ihr letztes Wegstück vorzubereiten. Es war für die Jahreszeit immer noch kühl und der pfeifende Augrimmer tat sein Übriges dazu. Deshalb waren die Wangen des Junkers von Lichtwacht leicht gerötet, als er wieder in die Schankstube trat, in der er Assunta bereits vorzufinden hoffte.

Er wusste, dass die Geweihte ebenfalls immer sehr früh auf den Beinen war, um das erste Licht des Tages mit einem stillen Gebet zu begrüßen. Allerdings dauerte dieses Ritual unterschiedlich lange, sodass er nie sicher sein konnte, wann sie für ihn ansprechbar sein würde. Genauso wenig, wie er jetzt sicher war, ob er sie bereits in der Schenke antreffen würde, oder ob sie vielleicht noch irgendwo draußen herumsprang – wie gemeinhin bei der morgendlichen Andacht. So hatte er Assunta in den vergangenen Tagen beobachtet: auf freiem Feld, wenn es denn möglich war, das Gesicht dem aufgehenden Praiosmal zugewandt und die Augen oft lange Zeit geschlossen.

Der Gugelforster sah sich im Schankraum um, wurde aber nicht fündig. Also suchte er sich ein lauschiges Plätzchen und bereitete sich gedanklich auf eine längere Wartezeit vor. Zu der kam es dann jedoch nicht. Im Gegenteil: Just in diesem Moment bemerkte er, dass Assunta die Treppe, die zu den Schlafräumen führte, hinab stieg. Folglich sah er zuerst ihre Beine und erkannte, dass Fesseln und Unterschenkel mit ledernen Gamaschen umwickelt waren. Die wollten ebenso wenig zu der schmalen Frau passen, wie ihre klobigen Schuhe, ließen aber immerhin erkennen: Sie hatte eine vage Ahnung davon, was sie auf dem Weg nach Lichtwacht erwartete. Als gebürtige Drachensteinerin war sie ein Kind der Berge und hatte das alte Wissen offenbar nicht vergessen.

Einen Reitrock trug die Praioranerin heute nicht, sondern schlichte Hosen. Und darüber statt des fast bodenlangen Ornats ein warmes Hemd und ein schweres, samtenes Wams. Allein die tiefrote Farbe und die goldenen Stickereien des Letzteren wiesen auf ihre Profession hin – und die Kappe, die wie stets auf dem hochgesteckten Haar thronte. Assunta war mit ihrem Gepäck beladen und schien den entsetzten Blick des Wirtes gar nicht zu bemerken. In erster Linie wohl, weil ihr Augenmerk sofort auf Trautmann gefallen war. Sie lächelte und warf ihm ein aufgeräumtes „Praios zum Gruße“ entgegen. „Habt Ihr etwa schon gegessen?“

„Praios zum Gruße“, erwiderte der Junker ihren Gruß, kam der Geweihten dann geistesgegenwärtig entgegen und half ihr mit dem Gepäck. Erst als sie dieses gemeinsam hinaus getragen und auf das Packtier geschnallt hatten, ging Trautmann auf die Frage Assuntas ein. „Gegessen habe ich noch nichts. Das sollten wir beizeiten tun, damit wir aufbrechen können.“ Kurz meinte die Lichtbringerin, so etwas wie Sorge aus seiner Stimme heraushören zu können.